M 100.
eonnt««, SS. April 1928.
Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer AcNendruckerei, Fulda
Rund um die Woche
Die bunken Mühen. — Eines Zugendführer *70. Geburtstag. — hörst du's, wie der Donner grollt,
Schriftleiter: Dr. phll. Johanne» Äramet,
tniK'tuiu
Die älteste Sparkasse des Regierungsbezirks
Fernruf 263, 264, 265
Karlstraße 1/3.
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Einzige Brauerei des Kreises Fulda
schlichten Mannes, der sein Letztes hingab, wenn er einem armen Studio helfen konnte. Ach, so denke ich manchmal, wenn in all unserer Jugend nur noch etwas von der Jugend, über die dieser 70jährige heute noch verfügt, sein Optimismus, feine gesunde Art, seine Seelenstärke lebendig wäre, wir brauchten uns weniger Sorge um dies und das zu machen. Anheier war und ist das, was man eine ganze, eine geschlossene, eine innerlich für heilige Ideale glühende Persönlichkeit nennt. Ich muß aufhören, sonst fülle ich diese ganze Plauderei mit ihm. hebt, alte Freunde, ein Gläschen des besten Moselweines und laßt ihn leben, unfern Anheier, der selber noch blühender und schäumender Wein ist. Dom allerbesten. Erstklassige Lage.
Inzwischen gibt es so viele gewaltige und erschütternde Weltereignisse, daß man nicht weiß, wo anfangen. Lange hab ich nachdenken müssen über das schöne Wort: „Mit Gottes Hilfe", das Hauptmann Köhl an den Reichskanzler telegraphiert hat. Ich stelle mir vor, wie jene kühnen Bezwinger der Luft in Nebel, Sturm und Eis ihres Gottes gedacht haben. Viele hundert Kilometer sind sie ohne jede Beleuchtung im vollen Dunkel dahingefahren, und es ist kein Stern zu sehen gewesen. Aber das Auge der Vorsehung, das hat ihnen geleuchtet, und es muß ein gewaltiges erhabenes Gefühl gewesen sein, so im Dunkel des Universums dahinzusteuern allein mit dem unheimlich surrenden Motor, mit den wenigen Freunden im gleichen, grauenhaften Schicksal ver- Kunden und allein vertrauend auf Gott, der die Meere in seiner hohlen Hand wiegt. Dieses Gefühl wünschte ich uns allen, wo die Ahnung uns beängstigt: „Hörst du's, wie der Donner grollt?" In der Nacht, als das große Erdbeben in Bulgarien war, benahmen sich die Seismographen wie Wahnsinnige. Sie schlugen aus, als wären sie vom Teufel besessen. Es ist dann auch das Unglück furchtbar genug gewesen. In solchem Beben, dem gegenüber alle unsere Ingenieurkünste versagen, spricht der Herr vom Sinai. Immer näher kommt es an uns heran, und man muß sich wundern, daß so wenige Menschen diese donnernde Stimme verstehen. Aber so sind die Zeiten! Man würde, so glaube ich, noch einmal das Unrecht des Vertrages von Versailles begehen, auch wenn schon halb Paris und halb London von einem Erdbeben hin- weggerisien wären. Nachdem man so viel Ursachen in allen Wissenschaften erforscht hat, ist einem der Gedanke an die eine, große Ursache, an den Beweger aller Dinge und an die Vorsehung abhanden gekommen.
Man sieht darum auch gar noch nicht den ganzen Ernst einer Besserung. Wenn man dem Berichterstatter einer großen Berliner Zeitung glauben darf, so rechnen die Leute in Mazedonien, in Bulgarien, in Serbien, in Kroatien und in Dalmatien mit der Möglichkeft eines Krieges auf dem Balkan, der jeden Augenblick ausbrechen kann. Und das zehn Jahre nach dem Weltkrieg. Und das, während das gleiche Amerika, das wir noch aus der Magie der 14 Wilfonschen Punkte kennen, den Krieg als Verbrechen erklärt und von den Großmächten erklären kaffen will. Ich erinnere mich noch deutlich, wie am Anschlagebrett der Universität von Kopenhagen, wo ich kurz vor 1914 noch weilte, irgendein Weltfriedensbund bei uns Studenten warb. So viel vom Frieden, wie diese großen Mächte heute, reden fast nur Menschen, die schon ein schlechtes Gewissen haben. Während die
Italia kühn durch die Lüfte steuert, ist es den Lenkern dieses Landes wohl unheimlich zumute. Es könnte ja sein, daß man Geister, die man gerufen hat, nicht wieder los würde. Hörst du's, wie der Donner grollt?
Dabei geht im Hintergründe der Weltgeschichte der große Kampf weiter, der von irgendeiner dämonischen Macht gegen das Christentum geführt wird. In Mexiko dauert das Morden an. In Ruß- land verschickt man die letzten katholischen Geist- lichen, die sich der Sowetregierung nicht versklaven wollen, auf eine ferne Insel. Immer neue Berichte erzählen uns von der unterirdischen Wühlarbeit des Kommunismus. Erst jetzt kommt heraus, wie viele Kirchen der Ku-Klur-Klan in Amerika ein- geäschert hat und welche Verbrechen er begangen. Zitternd schauen wir in Nacht und Eis und Grauen zu den Sternen . . . Hörst du's, wie der Donner grollt? DerMann im Monde.
Gottesdienttordnung.
Kapelle der St. Joseph,hekmr. Morgen Sonntag, den 29. April vorm. %7 Uhr bi. Messe. Um 8 Ubr ist die Kapelle reserviert für die Mitglieder des Gesellen« Vereins.
KleiRhetliakre«; Oktav des Festes,Rreuaaufftnbung‘ in Klernheiliakreuz vom 3.—10. Mai. Am Feste Kreuz- Auffindung von 7 Ubr an Beichtgelegenheit. 7*/« Uhr Frühmesse, 9 Uhr Amt und Predigt. Am Sonntag in der Oktav von 7 Uhr an Beichte. 9Vt Uhr Hochamt und Predint. An den übrigen Tagen der Oktav ist von 71/« biS 8 Uhr Beichte, um 8 Uhr Hochamt.
Tödlicher Fallschirmabsprung.
Ein lkalienifcher General stürzt aus 1000 Meter Höhe ab.
Auf dem Flugplatz Monte Cello sprang einer ksteldung aus Rom zufolge der Leiter der flugtech- rischen Abteilung, Generalleutnant Guidoni, mit ünem Fallschirm aus einer Höhe von 1000 Metern lon einem Flugzeug herab. Infolge f e h l e r h a f - ier Handhabung öffnete sich der Fallschirm richt rechtzeitig, ft> tmß der General abstürzte, öuidoni war auf der Stelle tot.
Zusammenstoß in der Luft.
Auf dem Döblinger Flugplatz stießen gestern in ter Luft zwei Flugzeuge der Sportflieger- Ichule zusammen. Beide Maschinen erlitten Be- chädigungen. Die eine konnte landen, und der Pi- ot blieb unversehrt, die andere st ü r z t e und be- jntb den Führer, den 29 Jahre alten Gewerbe- »berlehrer Gerhardt Knopp aus Essen unter sich. Er war sofort t o t
*= Mündelsicher ------
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Luftfahrt und Reichstag.
Die Luftfahrt als ständig an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung gewinnender Zug der neuen Zeit wirft ihre Schatten auf die kommenden Wahlen. So haben verschiedene Parteien hervorragende Köpfe der deutschen Luftfahrt als Kandidaten an mehr oder weniger aussichtsreicher Stelle aufgestellt. Das Zentrum hat den Leiter des Junkers-Nachrichtendienstes Fischer v. Potur- z y n (Dessau), dessen Name in der neueren Luftfahrtliteratur besten Klang hat, auf die Reichsliste gesetzt. An sonstigen Luftfahrtkandidaten finden wir noch Direktor Sachsenberg von den Junkers- Werken be: der Wirtschaftspartei, Freiherrn o. Hünefeld, den Begleiter der erfolgreichen Ozeanflieger, bei der Deutschnationalen Volkspartei, Flugzeugführer und Gewerkschaftsbeamter Binder bei der Sozialdemokratischen Partei und Hauptmann i- D. Göring bei der Nationalsozialistischen Partei.
lieber die Erfolgsaussichten dieser Kandidaten braucht man sich heute noch nicht den Kopf zu zerbrechen. Aber die Tatsache, daß die betreffenden Parteien in Zukunft die so bedeutsamen Lustfahrtiragen durch fachlich vorgebildete Spezialisten bearbeitet sehen möchten, verdient doch als sehr bemerkenswert festgehalten zu werden. Die Luftfahrt- mtwicklung ist in den letzten Jahren in so ra- ichem Zeitmaß und gewaltigem Umfang vorange- ichritten, daß heute wohl nur noch der ständig mit ►en Dingen in engster Fühlung bleibende Fachmann sich die eingehende Kenntnis oller Zusammenhänge und Strömungen erwerben und bewahren kann, die zu richtigem Urteil und zweckmäßiger Entscheidung über schwebende Probleme erforderlich Snb. Die Förderung der deutschen Luftgeltung fann durch dergestalt geäußerte innigere Anteil- rahme großer politischer Parteien nur gewinnen. Deutschland folgt damit übrigens dem Beispiel an» lerer Länder, in deren Parlamenten auch Luftfah- *r sitzen (z. B. England und Frankreich). Es tot sich doch schon oft von großm Nutzen erwiesen, »aß das Parlament auch auf solchen Spezialgebieten eine fachlich wirksame Mitarbeit an wichtigen ^ukunftsfragen der Nation zu leisten vermag. Aus fen unseren Lesern zur Genüge bekannten Grünen erscheint es uns wertvoll, wenn auch die deutsche osfizielle Luftpolitik mehr als bisher einer parlamentarischen Kontrolle unterworfen wird.
Die bunten Mützen der Neuversetzten glänzen noch wie neuangestrichen in der Sonne. Man denkt an die eigene Jugendzeit und an die Versetzung nach Quinta und Quarta. Am stolzesten ist der Sextaner auf seine Farben, und das ist noch eine reine, kindliche Freude. Beim Primaner ist manchmal schon etwas Blasiertheit dabei. Di» sitzt unter dem Mützchen wohl schon so ein kleiner Herrenmensch. Solange sich dieses Herrentunr im Ganzen der Schule hält und nur darauf sieht, daß die Kleinen den nötigen Respekt behalten, ist es nicht schlimm. Ordnung muß sein. Wenn es aber schon zum Klassenbewußtsein wird und sich dem Arbeiter gegenüber herauskehrt und allen jenen Ständen, die eben nicht studiert sind, wie man sagt, dann beginnt etwas Ungesundes sich einzu- schleichen. Der Studio auf einer Reis', der wirklich populäre Student, der Liebling des Volkes und gerade des gemeinen Volkes, wie man sich auch ausdrückte, wächst dann nicht mehr in dieses Volk, sondern in seine eigene Kaste hinein. Ja, das Kastenbewußtsein kann schon auf der Oberprima anfangen, und man sieht es den Herren, wenn sie beim Sonntagsspaziergang auf dem Strich sind, schon an, ob ein Irmkerlein daraus wird, oder aber ob ein Volksmann darin steckt.
Das lenkt die Gedanken auf unsere Jugendführer, und da ist es eine heilige Wicht, eines Mannes zu gedenken, der am 4. Mai seinen 70sten Geburtstag feiert. Ich meine den Herrn Prälaten Anhauer, der von 1897 bis 1919 Direktor des Bischöflichen Konviktes in Trier war und von da aus bis auf den heutigen Tag einen ungeahnten Einfluß auf die katholische Juaend ausgeübt hat. Einmal im Leben habe ich die Freude gehabt, den Mann, der uns als Jungen einfach bezauberte, zu sehen. Und so etwas sieht man heute nur einmal in Deutschland. Das ist wirklich Jugend, Jugend der Seele, wie sie aus immer leuchtenden Augen grüßt. Einen Vorfrühling der späteren Jugendbewegung gab es ja längst vor dem Krieg, und vieles von dem damals Lebendigen scharte sich um den heute noch existierenden Leuchfturm, den unser Anheier damals begründet hat. Probleme hatten wir eigentlich nicht, da ein überwältigend starkes Glaubensgefühl alles splitterige Gedankenwerk in seinen Flammen verzehrte. Wir hatten ja auch Krieg und Revolution noch nicht mitgemacht, was uns vor dem übermäßigen Druck, der auf der späteren Generation schon in der Kindheit lastete, bewahrte. Wir meinten, es müsse nun ein neuer Frühling der Religion anbrechen und wir hätten ibn heraufzuführen. Anheier war uns damals Führer und Freund. Immer wußten wir, daß da ein warmes Herz für uns fchhm. Jedes feiner Worte hatte eine zündende Wirkung. Es kam eben aus der Welt des Glaubens, in der er lebte fo t-urig wir nur irgendeiner der allerersten jungen Christenheit, die noch den Herrn gesehen hatte. Waren mir nicht so kompli- »iert so waren wir gesunder. Stellten wir Jungen keine so hohe Forderungen und dankten wir Gott, wenn schon irgendeiner sich unser etwas annahm, so waren wir nicht so betont und bewußt jugendlich, aber dafür mehr Gemeinschaft, ohne eigentlich darum zu wissen. Man bat aus uns nickst so viel gemacht, rote es heute wohl geschieht, wo schon viele Blätter ihre eigenen Jugendbeilagen haben. So kannten wir keine hohen Ansprüche, dachten über« haunt we"iger an unsere Jugend und viel mehr an das Werk, das einmal zu vollbringen wäre. Und dabei leuchtete uns das Beispiel dieses
Soziales.
= Weiterer Rückgang der Arbeitslosigkeit. Der ver. stärkte Rückgang der Arbeitslosigkeit hat auch in bet ersten Hälfte des April e s n g e h a l t en. In der Arbeits- losenverficherung sank die Zahl der Hauptunterstützungs. ernpsänger von rund 1010000 am 1. April auf 845 060 am 15. April oder um 16,4 Prozent (bei männlichen Arbeitslosen um 18.4 Prozent und bei weiblichen um 5.7 Prozent). In der Krisenunterstützung ging die Zahl der Hauptunterstützungsempsänger im gleichen Zeitraum von rund 197 000 auf 182 000, also um 7.7 Proz. zurück. Hier war der Rückgang bei Männern und Frauen fast gleich (7.7 und 7.8 Proz.) Die Zahl der Notstandsarbeiter ist in der Berichtsgeit um 2 Prozent gestiegen. Sie betrug am 15. April insgesamt rund 87 700. Davon entfielen auf Personen, die in der Arbeitslosenversicherung unterstützt worden sind, 67 300, auf solche aus der Krifenfürsorge 20400. Auf 100 Hauptunterstützungsempfänger in der Arbettslosenver- sicherung entfielen acht, auf 100 Hauptunterstützungsempfänger in der Krisenfürsorge 11.2 Notstandsarbeiter
aus der
Uönbrauerel Fulda.
6. in. b. H. Fulda
wie wird das Wetter?
Der Lustdruck steigt über Nordwest, und besonder» auch über Südwesteuropa wieder kräftig an, sodaß die über Frankreich sich befindlichen Druckstörungen wieder auffüllen werden. Wir können daher mit Auftreten von Bewölkung, aber höchstens ganz vereinzelt auch mit leichten Niederschlägen rechnen. Späterhin wird die Bewölkung wieder ab nehmen.
Witterungsausstchten für Sonntag: Wieder vielfach aufheiternd, trocken, Temperaturen ansteigend.
Wlsthe Mm
1825 Fnldl 1825 I
Bahnhofstrasse 5
* Verhaftung an der italienischen Grenze. Im iia- stenischen Grenzgebirge beim Sago Maggiore wurden Donnerstag abend vier Leute verhaftet, die heimlich nach »er Schweiz auswandern wollten und anscheinend mit falschen Pässen versehen waren.
Die gut eingerichtete Köche gehört zum behaglichen Helm Vollständige Kfichennuastattangen
hauawirtachaftlidie Maschinen, N ekel-, Tafel- und Kochgeschirre, Bestecke, Messingwaren, Flur- und Wandgarderoben.
C. H. flrntf G. m. h. H. Fulda.
Technik und Verkehr.
— Ein Rekord des „Reingoldexprefizuges". Der au. 15. Mai zur Einstellung gelangende Luxuszug, der sogenannte „Rheingoldexpreß", legte Dienstag bei einer Probefahrt die Strecke Frankfurt-Heidelberg in einer Zeit von 66 Minuten zurück.
Marie, hie Tuchler U6 ZollwWers.
kine lustige Schmugglergeschichte von Anno 1813-14.
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Nun, diese Gründe waren gewichtig genug, und, als M einem der nächsten Tage der Müllerwagen kam, um ite wenigen Habseligkeiten der beiden in die „grüne Küble" Ueberfiebelnben aufzulaben, kam auch Marie nlfbereit und sagte betrübt: „Ach! bas Ihr soweit von ms fortziehen müßt! Bon jetzt an werben wir uns oohl nur mehr selten sehen!" '
»Doch, bu kannst uns ja oft in ber Mühle meines Schwagers besuchen!" lug Gierlinger dringenb bas Mäd- hen ein.
Marie zuckte bie Schultern und meinte: „Ich habe a Euren Schwager nur einmal getroffen und mit ihm lesprochen, als ich ihn zufällig bei Euch fand. Seit« •em sah ich ihn nicht mehr."
„Er kam aber fast täglich zu mir," versetzte ber Alte.
„Allerdings, doch ich mochte nicht aufdringlich er« Heinen. Ihr wißt ja, wie einem die meisten Menschen illes bös auslegen, vorzüglich uns, die sie, als zu den Franzosen gehörig, bitter hassen. Guter Gott, mein irmer Dater kann doch nichts dafür, daß er in feiner Vienstpflichterfüllung streng sein muß. Wäre er es ncht gewesen, bann mürbe eben ein anberer auf seinem Poften sein. Ader weh tut es mir. Er hat doch nie« nanben Leib zugefügt, unb wir gewiß auch nicht. Dazu »ie schwere Frage: Was soll aus uns Armen werben, Denn jetzt bie Deutschen wirklich zu uns kommen?" Mit liefen Worten trocknete sich Marie ihre heißen Tränen •b.
„Bleib nur guten Mutes, liebes Kinb," sagte tief «ewegt Clemens Vater. „Denn steh', seitbem ich so recht N Not gewesen, habe ich auch roieber beten gelernt, unb la hat sich in meinem Herzen ein solches Gottvertrauen festgesetzt, baß er nimmer wankend gemacht werden kann. Der Herr macht alles gut. Darum bete, glaube unb Der« traue, — und auch bu wirst es erfahren, — wie wahr Itein jetzt zu dir gesprochenes Wort ist, dessen du stets
gedenken sollst: „Ruse mich an in der Not, so will ich dich erhören, unb du sollst mich greifen."
Lange schon war der beladene Mühlwagen mit dem alten Gierlinger und der Gartbase den Weg zur „grünen" Mühle hinabgefahren, aber Marie dachte stets noch dieser Abschiedsworte und auch viel später noch, sie wurden ihr Lebenstrost.
Und Trost bedurfte das arme Mädchen sehr bald. Gerade am Sylvestertag kam der kaiserliche Befehl, daß sich alle Zollwächter hinter die alte Grenze Frankreichs zurückziehen sollten unb, als Fasert den Kameraden befragte, ber mit Sack unb Pack und in großer Eile ihm die Marschorder gebracht und ihn drängte, sich fertig z umachen, und mit fort zu ziehen: „Und wo sind Eure Weiber und Kinder geblieben?" da antwortete der Freude, daß Gott sie tröfte, die Armen. Wir mußten sie ihm und guten Menschen überlassen, denn ber Be fehl sagt ausbrücklich, Weiber, Kinber unb unnützes Gepäck bürfen nicht mitgeschleppt werden. Nur bas Aller- nötigste an Kleibung und Wäsche darf im Tornister mitgenommen werden, denn aus sämtlichen Zollwächtern und Gendarmen wird ein Korps gebildet, das die Grenze zu verteidigen hat. Schon heute Nacht sollen nach glaubwürdigen Berichten die Deutschen bei Kaub ungehindert den Rhein überschreiten. Bald werden sie uns gleich Bluträchern auf den Hacken fein, drum gilt Eile, Fasert. Also macht Euch doch sofort marschbereit, drinnen im Dorfe harrt schon ber Leiterwagen, ber mich, Euch und den hiesigen Gendarmen fortbringen soll."
Was wollte ber Arme beginnen? Unter heißen Tränen warb sein Tornister felbmäßig gepackt, ber Spar- Pfennig mit Weib und Tochter geteilt; als es aber jetzt wirklich ans Scheiben ging, — wie hart war dieser Abschied, vielleicht fürs ganze Leben.
*
Eine geraume Zeit war schon vorüber, seitdem sich Fasert von den Seinen losgerissen und mit feinen Kameraden fortgeeilt war. Noch immer lagen Marie und ihre Mutter weinend mit den Köpfen auf dem Tische, unb sie waren gänzlich unfähig, auf bas zu achten, was außer ihnen umging. So hatten sie gar nicht bemerkt ober gehört, daß ein Wagen vor ihrer
Haustüre hielt und daß jemand in die Wohnstube getreten war. Ja, dort stand der „grüne Müller" mit verschränkten Armen unb dem Manne rollten wohl unbewußt Zähren über das rauhe, wetterharte Gesicht. Wohl schien Clemens Oheim hart, aber er war es nicht. Kaum hatte er von feinem Mahlknecht, der im Dorfe gewesen, gehört, wie es um Faferts Familie stand, so war schon sein Entschluß gereift. Lebhaft dachte er sich in die so traurige Lage des Mannes hinein, der Weib und Tochter unbeschützt zurückgelasien und einer vielleicht ihn vernichtenden Zukunft entgegengehen mußte. Und kam jetzt das halbwilde Kosakenuolk dahergeritten, von dem man sich aber nur unter „Gruseln" erzählte, was sollten da die beiden armen, verlassenen Frauen anfangen. Dann blieb, wie ihm seine Einquartierung, der alte französische Kapitän, gesagt, kein Stein auf dem anderen. Entsetzlich! Marie und ihre Mutter haben bann roeber Halt noch Stütze, noch Kraft und Beistand. Unb im Dorfe wird ihnen gewiß niemand eine helfende Hand reichen können, da hat jeder genug mit sich selber zu tun. ,
Alter Grünmüller, da ist es deine heilige Pflicht, ober besser Gottes Stimme selber, die an dich ergeht. Drum ftisch ans Werk, denn: Was mit Gott geschieht, das ist wohl getan.
Schon kurze Zeit später stand sein Mühlwagen wieder mit dem wohlgenährten Gespann vor Faferts Haustüre und der Besitzer desselben in der Wohnstube der Zollwächter-Familie. Zuerst erkannte Marie den Oheim des jungen Gierlinger. Sie erschrak, faßte sich aber rasch, stand auf und befragte ihn: „Was führt Euch zu uns?"
„Was ich dir eigentlich entgegnen soll," begann der Müller, „weiß ich wahrlich selber nicht, ich glaube jedoch fest, daß mich Gottes Stimme selber zu Euch hergeführt hat, denn als ich vernommen, was für ein harter Schicksalsschlag Euch schon heute in aller Frühe getroffen hat, da rief mir unterbrochen eine innere Stimme zu: Auf, und hole die beiden Verlassenen in deine Mühle, damit sie in diesen bösen Zeiten hier Schutz finden. Nun, so fuhr ich mit meinem großen Mehlwagen hierher und bitte Euch, lasset alles darauf laben
und wohnt fortan bei mir in ber Mühle, bie Raum genug hat für uns alle. Ich will für Euch sorgen, als wäret ihr meine eigenen Kinder, und solange mir Gott das Leben schenkt, soll von irgend einer feindlichen Hand Euch keine Ungebühr treffen."
I Frau Fasert, welche den „grünen" Müller nur dem Namen nach kannte, starrte ihn ungläubig und erstaunt an, Marie aber erschien ber brave Mann wie von Gott selber zu chrem unb ihrer Mutter Schutz unb Kettung gefenbet, sie legte vertrauensvoll ihre Hanb in feine bargebotene Rechte unb sagte gerührt: „Ja, diesen Entschluß hat Euch gewiß Gott eingegeben. Doch auch dem seltenen Herzen Lob und Dank, das nicht gesäumt hat, dieses edle Vorhaben zur Tat werden zu lassen. Ich und meine liebe Mutter ziehen mit Euch, bedürfen wir ja doch sehr Eures Schutzes und Schirmes, und ei könnte vielleicht einmal auch möglich fein, daß wir die Schwachen, Euch solche Liebe durch werktätige Dankbarkeit vergelten könnten. Nicht wahr, Mutter, wir gehen mit in die „grüne" Mühle."
|„2lber lieber Gott, meinte diese verlegen, „mir kennen ja den Mann gar nicht, du bist viel zu voreilig."
„Ich kenne den wackeren Oheim des jungen Gierlinger wohl und versichere dir, daß wir bei dem Ehren-
! mann am besten aufgehoben sind," erklärte Marie.
Noch war manche Bedenklichkeit der guten Frau zu ' heben, vorzüglich, als sie nun hörte, daß sie ohne alles Entgelt in der stattlichen Mühle wohnen und effen solle mit ihrer Tochter, da sah sie ganz ungläubig darein, denn die Erfahrung hatte sie in ihrem bisherigen Leben noch nicht gemacht, daß es in der Welt so uneigennützige Menschen gleich dem Mumdrer des Clemens gebe.
। Noch am gleichen Tage erfolgte der Umzug ber Fa- 1 milie in bie „grüne" Mühle, unb gewiß war es ein guter Geist, ber den Besitzer derselben zum Mitleid bewegt hatte, Faferts oerlaff’ner Frau unb Tochter eine Zufluchtsstätte zu gewähren, benn schon einige Tage später stellten sich bei ihm Frost unb Glieberschwere ein, un-
, trügliche Vorboten ber herrschenden Nervenfieberkrank- ■ heil, die nun auch mit aller Heftigkeiet bei ihm los- brach.
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