Fuldaer Zeitung
N° 88.
Sonntag, 15. Slprll 1928.
2. Blatt.
Druck -er Fuldaer AcNendruckerel, Fulda
Das Mailänder Attentat.
„@iorgna(e d Italia" meldet aus Mailand: T>v Sicherheitsoolizei hatte einen anonymen Brief erhalten, in dem angekündigt wurde, daß eine anarchistische Gruppe einen schreck- - sch e n ?l n sch l a g vorbereitet habe Es wurden die gründlichsten Vorsichtsmaßnahmen qe- troffen. Das Attentat wurde aber mit solcher Ge- ickncklichkeit ins Werk gesetzt, daß es durch die Maßnahmen nicht verhindert werden konnte. Die Polizei ist anscheinend davon überzeugt, daß die Urheber des Anschlages unter den Anarchisten zu suchen sind. Durch die zahlreichen Verhaftungen, di? vorgenommen wurden, sollen Anzeichen dafür gefunden worden sein.
Opel - NaKetenwagen.
Alle bisher erreichten Geschwindigkeiten überboten.
Die Opelwerke in Rüsselsheim teilen mit: Wir hatten unsere Versuche in absoluter Geheimhaltung durchzuführen und sind erfreut, üaß uns dieses das ganze Jahr hindurch vollkommen gelungen ist. Durch die Verlegung der Versuche auf die jedermann zugängliche Opel-Bahn war die Oeffentlichkeit nicht mehr auszuschalten: wir wären auch von uns aus in einigen Tagen mit den Versuchsergebnissen herausgekommen. Cs handelt sich nicht um einen Gebläse-Motor oder eine Turbine, sondern um ein Raketenaggregat, das nach den Ideen des als „phantastischen Weltraumflieger" verschrienen Privatforschers Max Ballier geschaffen wurde. Unfere langjährige mühevolle Arbeit hat zu dem erwarteten Erfolg geführt, sodaß es uns schon heute möglich ist, alle bisher erreichten Geschwindigkeiten zu überbieten. Roch im Laufe dieses Monats werden wir, lediglich um den Fachkreisen die Richtigkeit des neuen Antriebprinzipes zu beweisen, eines unserer Fahrzeuge in Berlin mit der auf der Avus-Bahn möglichen Geschwindigkeit von etwa 150 Kilometer vorführen, und darauf mit zunächst auf Schienen laufenden Wagen den von England gehaltenen Geschwindigkeitsrekord zu brechen versuchen. Die Reichsbahnverwaltung hat sich bereits vor mehreren Wochen bereit erklärt, uns eine geeignete Strecke zur Verfügung zu stellen. Wir sind uns darüber klar, daß das Opel-Sander-Aggregat (Ingenieur Sander ist der Konstrukteur des Raketen-Motors) zwar für die Bewegungsverhältnisie auf der Erdoberfläche gewaltige und bisher für unmöglich gehaltene Leistungen vollbringt, daß es aber in seiner jetzigen Gestalt doch nur eine V o r st u f e auf dem Wege zum Raketenflugzeug und zum späteren Weltraumschiff im Sinne des Dallierschen Projektes bildet. Nichtsdestoweniger sind wir schon heute in der Lage, mit unbemannten Ma- schienen dieses Typs in höhere Schichten der Erdatmosphäre vorzudringen. Wir sind überzeugt, daß es noch in diesem Jahre gelingen wird, auch in den leeren Weltenraum vorzustoßen, lieber diesen Teil unserer Forschungsarbeit, der auch für die Meteorologie von größtem Interesse ist, kann aus begreiflichen Gründen Näheres noch nicht gesagt werden. Wir erwarten, daß maßgebende Kreise der Regierung von sich aus unsere weiteren Arbeiten nicht nur ideell, sondern auch materiell durch Bewilligung eines geringfügigen Teils der für Luft- fahrt und Höhenforschung bereitgestellten Mittel unterstützen, denn wir selbst sind an dem gesamten Problem lediglich wissenschaftlich interessiert. Wir haben nur aus Gründen des Ansehens Deutschlands geglaubt, den überall abgewiesenen deutschen Erfinder durch Bereitstellung von Mitteln und Einsatz unserer praktischen Erfahrungen fördern zu sollen.
Der Dorstoß ins Weltall.
Der Opel-Raketenwagen überschritt am Donnerstag bei Versuchsfahrten in Tegernsee spielend das 100-Kilo- metertempo. Bei einem Probeaufstieg einer kleinen Rakete wurde eine Höhe und Wurfweite von 10 Kilometern erzielt, die steile Geschwindigkeit betrug 800 Kilometer in der Stunde. Der Ingenieur Sander baut eine Rakete, die eine Höhe von über 150 Kilometern erreichen soll. — Bisher zu meteorologischen Zwecken verwendete unbemannte Ballons haben als höchst erreichte Höhe 30 Kilometer registriert.
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Rund um
weißer
Man müßte kein fühlendes Herz mehr in der Brust haben, wenn man am Weißen Sonntage nicht von einer heiligen Rührung ergriffen würde. Unjer Dasein ist so schwer. So grauenhafte Schicksale haben wir durchlebt. Mit einer Bürde ist unser Geschlecht belastet, wie sie selten von einer Zeit getragen wurde. So sehnt man sich doppelt nach der Kindheit, der frommen, der sorglosen, der glücklichen. Und wenn man irgendwo die selige L-char der Kleinen sieht, die sich auf den schönsten Tag ihres Lebens freut, so bleibt man sinnend stehen. Man betrachtet immer wieder diesen Frühling junger Menschen, die im Frühling der Natur sich sammeln und, von der Teilnahme der ganzen Gemeinde begleitet, dem Kirchlein zuziehen. So ergreifend ist das, wenn die Menschheit ihre Erstlinge dem Herrgott weiht In einem unheiligen Zeitalter, das alles profaniert und kauni noch Weihe und Würde kennt, wirkt das wie ein Wunder. Man spürt es. wie eine heilige Kraft in einem selber lebendig wird. Einen Augenblick sieht man die kleine Schar, die unbekümmert um den Geist des Jahrhunderts ihre alte Straße zieht, die Straße der Treue, der Liebe, der Religion.
Nun war es ja immer so, daß man im Frühling die Wehmut des Sterbens gleich mitverspürte. Auch an diesem Tage hat es niemals der Bredigr des guten Pfarrers an einem Einschlag von Trauer gefehlt. Wußte er doch, wie manches Kind da einst gekniet, das heute verweht ist wie ein irres Blatt im Walde. Wer wird das nächste Jahr noch mit gleicher Unschuld wiederkehren? Wo werden die vielen fein, die schon nach wenigen Monaten sich aus dieser frommen Schar lösen? Irgendwo in der Diaspora sagte ein Pfarrer, daß es von 40 Kommunionkindern schon nach Jahresfrist nur noch 5 seien, die ihrem Gelöbnis treugeblieben. Ja, erschütternde Zahlen kann man da hören. Und so weilt man lieber bei dem Ernst dieses Tages als bei seiner unvergleichlichen Schönheit. So schwer also ist es, selbst heute, wo wir die christliche Schule noch haben, die Kinder bei dem Geiste ihrer Eltern zu halten. Was wird sein, wenn einmal diese Schule weltlich geworden fein wird und die Religion überhaupt keine Gelegenheit mehr hat, sich in die Seele hineinzusenken?
Wie grausam ist nicht diese Zeit. Sie scheint nur darauf zu warten, bis ein Kindlein schnell soweit ist, um ihm alles zu rauben, was liebende Erziehung ihm eingepflanzt hat. Wieder und wieder überlegt man es sich, wie die Mutter ihrem Liebling zum ersten Male das Kreuz auf die Stirne gezeichnet und wie sie ihn beten gelehrt har: Vater unser und Gegrüßt seist du Maria. Unermüdlich hat sie dann gewacht, daß nichts in diesem zarten Leben zerstört werde. Lehrer und Pfarrer haben dabei geholfen. Wie einen Auaapsel, so hat man die Tugend des KindeZ geschützt und jede Gefahr von ihm fern gehalten. Und kaum kommt die Großjährigkeit oder auch nur das Erwachen der Vernunft, dann ist es in nicht seltenen Fällen schon aus mit alledem. Und der Staat selbst, der doch alles Interesse daran haben müßte, Tugend und Sittlichkeit zu fördern, scheint nicht ruhen zu wollen, bis er seine Staatsschule soweit hat, daß von Religion darin kein Haust mehr verspürt wird. Wie grausam ist das alles! Die Sklavenjäger raubten den Körper der Menschen, und das war schon ein großes Verbrechen. Aber die
die Woche.
Sonntag.
Sklavenjägerei dieser Art hat es auf die Seele abgesehen und sie schändet darin das Antlitz der Eltern, die ihr Ideal dem Kinde eingeprägt haben.
Wir fragen: Kann man denn gar nichts tun, um die heranreilenden Kinder besser zu behüten? Natürlich fällt hier der Schule, in der sie ja noch weilen, und der Familie heute eine erhöhte Verantwortung zu. Ich meine, es könne auch etwas von der Religion aus selber geschehen. Was nur von außen gestützt wird, das hält in diesen Dingen nicht lange. Von innen her muß die Hauptstütze gesetzt werden oder besser, das Leben selbst muß jene Kräfte aufbringen, die es vor dem Zerfall bewahren wie vor den Stürmen der Zeit. So oft kommt es vor, daß schon Kindern die Religion als etwas Drückendes erscheint, als etwas Freudloses, als reine Angst vor dem Bösen und überhaupt als eine finstere Macht. Einer solchen sucht man sich dann zu entziehen, je eher desto besser. Man empfindet die Verpflichtungen dieser Religion eben als Verpflichtungen wie andere auch, und Verpflichtungen sind immer etwas Drückendes. Ob nicht von dein fchönen Geist der Liebe und der Freiheit, in dem die ersten Christen aufjubelten, allzuviel verloren gegangen ist? Ob man nicht bas Schwergewicht von den beglückenden Geheimnissen, die alle voller Licht und Kraft sind, weggerücki hat auf das Aeußerliche, auf eine ganze Flucht von Schildern mit „Verbotener Weg", wo doch Paulus den Christen gesagt hat: Omnia vestia, alles ist euer!
Gewiß, ich bin der letzte, der von den kirchlichen Verpflichtungen befreien möchte. Aber wenn irgendwelche, so sollten diese Verpflichtungen gar nicht als solche empfunden werden. Aber die leuchtende Tatsache, daß mir erlöst sind, daß wir Kinder Gottes geworden, daß unser Wandel mit den Engeln sein darf daß man als Gotteskind in der Natur und unter den Menschen weilen sollte wie in dem Hause des Vaters, wo denn jedes Blümlein einen grüßt und jedes Vöglein vertraulich mit einem singt, dieses Paradiesgefühl der Kindheit, der Schönheit, der Poesie, alles das ist doch wohl das erste und das Wichtigste. Bringt doch die Kinder nicht um diese ihnen zustehenden Paradiesfreuden. Lehrt sie doch, sich am Reichtum freuen, der aus Christus kommt, und Vertrauen haben zu ihm, dem Freunde der Kinder. Laßt doch das finstere Gesicht weg, das sich so oft neben die Religion stellt, als fei es der eigentliche Ausdruck des Evangeliums der Liebe!
Ebenso lese ich vom kleinen Dominikus Savio, dem Sohn eines schlichten Dorfschmiedes in Oberitalien. Seiivßebensbilb ist im Verlag der Salesianer in München erschienen, war doch der kleine Dominikus ein Schüler im Hause Don Boscos. Wie reich ist dieses Kinderleben, und wie steht die Religion darin als eine beglückende Macht. Schon mit 15 Jahren ist dieses liebe Kind gestorben, aber wie selig war sein Tod. „Lebe wohl, teurer Vater, lebe wohl! ... 0, welch schöne Dinge schaue ich! . . ." So ging er hinüber, er, der schon bald wre ein Heiliger verehrt wurde. Man unterschätze nicht den Sinn der Kinder für die Religion! Bei ihnen» ist alles doch noch so rein und jung, daß es die natürliche Stätte ist für den, dessen Wonne es ist, bei den Menschenkindern zu weilen. Auch im ärmsten Heim kann man Kindern etwas von diesem Reichtum geben. Aber freilich, da muß man es selbst in der Seele haben. Da muß man selber
wissen, wie süß es ist, mit seinem Gotte zu wandeln. Aber weg mit den Finsterlingen! Weg mit jenen allen, die erst den Menschen zum Krüppel schlagen, damit bann ein guter Christ aus ihm werde. Sähen alle unsere Kinder, was die Blumen von Galiläa gesehen haben, sähen sie in das milde Antlitz dessen, der die Kinder zu sich kommen ließ, sähen sie Aeltere um sich, in denen die Religion als Freude und Licht und Sonne lebt, es blieben wohl viele da, die heute so bald schon andere Wege gehen ... Ja, es ist schwer heute, alles. Wir fühlen mehr als je die Last des Daseins. So macht denn nicht die Religion zu einer neuen Last. Sei sie uns Trost, Liebe, Fittig zur Höhe, Leben und Licht. Und unser ganzes Leben wird ein einziger weißer Sonntag fein.
Der Mann irn Monde.
Bischof vr. Schreibers Kmerikareise.
Aus Dresden wird uns geschrieben:
Am 1. April dieses Jahres ist der Bischof der sächsischen Diözese Meißen D r. Christian Schreiber von einer sechsmonatigen Amerikareise wieder in Dresden eingetrokfen. Schon seit langem lag es im Plan des Bischofs, diese Reise zu unternehmen, aber die Tätigkeit in der neu errichteten und so schwierigen Diärese hielten ihn immer wieder zurück Schließlich aber drängten ihn im September vorigen Jahres vor allem zwei Gründe zum Entschluß: einmal der Bau eines neuen katholischen Gymnasiums in Dresden, der nach ministerieller Verfügung ausgeführt werden muß, und zweitens der Ausbau und der Unterhalt eines neuen Priestersemimrs, wozu bereits vor längerer Zeit ein größerer Gebäude- komplex in der Nähe von Bautzen gekauft worden ist. Diese großen Pläne bedurften der ausreichenden Finanzierung. In Sachsen und im übrigen Deutschland waren dafür nicht die nötigen Mittel auszutreiben. Der Bischof hat sein Ziel zu einem bedeutenden Teil erreicht, wenngleich heute auch in Amerika nicht mehr alle Wünsche erfüllt werden. Immerhin konnte der Bischof bei seiner Rückkehr in einer Ansprache im Dam zu Bautzen bemerken: „ich habe viel Hilfsbereitschaft in Amerika gesunden, wenn auch nicht in Ü b e r- großem Maße, denn die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten sind seit zwei Jahren auch andere geworden."
Man macht sich im allgemeinen eine viel zu willkürliche Vorstellung von solchen Amerikareisen und glaubt, daß sie aus lauter festlichen Empfängen und Huldigungen bestände. Um dieser Meinung, die allzu leicht ein falsches Bild über die apostolische Tätigkeit eines Kir- chensürsten entstehen läßt, entgegenzutreten, hob der Bischof ausdrücklich die außerordentlichen Schwierigkeiten und die unglaublichen Anstrengungen hervor, mit denen seine Reise verbunden war. Es ist in der Tat notwendig, auf diese Seite ■ einer Bischoisreise hinzuweisen, denn viele glauben, das rein Aeußerliche und Glänzende sei die Hauptsache und alles andere komme von selbst. Das, was an eigentlicher Arbeit geleistet werden muß, um einen Erfolg zu haben, bedenkt man nicht. Und außerdem ist eine solche Reise gleichzeitig eine wirkliche Missionsreüe für die betreffenden Länder.
Es wird nun von neuem in Sachsen eine eifrige Tätigkeit für den katholischen Gedanken einsetzen. Sie ist in der Tat um so notwendiger, als die Mittel anderer Kreise, die sich um die Rückführung des Volkes zur sitt. lichen Ordnung bemühen, allzu häufig erfolglos sind.
frankfurter Gver.
Samstag, 14. April, 19 Uhr: Manon. Sonntag, 15,' April, 17 Uhr: Parsifal.
Aus Vädern und Kurorten.
— Das kaiserkaris-Vad in eivpspringe führt auch in diesem Jahre wieder Mittelstands-Pauschalkuren für Leichtlungenkranke durch. Diese Kuren sind in verschiedene Gruppen eingeteilt und gibt der Prospekt Nr. 51 unseren Lesern darüber weitere Auskunft. Verlangen Sie bei Bedarf den Prospekt kostenlos vom Kaiser-Karls- Bad in Bad Lippspringe.__________________________
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Eine lustige Schmugglergeschichte von Anno 1813-14.
Von E w. Stich.
3] —
„Mein Sohn Clemens hat doch gar nichts mit dem Douanenmädel zu schaffen!" polterte Gierlinger. Der Geis Fritz, der Neidhammel, möchte jedoch selber gern die Maid heiraten, die ihn aber nicht leiden kann und darum hat er sich's zusammengesponnen, als müßte mein Clemens, der auch wirklich ein hübscher Jungbursche ist, mit der Tochter des Tafert eine Liebschaft haben. Dem Lügner darfst du nicht ein Wort glauben, auch hält er's mit dem Douanen und ich sehe ihn für einen solchen Judas an, daß er alles dem Grünfrack verraten würde, wenn er das geringste wüßte ober in Erfahrung brächte."
„Das kann wohl möglich fein!" meinte der Wirt, „doch deshalb könnt Ihr doch den Tafert ausspähen und uns fchmuggeln helfen. Willigst du also in meinen Vorschlag ein, — topp, da ist die Hand, aber merke dir's wohl, du darfst kein Wörtlein von unserm Handel schnaufen, mußt still wie das Grab sein, — schon morgen beginnt dann für dich und deinen Sohn die Arbeit und der Verdienst!"
Der alte Wagner wurde dunkelrot. Das Blut schoß ihm in den Kopf und es war ihm, als tanze alles vor seinen Augen herum. Er schloß die Augen und saß eine Zeitlang in stummer Unschlüssigkeit da, ungewiß, ob er auf den Vorschlag eingehen sollte oder nicht! . . . plötzlich aber schlug er in die ihm noch hingehaltene Rechte des Flaschners ein.
„So hab' ich's gern!" schmunzelte jetzt der Wirt „und vertraue dir denn auch jetzt an, daß in einem meiner Keller da die Schmuggel-Bündel versteckt liegen und von hier aus müßt ihr die englischen Waren in den Siebenbauernhof schaffen. Ich selber zahle Euch den Lohn in bar und blank aus und glaube, daß man diesen wohl ein- stecken kann."
Aach flüsterten die beiden Männer eine Weile zusam- men, dann machte sich der Wagner auf den Heimweg und I
traf an der Haustüre feinen Sohn, der eben jetzt auch nach Haus gekommen war.
Der Douane Fasert war ein Deutsch-Elsässer und was man so sagt, ein „geriebener" Bursche, aber auch ein gutmütiger Mann. Er war eifrig bestrebt, seine kleine Familie ehrlich zu ernähren und saß daher, da er ein Meister in der Kunst war, Damastleinen zu weben, in all feinen dienstfreien Stunden an dem Websluhl daheim. Seine Frau, eine Badenserin, stand mit sämtlichen Bauernweibern sehr gut, denn sie verfertigte die in der Rheinpfalz damals noch allgemein getragenen „Zieh"- oder „Bindhauben", so man verschiedenerorts auch „Schlabberkappe", „Flättcherhaube", sogar „Schwartenmagen" hieß, und die man gewöhnlich nicht ohne Beihilfe behutsam von hintenher auf die Unterhaube setzte, damit sich nicht die feine Fältelung der Dorderwand zerdrückte. Auch wusch und bügelte sie vorzüglich die feinere Wäsche, denn groß war durchgängig die Liede derPfälzer für reinliche, solide und zahlreiche Leibwäsche, nach welcher man einen wohleingerichteten Haushalt bemaß, drum pflanzte auch jeder Bauer feinen eigenen Hanf. Bei diesen Arbeiten der Frau Fasert half immer ihre Tochter Marie getreulich mit. Der Douanier und seine Frau wie Tochter waren überhaupt bescheidene Leute, sie kleideten sich sehr einfach und Marie ging mit den Dorfmädchen freundlich um und fehlte nie, wenn Burschen und Mädchen — um das Dors spazieren gingen und fangen, wo man vor allem ihre glockenreine Stimme heraushürte. Da aber die achtzehnjährige Marie ebenso unschuldig als schön war, eine schlankgewachsen stolze Gestalt besaß, dazu Haare so glänzendbraun wie die reife Kastanie, Augen so klar und blau wie der Sommerhimmel und eine Hautfarbe wie frischgefallener Schnee so weiß und zart, wurde sie von ihren Altersgenossinnen vielfach beneidet und auch angefeindet! Seitdem sich Marie im Dorfe befand, hatten nur für sie die Jungburschen Augen und alle übrigen hübschen Mädchen schienen für sie nicht mehr da zu sein. Uebrigens trug die schöne Marie gar keine Schuld daran, denn sie bevorzugte keinen und sie war auch gegen niemanden unfreundlich, so hatte sie doch eine ganz besondere Art, sich jeden in geziemender Ferne zu halten, sodaß sich keiner ihr zu nähern ober mit ihr einen Scherz zu machen getraute. Saß nun auch heimlicher Neid in hen Herzen der meisten Darsschönen gegen Faserts Toch- ,
| ter, fo hätten sie es ihr doch um alle Welt nicht anmerken lassen, denn sie war ja gegen jedermann gut und sreundlich.
Allerdings zeichnete Marie keinen Jungburschen vor den andern aus, aber einen gab's doch, der besser als alle übrigen wußte, wie es eigentlich um ihr Herz stand, und was es für ein feiten hohes Glück fei, gerade von diesem Mädchen geliebt zu werden, — und der, welcher das große Los gezogen, war niemand anders als ihr Nachbarssohn, der Gierlinger Clemens!
Clemens war etwa um fünf Jahre älter als Marie und bezüglich feiner Person stimmten sämtliche Mädchen darin überein, er wäre der schönste und kräftigste, aber auch der wackerste und bescheidenste, oder wie der Pfälzer solche Eigenschaften mit einem Worte ausdrückt: der „wesentlichste" Jungbursch im ganzen Dorfe! Nicht einmal der Geis-Fritz konnte ihm diese Eigenschaften ableugnen, der es doch so gern getan hätte, weil er den Clemens beneidete!
Der junge Gierlinger war groß und stark gebaut, aber doch schlank und hielt sich so kerzengerade wie eine seiner heimatlichen Tannen. Um fein blühendes, edel- gebildetes Antlitz sproßte der junge, weiche dunkelblonde Bart, der demselben einen ernsteren Ausdruck gab, als es seine dreiundzwanzig Jahre mit sich brachten. Das reine Oval seines Gesichts umringelten krause, fast schwarze Haare und seine braunen Augen leuchteten wie Doppelsterne. Der Schönheit seiner Gestalt entsprach auch die fetner Seele, er betrug sich stets ernst und still und führte ein durchaus fleißiges und tadelloses Leben.« Daß er von feinem Vater, der arm war wie eine Kirchenmaus, einmal kein Vermögen zu erwarten hatte, das schadet ihm in den Augen der heiratslustigen Dorsschönen gar nichts, denn man wußte allgemein, daß der reiche Besitzer der „grünen" Mühle vom Friesenheimer Bache sein Oheim und Pate, und Clemens sein besonderer Liebling fei, während er dessen Vater, der mit seiner einzigen Schwester verheiratet gewesen, und seine Frau ungut behandelt haben sollte, durchaus nicht leiden konnte. Wenn nun auch dieses stattliche Erbe bei dem rüstigen, gesunden Alter, dessen sich der „grüne" Müller erfreute, in weiter Ferne stand, so war es doch einmal dem Clemens ganz gewiß, und half zur Zeit der Onkel und Gab dem de- 1
brängten Schwager mit keinem Heller, so machte bas nichts, einmal kam es boch bem Neffen zu statten.
Seitbem Marie mit ihren Eltern in bas Dorf getom men war, schien Clemens noch ruhiger unb zurückgezogen ner als früher, obwohl sich jebes Mäbchen für glücklich gehalten hätte, wenn auf sie bie Wahl bes Clemens gefallen wäre, so war er boch immer für sich geblieben, unb erst, seitbem er bes Zollwächters Tochter tennengelernt, sagten bie anderen Dorfschönen untereinander: Mit den beiden, dem Clemens und der Marie, ist etwas los. Die eine wollte den Clemens auf einem Blick ertappt haben, der unbewacht zu Marie geflogen und seine innige Siebe zu ihr verriet, bie Andere erklärte, sie wisse es ganz genau, denn sie habe es bemerkt, wie Mariens Augen lange und mit unaussprechlichem Ausdruck auf Clemens geruht, unb daß sie ganz bunteirot geworden sei, als sie bemertt hatte, daß man sie beobachtete. Doch bei diesem Meinungsaustausche blieb es, denn wenn auch neidische Mädchenaugen scharf beobachteten, so fehlen ganz sicher bie Beweise. Das Geheimnis heimlicher Liebe ist süß, in ihm liegt ein gewaltiger Zauber. Das Wissen um bie Liebe bes geliebten Mäbchens entschäbigt für unenblicher Leib, unb ein Augenblick glücklicher Gemeinschaft läßt eine lange Zeit der Trennung vergessen. Das zeigte sich auch deutlich bei Marie und bei Clemens, ehe noch eins bem anbern feine Liebe geftanben, hatten sie sich schon geliebt, unb es beburfte nur einer geringen Veranlassung, daß sie sich gegen,eitg erklärten. Der Augenblick ließ nicht lange auf sich warten. Einst schöpfte Marie Wasier aus bem Bache, der an den ersten Häusern des Dorfes vorbeilief. Ein Kind aus der Nachbarschaft war ihr unbemerkt gefolgt und fiel in das dort tiefe und reißende Wasser. Verzweiflungsvoll rief Marie um Hilfe uni da gerade Clemens am Ufer des Baches aus der Schlucht heraufkam, wo die Mühle feines Oheims lag, so hörte unb erkannte er sofort die Stimme des um Beistand rufenden Mädchens, beeilte feine Schritte, sah bas Kinb mit ben Wellen kämpfen unb stürzte sich ohne Besinnen in bie Flut. Weit unb breit war niemanb zu sehen. Clemens rettete bie Kleine glücklich ans Ufer unb beibe brachten sie mieber zum Leben zurück. Da Marie im Hause der Geretteten wohlbekannt war unb bie Eitert berfelben auf einem ihrer Aecker arbeiteten, so konnte sie das Kind unbemerkt umkleiden. (Forts, folgt.)