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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Donnerstag, 24. 2Hai 1928

Nr. 120

neue

Der Unsinn der Splitterparteien

St.

H

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2500 4700

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Demokraten von ihren drei Mandaten eins an die Bodenreformer verloren. In Oldenburg ha­ben die Sozialdemokraten und Kommunisten stark zugenommen, die Zentrumspartei etwa 10 Prozent an Stimmen verloren. Die Demokraten konnten einen leichten Stimmengewinn verzeichnen. Die Weimarer Koalition hat dort die Mehrheit der Mandate.

Kussche^den-e par'amen*ar'er.

Von den Mitgliedern der früheren Reichstagsfrak­tion des Zentrums kehren u. a. nicht zurück: Schutte - Breslau. Allekotte, Groß. Dr. Scheiter. Sommer und auch der Führer der Windthorftbunde Dr. Krone.

Don der Sozialdemokratie kehren die frühe­ren Abgeordneten bis auf wenige Ausnahmen in den Reichstag zurück. Etwa 30 Abgeordnete treten neu in die Fraktion ein. unter ihnen Abg. cheilmann. der Dorsitzende der sozialdemokratifchen Preußenfraktion.

Von der Deutschen Dolkspartei, deren maß. gebende Fraktionsmitglieder gleichfalls zurückkehren, ha­ben u. a. die Abgg. Dr. Schmidt-chirfchberg, Frau Mende, Keinath und Havemann ihr Mandat verloren.

Von den Deutschnationalen haben die maß­gebenden Führer der Partei ihr Mandat wiedererlon- gen können. Richt zurückkehren u. a. die bisherigen Abgeordneten Lejeune-Iung, Dr. Gereke, Otto Riprel, Frhr. v. Stauffenberg. Graf v. d. Schulenburg und Paul Bäcker. Unter den neuen Abgeordneten befinden sich o. Lettow-Vorbeck, Dr. Bang.

Von den bisherigen preußischen Zentrumsabg. kehren folgende nicht wieder in den Landtag zurück: Pingel (Ostpreußen), Elsner (Breslau). Mantke (Op-

und Dr. Cramer und Gast (Landesliste).

Die neuen Zenlrumsabgeordneken.

In den Reichstag ziehen folgende Zentrumsabgeordnete ein:

* Annahme des erweiterten Frauenwahlrechks in Großbritannien. Das Oberhaus nahm in zwei­ter Lesung die Vorlage an die den Frauen von 21 Jahren an das gleiche Wablnecht gibt, das die Männer besitzen.

Linke Kommunisten......

Deutsch-so iale Partei des sogenannten

Knüppel-Kunze..... . .

Unabhängige Sozialdemokraten . . . Jnflationsgeschädigte......

Partei der nationalen Minderheiten . Partei der Haus- und Grundbesitzer . Alte Sozialdemokratische Partei . . Recht und Mieterschutzpartei

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen „Die Welt im Bild" und „Buchenblütter" Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

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peln), von Popen (Westfalen-Nord), Eickelboom und Sprenger (Westfalen-Süd). Schmitt (Hefsen-Naliau), Dr. Hermes, Oppenhoff, Bergmann, Baumann, Dr. Wester. Merx (Köln-Aachen). Dr. Eismann Petry (Kob- lenz-Trier), Dr. Schmitt. Teitfcheid, Beck (Düsseldorf- Ost). Dr. Groener (Düsieldorf-West), Dr. Schmedding

geordneten gegen 15 bis setzt im Reichstag vertre» ten sein, die K.P.D mit 6 gegen 4, und die Alt­sozialisten haben diesmal keinen Sitz errungen.

Wie hat nun die Rechte gewühlt? — Die De u t sch n a ti o n a len hatten 1924: 546 964 Stim­men, 1926: 341 065 und jetzt 254465. Sie zeigen also stetig abwärts gerichtete Linie. Allerdings muß man ihnen die neue Partei des ..Sächsischen Landvol­kes". die sie schnell für die Bauern gegründet bat­ten, hinzurechnen. Sie brachte 127 633 Stimmen auf, aber trotzdem bleibt für die Deutschnattonalen der gewaltige Verlust von rund 165 000. so sta: k sie das kulturelle Moment des Reichsichulgefetzes in den Vordergrund rückten, so zog sich doch eine große Masie zurück. Das liberale Bündms zwischen Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei, das in Sachsen sehr stark zum Aus­druck kam, hat auf manchen seine Wirkung getan. Die deutschnationale Presse nahm die Volkspatter in ganz ungewöhnlichem Maße in Schutz und schob das Scheitern des Schulgesetzes einzig und allein dem Zentrum zu. Aber das denkende Bürgertum, das bisher deutschnational gewählt hatte, wußte doch sehr gut, daß der Liberalismus der Vereitler des Gesetzes war. Und als nun die Deutschnationalen so eng mit der liberalen Dolkspartei von neuem zusammenging, wuchs das Mißtrauen umsomehr. Außerdem aber waren es wirtschaftliche Grunde, die zur Ablehnung der Rechten führten. D-e Deutsche Volkspartei hatte 1924: 409 7-6 und 1926: 292 079. Jetzt erreichte sie 316 015. Sie hat 'M Vregleich zu 1924 einen Verlust von rund 95 000. Daß sie im Verhältnis zu 1926 nicht noch weiter herabgegangen ist, liegt vor allem an der Persönlichkest Dr. Stresemanns, der ganz und gar als Repräsentant der Partei in den Vordergrund gerückt wurde. Stresemann roar bekanntlich lange Zeit auch Syndikus des Verbandes Sächsischer In­dustriellen. Ganz zweifellos hätte die Partei bei einer Landtagswahl noch weit schlechter abaeschmt- ten. Die Demokraten brachten 1924: 192« ... Stimmen auf, 1926 nur noch 111351 und letzt 141797. Auch sie haben wohl im Vergleich zur letzten Landtaaswahl einen Zuwachs, ober im Ver­hältnis zu 1924 den großen Verlust von 50 000 Stimmen. Hier stand die Persönlichkeit des be­kannten Dr. Külz im Vordergrund, und außerdem versuchte die Partei mit dem Schlagwort: „Hm zur Mitte" rege Propaganda zu machen. Der Verkttst ist für die kleine Partei riesig genug. — Die Deutschnationalen haben von 9 Mandaten knapp 6 gerettet. Die Volkspartei und die Demo­kraten verlieren je ein Mandat.

Die Wirtschaftspartei hatte 1924: 124 198 Stimmen, 1926 : 237 462 und jetzt 232 049. Aehnlich ist die Kurve der Aufwertungspaltei. 1924: 18 926 Stimmen. 1926: 98 258 und jetzt 87 529. Bei beiden sieht man. daß die Linie nicht mehr höher geht, sondern daß der Boden unter den Fü­ßen zu wanken beginnt. Bemerkenswert ist. daß die sächsische Wirtschaftspartei sich seinerzeit mit gu­ter Berechnung sehr für das Reichsschulgesetz ein­setzte. Die Nationalsozialisten haben sich von ihrem letzten Schlag, den sie 1926 erlitten, er­holt. Sie brachten 1924 : 67 706 Stimmen auf, 1926 nur noch 37 736 und setzt wieder 75 424. Auch das ist eine Erscheinung des anwachsenden Radikalismus. .,

Die Zentrum spartet hat bekanntlich noch nie einen sächsischen Abgeordneten in den Reichs­tag stellen können. Um jbie Werbekraft zu er­höhen, war wiederum wie 1924 der Reichskanzler Marx als Kandidat aufgestellt. Schon 1924 hatte diese ©tefiunq einer so bekannten Persönlich­keit den Erfolg, daß eine recht hohe Stimmen- zahl herauskam. Sie betrug damals 25 893. wäh­rend sie bei der vorhergehenden Landtagswahl 1922 nur 22 611 betragen hatte. Jene Zahl ist allerdings diesmal nicht wieder erreicht worden, auch nicht die Zahl von 1926 mit 24 059. Es ka­men 23 532 Stimmen zusammen. Ganz ohne Zweifel bildet in der Diaspora die Aufstellung einer weithin katholisch bekannten Persönlich- feit wie Marx, der sich vor allem um die Schule so hohe Verdienste erwarb, die beste Zugkraft. Denn nicht so sehr das Politische als vielmehr das Kulturelle entschestwt hier. Auch bei den Landtags­wahlen hat immer die Hervorhebung von religiö­sen und kutlturellen Momenten den stärksten Wie- derhall gefunden, und es liegen hier Momente, die in allen deutschen Diasporagebieten Beachtung verdienen. Aber endgültigen Erfolg sind letzten Endes doch auch außergewöhnliche Propaganda- mittel nötig. Eine Diaspora ist zu arm. um sie aufzubringen. Das Reich müßte hier ganz groß­zügig zu Hilfe kommen. Freilich hat das Reichs­zentrum bei einer Wahl für den Reichstag selbst genug zu tun, aber wir denken hier in erster Linie auch an die kommende sächsische Landtagswayl.

Die jetzigen Wahlen stehen im Zeichen der Nie­derlage des Liberalismus. Aber dafür hat der Marxismus leider bedeutenden Raum gewonnen. Große Massen, die sich vom Liberalismus aus kul­turellen Gründen zurückzogen, stehen einfach ab­seits und wählen überhaupt nicht. Das hat dem Marxismus zu um so noch größerer Bedeutung verholfen. Die eigentliche, religiös - weltanschau­liche, große Mitte, die durch eine Zahl von Ab­geordneten im Landtag wirkte, fehlt in Sachsen. Das kleine, sächsische Zentrum, gibt sich Mühe, aber die Schwierigkeiten sind zu groß. Und doch wird in dem Chaos des sächsischen, liberalen und marxistischen Geistes nur der religiös-kulturelle Gedanke Wandlung schaffen.

Sachsen nach -er Wahl.

Unser Dresdener Mstarbeiter schreibt uns:

Das hervorstechendste Zeichen des sächsischen Wahlkampfes war das Ringen der Sozial- demokratie mit den Kommunisten. Ler- der hat am Vorabend der Wahl dieses, Ringen auch ein Todesopfer in Glauchau gefordert, wo ein Mitglied des Roten Frontkämpfer-Bundes den Vorsitzenden der SP.D erstach. Seit ""Gefahr zwei Jahren hatte eine neue, erhebliche Radikaliste- runfl der Gesamtlinken eingesetzt, so daß die Tren- nungslinie zwischen S.P.D. und R.PD. immer unklarer wurde. Je näher aber tue Wahlen ta­rnen, umsomehr suchte die Sozialdemokratie sich von den . Kommunisten fern zuhalten, toi.e änderte damit freilich ihren politischen Kurs mcht, aber es kam darauf an, f owohl bet de" Nicht­sozialisten wie auch bei den gemäßigten Altsozia­listen, die bei den letzten Landtagswahlen rund 100 000 Stimmen hatten, großen Zuwachs zu er­halten. Die Kommunisten dagegen hofften, aus . dem allgemeinen Zeitradikalismus heraus viel für sich zu profitieren. Sind die Erwartungen der bei- . den Parteien, die seit Jahren in Sachsen und rm Reich in der Opposition zur Regierung stehen und darum die Krittk reichlich als Propaganda verwer­teten, erfüllt worden? .

Um genau zu sehen, muß man die Erfolge der Linken mit den Reichstagswahlen von 1924 und den sächsischen Landtagswahlen von 1926 verglei­chen. Die Sozia ld em ok raten hatten 1924 in ganz Sachsen 936 204 Stimmen. Bei den Land- tagswahlen 1926 nur noch 758142. Die Altsozia­listen hatten ihnen allein 98 026 weggenommen. Jetzt haben sie wieder 999 335 erreicht, also seit 1926 einen Zuwachs von rund ’/« Million. Ver­gleicht man allerdings mit 1922, der vorletzten Landtagswahl, so ändert sich das Bild etwas. Da­mals hatten sie noch mehr als heute, nämlich

Trotz aller Mahnungen und Warnungen hat der Unsinn, um nicht zu sagen Unfug, der Splitter­parteien sich auch bei den diesmaligen Wahlen in einer geradezu beschämenden Weise gezeigt. Wäh­rend es bei den letzten Reichstagswahlen „nur" etwa 600 000 Stimmen waren, die auf diese Weise verloren gegangen sind, stellt sich die Ziffer bei den diesmaligen Wahlen fast auf das Doppelte. Damit sind nicht weniger als etwa zwanzig Mandate unwirksam geworden.

Es gehen danach vollständig leer aus:

Evangelische Volksgemeinschaft . . . 52000

80 000

Nur die Sächsische Landvolkpartei konnte 127 000 Stimmen zwei Mandate erreichen. Daß die anderen Gruppen, auch wenn sie über 60000 Stimmen im.Gesamten errungen haben, kein Man­dat bekommen konnten, liegt daran, daß es ihnen nicht gelungen ist, in einem geschlossenen Wahlkreis diese Stimmenzifser von 60000 zu er­reichen. So verliert beispielsweise das Zentrum allein durch die 111000 Christlich-Sozialen Stim­men zwei Mandate im Rheinland, während die Christlich-Sozialen überhaupt keins bekommen. Der

Studienrat Warnke-Schneidemühl, Kaufmann Hartwig-Oppeln, Landwirt Dr. Johannes Drees- Ratbergen bei Osnabrück, Bauunternehmer und Präsident der Handwerkskammer Münster, Biele­feld-Recklinghausen, Arbeitersekretär Franz Riefe- ner-Gladbeck.Meichsminister a. D. Hermes, Bäcker- meister Naubeim-Essen, Verbandsnorfi^ender Fahrenbach-Düsseldorf, Reichsminister Dr. Köhler, Dr. Föhr-Freiburg, Regierungsdirektor Dr. Heß- Ahrweiler.

In den Landtag:

Landwirtfchaftsminifter Dr. Steiger, Berg­mann Johannes Effert-Betzdorf, Arbeiterfekreiär Joseph Schamer-Hamm. Geschäftsführer der Land­wirtschaftskammer Hoffmann-Bonn, Oberbürger­meister Farwick-Aachen, Verleger Peter Heufen Godesberg, Gewerkschaftssekretär Hebborn-Solin­gen, Bäckermeister Huster-Trier, Chefredakteur Verhülsdonk-Neuwied, Verbandssekretär Letter- Haus-M.-Gladbach, Lehrerin Albertine Badenberg- i Steele, Schuhmachermeister Meistermann-Solin- I gen, Landwirt Maafsen-Willich, Dr. Heinr. Brü- • ning-Berlin.

(Wulfmeyer)........

Evangelische Volksdienstpartei . . . Aufwertungs- und Aufbaupartei . . Deutscher Reichsbund der Geschädigten Unpolitische Liste der Kriegsopfer . Völkisch - Rationale.......

Christl.-Soziale (Ehlen u. Vitus Heller)

1060 247 Stimmen. Ihre damalige Blütezeit Hai also die S.P D. auch jetzt nicht wieder erreicht, aber immerhin genug, um ernste Bedenken über die künftige Entwicklung in Sachsen aufkommen zu lassen. Diese Bedenken steigern sich ganz und gar, wenn man die Zahlen der Kommunisten dazu nimmt. Sie hatten 1924: 294 458 und tarnen bereits 1926 auf 342112. Jetzt erreichten sie 382 203. Sie haben im Vergleich zur letzten Reichs­tagswahl den größten Zuwachs von allen fächsi. fchen Parteien. Wenn man die Zahl von 1922 noch dazu nimmt, die nur 266 864 betrug, so sieht man eine ständig ansteigende Linie. Man er­kennt also leicht, warum die S.P.D. so gewalttg gegen die K.P.D. kämpfte und als Ersatz für einen Verlust auf der einen Seite schon auf den Zustrom ron der anderen rechnete. Die A l t s o z i a l i st e n sind zu einer kleinen Gruppe herabgesunken. Sie haben ihre Wähler zum weitaus größten Tell tat­sächlich an die S.P.D. zurückgegeben. 1926 hatten sie 98 026 Stimmen, während sie jetzt nur noch 34 768 aufbrachten. Schuld daran ist nicht zuletzt das allzu „nationale" Auftreten gewisser alisoziali- stischer Führer und das Verhalten des „Volks- staats", des einzigen Parteiorgans, das seine Sym- pathien für die Rechtsverbände zu deutlich zeigte. Das ertrug die altsozialistische Arbeiterschaft nicht. Arbeiter, die früher jahrelang verhetzt waren, kön­nen nicht auf diesem Wege für Besseres begei­stert werden. Dann aber hat die Partei sich auch dadurch ganz wesenllich geschadet, daß sie bet ihrer Propagandaarbeit im Reich die Arbeit im eige­nen Kernland vernachlässigte. Das hat sich nun bitter gerächt. Wenn das jetzige Resultat für den sächsischen Landtag gälte, so erhielt die A.S.P statt vier Sitzen nur noch einen, während die S.P.D. mit der K.P.D. die Mehrheit hätte. Die Mission der A.S.P. ist nicht zur Durchführung gekommen,, weil es an den wahrhaft bedeutenden Führern ge­fehlt hat. Die sächsische SV.D. wird mit 21 Ab­

Die neuen Landerparlamente.

Außer zum Reichstage haben am 20. Mai be­kanntlich auch Wahlen für eine Reihe von Länder­parlamenten stattgefunden, darunter Preußen, Bayern, Württemberg, Oldenburg und Anhalt. Der Wahlausfall in diesen Ländern gibt im all­gemeinen das Bild wieder, das die Wahlen hn Reiche gezeigt haben. Rur Bayern macht in ge­wisser Hinsicht eine Ausnahme.

Was Preußen anbelangt, so hat die letzte Regierungskoalition durch das Votum des Wäh­lers eine klare Bestätigung erfahren. Der Weimarer Koalition fehlten im verflossenen Land­tag an der absoluten Mehrheit zwei Stimmen, im neuen Landtag hat sie eine Majorität von 4 Stim­men. Von den 450 Mandaten gehören 229 den Weimarer Parteien an. Die preußische Verfassung schreibt nicht vor, daß die Regierung nach Neu­wahlen zurückzutreten hat. Das jetzige Kabinett Braun kann also das Wahlergebnis einfach mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen und wie nach einem parlamentarischen Vertrauensvotum ohne Aufenthalt weiter amtieren. Von die- fern Ergebnis wird wohl am wenigsten der Frak­tionsführer der Deutschen Volkspartei in Preußen, Herr von Campe, erbaut fein, der bekanntlich nach den Dezemberwahlen 1924 die Große Koali­tion in Preußen gesprengt hat, um die Rechtskoali­tion an ihre Stelle zu fetzen. Dieses Experiment ist mißglückt. Es ist dem Herrn von Campe wohl mehrfach gelungen, die Regierung der Weimarer Koalition zu stürzen. Aber er konnte das nur mtt Hilfe der Kommunisten. Er blieb unfähig, eine andere Regierung zu bilden. Als die Kommu­nisten der sinnlosen Komödien des Herrn von Campe überdrüssig wurden, mußte dieser klein bei­geben Seitdem hat die preußische Regierung, von gewissen Racheakten des Herrn von Campe abge­sehen, ziemlich ungestört arbeiten können. Der bei den mannigfachen Wahlen des letzten Jahres im­mer wieder in Erscheinung getretene Ruck nach links hätte Herrn von Campe eigentlich veranlas­sen sollen, das ©einige zu tun, um wenigstens in persönlicher Hinsicht den Weg zur Großen Koali­tion zurückzufinden. Unter dem Einfluß des Z e n« trums hat sich die preußische Regierung wieder­holt bereit erklärt, die Große Koalition zu erneu­ern. Aber die. mitunter gehässige Polemik des

Campe Streuen . hat die

Weg ------------------„...perlt. Bei d-r^Nuf-

stellung der Kandidat-mststen bat er nach Möglich­keit die gemäßigten Elemente in seiner Fraktion, fo vor mllem den früheren Finanzminister von Richter ausgemerzt. Es würde ein großes Ent­gegenkommen der Regierung in Preußen fein, wenn sie jetzt, wo sie über eine feste Mehrheit in ihrem Parlament verfügt, Herrn von Campe zur Teilnahme an der Regierung einladen würde. Es würde in der Tat ein sehr großes Entgegenkom­men fein.

Sei bayerischen L a ndta gs wah len haben den Sozialdemokraten ebenfalls einen star­ken Mandatsgewinn gebracht. Aber auf der an­deren Seite auch den Deutschnationalen einen klei­nen Zuwachs gewährt. Die Bayerische Dolkspartei behält ihr Mandatsziffer, doch geht ihr prozentua­ler Anteil an der parlamentarischen Vertretung zurück. Die bisherige Regierung behält ihre Mehr­heit, wenn der Bayerische Bauernbund weiter mitmacht. Auf der anderen Sette hätte eine Koalition von Bayerischer Volkspartei und Sozial­demokraten fast eine Zweidrittelmajorität. Es ist .nicht ausgeschlossen, daß im Reich die Große Koali­tion gebildet wird, und zwar unter Mitwirkung der Bayerischen Volksvartei. Das wäre dann das erste Mal, daß die Bayerische Dolkspartei über­haupt mit der Sozialdemokratie zusammenregierte. Würde dieser Fall eintreten, dann könnten natür­lich in Bayern feine grundsätzlichen Bedenken der Bayerischen Volkspartei gegen eine Koalition mit der Sozialdemokratie mehr bestehen. Die theore­tischen Diskussionen darüber sind wohl auch schon in einem diese Koalition beiahenden Sinne abge» schloffen. Aber es handelt sich jetzt nicht mehr um die Theorie, sondern um die Praxis.

Einen schweren Schlag Hai die Regierung in Württemberg erlitten. Mle mit den Deutschnationalen verbündeten Parteien haben einen starken Stimmenverlust zu verzeichnen. Al­lerdings hat er im Zentrum n ich t zu einem Mandatsverlust geführt. Die Deutschnationale Partei des Herrn Bazille aber ist halbiert worden. Es ist zu erwarten, daß die Führung der porig« mentarischen Geschäfte nunmehr an die Sozial­demokratie übergeht, die ihre Mandatsziffer von 13 unter 80 auf 22 erhöhen konnte. Demokraten, Zentrum und Sozialdemokraten haben mit 47 Mandaten eine festere Mehrheit als die seitherige Regierungskoalition, die von 80 Mandaten nur über 42 verfügt. Die Deutschnationalen, der Bau­ernbund, das Zentrum und der Christliche Volks- dienst (eine evangelisch-pietistische Parteigründung) machen im neuen Landtag zusammen 40 Mandate aus, das ist zwar genau die Hälfte, aber feine Mehrheit. Die Frage ist allerdings, was die Deutsche Volfspartei (4 Mandate) machen wird. Sie fann. wenn sie sich mit dem Zentrum einigt, die alte Koalition zustandebringen. Doch bestände diese bann einschließlich des Christlichen Dolksdien- ftes aus 5 Parteien, und das ist etwas viel und sehr lästig bei der Verteilung der wenigen Mini- sterposten. Da überdies ba$ Zentrum der Hilfe der Deutschnationalen sehr überdrüssig geworden ist, dürfte wohl die Weimarer Koalition gebildet wer­den. • . ,

In Anhalt haben die Landtagswahlen mfo- fem eine Verschiebung in der Regierungsmehrheit erbracht, als zwar die Sozialdemokraten ihren Be­sitzstand an Mandaten behaupten konnte, aber die

Völkisch-Nationale Block, der mit großen Hoffnungen in den Wahlkampf ging, hat ferne 265 000 Stimmen vollständig nutzlos vertan und damit vier Mandate verwittschaftet. und feiner dieser Gruppe um Graefe, Hennig, Mulle kehrt wieder in den Reichstag zurück. Nur die Nationalsozialisten Hitler'scher Richtung haben 12 Mandate erlangen, es aber doch nicht zur Frak- ttonsstärke bringen können. Auch sie werden voll­ständig einflußlos im neuen Reichstag bleiben. Nicht minder wird das der Fall sein für diesen'tzkn Grüppchen, die zwei und drei Mandate erlangt heben, denn was wollen denn diese Dertteter ohne einen Fraktionsrückhalt mitten in einer Masse von 500 Abgeordneten praktisch erreichen? Das gilt vor allem für die beiden Vertreter der Volks­rechtspartei, die dazu noch in hohem Grei­senalter stehen.

Das alte bürgerliche Sprichwort: Durch Schaden wird man klug! scheint auf das politische Leben in Deutschland keinen Einfluß zu haben. Sonst hätte man doch au8 den früheren Erfahrungen lernen können und lernen müssen. Jetzt ergibt sich, daß fast der gesamte Zuwachs an Wähler- stimmen auf die Splittergruppen verloren gegangen ist. Kann man sich einen größeren Unsinn denken? Kann man sich aber auch einen größeren Miß- brauch des wichtigsten Rechts, das die Verfassung des neuen Deutschen Reiches den Bürgern gegeben hat, denken? Wir möchten immer noch nicht die Hoffnung aufgeben, daß man doch endlich aus den Erfahrungen und Enttäuschungen lernen möge, denn daß es zu solchen Enttäuschungen notwendiger­weise gerade bei denjenigen Gruppen, die den einen ober anderen Abgeordneten in den Reichstag brachten, kommen muß, ist ganz Har, wenn sich erst einmal ergibt, daß diese Abgeordneten völlig einflußlos sind und auch nicht das ge­ringste im Sinne der gemachten Versprechungen und erweckten Hoffnungen erreichen können.

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