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Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatk

Nr. 129.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. :< Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Dienstag, 5. Ium 1928.

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5S.Zahrg.

Die 50. Senser Ratstagung.

Der Genfer Dölkerbundsrat ist heut«, Montag, Ar seiner 50. Sitzung, also zu einer Jubiläums­sitzung zusammengetreten. Das roirb natürlich Ver­anlassung geben, wieder einige schöne Worte über den Wert oder den Unwert des Völkerbundes und feines Rates zu sprechen, womit die Tatsache, daß der Völkerbund besteht, und daß man sich mit ihm abfinden muß so wie er ist, nicht geändert wer­den wird. Auf dieser Iubiläumstagung werden zwei Außenminister, die bislang niemals gefehlt haben, nicht anwesend sein, nämlich Stresemann und Driand, und damit wird ein wichtiges Frage­gebiet nicht zur Erörterung kommen, nämlich das der Fortsetzung der deutsch-französischen Verständi­gungspolitik und der Rheinlandräumung. Strese­mann ist krank und darf sich eine so weite Reise wie nach Genf nicht zumuten, Briand hat sich von seiner Grippe erst in den letzten Tagen erholt. Er hat der Kammereröffnung am 1. Juni wohl beige­wohnt, aber persönlich den Eindruck eines Mannes gemacht, der sich noch in der Rekonvaleszenz be­findet. Wegen des mangelhaften Gesundheitszu­standes dieser beiden Männer kann also das Hauptthema der europäischen Nachkriegspolitik nicht weitergesponnen werben. Das weckt einige Erinnerungen.

Es war die Absicht Dr. Stresemann, die Frage Oer Rheinlandräumung auf der Junitagung des Völkerbundsrates im vorigen Jahre aufzuwerfen. Lag doch auch den Deutschnationalen, die gerade wiäter in die Regierung eingetreten waren, daran, möglichst schnell mit außenpolitischen Erfolgen auf- zuwarten. Sie beteiligten sich dementsprechend mit Nachdruck an der Erledigung der noch nicht vc- reinigten Entwaffnungsfragen, sie setzten sich für die Fertigstellung des Kriegsgerätegesetzes ein und vollzogen auch die Schleifung der Ostfestunzen, wobei sie sogar die Nachkontrolle durch die mili­tärischen Instanzen der Ententemächte einräumten, gegen die sie sich früher mit aller Entschiedenheit gewahrt hatten. Aber trotz dieser Loyalitätsbeweise gelang es Stresemann nicht, die Räumungsfrage in Genf zur Sprache zu dringen. Die Entente­mächte vollzogen zwar eine weitere Herabminde­rung der Besatzungstruppen gemäß den allgemei­nen Versprechungen, die sie bei dem Abschluß des Locarnoabkommens zwei Jahre vorher gegeben hatten, aber das Thema der Rheinlandfrage mußte , um ein volles Jahr hinausgeschoben werden, und zwar gerade deshalb, weil die Franzosen der Rechtsregierung im Reiche nicht trauen zu können vorgaben. Natürlich war das nur ein Vorwand. Neuerdings steht bezüglich der Frage der Rhein­landräumung für die französische Politik ja auch nicht mehr das Sicherheitsmoment im Vorder­gründe, sondern das Moment eines Pfandes für die deutschen Reparationsverpflichtungen. Die En­tentestaaten können sich hinsichtlich dieser Bedeu­tung der Rheinlandbesetzung ebenfalls auf den Ver­sailler Vertrag berufen.

Aus diesem Wechsel bet französischen Taktik ergibt sich, daß wenn auch jetzt Stresemann und Briand nicht wegen ihres schlechten Gesundheits­zustandes verhindert wären, nach Genf zu fahren, die Rheinlandpolitik keine besonderen Fortschritte erfahren würde. Denn mit der Ausschaltung des Sicherheitsmomentes und der Hervorholung des Pfandcharakters für Reparationsverpflichtungen treten Italien und England als Mitinteressenten wieder schärfer in den Vordergrund. Besprechun­gen zwischen Briand und Stresemann allein wür­den also wenig bedeuten. In seiner letzten Reichs­tagsrede hat Stresemann die Rheinlandfrage er­neut berührt und dabei auf sein Thoiry-Angebot zurückgegriffen. Er hat angeboten, gegen eine be­schleunigte Durchführung der Rheinlandräumung die Zustimmung Deutschlands für eine vorzeitige Mobilisierung eines Teils der deutschen Eisenbahn­oder Jndustrieobligationen in Aussicht zu stellen, also damit gewissermaßen den Pfandcharakter der Rheinlandbesetzung zu ersetzen. Je näher nun ber Tag heranrückt, wo die zweite Rheinlandzone, das ist die Coblenzer Zone, sowieso geräumt wer­den muß, umso größer würde natürlich -das Opfer eines solchen Angebotes fein und vielleicht ist Stresemann schon froh, daß er Genf jetzt fernblei, ben kann, wo er wahrscheinlich sein Angebot hätte wiederholen müssen. Es ist allerdings dabei zu be­denken, daß zwischen dem Akt des Anerbietens und feiner Verwirklichung noch ein sehr weiter Schritt ist, weil außer Deutschland und Frankreich noch andere Staaten mitsprechen, und auch die Sache in sich selbst kompliziert ist, insofern Deutsch­land Garantien gegeben werden müßten, daß die zwei Millionen Goldmark, die vielleicht so flüssig gemacht wurden, bei der Feststellung der Repara­tionsendsumme wirklich mitberücksichtigt würden. Auf der Ratstagung im Dezember vorigen Jah­res sollen Besprechungen zwischen Stresemann und Driand stattgefunden haben, die in dem Wunsche gipfelten, daß in Deutschland möglichst bald eine Regierung ohne Deutschnationale gebildet werden möge, weil dann die außenpolitischen Fragen leich­ter gelöst werden könnten. Die Mitteilungen sind niemals gänzlich dementiert worden. Es ist nun ein eigentümliches Geschick, daß Stresemann in einem Augenblick, wo wir in Deutschland vor einer Regierungsbildung ohne die Deutschnationalen stehen, wegen Gesundheitszustandes die Rheinland- besprechungen in Genf nicht weiterführen kann.

Man hat wohl gesagt, daß das Fehlen der Außenminister Briand und Stresemann der Juni­tagung des Völkerbundsrates jeden hochpolitischen Charakter nehmen würde. Es ist aber noch nicht sicher, daß es so kommen wird. Es stehen doch Themata zur Diskussion, die eine hochpolitische Aus­

sprache, wenn auch nicht auf der Ratstagung selbst, durchaus veranlassen könnten. So die Verhältnisse in Polnisch-Oberschlesien, so ber Waffenschmuggel von Szent Gotthard, der rumänische Optantenstreit, dessen Regelung ganz aussichtlos geworden ist, nachdem jetzt Rumänien den Vorschlag des Dölker- bundsrates vom März abgelehnt hat. So der Be­richt über den Stand der polnisch-ltauischen Ver­handlungen, so die Beschwerden der Nanking« regierung und der Regierung von Tokio über die Zwischenfälle in China. Und ganz sicher wird auch der ©tanb des Kelloggschen Kriegsächtungspaktes besprochen werden. Die Jubiläumstagung des Ra­tes vollzieht sich vor einem hochpolitischen Hinter­gründe und kann zu einem fruchtbaren Meinungs­austausch führen, wenn auch von den Prominenten der europäischen Außenpolitik diesesmal nur Mini­ster Chamberlain anwesend ist.

*

Der deutsche Botschafter v. Hoefch hat dem französischen Außenminister Briand einen Besuch

Peking erwartet

abgestattet. Der Botschafter nahm Gelegenheit, die große Befriedigung der deutschen Regierung über die Genesung des französischen Außenministers zum Ausdruck zu bringen und auch in seinem eige­nen Namen Außenminister Briand zu seiner Wie­derherstellung zu beglückwünschen. Im übrigen wurden bei dieser Unterhaltung die schwebenden politischen Fragen nur in allgemeiner Form be­rührt.

*

Die Blättermeldungen über die deutsch- französischen Wirtschaftsverhand­lungen in Paris, die als Zweck dieser Bespre­chungen die Umwandlung des bestehenden Provi­soriums in ein Definitivum bezeichnen, sind un­richtig. Es handelt sich bet diesen Besprechungen, die im April in Berlin ausgenommen und jetzt in Paris fortgesetzt werden, nur darum, gewisse Schönheitsfehler zu beteiligen und unpräzise Defini­tionen durch klarere zu ersetzen.

die Südtruppen.

Eine Botschaft Tschang Tso-lins.

Marschall Tschang Tso-lin hat Peking mit einem Spezialzug verlassen. Er traf in Tientsin ein, von wo er nach kurzem Aufenthalt nach Mukden wei­terreiste. Noch vor seiner Abreise begann der A b - marsch der Nordtruppen, der in bester Ordnung und mit fliegenden Fahnen unter dem Spiel der Regimentskapellen vor sich ging.

Die Räumung der Stadt vollzog sich ohne jeden Zwischenfall, und die Uebernahme der Gewalt durch die Interimsregierung geschah in aller Stille. In der Stadt herrscht völlige Ruhe. Der Sicherheitsdienst wird durch Polizei und Gendar­merie in durchaus zufriedenstellender Weise ver­sehen, so daß sich auch die an Panik grenzende Ner­vosität in vielen europäischen Kreisen bereits zu legen beginnt. Auch der letzte Soldat der Nord­armee hat inzwischen Peking'verlassen.

Vor seiner Abreise sandte der Marschall eine Zirkularbotschaft aus, worin er erklärte, er habe im vergangenen Jahre den Posten des Generalissimus der Nordarmee mit der Absicht übernommen, das Land vor dem Kommunismus zu retten. Dies sei ihm nicht gelungen, nachdem sich das Kriegsglück endgültig gegen ihn gewandt habe, und er müsse seinen Posten nun aufgeben, Peking räumen und sich nach der Mandschurei zurückziehen. Von jetzt ab sei die Regierung in den Händen des Kabinetts, und jeder einzelne Armeeführer der Nordtruppen fei persönlich für eventuelle lieber» griffe seiner Truppen verantwortlich. Zum Schluß seiner Botschaft erklärt der Marschall, daß er sich vollkommen schuldlos fühle und mit reinem Gewissen der Welt gegenübertreten könne.

Aus Tsingtau wird gemeldet, daß das Kom­mando der dort stehenden Nankingtruppen, das sich weigerte, ber Aufforderung des Komman­danten des japanischen Landungskorps nachzu­kommen und die Bahnlinie nach Tsianfu zu räu­

men, nunmehr einem dahingehenden Ultimatum der Japaner stattgegeben hat. Damit ist die ge­samte Bahnstrecke in den Händen der japanischen Truppen.

was wird?

rotb. London, 4. Juni. (Eig. Funkm.) „Times" meldet aus Shanghai: Die Ansicht in hiesigen chinesischen Kreisen ist, daß Tschangtsolins Abreise aus Peking eine Rückkehr zur Herrschaft der Mil i t är gouv er neure in Nord­china bedeute. Die Meldungen der amtlichen Nachrichten-Agentur, daß der Gouverneur Pen» sehischan und Fengjufchiang ihre Befehle von Tschiangkaischek als Haupt der na­tionalistischen Heere entgegennehmen, täusche niemanden. Seit dem Zusammenstoß mit den Japanern in Tsianfu am 3. Mai habe Tschi­angkaischek keinen Anteil an den Kriegshandlungen genommen. Fengjuschiana sei der eigentliche- Machthaber. Möglicherweise werde ein sogenann­ter Regierungsausschuß gebildet werden, der sich aus den Vertretern ber verschiebenen Teile Chinas zusammensetzt. Angenommen, daß eine solche Re­gierung gebildet werde, so möchten die Mächte bald die Frage ber Anerkennung erwägen. Die Japa­ner glauben nicht, baß die Schwierigkeiten Chinas vorüber seien. Man könne aber hoffen, daß ein Wendepunkt zum Besseren erreicht ist.

* * Semjonoff aus Polen ausgewiesen. Aus War­schau wird gemeldet: Der Obmann des russffchen Komitees in Polen, der nach dem Anschlag eines russischen Emigranten auf den Handelsrat der Sowjetvertretung Lisareff verhaftet wurde, fft aus Polen ausgewiesen worden.

Feststellungen zur Wahl.

129 neue Abgeordnete im Reichstag.

Nach einer Zusammenstellung des „Vorwärts" wird der neue Reichstag unter seinen 489 Mit­gliedern 129 Abgeordnete aufweisen, die dem vori­gen Reichstag nicht angehörten. Unter ihnen be­finden sich jedoch eine Anzahl Abgeordnete, die in früheren Parlamenten saßen. An neuen Mit­gliedern weisen auf: Sozialdemokraten 31 Abge­ordnete, Deutschnationale 14 Abgeordnete, Zen­trum 11 Abgeordnete, Kommunisten 30 Abgeord­nete, Deutsche Volkspartei 8 Abgeordnete, Demo­kraten 5 Abgeordnete, Wirtschaftspartei 12 Abge­ordnete, Bayerische Volkspartei 2 Abgeordnete, Nationalsozialisten 5 Abgeordnete, Christlich-natio­nale Bauernpartei 5 Abgeordnete, Deutscher Bauern­bund 3 Abgeordnete, Welfen 2 Abgeordnete und Aufwertungspartei 1 Abgeordneter.

Die Frauen im Reichstag.

Dem neuen Reichstag werden 31 Frauen ange­hören, die sich auf folgende Parteien verteilen: Deutschnationale Fraktion 2, Deutsche Vollspartei 2, Zentrum 3, Demokraten 2, Kommunisten 3, So­zialdemokraten 19.

Die Wahlbeteiligung.

Nach dem jetzt vorliegenden amtlichen Wahl- ergebnis stellt sich die Durchschmttszifser der Wahl­beteiligung bei den diesmaligen Wahlen auf 75,4 Prozent. Bei den letzten 'Reichstagswahlen im Dezember 1924 stellte sie sich auf 78,8 Prozent. Die Wahlbeteiligung ist also recht empfindlich ge­sunken. Mit am schwächsten war diese Wahl­beteiligung im Wahlkreis Baden Mit 61,7 Prozent, es folgt sodann Hessen-Darmstadt mit 65,8 Proz., Köln-Aachen mit 66,4 Prozent, Württemberg mit 68,3 Prozent. Ueber dem Durchschnitt liegt die Wahlbeteiligung m Südhannover-Braunschweiq mit 81,6, Leipzig mit 83,4, Magdeburg mit 84,4 Proz.

Die Zahl der Wahlberechtigten insgesamt be­trug 41295102 gegen 38 987 385 bei den Dezem­berwahlen 1924. Abgegeben wurden diesmal 31145308 Stimmen. Es haben also nicht weniger als zehn Millionen Stimmberechtigte überhaupt nicht von ihrem wichtigstm staatsbürgerlichen Rechte Gebrauch gemacht.

In der Stadt Fulda ist diesmal die Durch­schnittswahlbeteiligung erreicht, im Landkreis Fulda wesentlich überschritten toorben. Bei der letzten Reichstagswahl batten wir die damcrliae höhere

Durchschnittsbeteiligung auch in der Stadt Fulda wesentlich überschritten.

Eine neue Fraktion im Landtag.

Nach einer Mitteilung des Grafen P o s a - dowski an das Büro des Preußischen Landtags haben sich die Mitglieder der Christlich-Nationalen Bauernpartei sacht), die Welfen (vier), die Abge­ordneten der Aufwertungspartei (zwei) und die Völkischen (zwei) zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen.

Diese neue „Fraktion" wird sicher viel unfrei­willige Komik produzieren.

Kampf um Wilna.

(Eine polnische Rote an Litauen.

Im Zusammenhang mit der Deröffenüichung ber Erneuerung ber litauischen Verfassung, in der Wilna als die Hauptstadt Litauens pro­klamiert wird, hat der polnische Außenminister Zaleski am 31. Mai dem litauischen Ministerpräsi­denten eine Note überreichen lassen, in der es heißt:

Dieser einseitige Akt der litauischen Regierung kann tafächlich die von Polen aufgrund der feier­lichen Abstimmung der Vertreter ber Wilnaer Be­völkerung im Wilnaer Landtag vom 20. 2. 1922 erworbenen und durch den Beschluß des polni­schen Sejm vom 24. März 1922 bestätigten Rechte auf das Wilnaer Gebiet nicht im geringsten be­einträchtigen, Rechte, die durch den auf Ersuchen der polnischen und der litauischen Regierung vom Boffchaftsrat am 15. März 1923 gefaßten Beschluß über die Grenzen Polens anerkannt und vom Völ- ferbunbst-at am 20. April 1923 zur Kenntnis genommen wurden. Ich bedauere feftftellen zu müssen, daß die Veröffentlichung dieser Zusatzbe­stimmung von feiten der litauischen Regierung die gegenwärtig zwischen Polen und Litauen gefüg­ten Verhandlungen nur erschweren und ver­schärfen kann, und daß diese Veröffentlichung als im Widerspruch mit dem Beschluß des Völker- bundsrates vom 10. 3. 1927 stehend betrachtet wer­den muß. ___________________

* Der Slahlhelmlag wird zurzeit in Ha m b u r g abgehalten. Zahlreiche Angehörige der alten Armee nehmen daran teil. Die Parole der Tagung hieß: -Zurück zu Bismarck."

Die chinesische Arife.

Von Dr. Friedrich Otte,

Professor a. D .Reichsuniversität Peking.

Die chinesische Krise fft kürzlich in eine neue unc diesmal sehr ernste Phase getreten. Der Ausdruck der Feindseligkeiten im „Kriegsjahr 1928", dem 17. Jahre des Bürgerkrieges und der chinesischen Republik, war seit Monaten sicher. Plänkeleien an der Shansi-, Honan- und Shantungftont, also überall im Norden, wurden seit März täglich gemeldet.

Seit Dchiang Kai Shek, von Kanton kommend, im September 1926 Hankow eingenommen hatte, ist das Jcmgffetal Gebiet der Kuomintang geworden. Als Folge der Siege wurde auch der seit Avril 1926 schwer bedrängte, vormals christliche, Mar- schall Feng Pu Hsiang, Chinas kommender Mann, wieder entlastet und schob sich von Kcmsu im Westen bis nahe cm die Shantunggrenze und die Meeresküste bei Haichou vor. Schon 1926 wollt« Dchiang die Mukdenpartei erledigen und Peking nehmen. Spaltungen innerhalb der Kuomintang verhinderten ihn daran; sie dauerten das ganze Jahr hindurch und endeten erst im Dezember 1927 mit dem Siege des gemäßigten Flügels der Kuo- mintang und dem theatralischen Abbruch der Be- Ziehungen Südchinas zu Moskau.

Dchiang war selber vorübergehend ein Opfer dieser Quertreibereien geworden, mußte im Herbst 1927 zurücktreten und begab sich nach Japan. Di« Kuomintang brauchte Japan oder glaubte vermut- lich, nach dem Bruch mit den Russen einen neuen Rückhalt für ihre Außenpolitik haben zu müssen. Man konnte auch annehmen, daß ohne japanische Zustimmung ein Siegeszug nach Peking hin unmög­lich sei, denn 1925 waren die Japaner bereits einmal dem schwer bedrängten Dschang Tso Lin zu Hilfe gekommm und im Mai 1927 hatten sie Shantung sofort besetzt, als Dchiang über den Jcmgffe nach Nordm vorzustvßen versuchte. Die Frage, wie weit sich Dchiang Kai Shek mit den Japanern verständigt hat, bleibt vorläufig offen. Die Zusammenstöße in Tsinan zwischen Japanern und Chinesen Anfang bis Mitte Mai widersprechen der Annahme einer Verständigung keineswegs. Ein japanisches Geschwader war schon im April nach der chinesischen Küste entsandt worden. „Schutz bei japanischen Interessen und japanischen Eigentums" ist die Parole, unter der jetzt Japan eine Division nach der anderen nach China enffendet. Die mora­lische Berechttgung dazu erwächst ihm aus der Be­setzung Shanghais durch die Engländer seit Februar 1926, die damals genau dieselbe Parole ausgaben, übrigens mit Zustimmung englffcher Arbeiterführer wie MacDonald.

Man erficht hieraus schon, wie stark die Außen- polittk in die chinesischen Bürgerkriege hineinspielt, und ztvar besonders die neue „positive" Politik Japans, wie sie am 7. Juli in Anknüpfung an die Politik von 1915 neu formuliert wurde. Da heißt es: „Japan wird alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Ordnung in der Mandschurei und in der Mongolei aufrecht zu erhalten im Inter- esse der Chinesen, der Ausländer und im eigenen". Das sieht verdächtig nach einem Protektorat aus, zum mindesten aber nach einer Wiederherstellung der Jnteressemphärenpoliiik aus der Zett vor 1900, die damals durch ein deutsch- englisches „Gentleman" - Abkommen eingeschränkt wurde.

Wie ist nun Dschang Tso Lins Stellung zur Zeit? Daß er ohne die Japaner seit 1925 schon zweimal gestürzt worden wäre, steht fest. Diese Mephistohilse bedeutete aber, daß er die wirtschaft­liche Vormachtstellung der Japaner in der Man­dschurei, vor allem in seiner ureigensten Provinz Fengtten in der Südmandschurei, anerkannte. Hier­durch geriet er in einen schweren Konflikt, beim die öffentliche. Meinung in China ist schon seit 1894-95, also seit dem chinesisch-japanischen Kriege, japcmfeindlich und ist es heute wieder mehr als ie. Ohne Volkstümlichkeit kann aber in China auf die Dauer niemand regieren. Zuletzt hat sich Dschang Tso 2m dann, allerdings etwas spät, gegen Die japanische Eifenbahnpolitik in der Man­dschurei gewandt. Infolgedessen scheint man nun in Tokio das Interesse an ihm stark verloren zu haben. Dschang Tso Lins Stellung in China ist heute auch längst nicht mehr die gleiche wie vor 1926, ehe er nach Peking zog; äußerlich wenig glanzvoll, innerlich geschwächt. Der wttffchaftliche Druck in seinem Machtbereich fft inzwischen uner­träglich geworden und hat ihm die Sympathien aller Wirtschaftskreise verscherzt, ttotz seines sozu­sagen privatwirtschaftlichen und antt-kommunffttsch:n Programmes. Seit Januar wußten die Zeitungen Ostasiens von finanziellen Vorbereitungen zu berich­ten, wobei die Nankinger Regierung erheblich viel besser abgeschnitten zu haben scheint als die Pe­kinger. Wenn der Mukdener „Oberste Kriegsherr" also nun aus alledem die Schlüsse zieht und Peking beinahe kampflos räumt, so tut er, was 1926 auch der vorsichtige Feng Pu Hsiang tat und was jeder Chinese unter gleichen Umständen tun würde, er paßt sich dem „Tao" an, dem Weltengeschehen, oder, genauer gesagt, der politischen Witterung, die das sehr empfindliche politische Barometer Ost­asiens anzeigt.

Die bedeutendste Rolle im neuen China der Kuomintang dürste Feng Pu Hsiang spielen, der heute seine Soldaten in den Grundsätzen der Sun Pat Sen-Lehre unterrichten läßt, womit er entschieden seine Beliebtheit festigt. Dchiang Kai Shek, als Heerführer bedeutend, ist ihm als Poli­tiker nicht entfernt gewachsen, auch ist sein Einfluß heute längst nicht mehr der gleiche wie stüher, während Feng heute seine Vertreter im Nankinger Kabinett hat. Die Japaner sollen versucht haben, Feng für sich zu gewinnen, er soll sich aber seine Unabhängigkeit gewahrt haben, denn es ist gefayr-