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Anzeiger für die Stadk Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt

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Nr. 111.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

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Samstag, 12. Mal 1928.

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55.Zahrg.

Der amerikanische Senat hat die Schiedsverträge mit Deutschland und Italien sowie den Schlich­tungsvertrag mit Deutschland angenommen.

England und die internationale Politik.

ttriegrüchtung. — Nheinland-Uäumung. — Der ausgewiesene Prinz Larol

des britischen Reiches. Wenn England Aegypten nicht in Obhut nähme, würde dies unfehlbar ein an deres Land tun. Was Amerika betreffe, so sei er sich nicht klar darüber, welche Linien Cham- berlain verfolgen wolle. Er wisse nicht, ob Cham­berlain Vorbehalte machen würde. Dies würde ein Fehler sein. Amerika sei das einzige Land in der Welt, das im Vergleich zum Vorkriegsstand Heer und Flotte vermehrt habe. Wenn ein sol- ches Land eine Einladung zur Verfemung des Krieges ergehen lasse, so müsse diese ange­nommen werden. Lloyd George schloß mit dem Wunsche, Chamberlain möge im Namen Groß­britanniens zu gegebener Zeit eine wirklich britische Erklärung abgeben. Dies würde auf die Welt eine sehr große Wirkung ausüben.

Das Oberhaus.

Aus London wird gemeldet: Lord Reading hat für nächsten Dienstag die Einbringung eines An­trages im Oberhause angekündigt, in dem das Oberhaus Kelloggs Plan eines Aniikriegspaktes herzlich begrüßt und die Ansicht ausdrückt, daß die Regierung die Vorschläge in sofortige günstige Erwägung ziehen und erklären sollte, daß sie die darin niedergelegten Grundsätze annehme.

Nutzland und Rumänien.

Auf die Unterhaus-Darlegungen des Arbeiter- parteilers Kenworthys, der an die Meldun­gen erinnerte, denen zufolge Lord Birkenhead bei seinem Aufenthalt in Berlin ein neues Zusammen» gehen Englands, Deutschlands und Frankreichs erörtert und befürwortet haben solle, erklärte Chamberlain, Birkenhead habe keine derartigen Vorschläge gemacht. Stresemann habe dies in Abrede gestellt und auch er, Chamberlain, habe Birkenheads Vollmacht, es in Abrede zu stellen.

Im Unterhause teilte der Innenminister mit, daß er von Herrn Jonescu eine Mitteilung erhalten habe, die Bedauern im Namen des Prinzen Carol darüber ausspricht, daß dieser unbeabsichtigt der britischen Regierung Schwierigkeiten verur­sacht habe und Zusicherungen gibt, daß, wenn das Ersuchen des britischen Innenministers, Carol möge das Land sobald wie möglich verlassen, zurück­gezogen wird, er während seines Aufenthaltes in England keine politische Tätigkeit aus­üben werde. Der Innenminister fuhr fort, er habe leider antworten müssen, daß der bereits erfolgte bedauerliche Eindruck nicht durch irgend welche Versicherungen für die Zukunft beseitigt werden könnte und, während er bereit sei, ihm eine ange­messene Zeit zu gewähren, um Vorkehrungen zum Verlassen des Landes zu treffen, unter der klaren Voraussetzung, daß sich Carol und die direkt mit ihm verbundenen Personen inzwischen peinlichst jeder politischen Tätigkeit enthalten werden, et der Ansicht sei, daß die bereits gegebene Anweisung nicht zurückgezogen werden könne. Der In­nenminister fügte auf eine weitere Anfrage hinzu, er hoffe, „dieser Gentleman" werde bis Montag das Land verlassen haben. Unter dem dröhnenden Gelächter des Hauses bestand das Arbeitermitglied Kenworthy darauf, daß Carol sein rechtmäßiger Prinzentitel und nicht die Bezeichnung „Gentla- man" gegeben wird.

Wie vom Gastgeber des Prinzen Carol mit­geteilt wird, muß dieser wegen einer Erkältung mit Temperaturerhöhung das Bett hüten.

Das englische Unterhaus hatte in Erwartung der Erklärungen Chamberlains zum Kellogg- Pakt das Gepräge eines „großen Tages". Mac- donald leitete die Debatte über den Voranschlag des Foreign Office ein, indem er auf die ägyptische Frage und den von Kellogg vorgeschlagenen Frie­denspakt zu sprechen kam. Macdonald erblickt in dem Verttagsentwurf mit Aegypten kein Element zur Schaffung glücklicher Beziehungen und be­dauerte, daß die Besprechungen so geführt werden, wie wenn dies die einzig mögliche Grundlage sei. Die Bemerkung Macdonalds, daß überttiebcne Machtentfaltung nicht ein Zeichen der Stärke, son­dern ein Zeichen der Schwäche sei, löste Beifall bei der Opposition aus. Die Behandlung der letzten Krise hat nach Ansicht Macdonalds England in den Augen Aegyptens erniedrigt statt erhöht.

Chamberlain erklärte weiter: Unter den be- stehenden Umständen würden heute Verhandlungen mit Aegypten zwecklos sein, bis Zeit und Erfah­rung ihr Werk getan habm. Inzwischen werde alles von der britischen Regierung getan werden, um es möglich zu machen, die englisch-ägyptischen Beziehungen zu führen, ohne diese wiederkehrenden Krisen oder die Zuflucht zu ernsten Warnungen oder zur Entsendung von Schiffen. Lord Lloyd sei vom ägyptischen Premierminister ersucht worden, ihm (Chamberlain) seinen Dank für den versöhn­lichen und fteundschaftlichen Geist zu übermitteln, der die glückliche Lösung der kürzlichen Krise ein- K'*en habe. Nahas Pascha habe erklärt, daß Regierungen ihre Standpunkte aufrechter, halten hätten, aber seinen nachdrückliche Wunsch erneuert, im Einklang mit der britischen Regierung zu arbeiten und künftige Reibungsflächen zu ver­meiden.

Auf die amerikanische Note bezugnehmend, er­klärte Chamberlain, die Regierung begrüße nicht nur warm die Initiative der Vereinigten Staaten, sondern habe die Hoffnung, daß sie erfolgreich zu Ende geführt werde und einen wirklichen Beittag zum Frieden der Welt leisten werde. Chamberlain fragte: „Ist es nicht ganz natürlich und der Mühe wert, daß wir uns ein wenig Zeit nehmen, um die Beziehung der neu vorgeschlagenen Der- Pflichtung zu den bestehenden Verpflichtungen, die wir übernommen haben, zu erwägen.

Als Chamberlain seine Erklärung beendigt hatte, fragte der Arbettsparteiler Kenworthy, ob England jetzt vollkommen frei sei, vorausgesetzt, daß die Dominions zustimmen, direkt zu verharr- dein und den Verttag zu unterzeichnen und nicht in irgendeiner Weise gezwungen sei, beispielsweiss mit Frankreich zu beraten. Darauf erwiderte Chamberlain: Nein. Wir sind natürlich nicht ge­zwungen, mit irgendeiner anderen Regierung zu beraten, es sei denn, daß wir der Ansicht sind, daß es wünschenswert ist, dies zu tun. Aber der Zweck der amerikanischen Regierung war nicht nur, unsere Unterschrift zu erhalten. Ihr Zweck war .sogar in erster Linie, die Unterschrift von sechs Regierungen zu erhalten, und wenn wir irgend etwas dazu beitragen können, Einstimmigkeit unter diesen Regierungen herbeizuführen, so werden wir gern bereit sein, es zu tun.

Im weiteren Verlauf der Unterhausdebatte ergriff Lloyd George das Wort. Er faßte den Ein­druck von der Rede Macdonalds dahin zusammen, daß Macdonald in der ägyptischen Frage an Chamberlains Stelle genau dasselbe getan hätte wie Chamberlain. Lloyd George bemerkte weiter, es sei nur die Frage zu entscheiden, ob England beabsichtige, in Aegypten zu bleiben oder nicht. Wenn es dort bleibe, müsse es seine Ver­pflichtungen erfüllen. Es gäbe keine Partei im Hause, die für Räumung sei. Aegypten sei das Korridorland zwischen den beiden gwßen Teilen

Der japanische Einzug in China.

Seit einigen Tagen stehen die nach Norden vordringenden südchinesischen Truppen mit japa­nischen Regimentern in einem erbitterten Feuerge­fecht. Es ist bis heute noch nicht geklärt, wer bei diesem Gefecht begonnen hat, ob es einem „Zu­fall" zu verdanken gewesen ist, oder ob hinter die­sem Gefecht bestimmte japanische Absichten bestehen. Bevor General Tschiang kai Schek seinen Vor­marsch nach Norden begann, hatte er einige Wo­chen in Japan zugebracht. Er hatte seinen Ober­befehl niedergelegt, als es ihm im vorigen Jahre Nicht gelungen war, in das Schantung-Gebiet vor­zudringen. Der Mißerfolg lag einmal begrtzydet in den Wirren, die in seiner eigenen Armee aus­gebrochen waren, dann aber auch in der Unter­stützung, die die Japaner seinem nordischen Geg­ner Tschang tso Lin gewährt hatten. Er war zu Beginn dieses Jahres aus Japan wieder zurückge- kehrt, als sich die polittschen Verhältnisse im Kan­tongebiet wieder geklärt hatten und man ihm von neuem den Oberbefehl über die gesamte Südarmee angeboten hatte. In der Zwischenzeit hatte das neue Kabinett in Tokio die Besatzungstruppen aus dem Schantung-Gebiet wieder zurückgezogen. Man mußte annehmen, daß Tschiang kai Schek, als er seinen neuen Vormarsch begann, mit den Japa­nern ins Reine gekommen war. Für eine solche Annahme sprachen gewisse japanische Pressenoti­zen, die einer Politik das Wort redeten, wonach es für Japan nur erwünscht sein könne, wenn die Verhältnisse in China, d. h. die Frage, ob Tschiang kai Schek oder Tschang tso Lin in Peking herr­schen solle, bald entschieden werde. Für eine solche

Annahme spreche auch die Tatsache, daß die Japa­ner sich von Tschang tso Lin zurückgezogen hat­ten, der mit seiner Armee in der Mandschurei bisher freundschaftliche Beziehungen zur Regierung in Tokio gepflogen hatte.

Trotzdem sind nun jetzt bei dem Vormarsch der chinesischen Südarmee in der Stadt Tsinanfu Metzeleien zwischen Chinesen und Japanern vor­gekommen. Die japanische Regierung hatte, um ihre Interessen im Schangtungebiet zu schützen, — es handelte sich vor allem auch um die Eisenbahn­linie von Tsingtau nach Tsinanfu, — ein Truppen- Detachement nach Tsinanfu entsandt. Es waren zunächst nur 2000 Mann, die aber nach ihrer An­kunft, als mit den chinesischen Truppen in Berüh. ruwz kamen, von diesen umzingelt und gefangen genommen wurden. Zu gleitet Zeit erfolgten schwere Ausschreitungen der chinesischen Truppen gegen die in Tsinanfu ansässigen Japaner. Um diese Vorgänge einigermaßen erklärlich zu finden, muß man wissen, daß die japanische Zinjlbevöl- kerung dieser Stadt nicht in einem geschlossenen Fremdenviertel wohnt, sondern unter der chinesi­schen Bevölkerung verteilt ist Es ist sehr leicht möglich, daß die Verwirrung, die bei dem Einzug kämpfender Truppen immer entsteht, gewisse feinb- । selige Stimmungen zur Auslösung gebracht hat. \ ohne daß dabei sofort an eine wirkliche militärische Aktion gedacht zu werden braucht. Japanische Mel­dungen haben davon gesprochen, daß 150 Japa­ner vermißt worden seien. Doch ist man berech­tigt, alle solche Greuelmeldungen mit größter Skepsis zu betrachten, Inzwischen hat das. java­

nische Kabinett beschlossen, die Expeditionsttuppen zu verstärken. Es hat die Eisenbahn von Tsingtau nach Tsinanfu militärisch besetzt. Die Japaner ha­ben weiter eine chinMche Kaserne in die Lust gesprengt und den südchinesischen Militärbehörden die ultimative Forderung zugestellt, di« Stadt Tsinanfu und die Bahn von Tsingtau nach dort in einer Zone von 11,2 Kilomtt. zu beiden Sei­ten zu räumen. Die Chinesen haben sich um diese Forderung nicht gekümmert, vielmehr die Kämpfe fortgesetzt, außerdem auch in Südchina den chinesischen Handel unter allgemeinen Boykott ge­stellt.

Aber all diese Meldungen bedürfen noch der Bestätigung Cs ist nicht recht denkbar, daß die Japaner wirklich die Absicht haben, mit den Chine­sen in einen Kriegszustand zu kommen, mit dem Ziele, das Schantung-Gebiet. das sie allerdings im Jahre 1915 während des Weltkrieges bereits einmal annektiert haben, ihrem Herrschaftsgebiete wieder einzuverleiben. Denn mst der Annektion von 1915 haben sie nur üble Erfahrungen gemacht, und sie müssen damit rechnen, daß ein neuer Versuch ihnen die Feindschaft Amerikas, schließlich aber auch Englands, zuziehen wür- den. Zum mindesten würde der Haß der Chine­sen selbst unauslöschdar werden, denn der südchine­sische Vormarsch trägt nationalistischen Charakter. Und außerdem ist das Schantung-Gebiet die Hei­mat der obersten chinesischen Gottheit, des Kon- futius. So ist es vielleicht auch nicht als ein stra­tegischer Trick zu verstehen, wenn der geschlagene Tschang tso Lin in diesen Tagen ein Friedensmani­fest erlassen hat, in dem er sich bereit erklärt, die Feindseligkeiten gegen Tschiang kai Schek einz'lstel- len. Er will es einet gerechten Entscheidung des chinesischen Volkes überlassen, wer die Macht in China besitzen solle, auf daß China wieder in ein freundschaftliches Verhältnis zu den ausländischen Mächten eintreten könne. Tschiang tat Schek hat sich allerdings um dieses Manifest nicht gekümmert, er überläßt es der Nachhut feiner Armee, mit den Japanern fertig zu werden und setzt feinen Vor­marsch auf Tientsin fort. Inzwischen scheint die japanische Regierung den Kabinetten in Wa­shington, Paris und London beruhigende Dersiche- rungen gegeben zu haben, daß sie tatsächlich nur den Schutz der japanischen Besitzungen in Schan- tung erstrebt habe, denn aus allen drei Städten kommen offiziöse Verlautbarungen, die den japa­nischen Maßnahmen Mißtrauen entgegeplrin-

gen. Diejenigen, die Japan weitergehende Ansich­ten zutrauen, berufen sich auf die innerpolitischen Schwierigkeiten des Kabinetts Tanaku. Weisen auch daraufhin, daß England sich um Schanohai eine feste Jnteressenzone gesichert habe, em Bei­spiel, das Japan nur zur Nachahmung refafl könnte. Aber auch unsere optimistische Betrachtung der chinesischen Verhältnisse ist nicht von der Be­sorgnis frei, daß dis bisherigen kleinen Verwick­lungen immer noch weite politische Nachwirkungen Hervorrufen können.

Tsinanfu den Japanern überlassen.

wtb. Tokio, 10. Mai (Eig. Funkm.) Eine Mel- düng aus Tttnanfu besagt, daß die japanischen Truppen die Süd- und West-Ecken der Stadtmauer in die Luft gesprengt haben, um den noch inner­halb der Stadt verbliebenen südchinesischen natio­nalistischen Streitkräften, die einen energischen Widerstand leisteten, ein Festsetzen an der Umwal- lung unmöglich zu machen. Die chinesischen Trup- Sen wurden dann aus der Stadt gedrängt, Über­tritten den gelben Fluß und flüchteten in nörd­licher Richtung.

Rückzug der nordchlneslschen Truppen.

wtb. London, 11. Mai. (Eig. Funkm.) „Mor- ningpost" berichtet aus Tientsin, daß der Waffen- stiUstandsplan Tschangtsolins feinen baldigen Rück, zug von Peking ankündigt und daß die nördlichen Streitkräfte die vollkommene Räumung Tschilis vorbereiten. Aus Peking wird gemeldet, daß sich die N o r d t r u p p e n auf allen Fronten in Rich­tung Kalgan zurückziehen.

Unruhen in Indien.

wtb. London, 11. Mai. (Eig. Funkm.). Die Blätter melden aus Kalkutta: Im Zusammenhang mit einem Streif der E i se n b a h n a n ge­stellten kam es zu organisierten Angriffen auf Europäer. Die Unruhen nahmen beforgniserregen- den Umfang an. 50 Personen wurden ver- letzt. Europäische Einwohner wurden in den Straßen aufgehalten und mit Steinen beworfen. Die Passagiere wurden aus den Motor-Omnibussen berausgezerrt. Straßenbahnen und Kraftwagen wurden zerstört. Der Stteikführer, ein Inder, wurde verhaftet. Ein verzweifelter Versuch, ihn zu {^freien, wurde von der Polizei verhindert. Ein anderer der Anführer soll ein englischer Kommunist fein.

An Kandidaten fehlt es nicht!

Ein alter Parteifreund schreibt uns:

Willst Du Weisheitsworte hören, Graue Männer mußt Du fragen!

Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, daß jede Partei Vorsicht walten lassen muß, wenn es sich um die Aufstellung von Kandidaten han­delt. Da und dort sehen wir bas Herüber- und Hinübergondeln von Abgeordneten zu anderen Parteien oder neuen Parteigrüppchen. Auch das Zentrum hat unliebsame Erfahrungen gemacht.

Jüngst erschienen beim Schreiber dieser Zeilen zwei Vertreter einer wirtschaftlichen Berufsorgani­sation, um mich zu ersuchen, für den von der Letz­teren vorgeschlagenen Kandidaten einzutreten. Auf meine Frage, ob denn der vorgeschlagene Herr auch zum Zentrum gehöre, wurde mir geant­wortet, daß er vor einem halben Jahre (!) sich bei der Zentrumspartei habe einschreiben las­sen und selbstverständlich auch bereit sei, öffent­lich fürs Zentrum einzutteten, sofern er an s i ch e- rcr Stelle auf den Wahlvorschlag gesetzt würde.

Solche Vorgänge dürften sich auch anderwärts wiederholen. Deshalb erscheint der Hinweis ge­boten, nur erprobte Parteianhänger o,ufzustellen. Wer nur um eines Mandates wil­len zum Zentrum kommt, ist des Mandates nicht wert. Die Selbstlosigkeit ift ein wesent­lich Bestandteil für einen Abgeordneten, um das Vertrauen des Volkes zu erwerben und zu behalten. Wer darum mit Vorbedacht darauf ausgeht, mit dem Mandat ein persönliches Geschäft zu machen, bleibe besser von der Po­litik weg!

Was wir brauchen, das sind Abgeordnete, die den ehrlichen und entschlossenen Willen mitbrin­gen, o pf c r do11e und selbstlose Arbeit zu lefften und die sich überall dort hinstellen lassen» wo man sie am notwendigsten braucht. Wer mit anderen Gedankengängen kommt, wird und muß insbesondere in der Zentrumsfraktion des Reichstags schwere Enttäuschungen erleben und auch solche der Fraktionsführung bereiten.

Wir brauchen weiter Abgeordnete, die voll Idealismus ins öffentliche Leben hineintreten und die auf Grund innerster Ueberzeugung von den Grundsätzen und Idealen der Zentrumspartei erfüllt sind; Abgeordnete, die auch den Weg in die vielen katholischen Vereine hinein schon gefunden haben und denen die Sorgen, Arbeiten und Ziele dieser Volkskreise bekannt sind.

Das politische Leben ist vielgestaltig; das Ersreu- liche ist oft dünn gesät: das Unerfreuliche aber lernt jeder richtige Abgeordnete viel mehr kennen. Rück­schläge müssen in Kauf genommen, Widerwärtig­keiten aller Art überwunden werden. Ein Zen­trumsabgeordneter darf ttotzdem nie verzagen; gerade er muß den Kopf hochhalten und sehen, wie schwierige Situationen sich überwinden lassen; Gott die Ehre! Dem Volke den Segen! Solcher Geist tut not! Mit ihm werden alle Schwierigkeiten überwunden! ... ...

Der Abgeordnete muß selbst Führer fein! Er darf sich nicht von „Anderen" einfach führen lassen und nur das tun, was diese ihm zu unter­breiten wissen. Die ganze berufsständische Ge­fahr, die unser politisch es Leben bedroht, würde bald verWwinden, wenn überall Männer und Frauen als Abgeordnete vorhanden wären, die den Mut haben, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen und das zu tagen, was wahr und richtig ist, auch wenn es nicht allen Leuten gefällt.

Dis Zentrumsfraktion braucht Arbeits­kräfte. Bei der Vielseitigkeit unseres öffent­lichen Lebens kann ein Abgeordneter nicht alle Gebiete beherrschen. Deshalb muß eine Arbeits- t e i l u n g stattfinden, ein gewisses Spezialisten­tum sich herausbilden. Das ist die Rationali­sierung in der Politik. Danebenher muß aber jeder Abgeordnete sich um die allgemeinen Fragen der Politik bekümmern und sie nach der grundsätzlichen Bedeutung kennen.

lieber aller Arbeit aber muß der Gedanke ste­hen: dem ganzen Volke zu dienen! Die Einig­keit hochzuhalten! Hierin lagen die Kraftquellen der Partei!

Der Abgeordnete hat auf Volks st immun, gen zu achten, aber er darf sich nicht zu deren Hausknecht machen lassen. Vom polittschen Geg­ner zu lernen, kann nützlich sein; entscheidend aber muß bleiben des Volkes Wohl und das eigene Gewissen.

Gute Umgangsformen empfehlen einen Abgeordneten; ein Stück kernige Grobheit leistet oft denselben Dienst. Mit Wissen vollgepfropft« Dtenschen versagen gerade manchmal dort, wo di« Politik anfängt. Die Letztere verlangt Weis» heft und Fingerspitzengefühl.

Das Letztere ist auch bei 4er Kandidatenaus­lese notwendig Behalten jene Abgeordnete, die sich bewährt haben und stellet nur solche neue Kandidaten auf, welche die Voraussetzungen dafür mitbringen, daß sie sich bewähren werden. „Gute Ware hält sich!" An Kandidaten fehlt es nicht! Das ist ein Glück!

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Zum Fall Wulfmeyer, dem Fall, ix dem ein pensionierter Studienrat aus Barmen mit seinen drei Familienangehörigen einen Reichs- tagswahloorschlqg eingereicht bat, schreibt die „Rheinische Volkszeitung":

Da werden nun wieder manche kommen und sagen: Wir trügen selber die Schuld. Warum habe der Reichstag fein Gesetz gegen die Splitterparteien beschlossen? Nun, die großen Parteien hätten das schon gerne getan. Aber wir sind stolz darauf, das demokratischste Volk der Wett zu fein. Und wir müssen und hü­ten, irgend etwas zu tun, was die Willensäuße­rung der Wähler sinschränkt. Ergreifen die gro­ßen Parteien Maßnahmen, dann geraten sie in den Verdacht, daß sie ihre Konkurrenz verhindern wollen. Nach unserer Auffassung sind trotz der jetzigen Blamage gesetzliche Maßnahmen bis auf