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Sir die SeieMend-Stnide

Unterhaltungsbeilage zur Fuldaer Zeitung Nr. 131 vom 7. Juni 1928

Fronleichnamstag.

Von E. Eckmann.

lieber die Dächer der Großstadt hinweg läuten die Glocken am Vorabend des Fronleichnamstages. Ver­künden, daß morgen der Herr und König der Welt aus fernem Tempel hinaus durch die Straßen der Stadt ziehen will. Durch diese Steinwüste, die doch einst Baum und Feld und Sand war, wie die Natur draußen. Sie rufen es laut hinein in dos Brausen der Straßen und das Gewirr der Gassen, in die Hast und die Arbeit des Tages und in den Schrei nach Luft, lieber alle diese Dächer, die soviel Schmerz und Kummer decken wie Sünde und Elend.

Ihr Schall dringt durch die schwere Luft der Fabri­ken, wie Erinnerung an Orgelklang und Harfenton.

Ach, ihr Fronleichnamstage meiner Kinderzeit! Es ist hohe Zeit, da der Frühlfng in den Sommer überge­ben will. Die ganze Jugend wird in mir lebendig, die­ser Festtag in dem kleinen Neste, das Sommers über so still verborgen in dem Meere goldener Kornfelder und seegrüner Haferstur verborgen lag. Weit, weit ab von Städten und Stadtmenschen. Nur die Zeitungen und Zeitschriften erzählen davon, Schönes und Schreck­liches, von dem man gar nicht glaubte, daß es jemals durch die Stadtmauern dieser Einsamkeit dringen könnte. Nicht in das geräumige Haus mit den getünchten Gän­gen, den weiß gescheuerten Fußböden und blau tape­zierten Staatszimmern mit den alten einfachen Möbeln und den nachgedunkelten Bildern längst verstorbener Ur- eltern. Alles duftet nach den frischen Maien draußen, welche die nüchternen Straßen in Laubgänge verwan­deln. Nach leistem Flieder und eben geschnittenem Gras für die Läufer. Ganze Wagen davon halten un­ten, mit rotem Mohn dazwischen, mit Kornraden und weißen Sternblumen. Morgen werden die Straßen damit bestreut, ehe die Prozession durchzieht mit ihren Kreuzen, Fahnen und Heiligenbildern, mit den Wachs­lichtern und den weißgekleideten Kindern.

Ich schlüpfe in den oberen Stock, wo in einem der leeren Fremdenzimmer mein »weißes Kleid sorglich aus- gebreitet über einem Bette liegt. Ein prächtiges Kleid für mein Kindergemüt, mit einer himmelblauen Seiften« fchärpe, die leise knistert, wenn man sie durch die F-n- ger zieht. Und da steht auch schon das Blumenkörb- chen daneben bereit. Ach und das Kränzchen aus künst­lichen weißen Rosen ist auch dabei! Ich probiere es heimlich schon einmal auf und betrachte mich im Spie­gel. Aber nein, es paßt gar nicht zu dem Werktags­kleid, es will Fronleichnam baden, Feststimmung.

Es wird dämmerig. Die Wagen kommen vom Felde, die Mägde schwatzen ein bißchen am rauschenden Brun­nen, aber nicht lange, alles ist in Eile. Der Schäfer treibt seine Herde heim.

Am Festmoraen weckt mich früh das Läuten der Glocken. Die Böller werden irgendwo schon probiert, Musik schallt vom Kirchturm. Das ist wahrlich kein Tag wie ein anderer!

Die Sonne scheint viel heller und festlicher vom tief­blauen Himmel. Vor der Haustür wird der Altar ge­richtet. Auf den Treppenstufen breitet sich e!n Teppich, darüber ist ein Tisch mit dem besten Damasttuche bedeckt. Schon steht das große Kruzifix darauf, Großmutters silberne Leuchter glänzen, die Blumenvasen daneben sind mit ersten weißen fiilicn gefüllt. Nun werden noch duftende Rosenblätter in Mengen über den Teppich ge­streut, Guirlanden aufgehängt. Ganz sonntagsstill ist es ringsumher, warm und köstlich.

Man glaubt im Märchen zu fein, wo es nur Schö­nes gibt und die Straßen und Häuser verwandelt sind.

Ich wage kaum zu atmen, als man mir das weiße Kleid anzieht. Ich gehe mit meinem Korbe voll Ver­gißmeinnicht und weißen Rofen hinauf zur Kirche, wo uns Weihrauchduft, Orgelschall und Lichterglanz erwar­tet. Der Priester geht beinahe gebückt unter seinem schweren, goidschimmernden Meßgewande. Silberne Schellen klingen, auf der Empore wird eine seltsam fei­erliche Messe gesungen.

Die Predigt fällt aus, es beginnt die Prozession. Ach, wie die Böller dröhnen, wie die seidenen Banner in dem linden Sommerwinde rauschen und die Musik feierlich klingt: „Großer Gott, wir loben dich!" Alle Altäre lie­gen an der Grenze des Städtchens und der Felder, wo die Fluren ihr Sommerlied hinein in die Feier fingen können. Langsam schreitet der Priester unter dem ro­ten Baldachin. Es ist ganz unwirklich, wie mir durch die Gassen ziehen, vorbei an den kleinen Häusern, von deren Giebeln die Fahnen wehen, saft hinunter bis auf die Prozession. Vor deren Fenster fromme Bilder grü­ßen, deren Türe sich in Altäre gewandelt hohen! Ta ist kein Haus, das nicht geschmückt erscheint. Wir müs­sen langlam gehen, damit die Prozession in Ordnung bleibt. Unsere jungen Herzen klopfen beinahe schmerz- haft vor Stolz und Frömmigkeit, von all den unbe­schreiblichen, nur halbbewußten Gefühlen von Entzücken und heiliger Scheu. Dann klingelt es und wir knien und neigen tief die Köpfe, der Segen schwebt über uns, daß wir ihn zu scheu meinen. Die Glocken klinge», hoch von dem hohen Kirchturm. Wir wandeln im Borhofe des Himmels.

Ach, ihr Fronleichnamstage meiner Kinderzeii! lieber den Lärm und den Dunst der Großstadt läuten die Glok- ken am Vorabend des Festes. Ihr Klang kommt durch die schwere Luft, über die Dächer und Straßen wie eine Erinnerung an Orgelklang und dunkles Harfentönen.

(Einer bleibt aus . . .

Von Hellmut Schwabe.

Immer hatte ihn das Leben mit so hartem Griffe angefaßt, daß er nie froh gewesen war. Er hatte früher oft genug versucht, sich dem großen unbegreif­lichen Willen, der ihn immer wieder in die Tiefe des Daseins zwang, zu widersetzen. Einen Erfolg konnten seine Bemühungen inbeffen nicht aufweisen, zumal er leidend wurde und den Anforderungen seiner Arbeit­geber körperlich nicht mehr entsprechen konnte. In den meisten Fällen sind die Verhältnisse stärker als der Mensch. So ließ er den Mut sinken, als ihm nichts mehr glücken wollte, und ergab sich seinem Schicksale aus Not und Krankheit. Er maß die Tiefen des Lebens: Entbehrungen, Arbeitslosigkeit und die Qual, kein Heim zu haben. Er verfiel in eine dumpfe Gelassenheit, aus der ihn nur die Not seiner Kinder emporreißen konnte.

Dann verließ er seine dürftige Behausung und bat in den Häusern der Stadt um Kleidung und Brot. Ganz allmählich überwand er den Widerwillen, das Mitleid her Menschen erwecken zu müßen. Die Not hatte sich zu tief der Züge seines Gesichts bemächtigt, als daß ihn jemand für einen Vagabunden und Bettler, der der Ar­beit aus dem Wege geht, gehalten hätte. Er befleißigte sich auch eines gesetzten Wesens und war nie aufdring­lich. Seine Bekleidung war abgetragen, aber nicht ver­nachlässigt. So kam es, daß er seine Familie vor der nacktesten Not bewahren konnte, ohne von der Bahn des Rechtes zu gleiten.

Nur hin und wieder wurde die Zeit dieser Besuche dadurch unterbrochen, daß ihn die Krankheit an das Lager fesselte. Bald kannte er die Bewohner der Mit­telstadt und beschränkte sich auf die Inanspruchnahme der

Leute, die seine Sage tatsächlich mit Mitleid erfüllte. Er kam im Vierteljahr etwa einmal, und die ihm Wohl­gesinnten hatten sich gleichsam an feinen Besuch ge­wöhnt. Man bevorzugte ihn bald vor anderen Bitt­stellern, sodaß er fast nie ohne Gabe in seine Dürftigkeit zurückkehrte.

Ein Haus betrat her seltsame Gast immer mit beson­derer Erwartung. Dort hatte er noch nie vergebens vorgesprochen. Wenn er geläutet hatte, pflegte ihm die Frau des Hauses entgegenzutreten, die von einer gleich­mäßigen Freundlichkeit war und wohl ein Herz für die Armut und eine offene Hand hatte. Oft hatte sie ihm schon ein Kleidungsstück zurückgelegt. Sie schien die güt­liche Anteilnahme als Pflicht zu empfinden. Nie hätte es der Besucher gewagt, ihr Entgegenkommen zu einer lästigen Vertraulichkeit zu mißbrauchen. Ihn erfüllte viel­mehr die schlichte Selbstverständlichkeit ihrer schenkenden Hand mit Freude. Nie war er nach feinem Namen ge­fragt, doch immer wie ein Bekannter behandelt worden. So stand der Fremde immer beglückt vor der Tür der Wohnung, die mit ihrer gediegenen Häuslichkeit für ihn eine unbekannte Welt war. Während ihm sonst die Be­suche fremder Menschen noch immer wie eine Last auf der Seele lagen, vergaß er in diesem Hause für Augen­blicke die große Schmerzlichkeit seines freudlosen Lebens.

Nach einigen Jahren blieb der Fremdling plötzlich aus. Die Frau jenes Hauses bewahrte ihm in übereilter Güte noch immer Kleidungsstücke auf. Sie konnte es nicht begreifen, daß dieser stille, namenlose Gast nicht wiederkehren sollte. Die ihm zugedachten Gaben aber häuften sich und erinnerten sie immer wieder an den alten Besucher, der nie geglaubt hätte, daß jemand noch nach seinem Tode seiner gedenken würde. ,

Bus dem Bilderbuch des Lebens.

Der Affessor als Fassadenkletterer.

Ein Assessor auf den Spuren des Klettermaxen kommt sicher sehr selten vor. Aber in Magdeburg ist es ge­schehen, nur hat der betreffende Assessor nicht dem eige­nen Triebe, sondern der Not gehorcht, als er sich dieser etwas ungewöhnlichen Rolle unterzog. Dort tagte im Landgerichtsgebäude der Gerichtshof, um einen Prozeß zu Ende zu führen, die Zeit rann dabei hin, und als die Verhandlung schließlich geschlossen wurde und matt das Gebäude verlassen wollte, waren auf den Fluren und im Treppenhause nicht nur alle Lichter bereits ausge­löscht, sondern es stellte sich heraus, daß auch alle Türen des Gebäudes bereits geschloffen waren. Der Gerichts­hof nebst Staatsanwalt, Angeklagten und Verteidiger sah sich niegeschlossen und konnte nichts hinaus. Da man den Pförtner, der die Verhandlung vergessen hatte, nicht er­reichen konnte, rief man bas Polizeipräsidium an, aber dort erklärte man den Anruf für einen schlechten Karne­valsscherz und hängte das Telephon wieder ein. Da unternahm es ein Assessor, durch das Fenster zu klettern und Hilfe zu holen. Aber der Assessor als Fassaden­kletterer wider Willen wurde bei dem Hinuntersteigen aus dem Fenster von einer Schupostreife bemerkt und für einen Einbrecher gehalten. Da er jedoch zum Stau­nen der Schutzleute nicht bei ihrem Anruf flüchtete, son­dern ihnen die Sachlage erklärte, konnten die Hüter der Ordnung wieder ihre Schußwaffen einstecken und selbst das tun, was der Assessor hatte tun wollen; den Pfört­ner herbeiholen, ft er den eingesperrten Gerichtshof wie­der in Freiheit setzte.

Der Fund auf der Landstraße.

In der Nähe von Marburg fanden drei von der Ar­beit heimkehrende Arbeiter auf der Landstraße einen großen Rohrplattenkoffer am Wegrand liegen. Erft

glaubten sie, er sei von einem vorbeifahrenden Auto her- untergefallen, aber als sie den Koffer öffneten, entdeck­ten sie darin zu. ihrem größten Erstaunen ein schlafendes Wickelkind. Einer der Arbeiter, der selbst schon zehn Kinder hat, nahm bas verlassene Kleine mit heim. Als er und seine Frau den Koffer dann näher betrachteten, fanden sie unter den Decken ein Bündel Geldscheine im Werte von über viertausend Mark und einen Zettel mit der Mitteilung, der Finder, der das Kind in Pflege neh­men würde, solle am selben Tag und an derselben Stelle, wo das Kind gefunden wurde, im nächsten Jahre sich einfinden. Er würde fein Glück machen und weitere reiche Spenden erhalten. Nachforschungen nach der Her­kunft des kleinen Kindes blieben umsonst. Man nsufj also abwarten, ob und was nach einem Jahre geschieh!. In kitschigen Romanen ist solch ein Findling auf der Landstraße bann meist ein Grafenkind. In einem Jabr wird man vielleicht wissen, ob auch bas Leben solche kit­schigen Romanüberraschungen kennt.

Affenliebe.

Der Berliner Zoo beherbergte fünf Wochen als große Rarität einen Orang-Utang. Es war der erste Utang, der jemals in Gefangenschaft gezeugt u. geboren wurde Das junge Tier wurde natürlich mit aller Sorgfalt ge­pflegt und gehegt. Aber feine Mutter, mit der es zu­sammen im Käfig war, ging in ihrer Liebe zu dem Jun­gen allzu weit: sie spielte mit ihm, schlenkerte es in bet Lust herum, drückte es an sich und — brach ihm dabei feine Rippen! Dadurch entstand eine Lungenguetschung, an der das Tier dann nach wenigen Tagen einging. Es ist also doch etwas Wahres daran, daß „Affenliebe" zv Kindern schädlich sei!

ein Vären-Diebstahl.

Gestohlen wirb ja alles mögliche, aber in der Haupt­sache vermeldet doch der Polizeibericht, der täglich bet Oeffentlichkeit mitteilt, was unfreiwillig und ohne Be­zahlung seinen Besitzer gewechselt hat, ziemlich anders­artige Dinge als Diebesgut, als — zwei lebende Bären! Kürzlich jedoch stand im Frankfurter Polizeibericht zr lesen, daß der Bärenführer Georg Klöter mit zwei Bä­ren der gerade in Limburg weilenden Bärenführer­truppe Petrowitsch flüchtig sei und versuchen werde, bii Tiere, die einen Wert von dreitausend Mark hätten irgendwo zu verkaufen. Es handelte sich um einen klei­nen schwarzbraunen und einen großen braunen Bär Vermutet wurde, baß ber Bärenbieb sich nach Frankfuri wenden würde. Aber er ist nicht so weit mit seiner ge­stohlenen seltsamen Beute gekommen. Jedenfalls sink zwei Bären, dazu noch gestohlen, keine allzu angeneh­men Reisegenossen. So hat der Dieb sich der Tiere denn bald entledigt. Sie wurden mitten hn dichten Bergwall bei Niederselters an Bäume angebunden aufgefunften Immerhin noch ganz anständig von dem Bärendieb, daß er die beiden Meister Petze anbanb und sie nicht frei in der Hintertaunuslandschast herumstreifen ließ. Das hätte sonst allerhand Schrecken absetzen können. Es gab sc schon genug Aufregung, als man die angebundenen T:et auffand. Der Bürgermeister in Niederselters telepho­nierte an den Frankfurter Zoologischen Garten, und d'e- fer entsandte zwei Wärter, denen es dann auch nut viel Mühe gelang, die durch Hunger und Durst schon rechi unruhig gewordenen Tiere an die Kette zu bekommen lytb sie zunächst in einem sicheren Stall in Niederfeller« zu verwahren.

Wir verweilen unsere Leser auf die der heutigen Stabt- Ausgabe beigefügte Einladung der Firma T. A. Arad, zn einem Schaubacken mit .Küchenwunder". Das Schau» baden findet jedoch nur am 9. Juni statt.

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über alle Bedenken hinweghelfen. Neugestärkt und mit einem gewissen Schwung geht es an die Aufgabe des Nachmittags, noch die Höhe Opicina mit dem Obelisken zu erreichen, von wo man aus etwa 350 Meter Höhe über dem Meere eine prachtvolle Aussicht genießt auf die hügelige Stadt Triest und ihre Umgebung, Berge und Wälder, die Buchten des Meeres und die in end­loser Ferne im Horizont mit dem Himmel zusammen- fließende Wassermalse des Adriatischen Meeres.

Langsam zunächst fährt die Elektrisch« den Berg hinan, an der steilsten Stelle von einem starken Motor­wagen geschoben, der natürlich auch abwärts in Tätig­keit trat. In weiter Schleife erreichen wir den Obe­lisken. Ein Kreis von blühenden Linftenbäurnen um­gibt ihn, viel eigenartiger und starker duftend als Sin« benibäu.me in unserer Heimat. Ein sich anschließendes Wäldchen von Kiefern ladet mit seinem würzigen Harz- duft zu einer kurzen Wanderung ein, vor Antritt ber Seereise an „Poseidons Fichtenhain" gemahnend. Weit draußen auf dem Meere verfolgen andere Schiffe schon ihre Dahn. Der Ausdruck ,chohe See" wird einem klar, da, je weiter draußen, eine dem andern auf ber Mist- spitze zu schweben scheint. Merkwürdige, in der Fär­bung und Beleuchtung wechselnde „Straßen" durchzie­hen die weite Fläche.

In die Stadt zurückgekehrt möchte ich noch schnell ein paar Feigen kaufen, die mir am Mittag so verlockend irgendwo aufgefallen waren. Aber das Suchen ist um­sonst. Ich wende mich daher an den nächsten Passanten mit der Bitte um Auskunft, der mir zu meinem maß­losen Erstaunen erklärt, es fei Zeit, an Bord des „Slovenac" zu gehen, da er bald abfahren wolle. Woher -konnte der gute Mann unter den 250 000 Einwohnern Triests wissen, baß ich mit dem „Slovenac" fahren wollte? Aber die Aufklärung folgte, es war einer von der Schiffsmannschaft, der mich wiedererkannt hatte. Nach seiner Anweisung folgte ich bann einem langen altertümlichen Kanal, auf dem einige merkwürdige Se­gelschiffe lagen, bis mitten vor eine Kirche, neben der der Obst- und Gemüsemarkt ist. Für zwei Lire erhielt ich ein Kilo der saftigen Früchte, mit denen ich sofort zu dem Schift zurückkehrte, in der Hoffnung, diesen Genuß noch oft auf der Reis« zu haben. Aber nur einmal noch in Korfu habe ich weniger gute getroffen, dann nicht Mehr in ganz Griechenland.

Auf dem Dampfer angekommen war ich noch eine Stunde Beobachter beim Einladen. Ein Zollbeamter er- schien und versah meinen Paß mit dem Stempel ber

Ausreise aus Italien. Kurz nach 6 Uhr abends wurden die Verbindungsstege nach dem Land hereingsholt, die Haltetaue gelöst, der Anker hochgewunden, und indem die Schiffsmaschine zu arbeiten begann, sodaß das schmutzige Wasser des Hafenbeckens in weißer Gicht auf« schäumte, drehten wir langsam vom Ufer ab, um di« freie Fahrt ins offene Meer zu gewinnen. Bald zeig'e sich die Stadt mit ihren.Höhen nu,r noch in der Ferne, immer mehr lenkte sich das im Süden frühere Dunkel herab auf die See und unser Schiff. Elektrische Lampen brannten an allen Ecken und Gängen, die Offiziere setz­ten sich auf dem Deck zur Abendmahlzeit. Auch ich machte den ersten Versuch mtt der Schiffsküche, um in später Stunde bann meine Kabine aufzusuchen, für die sich zum Glück niemand mehr eingefunden hatte. So schlies ich denn zufrieden ein trotz des unablässigen Stampfens der Schiffsmaschinen, deren rastloses Arbei­ten auch während der Nacht uns immer mehr dem Sü­den entgegenführte.

Die „Ehemaligen".

In der Rhein - Mainischen Volkszeitung plaudert Peng über die in Frankfurt a. M. am Sonntag abge­haltene Tagung des „Waffenrings ber deutschen Schwe­ren Artillerie". Da heißt es u. a.:

Aus dem Festhallengelänfte versammelten sich am Sonntag morgen die aus Nord und Süd (und so fort) herbeigeeilten schweren Artilleristen — friedliche Zivilisten mit den einfachen, guten Gesichtern, deren wir uns alle aus dem Felde erinnern. Im gehörigen Abstande von ihnen, auf einer erhöhten Plattform, bewegten sich die Generäle, die sich in ihren verschollenen Uniformen bei hellstem Licht ber Sonne wunderlich ausnahmen. Sie sind inzwischen sehr alt und aus den Generälen sind bloß Vereinsvorsitzende geworden, aber das merken sie nicht. Ein General bemüht sich, die Zivilisten auf Vordermann zu bringen; ein anderer bewaffnet sich mit einer Blech- tute, damit feine Anweisungen besser zu hören sind; „ich habe den Befehl gegeben, daß die Fahnenbatterie jetzt vorrückt" meldet ein dritter General einem vierten — aber bann rückt gar keine Batterie vor, sondern es er­scheinen zögernd einige Herren in Gehröcken und merk­würdigen Zylindern. Statt der alten Kanonen sind nur Kanonenstiefel da; neben gezückten Degen werden stille Regenschirme präsentiert; kleine Buben tragen die Re­gimentsschilder; an dem aus Apolda hängen zwei Mo­delle kunstseidener Damen-Unterwäsche — das Reichs­wehrministerium sollte die Fahnen der alten Regimenter zu einer solchen Unternehmung wirklich nicht hergeben: sie sind zu schade dazu. Wenn der militärische Apparat

funktioniert, so kann er eine großartige Dämonie offen­baren; wenn er aber wie hier nicht klappt, sondern klap­pert, so wird er lächerlich gemacht — und das an einem Waffengedenktage!

Auch die Rede des Generalleutnants a. D. Ziethen ist nicht tragisch zu nehmen — das rollt alles ab, ohne noch eine Rolle zu spielen, das sind alles fertige Klischees von vorgestern, die heute nicht mehr ziehen, bas bewirkt nichts, weil keine Wirklichkeit mehr darinsteckt. Ja man kann sich des Mitleids mit Männern nicht erwehren, die aus starrer Treue zu längst zerschlagenen Göttern den Sprung über die Scheide ber Zeiten nicht tun können. Was bleibt ihnen? Nicht mehr, als baß liebe, alte Damen an den Kraftstellen der Rede mit Tränen im Auge zustim­mend nicken. Sie kämpfen um den Nachwuchs — aber sie merken selbst, daß sie die Jugend nicht mehr für die dicke Bertha begeistern können, weil sie keine haben, und so läuft es schließlich darauf hinaus, die jugendlichen Herzen für die Bildung von Jungfußerkapellen zu ge­winnen, die mit Mundharmonikas ausgeftattet werden sollen; und bann spielen die das schöne Lied des Festprogramms „Wir sind ein frohes, gewaltiges Korps", Strophe drei:

„Wir haben ein Herz, das schlägt so warm

Für Kaiser und Vaterlandsliebe,

Auch halten wir gern unser Liebchen im Arm — Ach, wenn es doch immer so bliebe!"

*

Aber hier kommt ein Augenblick, da wird es still, denn die Kapelle spielt: „Ich hatt' einen Kameraden". Jetzt braucht sich niemand ber Träne zu schämen, die ihm kommt. Die rührend einfache Melodie, die für uns so mit Bedeutung beloben ist, läßt uns in Ergriffenheit an unsre Toten denken. Ein süßes reines Kindergesicht — ber Vater hat die Kleine auf dem Arm — steht erstaunt wie dem Vater die Tränen über die Backen laufen; er kann sie nicht wegwischen, und bas Kind tippt mit seinen Fingerchen ihnen lächelnd nach.

Doch alle echte Rührung darf uns nicht darüber Hin­wegtäuschen, daß es bas Billigste aller Werbemittel ist, bie Gefallenen als Blutzeugen für die eigenen Zwecke anzurufen — bas kann jeber tun, da von ben Toten keiner sich dagegen wehren kann. Die Ehrfurcht verlangt, daß man sie ruhen läßt und daß^man, wenn es wieder um Tod und Leben geht, bie Entscheidungen nur aus lebendigem Gewissen fällt. Siebenundzwanzig Prozent unserer Kriegergräber übrigens sind von ihren Angehörigen — und gehören sie nicht dem deutschen Volke an?! — so gut wie ganz verlassen. So sieht die Wirklich­keit aus.

♦

Die offiziellen Reden hört man sich in angemessener Haltung an — aber das Eigentlichste ist das Inoffizielle: 1

diese Tradition gilt auch für bie schweren Artilleristen. Als nach dem letzten Hurra Böllerschüsse krachen, schreit eine Stimme: „Endlich was Vernünftiges", und daß bas Gläschen BiK auf dem Festplatz dreißig Pfennig kostet, weckt laute Empörung, die echt ist. Das Wiedersehen wird gefeiert werden, man sieht's ihnen an, und von der gestrigen Feier weiß man nun, daß von Bier und Sekt auch ein schwerer Artillerist einen schweren Kopf kriegt. Keineswegs sind alle für den Klimbim, aber alle sind für Wiedersehen. Als der Festzug vorbeimarfchiert, da warten am Straßenrand die Leute auf ihre Kame­raden von damals und rührende, juchzende Begrüßungen werden laut. Herrlich diese erhofften und doch nie er­warteten Begegnungen! „Weißte noch, Karle, wie wir ben Schwan gebraten haben?" — „Weißt du noch —" Wuntta, roumta, roumta — die Pauke macht die wahre Musik und das Menschliche ist immer bas Beste. Auf irgend einer steinernen Treppe steht irgend ein General außer Diensten, um ben Vorbeimarsch abzunehmen — aber bie Hauptsache an biesem Marsch burch die Mittags­hitze ist der herrliche Durst, den man von ihm bekommt. Das was werden soll, wird an anderer Stelle entschieden — hier geht es nur um das Unbegreifliche, das einmal war: daß man zusammen jahrelang ein tolles, aus allen Zusammenhängen völlig losgelöstes Leben führte, und das wird hier drei Tage lang gefeiert und begossen. Wer bas aus naivem Herzen tun tan, ben möchte man wohl glücklich nennen.

— Die Behandlung von Schlangenbiß. Nach neue­ren Forschungen besitzen die Giftschlangen zwei ver- schieden« Giftstoffe: der eine lähmt das Nervensystem, der andere zerstört die Blutkörperchen und vernichtet die Gewebe. Bei den verschiedenen Giftschlangen überwiegt bald das eine, bald das andere Gift, und es gibt daher kein Mittel, das ohne weiteres als ein Heilmittel gegen jede Schlangen-Bißwund« gepriesen werden könnte. Die Ansicht, daß dies der Alkohol fei, ist ganz irrig. Ver­suche an Ratten Haden sogar bas Gegenteil bewiesen! In Amerika und besonders in England für feine indi­schen Kolonien wird gegen Schlangengift ein besonde­res Serum hergestellt. Hauptsache bleibt imnrr, bie Wirkung des Giftes schnellstens zunächst dadurch zu bekämpfen, daß man seine Verbreitung von der Wunde ab durch Unterbindung verhindert! Und zwar muß dieses zwischen Wunde und Herzen geschehen, nahe der Wunde. 'Danach erst gehe man zum nächsten Arzt öfter in die nächste Apotheke.

--und Sohn. „Wie charmant, Herr Geheimrat, daß Sie nun schon einen Privatdozenten als Sohn ha­ben; ich denke, mein Mann wird jetzt unfern Moritz auch bald ins Geschäft hereinnehmen." (Meggft. Blätter.)