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JVo 80.

Mittwoch, 4. April 1928.

Fuldaer Leitung

2. Blatt.

+$+ Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda

Katholik und Mensur. •

Ein ernstes Wort an die Abiturienten.

Man stellt uns freundlichst folgenden Artikel zur Verfügung, den wir gerne jetzt für unsere an­gehenden Universitätsstudenten veröffentlichen.

Unter dem Eindruck eines tieftraurigen Erleb­nisses aus der letzten Zeit ergreife ich die Feder zur Mahnung und Warnung. Da ist der Sohn braver Eltern, die zu meinen näheren Bekannten zählen, in eine sogenannte schlagende Studenten­verbindung eingetreten. Die Eltern sind allgemein geachtete, gutkatholische Geschäftsleute. Der Vater hat schon allerlei Ehrenämter bekleidet in kathol. Vereinen, ist sogar längere Zeit Gemeind erat ge­wesen; manche Gesinnungsgenossen haben es aller­dings nie gern gesehen, daß er immer so arg viel Wert darauf gelegt, es im gesellschaftlichen Leben und auch sonst ja nie zu verderben mit Andersge^- sinnten. Und der Sohn ist kein übler Junge, hat immer seine religiösen Pflichten erfüllt, solange er zur Schule gegangen. Wie er es in diesem Punkt gehalten, seit er in der nahen Großstadt die Ober­klassen besuchte, weiß ich allerdings Nicht. Das Nähere, wie es gekommen, daß er den unseligen Schritt getan, entzieht sich meiner Kenntnis. Man muß aber glauben, er wie seine Angehörigen seien sich völlig im Unklaren über die Tragweite des ver­hängnisvollen Entschlusses. Unmöglich kann man annehmen, der Sohn wisse, fn welche Seelengefahr er sich begeben, und die Eltern wüßten, welch schwerer Belastungsprobe sie ihr Gewissen unter­worfen haben. Wenig nur will es dagegen heißen, daß der „Spaß" den Geldbeutel des Vaters stark schröpft, da der Studio lediglich der Verbindung wegen — sie verlangt es so — in der Universitäts­stadt wohnen muß und höchstens alle vierzehn Tage einmal nach Hause darf, obwohl Heimatstadt und Mufenstadt mit einer Elektrischen verbunden sind. (Dabei ist der Vater heute wie alle Geschäftsleute keineswegs auf Rosen gebettet, sodaß mancher sich an den Kopf greift ob solchen Gebarens.)

Und nun höre man, was der Herr Studiosus anführt als Entschuldigung! Ich vermute nämlich, diese Ausreden gchen im ganzen Lande um. „Es ist wegen der späteren Beziehungen", so läßt er sich zunächst verlauten. Also man baut auf Vetterles- wirtschast im künftigen Berufsleben! Dann braucht man sich halt nicht so anzuftrengen, um eine ordent­liche Staatsprüfung zu machen. Vielleicht kommt man dann überhaupt schon leichter durch. Zudem flößt man der Prüfungsbchörde durch schneidiges, forsches Auftreten die nötige Achtung ein, sodaß sie es schon gar nicht wagt, zu schwere Fragen zu stellen. Ist man mal durch — wenn's das erste­mal nicht langt, dann übers Jahr; Vater schickt ja brav Batzen — dann hat man gewonnenes Spiel. Nun treten die hochmögenden Alten Herren, die Beamten, die früher in der gleichen Verbindung ge­wesen und natürlich überall an der Staatskrippe obenan sitzen, warm für ihren Nachschübling ein. Wenn sich die jungen Herrschaften aber nur nicht täuschen in ihren Hoffnungen auf so rosige Aus­sichten! Es war einmal! Heute weht doch ein et­was andrer Wind. „Da wird der Mann noch ge­wogen" mit seinem Wissen und Können, nicht so sehr seine „Beziehungen" und „Verbindungen". Ueberdies gibt es auch noch andere Vorgesetzte und Spitzen in allen Berufszweigen außer Logen- und Waffenbrüdern.

Noch windiger sieht es mit den Einwendungen, und Ausflüchten wegen des Selbstausschlusses aus der Kirche (Exkommunikation). Da hat man dem armen Opfer des oberflächlichen und unfolgerich­tigen Denkens (oder der Grundsatzlosigkeit?) ein- geredet und weisgemacht: die Sache sei nicht so schlimm, wie sie hingeftel'lt werde; man müsse sich nur im ersten Jahr in acht nehmen, daß nichts vorkomme. Dann gehe man zu einem bestimmten Pater in Freiburg, der könne die „Sache" kurzer Hand und schmerzlos in Ordnung bringen. So wird also im Ernst dem grünen Studenten Sand in die Augen gestreut, falls einer doch noch Ge»

Begebenheiten

Lin verhängnisvoller papierdrachen

wtb. Budapest, 3. April. (Eig. Funkm.). Aus Miskolzs wird gemeldet, daß dort der Papierdrache zweier spielender Kinder mit der elektri­schen Stromleitung in Berührung geriet und sich dort verfing. Ein zu Hilfe geru­fener Mann riß mit solcher Kraft an der Schnur des Drachen, daß die Drähte des Starkstroms mit denen der Lichtleitung in Berührung kamen. E'N dadurch verursachter "Kurzschluß brachte in einem Stadtteil die elektrische Beleuchtung zum Erlöschen. Mehrere Personen erlitten Brandwunden, zwei davon schwere. Ein Mann, der in seiner Wohnung das Licht andrehen wollte, wurde von dem Stark st rom getötet.

* Grausige Tat einer Irren. Eine schwere Bluttat wurde am Montagabend im Osten Ber­lins verübt. In einem Anfall von geistiger Um­nachtung schlug ein 23säbriges Mädchen mit einem Hammer auf seine 47jährige Mutter ein. Das Mädchen brachte der Frau derartig schwere Schä­delverletzungen bei, daß die Verletzte in hoffnunzs- losem Zustande nach dem Krankenhaus am Frie­drichshain gebracht werden mußte. Die Polizei nahm die Täterin fest. Der zuständige Kreisarzt stellte Geisteskrankheit bei ihr fest und "ließ sie nach der Irrenanstalt Herzberge überführen.

* Schulkreuzer „Berlin" in Silung. Der Schul- kreuzer „B e r l i n" ist am Montag früh in K i - I u ng (Formosa) eingetroffen und wird am 10. April nach Kobe (Japan) in See gehen.

Heuer im Grientexpretz.

Am Sonntagvormittag mußte auf der Station Flums (Kanton Graubünden), der Orient-Ex­preßzug, der von Zürich in der Richtung Chur fuhr, angehalten werden, da ein Wagen mit Abteilen der ersten und zweiten Klasse in Brand geraten war. Die Reisenden eines erster Klasse- äbteiles, eine dreiköpfige englische Familie, konnten sich mit knapper Not ins Freie retten. Ihr Gepäck wurde ein Raub der Flam­men. Den Reifenden der zweiter Klasseabteile ge­lang es, sich mit ihrem sämtlichen Handgepäck in Acherheit zu bringen. Bevor der brennende Wa­gen vom Zuge abgekoppelt werden konnte, griffen die Flammen auch auf die benachbarten Wagen, einen Speise- und einen Gepäckwagen ü b ew, doch konnten diese noch durch die Ortsfeu­erwehren gerettet werden. Der erster und zweite Klassewagen ist bis auf die Eisenteile abgebrannt. Der Zug mußte, da die elektrische Fernleitung durch das Feuer zerstört worden war, bis zur Ankunft einer Dampflokomotive auf der Station verbleiben.

Line Tuchfabrik eingeäscherl.

Nachts brach in der Tuchfabrik von Steinle u. Wille in Burg bei Magdeburg aus bisher noch

wifsensbedenken äußern soMe. Solchem Unfug muß man aber betzeiten steuern. Drum aufgepaßt, chr Eltern flügger Studenten: „Der Fuchs geht um!" Für einen Katholiken ist, nachdem die Kirche gesprochen, einfach kein Platz mehr bei den soge­nannten Waffenstudenten; denn nach der Erklärung Roms vom 9. August 1890 fallen die in Deutsch­land üblichen studentischen Schlägermensuren kirchen­rechtlich unter den Begriff Zweikampf (Duell), und die Erklärung ist niemals zurückgenommen, im Gegenteil, nach dem Krieg nochmals ausdrück­lich wiederholt worden. Somit aber gelten auch für die Mensur die schweren Kirchenstrafen, womit der Zweikampf belegt ist, nämlich Ausschluß aus der Kirche und damit auch Verlust des kirchlichen Begräbnisses. Und diesen Strafen verfallen nicht nur die Nächstbeteiligten, also die beiden Kämpfen-

aus aller Welt.

ungeklärter Ursache Feuer aus. Das Feuer ent­stand in dem Spinnereigebäude, das zum größten Teil aus Holzfachwerk bestand, und dehnte sich auf das benachbarte Grundstück aus. Beide Gebäude brannten vollständig nieder. Der Schaden wird auf 200000 Mark geschätztund ist zum Teil durch Versicherung gedeckt.

Neun Bauernhöfe niedergebrannk.

In der Ortschaft Fraundorf bei Kläffer im Obermühlviertel wurden neun Bauernan­wesen eingeäschert. Der Schaden dürfte 120 000 Schilling betragen. Man vermutet Brand­stiftung.

6 Scheunen verbrannt.

wtb. Nalla, 3. April. (Eig. Funkm.) Von den an der Kronacher Straße gelegenen 12 Scheunen sind gestern morgen 6 ein Opfer der Flammen gewor­den. Sämtliche Vorräte und die in den Scheunen befindlichen Maschinen sind mitverbannt. Es be­steht Grund zu der Annahme, daß Brandstiftung vorliegt.

* Waldecks Anschluß an Preußen. Die wald- eckscke Landesvertretung nahm in ihrer Sitzung am Montag den Anschlußvertrag mit Preußen mit 15 gegen eine Stimme in zweiter Lesung an.

* Vier Take bei Flugzeugunfällen. In der Nähe von C o l ch e st e r stieß bei einem Manöver ein Mi­litärflugzeug gegen einen Baum und zerschellte dann auf der Erde. Zwei Flieger wurden dabei getötet. — Nach einer Mitteilung des englischen Luftfahrtministeriums wurden in der Nähe von Hillah im Irak bei einem Flugzeugabsturz ein Flie­geroffizier l:nd sein Begleiter getötet.

* Veruntreuungen bei einer polnischen Kranken­kasse. In Sosnowice wurden bei der Kran­kenkasse eine Reihe von Verfehlungen aufgedeckt. Beamte der Kasse haben mit größeren Privatfir­men gemeinsame Sache gemacht und falsche Listen für diese Firmen geführt. In die hinterzogenen Summen teilten sich sodann die Kassenbeamten und die Firmeninhaber. Zwei Rechnungsbeamte, denen bereits jahrelang Betrügereien nachgewiesen wur­den, mürben verhaftet. Die Verluste der Kranken­kasse werden auf mehrere hunderttausend Zloty angegeben. Mit weiteren Verhaftungen soll gerechnet werden.

35000 Lallen Baumwolle zerstört.

wtb. London, 3. April. (Eig. Funkm.). „Ti­mes" meldet aus Karachi: Gestern nachmittag brach in der Stadt ein großer Brand aus, dessen Herd eine Ausdehnung von einer Viertelmeile be­sitzt. Bisher wurden 3 5 00 0 Ballen Baum­wolle zerstört. Das Feuer, das sich immer noch ausbreitet, hat bereits einen Schaden von 600000 Pfund Sterling angerichtet.

den sowie deren Heffer (Sekundanten), sondern auch alle, die einen andern fordern oder eine For­derung annehmen (also auch, wenn es nicht zur Menfur oder zum Zweikamps kommt), ferner alle irgendwie Mitschuldigen und Hilfeleistenden sowie alle geflissentlich Zuschauenden. (Cod. iuris can. Can. 2351 §§ 1, 2.)

Daraus mögen die Väter und Mütter unserer katholischen Abiturienten ersehen, in welche trau­rige Lage ihre Söhne kommen, faW sie eintreten in eine schlagende Verbindung; denn ganz natur­notwendig wird der junge Waffenbruder bald bei einer Mensur zusehen müssen, schon um das Hand­werk zu erlernen, und nicht lange nachher muß er, so will's der „Komment", selber antreten, d. h. schlagen. (Das reine Fechten als Sport ist etwas anderes, das betreiben auch katholische Verbin­

dungsstudenten.) Und dann ist das Unheil da. So geht's aber in 99 von 100 Fällen, da Hilst kein Drehen und kein Deuteln. Drum lieber gar nicht eintreten. Das hieße mit dem Feuer spielen und der nächsten Gelegenheit in den Rachen lausen. Uebrigens wird doch gewiß jeder Oberprimaner auch in dieser Beziehung genügend aufgeklärt von seinem Religionslehrer. Also gibt es eigentlich keine Ahnungslosen, keine Harmlosen mehr, höchstens Verblendete.

In unfern überall blühenden katholischen Stu­dentenvereinen und -Verbindungen aller Art, far- benttagenden und nichtfarbentragenden, hat ein katholischer Student Gelegenheit genug, sich echt- studentisch zu betätigen, ohne den Bruch mit der Kirche herbeizuführen, sein Seelenhell aufs Spiel zu setzen und seinen Ettern das Leben zu verbittere

8 Opfer einer vergwerksexpiosion.

wtb. Keystone (Virginia), 3. April. (Eig. Funkm.) Gestern abend ereignete sich in einem Bergwerk eine Explosion, bei der 8 Personen getötet wurden. 6 der Opfer wurden in einem abgelegenen Winkel des Bergwerks, wohin sie sich geflüchtet hatten, um den tödlichen Gasen zu entgehen, eng aneinander- geschmiegt tot aufgefunden.

* Polizei gegen prohibstionsbeamke in Chicago. „World" meldet aus Chicago: Nachdem ein städti­scher Gerichtsbeamter von einem Prohibitions­agenten angeschossen wurde, sandte der Polizeichef über 500 bewaffnete Polizisten in über 100 Auto­mobilen aus, um sämtliche Bundes-Prohibitions-

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beamte zu verhaften, da sie die in Chicago herr­schende Unsicherheit noch vermehrt hätten.

* In der Ostsee erstunken. Der 22jährige Wer. ner Schweigert und der 21jährige Richard Gehrke, beide aus Z i n n o w i tz, fuhren mit einem leichten selbst gebauten Boot von dort aus nach Koserow. Dabei kenterte das Fahrzeug und, obwohl ihre Hilferufe am Lande gehört wurden, konnte den Ver­unglückten keine Rettung mehr gebracht werden. Die beiden Leichen sind noch nicht geborgen.

* Graf von der Goltz in Helsingfors. Graf von der Goltz traf Montag abend an Bord der „Nord­land" in Helsingfors ein. Er wurde im Ha- fen, wo eine Ehrenkompagnie die Ehrenbezeugun­gen erwies, von der Kommission für die Festlichkei. ten anläßlich der Eroberung von Helsingsors im April 1918 empfangen. Gras von der Goltz mürbe von einer großen Menschenmenge herzlich begrüßr.

katholische Welt.

= Deutsch-polnische Erhebungen zur Regelung bei Seelsorge der Katholiken. Aus Warschau wird gemel­det: Der Primas von Polen, Kardinal H l o n d, richtet« an den Erzbischof von Warschau, Kardinal v. Kakowski, ein Schreiben, in dem er um eine Statistik der in der Erzdiözese Warschau ansässigen deutschen Katholiken ersucht zwecks einheitlicher Regelung der Seelsorge der deutschen Katholiken Polens. Eine analoge Statistik über die polnischen Katholiken Deutschlands bereitet zur Zeit Bischof Berning von Osnabrück vor. Kardinal Hlond führt gegenwärtig im Einvernehmen mit dem Apostolischen Stuhl entsprechende Unterhandlungen mit dem deutschen Episkopat.

Ein wirksames Verfahren bei Gesichtsausschlag, Pickeln, Ekzemen.

Don Dr. med. TB.

Gesichtsausschlag, Pickeln, Pusteln, Wimmerln, Acne Vulgaris, Mitesser und Ekzeme, die besonders bei jün­geren Leuten beiderlei Geschlechts so überaus häufig auf­tretenden Hautübel, werden von den oft fast verzweifeln­den Opfern mit allen nur erreichbaren Mitteln bekämpft. Vortrefflich bewährt hat sich nach meinen Erfahrungen

folgendes Verfahren: Man nehme ein Stück Zucker's Pa- tent-Medizinal-Seife, reibe mit der Hand oder noch bes­ser mit einer nassen Bürste, einem nassen Pinsel und dgl. möglichst viel dicken Schaum, läßt ihn evtl, noch einige Zeit stehen, bis er so dick ist wie Brei, Salbe oder Sirup, und trägt ihn dann leicht, ohne zu rei-

b e n, auf die zu behandelnden Hautstellen auf. Am besten geschieht das Aufträgen des abends, damit der Schaum genügend Zeit hat, auf der Haut einzutrocknen, und die Nacht über liegen bleiben kann. Morgens er- weicht man ihn mit etwas Wasser, spült ihn dann leicht ab und trocknet hierauf die Haut, ohne zu reiben

ober zu frottieren, fanft mit einem weichen Tuch Nachher stets die Haut mit Zuckooh-Crerne, die ebenso wie Zucker's Patent-Medizinal-Seife in jeder Apotheke, Drogerie und Parfümerie sowie in jedem besseren Fri­seurgeschäft zu haben ist, nachbehandeln. Diese Prozedur, richtig durchgeführt, schafft in Kürze neue, reine und gesunde Haut und verjüngt um Jahre.

Das Kreuz im Moor.

Roman von Fritz Sanier.

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Nein, sie kam nicht umhin!

Mit rücksichtslosen Händen wurde das Geheimnis ihres Herzens bloßgelegt. Wie an einem nüchternen, trockenen Dinge rührte man an ihm. Immer wieder fragte man, immer wieder! Und stets kam so ein Klang von Nebensächlichkeit und Untergeordnetsein zum Durch­bruch, wenn man ihrer Liebe erwähnte. Ja, es war so kalt, so herzlos. So, als wenn man vom Wetter spricht. Und Hunderte von neugierigen Augen waren auf sie ge­richtet. Hunderte von Ohren lauschten. Lauschten be­gierig, lüstern auf das Bekenntnis ihrer Liebe. Sie fühlte ihre ganze Seele wie geöffnet, wie ein aufgefchla- genes Buch, in dem jeder blätterte und las. Ihre Liebe deuchte sie entweiht, in Staub und Kot gezerrt. Und Scham durchdebte sie. Ja, Rasmus Erichsen mußte tzinzustürzen und sie zu einer Bank führen, als man auf ihre weiteren Aussagen verzichtete. Wie gebrochen saß sie nun dort, wie vernichtet und zerschlagen. Und Klaus Jörnsens Augen streiften sie mit einem Blick unsagbaren Bedauerns und heiß auflodernder Liebe.

Cs ging schnell bergab mit dem ganzen künstlichen Aufbau. 2([kr(ci bisher unverständlich gewesene No­tizen in John Meyers beschlagnahmten Geschäftsbüchern hatten längst tfjre Erklärung gefunden und zum Wan- kendmachen der Verdachtsgründe beigetragen. Und als bann der Verteidiger nach dem kaum noch für ernst genommenen, auf schwanken Füßen stehenden Plädoyer des Staatsanwalts seine glänzende Rede hielt, aus inner­ster Ueberzeugmig heraus, glühend für das Recht spre­chend, da war die Anklage in sich zusammengebrochen wie ein morsches Gebäude.

Es konnte gar nicht anders fein: die Geschworenen mußten zu einer Verneinung sämtlicher ihnen vorgelegten Schuldfragen kommen und das Jörnsensche Brüderpaar einstimmig freisprechen.

Wie eine Erlösung zitterte es durch den Schwur­gerichtssaal und klang in den Herzen der vielköpfigen

Menge wie eine freudige Genugtuung nach, als der Obmann der Geschworenen seinen Wahrspruch getan.

Von Klaus' und Hinnerks Lippen kam kein Jauchzen. Nur ein Schimmer stiller Freude leuchtete in ihren Augen auf, als sie die Anklagebank verließen und die Glück­wünsche ihres Verteidigers mit einem schlichten Dantes» wort entgegennahmen. Und dann gingen beider Augen suchend zu dem Gesicht Gesines. Drüben auf der Bank im Zeugenraum saß sie neben ihrem Vater und ihrer Mutter, die beide freundliche Worte zu ihrem schwer­geprüften Kinde sprachen, und trug den Kops tief gesenkt.

Auch in ihrer Seele war ein stilles, leises Freuen, daß die Gerechtigkeit gesiegt.

Ja, so ein stilles, leises. Kaum empfundenes. Sie hatte ja gewußt, daß es nicht anders hatte kommen kön­nen, und nahm die Tatsache des Freispruches mit dem Empfinden eines Menschen hin, der von einer unerschüt­terlichen Selbstverständlichkeit überzeugt gewesen . . .

Was durch ihre Seele zitterte und ihr Innerstes beben machte, war ein Gemisch von bangem Fragen und Su­chen, heißem Kämpfen und schreiender Qual.

Sie hatte geglaubt, mit allem fertig zu sein, als sie damals im Mittagsglanz des Hochsommertages an der Seite Hinnerks auf der Bank im Vorgarten gesessen und ihm gesagt hatte: „Ich will dir Fleiß geben und An­hänglichkeit und Gehorsam und Liebe . . . wie man sie zu einem Bruder hat . . . Und es mag noch ganz gut zwischen uns werden."

Und nun? Es war alles beim alten. Die alte Not. Das alte Aufbegehren. Das alte heiße Sehnen nach Glück, seitdem ihre Augen wieder an Klaus-Jömsens Ge­stalt gehangen.

Ach, wenn er damals nicht fortgewesen, als sie heim- gekehrt, wer weiß, ob sie nicht doch mit ihm gegangen zur Stunde. Und daß sie ihn nicht mehr gefunden, war ja eigentlich nur ganz gut gewesen. Und bann war er zur Rückkehr gezwungen worden. Sie hatte ihn heule sehen müssen. Auch wenn sie nie und nimmer gewollt.

Ja, da lag ihre ganze Qual und Not und rang mit der Pflicht und gab ein banges, verängstigtes Fragen und Suchen nach rettendem, erlösendem Wege.

Was sollte sie nun tun? Welches war nun das Ende? Wo war die Wahrheit? Kam niemand mit wegweisen­

den, helfenden Händen? War sie wirklich nur auf ihr eigenstes Entscheiden angewiesen?

Ach, diese sich überstürzende Fülle von Fragen ohne Antworten! Sie kamen über sie daher wie ein gewaltiger Strom, brandeten in ihrer Seele auf wie empörte, wilde Wellen und machten sie wirr. So wirr, daß sie sich stöh­nend vorbeugte und die heiße, schmerzende Stirn auf das kühle Holz der Schranke vor ihrem Platze legte.

Klaus und Hinnerk tarnen langsam hinzu. Gerade als Gesine ihren Kopf senkte und ihr Gesicht den Blicken der Brüder entzog, blieben sie vor ihr und ihren Eltern stehen.

Die sich langsam dem Ausgange zuschiebende Zuhörer­menge ließ von ihrem Vorwärtsschreiten ab. Aller Augen waren gespannt auf die Gruppe im Zeugenraum ge­fistet. Auch die sich bereits zum Fortgänge rüstenden Mitglieder des Gerichtshofes unterbrachen ihre Vorberei­tungen und sahen interessiert hinüber. —

Eine tiefe, beklemmende Stille war eingetreten. Das bunte, schwirrende Stimmengewirr, das Geräusch schur­render Schritte war plötzlich erstorben.

Rasmus Erichsen erhob sich mit einer schwerfälligen Bewegung, räusperte sich nachhaltig und streckte Klaus die Hand hin. „Es mußte so kommen," sagte er, nur für Klaus vernehmbar. „Und ich freue mich". Hinnerk bekam nur ein kurzes Nicken. Und Christine Erichsen schluchzte still in das vor die Augen gehaltene Tuch.

Gesine hatte ihr Haupt noch immer nicht erhoben. Wußte sie nicht, daß Klaus und Hinnerk vor ihr standen und darauf warteten, in ihr Gesicht zu sehen? Hielt eine Absicht ihren Kopf gebeugt?

Klaus hatte auf Rasmus Erichens kurze Worte nichts entgegnet, kaum einen Blick für ihn gehabt. Seine flam» menben Augen suchten nur Gesines Gestalt. Und vor- wurfsvoll zuckte es ihm heiß und das Blut aufwühlend durch den Sinn: Dieses Weib hast du gewähnt verges­sen zu können? Don ihm bist du gegangen nach einer einzigen kurzen Glücksstunde?

Ja, der gegen ihn gehegte schwere Verdacht hatte fei­nen stolzen Sinn bis ins Innerste verwundet, er war mit Verwünschungen gegen das Schicksal umgekehrt, hatte die unglückliche Verkettung von Zufällen verflucht . . . Und nun war das alles zu einem Dank und Jubel geworden.

daß er abermals vor Gesine stehen durfte. Ja, ein glückliches Danken. •

Er dachte noch nicht an die Zukunft. Er gab sich ganz dem Genusie des Augenblicks hin, das geliebte Weib sehen zu dürfen. So dicht vor sich, als der wieder freie und vor aller Welt gerechtfertigte Mann. Impulsiv trat er ganz nahe zu ihr heran, Hinnerk bei dieser Bewegung unge­wollt beiseite schiebend. Der stand nun, wie nicht hinzu­gehörend, im Hintergründe und ließ den Kopf auf die Brust fallen.

Ein leises Raunen von flüsternden Stimmen ging durch den Saal. Alleif, die Zeugen dieses Vorganges ge­wesen, war es, als wenn die nächsten Minuten ein außer­gewöhnliches Ereignis bringen müßten.

Klaus stand noch einen Augenblick regungslos, leicht nach vornübergebeugt. Dann hob er seine Hand und legte sie auf Gesines Schulter. Er konnte nicht anders, er mußte sie berühren.

Da ging Gesines Oberkörper ganz langsam in die Höhe. Ihre Augen schienen wie verschleiert. Und der Mund war fest geschlossen. Wie in Trotz und Eigen­willen. Aber das schwand dann alles, als es ihren Sin­nen zum Bewußtsein gekommen war, daß ein vor Erre­gung glühendes, leidenschaftlich loderndes Apgenpaar nach dem ihren suchte. Da nahm auch ihr Blick den Ausdruck heißer Leidenschaftlichkeit an.

Sekundenlang lagen beider Blicke wie gebannt inein­ander. Sie schienen entrückt chatten offenbar vergessen, daß sie nicht allein waren. Und wenn nun abermals Sekunden vergangen sein mürben, jtmnn mußte es kom­men, baß er sie an sich riß und küßte. Er mußte . . . Da trat Hinnerk hart hinzu, sandte feinem Sprechen ein langes Räuspern voraus und sagte dann mit vor Erre­gung zitternder Stimme: „Gesine, wir wollen heim!" —

Alle Spannung war wie hinweggewischt. Widerwillig noch während der ersten Bewegungen. Und dann in Hast. In Gesines Gesicht kam der alte Ausdruck. Nun mit Verbissenheit gepaart. Ein flackerndes Feuer lief über ihr Gesicht, rann bis zum Halse und ließ sie wie in Scham erglühen. Ihr Blick ging an Hinnerk vorüber, der schloh­weiß im Gesicht war und die Zähne in die Un'crlippe grub.

(Fortsetzung folgt.)