Einzelbild herunterladen
 

M 94.

Sonntag, 22. April 1928.

ft VV*»

Fuldaer Zeitung

2. Blatt.

Druck bet Fuldaer Ackiendruckerel, Fulda

Neues von Greenly Island.

30 Mann suchen die „Bremen" flugfähig zu machen.

Wie aus Greenly Island gemeldet wird, helfen etwa 30 Mann den Fliegern bei der Wiederin­standsetzung der „Bremen". Gegenwärtig find die Arbeiten aber unterbrochen, bis die erforderlichen Ersatzteile herangeschafft find.

Köhl erklärte in Greenly Island in einem Interview, die Maßnahme, zum Schutze gegen Schnee- und Eishagel die Tragflächen des Flug­zeuges mit Paraffin zu bestreichen, habe sich während des Fluges als erfolgreich erwiesen.

Nach weiteren Depeschen der Canadian Preß aus Lake St. Agnes erklärte Köhl dem Korrespon- dentm der Canadian Preß, James Stanton: „So­bald unser Flugzeug ausgebessert ist, fliegen wir nach Neuyork, wie zuerst beabsichtigt war. Unter­wegs besuchen wir höchstwahrscheinlich Murray Bay und Montreal. Danach hoffen wir den Flug von Neuyork nach unserem Heimatland aus­führen zu können."

Stanton, ein Berichterstatter des „Quebec Chro- nicle and Telegraph", der der Canadian Preß zur Verfügung gestellt wurde, und Ray Fernftrom, ein Photograph der Varamount News und Asso­ciated Preß landeten in einem Flügzeug der Cana­dian Airways, gesteuert von dem Piloten Romeo Vachon, auf dem Eise nahe bei Greenly Island. Köhl und Hünefeld, sehr erfreut, sie zu sehen, kamen ihnen bis ans Ufer entgegen, um sie zu begrüßen und ließen sich von Fernstrom photographieren. Diese Bilder wurden in aller Eile durch ein Flug­zeug nach Neuyork befördert. Köhl und Hünefeld unterhielten sich eingehend mit Stanton. Köhl hat bei der Landung der „Bremen" eine leichte Schnitt­wunde an der Stirn davongetragen, die jedoch un­bedeutend ist. Hünefeld und Fitzmaurice kamen völlig unversehrt davon.

Die beiden Ford-Flieger Balchen und Bennet trafen in Murray Bay ein. Das Flugzeug, ein Ganzmetallapparat mit einem Aktionsradius von 2000 Meilen, führt Werkzeuge und etwa 1800 Liter Gasolin mit. Der Zeitpunkt des Weiterfluges von Murray Bay nach Greenly Island, wohin Ersatzteile mitgenommen werden sollen, hängt von der Wetterlage ab. Fitzmaurice und ein Mechaniker werden ebenfalls nach Greenly Island stiegen. In Murray Bay echäst das Flugzeug Kufen, die die Landung auf dem Eise von Greenly Island er­möglichen sollen.

Die kanadische Regierung hat Fitzmaurice, Köhl und Hünefeld mitgeteilt, sie bäte die Flieger, sich als Gäste der kanadischen Regierung zu be­trachten. Die Regierung hat außerdem jede mög­liche Hiffe angeboten.

wtb. Rewyork, 21. April. (Eig. Funkm.) Die Morgenblätter veröffentlichen weitere aus­führliche Einzelheiten über die Landung der „Bre­men". So wird berichtet, daß ein starker Sturm­wind das Flugzeug auch nach der Landung noch gefährdet habe, dock sei es gelungen, die Ma­schine mit Seilen an Felsblöcken zu befestigen. E:n Radreifen sei nachts durch Eisbildung zerstört wor­den. Köhl habe bereits in der ersten Nacht nach der Landung nach.vierstündigem Schlaf mit Auf­zeichnungen über den Flug begonnen, um seine Erlebnisse möglichst aus friscker Erinnerung nie­derzuschreiben. v. Hünefeld sprach sich dem Ver­treter des Paramonts News sehr entschieden dafür aus, daß die Flieger nur mit der „Bremen" Greenly Island verlassen würden. Die beiden Deutscken haben mit Flaggen auf dem Eise die beste Landungsstelle gekennzeichnet. Der Presss- artikel äußerte sich wenig zuversicktlich über die Möglichkeit, die „Bremen" von Greenly Island aus zu starten. Die Insel falle steil zum Eise ab und es müsse große Schwierigkeiten bereiten, das Flugzeug den Abbang hinunter zu bringen. Cui- sinier lege eine Bretterrampe an, wobei ihn die Einheimischen unterstützten.

Rund um die Woche.

Noch einmal unsere Ozeanfliegcr. — Das neue technische Welkbild. — Wilhelm Wiesenbach. — Lin Dackel als Schieber.

Der Jubel der ganzen Welt, der unsere toll­kühnen Amerikaflieger begrüßt hat, wirft ein eigen- tümliches Licht auf unsere ganzen Verhältnisse. Man muß sich erinnern, daß er in die Vorberei­tungszeit der Wahlen gefallen ist. In solchen Zeiten pflegen sich die Menschen auseinander zu reden und viel unnützen Streit vom Zaune zu brechen. Diese Pflicht, sich gegenseitig möglichst schlecht zu machen, wurde unter dem Jubelsturm an die beiden Glücklichen vergessen. Man hatte ein so starkes Gefühl der Freude, in dem alle einig waren, daß keinerlei Uneinigkeit dagegen aufkommen konnte. Nicht bloß bei den Völkern war das so, sondern auch bei den Diplomaten Aus allen Ländern haben sie den deutschen Fliegern ihre Glückwünsche zuge- drahtet. Und das in einer Zeit, wo man in den verschiedenen Kabinetten viel Böses gegeneinander ausheckte. Man darf sagen, daß die ganze große, noch so chaotisch durcheinandergewirbelte Welt in einem herrlichen Gefühl allen gegenseitigen Zwist für ein paar Tage wenigstens, .vollkommen ver­gessen hat diesem einen, sie alle begeisternden Er­eignis gegenüber. Sogar ihr Leid schien diese merk­würdige Menschheit in diesen Tagen kaum zu be­achten. Sie schien von den Erdbeben nichts zu hören, die drohender schon in unsere unmittelbare Nähe zittern. Die Höllenmaschine, die gegen den König von Italien explodierte, sowie die ungeheuere Zahl von Verbrechen und Prozessen, die dauernd sonst die Oeffentlichkeit beschäftigten, traten zu­rück. Nicht einmal der Kelloggsche Friedenspakt vermochte besonderen Eindruck hervorzubringen, wo neben dem papierenen Zukunftsfrieden ein tatsächliches Ereignis der Einheit der Nationen um den Erfolg konkurrierte. Ist das nicht staunens­wert? Liegt darin nicht ein wichtiger Fingerzeig? Erkennt man nicht daraus deutlich das Sehnen der Millionen? Sie wollen alle zusammen nicht den Streit. Sie wollen den Frieden, sie wollen die Freude. Sie sitzen in den Gefängnissen ihrer Tarifverhandlungen und ihrer politischen Kabinette wie Gefangene, die aussckauen nach einem Zeichen der Freude und des Friedens Nur Friede und Freude als wirkliche Lebensmächte können, das zeigt der Augenschein, aus der allgemeinen Not erretten. Man stelle sich einmal vor, es würden jetzt die Feste der Religion von der ganzen Mensch­heit so gefeiert, wie die Erfolge kühner Luftschiffer, wie würde die Welt auf einmal ein ganz anderes Gesicht erhalten! Dieser Jubel wird ja bald ver­stummen, wie er um Lindbergh verstummt ist, um Zeppelin und so viele andere, die Heroisches auf ihrem Gebiete vollbracht haben. Die Quellen der Freude aber, die aus höheren Regionen strömen, hören niemals auf. Die Quellen allerdings sind für die ungeheuere Mehrzahl der Menschen heute versiegt und es kündet die Sehnsucht und die ge­radezu hysterische Freude an einem irdischen Fest nur an, was ihr im Tiefsten verloren gegangen ist.

Unsere beiden Flieger sind aber nicht nur schöne Friedenstauben gewesen, sie waren auch Eroberer auf dem Felde der Technik. Der Jubel, der zu ihnen empordrang und die Hoffnung, galt zugleich den Verheißungen, die hier die Zukunft noch birgt. Zu gleicher Zeit machte die Firma Opel mit ihrem Raketenauto die ersten öffentlichen Versuche. Der Gedanke an das Raumluftschiff, wie es schneller als die Schwalbe dahinjagt, trat deutlich vor unser Auge. Das alles verspricht nicht nur eine äußere Veränderung der Zivilisation, wie wir sie heute haben, es kündet auch einen neuen G e i st an.

Auch die Natur ist eine Offenbarung Gottes, und Jahrhundert um Jahrhundert gibt sie neue Schätze ihrer Wahrheit und Weißheit heraus. Wir haben dieser wunderbaren Natur oft Unrecht getan. Nicht zuletzt haben wir sie beleidigt durch unsere Sen­timentalität, indem wir glaubten, sie sei eben gut genug, uns einige sonntägliche Gefühle zu vermit­teln oder sich gar anschwärmen zu lassen. Sie ist gestalteter Geist. Sie ist Trägerin von göttlichen Ideen. Sie ist ein System von ebenso geheimnis­vollen wie staunenswert gesetzmäßig arbeitenden Kräften. Indem wir eine Erfindung nach der anderen in unsere kindlich neugierige Phantasie auf­nehmen, beginnen wir wieder mehr die Ordnung des Geistes anzuerkennen Naturwissenschaftler und Teckniker zeichnen sich fast alle aus durch eine Art geistiger Energie, wie. man sie jetzt in Irland etwa bei Herrn von Hünefeld wieder bewundert hat. Sie ist eine starke Ueberwindyng des wirren und irren Trieblebens und jeglicher schwächlichen Ro­mantik. Ich alaube sogar, daß sich aus einer ganz neuen Haltung der Natur gegenüber etwas vollkommen Neues in unserer Lebensansicht ent­wickeln wird. Vor einiger Zeit stand ich vor dem Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen. Es ist ein gewaltiger Bau, der in feiner Nüchternheit, in feiner Zweckmäßigkeit, in feiner bescheidenen und doch mächtigen Würde den Eindruck des Erhabenen und wirklich Sckönen in mir hinterließ. Es ist noch kein Dach darauf, als wollte der Meister sagen, daß da irgend etwas noch nickt vollendet sei und auf noch größere Zukunft warte. Aehnlich wirken in ihrer Weise wieder die Stadthallen von Mül­heim a. d. Ruhr, von Hagen, und man kann sagen, daß ein neuer Stil in her Architektur schon zur Tatsacke geworden ist. Er gleicht dem Geschlecht, das ihn auf starken Schultern trägt. Das Volk der Arbeit hat ihn sich geschaffen, und dieses Volk wird in seinem ruhigen und doch dröhnenden Schritt siegreich in eine neue Zukunft schreiten.

Noch muß ich hier eine Kleinigkeit nachholen, auf die mich „Die Blätter für Laien- und Jugend­spiel," die der Bühnenvolksbund herausgibt, auf­merksam machen Vor einigen Wochen nämlich hat Wilhelm Wiesenbach S. I. feinen 50. Geburts­tag gefeiert. Dieser unermüdliche Mann hat seine Feder dem schönsten Ideal geweiht, das sich denken läßt, nämlich der Erziehung seines Volkes. Dielen im Lande ist er bekannt durch feine Bücher, die mit Vorzug sich in die Seele von Jugendlichen versenken. Sein Bestes aber leistet er wohl auf dem Gebiete des Laienspieles, und es künden vor allem die großen Stücke vom „Leiden Christi", das „Halleluja" und „Das Spiel von der heiligen Messe" von des Dichters Ruhm. Hunderttausende sind in vielen Städten Zeugen der ebenso künst­lerisch wirksamen als erbauenden Vorstellungen gewesen, die auch in technischer Hinsicht vielfach neue Wege beschritten haben. Der Schwank von dem „Bösen Weib" verdient eigens erwähnt zu- werden, zumal die humorvolle Behandlung des rheiniscken Ouiselchens („e brav alt Mädche mit jotterjebene Mundwinkels, aber fünft e Deibel"). Für den Mai ist warm zu empfehlen fein „Klein Marienfpiel", das bei Joseph Berker in Kevelar heraus gekommen ist. Erwähnt fei auch hier der „Totentanz". Es ist eigentlich eine Tragik, daß über manchen ganz unbedeutenden Dichterling mehr geredet und vor allem geschrieben wird, als

eben über jene, die in stiller Arbeit ein Leben lang Sonne in manches Gemüt getraaen haben.

Und nun auf Wiedersehen. Es ist kalt aewor- hen, nachdem wir schon glaubten, der Frühling merhe seinen Einzug halten. Statt der weißen Blüten drückte der Weiße Sonntag an vielen Orten den weißen Schnee. Ich halte, es da mit einem fingen Dackel, der mir neulich begegnet ist. Ian auf einem kleinen Teppich auf der Veranda und rutschte dauernd mit der Sonne weiter, indem er seinen Teppich in hockst genialer Welle mit» nahm. Da er noch ganz jung ist, so kann aus dem kleinen Schieber noch ein sehr aroßer werden. So machen sich begabte Tiere die Vorzüge der Zu vilisation zu eigen

Der Mann im Monde.

* Dritter KoGmak-Prozetz. Am 8. Ium d. Js. soll, wie das B. T. aus Bremen meldet, bie dritte Verhandlung m dem Bremer Kuppeleivro- zeß Kolomak („Vom Leben getötet") vor der Bre­mer Sttafkammer stattßnden. Die zweite Verhand­lung war, wie erinnerlich, seiner Zeit vertagt wor­den, weil die in der Zwischenzeit verzogene Haupt- zeugm nicht zum Termin erschienen war.

* Die abgerissene Radionantenne. In Heldrun­gen (Provinz Sacksen) fiel eine abgerissene Antenne über die Hochspannungsleitung und hing von da herab auf die Straße. Durch den Schnee unsichtbar, lag sie ein ganzes Stück entlang dem Erdboden. Kurz danach kam ein Kohlenaefpann gefahren. Beide Pferde fielen plötzlich vom Strom ge 11 0 f f e n nieder. Als der Kutscher ein Pferd befreien und retten wollte »erhielt er gleichfalls einen erheblichen Schlag.

Beamtenfraoen.

— Nebeneinnahmen der Reichsbeamlen. Ein be­merkenswerter Erlaß des Reichsfinanzministers be­stimmt laut Deutscher Beamtenbund-Korrespondenz fol­gendes: Will die Ehefrau oder ein anderer Angehöriger eines Reichsbeamten ein Gewerbe betreiben, so ist Mer- zu die Einholung einer Genehmigung gemäß Paragraph 16 RBG. nicht erlorderlich. Es fgnn aber in jedem Einzelfall geprüft werden, inwieweit der Beamte selbst

870

Schwingungen.

Lieferung, Abstimmung, Normalisierung ganzer Ordiester unter Garantie für jede Schwingungszahl. J. Mollenhauer & Söhne, Fulda, gegründet 1822.

in dem Betriebe mitwirkt, und ob diese Mitwirkung sich nicht etwa als ein Gewerbebetrieb darstellt. Ist der Gewerbebetrieb der Ehefrau oder eines Angehörigen wegen seiner Art mit der Stellung eines Beamten nicht vereinbar, so wird weiterhin zu prüfen sein, in weicher Weise auf den Beamten dahin einzuwirken sein wird, daß der Gewerbebetrieb eingestellt wird. Gegebenenfalls konnte die Versetzung des Beamten in Frage kommen. Ob etwa darüber hinaus ein disziplinarisches Einschrei­ten gegen den Beamten in Erwägung gezogen werden kann, kommt auf die Tatumstände des einzelnen Falles an. In derartigen Fällen ersuche ich zunächst an mich zu berichten.

wie wird das Wetter?

Die über der Nord- und Ostsee liegenden kleinen Tiefdruckwirbel flachen sich mehr und mehr ab, sodaß bei allgemeinem Druckausgleich über ganz Mitteleuropa die Winde nachlassen und die Schauertätigkeit allmählich zum Stillstand kommen wird. Bei Auflockerung der Bewölkung wird bie Sonneneinstrahlung stärker zur Auswirkung kommen.

Witterungsaussichten für Sonntag: Fortschrei­tende Besserung der Witterung.

Kaffee Wag garantiert vollen

Kaffeegenuss ohne Schaden und 95 Pfennig

Gotische Holzplastikim ZuldaerLande

Von Anion Schmitt.

3] .. --------------

An der äußersten Nordgrenze der ehemaligen Fiüst- abtei Fulda finden sich noch zwei ganz oder fast ganz erhaltene Schnitzaltäre.

Da ist zunächst Neukirchen zu nennen. Der Al­tar befindet sich in der protestantischen Pfarrkirche, stammt aber natürlich noch aus katholischer Zeit. Cs ist eine Freude zu sehen, wie er hier wohlgepflegt und beachtet an der Kirchenwand hinter dem Altar ausge­hängt ist. Es ist der komplette Altarschrein mit Flügeln erhalten. In der Mitte des Schreines befindet sich ein Kruzifix. Das Kreuz ist verästelt wie in der Fuldaer Michaelskirche, ebenso kniet am Kreuzesstamm Magda­lena, die auch in Details der Ausführung auffallend an die gleiche Darstellung der Michaelskirche erinnert. Zwei kelchtragende Engel fangen an den Händen das heilige Erlöserblut auf. Links vom Kreuze steht Maria, rechts Johannes, beide ohne Heiligenschein, links außen sodann em mir unbekannter Heiliger mit Buch, rechts außen ein hl. Sebastian, diese beiden mit Nimbus. Die Figuren sind fast vollplastisch. Aus dem linken Seiten­flügel befindet sich die Darstellung St. Georg im K<m;pf mit dem Drachen; im Hintergründe eine betende weib­liche Figur in Landschaft. Das ganze ein Flachrelief. Aui dem rechten Flügel ebenfalls in Flachrelief eine Bekehrung des hl. Paulus; im Hintergrund 3 Reiter in Landschaft mit Stadt. An dem Altarschrein befindet sich noch der alte Goldhintergrund mit Stoffmuster. Die Schnitzarbeit ist guter Durchschnitt. Die komplette Er­haltung macht den Altar besonders wertvoll, ist er doch der einzige im Fuldaer Lande, der einschließlich Flügel erhalten ist.

Der andere Altar befindet sich in der Kapelle zu Lei bolz. Hier haben wir eine Kreuzigungsgruppe wie in Welkers. Nur ist sie in einen Altar der Barock­zeit eingebaut. Der Gedanke an Welkers drängt sich einem sofort auf. Die Darstellung ist etwas figurenärmer ebenso bewegt und realistisch. Der Christuskorpus überproportioniert, aber sehr schön. Wieder umklam­mert Magdalena leidenschaftlich das Kreuz, diesmal von der rechten Seite zu sehen. Die zusammenbrechende Gottesmutter wird von Johannes gehalten Drei Sol­daten würfeln wild um die Kleider. Im Hintergrund«

sieht man Reiter. Von unüberbietbarer, grauenvoller, entsetzlicher Realistik sind die Schächer, der linke vorne hängend mit den Händen am Kreuzesbalken von hinten angenagelt, aber mit dem ganzen Rumpf über den Quer­balken herübergezogen, sodaß der Kopf dem Beschauer kopfüber zurückgebogen sichtbar ist.

Wenn der Welkerser Altar wirklich ein niederländi­scher Jmportaltar ist, dann ist es der Leibolzer auch. Unmöglich können ober beide aus der Fuldaer Stifts­kirche stammen. Sie sind sich zu ähnlich. Sie hätten dann als Wiederholung gewirkt. Tatsache ist, daß ge­rade die krasse Realistik der Schächerdarstellung auf niederdeutschen und niederländischen Altären häufig vorkommt. Die Frage der Herkunft wird schwer zu lö­sen fein. Sicher ist, daß beide Altäre von einer Mei­sterhand stammen und im Gesamtbild der gotischen Plastik im Fuldaer Land überraschend fremd erschei­nen.

Ueber den Säulen des Altars, durch zwei Barock­putten stark verdeckt, befinden sich noch zwei Figuren des hl. Sebastian, am Baum stehend, und der hl. Barbara mit Turm und Kelch. Mit der Kreuzigungsgruppe ha­ben sie nichts gemein.

Vor dem Altäre steht ferner noch eine Gruppe der Anbetung der hl. 3 Könige, Maria mit Kind in der Mitte. Die ungefähr 35 Zentimeter hohe, 40 Zenti m-- ter breite Gruppe ist aus einem Block geschnitzt. Die Ausführung ist primitiv, die Gruppierung aber ganz gefällig und geschickt. Die hl. 3 Könige sind in Leib ihz Kirchenpatrone. Wir dürfen also wohl eine bodenständige Arbeit eines wenig geübten Bildschnitzers annehmen, der aber offenbar eine gute natürliche Beaabuna hatte

9m bayerischen Teil des Fuldaer Landes sind b!e Bestände an gotischen Plastiken recht mager. Eine Aus­nahme macht nur der äußerste Südzipfel des ehemals iuldllchen Gebietes um Hammelburg. Gotisch ist die Holzfigur der Gnadenbrldes am Marfa Ehren- b erg. Sie ist die älteste der Holz-Plastiken, die mir bekannt geworden sind. Sie wird vor das Jahr 1400 datiert, liegt also hundert Jahre vor der Zeit der spät­gotischen Bildschnitzerei. Die kleine kaum über V» Meter hohe Statue ist stark durch Feuer beschädigt, gilt auch als später überarbeitet. Ein besonderer Kunstwert kommt ihr nicht zu.

9m Kloster auf dem Volkersberge hat sich eine auch nur 40 Zentimeter hohe Piets erhalten. Ihre (Ent.

| stehung wird auf ungefähr 1450 angefetzt. Sie ist also auch eines der ältesten Stücke. Die Arbeit ist etwas handwerksmäßig primitiv, aber doch nicht reizlos. Die teilnahmsvolle Bewegung der Gottesmutter bildet einen künstlerisch wirksamen Gegensatz zur starren Linie des Leichnams des Herrn. Wir haben hier auch eine der Arbeiten, bei denen Begabung und hohes künstlerisches Wollen des Bildschnitzers sichtbar wird, wo es aber an der nötigen Festigkeit, dem technischen Können fehlt. Die Gegenwart schätzt aber derartige Werke höher ein als jene, die eine gewisse Gefühlsarmut durch Bravour der Technik verdecken wollen. Der Volkersberg besitzt ferner ein großes Kruzifix aus der Blütezeit um 1500, eine wirklich bedeutende Arbeit von großer Ausdrucks- tiefe des Antlitzes und guter Modellierung des Korpus.

Ein ebenfalls gutes Kruzifix aus der gleichen Zett te. sitzt die Kreisanstalt Römershag bei Brückenau, die sich im ehemaligen fukdifchen Schloß befindet. Es ist in den Ausmaßen noch etwas größer, 1,20 Meter. Das räumlich nahe Nebeneinander dieser beiden ungefähr gleichzeitigen Kreuze möchte einem verleiten, darin kei­nen Zufall zu sehen. Aber gerade hier macht die unter­schiedliche Körpergestaltung die Annahme verschiedener Künstler gewiß.

Erst im Tal der fränkischen Saale treffen wir wei­tere gotische Holzplastiken an, in .Hammelburg und sei­nen unmittelbaren Nachbarorten Diebach und Pfaffen­hausen.

Die hier vorhandenen Bestände gestatten auch keinerlei Rückschlüsse auf einen gemeinsamen Meister, eine Werkstätte oder eine Schule. Im Gegenteil S'e zeigen große stilistische Verschiedenheiten. Ein Blick auf die Gesamtplastik des ehemals suldischen Bezirkes um Hammelburg zeigt aber, daß dort wohl fast ununter­brochen eine bodenständige Bildhauerkunst existiert hat. Wir finden zahlreiche gotische Kirchen mit manchmal kunstvoller Steinmetzarbett. Wir finden hier auch eine Anzahl Denkmale gotischer Steinplastiken, so in Ham­melburg eine Muttergottes mit Kind aus der Er- bauungszett der Kirche um 1400, die Figuren des Oeb berg aus der Zeit des Fürstabtes Reinhard von Weit­nau, 3 große figurenreiche Kreuzreliefs aus der Zeit um 1520, einen 1392 datierten gotischen Grabstein mit Kreuzigungsreliefs für die Gattin des Kirchenerbauers, einen weiteren 1456 datierten Grabstein, wiederum mit j Kreuzigungsrelief für die Frau eines Steinmetzen. ।

Auch in Holzplastik finden wir in der Pfarrkirche zu Hammelburg ein Kreuzigungsrelief vorn Ende des 15. Jahrhunderts. Die Figuren sind ziemlich gedrungen. Außer den üblichen Assiftenzfiguren Maria und Jo­hannes ftefff links St. Stephanus mit der Märtyrer- palme und Steine tragend, recht St. Georg in Rüstung und Rittermantel. Aus der gleichen Zeit befindet sich in der Kirche ein Vesperbild. Beide Arbeiten sind reno­viert. Die Qualität erhebt sich nicht über den Durch­schnitt.

Hervorragend sind dagegen die Holzplastiken die sich in dem lange Zeit so armseligen Kirchlein zu Diebach bei Hammelburg erhalten haben. Sie sind jetzt, ebenso wie die Kirche, außerordentlich geschmackvoll und sorg­fältig renoviert. Die Pietät, die hier dem altüberliefert ten Kirchenickventar erzeigt wurde, das Geschick und das Kunstverständnis, das bei der Erneuerung bewie­sen wurde, muß als mustergültig und in hohem Maße vorbildlch bezeichnet werden. Eine kleine über 70 Zen­timeter hohe Figur, Maria mit Kind, stammt noch aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Sie ist von einer äußerst gefälligen,»naiven Anmut und Frische. In der neuen weiß-gold' gehaltenen Renovierung ist sie ein Prachtstück geworden.

In der Kirche stehen vier weitere Holzskulpturen, die sich der Lebensgröße nähern (das größte Format tm Fuldaer Lande) die paarweise ziisammsngehören, St. Urban und St. Ottilie aus der Zeit vor 1500 und Ma­ria und Johannes aus der Zeit kurz nach 1500. Die beiden letzteren sind zweifelsohne auch ursprünglich Assistenzfiguren gewesen, obwohl ein Kruzifix aus go­tischer Zeit nicht mehr erhalten ist. Die beiden Figuren Urban und Ottilia sind 'chlank und von äußerlt vor­nehmer Wirkung. Maria und Johannes sind breiter, ge- brungener, in der Geste ergriffener und gefühlvoller Der bayerische Denkmalinventarisator empfindet die beiden ersteren Figuren „als der thüringischen Plastik nahestehend". Die beiden letzteren wirken tatsächlich fränkischer. Trotzdem besitzen die Figuren von St. Ot­tilia und Maria eine gewisse Aehnlichkeit. Sie könnten auch von derselben Hand stammen, die allerdings in dem zeitlichen Abstand von vielleicht 2 Jahrzehnten eine Stilwandlung durchgemacht hätte. Die Figuren sind teils weiß-gold, teils bunt renoviert.

Fortsetzung folgt.)