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Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt

Ar. 94

Sonntag, 22. April 1928.

9000 deutsche Parlamentskandidaten

Ueberreichung Oer sranzösiichen Allti-KriegS-Note.

Um die christlich-soziale Reichspartei

'M Norden bei Peking und in der Süd-Mandschu'-ei I Nankingregierung auch geldliche Unterstützung stehende Armee des Generals Tschang tso-lin von I durch die Vereinigten Staaten gefunden fcat, die es

Neue Kämpfe in Nordchina.

Aus London kommen Meldungen, daß es »wischen dem großen Kanal und dem Gelben Fluß im Schantunggebiet zu einer Schlacht gekommen ist zwischen dem nördlichen des Jangtseflusses vor­rückenden Truppen der Armee Tschiang kai Scheks und den Truppen Sunt Schuan Fangs. Die Armee des letzteren, die allerdings Mhlenmäßig weit über­legen war, soll völlig geschlagen und auf der Flucht nach Norden begriffen sein. Die Absicht des Gene­ral Sunt Schuan Fang war, die Verbindungs­linien zwischen der Nachhut der Armee Tschiangkai- Scheks und ihren Stützpunkten in Nanking und Hankau abzuschneiden. Bei diesem Versuch ist Ge­neral Sunt Schuan Fang von der weiter westlich stehenden Armee des General Feng in der Flanke angriffen worden, so daß er zwischen zwei Finger geriet und empfindliche Verluste davon getragen haben soll. Aus dem Schlachtbericht ergibt sich, daß die Armeen des General Tschiangkai Schek, die von Süden her vorgebrochen ist, und des Generals Feng, die von Westen herkommt, erfolgreich zu-- sammengearbeitet haben. Die Schantungprovinz ist nun den Truppen dieser beiden Generale ausgelie- fert. Weitere Meldungen besagen, daß auch die

k a n e r haben sich in denselben Punkten entgegen­kommender bewiesen, so daß man vermutet, daß die

Der französische Botschafter sprach am Freitag im Laufe des Nachmittags beim Reichsaußenmini­ster vor und überreichte ihm den bereits angekün­digten französischen Vorentwurf eines Kriegs- achtungspaktes.

Zur Ueberreichung des französischen Kriegsäch- tungspaktes bemerkt die Tägliche Rundschau: Die französische Note wird zunächst im Auswärtigen Amt geprüft werden, wie es auch mit der Note des Staatssekretärs Kellogg geschehen ist. Eine Veröffentlichung der Note ist von den Ber­liner Amtsstellen nicht vorgesehen, da es Sache der ^anzösischen Regierung ist, von dem Wortlaut der Note der Oeftentlichkeit Kenntnis zu geben.

Wie stellen wir uns zu dieser Bewegung, zur christlich-sozialen Reichspartei? Wir brauchen es nicht besonders zu betonen, daß es auch uns durch, aus nicht ernst ist mit der Durchsetzung unserer christlichen Weltanschauung und ihre sozialen For­derungen im politischen und wirtschaftlichen Leben. Das fft keine Phrase, sondern Wille und Entschie- denheit. Wir freuen uns, daß gegenüber einer ungrundsätzlichen und im Tiefsten liberalisierten Welt jene Menschen an Zahl wachsen, die das grundsätzlich Weltanschauliche zum Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns machen und nur von hier aus die Möglichkeit sehen, im christlichen Sinne gestaltend in unser politisches und wirtschaftliches Leben einzugreifen. Auch wir sind ferner der Auffassung, daß die großen Ausgaben unserer Zeit die Lösung der Friedensfrage und der Arbeiter­frage sind. Ein Blick in die Literatur und in die öffentlichen Diskussionen zeigt, daß diese beiden Fragen in unserem katholischen Bolksteil durchaus im Mittelpunkt des Denkens stehen.

Wenn wir dies hier offen aussprechen, so sagen wir aber ebenso klar und eindeutig, daß der Weg, den die christlich-soziale Reichspartei geht nicht unser Weg ist, daß wir uns hier klar und ein­deutig von den Christlich-Sozialen trennen und zwar aus fügenden Gründen:

Erstens ist es falsch und ungerecht, behaupten zu wollen, daß das Zentrum an den Grundsätzen einer christlichen Politik Verrat geübt habe, daß es eine Kriegspolitik treibe, daß es den sozialen Aufgaben unserer Zeit nicht die genügende Beach­tung schenke. So einfach allerdinas, wie sich die christlich-soziale Reichspartei die Lösung der Frie- ilensfrage und der Arbeiterfrage denkt, sehen wir die Dinge nicht und können sie auch nicht sehen, weil wir damit der Wirklichkeit ins Gesicht schlügen. Wir sind durchaus nicht davon überzeugt, daß das heutige Wirtschaftssystem das Wirtschafts- nstem für alle Zeiten ist, aber ebenso genau sehen wir, daß eine revolutionäre Zerschlagung unserer heutigen Wirtschaftsordnung unser Volk dem Hunger und Elend ausliefern würde. Es kommt dem Zentrum in seiner Wirtschaftspolitik also da­rauf an, das beste für das Volksaanze herauszu­holen und jenen besonders unter die Arme zu giei- en, die heute am meisten zu leiden und zu darben haben. Aehnlich liegen die Dinge in der Friedens­frage. So sehr wir von dem Widersinn eines

wtb. London. 21. April. sEig. Funkm.). Nach der „Times" enthält die gestern überreichte fran­zösische Note zum Kriegsverzichtvorschlag nicht ei- nen Vertragsentwurf, sondern führt nur eine Reihe von Gesichtspunkten an, die nach französischer An- sicht berücksichtigt werden müssen und wiederhost die Ausführungen, die Briand in den Verhand­lungen mit Kellogg zur Begründung des französi» schen Standpunktes gemacht hat.

Japan kein Interesse daran hätte, diese Entschei­dung durch eine Intervention irgendwie aufzu­halten. Hinzu kommt noch, daß man in japani- schen Kreisen hofft, nach einer Niederlage Tschang tso lin's in der Südmanschurei besser und fester Fuß fassen zu können als es bisher durch die Ver­handlungen mit Tschang tso lin möglich gewor- den sei. Wenn nun wirklich die Nankingregierung durch die Amerikaner unterstützt sein sollte, so wäre wohl eher anzunehmen, daß zwischen den Japanern und den Amerikanern bereits ein stil­les Einvernehmen bestehe; auch darf man nicht vergessen, daß der General der Nanking- armes, Tschiang kai Schek, als er im vorigen Jahre seinen Oberbefehl vorübergehend nied-' r.-gte, i n Japan ferne Zuflucht gefunden hat. W .che Rolle England bei diesen Kämpfen spielt, ist noch voll­kommen undurchsichtig.

Im übrigen mehren sich die Meldungen, wonach in dem Kriegsgebiete Schantung die Bevölkerung von schweren Hungersnöten heimge- sucht wird. Zu Hunderttausenden wanderten die Einwohner aus nach Norden in die Mandschurei. ' Iteren Bevölkerung sei wegen oer unablässigen Bürgerkriege in Süd- und Westchina in den letz­ten zwei Jahrzehnten bereits um etwa 20 Millio» nen gestiegen. Jrn übrigen tut man gut daran, alle die Nachrichten, die aus China kommen, und die immer irgendwie gefärbt sind, mit großer Vorsicht aufzunehmen, denn kein Land ist so wie das Reich der Mitte heute der Platz imperia­listischer Jnteressenkämpfe und Intrigen.

den Kämpfen bereits in Mitleidenschaft gezogen sei und sich ebenfalls auf dem Rückzugs befinde.

Wenn sich diese Meldungen bestätigen, dann ist in China eine ganz neue politische S i - tuation zu erwarten. Die vergangenen Winter, monate haben die Armeen benutzt, um sich einiger­maßen zu reorganisieren. Das scheint der Armee des Generals Tschian kai Schek in einem besonders guten Maße geglückt zu sein, obwohl gerade Süd- china in den Wintermonaten noch unter heftigen Bürgerkämpfen gelitten hat. Die Vermutung ist sicher nicht unberechtigt, daß es dabei Hilfe aus dem Auslande bekommen hat. Mit der Nan- kingregierung haben sowohl die Engländer wie die Amerikaner in den letzten Monaten Verhandlun­gen gepflogen, um den Friedenszustand wieder her- zustellen und geordnete wirtschaftliche VerhälMisse herbei.zuführen. Die Nankingregierung hat dabei den Engländern Bedingungen gestellt, die diese nicht angenommen haben. Sie betrafen unter an­derem die Anerkennung der chinesischen Zollfrei­heit und eine Entschädigung für das Bombardement der Stadt durch britische' Kriegsschiffe. Die Am e ri-

Stärker als früher will bei diesen Wahlen die I christlich-soziale Reichspartei in die politische Oef- I fentlichkeit vordringen. Sie stellt in den katholischen Gegenden Deutschlands ihre eigenen Kandidaten I vuf und wirbt namentlich unter den katholischen Arbeitern und in der katholischen Jugend um Stimmen.

®as will die christlich - soziale Reichspartei? Wir halten es für richtig, offen und ehrlich und ohne jeden persönlichen Angriff uns mit dem Pro- grarnm dieser Partei, so wie wir es in ihrer | Wochenschrift „Das neue Volk" vorfinden, aus- einanderzu setzen. Die christlich-soziale Reichspartei will die Partei einer entschiedenen katholischen Politik fein. Einer katholischen Politik, die bestrebt ftt, die politischen und sozialen Grundübel unjerer Zeit radikal und kompromißlos abzuändern. Der politischen Vertretung der deutschen Katholiken macht die christlich-soziale Reichspartei den Vor­wurf der Unentschiedenheit, der Taktik und des Kompromißfchließens in Fragen, wo nach der Mei­nung der Christlich-sozialen nut radikale Entschie­denheit zum Ergebnis führt. Zwei Ziele sind es besonders, die sich die christlich-soziale Reichspartei gestellt hat. Erstens radikaler Pazifismus, in die­sem Zusammenhang Abschaffung der Reichswehr Kampf gegen Imperialismus aller Art, und zwei­tens Beseitigung des heutigen kapitalistischen Wirt­schaftssystems. Mit Entschiedenheit und radikaler Kraßheit verkündet „Das neue Volk" in jeder Num­mer diese Ziele und wendet sich dabei an alle die­jenigen, die unter den Folgen des Krieges und unter dem heutigen Wirtschaftssystem besonders zu leiden Haden. Um diese Ziele durchzuführen, hat der Führer dieser Bewegung, Vitus Heller, zur Gründung einer neuen Partei, eben der christlich- sozialen Reichspartei, aufgerufen und sich dabei in entschiedenen Gegensatz zu allen f»genannten bür­gerlichen Parteien, aber auch zur Sozialdemkratie

i gelte«

unter zu der Sozialdemokratie so gut wie nichts anderes als Halbheit, Grundsatzlosigkeit oder Spie­ßertum. In ihren Forderungen steht die christlich, soziale Reichspartei den Kommunisten am nächsten.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Notationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. _____ Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk. >:

, der geistigen und materiellen Not, die un- , gestellt. Er sieht in all diesen Parteien bis hin. ser Volk durchzieht, ist es an sich menschlich ver- 1 —1------ ------- - '

stündlich, wenn überall Bewegungen wach werden, die sich kritisch und ablehnend zu der von den gro­ßen Parteien geleisteten Arbeit einstellen. Auch un­ser katholisches Volk ist zu einem Teil von dieser politischen Unsicherheit ergriffen worden. Das ist dann erträglich, wenn diese polstische Unruhe zu dem einen Ziel führen will, das katholische Volk für die großen politischen und sozialen Aufgaben der Gegenwart wach zu rufen. Wenn wir dies an­erkennen, so sind wir damit jedoch nicht der Pflicht enthoben, uns jede neue Bewegung in unserem katholischen Lager kritisch und auf die Durchführ­barkeit ihrer Forderungen anzusehen.

vollkommen von der Sorge geleitet, in keiner Weise die Initiative der Vereinigten Staaten zu behindern, die vor dem ersten Gedanken Briands ausgehe, weil diese Initiative in jeder Hinsicht ei« nen großen moralischen Fortschritt bedeute dadurch daß sie die Vereinigten Staaten an den Bemühun­gen zur Organisierung des Friedens beteilige Die Haltung der französischen Regierung sei ferner geleitet von dem Willen, in voller Loyalität gegen­über dem Völkerbund zu bleiben, der der Angel­punkt der gesamten Friedenspolitik bleibe. Unter Berücksichtigung dieses doppelten Gesichtspunktes könne man sich über die Natur und die Bedeutung des französischen Entwurfes nicht täuschen.

ihr ermöglichte, die Armee Tschiang kai Schecks wieder aufzufriscben.

Es liegen außerdem Meldungen vor, daß die im Norden bei Peking stehende Armee des Ge­nerals Tchang to lin nicht mehr die Unterstützung der Japaner besitzt, deren er sich bisher erfreuen konnte. Wenn die im vorigen Jahre gemachten Versuche des sudchinesifchen Generals Tschiang kai Schek, nach Norden über den Jangtsefluß vorzu- dringen, gescheitert sind, so lag das wahrscheinlich nicht zuletzt an der japanischen Intervention im Schantunggebiet, wo Japan eigene Wirtschafts- interessen zu schützen hat. Auch jetzt hat die ja- panische Regierung wieder beschlossen, mehrere Tausend Mann zum Schutze ihrer Handelsinteres- fen im Schantunggebiet abzuschicken und ein Teil dieser Truppen ist auch bereits zur Eifenbahn- zone dorthin abgefahren. Man würde aber wohl fehlgehen, wenn man annimmt, daß nun jetzt ein Widerstreit zwischen den amerikanischen und japa­nischen Interessen entstehen würde. Dagegen spricht einmal die gemeldete Preisgabe Tschang tso lins durch Japan, barm aber auch die geringe Anzahl der entsandten japanischen Schutztruppen. Außer- dem zeigt man sich in der japanischen Presse selbst ob dieser TruppenerpediUon sehr wenig entzückt. Vorläufig scheint jedenfalls die japanische Regie­rung mit dieser Maßnahme die öffentliche Mei- nung noch keineswegs hinter sich zu haben. Ja­panische Zeitungen sagen, daß die Entscheidung über die Regierung in China zwischen den <5üb« und Nordtruppen doch einmal fallen müsse, und

Versammlungen, in Blättchen und TrMätchen im­mer noch die alten Sprüche redet, ganz so, als habe sich seit Jahren in der dmtschnationalen Politik nichts geändert."

Dem haben wir wirklich nichts mehr hinzuzu­fügen.

Die völkische „Einheit".

Bei denjenigen, die den Nationalismus und Patriotismus in Erbpacht zu haben vorgeben, geht es augenblicklich kunterbunt zu. Noch schlimmer als bei den Kommunisten tobt hier der Kampf der „Persönlichkeiten", von denen jeder Einzelne • sich als „Retter" präsentiert. Charakteristisch sind schon die Vorgänge gewesen, die sich in Bayern bei den Nationalsozialisten ereignet haben. So wurden dem schon berüchtigt gewordenen Natio­nalsozialisten Streicher tolle Streiche nachge­sagt. Der Hitler'sche „Völkische Beobachter" setzte sich mit dem sogenannten „völkisch-nationalen Block" auseinander. Es hieß da u. a.t

„Wir lasen die Oftert-otfchmt des völkisch-nationalen Blocks und schlugen ein schallendes Gelächter an. Da zeichnen als Führer eine Gesellschaft „Deutsche Frei­hell", ein kleiner Tarock-Klub, der Antiul­tramontane Reichsverba nd, ein winziges Grüppchen von einigen hundert' Leuten, der Deutsche Herold, überhaupt kein politischer Verband, sondern nichts anderes als der Verlag des „Deutschen Tageblatts", ferner eine Hundertschaft alter Völki- scher, eine ganze Hundertschaft! Für sie zeichnet ein Herr Tropf. Armer guter Tropf! Ganze zwei Her­ren aus dem Wahlkreis Berlin und Potsdam 2 der Deutsch-Konservativen vertiefen diesen Eindruck, den auch ein Herr Jefchke von der sogenannten Völkischen Bauernschaft und die Deutsche Ehrenlegion nicht zu ver­wischen vermögen Bleiben noch die Deutfchvölkische Freiheitspartei und die Reformationspartei des guten Pfarrers Doehring, eine kleine, überall auf protestan­tischen Widerspruch gestoßene Neugründung. Die Gräfe, Wulle und Henning wissen natürlich genau so gut wie wir, daß unter gegenwärtigen Umständen kein einziger Reichstagskandidat gewählt wird. Die 2000 Mitglieder der Völkischen, die Völkische Hundertschaft, die zehn He- roldleute und zwei Konservativen, das paar Dutzend Ehrenlegionäre und die paar tausend Reformations- parteiler bringen in ganz Deutschland keine 50000 Stim­men zusammen." -

.Nun schlagen sich die Völkischen und Nationak- sozialisten in dem -Organ des Herrn von Gräfe mit­einander herum. Es heißt da u. a.:

„Einige Fragen an die Nationalsozialistische Par­tei: Erstens, ist es richtig, daß Adolf Hitler zweimal von Mussolini eine Einladung zum Besuch erhalten hat? zweitens, ist es richtig, daß sich lln Gau Rhein-Ruhr ein Gönner der Partei befindet, der als Freimaurer be­kannt ist, und der Parte! namhafte Geldbeträge zur Verfügung gestellt hat, mindestens zur Zeit, als Dr. Göbbels noch Führer im Rhein-Rühr-Gau war?"

„Wenn aber der nationalsozialistische Abgeordnete Gregor Straffer mit feiner in die Gosse getauchten Su­delfeder sich nicht einmal schämt, das Andenken meines in seiner menschlichen Größe unantastbaren Vater» lä­stern zu wollen, dann sehe ich mich allerdings genoitgt, I ihm in aller Oefsentlichkell etwas derb auf feine Schmutz- I finger zu klopfen."

Dazu bemerkt der „Vorwärts": „Macht nur so I weiter, Kinder, in diesem Zeichen werbet Ihr sie- I gen!"

Unb solche Leute erheben ben Anspruch barauf, I allein fähig unb imstande zu fein, Deutschlandl aus seiner politischen und wirtschaftlichen Notlage I zu erretten. Es ist ein Jammerbild, das sich hier I bietet, und man möchte von dem gesunden Sinn I des deutschen Bürgers erwarten, daß er mit die- I fen Ueberbleibfeln einer wirren Zeit endlich einmal I entschlossen Schluß macht.

Zur Sicherung des Wahlgeheimnisses sind nä­here Bestimmungen durch ein Rundschreibenerlaß des Preußischen Innenministers getroffen worden. Die Stimmbezirke sollen so abgegrenzt werden, daß jeder Wähler die Sicherheit hat, fein Staatsbürger­recht ohne jede Beeinflussung von außen her unb ohne daß seine Abstimmung kontrolliert werden kann, auszuüben vermag. Es soll vermieden wer­den, daß Gutsbezirke für sich allein einen Stimm­oder Wahlbezirk bilden. Die Abstimmungsräume sollen in Gemeindeanstalten und Gebäuden ein­gerichtet werden. Die Auswahl der Wahlvorsteher soll so erfolgen, daß kein Wähler sich beeinflußt fühlen kann.

Zum französischen Entwurf eines Antikriegs­paktes, der in Berkin überreicht worden ist, schreibt der „Temps", gerade weil Frankreich ben aufrichtigen Wunsch habe unb fest entschlossen sei, ber Sache bes Friebens zu bienen, wolle es nichts dem Zufall überlassen. Der mehrseitige Sinti» kriegspakt müsse ein Werk guten (Stau­bens unb ber Klarheit fein. Die Haltung ber I französischen Regierung in biefer ernsten Frage sei |

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Döe Kandibatenaufstelkung fft noch nicht bei allen Parteien beendet. Aber schon jetzt läßt sich er­kennen, daß die Zahl der Parteien, die Wahlvor- schläge emreichen, erheblich größer sein wird als bei den letzten Wahlen. Eine Berechnung ergibt, daß am 20. Mai rund 9000 deutsche Männer und Frauen für den Reichstag und die einzelnen Län­derparlamente kandidieren werden. Die Anzahl der Reichskandidaten muß auf mindestens 5000 ge­schätzt werden.

In Preußen wird man für diesmal mindestens nnt 3000 Bewerbern zu rechnen haben.

Da am 20. Mm außer im Reich und Preußen auch in Bayern, Württemberg, Anhalt und Olden- burg gewählt wird, und man die Kandidaten für diese Länderparlamente insgesamt auf 900 schätzen kann, so ergibt sich eine Zahl von mehr als 9000 Bewerbern um einen Sitz im Parlament des Rei­ches oder einz elner Länder.

volkspartei und Deulschnationale.

Die Deutschnationalen haben es für notwendig gehalten, in nicht weniger als 4 (i. W.: vier) Wahlaufrufen ihre Stellung bei ben kommenden Wahlen zu begründm. Das ist Wahlpropaganda in Etappen! Uno man kann den Verdacht nicht von der Hand weisen, daß hier eine gewisse „Schub- kadenMethode" angewandt wird! Man will offenbar, je nach dem, wie's trifft, den für die jeweilige Situation gerade Passenden Wahlaufruf aus der Schublade Herausziehen! Das fft eine neue Taktik, die aber für Leute bestimmt fft, die einen sehr engen Horizont halben.

Im übrigen hat die nationalliberale Korrespon­denz, der Pressedienst der Deutschen Volks­partei durchaus recht, wenn er von den Wahl- aufrufen sagt, daß sie interessant find durch das, was sie nicht mehr sagen oder anderes sagen als die dmtschnationalen Wahlaufrufe von 1924. Jeder politische Graphologe könne aus diesem „nicht mehr" oder „anders" eine ganze Parteigeschöchte liefen.

Don der Deutschen Volkspartei toerben dann die Wahlaufrufe der Dmtschnationalen in folgender durchaus zutreffendm Weise charakterffiert:

„Die Deutschnationale Volkspartei spricht seit dem Dawesvertrag nicht mchr von dem „verblen- beten Erfüllungswahn" oder den „Sklavenkettm", die andere Parteien dem dmtschen Volke anfegen. Waren es doch die Stimmen der beutfebnatio­nalen Reichstagsabgeordneten, die die Annahme des Dawesvertrages überhaupt erst ermöglichten. Auch die „Götzm des Marxismus" erscheinm nicht mchr in ben dmtschnationalen Wahlaufrufen. Nicht einmal der Kampf gegen den „Sozialismus" als solchen, als Welt- und Wirtschaftsauffassung, toirb gepredigt. Der dmtschnatwnale Wahlaufruf für fcen Reichstag enthält von diesen Parolen, die einst twe deutschnationale Agitation ganz und gar be­herrschten, keine mehr! Der deutschnationale Wahl­aufruf für Prmßm fordert lediglich ben Kampf gegen die rote Parteipolitik in Pren- £.c n-„3u dey verschwundenen Parolen gehört auch dve völkische. Man sucht vergebens nach dem bis dahm üblichen Kampfruf „für den völkischen Geist — gegen die jüdische Vorherrschaft!" Friede herrscht in Troias Hallen. Selbst gegenüber der schwarz-rot-goldenen Flagge? Der letzte Wahlauf­ruf der deutschnationalen Volkspartei vom 29.Okt. 1924 rief noch auf zum allgemeinen Kampf gegen schwarz-rot-gelb. Jetzt beschränken die Deutschnatio­nalen sich darauf, ehrend der ruhmbedeckten schwarz- weiß-roten Fahne zu gedenken, ohne sie demonstra­tiv als Wahlpanier aufzupflanzm. Und die Staats­form? „Unter jeder Staatsform dienen wir der Ration" sagt der dmtschnationals Wahlaufruf. Bei dieser Sachlage braucht man die Frage nach dem Verbleib des nie schwankmden Banners erst gar nicht zu stellen. Es gehört auch der deutschnationalen Parteigeschichte an; ebenso die verdorrende Hand, die noch im deutschnationalen Wahlaufruf 1924 spukhaft und anklagend erschien. — Wir stellen diese Tatsachen fest, weil sie Zeichen und Zeugen einer bedeutsamen parteigeschichtlicheen Entwicklung find, und weil sie stärker, als es sonst irgmdwie geschehen könnte, die Doppelzüngigkeit jener deutschnationalen Agitation entlarven, die in 1

FuldaerZertung