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FuldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

7lr. 70.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Jreifog, 23. März 1928.

'i nzeigen-Preise: Kleinzeile <Colonel> lokal 0,15 JUl auswärts 0,20 JUt. Reklamezeile: lokal 0,60 JUl auswärts 0,80 5UL. Bei Wiederbolunqen Rabatt.

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5S.Zahrg.

> sie Lage iier Arbeiter in der MeWon.

wtb. Paris, 22. 3. (Gig. Fun km.) „Motin" veröffentlicht Erklärungen eines französischen Ar­beiters, der als Elektromonteur bis vor kurzem in der Sowjet-Union gearbeitet hat, die rusiifche Sprache beherrscht und bereits von 1907 bis 1918 dort tätig war. Er erklärte, daß er im täglichen Verkehr mit den rusiifchen Arbeitern den Eindruck gewonnen habe, daß niemand zufrieden sei und alle irgend ein anderes Regime wünschen, nur nicht den Zarismus. Das neue Regime habe den Arbeitern lediglich einen VorteU gebracht, nämlich einen vierwöchigen Urlaub ohne Lohnabzug. Ge­genwärtig mußten sich drei Arbeiterfamilien mit zusammen einem Zimmer begnügen. Jede Fabrik habe einen politischen Direktor, der nichts anderes tue als spioniere und die Arbeiter drangsaliere.

BestocheneSowjet-Beamten.

wtb. Moskau, 22 März. (Eig. Funkm.) Dor hem obersten Gerichtshof begann gestern ein Pro­zeß gegen zwei Moskauer Privatgesellschaften auf Gegenseitigkeit, die angeklagt sind, sich auf unge- setzlichem Wege zu spekulativen Zwecken Staats- k r e d i t e verschafft zu haben. Unter den 42 An- g cklagten befinden sich der Vorsitzende und Mit­glieder der Verwaltung dieser Gesellschaften sowie eine Reihe von Angestellten des Finanzkommissa- riats und der Staatsbank, die gegen Destechungs- gelder der Gewährung von Krediten Vorschub lei­steten. Der Liquidationsausschuß beider Gesell­schaften erhob Zivilklage. Die Summe des Streit­gegenstandes beträgt über 6 Millionen Ru- bel.

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Zu d>er Beratung der Donez-Angelegen- h e i t im Auswärtigen Ausschuß bemerkt die „Voss. Ztg.": Man kann annehmen, daß die Tendenz der Reichspolitik weiter dahin geht, das Schicksal der Verhafteten zu verbessern, gleichzeitig aber eine Verschärfung des Konfliktes zu vermeiden, wenn nicht die Sowjetregierung durch ihr Verhalten die deutschen Bemühungen hinfällig macht.

Zur Beurteilung der Vorgänge im Donez-Ge- biet ist beachtenswert, was über den unmittel­baren Anlaß zur Verhaftung der deutschen Ingenieure verlautet. Danach soll eine nicht zu­stande gekommene Dampfprobe bei einer vor kurzem angekauften Turbine diesen Anlaß gebildet haben. Die deutschen Ingenieure haben es angeb­lich abgelehnt, diese in völlig unbenutzbarem Zu­stande Vorgefundene Turbine einer Dampfprobe zu unterziehen, was ihnen als „Slckotageakt" ausge­legt wurde. v

vor Litwinows Antwort.

Im vorbereitenden Abrüstungsausschuß haben nun auch die Vertreter der kleineren Länder zu dem russischen Abrüstungsvorschlag Stellung ge­nommen, worauf der Berichterstatter Politis die kritischen Bemerkungen zusammensaßte.

Er sprach sich ebenfalls dagegen aus, die bis­herige Arbeitsbasis des vorbereitenden Abrüstungs­ausschusses aufzu geben, betonte aber die Möglich­keit, aufgrund des russischen Abrüstungsentwurfes bei der zweiten Lesung des kombinierten fran­zösisch-englischen Entwurfes Zusatzanträge emzu- bringen. Ferner gab Politis dem Wunsche nach weiterer Mitarbeit der russischen Delegation leb- haften Ausdruck. Diese Mitarbest könne am besten

durch den Beitritt Sowjetrußlands zum Völ­kerbund verwirklicht werden. Insbesondere sei zu empfehlen, daß Rußland mit seinen sämtlichen Nachbarstaaten Nichtangriffspakte abschließe, da es auf diese Weise praktische Garantien zur Erhöhung her Sicherheit geben würde. Die nächste Sitzung, die eine ausführliche Entgegnung Litwi­nows bringen wird, ist auf Donnerstag nachmittag angesetzt worden.

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Schon kurz nach Bekaimtwerden, daß die tür­kische Delegation bei den Vorarbeiten für die Abrüstungskonferenz unter Führung des türki­schen Außenministers steht, war die Vermutung laut geworden, daß Tewfik Ruschdy Bei während seines Genfer Aufenthaltes wegen der Aufnahme der Türkei in den Völkerbund Sondie­rungen einleiten werde. Bestimmt auftretende Gerüchte wollen, wie der Sonderberichterstatter des VD Z-Büros meldet, nunmehr davon wissen, daß von der türkischen Delegation bereits Sondierungen vorgenommen worden sind, die anscheinend weniger die Aufnahmeformalitäten als vor allem die Frage der Wahl der Türkei in den Völkerbunds­rat betreffen . Als Vertreter der islamitischen Welt, die bekanntlich bisher trotz des fährllch von Per­sien erhobenen Anspruches im Rat noch nie ver­treten war, hat die Türkei, wie verlautet, in dieser Hinsicht einige Aussichten, über deren Anerkennung hinaus aber wahrscheinlich mit Rücksicht aus die Souveränität der Völkerbundsversammliung bei der jährlichen Wahl der drei Ersatzmitglleder m den Rat keine Zusicherung gegeben werden könne.

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Im vorbereitenden Abrüstungsausschuß gab der italienische Delegierte unter Bezugnahme auf eine Erklärung Litwinows, der am Montag bean­standet hatte, daß das Protokoll über das Ver- bot des Giftgas- und bakteriologi­schen Krieges bis jetzt nur von Frankreich, Sowjetrußland und Denezuala ratifiziert worden ist, bekannt, daß nunmehr auch Italien die Ra- tifikatton dieses Protokolls vom 17. Juni 1925 vorgenommen hat.____________

♦ Empfangsabend des Berliner Verbandes der Auswärtigen Presse. Der Berllner Petband her Auswärtigen Presse, der die m Berlin vertretenen Zeitungen im Reich umfaßt, veranstaltete in den Festtäumen des Schöneberger Rathauses einen Empfangsabend, zu dem etwa 400 Gäste erschienen waren. U. a. waren anwesend die Reichsminister Sttesemann, Brauns, Cuttius, Schiele, v. Keudell, Koch, Grüner, Köhler, von der preußischen Regie­rung die Minister Grzesinski, Decker, Höpker- Aschofs, Schreiber, Steiger, Schmidt, Hirtsiefer, das Präsidium des Reichstags und des Landtags, das diplomatische Korps, an der Spitze der Nuntius Pacelli, Reichsbankpräsident Dr. Schacht, die Spitzen der Reichs-, Staats- und städttschen Be­hörden, Vertteter deS Reichsrats, namhafte Ver­treter von Industrie und Wirtschaft, führende Mit­glieder des Reichstags und des Landtags, die Chefredakteure der Berliner Presse und zahlreiche Verleger aus dem ganzen Reich. Im Namen der Gastgeber begrüßten Chefredakteur Fritz Stein und der Verleger Konsul Dr. Klippgen die Gäste. Reichsminister Dr. Sttesemann hielt eine längere Rede, in der er einen vernünftigen Ton im kom­menden Wahllampf empfahl.

Die Parteien in England.

' Von Dr. S). Laske-London.

Disraeli sagte einmal, jede Minderheit hübe nur den Zweck, zur Mehrheit zu werden. Daraus läßt sich der Satz ableiten, daß jede zur Macht gekommene Mehrheit sich die schlagkräftigsten Pro­grammsätze, die der Gegner mit größtem Nach- druck in die Menge schreit, zu eigen machen sollte. Es ist das die Fädigkeit, sich anzupassen, sich stän­dig innerlich zu erneuern und zu anderen Formen der praktischen Polittk zu gelangen. Das poli­tische Leben Englands weist zahlreiche Beispiele dafür auf. Eine Regierung, die heute noch einen Reformplan energisch bekämpft, tritt wenige Jahre später mit Nachdruck für ihn ein und führt ihn durch. Die englischen Parteien, vielleicht mit Aus­nahme der Arbeiterpartei, hängen nicht am Dogma; sie sind stets bereit, sich neuen Erforder­nissen anzuvassen und in gewissen Fällen auch gegen die eigenen Grundsätze zu verstoßen. Dor allem liefert das 19. Jahrhundert hierfür eine Fülle von Beispielen. Die Liberalen haben bei mehr als einer Gelegenheit sich rückschrittlicher ge­zeigt als die reaktionärsten Konservativen. So fortschrittlich und reformationsfreudig der Libera­lismus auch in der Politik ist, so abgeneigt zeigt er sich häufig auf sozialem Gebiet. Andererseits sind die Konservativen, mögen sie auf rein poli­tischem Gebiet noch so sehr am Alten hängen, in wirtschaftlichen und sozialen Fragen oft großzügig und freidenkend.

Folgt nun die moderne konservative Partei ihrer lleberlieferuqg, stets bereit, sich den Forderungen des Tages entsprechend zu ent­wickeln? Man darf daran zweifeln. Zunächst sind die Konservativen heute entschiedene Schutz­zöllner. Wenn sie zu den Zeiten Peels und Dis- raelis die wirtschaftliche Größe auf dem Wege des Freihandels suchten, so vertreten dagegen die Par­teigenossen Baldwins und Churchills die Meinung, daß der Kampf um den Güteraustausch der Welt nur mittels hoher Zollschranken gewonnen werden kann. Eine Zeit des entschiedenen Protektionismus ist für England angebrochen; jedes Jahr wächst die Zahl der Waren, die mit Zöllen belastet wer­

den. Rur davon, wie lange die Partei am Ruder bleibt, dürfte es abhängen, ob Großbritannien wieder ein Land des Hochschutzzolles wird.

Den gleichen Rückschritt sehen wir in der So­zialpolitik. Die frühere Duldsamkeit und das Ent­gegenkommen gegenüber den Forderungen der ar­beitenden Klassen verwandelt sich immer mehr in einen heftigen Widerstand gegen soziale Verbes­serungen Die Folge ist u. a. ein entschiedener Wechsel in der Einstellung des Staates gegenüber der Streitfrage und den Gewerkschaften. Man kommt auf diese Weise wieder zu Zuständen, wie sie vor etwa einem Jahrhundert herrschten, durch die freihändlerische Strömung aber längst beseitigt waren. Das Streikrecht besteht zwar noch, ist je­doch durch zahlreiche Bestimmungen vielfach un­wirksam geworden.

Auf polittschem Gebiet finden wtt den deut- lichsten und hervorstechendsten Zug für den im englischen Konservativismus herrschenden Geist in der Stellungnahme gegenüber der Reform des Oberhauses. In der internationalen Politik wird alles rücksichtslos bekämpft, was auch nur im ge­ringsten dem überlieferten britischen Grundsatz widerspricht, unter allen Umständen Verträge zu vermeiden, die zu Verwicklungen auf dem Fest­lande führen könnten. Daher die Ablehnung des Genfer Protokolls, der Widerstand gegen das obli- notorische Schiedsgericht im Haag und gegen eine Verminderung der Flottenrüstungen. Das Kabinett Baldwin setzt die Politik der „splendit isolation" unbeirrt fort. —

Wie steht es nun mit den Liberalen? Ist es Tatsache, daß die Partei, der ein Palmerston und ein Gladstone angehörten, sich in voller Auf. lösuna befindet, wie vielfach behauptet wird? Es läßt sich nicht leugnen, daß viele Anreichen dafür svrechen. Das unlängst erfolgte Ableben ihres Führers Lord Oxford (Asquith) dürfte von der Partei nicht leicht verwunden werden, wenn auch die Ergebnisse verschiedener Nachwahlen bei letz­ten Monate Stimmengewinne gegenüber dem Tiefstand der letzten Parlamentswahlen aufwei­sen.

Der Zerfall der Partei hat verschiedene Ur- fachen. Vor allem hat sie die Fähigkeit der inne­

ren Erneuerung und Umstellung verloren. Sie hat es verlernt, sich der Wirklichkeit anzupassen, und ist innerlich gewissermaßen versteinert. Die Li­beralen haben das Aufkommen einer zweiten Linkspartei, der ßabour Party, zu spät und nur zögernd bekämpft? Vor allem begingen sie den Fehler, der Arbeiterpartei die bisher von ihnen innegehabte Rclle der Opposition zu überlassen. Sv hat die liberale Partei von Wahl zu Wahl an Stärke verloren. Dazu tarnen Spaltungen inner­halb ihrer Reihen; der Ehrgeiz ihrer Führer, die keinen anderen neben sich dulden rooflten, schadete ihr sehr. Auch die Angelegenheit mit dem Lloyd Georgeschen Wahlfonds dürfte nicht zur Erhöhung ihres Ansehens beigetragen haben. So bilden die Liberalen heute nur eine verschwindende Minder­heit im Parlament.

Gegenüber den Schwankungen und der Unsicher­heit dieser Partei weiß die dritte Partei im Un­terhause, die L o b o u r Party, gleich den Kon­servativen genau, was sie will. Eine derartige Zielbewußtheit und Entschlossenheit übt stets eine große Wirkung aus, sowohl auf die eigenen An­hänger wie auf die Gegner und auf unbeteiligte Dritte. Die Arbeiterpartei hat ein Mindestpro­gramm und daneben ein zweites, das weitergehend ist. Dieses fetzt sich nichts Geringeres als die Um-

wandelung der heutigen Gesellschaftsordnung zum Ziel. Die ßabour Party macht aus ihren Ab­sichten kein Hehl, was diesen an sich schon nur förderlich fein kann Das Einzige, was man ihr vorwerfen könnte, ist ihre Einseitigkeit. Für sie aibt es nur die Welt der Handarbeiter und klei­nen Angestellten. Obwohl auch Angehörige bür­gerlicher Schichten sich zahlreich zu ihr bekennen, besteht für die offizielle Partei die leidende Mensch­heit, die es zu erlösen gilt, nur aus den Arbeitern in den Gruben und den Massen der Industriestädte. Daß es neben der Bedeutung der Handarbeit auch noch geistige und Werte anderer Art gibt, wird gewöhnlich vergeßen.

ttranke Politiker.

Der Führer der Zenttunrsftattion des Reichs­tages, von Guörard, der vor einiger Zeit an Grippe erkrankt ist, mußte in das Berliner Hed­wig s krau kenh au s übergeführt werden. Dem Börsenkurier zufolge ist Lungenentzündung hinzugetreten.

Wie die „Voss. Ztg." meldet, ist der preußische Ministerpräsident D r. B r a u n an einer Gürtelrose erkrankt.

Nur nicht das gleiche Fähnlein!

Man weiß: Nichts kann zwei Nachbarinnen mehr erzürnen, als wenn sie plötzlich sehen, daß sie genau dasselbe Kleid oder denselben Hut tragen. Dann gibt es Zornausbrüche und geifernde Bosheiten. Sticheleien und einen ge­meinsamen Boykott der Näherinnen oder der Hut­macherinnen, die solches Verbrechen fahrlässig ver­schuldet haben! Mit den politischen Parteien ist es ähnlich, besonders in den Wahlzeiten. Auch dann legt jede Wert darauf, möglichst ihre Eigen­heit ins rechte Licht zu rücken und gar zu ver- hüten, daß der Wähler etwa auf den Gedanken komme, daß die eine Partei das Gleiche gewollt habe wie die andere. Und wenn es sich schon nicht bestreiten läßt, daß man dasselbe Gesetz oder in der Koalition die gleiche Außenpolitik gemacht habe, dann wird man immer noch geflissentlich dar- auf verweisen daß man aber ganz eigene Al finde- rungsant-äge gestellt, zum mindesten, daß man es ganz anders gemeint habe, als die Nachbarpartei.

Als in den Nachkriegsjahren die Kabinette Mül­ler - Franken, Wirth und Fehrenbach eine Ver­ständigungspolitik mit der Entente ver­suchten, da war das „Politik der Nachgebigkeit", der „Nervenschwäche" und der „Rückgratverkrüm­mung", als aber später unter Stresemann dasselbe geschah, ja, als Sttesemann, was die voraufgegangenen Kabinette niemals hätten wagen können, den Locamoverttag machte und damit freiwillig die Unterschrift unter den wichtigsten Teil des Versailler Vertrags wiederholte, da hieß das, in der Terminologie der Presse der Deutschen Volkspartei: Nationale Realpolitik. Ob­wohl das Entgegenkommen der so etikettierten Der- ständigungspolitik wesentlich weiterging als alle Berständigungsbemühungen der voraufgegangenen Kabinette, blieb das Schlagwort doch haften. Es spreitzte sich patriotisch vor dem anrüchigen Wort: „Erfüllunqspolitik" — auf. Bei den Wahlkämpfen in dem Jahre 1924 hat das Schlagwort feine Ar­beit verrichten müssen, eine Arbeit, die allerdings nicht frei war von luftigen Nebenerscheinungen. Die Zentrumsvartef agitierte damals mit einem Wahlplakat „Freiheit durch Leistung". Ein Plakat, das den Zorn des damals noch existierenden Blattes Dr. Stresemanns „Die Zeit" erregte. Sie schrieb, das Zentrum begehe geistigen Diebstahl, es schmücke sich mit einer Wahlparole, die von Strese­mann geprägt fei. Es war damals ein Leichtes, der „Zeit" nachzuweifen, daß das genannte Schlag- wort mindestens drei bis viermal in den Reden Dr. Wirths vorkommt. Die „Zeit" hat in dieser Aussprache erklärlicherweise nicht das letzte Wort behalten, aber sie hat höchstwahrscheinlich, als Dr. Wirth das Wort prägte, sich etwas ganz schlimmes darunter vorqestellt, während dasselbe Wort, da sie es selbst gebrauchte, die Fülle höchsten staats­männischen Geistes und unvergleichlichen Patrio- ttsmus in sich barg.

So sind nun einmal die deutschen Parteien. Wenn die Konkurrenz dasselbe tut, ist es bekannt- lich niemals dasselbe. Denn bet parteipolitische Gegner ist auf alle Fälle minderwertiger, er hat niemals dasselbe Maß von Vaterlandsliebe, und wenn infolgedessen der linksstehende Republikaner Verständigungspolitik macht, dann tut er es aus Feigheit, während der Rechtspolitiker dieselbe Ver­ständigungspolitik natürlich aus überlegender pa­triotischer Staatsweisheit heraus erledigt.

Man muß solche Erinnerungen zuweilen auf» frischen, weil sie einmal im Wahlkampf sehr wich- tig sind und weil solche Selbsterkenntnis natürlich auch allgemeinhin ihr politisch Gutes hat. Es liegt aber auch ein besonderer Anlaß vor, an diese Vor­gänge in der Vergangenheit zu erinnern, denn sie wiederholen sich in diesen Tagen. Bekanntlich hat Dr. Groener bei der Beratung des Reichswehr­etats sich als einen Pazifisten bekannt. Im Munde eines deutschen Generals ein sehr mutiges Wort, das ihm natürlich von der nationalistischen Bresse übel genommen wird. Die demokratische Presse, auch die des Zentrums, hat jenes Bekennt­nis begrüßt. Was soll da nun die Presse der Deut­schen Volkspartei wachen? Nun, was anderes, als die Feststellung, daß Dr. Groener es anders gemeint habe, als es die demokratische Presse barlege. Daß er es so gemeint habe, wie etwa die Deutsche Volkspartei, wenn sie „Erfüllungsvolitik"

in „Nationale Realpolitik" umtauft. Es schreibt nämlich die „Tägliche Rundschau" in ihrer letzten Sonntagsrundschau:

„Wenn die demokratische Presse Groener wegen fei­nes Bekenntnisses als einen der ihrigen proklamieren will, so tut fie Ihr sicher unrecht, denn mit jener Sorte Pazifismus die gleichbedeutend ist mit 3nternaHonatis- mus. Liebedienerei vor dem Ausland und Gleichgültig­keit gegen das eigene Land, hat der alte Soldat Groener gewißlich nichts zu tun. Diese Sötte Pazifisten möchte überhaupt die ganze Reichswehr wegwischen und unsere Wehttosigkeit so sehr steigern, daß wir zum völlig wil­lenlosen Objekt der fremden Mächte würden. Mit ihm wird jeder Wehrminister immer wieder zusammen- stoßen muffen, da er sich von ihr wie Feuer vom Wasser unterscheidet. Der Pazifismus des Wehrminilters ist die Gesinnung, zu der sich heute die große Mehr­heit des deutschen Volkes bekennt, das aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt hat und feine Lage nüchtern zu beurteilen weiß. Der Pazifismus, bei von der demokratischen Presse protegiert wird, aber ist jene Gesinnungsperversität, die den nationalen Grund- bau des Staates verneint, kein Vaterland kennt, b<u Deutschland heißt, jeden Landesverrat als zulässig unl verdienstlich ansieht, da er ein Land und eine Regierun, betrifft, ,chie wir nicht billigen", und im übrigen bett Auslande Handlangerdienste gegen das unsäglich br drückte und schwerleidende eigene Volk leistet."

Es ist immer wieder dieselbe Parteimethode: den Gegner zu verleumden, nämlich in diesem Falle die Motive, um daran seine eigene Beson­derheit, wenn sie auch mit dem Gegner dieselben politischen Ziele verfolgt, als tugendhaft erscheinen zu lasten. Es fft in den letzten Jahren geschehen, daß ungefähr vkerfiinftel des Reichstages dem Programm außenpolitischer Derstän- bigung zustimmen. Innenpolitisch gesehen, ist diese Gemeinsamkeit der Auffassung aber offen- kundig noch eine Illusion. Die eine Partei erträgt es nicht, in den Verdacht zu kommen, das- selbe zu meinen wie die Nachbarpartei. Es wird gehetzt, lediglich um der Verhetzung willen. Jede will ihr eigenes Fähnlein haben.

Um den Wahltermin.

Wie im Reichstage verlautet, haben die Führer der ehemaligen Regierungsparteien und der Op­position eine Besprechung abgehalten, in der dis Schwierigkeiten besprochen wurden, die der par­lamentarischen Durchführung des Notprogramms noch im Wege standen. In diesem Besprechung, in der von allen Seiten der Wille zur sachlichen Arbeit gezeigt wurde, wurde eine Einigung über alle Fragen erzielt, so daß nach der Auffassung maßgebender Pattamen- tarier die ruhige Abwicklung der noch ausstehen­den Aufgaben gesichert ist. Namentlich in der Frage der Beamtenein st usung wurde eine Vereinbarung dahin getroffen, daß die Parteien ihre Wünsche zurückstellen, so daß die in dem Be­soldungsgesetz und seinen Anmerkungen vorgese­henen Verbesterungen durchgeführt werden, daß die Erledigung der Entschließungen des Reichsta­ges aber einem späteren Zeitpunkt Vorbehalten bleibt.

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Aks Wahltermin wird der 13. Mai und der 20. Mai genannt. Einflußreiche Kreise treten sogar für den 6. Mai ein, um den Wahlkampf ab­zukürzen.

Dr. Wirth und das Vadische Zentrum.

Der Landesausschuß des badischen Zentrums hat die Auffiellung der Kandidaten zur Reichs­tagswahl für den badischen Wahlkreis oorgenom- men. Die Liste enthält 17 Namen. An erster Stelle steht Reichsfinanzminister Dr. Köhler, bann folgen Reichstagsabg. Diez-Radolfzell. Reicks, tagsabg. Ersing-Karlsruhe, ßanbtagsabq. Dr. Föhr-Freiburg, Reichstagsabg. Damm - Wagen­schwend (Amt Mosbach), Reichstagsabg. Sonner- Karlsruhe, Reichstagsabg. Frau Clara Philipp- Karlsruhe, Landtagsabg. Bürgermeister Büchner- Mannheim, Landtagsabg. Duffner-Furtwangen.

In dem offiziellen Parteibericht heißt es dann wie folgt: Eine KandidaturdesHermDr. Wirth ist in der Vergangenheit innerhalb und außerhalb des Zentrums lebhaft erörtert worden. Die Gründe, warum eine Kandidatur Dr. Wirths lebhaft umstritten war, sind nicht nur in der Zen- trumspreste, sondern auch außerhalb derselben