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'M 77.

Samstag, 31. März 1928.

Fuldaer Zeitung

2. Blatt.

Druck der Fuldaer Actiendruckerei, Fulda

aus aller Welt

wescns Zentralasiens, die verschiedener Mißbräuche bei

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Kein Laden.

Daher billige Preise.

Garantie für tadellosen Sitz.

* 325 Millionen Dollar für die Regulierung des Mif- sippi. Die Vorlage betreffend die Bewilligung von 325 Millionen Dollars für die Kontrolle des Wasserstandes des Missippi wurde vom Senat nach kaum einstündiger Erörterung angenommen

wie an mancher gesetzgeberischer Unzulänglichkeit der Var- und Nachkriegszeit. Wie oft stand auch die parlamentarische Vertretung des katholischen Volksteils als ohnmächtige Mnderheit da, ver­lassen — auch von der Sozialdemokratie! Die ka­tholische Arbeiterschaft weiß, daß die geistige Um­wandlung einer Mehrheitsgesetzgebung, wie sie nun verfassungsmäßig herrscht, die innere seelische Umwandlung einer gesamten Unternehmerschaft zu­letzt nur durch überirdische, übernatürliche Werte und Kräfte erfolgen kann, durch den, der die See­len in der Hand trägt. Wenn sie darum auch in vielen politischen und wirtschaftlichen Zielen, wie in der Vergangenheit, so in der Zukunft, sich weit­gehend mit der Sozialdemokratie eins weiß, so wird sie, wie in einem inarnrnonistischen Unternehmer­tum und wie in einem freidenkerischen Liberalis­mus, so auch nach wie vor in einem atheistischen Sozialismus einen unversöhnlichen Feind erblicken. Die beruhigenden Beteuerungen einiger rheinischer sozialistischer Redakteure im Hinblick auf katholische Gegenden bedeuten für die Religions-, Schul- und Sittlichkeitspolitik der Gesamtpartei, vorab in der Diaspora, leider nichts. Die Würfel der Zukunft fallen auf dem Gebiete der Seele, des Geistes, wie B. das in seinem ganzen Werke auch so lebhaft und mit tiefem Heimweh fühlt. Darum gibt es nicht eine geistige Vereinigung der katholischen Ar­beiterschaft mit'dem immer noch marxistischen So­zialismus, sondern nur eine Rückkehr der nach B. an ihren eigenen tönernen Idealen irre gewor­denen sozialistischen Arbeiterschaft und der ganzen Gemeinschaft zu Christas, zur Kirche.

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*) Katholizismus und Sozialismus. Von ®eorg Dayer. Schriften zur Zeit. In Verbindung mit Gu- ftao Radbruch, Karl Bröger, Hugo Sinzheimer heraus-

rücksichtslos breit machendes Geräusch. Da floh er so hastig und verschüchtert, daß Gesine jäh auffuhr und mit weit geöffneten Augen, die heftiges Erschrecken spiegel­ten, nach der Gartenpforte starrte.

Dort erstarb eben das Geräusch. Der Wagen, dri- sen Klappern sein Erzeuger gewesen, hielt jetzt. Zwei Herren, die hinten in der Kalesche gesessen, stiegen ab. Mit gemessenen Schritten traten sie in den Vorgarten. Ein feierlicher Ernst lag auf- ihren Gesichtern.

Gesine war mühsam aufgestanden. Ihre Rechte hatte sich haltsuchend um die Seitenlehne der Bank geklammert. Und ihre Knie zitterten.

Ehe sie noch Zeit fand, ihre Gedanken zu ordnen und sich verwundert zu fragen, was dieser Besuch zu bedeu­ten habe, klangen schon Worte an ihr Ohr. Nicht un­freundlich gesprochen, aber auch nicht ausnehmend zu­vorkommend. Ob sie die Bäuerin sei?

„Ja." ...

Das sei schön. Und wo der Bauer wäre?

„Der junge Bauer dach?"

„Natürlich. Den alten- hat man ja in der vergangenen Nacht ermordet."

Gesine wich alles Blut aus dem Gesicht. Schlohweiß war es, und die Augen blickten starr. „Wer sagt das?" konnte sie endlich stockend hervorpressen.

Der Sprecher hatte scharf beobachtet und ließ nun ein kaum erkennbares zufriedenes Lächeln um seine Lippen spielen. „Das Gericht vermutet es, liebe Frau. Wir sind seine Vertreter und wollen eine Haussuchung vor­nehmen." Er wies auf seinen Begleiter: „Kriminalkom­missar Draeger." Eine kaum merkbare Verbeugung: „Amtsrichter Stürmer".

Gesine verstand noch nicht. War das Ganze nur ein Scherz, oder hatte man es für Wahrheit zu nehmen? Das Gericht kam? Eine Haussuchung sollte sein? Ja, was glaubte, was dachte man denn eigentlich? Hjer wa­ren doch weder Mörder noch Räuber!

Eine tiefe Falte des Unmutes grub sich in ihre Stirn, und ihre Stimme klang merklich gereizt, als sie sprach. „Wenn alles Suchen nur nicht umsonst sein wird! Ich weiß überhaupt nicht, was das Gericht hier suchen will."

„Nun, das lassen Sie nur unsere Sorge sein," be­merkte der Amtsrichter etwas spöttisch. .Zuallererst

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„Da werden wir Klaus und Hinnerk Jörnsen suchen müßen," wandte er sich dann wieder Gesine zu, die das Mienenspiel beider mit steigender Erregung beobachtet hatte. „Denn haben muffen wir das Brüderpaar auf jeden Fall." Er musterte Gesine scharf und forderte dann kurz: „Und nun bitte das Zimmer!"

Gesine rührte sich nicht von der Stelle. Ein heißes Funkeln stand in ihren Augen. „Keinen Schritt gehe ich, bevor ich nicht weiß, warum Sie Klaus und Hinnerk Jörnsen haben müssen!"

Der Amtsrichter, der schon ein paar Schritte nach dem Hauseingange getan hatte, fuhr aufgeregt herum. „Sie sind eine sonderbare Frau! Wissen Sie nicht, daß Sie sich mit Ihrer Weigerung des Widerstandes gegen die Staatsgewalt schuldig machen?"

„Das kümmert mich nicht. Ich will es wissen."

Amtsrichter Stürmer schien in einiger Verlegenheit. So etwas map ihm denn doch noch nicht vorgekommen! Ehe er sich zu einer Entgegnung hinfand, sagte der Kri­minalkommissar: „Herr Amtsrichter, ich halte es für das beste, der Frau Klarheit zu geben, um was es sich han­delt. Wir vergeuden mit diesen langen Unterhandlungen zu viele kostbare Zeit."

Der Amtsrichter stimmte nach kurzem Ueberlegen zu. „Sie haben recht, und obgleich wir zur Preisgabe unseres Verdachtes nicht verpflichtet sind, wollen wir im Interesse der Sache eine Ausnahme gelten lassen und dem Wunsche der Frau Rechnung tragen. Nachteilige Folgen für die Entwicklung der Dinge sehe ich nicht."

„Werden auch nicht eintreten, Herr Amtsrichter."

Strömer brachte viel Ernst und Feierlichkeit in feine ‘ Stimme, als er dann sprach: „Angenehm wird meine Eröffnung nicht für Sie fein, liebe Frau. Aber da Sie es selbst wünschen, müssen Sie . . ."

„Sagen Sie es schnell, Herr! Keine Worte mehr vor­her!" keuchte Gesine heraus, den Sprecher unterbrechend.

„Ich sage es schon," verwies der Amtsrichter gereizt. „Es liegt der Verdacht vor, daß Klaus Jörnsen John Meyer erwürgt und sei . . ."

„Wie!" schrie Gesine gellend, die zu Fäusten geball­ten Hände vorstreckend. „Klaus Jörnsen ein . .

(Fortsetzung folgt.)

• 9.

Es war schon bald zwei Uhr, als Gesine den Hofjun­gen endlich mit dem Mittagessen nach dem Felde schicken tonnte. Die sonst so pünktlich und gewissenhaft er­ledigte Tagesordnung war heute ganz aus dem Giere gekommen. Gewiß würden die Leute schön gewartet haben. Vielleicht hatten sie ihrer Ungeduld auch Worte verliehen. Und das mochten nicht ganz feine gewesen sein.

Gesine dachte kaum an diese Möglichkeit. Sie war sroh, der wilden Hast der letzten zwei Stunden ent­hoben zu sein. Erhitzt und ermüdet hatte sie sich wie­der auf die nun ganz im Schatten stehende Bank im Vorgarten gesetzt und die Augen geschlossen . . .

Hinnerk war noch nicht wieder heimgekehrt. Das Kind schlief. Eine tote, bleierne Schwüle lastete auf der Erde, die den Atem anhielt und einem einzigen Laut entgegenwartete, der die beklemmende Stille un­terbrechen möchte. Selbst die unermüdlichen Musikan­ten des Feldes schwiegen und sammelten in mehrstündi­ger Pause Kräfte für das Abendkonzert. Nur hin und wieder unterbrach ein verträumtes Zirpen, das wie ein behutsames Geigenstimmen mar, die tote Stille. Gesines Sinne standen hart an der Grenze der Aufnahmefähig­keit. Eine starke Erschöpfung sah begehrlich nach dem Schlummer aus. Der kam gern. Mit sachten, sanften Händen hüllte er die ermattete, zerrissene Seele em. Aber ehe er noch am Ende war, scheuchte ihn ein sich

Katholizismus und Sozialismus.

Von I. G e m m e l S. I.

„Katholizismus und Sozialismus, die bei wei­tem stärksten Kräfte, die Macht über die deutschen Arbeitermassen haben, sind erschüttert." Diese Worte finden sich in einem Buche*), worin der Schriftleiter der „Rheinischen Zeitung" in Köln, Georg Beyer, auf eine gegenwärtige heftige Krise innerhalb der katholischen wie der sozialisti­schen Arbeiterschaft hinweist und die Lösung dieser Krise einzig in einer gegenseitigen Versöhnung, Ergänzung, Verschmelzung erkennt. Die Schrift, bezeichnenderweise in schwarz-rotem Umschlag ge­halten, ist unleugbar mit einer weitgehenden Sach­kenntnis geschrieben und wird in ihrer wirksamen Erfassung äußerst drängender Tagesfragen ihren Weg in die breiteste Oeffentlichkeit finden.

Was ist von der B.'scheu Schilderung der katho­lischen Krise und dem Vereinigungsvorschlag zu halten?

Zunächst sei bemerkt, daß trotz aller Krise beide, Sozialismus und Katholizismus, für B. die Trä­ger des Zukunftsschicksals sind; „Katholizismus wie Sozializimus (sind) dis lebendigsten und kräftigsten Widersacher jener müden und fahlen Kulturunter­gangslehren, dis unter der pessimistischen Prophetie des nahen Verfalls der europäischen Menschheit ihr Gesicht abwenden." Sie müßten nur, statt sich zu befehden, kraftvoll Zusammenstößen, um un- überwindlch zu sein gegenüber den Feinden der Gesellschaft.

So wundern wir uns nicht, daß er immer wie­der bewundernd insbesondere vor der gegenwärti­gen Lebensmacht des Katholizismus steht. Er staunt seine Universalität und seine auf seiner Jen­seitseinstellung beruhende „schillernde Anpassungs­fähigkeit" (42) und die politischen und wirtschaft­lichen Wandlungen an. Dem widerspricht freilich, wenn B. — was für ihn ein Grund der katholi­schen Krise ist — eine Gebundenheit der Hierarchie an das Mittelalter als „die absolute" katholische Weltsorm feststellen will. Hier mag ihn wieder neuestens Dr. Landmesser, der verdiente Leiter der verheißungsvollen Akademiker-Arbeiter-Tagung zu Duisburg am 11. März dieses Jahres belehren, der in seiner dortigen großen Rede u. a. ausführte: „Der katholische Gedanke identifiziert sich nicht mit einer bestimmten Wirtschaftsform oder Wirtschafts­ordnung, nicht mit der vergangenen mittelalter­lichen, noch mit der modernen, neuzeitlichen." B. mußte ja auch selbst Hinweisen auf die rührige, durchaus gegenwärtig eingestellte Tätigkeit der Hierarchie in Leo XIII., in Kardinal Schulte; er hätte später noch Hinblicken können auf die in schwierigster Lage unternommenen mehrfachen Schritte des Trierer Bischofs Franz Rudolf Borne­wasser in den gegenwärtigen Wirtschaftskümpfen an der Saar. Man muß übrigens anerkennen, daß B. durchaus nicht darauf ausgeht, Mißtrauen zu säen zwischen der katholischen Arbeiterschaft und der Hierarchie. Er berichtet ehrlich aus dem be­kannten Antwerpener Gutachten des verdienten ka­tholischen Volksführers Joos von 1926 auch dessen Feststellungen über die religiöse, kirchliche Zuver­lässigkeit auch der sonst, wirtschaftlich, erregten, un­zufriedenen katholischen Arbeiterschaft. Ja er geht soweit, daß er einige Aeußerungen eines gewissen „Jungkatholizismus", ebenso wie solche einer Art „jungsozialistischen" Bewegung, mit dem Prädikat „viel krause Romantik und wildströmende Jugend-

möchten wir Klaus Jörnsen einem Verhör unterziehen. Wo ist der Bruder Ihres Mannes?"

„Fort!" stieß Gesine dumpf hervor.

Strömer wechselte mit seinem Begleiter einen viel­sagenden Blick. „So, fort? Und wohin?"

„Das weiß ich nicht."

„Gewinnen meine Vermutungen nicht immer mehr an Wahrscheinlichkeit?" fragte tztrömer leise zu dem Kri­minalkommissar hin.

Der nickte. Und noch leiser, für Gesine nicht verständ- lich, gab er zurück: „Ich schlage vor, die Bremer Hafen­polizei baldmöglichst zu verständigen."

Amtsrichter Strömer nickte. „Gewiß".. Dann wandte er sich Gesine zu. „Wir möchten zunächst das Zimmer sehen, das von Ihrem Schwiegervater benutzt wurde. Dann rufen Sie Ihren Mann. Und Ihr Schwager ist wirklich nicht mehr im Haufe? Sie wissen auch nicht, wo er sich augenblicklich aufhält?"

Gesine preßte die Lippen aufeinander und schwieg. Weshalb fragte man sie zum zweiten Male? Galt denen vom Gericht ihr Wort nicht? Waren das merkwürdige Leute!

Der Amtsrichter wurde ungeduldig. „Wollen Sie mir nicht antworten, Frau? Ich dächte, ich hätte deut­lich genug gefragt."

„Und ich habe auf dieselben Fragen schon vorhin ganz deutlich geantwortet."

Oho! Renitent! Grob! Wahrscheinlich Mitwisserin!

Der Amtsrichter krauste die Stirn. „Diesen Ton ver­bitte ich mir!" sagte er streng. „In Ihrem eigensten Interesse rate ich zu größerem Entgegenkommen . . . Also führen Sie uns ins Haus und rufen Sie dann Ihren Mann."

„Das kann ich nicht," entgegnete Gesine, während sich die düstere Falte auf ihrer Stirn noch vertiefte.

„Er ist bereits feit einigen Stunden nicht hier."

„So, auch fort?" Der Amtsrichter strich im lieber« legen, das ihn anscheinend zu keiner Klarheit kommen ließ, seinen dunkelblonden Vollbart und sah fragend auf den Kriminalbeamten. Als er dessen verständnisinniges Nicken bemerkte, huschte ein leichtes Lächeln, von unum- tößlicher Gewißheit erzeugt, über fein Gesicht. -

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Hastigkeit" belegt. Immerhin glaubt er doch auch in weiteren katholischen Kreisen eine starke Revo­lutionierung, eine heftige Krise wahrzunehmen. „Heute sieht die Kirche eine Unruhe in den Rei­hen ihrer Anhänger, wie sie sie seit den Tagen der Reformation nicht mehr gekannt hat." Mit An­klängen „an den utopischen Sozialismus, der nach endlicher Verchriftlichung der Gesellschaft lief, mischt sich der leidenschaftliche Tatwillen revolutionärer Umgestaltung in der jungkatholischen Bewegung.. Man wünscht . . . eine neue Liturgie mit offener sozialer Zielsetzung, eine Verwandlung der reli­giösen Zeremonie, die das Gemeinschaftsgefühl der im Glauben aufs stärkste bedrängten Menschen neuzeitlich betonen soll. . ." Eine Beurteilung sol­cher innerkirchlicher Vorgänge ist für den Nicht- katholiken schwer. Wo Leben sich regt, muß nicht schon eine „Krise" fein. Die Kirche hat auch für die hetttigen Gemeinschaftskrankheiten ihre himm­lischen, gottgegefbenen Mittel bereit. Es ist frei­lich nicht zu leugnen, «daß die seit 1914 nie wei­chende Not auch in der katholischen Arbeiterschaft schwere seelische, religiöse, sittliche Schädigung zur Folge hatte. Wer beklagt nicht die Fahnenflüch­tigen? Welcher Priester leidet nicht mit der wirt­schaftlichen und seelischen Not seiner Arbeiter wie der Heiland: Mich erbarmet des Volkes? Aber die Mehrheit der katholischen Arbeiterschaft weiß, daß ihr Klerus, wie im Kulturkampf, so in jedem Kampf gegen offensichtliche Ungerechtigkeit ihr treu zur Seite steht; sie weiß, daß ihr Klerus nicht schuld ist an dem Krieg und an dem gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch, so-

। Aufwertungsdemagogen.

Durch die lange Dauer und die gewaltigen Po- , ften des Weltkrieges wurde fast ein jeder in Deutsch, land auch finanziell irgendwie betroffen. Die einer mußten mit einem geringeren Reallohn vorliebneh- men und die anderen sich in den Verlust ihrer müh­sam erarbeiteten Zehrpfennige schicken. Nur wenige Deutsche sind aus dem Kriege mit größerem Ver­mögen hervorgegangen und das waren meist nicht die Besten. Aber während der erwerbsfähige Teil unserer Bevölkerung die Folgen des Krieges über- ,winden und sich, wenn auch Langsam und schwer, ein zu bescheidenem Lebensgenuß hinreichendes Einkommen erwerben konnte, gerieten die Alten, die Schwachen, die Kranken, besonders diejenigen unter ihnen, die vor dem Kriege von den Zinsen ihres Vermögens recht und schlecht leben konnten, in immer tiefere Not u. in immer größere Verut- terung Seit Jahren ist die Nvt der Kleinrentner, der Werkspensionäre, der Jnflationsverkaufer und anderer Geschädigter zu einem dankbaren Objekt einer Agitation geworden, deren Väter nicht an das Wohl des Ganzen denken, nicht daran, daß sie für das, was sie jetzt sagen, vielleicht einmal gerade stehen müssen, sondern die nur ihr egoistisches Ta­gesbedürfnis im Auge haben. Kommt es dann anders, müssen sie verantwortlich regieren, dann enttäuschen sie Alle bitter, die auf die unwahrhaf­tige Agitation hereingefallen sind. Wir haben das ja mehrfach erlebt. Wer aber annimmt, bie Par­teien, die es angeht, zögen aus der praktischen Er­fahrung, die sie am eigenen Leibe gemacht haben, wenigstens die Lehre, eine derartige verlogene und letzten Endes für sie selber auch unglückliche Taktik künftig zu lassen, wird sich getauscht sehen „Grit kürzlich ist in der Spätausgabe des „Vorwärts ein Artikel erschienen, der über das "Notprogramm des jetzigen Kabinetts herfällt und dabei die Absicht verfolgt, „die enttäuschten Rentner nach links zu ziehen. Dieser Artikel ist ausgeprägteste Demagogie Es werden da Selbstmordnachrichten zitiert und Bittschriften abgedruckt und sonst alles Mögliche angewandt, um die Kleinrentner im so­zialdemokratischen Interesse zu beeinflussen. Der Hauptangriff geht gegen die Deutschnationalen, ge­gen ihre skrupellose Haltung in der Aufwertungs­frage. Das Ziel des Angriffs ist richtig, aber haben gerade die Sozialdemokraten das Recht, ihn zu fuh­ren. Haben Sie in der Aufwertungsfrage stets eine klare Haltung eingenommen?

Die Deutschnationalen haben in der Aufwer- tungsfrage versagt, das ist garnicht zu bestreiten. Es ist noch in aller Erinnerung, wie sie als Regie­rungspartei ihre eigenen Versprechen verleugneten. Solange sie außerhalb der Regierung waren, ha­ben sie dem Kleinrentner den Himmel auf Erden versprochen, und bei den Wahlen 1924 dem Auf- wertungsmann Best eine sichere Stelle emgeraumt, obgleich der landwirtschaftliche Flügel der Deutsch- nationalen, der stets ein Gegner der Aufwertung war, nicht ganz damit einverstanden war. Als dre Deutschnationalen aber 1925 in die Regierung em- traten, haben sie sofort den Herrn Best ausgeschifft und sich unter Führung des Finanzmimsters Schlicken als Gegner der Auswertung gebärdet. Kaum waren sie 1926 aus der Regierung heraus, da stellten sie prompt wieder aufwerkungsfreUNS- liche Agitationsanträge. Die Haltung der Deutsch- nationalen in der Aufwertungsfrage ist also nichts weniger als sachlich und tonfeguent. Ader die Hal- tung der Sozialdemokraten kann man beim besten Willen auch nur unsachlich und wechselvoll nennen. Im Jahre 1924 war ihr Aufwertungsinteresse noch sehr gemäßigt. Hilferding hatte sich als Minister sogar gegen jede Aufwertung ausgesprochen. Dre sozialdemokratische Haltung änderte sich sofort, als Luther sein erstes Kabinett gebildet hatte. Da ha-

* von einem Landjäger niebetgefdjoffen. Der Ober­landjäger Felgenträger aus Wust bei Magdeburg for­derte, wie der „Lvk.-Anz." meldet, ohne Grund die Ehe­frau des Landwirts Kerkau aus Wust auf, stehen zu bleiben und ihm zu folgen. Die Frau lief aber davon. Kurze Zeit darauf traf Felgenträger dann den Landwirt Kerkau selbst und geriet mit ihm in einen Wortwechsel, in dessen Verlauf er seinen Dienstreoolver zog und Ker­kau niederschoß. Felgenträger, der sofort seines Amtes enthoben wurde, soll angetrunken gewesen fein. Kerkau ist inzwischen seiner schweren Verletzung erlegen.

* IHit drei Kindern in den Tod gegangen. Eine Schneiderin wurde in W i e n mit ihren drei Kindern im Alter von sechs Monaten bis sieben Jahren in ihrer mit Leuchtgas angefüllten Wohnung leblos aufgefun­den. Es handelt sich zweifellos um eine Familien­tragödie. lieble Nachrede soll der Grund zu dieser Tat fein.

* Gefängnisstrafen für 24 russische Angestellte. In ------" -—- ------ .............- । einer in Taschkent abgehaltenen Sitzung verurteilte von August Rachmann und Franz Osterroih. der Oberste Gerichtshof nach einmonatiger Verhandlung -Berlin, Dietz Nächst 1927.________________________________| gegen 24 Angestellte der Verwaltung des Bewäfferungs-

Begebenheiten

Rattengift in -er Suppe.

Die 15jährige Franziska H a u s m a y r, die kürzlich als Küchenmädchen bei dem Großgrundbesitzer Derflinger in Garsten bei Augsburg in Dienst getreten war, geriet über eine Zurechtweisung so in Wut, daß sie aus Rache der Mittagssuppe Rattengift beimischte. Fünf Er­wachsene liegen dadurch nun schwer krank dar­nieder.

* Abreise eines deutschen Beamten aus Moskau nach Rostow. Die „Voss. Ztg." und das „B. T." melden aus Moskau, daß der deutsche Botschafter den Legations­sekretär Dr. S chl i e p beauftragt habe, sich unverzüglich nach Rostow zu begeben, um bei den dortigen zustän­digen Behörden die Genehmigung durchzufetzen, mit den Gefangenen persönlich in Verbindung treten und ihre Gesundheit und Unterbringung feststellen zu dürfen. Die Verhandlungen des Botschafters mit Tschitscherin werde durch die Abreise Dr. Schlieps nicht unterbrochen. Die für die Besuchsgenehmigung formal zuständige Persön­lichkeit ist der Untersuchungsrichter in Rostow, Rosen­feld.

Bewässerungsarbeiten angeklagt waren, den ehemaligen Chef der Verwaltung, Rykunoff, zu sechs Jahren Ge­fängnis. Die übrigen Angeklagten wurden zu Freiheits­strafen von einem bis fünf Jahren verurteilt.

* Schlechtes Wetter hindert die deutschen Ozean- ffieget am Weiterflug. Nach den in Berlin am Donnerstag mittag eingegangenen Meldungen aus London mußten die deutschen Ozeanflieger in B a l d o n n e l auch Donnerstag früh von ihrer Absicht, zum Ozeanflug zu starten, wegen des schlechten Wetters Abstand nehmen. Das Flugzeug war bereits auf die Startbahn des Militärflug­hafens geschafft worden und für den auf 5.30 Uhr festgesetzten Start vollkommen fertiggemacht wor­den. Die ungünstigen Wettermeldungen veran­laßten jedoch die Flieger, den Aufstieg abermals zu verschieben, doch bleibt, wie eine mit den Ver­anstaltern des Fluges in Verbindung stehende Korrespondenz meldet, die Maschine auf der Start­bahn, da sofort nach Eintritt besseren Wetters der Start erfolgen soll.

* Durch den Film zum Word angesliftet. Das Potsdamer Schwurgericht verurteilte dis Frau Frieda Schmidt aus Luckenwalde wegen Mordes an ihrem Gatten zum Tode. Frau Schmidt, die in unglücklicher Ehe lebte, hatte ihren Mann dadurch ermordet, daß sie einen Gashahn im Schlafzimmer öffnete und nachher einen Selbst­mord des Mannes vortäuschte. Vor Gericht gab sie an, daß siezuderTatdurchzweiFilme „Verlorene Ehe" und „Opfer des Alkoholismus" a n g e st i f t e t worden fei. Das Gericht stellte der Verurteilten in Aussicht, ein Gnadengesuch für sie einzureichen.

Ein wildes, verzweifeltes Ausstöhnen rang sich von feinen Lippen. Etwas ganz Trauriges, Todtrauriges und ein feuchter Schimmer tarnen in feine treuherzigen Augen. Langsam wandte er sich ab. Daß er nach hen Arbeiten im Felde sehen müsse,. sagte er noch, feiner Stimme Gewalt antuend. Und dann ging er über den Hof, durch den Grasgarten Und kam endlich aus das Feld. Er ging ganz langsam und gebückt und mit traurigen Augen. Und mit einem wehen Zittern in feiner Seele.