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Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt

Sö.Zahrg.

Ttt* Ort im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag

«Fll« w, der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

Mittwoch, IS. April 1928.

Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 Mt, auswärts 0,20 Ml. Reklamezeile: lokal 0,60 Ml, auswärts 0,80 Ml. Bei.Wiederbolungen Rabatt. :»: Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051.:»:

FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Julda. Amtliches Kreisblakt.

Ausschuß für Vechssullgs

Der Ausschuß für Verfassungs- und Verwal­tungsreform tritt am 4. Mai zusammen. Den Vorsitz führt der Reichskanzler. Von der Reichsre- gierung find dazu delegiert: Der Stellvertreter des Reichskanzlers, und die Reichsminister des Innern, der Finanzen, der Wirtschaft und der Post, ferner Jeheimer Iustizrat Professor Dr. Anschütz, Gehei­mer Iustizrat Dr. Triepel, Dr. Brüning, Staatsse­kretär a. D. Dr. Busch, Reichsminister a. D. Hamm und Professor Nawiasky. Von den Landesregie­rungen: Für Preußen: Ministerialdirektor Dr. Brecht, von Bayern Ministerpräsident Dr. Held, von Sachsen Ministerpräsident Heldt, von Würt­temberg Staatspräsident Bazille, von Baden Mi­nisterpräsident Remmele, von Anhalt Minister­präsident Deist, von Hamburg Bürgermeister Dr. Petersen und andere.

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Aus Stuttgart wird gemeldet: Der Keichssparkommissar, Staatssekretär a. D. S a e - misch, um dessen Entsendung nach Württemberg die württembergische Regierung die Reichsregie­rung schon vor längerer Zeit gebeten hat, wird am 17. April in Begleitung des Ministerialdirektors Schmitt und des Ministerialrates Seel zu den ein­leitenden Besprechungen mit der württembergischen Regierung in Stuttgart eintreffen.

Dr. (fermes und Polen.

Erfolgreiche Besprechungen mit Twardowski.

Aus Wien wird gemeldet: Die Führer der Delegationen für die deutsch-polnischen Handelsver- ragsverhandlungen, der frühere Reichsernährungs­minister Dr. Hermes und der ehemalige pol- aische Minister Dr v. Twardowski, die vor "ünf Tagen in Wien zu einer Besprechung zusam­mengetreten sind, haben die Besprechungen mit P o- ! itivem Ergebnis abgeschlossen. Dr. Hermes und Dr. v. Twardowski sind nach Warschau abgereist, do die Handelsvertragsverhandlungen wieder auf- 'enommen werden. *

Die Litauische Telegraphenagentur berichtet: Am (5. dieses Monats überschritt der polnische --ta-^snngehärige Karameitschikas bei Seinkiat die Demarkationslinie und beschoß aus einem Revol­ver den dortigen litauischen Grenzposten. Diese wunderten mit einigen Schüssen und verletzten Ka- mmeitschikas tödlich. Karameitschikas lief über die Demarkationslinie zurück und brach tot auf pol« nscher Seite zusammen.

Die Demokraten.

Die demokratische Presse verkündet großspurig, Saß die demokratischen Kandidaten überall aufge- tellt worden seien. Die veröffentlichte Liste der Spitzenkandidaten sieht wie folgt aus:

1. Re ich sm in ist er a. D- Dr. Koch, Berlin. 8. Staatssekretär a. D. Oskar Meyer, 93 er- «n. 3. Staatspräsident a. D. Hummel, 93er- Bn. 4. Staatsminister Dr. Schreiber, Ber­lin. 5. Staatsrat a. D. Dr. Haas. 6. Mini­sterpräsident a. D. Dr. Tautzen, Oldenburg. 7. Staatsminister Dr. Höpker-Aschoff, Ber­kin. 8. Re ich sm in ist er a. D. Dr. Reinhold, Berlin. 9. Staatspräsident a. D. Dr. Hell- pach, Hessen. 10. Reichsmini st er a. D. Dr. Külz, Berlin. 11. Staats Minister a. D. Dr. Dietrich, Baden. 12. Nochmals: Staatspräsi - deut a. D. D. Hellpach, Pfalz und 13. Staats­minister a. D. Dr. Rönneburg. 14. Staats - Minister Dr. Moeller, Mecklenburg.

Wer solch eine Kandidatenliste in die Hand be­kommt, begreift erst, toarum die demokratische Par­tei so stark für den Einheitsstaat schwärmt: es ist nämlich sehr schwierig, all e demokratischen Reichs­und Staatsminkster auf der Kandidatenliste an vor­derster Stelle dauernd unterzubringen. .

Noch manche interessante Einzelheit ließe sich aus der Eesamtllste anführen. Alles in Allem: Die demokratische Partei hat zu viele Führer und zu wenig Wähler! Die Gesamtliste wstd überwuchert von fetzigen und früheren Ministern und die breiten Volksschichten kommen in der demo­kratischen Partei nicht mehr zum Zuge! So wird es trotz aller „Führer" und „Staatsmänner" mit der demokratischen Partei weiter bergab gehen, weil die Verankerung der Partei bei der werteschaffenden Bevölkenmg fehlt!

Bleibt noch festzustellen, daß die Demokraten sich rühmen, trotz ihrer geringen Mandatszahl gro­ßen Einfluß ausgeübt zu haben. Für die Zukunft wird man sich das merken müssen. Dem Verdienst seine Krone, aber nur dem wirklichen Verdienst!

Dr. Strelemanns Baqernritt!

Man schreibt uns:

Der deutsche Reichsaußenminister will dem bay­rischen Liberalismus neues Leben einhauchen. Er will Bayern für den liberalen Gedanken wieder erobern. Der kluge Dr. Strefemann hat sich aber vor seiner Kandidatenaufftellung zu wenig um seine Gefolgschaft bekümmert, ansonsten gewiß nicht der General von Schoch als zweiter Kandi­dat hinter Dr. Strefemann aufgestellt worden wäre. Es ergibt fick demnach für den Wahlbezirk Oberbayern und Niederbayern, in denen Dr. Stre- semann an erster Stelle steht, folgendes Bild:

1. Dr. Strefemann ist Anhänger des Ein - h e i t s st a a t e s; General von Schoch ist Vollblut­bayer und als solcher entschiedener Geg­ner des einhcitsstaatlichen Gedankens.

2. Dr. Strefemann gibt vor, bewußt auf dem Boden der Republik zu stehen; General von Schock aber ist überzeugter Monarchist

unii VermltulVrchrnl.

und führende Persönlichkeit im bayerischen K ö - n i g s b u n d!

3. Dr. Strefemann stellt sich unter die Fahne Schwarzrotgold und General von Schoch kämpft für Schwarzweißrot!

4. Dr. Strefemann tritt für Völkerver- ständigun gund internationale Abrüstung ein, und General von Schock ist ein typisier Vertreter der Aufrüstung und der R e v a n ch e i d e e!

Die Liste der Gegensätzlichkeiten ließe sich be­liebig verlängern. Kann man sich schärfere Gegen­sätze denken, als sie hier im gleichen Wahlkreis innerhalb derselben Partei auseinanderstoßen? Das „Ganze" aber nennt sich „Einigung des Liberalismus!" Es werden Wähler und Wählerinnen gesucht, die an solche „politische Füh­rung" glauben!

General von Schoch gehörte schon einmal dem Reichstag an; er trat zurück, weil er die Politik Dr. Stresemanns nicht mitmachen wollte! Jetzt kan­didieren beide Herren im gleichen Wahlkeris! Echt nationalliberal. Dr. Strefemann aber hat sich auf das falsche Pferd gesetzt; er wird wohl kaum das „Rennen" machen! Die Bayern sind Heller, als man in Berlin glaubt!

Der Lohnkampf im Bergbau.

Wie der „Vorwärts" meldet, finden die Nach­verhandlungen zu dem Schiedsspruch für den Ruhrbergbau am kommenden Freitag statt.

Papst und Elternrecht.

Der heilige Vater über christliche Jugenderziehung,

Aus Rom wird gemeldet: In einer Ansprache an den Nationalrat des italienischen katholischen Männerverbandes wies der Papst darauf hin, :mR einer der Programmpunkte des katholischen Män­nerverbandes die Rechte und die Pflichten der

Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder betreffe. Er habe mehrmals feine Besorgnis hinsichtlich die­ses so wichtigen Punktes geäußert, und diese Be­sorgnis sei gerade jetzt mehr als je gewachsen. Wie­derholt habe er erklärt, daß das Recht einer christ­lichen Erziehung der Jugend der Kirche nicht abgesprochen werden könne, und daß sie allein über die erforderlichen Mittel verfüge. Denn jede moralische und geistige Erziehung, wenn sie sich nicht auf körperliche Hebungen beschränke, könne in einem katholischen Lande nur eine christliche ein. Hieraus folge von selbst die Rolle, die in die- er Angelegenheit der Kirche zufalle. Die katholi- chen Männer müßten daher die Augen offenhal­ten und mit großer Aufmerksamkeit und größerem Mut denn jemals sich mit diesem Punkt beschästi- gen. _______

* Reichskanzler und presseveteran. Der Reichs­kanzler fandte an den Verleger und Chefredakteur der „Königsberger Allgemeinen Zeitung", Dr. h. c. W y n e k e n, zum 80. Geburtstage folgendes Glückwunschtelegramm: „Zu ihrem 80. Geburtstage spreche ich Ihnen, der Sie Ihre Lebensarbeit mit vorbildlicher Treue der deutschen Presse und damit dem deutschen Volke gewidmet haben, meinen herzlichsten Glückwunsch aus. Möge Ihnen gei­stige Rüstigkeit und körperliche Frische noch recht lange zum Wohle des Vaterlandes erhalten blei­ben." _________________

♦ Rückkehr zu Goldwährung in Norwegen. Aus Oslo meldet man: In der Sitzung des Staats­rates wurde einem königlichen Erlaß zugestimmt, nach dem die norwegischen Noten vom 1. Mai ab Wied er in Gold eingelöst werden und dieEold- aussuhr vom gleichen Tage an gestattet wird.

* Die Bewegung an den japanischen Universi­täten. Reuter meldet aus Tokio: Die Behör­den der Universität Kioto und andere Kreise be­schlossen, sich den von der Regierung verfügten dra­konischen Maßnahmen zu widersetzen, die sich gegen radikale Professoren und Studenten richten. Man fordert die Aufhebung dieser Maßnahmen.

Die sranzöWen MuMmGen am Sonntag.

Am kommenden Sonntag finden in Frankreich die Neuwahlen zur Kammer statt. Es wird da­mit fest Bestehen der Dritten französischen Republik die 14. Legislaturperiode des französischen Parla­ments beginnen. Das jetzt zu Ende gegangene Par­lament war am 11. Mai 1924 gewählt worden, b.e Mehrzahl seiner Mitglieder kandidiert auch wieder in diesen neuen Wahlen.

Mit der Kammer des 11. Mai 1924 vollzog sich in den Methoden der französischen Polltik ein grundsätzlicher Wandel. Von 1919 bis 1924 er­blickten die französischen Staatsmänner die Siche­rung der französischen Zukunft iN einer bestän­digen Bedrohungspolitik gegenüber dem be­siegten Deuffchland. Man ließ Deutschland poli­tisch und wirtschaftlich nicht zur Ruhe fommen und unterließ nichts, was die Konsolidierung unserer jungen friedenfucheNden Republik erschwert hätte. Alle Bestimmungen des Versailler Vertrages, die irgendwie zur Knebelung des erschöpften Deutsch­land dienen konnten, wurden mit großer Rigorosität durchgeführt, wobei man keine Gelegenhett vorüber­gehen ließ, ohne uns in Wort und Handlung zu demütigen. Das Schlimmste aber war, daß man auch rn der Reparationsfrage in Deutschland nicht das Derttauen aufkommen ließ, daß man sie mit wirtschaftlicher Vernunst regeln wollte. So geriet unser durch politische Wirren schwer heimgesuchtes Land in die Katasttophe der Markwährung, die hinwiederum alle staatsfeindlichen Geister enffesselte und jede Hoffnung auf baldigen Wiederaufstieg zerrüttete. Der Ruhreinmarsch mit den Putschvor- bereitungen auf kommunistischer und völkischer Seite sind die Tiesenpunkte des deutsch-ftanzösischen Ver­hältnisses und der inneren deutschen Politik ge- toefen. Die französischen Methoden haben sich nicht gelohnt. Die Unkosten waren größer als die Ein­künfte und die politischen Verhältnisse wurden für Frankreich gefährlicher mit jedem Tag, wenn es stch auch erfolgreich bemüht hatte, um Deutschlarcks Grenzen durch eine zielstrebige Bündnispolitik einen Ring von schwerbewaffneten Vasallenstaaten zu legen.

Das am 11. Mai 1924 gebildete 13. Parla­ment hat die Unfruchtbarkeit der bisher beliebten Methoden anerkannt und sie durch neue ersetzt. Wohlgemerkt, nur die Methoden sind geändert worden. Die Grundtendenz der ftanzöfischen Poli­tik, nämlich die Stabilisierung der Versailler Ver- ttagsbestimmungen in einer Frankreich günstigen Auslegung fft geblieben. Die Methodenänderung wurde durch neue Männer vorgenommen. Das Linkskartell, das bei den Wahlen die Mehrheit er­halten hatte, schuf eine Regierung, an deren Spitze es den pazifistischen radikalsozialffttschen _ Bürger­meister von Lyon, Herriot, stellte. Dieser un­terstützte akttv den amerikanischen Versuch einer wirtschaftlichen Regelung der Reparationsfrage und ordnete nach der Annahme des Dawesplanes die Räumung des Ruhrgebietes und der sogenannten Sanktionsstädte Düsseldorf und Duisburg-Ruhrort an. Auch sorgte er dafür, daß der Geist iw der französischen Rheinlandverwaltung humaner wurde. In Frankreich aber hatten sich inzwischen die Fol­gen der alten Poincareschen Ruhrpolitik bemerkbar gemacht, indem auch die französische Währung ihren Haft verlor und bald in ein schnelles Sinken geriet. Dem Kabinett Herriot war es nicht mög­lich, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, es wurde ant Karfreitag 1925 gestürzt.

Alsdann begann ein unablässiger Wechsel neuer Kabinette und neuer Versuche, den Franc zu stabilisieren. Die Erfolge, blieben aus, so daß

das Linkskartell, das 1924 in den Wahlen gesiegt hatte, in sich zerbrach. Das Gespenst des Staats- bankerotts ging um. Im Juli 1926 fand man end­lich den Retter. Es war P o i n c a r e, derfelbe Mann, der die Deroute des Franc verschuldet hatte. Er bildete die Regierung der Nationalen Einheit und das Vertrauen in seine finanzpolitische Tüch­tigkeit war auch von Anfang so groß, daß das Äbgleiten des Franc aufhörte und immer festeren Währungsverhältnissen Platz machte. Bei dieser Kabinettsbildung waren die einzelnen Ressorts sehr genau verteilt worden. Ministerpräsident Poincare sollte sich nur um das ihm ebenfalls übertragene Finanzressort bekümmern, Briand blieb für die Außenpolitik verantwortlich, Sarraut für die Innenpolitik. Diese drei bedeutendsten Män­ner des Kabinetts der Nationalen Einigung Ha­den denn auch auf ihrem Gebiete sehr wichtige Ar­beiten geleistet und dabei den Einfluß des Parlaments, das nach der Sprengung des Linkskartells keine feste Mehrheitsbildung mehr zustandebrachte, fast gänzlich ausgeschaltet. Briand gelang der Locarnovertrag und die Einbe­ziehung Deutschlands in den Völkerbund, zwei po­litische Vorgänge, die die französische Politik zum Ziele der nationalen Sicherheit, wie man es auf­faßte, in jeder nur erwünschten Form nahebrachte. Sarraut begann einen Kamps gegen den Kommu­nismus. der allerdings noch nicht abgeschlossen ist und setzte die Wahlreform durch, die in der Rück­kehr zur Kreiswahl bestand. Außerdem gelang dem Kabinett der Abschluß einer Reihe von Han­delsverträgen, worunter der mit Deutschland der wichtigste war. An wichtigen Gesetzen sind außer­dem zu nennen: Die Neuorganisierung der Armee und im Zusammenhänge damit die Herabsetzung der Dienstzeit auf ein Jahr und die Reform der Kriegsgerichte, ferner die Sozialversicherung, die wenigstens im Grundsatz angenommen ist. Diese beiden Gesetzgebungswerke stammen in ihrer An­lage aber noch aus der Regierungsperiode des Linkskartells. Die wichtigste Arbeit aber war die Poincare'sche Stabilisierung der Währung, die die­sem Staatsmann für die Wahlen am kommenden Sonntag ein bedeutsames moralisches Prestige ver­leiht. Man kann es einigermaßen abschätzen, wenn man bedenkt, daß von dem Sturze Herriots an bis zu seiner Uebernahme des Finanzminister­postens sich 6 Finanzminister an dem Sanierungs­problem zermürbt haben.

Wie die Wahlen am kommenden Sonntag aus­fallen werden, ist völlig ungewiß. Sowohl in den Reihen der Rechten wie der Linken find starke Kri- fenerfcheinungen zutage getreten, außerdem er­schwert das neue Wahlgesetz jeden Versuch der Voraussage. Poincare selbst möchte sein heutiges Kabinett unter Ausschiffung einiger Männer des rechten Flügels nach den Wahlen wieder neu schaf­fen können, und man nimmt an, daß ihm das wohl auch gelingen wird.

Wahlreden Briands und herriots.

Briand und Herriot haben sich während ihrer Wahlkampagne über Friedensfragen geäußert. Briand sprach in seinem Wahlkreise in Nantes. Er erklärte:

Das fürchterliche Bild des Krieges hat mich mit einem Gefühl des Ab scheues er­füllt, das mich nicht mehr verläßt. Arbeiten wir mit ganzem Herzen und unserer ganzen Intelligenz daran, daß unserem Lande die Wiederkehr eines

derartigen Krieges erspart bleibe. Man muß al­les wagen. Man muß die Angriffe und die «Spöt­tereien mißachten und, ohne müde zu werden, im­mer wiederholen; Friede, Friede, Friede!

Herriot hat in einer Wahlversammlung in Lyon eine Rede gehalten, in der er die von ihm als Ministerpräsident verfolgte Außenpolitik rechtfer­tigte, indem er besonders auf die mit Ramsay Macdonald in Eheguers gepflogenen Verhandlun­gen über die Regelung der Reparationsfragen ein­ging. An dem Tag, an dem sich die Alliierten "geeinigt hätten, so erklärte er, hätten sie die Sem« scheu kommen lassen. Das sei das erste Mal in der Geschichte gewesen, daß man einen Frieden erhielt, dem der B e s i e g te zu st i m m t e. Man habe behauptet, die Räumung des Ruhrgebietes sei eine Täuschung gewesen. Ferner habe man ge­sagt, Deutschland werde zahlen. Heute zahle Deutschland, ohne schlechte Laune zu zeigen dank der Durchführung des Dawesplanes., Als man ihm den Dawesplan vorlegte, hätte er seine Unterschrift verweigern können. Da er ihn aber gebilligt habe, hätte er das Ruhrgebiet räumen müssen. Das sei eine Frage der Ehrlichkeit gewesen. Nachdem er der Regelung zugestimmt habe, habe er die Hypo­thek löschen müssen

Die Gsterkonserenzen in Rom.

Während die ungarische Presse ihre bisherige Stellungnahme noch beibehält, daß Graf B e t h - l e n lediglich einen Osterflug nach Venedig unter­nommen und Mailand gar nicht berührt habe, mel­det das in Preßburg in ungarischer Sprache er­scheinende tschechoslowakische Regierungsblatt „A Reggel", daß Graf Bethlen die Reise von Venedig nach Mailand im Auto zurückgelegt habe und die Zusammenkunft mit Mussolini trotz aller Dementi- ftattfanb; derselben habe nicht nur der italienische Staatssekretär Grandi, sondern auch der Finonz- und Handelsminister beigewohnt.

Gleichzeitig sanden die Konferenzen Mussolinis mit dem türkischen und griechischen Außenminister statt, denen sich die Konferenz zwi­schen den beiden letzteren anschloß. Eine kurze Mel. düng über das Ergebnis dieser Konferenzen be­sagt, daß die drei Staatsmänner eine lange uni herzliche Unterredung miteinander Hatten, durch welche die freundschaftlichen Beziehungen eine roet« tere Festigung erfuhren. Welch Wandel der Zeit, wenn man zwei kurze Jahre zurückdenkt, als der Mossul-Konflikt auf Biegen und Brechen stand, der griechische Außenminister Rufo- der Pangalos-Re< gierung in Rom weilte und die Türkei Truppen an der kleinasiatischen Küste zusammenzog, um den „kleinasiatischen Möglichkeiten" entgegenzutreten. Damals hat Italien die griechische Politik geködert und durch diese Doppelgeste England den unschätz­baren Dienst erwiesen, daß die Türkei — in Klein­asien und vom Irak her sich bedroht fühlend — in der Mossul-Frage restlos nachgab.

Noch eine Begegnung wnb geraum still und unbemerkt statt. Der türkische Außenminister wählte eine andere Reiseroute als diejenige, die ursprünglich gemeinsam mit Mihalakopulos zur Fortsetzung der Besprechungen geplant war; man batte sich eben schneller ausgesprochen und verstän­digt, da Ruschdi Dey Handelsvertragsplan und Ga­rantiepakt-Entwurf mit Italien und Griechenland mit heimbringt und daher weitere Konferenzen überflüssig waren. So wählte Ruschdi Bey den Landweg, der ihn über Sofia führte. Hier wurde er von Außenminister Burow erwartet und setzten die beiden Minister ihre Besprechungen über jene Frage fort, die sie bei der seinerzeitigen Durchreise Ruschdi Beys nach Gens am Bahnhof in Sofia kurz berührt hatten so sagt eine eben so kurz als mystisch klingende Meldung. Das tschechoslowakische Regierungsblatt „A Reggel" dürste daher nicht allzu fehl schließen, wenn es der Ansicht Ausdruck gibt, daß in Mailand der Grundstein zu einem Bündnis zwischen Italien, Ungarn, Griechenland, Bulgarien, Türkei gelegt wurde.

Und Z a l e s k i in Rom? Rom und Moskau verbindet der Freundschaftspakt vom 25. Mai 1924; Italiens freundschaftliche Einflußnahme in Moskau fei bisher den Rumänen zugute gekommen — pro- testlos von «Seiten Moskaus konnte das Bessarabien- Protokoll durch Italien ratifiziert werden und da­mit erst internationale Rechtskraft erhalten; Ru­mänien hat das vergessen, verharre hartnäckig in der Gegnerschaft zu Ungarn, den Freunden Ita­liens, und ziehe die Freundschaft Frankreich und der kleinen. Entente derjenigen Italiens vor, dis Rumäniens Nordgrenzen besser gesickert habe und Rumäniens Westgrenzen durch die Verständigung mit Ungarn besser sichern wolle, als es Frankreich und die Kleine Entente je tun könne. Komme dazu, daß Polen und Ungarn durch „traditionelle Freund­schaft" verbunden feien, und daß der Weg vom polnischen Petroleumrevier nach Italien nicht länger fei, als derjenige vom rumänischen. Polen werde daher sich vielleicht für eine italienische Der- mittlung in Moskau dankbarer erweisen, als das „dankbare" Regime der rumänischen Liberalen — so sagt man in Rom! Ob es nicht nur eine Geste ist, um in Bukarest das Gefühl isolierter Zweisron- ten-Bedrohung hervorzurufen und obendrein Fäden zwischen Rom und Moskau wieder fester zu ziehen, indem man aufzeigt, Italien würde unter Umstän­den auch anders können?

* Rücktritt der portugiesischen Regierung. Aus Lissabon wird gemeldet: Nachdem General Car­mona zum Präsidenten der Republik gewählt worden ist, hat die Regierung ihren Rücktritt er­klärt. Der frühere Minister des Innern, Oberst Vincente Freitas, wurde mit der Bildung des neuen Ministeriums betraut