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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

7lr. 85.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. :< Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Donnerstag, 12. April 1928.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 JUL, auswärts 0,20 JUL Reklamezeile: lokal 0,60 JIM, auswärts 0,80 JUL. Bei Wiederholungen Rabatt. :-: Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr.' 4051. >■

55.Zahro.

Wahlen in wild West.

Ruhestörungen bei den Chicagoer Wahlen.

Aus Chicago wird gemeldet: Bei den Pri­märwahlen kam es verschiedentlich zu Ruhestörun­gen meist unbedeutender Art. Neger wurden auf dem Wege zum Wahllokal angeschossen. In einem Wahlbezirk vertrieben Raufbolde die Wähler von den Wahllokalen. Da in verschiedenen Bezirken Wahlbeamte die Vollstopfung der Urnen mit gefälschten Wahlzetteln duldeten, wurden Detektivabteilungen zur Untersuchung ein­gesetzt. 5000 Polizisten bewachten die Wahllokale.

Eine weitere Meldung besagt: Fast alle Poli­zisten der Stadt und außerdem Tausends von Frei­willigen bewachen die Urnen bei den Borwahlen, in denen die republikanische Partei des Bürger­meisters Thomson, die die Wiederwahl des Gouver­neurs Small unterstützt, und die Anhänger des Senators Deneen, seines Gegners, in heftigem Kampfe gegeneinander ringen. Kraftwagen mit Polizisten durcheilen die Straßen, um Bomben­würfe und Schießereien zu verhindern. Ganz früh am Tage benachrichtigten die Anhänger eines Lo- kalpolitiksrs die Polizei, daß dieser verschwun­den und wahrscheinlich entführt worden sei, um ihn zu verhindern, sich an den Wahlen zu beteili­gen. Ein anderer bekannter Lokalpolitiker wurde ebenfalls von bewaffneten Männern entführt.

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Wie Assocated Preß aus Washington met- bet, hat Präsident Coolidge vom Kongreß die Be­willigung eines Nachtragsetats in Höhe von 56 897 800 Dollars nachgesucht, wovon 50 Mill, für die Durchführung des Freigabegesetzes bestimmt sind.

Landvolk und Sozialdemokratie.

„Um die Seele des Landes" bei den Wahlen im Mai zu ringen, empfiehlt ein Artikel im „Vor­wärts" (1928, 135), dem sozialdemokratischen Zen­tralorgan, in welchem Wahlarbeit und Wahl­aussichten auf dem Lande erörtert werden. Letz­tere werden als nicht schlecht bezeichnet auf Grund einer Berechnung, in der es unter Hinweis auf die Ergebnisse der letzten Volks- und Betriebzäh­lung von 1925 heißt: „Von der Gesamtheit der 63 Millionen der Bevölkerung Deutschlands woh­nen 22 Millionen in ländlichen Gemeinden (Ge­

meinden unter 2000 Einwohnern), 7 Millionen in Landstädten (2000 bis 5000 Einwohner), dagegen nur 25 Millionen in sämtlichen Mittel- und Groß­städten (von 20 000 Einwohnern an aufwärts ve- rechnet) zusammengenommen. Unter den 22 Mi - lionen Einwohnern der Dorfgemeinden mag — nur sind da auf Schätzungen angewiesen — in etwa 2 Millionen eigentlichen Bauernbetriebeu, d. 'n. in Betrieben von 2 bis 100 Hehtar Größe, bi» bäuerliche Bevölkerung rund 10 Millionen Men­schen betragen. Die übrigen 12 Millionen find ganz überwiegend Land- und Jndustriearbe'ter. Aus den 7 Millionen Einwohnern der Landstädte stoßen weitere Millionen zu diesem Block von Proleta­riern hinzu. Anders gesagt: in den Landgemein­den und Landstädten allein wohnen schätzungsweise mindestens 10 Millionen wahlberechtigte Männer und Frauen, die ihrer Klassenlage nach zu uns ge­hören. Das ist ein Viertel des wahlmündigen Vol­kes überhaupt. Ihre politische Erziehung ist eines der Kardinalprobleme der Demokratie schlechthin. Ihre Vernachlässigung bedeutet die Hemmung jeden Fortschritts." — Diese Erörterun- gen bewegen sich ganz auf der Linie dec Speku­lationen, die die Sozialdemokraten auf ihrem Par­teitag in Kiel im vorigen Jahres mit der Schas- fung und Annahme eines besonderen Agrarpro­gramms getrieben hat. Der geplante starke Vor, stoß der Sozialdemokratie aufs Land sollte den an- deren Parteien eine ernste Mahnung sein, wenn sie auch hier vor Ueberraschungen bewahrt bleibe» wollen.

Die Lage in China.

heftige Kämpfe.

Nach einer Meldung der Agentur Jndo Pacific aus Peking sind an den drei Fronten heftige Kämpfe im Gange. In der Gegend von Schansi seien die Nordtruppen im Vorteil. Sie hätten die Kohlenbergwerke von Tsing-Tsing, die die Eisen­bahnstrecke von Kinkan belieferten, erobert und stießen in Richtung der Großen Mauer vor.

* Reber Staat und Kirche sollte angeblich rin päpstl. S y l l a b u s erscheinen. Die „K. V. er­klärt, daß ein Syllabus nicht erscheinen werde, wenn auch mit einer Stelungnahme des heiligen Stuhls in anderer Form zu rechnen sei.

Ae polmsch-iitWische tonfereni in Königsberg.

Ostpreußen und der wilna-5treit.

Von einem ostpreußischen Mitarbeiter.

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folgen«

Staatsmann nicht. Als Exponent der litauischen Soldateska ist er gezwungen, politische Tatsachen den Wünschen und Hoffnungen seiner Offiziere unterzuordnen. Was für alle Welt selbstverständ­lich ist, daß das heute polnische Wilna den Polen nur durch einen Krieg entrissen werden könnte, Litauen aber nicht entfernt imstande ist, diesen Krieg siegreich zu führen, das will man sich in Kowno nicht eingestehen. Anscheinend hofft man dort auf das große Wunder vom Osten, das Polen zetfchmettern soll.

So hat Wokdemaras tn der Schluß-Sitzung in Königsberg erklärt, „Litauen halte alle seine An­sprüche aus dem Vertrag von Suwalki (vom 7. Dezember 1920, der durch die Festsetzung der De­markationslinie Wilna Litauen zusprach) aufrecht; die Entscheidung der Botschafterkonferenz (vom 15. März 1923, die den Handstreich Zeligowskis sank­tionierte) hätte bestehende internationale Verpflich­tungen nicht aus der Welt schaffen können". Und daraus zog Wokdemaras seine Konsequenzen. Briefe und Telegramme nach dem Wilnagebiet durch pol­nische Aernter? Unmöglich! Polnische Pässe für litauische Reisende nach Wilna? Unmöglich! Nach­richten-, Waren- und Personenverkehr nach dem übrigen Polen? Ja, aber nach Wilna nur auf Grund eines besonderen modus vivendi. Jedenfalls keine Regelung, die „wohlbegründetc Rechte Li­tauens aüs mittelbarem Wege einschränkt", keine Regelung, die „Litauen den Schatten lasse und die Substanz den Polen erhalte". Die polnische Delegation war geschickt genug, die Deklamationen

Die am 10. Dezember 1927 vom Völkerbunds­rat Polen und Litauen auserlegte Verpflichtung, „sobald als möglich direkte Verhandlungen anzu­bahnen, um zur Herstellung von Beziehungen zu gelangen, die zwischen den beiden Nachbarstaaten das gute Einvernehmen, von dem der Friede ab­hängt, zu sichern geeignet sind", ist nach mehr­fachem Notenwechsel zwischen Warschau und Kowno am 30. März in Königsberg erfüllt worden. Die Verhandlungen find angebahnt, mehr aber auch nicht. Man hat nach der frostigen Eröffnungssitzi sin ostpreußischen Oberpräsidium die beiden solc den Tage mit dem Austausch von Vorschlägen und Forderungen verbracht, um am 2. April die gesamte Verhandlungsmaterie in drei Kommissionen zu ver­graben, die wohl erst nach Monaten, wenn über­haupt, ihre Arbesien aufnehmen.

3n Ostpreußen, wo man dem Konfliktsherd «vischen Polen und Litauen, dem ruhmreichen alten Wilna, so nahe wohnt und dm seit dem Hand- stteich Zelogowskis am 9. Oktober 1920 — bis zur letzten Dezembertagung des Völkerbundsrates auch formell — bestehendm Kriegszustand zwischen bei­den Staaten in seinen politischen und wirtschaft- lkchm Rückwirkungm mitempfindet, hatten ein an­deres, besseres Ergebnis der Königsberger Kon­ferenz nur unverbesserliche Optimisten erwartet. Selbst wenn Litaums Staatlichkeit nicht so jung und seine Bevölkerung nicht so unpolitisch wäre, würde bei der gefühlsmäßigen Bedmtung Wilnas für die Litauer nur ein Staatsmann größter Au­torität und Willensstärke die Wilnafrage liquidieren könnm. Ministerpräsident Woldemaras ist dieser

Den Wahlen entgegen.

Zum preußischen Wahlleiter ist lt. B. T. der Präsident des Statistischen Landesamts, Dr. Sänger, der auch schon preußischer Landeswahl- ' (eiter bei den Wahlen 1921 und 1924 gewesen ist, vorgeschlagen worden. Die Ernennung ist in die­sen Tagen zu erwarten.

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Der Bezirksparteitag der ostpreußischen sozial­demokratischen Partei, der am Ostermontag im Stadtverordnetensitzungssaal zu Königsberg tagte, befaßte sich mit der Aufstellung der Kandidaten für den Reichstag und den Landtag. Als Spitzenkan­didat für beide Parlamente wurde der preußische Ministerpräsident Dr. Otto Braun ausgestellt.

* Erholungsurlaub des Reichskanzlers. Reichs­kanzler Dr. Marx beabsichtigt, Ende der Woche einen längeren Erholungsurlaub anzutreten, den er in der Schweiz verbringen wird. Vorher leitet er noch die am Mittwoch beginnenden Verhandlun­gen der Zentrumspartei. — Staatssekretär von S ch u b e r t hat einen Erholungsurlaub angetre­ten. Er begibt sich in das Privatsanatorium van Dr. Weidner in Dresden.

* Deutsch-siamesischer Handelsvertrag. Am 7. April ist in Bangkok ein Freundschafts-, Han­dels- und Schiffahctsvertrag zwischen dem Deut­schen Reich und dem Königreich Siam von den Be­vollmächtigten beider Regierungen unterzeichnet worden. Der neue Vertrag soll an die Stelle des vorläufigen deutsch-siamesischen Wirtschaftsabkom­mens vom 28. Februar 1924 treten. Er gewährt beiden Staaten die Meistbegünstigung für Handel, Schiffahrt und Niederlassung, enthält eine Schieds­gerichtsklausel für die Auslegung feiner Bestimmun­gen und stellt die Handelsbeziehungen zwischen bei­den Staaten aus eine gesicherte rechtliche Grundlage. Der Vertrag wird am Tage des Austausches der Ratifikationsurkunden in Kraft treten.

Memoiren des Barons Claus Zorn von Bulach. Haoas meldet aus Colmar, Baron Claus Zorn von Bulach habe angekündigt, daß er feine Memoiren veröffentlichen werde, die wichtige Ent­hüllungen über die Lage im Elsaß bringen wär»

Gärung im radikalen Lager.

Sine neue völkische und eine neue kommunistische Partei.

ihres Gegners nicht ernster zu nehmen, als sie sind. Sogar über so heikle Dinge wie die Entschädigung litauischer Verluste durch den Zeligowski-Putsch versprach Zaleski zu verhandeln, wenn er auch eine polnische Gegenrechnung in Aussicht stellte. So kam es zur Bildung der Kommissionen. Und Zaleski spielte einen letzten Trumps aus und machte die Offerte eines polnisch-litauischen Nichtangriffspaktes. In Genf kann sich der polnische Außenminister sehen lassen mA seinem guten Willen und großen Ent­gegenkommen. Die Bereinigung des Konflikts selbst aber steht noch in weiter Ferne, übrigens wirklich sehr zum Mißvergnügen Polens, das die sperrende Wand gegen Nordosten um jeden Preis, nur nicht denjenigen Wilnas, einstoßen möchte. Kem Wunder, daß man in Warschau schlecht gelaunt ist und mit dem Gedanken einer „Aktion" in manchen hitzigen Kreisen spielt.

Diese labile Lage zwischen den beiden Nachbar­staaten Ostpreußens ist für unsere vom Reich abge­trennte Provinz ungemein mißlich. Die Eesahr eines bewaffneten Konflikts bleibt bestehen. Dir Möglichkeit der russischen Einmischung ebenfalls. Im Frieden von Riga (1921) hat Rußland zwar auf alle Gebiete westlich der damals festgesetzten Grenzen verzichtet, aber der Verttag bestimmt, daß über die zwischen Polen und Litauen strittigen Ge­biete zwischen beiden Staaten eine VerständiMng herbeigeführt werde. Bezüglich Wilnas ist das nicht geschehen. Die Sowjets haben die Souverä­nität Polens über Wilna bisher nicht anerkannt, aber wiederholt verlauten lassen, daß eine gewalt­same Bereinigung der polnisch-litauischen Frage starke russische Interessen berühre. Die Folgen einer bolschewistischen Einmischung für ganz Europa lie­gen aus der Hand.

Angesichts dieser Situation hätte also eine pol­nisch-litauische Verständigung für Ostpreußen aller­größte Bedeutung. Sie würde einen ständig akuten Gefahrenherd auslöschen. Allerdings würde eine Verständigung derart, daß Polen maßgeblichen Ein­fluß auf Litauen gewänne — was Warschau zuge­standenermaßen mit dem Endziel der Einverleibung Litauens erstrebt — in Ostpreußen als eine bedenk­liche Erschwerung bet Lage gewertet werden müssen. Ostpreußen, heute schon im Westen, Süden und zum Teil int Osten von Polen umschlossen und wirt­schaftlich und verkehrspolitisch stark von ihm abhän­gig, würde in jenem Fall völlig von Polen um­klammert sein. Die Vorkriegslage, als Rußland unser Nachbar war, ist damit gar nicht vergleichbar, da wir damals in direktem und lebendigem Zu- Zusammenhang mit dem Reich standen. So wie sich unsere Grenzen nach dem Kriege gestaltet haben, ist uns ein selbständiges und lebensfähiges Litauen noch am zuträglichsten. Bei der faktischen Einstel­lung Litauens zu Deutschland und Ostpreußen (siehe Memel!) reicht aber unser Interesse bei weitem nicht dahin, daß wir, wie es Kownoer Blätter uns gelegentllch suggerieren möchten, Litauens Schicksal zu dem mistigen machten. Das Primäre bleibt für uns allemal die Erhaltung des Friedens. Litauens Selbständigkeit, so sehr wir sie wünschen, ist demgegenüber für uns nur von sekundärer Bedeutung. C. St.

den. Ec werde sie „der großen fr anzösi- scheu Nation" widmen. Sie bezweckten, seine elsässischen Landsleute über gewisse Ereignisse auf­zuklären. Die Veröffentlichung werde in deutscher Sprache erfolgen, wahrscheinlich aber werde das Buch ins Französische übersetzt werden.

* Trennung von Staat und Kirche in der Tür­kei. Die Nationalversammlung in Angora hat den Gesetzentwurf über die Trennung von Staat und Kirche einstimmig angenommen.

* Auflösung extremer Organisationen in Japan. Aus Tokio meldet ein Funkspruch: Die Regie­rung verfügte die Auflösung der extremen Prole­tarierpartei (Proloto) und zweier anderer extre­mer politischer Organisationen, da ihre Existent die Sicherheit und Ordnung des Landes gefährde. __________

„Erziehung gegen den Krieg“.

Henry Ford, der zurzeit sich 3M feiner Erholung in England aufhält, erklärte in einem Interview, feinet Ansicht nach entwickele sich die Intelligenz der Völker zu sehr, als daß noch einmal ein Welt­krieg möglich fei. Die Staatsmänner verfügten nicht mehr über das Prestige, dessen sie sich in frit­tieren Jahren erfreuten, und der Durchschnitt der Menschen komme durch den Einfluß des Automo­bils, des Rundfunks und ähnlicher Einrichtungen miteinander in so enge Berührung, daß es wie Erziehung gegen den Krieg wirke. Zum Schluß trat Ford sehr nachdrücklich für allgemeinen Freihandel ein.

Ruf nach Volksabstimmung.

Am Lupen, Malmedy und St Vith.

Die Sonntagsnummer der „Derniere Heure" veröffentlicht ein Schreiben, das fünf Zeitungen der drei Kreise von Eupen, Maldmedy und St. Dith an Senator Esser, den einzigen im Bezirk gebore­nen Parlamentarier, gerichtet haben. In dieser Zuschrift wird der Senator gefragt, ob er die im Jahre 1920 erfolgte Befragung als eine Volksab­stimmung ansehe, oder ob er nicht der Ansicht sei, daß eine neue und zwar eine wahre Volks­abstimmung in den drei Kreisen stattfinden müsse.

Von einem unserer parlamentarischen Mitarbei­ter wird uns geschrieben:

Die große Gärung, die im Radikalismus schon seit einiger Zeit sich vollzieht, hat angesichts der kommenden Parlamentswahlen zu einer neuen Scheidung der Geister geführt. Bei den Völkischen einerseits und den Kommunisten andererseits sind neue Parteibildungen im Werden begriffen.

Sehr interessant sind besonders die Vorgänge bei den Völkischen. Schon seit Monaten sind die völkischen Parteisplitter int Reichstag in einer Um­gruppierung begriffen. Immer wieder haben neue Umschichtungen stattgefunden, ohne daß es der Par­tei gelungen wäre, ihre ehedem so gefestigte Posi- tton wieder zu erringen. Nun ist aber ein Faktum eingetreten, das die Hoffnungen der Völkischen mit Recht von neuem beleben kann. Die ehemaligen Konservativen nämlich haben den offenen Bruch mit den Deutschnationalen voll­zogen, und in einer öffentlichen Erklärung aufge­fordert, am Wahltage nur dem völkisch-nationalen Block ihre Stimme zu geben.

Bisher waren die Konservativen mit den Deutschnationalen int Bunde. Die Deutschnationa­len selber betrachteten sich zu einem großen Teil sozusagen als Rechtsnachfolger der Deutsch. Konservativen von ehedem. Die verantwort­liche Regierungsbeteiligung der Deutschnationalen jedoch hat aber eine grundsätzliche Scheidung der beiderseitigen Auffassungen herbeigeführt, die nun auch zu dem offenen Bruch geführt hat. Die Tat­sache, daß die Deutschnationalen dem Republikschutz- gesetz und insbesondere dem sogenannten Kaiser­paragraphen zugestimmt haben, muhte auf die Deutsch-Konservativen, die sich als unentwegte M o. n a r ch i st e n bekennen, alarmierend wirken. Den sogenannten Kaiserparagraphen des Republikschutz- gssetzes nennen sie „eine Schande für unser V o l k", und der betreffende Anttag trägt an der Spitze die Unterschrift des Führers der Deutsch- nationalen, des Grafen W e st a rp; und Graf West­arp ist der Spitzenkandidat des Potzdamer Wahl­kreises, in welchem die Konservativen mit ihre Hauptdomäne zu haben glauben.

Wenn sich nun die' Deutsch-Konservativen mit den Völkischen verbünden, so bedeutet das aber auch einen Wandel in ihren politischen und agi­tatorischen Methoden. Auch das ist recht kennzeich­nend. Daß die Deutsch-Konservativen von ehedem zu den Radau-Demagogen vom Schlage der Graefe, Henning usw. übergehen, kann doch wohl garnicht anders gedeutet werden, als der letzte Ver­such, sich noch so etwas von politischer Geltung zu verschaffen. Andererseits freilich muß man im In­teresse der Klarheit und Wahrheit der politischen Beziehungen sagen, daß eine offene Stellungnahme zu den Problemen des Tages viel verdienstlicher und viel ehrlicher ist, als die unaufrichtige und zweideutige Taktik, die die Deutschnationalen in verschiedenen entscheidenden Fragen immer wieder getrieben haben, und die sie nun glücklich dahin ge­bracht hat, daß sie zwischen zwei Stühlen sitzen. • Zur gleichen Stunde vollzieht sich auf der an­deren Seite des Hauses bei den radikalen Linken I

eine bemerkenswerte Umbildung. Bis jetzt schon waren die seinerzeit als einheitlicher Block in den Reichstag eingetretenen Kommunisten in drei bis vier Lager gespalten. Unter ihnen befand sich eine Gruppe, die sich linke kommunistische Opposition nannte. Diese haben nun in einer an den Öfter« tagen abgehaltenen Parteikagung die Gründung eines Lenin-Bundes beschlossen. Die Füh­rung haben Golke, genannt Ruth Fischer, ferner Scholem und Urbans, die beiden letzteren zweifel­los zu den minder sympathischen Persönlichkeiten des ehemaligen Reichstags gehörend. Wenn nun auch ausdrücklich die Gründer des Lenin-Bundes erklären, daß sie keine zweite kommunistische Par­tei gründen wollen, so kommt ihr praktisches Vor­gehen doch auf eine derartige Handlung hinaus, denn sie stellen eigene Kandidaten nicht nur für die kommenden Reichstags-, sondern auch für dis Wahlen zum Preußischen Landtag und zu den Kommunen auf. Reichstagskandidaten sollen ins­besondere in Berlin, in Potsdam I und H, Ham- bürg, Magdeburg, Westfalen-Süd, Frankfurt an der Oder, Thüringen und Baden aufgestellt wer­den. Bei der Tagung wurde u. a. auch erwähnt, daß die Rheinpfalz früher 40 kommunistische Orts­gruppen besessen haben, von denen mittlerweile 37 zur linken Opposition übergegangen seien. Die Verhandlungen selber wurden charakterisiert durch einen außerordentlich häßlichen und haßerfüllten Ton, der gegen die übrigen kommunistischen Grup­pen angeschlagen wurde. Der Delegierte Kilian aus Halle sprach beispielsweise von der korrupten Füh­rer-Clique der Kommunistien und nannte ihre parlamentarische Tätigkeit Kretinismus. Nach einem Bericht des „Vorwärts" soll Urbans einen großen Heiterkeitserfolg mit feiner Mitteilung erreicht haben, daß der jahrelange Leiter der kommunisti­schen Agitations- und Propagandaabteilung der Zentrale mitgeteilt habe, er trete aus der K. P. D. aus, weil er nicht mehr an die kommunistischen Ideale glaube und deshalb zu seinem Gott zurück- kehre!

So sehen wir den Radikalismus rechts und links in gärender Bewegung. Diese Tatsan-e gibt aber auch schon einen Anhalt dafür, wie sich der fern- mende Wahlkampf vollzieht. In der Hauptsache werden demnach die Leninisten gegen die Kommu­nisten, auf der anderen Seite die Konservativen und Völkischen gegen die Deutschnationalen stehen. Am meisten Grund, sich über diese Entwicklung zu freuen, haben die Sozialdemokraten auf der einen Seite und die D e u t s ch - V o l k s p a r. teUer auf der anderen Seite. Denn solange die Radikalen felbr uner sich um die Palme des Er­folges ringen, und solange sie das tun mit Mit­teln und Methoden, die ohne Rücksicht auf ihre Qualität auf die Vernichtung des Gegners berech­net sind, werden die Nachbarn um ihr eigenes Haus nicht gar zu viel zu befürchten haben. Davon aber, wie dieser Kampf im radikalen Lager hüben und drüben ausgeht, und wie demgegenüber der Block des ruhigen geordneten Fortschritts besteht, wird aber auch das Schicksal des ganzen Lan- des abhängen