X 85.
Donnerstag, 12. April 1928.
Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
Druck »et Fuldaer AcNendr» ckerei, Fulda
Das Zentrum und Lie Reichsreform.
Es ist keine Frage, daß zu den wichtigsten Arbeiten, die der kommende Reichstag zu lösen haben wird, neben einer durchgreifenden Reform, des geltenden Wahlrechtes, die Rationalisierung der gesamten öffentlichen Verwaltung in Reich, Ländern und Gemeinden und letzten Endes ein der deutschen Eigenart gerecht werdender Umbau des Reiches selbst gehört. Freilich ist das eine Aufgabe, die vielgestaltig und schwierig wie kaum eine andere ist, eine Aufgabe, deren Lösung nicht nur die technische Fertigkeit und die juristische! Formbeherrschung des Verwaltungspraktikers erfordert, sondern darüber hinaus noch die Fähigkeit des Staatsmannes, die geistige Struktur unseres Volkes zu erkennen und herauszufühlen, unter welchen Voraussetzungen eine lebensvolle Harmonie der verschiedene deutschen Volkskulturen geschaffen und erhalten werden kann. Der Kulturrei-chtum des deutschen Volkes verbietet es, den Reichsumbau nur mit dem Rechenstfft zu machen. Zwar ist in der bedrängten Lage, in der sich unser Deutsches Reich befindet, äußerste Sparsamkeit durchaus am Platz. Vieles von dem, was unseren Altvorderen und auch manchen der Jetzigen ganz unentbehrlich erscheint, könnte dem Etatsmathematiker getrost zum Opfer fallen. Wer die reiche, blühende Vielgestaltigkeit unseres Volkstumes darf auf keinen Falk einer abstrakten Konstruktion zuliebe dem Untergange geweiht werden. Und das um so weniger, als noch garnicht elNmal feststcht, ob die abstrakte Konstruktion selbst in finanzieller Hinsicht wirklich so heilsam fft, wie es ihre Schöpfer gern hinstellen.
Der Umbau des Reiches ist ekn Problem, das die politischen Köpfe schon seit langem beschäftigt. Unzählige Vorschläge wurden im Laufe der Jahre gemacht und zahllose Drucksachen mit Erörterungen gefüllt, die die beste Lösung des Problems herausschälen wollen. Man kann nicht sagen, daß sich in dieser Literatur allzu viel Wertvolles befindet. Der Deutsche liebt das Extrem, er denkt gern über das praktisch Notwendige hinaus. Manchmal ist das ein Vorzug und manchmal ein Hemmnis. In der hier behandelten Frage ist die absolute Konsequenz ohne Zweifel vom Uebel.> Sie führt, als extremer Einheitsfanatismus, zur Zerstörung unseres kulturellen Reichtums oder als Länderselbst- git, als Partikularismus, zur Ohnmacht und ießlich zur Auflösung unseres Reiches. Eiü weiser ichsbaumeister muß sich daher auf einen Plan besinnen, der den Stämmen ein Höchstmaß an Eiaenkultur und dem Reich ein Höchstmaß an Ge- schwssenheit läßt. Das ist keine leichte Aufgabe, wer weiß, ob sie ganz schon gelöst ist?
Das Zentrum hat vor einigen Wochen der politischen Welt mitgeteilt, wie nach seiner sorgfältig überprüften Meinung ein Deutsches Reich ausschen muß, wenn es allen Anforderungen, die man von der einen und der anderen Seite her zu stellen genötigt ist, gerecht werden will. Diese Zentrumsrichtlinien mögen ihre kleinen konstruktiven Schönheitsfehler haben, aber, das wird man nicht leugnen können, sie zeigen den einzigen Weg, auf dem das Gebot der Sparsamkeit, die Achtung vor dem historisch gewordenen Stammesleben und die Pflicht zur Pflege des kulturellen Reichtums unserer Ration die ihnen gebührende Berücksichtigung finden.
Die Entwöhnung Ihres Kindes macht selbst in heißen Monaten keine Schwierigkeit, wenn Sie ihm eine leicht verdauliche, seinem Magen zuträgliche Kost geben, nämlich
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Verwaltungsreform und Reichs- umbau gehören organisch zusammen. Das Eine muß Diener des Anderen sein. Verwaltungsreform ist im wesentlichen Kleinarbeit, ist sorgfältige und vorausschauende Zubereitung des Baumaterials, das der Architekt zur Ausführung seines großzügigen Planes unbedingt nötig hat. Zu Beiden, zur Materialbereitung und zur Bauausführung gibt das Zentrumsprogramm seine wohldurchdachten positiven Ratschläge. Es tritt zunächst dafür em, daß die zur fühlbaren Erleichterung der öffentlichen Lasten notwendige Aendemng der Reichsstruktur „auf dem Wege organischer Fortentwicklung" unter Ablehnung „gewaltsamer, gesetzgeberischer Eingriffe" erfolgt. Dann wird sogleich die den Umbau beherrschende Idee angegeben: die Partei erstrebt „die Herbeiführung eines echt föderativen Staates, der auf wirklich lebensfähige Länder aufgebaut ist und neben einer starken Zentralgewalt weitgehendste Dezentralisation der Verwaltung und Hebung der Selbständigkeit der unteren Behörden
in Reich und Ländern, behufs Einschränkung des Jnstanzenzuges, unter Ausbildung verantwortlicher Selbstverwaltung zum Ziele hat". Die „Erhaltung der Kulturzentren in den verschiedenen Ländern außerhalb Berlins ist ekn wesentlicher Aktivposten der geistigen und kulturellen Haltung Deutschlands". Sie ist nach Zentmmsauffas- sung nur sichergestellt, solange es Länder gibt, die „zur Erfüllung ihrer eigenstaatlrchen und gesamtdeutschen Aufgaben" von sich aus imstande sind.
Auf die Skizzierung der Leitkdee folgen die Ratschläge zur Bereitung des BaumateriÄs. Es gibt da auch größere und kleinere Aufgaben, wir wollen sie jetzt nicht ausführlich schildern. Im Lause des Wahlkampfes wird noch manchmal Gelegenheit sein, auf Einzelheiten zurückzukommen. Verschiedene deutsche Parteien versprechen sich viel von der Propagierung ihres einseitigen Standpunktes. Sie werden das Zentrumsprogramm angreifen. Wir haben das nicht zu fürchten. Die Richtlinien des Zentrums sind so, daß sie jedem sachlichen Einwand standhalten.
Oesterreich und Südtirol.
Au? Wien wird der Katholischen Korrespondenz geschrieben:
Seit dem angeblichen Friedensschluß von Saint Germain hat das Problem Südtirols im Denken und Fühlens jedes Oesterreichers eine bedeutsame Rolle gespielt. War schon das Land staatspolitisch verloren, so wollte man doch alles daran setzen, um wenigstens einen Kontakt mit den deutschen Brüdern im fremden Land aufrechtzuerhalten. Man tröstete sich damit, daß vor allem nach dem Abflauen der Kriegspsychose die Südtiroler eine Behandlung finden würden, wie sie einem aufrechten Kulturvolk eben zusteht. Zu dieser Hoffnung war man um so eher berechtigt, als diesbezügliche Zusicherungen von feiten der führenden Staatsmänner, ja sogar des italienischen Königs Vorlagen. Um so größer war dann die Enttäuschung, als nicht vielleicht durch einzelne unüberlegte Handlungen, sondern planmäßig und radikal das deutsche Volk in seiner angestammten Heimat Südtirol unterdrückt und entrechtet wurde. Die für den Oesterreicher sprichwörtlich gewordene Geduld ging auch in dieser Sache bis zum äußersten. Nicht nur die Tiroler nördlich des Brenners, sondern auch weiteste Kreise Oesterreichs rechneten es der Regierung sehr übel an, daß sie nicht mit mehr Nachdruck und Entschiedenheit die mit Füßen getretenen Rechte der Stammesbrüder südlich des Brenners wahrte.
Inzwischen wurde aber in Südtirol Unrecht auf Unrecht, Leid auf Leid gehäuft. Das Heiligste, das ein Volk besitzt, seine Muttersprache, sollte ihm entrissen werden. Nicht einmal der Religionsunterrleyk sollte den Kindern in deutscher Sprache geboten werden dürfen. Jetzt konnten die verantwortlichen Stellen nicht mehr länger zusehen. So hatte das österreichische Parlament endlich wieder einmal einen großen Tag. In fast nicht mehr gekannter Einmütigkeit fanden sich alle Parteien zusammen, um ihrer Entrüstung über die Vergewaltigung der .deutschen Stammesbrüder in der nördlichsten Provinz Italiens int deutschen Südtirol Ausdruck zu geben. Jetzt konnte auch die österreichische Regierung nicht mehr dazu schweigen, wollte sie nicht durch einen Entrüstungssturm weg gefegt werden, burfte sich der Bundeskanzler Dr. Seipel nicht mehr damit begnügen, wie er es wenige Wochen vorher im Außenausfchuste noch getan hatte, eine Intervention in dieser Angelegenheit vor dem Völkerbunde als inopportun äbzulehnen. Bereits damals wurde der Bundeskanzler sogar von seinen engeren Parteifreunden angegriffen. Aber er hatte damit bewiesen, daß er sich auch in der Frage Südtirol nur von Verstandeserwägungen und den tatsächlichen Gegebenheiten der Außenpolitik leiten ließ. Auch in seiner Erwiderung im Parlament hat Seipel eine diplomatische Stellungnahme ausdrücklich
abgelehnt, er hat von „Herzensangelegenheiten' und vom Recht „Schmerzen und Klagen laut werden zu lasten" gesprochen.
Wer bisher im unklaren gewesen sein konnte, auf welcher Seite das Recht zu finden, dem muh allein Rede und Gegenrede im österreichischen und im italienischen Parlament die Augen geöffnet haben. Der Grundsatz, auf den die Ausführungen des österreichischen Bundeskanzlers aufbauten, ist der Satz: „Wir können uns nicht zu der Auffassung bekehren, daß das letzte Recht das geschriebene Recht ist, das sich ein Staat selbst gibt. Wir glauben an höhere Rechte, und wir glauben auch, daß eine internationale Moral über einem internationalen Recht steht." Gegenüber dieser Proklamierung der internationalen Moral als höchste Lebens- und auch Regierungsmaxime stellte sich Mussolini auf den Standpunkt der brutalen Macht. Seine Erklärung, daß sich der Faschismus nicht an Verträge uftd Bindungen der früheren Regierungen gebunden fühle, hat in der internationalen Welt die gebührende Entrüstung gefunden. Es läßt sich schwer feststellen, ob es einen realen Hintergrund hat, wenn ein ausgezeichneter Kenner Italiens die letzten Beweggründe für die deutschfeindliche Politik in Südtirol in faschistenfeindlichen Kreisen sucht. Er führte ungefähr aus, daß viele intellektuelle Kreise in Italien, besonders in O'beritalien, die Entwicklung der Dinge in Südtirol mit Beklemmung verfolgen und für dis scharfe Entnationalisierungspolitik keine Erklärung wüßten. Ganz abgesehen von sittlichen Bedenken stünden im Osten und im Westen Italiens keineswegs so viele Freunde, daß man eine Nationalitätenpolitik begreifen könnte, die auch im Norden nur Verstimmungen und Gegensätze schafft, ohne reale Vorteile zu bieten. So fei das Wort von der „okkulten Hand" in Umlauf gekommen, welche die Politik in Südtirol in ein gefährliches Fahrwasser gedrängt habe. Das soll heißen: Verborgene, äußerlich niedergekämpfte Feinde des gegenwärtigen Regimes haben die Un« terdrückung der Deutschen südlich des Brenners auf die Spitze getrieben, um die 60 Millionen Deutsche nördlich des Brenners zu verletzen und gegen das neue Italien, gegen den Gestt des Faschismus, aufzubringen. Ob diese Lesart richtig ist oder nicht, ob es gewiße Kreise in Italien, Freimaurer und Sozialisten, sind, die durch diese Politik dem fa- chistischen Italien Schwierigkeiten machen wollen, bleibe dahingestellt. Jedenfalls hat Mussolini red- lich das seine getan, um das Prestige Italiens im gesamten Ausland reichlich zu schädigen.
Wenn in einigen ausländischen Blättern die Vermutung auftauchte, der österreichische Bundeskanzler und der Berichterstatter Dr. Kolb — beides Priester — hätten im Einvernehmen oder doch
nicht ohne Misten des Vatikans gehandelt, so ist eine solche Unterstellung vollkommen unbegründet. Es war durchaus naheliegend, daß Dr. Kolb in der Frage des Religionsunterrichtes an den Vatikan als die höchste zriftändige Instanz appellierte: weiß mich der Zustimmung von Taufenden dem' scher Priester und Millionen deutscher Katholiken sicher, wenn ich sage, daß wir nichts anderes er- warten können, als daß in diesem Falle der Vatikan die große Linie seiner Tradition nicht verläßt, daß er auch hier fein historisches „Nonpossu- mus" spricht, auch einer Cäsarengewalt gegenüber. Wir erwartest, daß unsere Vertreter beim Vatikan in dieser Frage ihre Pflicht erfüllen." In einigen deutschen Blättern wurde dem Vatikan aber geradezu der Vorwurf gemacht, daß er seine Pflichten gegenüber den Katholiken Südtirols nicht erfülle. Die Antwort aus Rom ließ nicht lange auf sich warten. Der Umstand, daß sie der Heilige Va- ter selbst, und zwar dem ersten österreichischen Kir- chenfürsten gegenüber, Kardinal Dr. Piffl, gab, zeigt, welche' Bedeutung man in Rom dieser Frage beimißt. Die Antwort hätte nicht klarer fein können. Der Papst sagte: Es schmerze ihn aufrichtig, daß deutsche und österreichische Katholiken ihm den Vorwurf machen, als ob er für die Erteilung des Religionsunterrichtes in der Muttersprache nicht eingetreten fei. Was er tun konnte, habe er getan, denn er denke als Vater an alle feine Kinder und an die Bedrängten zunächst. „Aber sagen Sie", so fuhr er fort, „Ihren Katholiken, daß wir nicht frei sind, daß das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Italien genau dasselbe ist wie am 21. September 1870. Wir werden auch in Zukunft tun, was möglich ist, und auch beten. Aber wir müssen befürchten, daß weitere Bemühungen unserer, feite die Situation eher verschlimmern als verbessern."
Die Bedeutung djeser Papstworte kann kaum überschätzt werden. Der österreichische Bundeskanzler hat an die internationale Moral appelliert. Jene Persönlichkeit, die international als erste geistige Macht und als oberster Vertreter der internationalen Moral anerkannt rnirb,, hat in einer Weise geantwortet, die jeden Zweifel ausschlieht. Der Heilige Vater mußte wißen, daß ihm dadurch seine Stellung den italienischen Machthabern gegenüber nicht erleichtert wird. Es ist ein Beweis christlichen Freimutes und hoher Mannhaftigkeit, daß er trotzdem für seine „bedrängten Kinder" in Südtirol eingetreten ist. Der geistige Kampf ist jetzt für Italien verloren. Es wird eine Frage der Zeit sein, wie lange noch brutale Macht die Unterdrückung der deutschen Stammesbrüder in Südtirol möglich macht.
• Bombenaffeataf in Innsbruck. Wie aus Ienbach bei Innsbruck gemeldet wird, wurde dort auf den Präsidenten des Tiroler Industriellenverbandes, Reitlinger. ein Bombenattentat verübt. Als Präsident Reitlinger aus seinem Hause in den Garten trat, wurde über die Gartenmauer ein eiserner Sprengkörper geschleudert, der unweit des Hauseingangs explodierte. Reitlinger, der sich in der Nähe befand, blieb unverletzt. Der Sachschaden ist gering. Die sofort eingeleiteten Erhebungen führten zunächst zu zwei Verhaftungen, die aber nicht aufrechterhalten werden konnten. lieber die Täterschaft fehlt bisher jeder sichere Anhaltspunkt. Präsident Reiüinger ist aber der Ueberzeugung, daß die Täter keinesfalls in der In. duftriearbeiterfchast zu suchen sind.
Radio-Programm.
Frankfurt (428,6 m), Kassel (272,7 m). 13.30-14.30: Mittagsständchen. 15.30—16: Die Stunde-, der Jugend. 16.30—17.45: Konzert des Rundfunkorchesters. 17.45 bis 18.05: Die Bücherstunde. 18.15—18.30: Bereinsnachrich. ten und andere Mitteilungen. 18.30—18.55: „Die Religion bei Sophokles". 18.55—19.30: „Wahlsysteme". 19.30—20: Französischer Sprachunterricht. 20—20.15: Senckenberg-Aiertelstunde: .HorchflanMngsvorgänge im Pflanzenreich". 20.15: Von Stuttgart: „Zigeunerliebe", Operette von Franz Lehar.
Hamburser Kaffeelaser Thoms & Goris
„Tee ist bei richtiger Zubereitung das billigste und bekömmlichste Getränk“.
Durch den direkten Import unserer Tees durch die Thams & Garfs-Grosseinkaufszentrale Hamburg, bringen wir hierin das Beste zum Verkauf, was in den Hochlandgewächsen aufzutreiben ist. Um auch Sie davon zu überzeugen, dass unsere Tees im Aroma und Geschmack nicht zu übertreffen sind, veranstalten wir eine
Tee-Werbe-Woche
vom Mittwoch, den 11. April bis einschl. Mittwoch, den 18. April indem wir bei einem Einkauf von V« Pfd. Tee — 1 Messing-Teeglas bei einem Einkauf von V- Pfd. Tee — 1 jap. Teetasse gratis verabfolgen.
Wir geben ausserdem laufend auf i/t Pfd. Tee zwei unserer Gutscheine, wofür hochfeines Porzellan und sonstige Gebrauchsgegenstände gratis verabfolgt werden und machen wir besonders darauf aufmerksam, dass unsere Zugaben nicht in den Preis der Ware einkalkuliert sind, sondern unsere Zugaben sind ein wirkliches Geschenk. — Wir bitten, von unserm Anerbieten recht ausgiebig Gebrauch zu machen.