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Fuldaer Zeitung

Donnerstag, den 17. Mai 1928.

Die Pflicht zur Wahl.

2. Blatt.

Druck der Fuldaer Ackieudruckerei, Fulda

Himmelfahrt.

„Damit an dem Orte, wo sein Leiden begann, auch seine Herrlichkeit ihren Anfang nehme", heißt es in einem Kirchengebete. Daß doch die Welt den inneren Zusammenhang zwischen Leid und Herr­lichkeit so schwer versteht! Sie möchte immer und überall die Leidensstation überspringen, um sich dafür gerne mit einer Herrlichkeit zufrieden zu ge­ben, die von außen aufgeklebt ist, statt von innen ju leuchten. Diese Art Herrlichkeit ist aber, was sie ihrer Natur nach sein muß, nichts weiter als ein goldbronziertes Elend, eine aufqeblasene Nich­tigkeit, gerade gut dafür, einfältige Kinder zu blen­den. Der nächste Regen wäscht alles ab und die Herrlichkeit ist für die Kaße, die wirkliche Kleinheit und Erbärmlichkeit wird offenbar.

Und in der Tat, wer kein Leid erfahren hat, was kann der wissen? Wer nie in die Kelter der Sorgen zerpreßt ward, was kann der bedeuten? Wer nie selber tiefstes Elend erfuhr, wem kann der wirksam die Hand reichen. Wem der Karfunk'l- stein der Seele von irdischer Sattheit verklebt und verschleimt ist, wie und wo kann der leuchten?

Ja, wenn die Krone den König machte, da wär halt leicht König sein. Wir können nur verherr­licht werden durch das, was wir sind, nie durch das, was wir haben.

Und noch einmal: Ich möchte nicht in die Hand eines Menschen gegeben sein, der nie Leid erfuhr, möchte nie auf die Barmherzigkeit eines angewie­sen sein, der selber nie Barmherzigkeit nötig hatte, möchte nie auf die Liebe eines solchen warten müs­sen, der nie selber einmal bitter Liebe entbehren mußte. „Leid wäscht die Augen" sagten unsere Altvorderen. Mir scheint, es tut noch'viel mehr, und Christi Himmelfahrt erinnert daran.

I o d o k u s.

Seit 1923 draußen!

Der sozialdemokratische „Bolksfreund" in Karls­ruhe schreibt in Nr. 109:

„Tatsache ist, daß die Sozialdemokratie seit beim Aus. tritt aus der Regierung Stresemann im November 1923 überhaupt nicht mehr in der Reichsregie­rung vertreten war In den 110 Monaten vom Februar 1919 bis zum Mai 1928 ist die sozialdemokrati. sche Partei überhaupt nur 37 Monate in der Reichsre­gierung durch Minister vertreten gewesen."

Ja, so ist es, 37 Monate waren die Sozialdemo­kraten in der Regierung und 73 Monate haben sie sich von jeder verantwortungsvollen Mitarbeit ge­drückt. Die st ä r k st e Partei des Reichstages hat mit ihren 131 Abgeordneten völlig versagt, und dessen rühmen sie sich jeßt noch im Wahlkampf. Nun kommen aber die Sommunt ft en und werfen der Sozialdemokratie vor, daß sie die stärkste Partei im Reichstage sei und nichts für die Arbeiter getan hätte. Der Vorwurf ist berechtigt. Hat es über­haupt einen Sinn, eine Partei zu wählen, die sich geradezu rühmt, in der Regierung und im Par- lament nichts gearbeitet zu haben?

Dagegen ist zuzugeben, daß die Sozialdemokra- sie t n den Landesregierungen seit dem November 1918 zum Teil immer vertreten gewesen ist. Freilich, in den Landesregierungen ist eine

Jeden politisch denkenden Menschen erfüllt es mit Graufen, daß das deutsche Volk angesichts einer so bedeutsamen Wahl, wie sie uns jeßt be­vorsteht, sich in nicht weniger als 31 Parteien zer­splittert 31 Parteien, sage und schreibe, einund­dreißig Parteien preisen sich als Retter des Volkes an!

Wahl-Arithmetik ist eine ganz andere als die bürgerliche Arithmetik. 1 und 1 ist noch lange nicht zwei, und zwei und zwei ist noch lange nicht vier, und vier und vier ist noch lange nicht acht.

Wenn wir jeßt beobachten, daß für ein und dieselbe Sache sich zwei, vier, ja sogar acht Par­teien auf einmal einzuseßen vergeben, so wird kein politisch denkender Mensch der Meinung fein, daß diese zwei, vier oder acht Parteien mehr lei- ften als ein einzige große Partei. Was ist es für ein Unsinn, daß die früher einheitliche völkische Partei heute in vier Splitter, die kommunistische in ebenso viele Gruppen zerfällt, und daß die Bau­ernschaft unter vier Landbundlisten wählen soll. Die Aufwertungsgruppen haben es glücklicherweise auf acht gebracht. Noch am bescheidensten sind die sogenannten Dolksrechtsparteien, von denen sich zwei aufgestellt haben, die nun untereinander aus« knobeln müssen, welches die wirklich richtige ist!

Unsinn, du siegst! Denn wer wollte behaupten, daß, selbst wenn es diesen Splitterparteien gelingt, den einen ober anderen Siß im Parlament zu erringen, damit für die von ihm vertretenen Inte­ressen mehr erreicht sei, als wenn sich eine große Partei mit ihrer gesamten Macht für die Wahr­nehmung dieser Interessen ins Zeug legt.

Der Effekt ist, daß hunderttausende von Stim­men auch diesmal wieder vollständig verloren ge­hen werden. Das jeßige Wahlrecht ist ja darauf aufgebaut, daß jede Stimme zählt. Im Jahre 1924 wurden nicht weniger als 600 000 Stimmen auf Splitterparteien vergeudet, die es zu keinem Mandat brachten. Wenn nicht alles täuscht, wird bei diesem Wahlgang diese Ziffer noch wesentlich überschritten. Ob ich nun einen Wahlzettel für eine solche Splitterpartei abgebe, oder diesen Zet-

viel angenehmere Arbeit zu leisten, als ;m deutschen Reichstage. Außerdem haben die Lan­desregierungen hunderte, ja tausende von Deam- tenstellen zu besehen, die unter politischen Gesichts­punkten besetzt werden. Und weil die Sozialdemo, kratie dadurch die Möglichkeit hat, ihre eigenen Parteigänger in bevorzugte Beamtenstellungen zu bringen, darum kämpft sie mit dem größten Nach­drucke für eine Beteiligung in den Länderregierun­gen. Im Reiche dagegen, wo die viel schwere­ren und viel größeren Aufgaben deutscher Volks» Politik zu lösen sind, dort versagt sie ihre positive Mitarbeit und rühmt sich noch dafür im Wahl­kampfe. Und so etwas nennt sich dann aufrichtige, demokratisch-republikanische Polittk.

tel in den Abfalleimer werfe, ist im Effekt ganz genau das Gleiche.

Man stelle sich beispielsweise einmal vor, daß von den 7 oder 8 Aufwertungsparteien je eine ein Mandat bekäme. Jede einzelne dieser Parteien stellt sich aber doch, — sonst würde sie ja nicht eine eigene Partei aufmachen — Art und Ziel der Auf- Wertung anders vor. Nun überlege man sich ein­mal praktisch, was aus dem Widerstreit solcher Abgeordneten in ein und derselben Frage heraus­käme! Wenn sie wirklich eine politische Macht er­langen könnten, würde eine derartige Zersplitte­rung sie von vornherein zur Ohnmacht verdam­men. Da es aber garnicht denkbar ist, daß diese Splitter überhaupt zu einer parlamentarischen Be­deutung kommen, so haben sie es nur einem güti­gen Geschick zu verdanken, daß sie sich nicht in Grund und Boden lächerlich machen.

Daß überhaupt soviel Splitterparteien zur Auf­stellung gelangen konnten, ist ein Sieg des Stamm« tischgeistes, der in politischen Dingen bei uns in Deutschland noch ganz besonders ausgeprägt ift Wie wäre es sonst möglich, daß eine Familie Wulf» meyer aus Barmen eine eigene Liste aufmachen könnte! Ein Gefühl der Scham über das poli­tische geistige Niveau in weiten Teilen unseres Volkes überkommt einen, wenn man etwas der­artiges vernimmt.

Nun heißt es ober gerade erst recht wählen! Wer nicht wählt, begibt sich jedes Rechtes der Kri­tik nicht nur, sondern auch jedes Rechtes zur Mit­arbeit. Wer kritisiert, ohne Anstalten zu machen, aktiv an der Besserung der Verhältnisse mitzubel- fen, nutzt nicht feinem Volke, sondern schadet ihm nur. Wer sich verärgert zurückzieht, well er diese ober jene vielleicht sogar privaten Interessen nicht für genügend berücksichtigt hält, hat jeden Anspruch daraus verwirkt, als politischer Mensch zu gelten — Noch selten hat es eine Wahl gegeben, bei der das Wort: Wahlrecht ist Wahlpflicht, eine so tiefe und für die Gestaltung unserer gesamtpolitischen Verhältnisse fo entscheidende Bedeutung gehabt hätte, wie diesmal.

Dom „Segen0 des Kommunismus.

Heber „Arbeitslose und Arbeitslosigkeit" im Kommunistenparadies Rußland schreibt W. Woy- tinsky im sozialdemokratischen „Vorwärts" (2071): „Kein besonderer Scharfsinn ist erforderlich, um einzusehen, daß die hoffnungslos ungeheure Ar­beitslosigkeit in Rußland mit dem wirtschaftlichen System der Sowjets aufs engste verbunden ist; in einem wirtschaftlich rückständigen Lande, wo die private Initiative erwürgt und die Industrie über« bürokratisiert ist, wo die Landwirtschaft systema­tisch ausgeplündert wird, wo der Handelsapparat zur Drosselung des Warenaustausches und zur künsttichen Verzerrung der Preise dient, in solch

einem Lande kann die Produktion nicht die ihr zu­fließenden Arbeitskräfte auftaugen, der Staat ist aber nicht imstande, den Arbeitslosen eine ange­messene Unterstützung zu sichern. Dieses ist eir neuer Beweis dafür, daß der Sozialismus öurd eine gewaltsame Verstaatlichung der Fabriken nock nicht erreicht wird." Ein ähnliches Los würde bei deutschen Arbeitnehmerschaft blühen, wenn nitf dem Willen der deutschen Kommunisten „das wirt­schaftliche System der Sowjets" auf Deutschland übertragen würde. Darum am 20. Mai feint Stimme den Kommunisten!

Die „Italia" am Nordpol.

Die „Italia" ist am Dienstagnachmittag vor Kingsbay zu ihrem Nordpolflug aufgestiegen Es verlautet, daß Nobile eine dreitägige Fahr plane und beabsichtige, wenn sich dies als möglicl erweisen sollte, Grönland, Nikolaus U.-Land urü die Gegenden am Nordpol aufzufuchen.

General Stabile hat um 6.45 Uhr nachmittag, nach Rom drahtlos folgende Mitteilung gegeben: „Wir fahren feit 1.15 Uhr über Packeis. Sei! 1H Stunden sind wir immerwährend in Stebd eingehüllt und sind infolgedessen tiefer gegangen so daß wir jetzt 150 Meter über dem Smegel bei zugefrorenen Meeres fliegen. Die Sichtigkeil wechselt zwischen 2 und 15 Kilometer. Es biete! sich uns ein prachtvolles Schauspiel dar. An Bori ist alles wohl."

wtb. Rom. Em neuer Funkspruch Genera! Nobiles an die Agentta Stefani besagt: Ui» 10.30 Uhr abends beschloß ich, Kurs nach Norder zu nehmen, um tiefer m das unerforschte Gebiet vorzudringen. Wir erreichten einen Punkt untei 82 Grad nördlicher Breite und 28 Grad 30 Minu­ten östlicher Länge. Von dort wandten wir uns nach der Alfred-Harms worth-Jnsel. Um2.3t Uhr kam diese der Franz Joseph Grupp« benachbarte Insel in Sicht. Wir haben mäßige« Gegenwind. Die Sicht hat sich bedeutend ver­bessert. Wir haben keine Anzeichen neuen Landes gefunden. ______________

* Ein Marinesoldat im Hamburger Stadtpari niedergeschossen. (Eig. Funkm.). Am Dienstag» nachmittag wurde im Hamburger Stadtpark bei 20 jährige Marinesoldat Wilhelm Köster von bei Torpedohalbflotille Stomcmünbe mit einer schwerer Schußwunde unterhalb des Bmstkorbes bewußtlos aufgesunden. Der Schwerverletzte wurde ins Kran­kenhaus übergeführt. Nach seiner Angabe hat -:m ihm entgegenkommender mit Manchesteranzug uni Ballonmütze unbekannter Mann chn nach der Zell gefragt und dann unmittelbar darauf auf ihn ge» schossen.

* Feuersbrunst in einem amerikanischen Colleg, In einem Schlafsaal für Studeniinnen eines College in Springfield in Ohio brach eine Feuers­brunst aus. Eine Studentin fand den Tod, eine wurde schwer verletzt.

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AßV A V

Llms Datererbe.

Roman von Karola Hellmuth.

12] ---------

„Vater, ich lasse mich nicht beleidigen, erst recht aber die Dame nicht, die sich unter meinen Schutz gestellt hat."

Vater Barkamp bläst leise den Wind durch die zu­gespitzten Lippen.

„So pfeift der Wind aus dem Loch? Was hat euch denn der Ohm getan?"

„Das war unrecht von dir, Hermann, du solltest Rücksicht auf meine Gäste nehmen!"

„Das tue ich ja auch, darum räume ich das Feld. Mit so seinen Herrschaften können meine plumpen Lauernfäuste nicht umgehen. Willst du endlich einstei­gen, Rieke, sonst fahre ich allein. Addjes, Schwester, sag mir mal Bescheid, wenn es sauber ist auf Barkampshof, vielleicht komme ich dann wieder."

Ehe noch jemand eine Antwort geben konnte, pfiff die Peitsche über den spiegelblanken Rucken der Pferde und der Wagen sauste zum Tor hinaus.

Vater Barkamp blickt unzufrieden drein. „Cs ist mir nicht recht, daß Wemhoffs so in Unfrieden gegangen sind, es wäre doch bester gewesen, du hättest Hildebrands zu Hause gelosten, Dieter."

Dietrich zuckt gleichmütig die Achseln.

„Run, an denen verlieren wir nicht viel, mir ist's schon gleich, ob sie wieder kommen oder nicht."

„Mir aber nicht, Dieter; Hermann Wemhoff ift doch mein Bruder!" sagt die Mutter mit Tränen in der Stim­me. Dietrich zuckt zusammen. Der Vater aber klopft ihm derbe auf die Schulter und erwidert scharf: „Schäme dich, Junge, deine eigene Mutter zu beleidigen! Cs fragt sich auch noch groß, wer mehr wert ist, Ohm Her­mann und feine brave, fleißige Frau, oder das Faulen- zervolk drüben auf dem Riedhof."

_ „Vater, ich bitte dich, wenn Hildebrands dich hören! Stifte nicht noch mehr Unfrieden!" mahnt Frau Anna mit einem besorgten Blick auf Dietrich, dem das Blut zu Kopfe steigt. Aber Hildebrands hören den Schulzen nicht, sie find längstens ins Haus gegangen, um ihre Sachen zu holen und sich zu verabschieden. Es ist ihnen unge­

mütlich geworden in der Gesellschaft. In der Küche fin­den sie nur Leni, die am Herd steht und soeben den schö­nen, saftigen Braten begießt

„Holen Sie uns sofort unsere Sachen!" fährt Luise sie an, „wir wollen fort aus dieser ordinären Gesell­schaft."

Leni blickt erstaunt aus. „Sie muffen sich schon einen Augenblick gedulden, bis Mina wieder kommt; sie weiß am besten, wo die Sachen liegen!" erwidert Leni fteund- lich.

„Was nehmen Sie sich heraus, uns warten zu lasten hier in der dreckigen Küche? Ich werde mich bei Herrn Barkamp beklagen, verstehen Sie?", zürnt Luise hoch, mütig.

„Sie können ja solange ins Zimmer gehen!" erwidert Leni noch immer ruhig und artig. „Mina muß jeden Augenblick kommen, ich kann nicht gut vom Herd weg­gehen."

„Eine nette Wirtschaft scheint das ja hier zu fein! Ein Glück, daß Papa nicht mit ift, wir hätten uns vor ihm nett blamiert!" Luise wendet sich der Mutter zu, Leni hochmütig den Rücken kehrend.

In diesem Augenblick kommt Dietrich herein.

„Aber Leni, wie kannst du die Damen in der Küche stehen lassen?", herrscht er Leni an.

„3d) habe sie doch gebeten, ins Zimmer zu gehen, die Damen wollten ja nicht."

„Sie uns gebeten ins Zimmer zu gehen. Sie Lüg­nerin?" höhnt Luise, „wir sollten hier warten, bis irgend ein anderes Mädchen käme und uns unsere Sachen gäbe, haben Sie gesagt, und noch dazu in sehr frechem Tone, obwohl wir ganz artig um unsere Sachen gebeten haben."

Leni ift zu verblüfft, um gleich eine Antwort geben zu können, auf Dietrichs Stirn aber schwillt die Zornes- ader. Nun hat er doch jemanden gefunden, auf den er den ganzen Ingrimm, der fein Inneres erfüllt, abladen kann.

„Leni, was unterstehst du dich, du freches Ding? Meinst du, weil man dir eine Ausnahmestellung einge­räumt hat, so könntest du dich hier als Herrin gebärden? Marsch hinauf, und hol den Damen die Sacken!"

„Ich kann nicht, Herr Barkamp, ich muß am Herd bleiben," erwidert Leni ruhig, aber fest Sie ist toten­blaß geworden und ihre Hände zitterten.

Schon hat Dietrich, seiner kaum noch mächtig, sie am Arm genommen und will sie mit Gewalt zwingen, als Frau Hildebrand dazwischen tritt

„Machen Sie keine Sensation, Herr Barkamp, ich meine, es ist uns heute hier gerade Unliebes genug be­gegnet. Es ist vielleicht auch bester, wir bleiben wenig, stens bis zum Abendessen, dann können wir ohne Auf- sehen verschwinden. Herr Barkamp, Sie sind wohl so freundlich, uns ein Zimmer zu zeigen, in dem wir uns ein wenig erholen können."

Frau Hildebrand hat mit lüsternem Blick den großen, saftigen Braten in der Pfanne entdeckt; da hat sie doch der Versuchung nicht widerstehen können, zum Abendessen zu bleiben, zumal wenn sie an das dürftige Abendbrot denkt, das ihrer zu Hause warten würde.

Als Dietrich mit den Damen im Zimmer verschwun­den ist, kommt Wisken hochrot vor Zorn aus der Wasch­küche hervor.

„Die alte Schrute, hu, was die sich tat! Ich IpC. -- wohl gesehen, immerzu guckte sie bloß nach dem Br< V Ja, die weiß auch wohl, wo es am besten ist. A. \ Leni, was ist Ihnen denn?" unterbricht sie sich, als sie sieht, wie große, blanke Tropfen über Lenis Backen rollen.

„Was hat Ihnen die lange Bohnenstange getan? Sie sollten ihrs tüchtig wiedergegeben haben. Ich Habs wohl gehört, von der dreckigen Küche hat sie gesprochen. Na warte du! Auf dem Riedhof wird wohl ein nettes Dreck­loch fein; hier bei Barkamps ist alles blitzsauber, ver- stehste das!"

Sie dreht mit der geballten Faust komisch zum Zim­mer hin, so daß Leni trotz ihres Schmerzes lächeln muß.

„So, nun lachen Sie wieder, Leni, das ist recht. Man darf sich von so einer Bagage nicht unterkriegen lassen, sie verdienens ja gar nicht, daß man über ihre Grob­heiten weint"

Nun ist das Fest trotz der Zwischenfälle doch leidlich gut zu Ende gegangen. Aus dem Tanz ist freilich nicht viel geworden, nur die Knechte und Mägde haben sich ileitlana nack den Klängen einer Ziehharmonika

gedreht Dietrich, dem doch eigentlich der erste Tanz mit Leni zufiel, brachte die Hildebrandsdamen nach Hause, Leni selbst aber hatte sich gleich nach beendeter Arbeit auf ihr kleines Giebelzimmerchen zurückgezogen, Kopf, schmerzen und große Müdigkeit vorschützend. Frau Anna selbst hatte sie gedrängt, hinaufzugehen.

„Kind, wie stehst du aus!" hatte sie besorgt gesag., „du hast dir viel zu viel zugemutet. Hättest die anderen Mächen bester dran kriegen sollen, die Mina und Therese, die waren doch besonders zum Helfen gekommen. Du bist immer zu gut und nimmst ihnen die meiste arbeit vorweg."

Nun sitzen die Barkampsleute zusammen mit ihrer ältesten Tochter, die noch allein von den Gästen geblieben ist, recht verärgert im Wohnzimmer. Vater Barkamp trommelt in finsterem Schweigen mit den Fingerknöcheln auf den Tisch, ein Zeichen, daß er erst seine Erregung her- unterwürgen will, ehe er spricht. Frau Barkamp sieht besorgt und kleinlaut aus, sie blickt ihren Mann manch, mal scheu von der Seite an, wagt aber nichts zu sagen, eine Seltenheit bei der doch sonst in allen Lebenslagen redegewandten Frau.

Endlich nimmt Anna, die älleste Tochter, eine robuste Erscheinung, die ganz genau der Mutter gleicht, das Wort. Anna ist auf einen großen Schulzenhof im benachbarten Kirchspiel verheiratet worden, sie hat darum immer eine große Nummer beim Vater und bei der Mutter.

„Ich meine, es war verfehlt von Euch, die Hildebrands einzuladen, sie paßten nicht herein und kamen sich selbst ganz überflüssig vor. Das Erntefest ist doch eigentlich mehr ein Familienfest. Solche eingebildete Leute gehören nicht dazu!"

Eine Pause folgte ihren Worten, Frau Barkamp blickt wieder scheu zu ihrem Mann hin; dieser setzt sein Ge. trommel noch eine Zeitlang fort, bis die Tochter sich be­wogen fühlt, hinzuzusetzen: „3d) hab ja fein Recht, euch Vorschriften zu machen, das weiß ich wohl, und ich habe es ja auch nicht so böse gemeint; ich meine nur, es ift doch unangenehm, daß Wemhoffs so ärgerlich weg­gefahren sind. Familie ist und bleibt Familie und mir sind Wemhoffs lieber als die ganze aufspielerische Ge­sellschaft vom Riedhof, wenn auch der Ohm manchmal etwas weniger grob lein könnte." <Fotts. folgt.)