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M 81.

Donnerstag, 5. April 1928.

Fuldaer Zeitung

2. Blatt.

Druck der Fuldaer Acttendruckerel, Fulda

aus aller Welt

erklärten auf eine Frage Dr. Scblieps, daß Entscheidung über den Termin und den Ort Gerichtsverhandlung noch nicht getroffen sei.

eine der

bittet seinen Angehörigen mit,Zuteilen, daß er ge- ßind ist. Badstieber bittet mihuteilen, daß er vor­läufig out aufgehoben sei. Maier erhielt eine Geld- unterstüßung seitens der Botschaft, während Bad­stieber und Otto mit Geld genügend versehen sind. Sämtliche Verhafteten beantragen die Bestellung eines Verteidigers. Die Beamten der G. P. U.

* vier Touristen von einer Lawine überrascht. Auf der Schwarzen Wand nächst der Kürsinger fiütte im Venediger Gebiet wurden vier Tou­risten von einer Lawine überrascht. Während drei der Bergsteiger sich retten konnten, wurde der 24- iährige Paul Söllbacher aus Nürnberg getötet. Eine Bergungsexvedition ist gestern an die Unfallstelle abgegangen.

* Selbstmord eines amerikanischen Legionärs aus einem Kriegerfriedhof in Frankreich. Auf dem Friedhof der amerikanischen Gefallenen in B e l» l e a u bei Chateu-Thierry hat sich ein 37 Jahre alter amerikanischer Legionär erschossen. Er war des Lebens überdrüssig und wollte, wie er bereits früher angegeben hatte .neben seinen gefallenen Kameraden Ruhe finden.

lösers soll dadurch wachgehalten werden, es handele sich hier nicht um gewöbnliche Speise, sondern um den Opserleib des Herrn, der uns im Leiden erlöst hat, und der Aufblick zum Herrenmahle müsse uns mit wahrer Nächstenliebe erfüllen. Hohe, heilige und ernste Gedanken müssen also die Seele des Be­trachtenden durch,zijtern, nur dann ist er würdig, sich dem Herrn anzuschließen im heiligen Mahl.

Die Liturgie des Tages ist also ernst und feier­lich, ihr Gang hat nur kleine Aenderungen gegen­über den gewöhnlichen Messen, aber der Gedanken- inhalt der Messe tritt in hl. Ernst vor die Seele. Zwei Hostien werden an dem Tage konsekriert. Die übriggebliebene wird nach der hl Messe in feierlicher Prozession an einen festlich geschmückten Seitenaltar gebracht, zum sogenanntenhl. Grab". Diese Sitte stammt aus dem Nachmittelalter, hat sich aber besonders in Deutschland große Beliebtheit erworben. Die Liebe zum hl. Sakrament hat sie aufslammen lassen und weist immer wieder Herz und Sinn der Gläubigen darauf hin, daß Christus jetzt seiner tiefsten Erniedrigung und dem bitteren Tode entgegengeht, erweckt so Mitleid mit ihm und stimmt ab auf die Trauer der Kurtage.

t e n b e r g wegen passiver Beamtenbestechung 10 000 RM. Geldstrafe, Frühauf wegen passiver Beamtenbestechung und Beihilfe zum Betrug 5000 RM. Geldstrafe, Hammann wegen Bestechung und Beihilfe zum Betrug 3000 RM. Geldstrafe, Klöpfer wegen passiver Bestechung 600 RM. Geldstrafe, Biebrich wegen Beihilfe zum Betrug 300 RM. Geldstrafe, Stallmann 800 RM. Geldstrafe. Schönberger, Römer und Hermann wurden freigesprochen. Außerdem wird auf Ein­ziehung der empfangenen Gelder erkannt.

Die Messe selbst gestaltet sich hochfeierlich, das Gloria erschallt und die Glocken läuten nochmal, ab^r dann ist alles abgestimmt auf das Leiden, Orgel und Glocken schweigen, nur die Holzklapper kündet die Hauptteile der hl. Messe an. Wie nun Christus an die Spitze seines Leidens die wahrhaft göttliche Demut in der Fußwaschung und seine unendliche Liebe in der Einsetzung der hl. Eucharistie stellt, so stehen auch diele beiden Ereignisse in der Liturgie des Tages im Vordergrund. Die Fußwaschung des Herrn soll uns künden, daß nur in selbstloser Demut und hingebender Kreuzesliebe für uns der Weg zur Auferstehung und zu wahrer Größe ge­geben ist. Darum die Lesung der Perikope im Evangelium des Tages und noch einmal die sin­nende Wiederholung bei der Kommunion:Ich habe Euch ein Beispiel gegeben . . ." Wahrlich die Welt böte ein anderes Bild religiösen Lebens, wenn dieses Beispiel unergründlicher Demut von hoch und niedrig nachgeahmt würde! Die Einsetzung der hl. Eucharistie wird in der Epistel geschildert, und zwar nach dem Bericht des Völkerapostels, der an den Bericht über das Herrnmahl zugleich drei Mah­nungen knüpft: Das Gedächtnis an den Tod des Er-

Ueberfall auf eine Steuerklasse.

Selbstmord des Räubers bei der Festnahme.

Frankfurt. Am tag vormittag drang der 25jährige Fabrikarbeiter Albert Z im­mer m a n n in die Niederwälder Steuerzahlstelle der Konrad-Hähnisch-Schule ein. Dort befanden sich zurzeit gerade Mietgelder von den städtischen Häusern der Riederwald-Kolonie. Zimmermann, der sich mit einer schwarzen Maske un> kenntlich gemacht hatte, bedrohte die Beamten mit vorgehaltenem Revol­ver und floh mit einer größeren Summe geraub­ten Geldes auf feinem Rade. Ein zufällig vor- beikommender Polizeibeamter verfolgte den Fluch­tigen auf einem Motorrad. Mehrere Schüsse wur­den gewechselt von denen aber keiner fein Ziel er­reichte, da Zimmermann immer im Zick-Zack fuhr. Mittlerweile wurden die Reviere der Innenstadt verständigt und von allen Seiten fetzte die Ver­folgung ein. Auf dem Börneplatz wurde der Flüchtling von einem Marktarbeiter vom Rade ge- rissen. In diesem Augenblick brachte sich Zimmer­mann einen Schuß in die Schläfe bei. Er wurde schwerverletzt ins Heiliggeist-Hospital transpor­tiert, wie er kurz darauf verschied. Von dem geraubten Geld 6635 Mark war nichts ver­loren.

Gründonnerstag.

Von G o e r g e.

Die Liturgie der letzten Tage der Karwoche -st so ergreifend schön und voll tiefer Symbolik, daß ihre Gr danken eigentlich niemals ganz ausgeschöpf t werden können. Die beste Lehrmeisterin, in den Gedankeninhalt einzudringen, wird aber immer die Geschichte fein, und sie wird uns zu wahrem Mit­erleben mit dem Erlöser führen; die Geschichte er­innert uns daran, wie in den ältesten Tagen der Christenheit die ßiturgie dieser Tage für die Kate­chumenen zumErlebnis tiefergreifenbfter Art wurde, wie sie den Abschluß des inneren Ringens um Wahr­heit und Liebe in der Auferstehung von der Sünde und in neuem Leben in Christus in der Taufe brachte. Das muß ja Ostern in uns immerfort wiederbringen: Das Herausführen aus den Niede­rungen der eigenen Armseligkeit und Hilflosigkeit zu den Höhen chriftusvereinter Auferstehung. Ohne dieses Erlebnis ist Ostern nur ein leerer Schall, ein unverstandenes Wort.

Die Liturgie der letzten Tage vor Ostern ist vielfach verschieden von jener der anderen Zeit des Kirchenjahres. Das hat meistens feinen Grund darin, daß die Kirche in tiefer Ehrfurcht vor den ältesten Riten diese hat bestehen lassen und uns mit Macht zurückversetzen will in die Tage des Urchri­stentums, da der tiefe Glaube an Christus noch ganz lebendig war und die Liebe zu ihm noch hell auflohte. Das Herbe und Große der Liturgie soll auch uns emporführen zu einem Ostern der Seele.

Zunächst wäre auf den Namen des Gründon­nerstag und dann auf feine Liturgie einzugehen. In den liturgischen Büchern trägt er den Namen Coena Domini (Mohl des Herrn), eben von dem hervorstechendsten Ereignis am Vorabend des Todes Christi, dem letzten Abendmahl. Bei den Griechen findet sich der Name: Der heilige und große Don­nerstag, was auch von selbst hinweist auf die Ein­setzung der heiligen Eucharistie. Die deutsche Be­zeichnungGründonnerstag" hat eine befriedigende Erklärung noch nicht gefunden. Die einen denken bei demGrün" an die Wiederaufnahme der Büßer in die Kirche dies geschah an diesem Tage, wonach also die bis dahin dürren Aeste durch Anschluß an Christus zu grünen anfingen. Di» Erklärung riecht aber zu sehr nach Stuben« Weisheit. Andere weisen hin auf den Brauch, an diesem Tage die ersten grünen Gemüse zu essen, wieder andere erinnern daran, daß an diesem Tage beim Hochamt die Farbe der kirchlichen Gewänder die grüne war, andere suchen ethymologisch vorzu­gehen und bringen Grün in Beziehung zu gronen- greinen oder weinen. Aus jeden Fall scheint keine Erklärung ganz zu befriedigen, wenn auch gerade in der letzten der Hinweis auf die Klage Jesu am Oelberg am Donnerstag abend hinzu weisen scheint.

Was die liturgische Feier angeht, so läßt es sich von vorneherein erwarten, daß der Tag, an dem Christus das Zentralgeheimnis des christlichen Kultus einsetzte, von vornherein mit besonderen Feierlichkeiten ausgezeichnet war. So läßt sich denn auch die Feier brs ins 4. Jahrhundert nachweifen, geht aber ohne Zweifel in die erste christliche Zeit zurück. Vier Momente treten da anfangs deutlich hervor: Die Aufnahme der Büßer in die Kirche, die Weihe der hl. Oele, die Messe mit dem Gedächt­nis des Leidens Christi und die Fußwaschung. Eine Aufnahme der Büßer findet beute nicht mehr in feierlicher Form statt. Die Weihe der hl. Oele gestaltet sich feierlich in den Kathedralkirchen, wo der Bischof zelebriert, und zwar vor dem Pater­noster in der. Weihe des Krankenöles, nach der Kommunion die des Katechumenenöles und des Chrifam. In anderen Kirchen fällt auch dieses weg.

* Das Urteil im Wagnerprozeß. Nach mehr als fünfwöchiger Prozeßdauer wurde vom erweiterten Schöffengericht in Frankenthal am Dienstag im Wagnerprozeß das Urteil gefällt. Wagner wird wegen fortgesetzten Betrugs zum Nachteil der Leunawerke und des Reichs, mehrfacher aktiver Beamten- und Angestelltenbestechung zu zwei Jahren Gefängnis unter Anrechnung von einem Jahr Untersuchungshaft, ferner zu 15 000 RMk. Geldstrafe (ersatzweise ein Tag Gefängnis für 100 Mk.) verurteilt. Wagner bleibt wegen Kollisions­gefahr in Haft. Doch soll nach Verbüßung von einem Viertel der Reststrafe Haftunterbrechung ein« treten. Castell wegen passiver Beamtenbe­stechung zu einem Jahr drei Monaten Gefängnis unter Anrechnung von einem Jähr' Untersuchungs- haft und zu 5000 RMk. Geldstrafe und zur Ab­erkennung der Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher 2temter auf fünf Jahre. Castell wird sofort aus der Hast entlassen. Es erhalten ferner: Schwarz wegen passiver Beamtenbestechung drei Monate Gefängnis, W a i b l e wegen passiver Beamtenbe­stechung und Beihilfe zum Betrug vier Monate Gefängnis, August Weber wegen passiver Be- amtenbestechung sechs Wochen Gefängnis, H e ch -

vom Meer verschlungen.

Zwei Fischerfahrzeuge, die vor zwei Tagen au« Balestrade (Sizilien) ausgefahren waren, sind infolge der hohen See nicht zurückgekehrt. Am Dienstagnachmittag wurden in der Nähe von Ter- rafini drei Insassen des einen Fahrzeuges lebend, die anderen tot geborgen. Das zweite Fahrzeug ist vermutlich mit der ganzen Besatzung von sieben Mann untergegangen.

(Ein Rostocker Dampfer in Seenot.

Der Rostocker DampferErik Larsen" treibt etwa sechs Meilen von Dover entfernt mit Ma­schinenschaden auf hoher See. Der Hamburger BergungsdampferHermes ist von Vlifsingen aus­gelaufen und liegt längsseits des Rostocker Damp­fers. Er beabsichtigt,Erik Larsen" nach Rotter- dam einzuschleppen.

Cholera an Borb.

Der japanische DampferHawaii Mam", der von Singavur am Montag nach Südafrika mit 780 japanischen Auswanderern nach Amerika an Bord abfuhr, kehrte am Dienstag wegen Aus - bruchs von Cholera an Bord nach hier zurück. Der Krankheit sind bereits sieben Personen zu m Opfer gefallen. Elf weitere Fälle wur­den festgestellt. Der Dampfer kam in Quarantäne.

Begebenheiten

Bei den verhafteten in Nostow.

Unterredung des Legakionssekretärs Schliep mit den gefangenen deutschen Ingenieuren.

Der vom deutschen Botschafter nach R o st o w am Don entsandte Legationssekretär, Schliep, hat folgenden Bericht telegraphiert:

Ich hatte am 3 April im Gefängnis der E. P. U in dem Maier, Otto und B a d st i e bet untergebracht find, in Gegenwart dreier Be­amten der G. P. U. eine Unterredung mit den Verhafteten, die auf zehn Minuten be­schränkt war. Die Verhafteten, die einzeln vor- geführt wurden, erklärten, daß sie seit dem 15. März in Einzelzellen unter gebracht seien, und daß seitdem die Unterbringung keinen An- laß zu Beschwerden gebe. Sauberkeit, Waschgelegenheit, Toilettenverhältnisse und Essen seien zufriedenstellend. Maier klagte über seine Unterbringung vor dem 15. März. Dis dahin sei er in einem engen Raum mit 15 Mann zusammen gewesen. Auch Badstieber bezeichnete seine Unter­bringung bis zum 15. März als sehr beengt; dgch feien, nachd»m eine Kommission erschienen war, Erleichterungen, insbesondere die Unterbringung in Einzelzellen angeorbnet worden. Otto erklärte da­gegen, er sei auch anfangs, als er mit Russen zu­sammen untergebracht war, bevorzugt behandelt worden. Der Gesundheitszustand von Otto und Badstieber ist gut Maier erklärte, am Samstag nach feiner Vernehmung einen Nervenschok erlitten zu haben, so daß sein linker Arm be­wegungslos fei. Er fühle sich matt und liege den ganzen Tag. Maier, der 52 Jahre alt ist, erklärte, daß er früher niemals krank gewesen sei. Sega» tionssekretär Dr. Schliep beantragte beim Unter­suchungsrichter die sofortige ärztliche Untersuchung Maiers und feine Ueberführung ins Krankenhaus, und es wurde Dr. Schliep zugesagt, daß Maier noch heute am selben Tage zu diesem Zweck ärzt­lich untersucht werden solle. Maier steht im Brief­wechsel mit seiner Frau, die sich in Rutschenkowo befindet und hat auch von ihr einen Brief erhal­ten. Er bittet die deutsche Botschaft, sich feiner Frau anzunehmen. Badstieber und Otto haben von der Genehmigung des Briefwechsels mit ihren An­gehörigen bisher keinen Gebrauch gemacht. Otto

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33] ---------

Auch Rasmus und Christine Erichsen erhoben sich. Man stand in einer zwanglosen Gruppe beieinander und Rasmus Erichsen begann abermals:Es mußte so kom­men." Und dann redete er davon, nun schon mit alter gewohnter Stimme, ohne Zittern, daß es Zeit sei, an den Heimweg zu denken. Hinnerk habe recht, wenn er daran erinnert . . .

Es war alles wie vorhin. Die Leute drängten dem Ausgange zu, um eine Enttäuschung reicher. Das Stim­mengewirr machte sich wieder breit, und am Richtertische herrschte die alte Geschäftigkeit. e

Niemand kümmerte sich mehr um die fünf Menschen, die ein harmloses Gespräch zu führen schienen, kaum ein neugieriger Blick flog noch zu ihnen. Endlich gingen sie selbst. Als die letzten verließen sie den dunstigen Saal. Rasmus und Christine Erichsen schritten voraus, Hinnerk folgte und trat im Treppenhause an die Seite der alten Bäuerin, die sich langsam von der Aufregung zurücksand und ihrem Schwiegersöhne freundlich zulächelte. Ein Eiück hinter ihnen folgten Klaus und Gesine.

Es war schon wieder ganz still aus den weiten Korri­doren. Die späte Nachmittagssonne des Novembertages uergnügte sich damit, breite Lichtstreifen auf die Fußbö­den und an die Wände zu malen und zwischendurch irr- lichternd bis zur Decke hinaufzugleiten, wenn die entlaub­ten Kastanien im Hofe von dem unwirschen Spätherbst­winde zu einer kleinen Verbeugung genötigt wurden. Lauthallend klangen die Schritte nach. Es schien, als sei das nur deshalb so, um ein Wort nicht aufkommen zu lassen, als sage jeder Nachhall: Redet nicht, es ist eine Torheit, mich übertönen zu wollen!

Sie schwiegen auch alle. Die drei Vorangehenden wußten nichts zu sagen. Und Klaus und Gesine wag­ten kein Wort zwischen sich. Sie fühlten, daß es wie zündender Funke in ihre Seele fallen würde. Und dach lechzte jedes von ihnen danach, noch einmal des anderen Stimme zu vernehmen vor diesem letzten Auseinandcr- gehcn. Sich ein allerletztes Wort zu fagcru

Bis kurz vor dem Ausgange des Gebäudes zwangen sie ihre heiße Sehnsucht hart nieder. Sie wagten es nicht, sich anzusehen, gingen wie zwei Fremde. Und waren doch eins in ihrem ganzen Sinnen, Denken und Fühlen. Eins in ihrer Not und Angst. Aber dann, als Hinnerk schon die Hand zum Türöffnen ausstreckte, siegte die Sehnsucht. Die hob ihre Augen und öffnete ihre Lippen.

Klaus war es, der zuerst sprach. Mit einem scheuen Tasten griff er nach Gesines Hand, preßte sie und stam­melte mit leidenschaftlicher Stimme ihren Namen.

Sie zuckte zusammen und spürte das heiße Aufwallen ihres Bluttes, schmiegte ihre Hand noch fester in die seine und sah ihn an. Es war wie ein stummes Schreien, das in ihren Augen stand, wie ein heißes, quälendes Flehen:Nimm mich mit, ich kann nicht mit ihm heim!"

Klaus las das.So komm mit!" flüsterte er an ihrem Ohr, als sie vor ihm durch die Tür trat.

Da standen die drei: Rasmus Erichsen und seine Frau mit halbem Warten auf den Gesichtern. Daneben ein stilles Frohsein, den gefürchteten Tag hinter sich zu haben und den strengen Blicken der heiligen Justitia ent­ronnen zu sein. Und ein Berlangen nach der Heimfahrt war auch in ihren Zügen.

Und dort Hinnerk. Ihn sah Gesine zuerst an, als sie auf die Straße trat. In ihrem Ohr klang noch das Wort Klaus" nach und verschärfte den Zwiespalt in ihrer Seele. Da war's nun wie ein Fluten und Stürmen. Hinnerks angstvolles Augenpaar mit dem leise durch­schimmernden Licht halb drohenden, halb flehenden Bit­tens, das zu sagen schien:Denke an dein Versprechen, das du mir gabst, als du neben mir auf der Bank im Vorgarten saßest!" Sie wußte alles: sie mußte mit ihm heim. Mußte! Nun kam der letzte, scharfe, für ewig trennenden Schritt. Der würde in seiner Wirkung der Inbegriff aller Bitternis sein. Aber er mußte ertragen werden.

Ganz klar und ruhig ging dies Denken durch ihr Hirn. Sie selbst schien plötzlich auch ganz ruhig geworden. Ja, sie vermochte es sogar, Hinnerk freundlich lächelnd zu­zunicken, wie in der gewissen, unumstößlichen Absicht: Ick komme mit heiml

Hinnerk lächelte auch. Froh. Glücklich. Was hatte er nur gedacht!

Klaus gab Rasmus Erichsen die Hand.

Na, du gehst nun wieder fort, Klaus. Aufs Meer wohl? Na, denn glückliche Fahrt." Er schüttelte die festgehaltene Hand derb.Und wann kommst du mal wieder?"

Nie!" Er machte sich frei. Christine Erichsen be­kam die Hand. Ohne ein Wort. Dann reichte er sie Hin­nerk.Leb wohl, Bruder!"

Komm' erst noch einmal mit auf den Hof," bat Hin­nerk, gleichzeitig wünschend, daß Klaus ein bündiges Nein antworten möchte.

Er tat es auch.Was soll ich daheim?" fragte er bitter.

. . . Und nun Gesine . . .

Rasmus Erichsen und seine Frau hatten sich schon abgewandt und gingen langsam voran. Hinnerk stand noch und wartete, daß Gesine mit ihm zusammengehe. Noch immer ruhten ihre Hände in denen des Bruders, krampfig umschlossen, als gäbe es nie eine Lösung. Und dies Flammen der Augen! Cs loht in ihnen wie des lebensvollsten Sommers Brand.

Hinnerk brachte ein leises Ungeduldigwerden in seine Stimme, als er bat:So komm doch, Gesine!"

Und so komm doch, Gesine, meine Gesine!" rede­ten auch Klaus Iörnsens Augen.

Gesine tränkte ihr Wollen mit dem letzten Reste ihrer Kraft und befreite sich von dem umklammernden Hände­paar.Leb wohl, Klaus!" stöhnte sie. Und ein wundes, wehes Zucken packte ihr Herz. Ja, sie empfand, wie es schmerzte und stach! Ein würgendes, heißes Brennen stieg in ihrem Halse hoch, und über ihren Leib flog ein Zittern.

Sie tat den ersten Schritt zu ihrem Manne hin. Er war ein wankender, ihr fast das Besinnen raubender Schritt. Dieser erste Schritt auf dem Wege, den die Pflicht gebot und die Sitte und das Gesetz.

Und Klaus starrte ihr nach mit angstvoll aufgeriffe» nen Augen und slehte als zitternden, aus der Tiefe der Seele quellenden Schrei ein einziges Wort:Ge- finel'

Da tat sie nicht den zweiten Schritt auf dem Wege, den die Pflicht gebot und die Sitte und das Gesetz.

Mit einer stürmischen Bewegung und einem halb kla­genden, t)alb jubelnden «Ähret wandte sie um, trat zu Klaus, der sie an sich zog, unbekümmert um einige müs­sige Gaffer, die auf der gegenüberliegenden Straßen- feite stehen geblieben waren, und stöhnte:Ich kann nicht, Hinnerk. Gehe und verzeihe mir! Ich gehöre zu ihm!" .

Hinnerk taumelte. Mit aller Willenskraft bezwang er die Schwäche. Und nun redete nichts mehr an ihm von dem feine Seele erschütternden Schmerz, als der namen­los traurige Blick feiner Augen.

Mit schweren Schritten ging er die Straße hinab.

Rasmus Erichsen wandte sich eben um. Wo blieben Hinnerk und Gesine nur?

Da tarn er allein. Und dort unten gingen schon zwei. Immer weiter fort . . .

Aber wo läßt du Gesine?" rief ihm Rasmus Erich­sen zu.

Und dann verstand der Alte wohl plötzlich. Die Stirn­ader schwoll an.Das wäre!" keuchte er.Nie und nimmer!"! Er wollte ihr nach und rief laut:Gesine, Gesine!"

Hinnerk hielt ihn zurück.Laß es fein. Es ist nutz­los!" sagte er tonlos. Wir müssen ohne sie heim."

Nein, Hinnerk! Und du wolltest das dulden? Sie muß zurück!"

Christine Erichsen schluchzte auf.Es darf nicht sein!"

Hinnerk zwang beide zum Gehen.Kommt!" sagte er dumpf.Es muß so sein. Alles durch meines Baters Schuld."

Und durch die meine," stöhnte Rasmus Erichsen.

Verflucht die Stunde, da ich dich und sie betrog!" ,Es gibt keine Rückkehr mehr" sagte Hinnerk . . .

Aber vielleicht findet Gesine noch in letzter Stunde den Weg zurück."

Gott gebe es," betete Christine Erichsen.

Und bann gingen sie. Wie Menschen, die ihr Liebste» begraben.

,Fortsetzung folgt.)