Einzelbild herunterladen
 

Fulda, den 16. März 1928.

Landeseisenbahnrat.

Der Landeseisenbahnrat für die drei Direktions- Bezirke Frankfurt, Mainz und Kassel war zu seiner Frühjahrstagung nach Frankfurt am Main einberufen worden.

Der Vorsitzende, Reichsbahndirektionspräsident Dr. Roser, eröffnete die Sitzung, begrüßte die An- wesenden, unter denen sich auch Oberbürgermeister Dr. Antoni-Fulda befand, stellte die Beschlußfähig­keit fest und führte dann einführend aus, daß es in Zukunft möglich sei, im Landeseisenbahnrat über dm Rahmen seiner satzungsmäßigen Zustän­digkeit hinaus auch Eisenbahnverkehrs­fragen allgemeiner und grundsätzlicher Art im Wege der Anfrage zur Erörterung zu bringm. Der Antrag, auf der Lahnstrecke die Personenzügewäb- rend ihrer Fahrt durch die zahlreich und rasch aufeinander folgenden Tunnels mit Rücksicht aus die Sicherheit der Reismden wieder zu beleuchten, soll einer Prüfung unterzogen werdm.

Zu zahlreichen Fahrplanwünschen be­merkte der Vorsitzende allgemein, daß es der Reichsbahn selbst lieber wäre, wmn sie weniger zu rechnm brauche und in größerem Maßstab den Wünschen mtsprechen könne. Es dürfe nicht über- sehm werden, daß die Reichsbahn im Jahr« 1928 gegenüber 1927 330 Mill. Mk. Mehrausgaben habe und mit ihrer weiterm Steigerung um 250 Mill. Mk. zu rechnm fei, wenn dem Anträge der Gewerk­schaften auf Lohnerhöhung entsprochen werdm sollte. Die Absicht der Reichsbahn, Anleihemittel für 1928 in Höhe von 400 Millionen Mark zu bekommen, ließ sich nicht voll verwirklichen. Es stehen chr bestenfalls 200 Millionen Mk. zur Verfügung. Aus liefen Gründen sei ein Notprogramm der Haus­haltsführung notwendig geworden, das zu größter Sparsamkeit zwinge. Der Wunsch vieler Jnter- essmten, verkehrsschwache Verbindungen mit Trieb­wagen bedient zu wissen, veranlaßte dm Vor- sitzendm zu kurzm Ausführungen über die Bedeu­tung der auch im Bezirk der Reichsbahndirektion Frankfurt auf der Strecke Offenbach-Oberroden- Dietzenbach unternommenen Versuche mit Diesel­triebwagen, die modemster technischer Konstruktion find, aber mit Rücksicht auf die Neuheit des Ver­kehrsmittels noch verschieden« Mängel besitzen. Zur Zeit seieinneuerTypim Bau, der schwerer und zweimotorig sei und dm technischen Vorteil gekürzter Anfahrtszeit gewährleiste. Die Anfrage 'des Landeshauptmanns von Wiesbaden über Elek­trifizierung der Strecken im Untermaingebiet und nach den Taunusortm veranlaßte die Reichsbahn zu der Antwort, daß Rmtabilitätsrücksichten zwän­gen, das Programm der Elektrifizierung sehr vorsichtig aufzustellm. Es fei durchaus noch nicht sicher, ob es nicht gelingt, eine Maschine zu konstruieren, die, mit einem Produtt der Kohle gespeist, gleiche Schnelligkeit, gleiche Sauberkeit und gleiche Sicherheit, aber wirtschaftlichere Zugbeför­derung als der elekttische Betrieb garantiere. Auf die von Kommerzienrat Offenheimer eingehend be­gründete Anfrage über ein Projekt einer Taunus­querbahn oder Taunuslängsbahn konnte eine hoff­nungserweckende Antwort nicht gegebm werden. Tie Herbsttagung findet am 26. September gleich­falls in Frankfurt am Main statt.

iO Jahre im Schuldienst.

Auf eine 40jährige Tätigkeit im Schuldienst der Stadt Fulda kann Herr Lehrer Sch l e i ch e r t an der dompfarrlichen Schule zurückblicken. Der Magistrat der Stadt Fulda beschloß, ihm aus die­sem Anlaß Dank unb Anerkennung für die ge­leisteten Dienste zum Ausdruck zu bringen.

Verbot gewöhnlicher Vollgummireifen für Kraft­fahrzeuge.

Die vom Reichsverkehrsministerium auf der Braunschweigischen Versuchsstraße angestellten Ver­suche ergaben, daß durch die gewöhnlichen Voll­gummireifen eine besonders starke Wegabnutzung hervorgerufen wird. Der Reichsverkehrsminister be­absichtigt daher, in den nächsten Tagen durch eine Verordnung die gewöhnlichen Vollgummireifen, von unbedeutenden Ausnahmen abgesehen, zu ver­bieten. Das Verbot soll für die am 1. April zuzulassenden Kraftfahrzeugen sofort, für früher zu­gelassene Kraftfahrzeuge zwecks Ermöglichung des allmählichen Reifenaufbrauchs ab 1. Juli 1929 und für Anhängerwagen ab 1. Januar 1930 wirksam werden. Grundsätzlich hat anstelle der Vollgummi­

bereifung Luftbereifung zu treten. Rur für zweiachsige Lastfahrzeuge über 3 Tonnen sollen neben Luftreifen auch hochelastische Vollgummirei­fen (sogenannte Kissenreifen) zugelassen sein. Eine Ausnahme von dem Verbot der gewöhnlichen Voll­gummireifen bilden lediglich gewisse in landwirt­schaftlichen oder forstwirtschaftlichen Betrieben ver­wandte Zugmaschinen von geringer Höchstgeschwin­digkeit und leichterem Gewicht, die, ebenso wie ihre Anhängewagen, noch gewöhnliche Vollgummireifen oder sogar Eisenreifen führen können. Es steht zu hoffen, daß durch die in Aussicht genommene Neu­regelung die Inanspruchnahme der Straßen durch schwere Kraftfahrzeuge wesentlich gemindert wird.

Roch etwas von der Schloßuhr.

Das Ziffernblatt auf dem ersten Schloßhofe ist durch ein neues in einem Eisenrahmen verspanntes aus Kupfer ersetzt worden. Von dem alten Blatt sind Zahlen und Ornamente abgenommen worden, neu vergoldet und auf das neue Blatt nebst Zeiger und neuen Zeigerwerken befestigt worden. Auf dem Blatt selbst befindet sich links das Bibrawappen und rechts das Stadtwappen mit Kreuz und Lilien. Auf dem zweiten Schloßhofe ist ebenfalls ein neues Blatt in einfacher Ausführung ersetzt worden, was von den Büros und der Realschule sicher sehr be­grüßt wird. Die eigentliche Uhr ist sehr alt, ganz aus Eisen. Sie hat vielleicht ein Alter von über 300 Jahren und wurde zur damaligen Zeit von den Schlossern mit der Hand angefertigt. Jrn Laufe der Zeit sind auch Verbesserungen daran vor­genommen worden, aber zu ganz zuverlässigem Gang wird sie nicht zu bringen sein, sie muß noch täglich mit der Hand aufgezogen werden. Die Zif­ferblätter passen sich gut dem Barockbaustil des Schlosses an. Der Auftrag der Erneuerung war dem Uhrmachermeister I. Rübsam, Fulda über­tragen worden.

Geldpreise für nützliche Erfindungen.

Als Belohnung für nützliche Erfindungen und Verbesserungen auf dem Gebiete des E i - senbahnwesens sind im Jahre 1927 an Be­amte und Arbeiter der deutschen Reichsbahn-Ge­sellschaft 83150 Mark gezahlt worden,

Fuldaer Münzen.

Bei Karl Friedrich Gebert in Nürnberg findet am 11. und 12. April ds. Js. die 108. Münzen­versteigerung unter dem Titel „Albrecht Dürer- Jabr-Auktion" statt. Es kommen auch unter den zahlreichen seltenen Münzen zwei Fuldaer Stücke zur Bersteigerung und zwar die „1000 Jahr-Münze" Amands von Vuseck, ein Silberdukat aus dem Jahre 1744, sowie ein unter Adalbert von Harstall geprägter Kontributionstaler von 1795.

Vollkommen zwecklos.

Wie die Landesversicherungsan- stalt Hessen-Nassau in Kassel durch Rund­schreiben bekannt gibt, sind die Mittel, die ihr zur Bewilligung von Darlehn <$um Bau von Arbeiter­wohnhäusern zur Verfügung stehen, für das Jahr 1928 restlos vergriffen. Die Vorlage neuer Dar­lehnsanträge ist daher bis auf weiteres vollkom­men zwecklos, zumal auch Vormerkungen für 1929 grundsätzlich nicht vorgenommen werden.

Gebührenfreiheil bei fiedlungsmäßigen Bauvor­haben.

Es find Zweifel darüber entstanden, ob die Bauvor­haben auf Grund der Beamtensiedlungsverordnung des Reichsheimstättengesetzes und des Reichssiedlungsgesetzes von den Baupolizeigebühren befreit sind. Einem Bun- deserlaß des Preußischen Ministers für Volkswohlfahrt zufolge genießen nach dem Wortlaut des § 11 der Be- amtenfieglungsverordnung vom 11. 12. 1924 zwar nur Verträge über die Bebauung von Grundeigentum Ge­bührenfreiheit. Nach der ständgien Rechtssprechung des Kammergerichts ist jedoch diese Gebührenfreiheit nicht nur bei den Geschäften ,die unmittelbar den Erwerb oder die Bebauung von Grundstücken betreffen, zu ge­währen, sondern auch bei den Geschäften, die für sich allein oder im Zusammenhang mit später vorzunehmen­den Geschäften die in Frage kommenden Zwecke zu er­reichen geeignet sind.

Ein D-Zugwagen entgleist.

Von dem gestern um 22.43 Uhr in Frankfurt abgehenden Berliner D-Zug entgleiste in der Nähe von Neuhof ein Wagen. Ein Reisender erlitt einen leichten Nervenschock.

Aus dem Gerichtssaal.

Die 21jährige ledige M. F. hier, die mehrere Jahre in Fürsorgeerziehung war, entfernte sich Freitag vor Fastnacht aus ihrer elterlichen Woh­nung. Am 28. stahl sie ans dem Hausgang eines Hauses in der Löherstraße ein Fahrrad. Tagsdrauf sah sie der Bestohlene mit dem Rade und veran­laßte ihre Festnahme. Die Angeklagte, die feit dem 29. Februar in Untersuchungshaft sitzt, erhielt

Die Mutter.

Von Eva Gräfin von B a u d i s s i n.

Vorsichtig stieg sie die zwei Stufen herab und war nun mitten im Schwarm der hin- und herflutendcn Menge. Sie hatte ein anderes Gepräge als früher; die schlanken Gestalten der baltischen Adligen fehlten, ebenso die übermodern gekleideten und stark nach Parfüm duf­tenden Russinnen. Hier und da tauchte wohl noch ein ihr bekanntes, deutsches, von Sorge gezeichnetes Gesicht auf, das nach stummem Gruß hastig vorüberdrängte. Man hatte sich nicht viel mehr zu sagen, in dieser Stadt, die ihre Gründung, ihr Wachstum und ihre Bedeutung den Deutschen verdankte und die jetzt von den Letten so voll­ständig beherrscht wurde, wie sie sich auch auf dem Trot­toir breitmachten. In Schritt, Blick und Bewegung ver­kündete» sie den Herrn — kaum baß sie mit ihren laut­schwatzenden Damen der nun Vorwärtseilenden Frau ein Haarbreit auswichen. — Sie tadelte sich, daß sie erst in letzter Minute aufgebrochen sei und von den Spazier­gängern, die zwischen Strand und Anlagen auf- und ab­schlenderten, aufgehalten wurde. Aber immer wieder hatte sich noch etwas zu tun gefunden und damit für ihr hochklipfendes Herz ein Vorwand zum Aufschub. Nur noch wenige Minuten bis zwölf — dann schloß man die Bank, und eine so wichtige Angelegenheit wie die ihre, brauchte doch Zeit.---

Verwirrt brachte sie ihre Bitte vor, den Direktor zu sprechen, mechanisch gab sie ihre Karte hin. Um sie her fummte es wie in einem Bienenkorb, sie sah und hörte nichts deutlich unb wiederholte sich nur krampfhaft: „An solch einem Schalter wirst du vielleicht sitzen — oder hin­ter der Schreibmaschine — Tiber mit Papieren in den Händen die Treppe emporlaufen. —

Der Herr Direktor ließ bitten. Freundlich trat er ihr entgegen, fragte aber geschäftsmäßig: „Womit kann ich dienen?" — Plötzlich konnte sie sachlich und kurz sagen, daß sie eine Anstellung wünsche, Stenographie und Ma­schinenschreiben gelernt habe, und verschiedene Sprachen beherrsche. —

„'Aber nein, gnädige Frau", erklang es ung'äuüig, ,Jhre beiden Töchter bekleiden doch so vortreffliche Posten und Ihre Söhne — der eine in Berlin als Unioersitäts- arzt, der andere als Kaufmann in Schweden —."

„Ich möchte selbständig fein — und unabhängig", stieß sie aus. „Endlich unabhängig."

Ihr Zuhörer nickte und sah vor sich hin: merkwürdig, noch kürzlich hatte ihm feine Frau das Verhältnis zwi­schen Mutter und Töchtern in diesem Hause als muster­gültig geschildert. Wie man sich irren kann!

„Ich weiß nicht", begann er langsam.

Sofort erhob sie sich und hatte rote Flecke auf den Wangen: ob sie doch nicht ganz gesund war, überarbeitet und überlastet wie die meisten Frauen heutzutage —? Unb bann nach in einen Beruf hinein? Er betrachtete sie, während sie hastig antwortete: „Ach, entscheiden Sie doch heute noch nichts, Herr Direktor! Ueberlegen Sie sich meine Bitte, sie ist wirklich ernsthaft gemeint — und ich würde sehr vflichtgetreu fein!"

Daran zweifelte er gewiß nicht. Jedermann wußte ja, was für eine vortreffliche Frau und aufopfernde Mut­ter sie stets gewesen sei. Das sagte er ihr auch unb küßte ihr die Hand und äußerte, als er sie in ritterlicher Weise durch das Gewimmel des Schalterraums bis zur schwin­genden Glastür geleitete, daß er ihr gerade deshalb einen bequemen Lebensabend gewünscht habe.--

Nun war es geschehen, der Würfel gefallen — man mußte den Tatsachen ins Auge sehen. War sie erleichtert, weil sie endlich ihren Plan ausgeführt hatte? Kam nicht eine Scham und Furcht vor den Töchtern, gerade dies Gefühl, das sie im voraus beängstigt und das sie künstlich unterdrückt hatte —2 Aber nein! Hatte denn sie nicht ein Recht auf ein selbständiges Leben wie sie alle? Und wenn sie es sich jetzt nicht mehr verschaffte, bann würde es zu spät fein und sie würde das bleiben, was sie feit bald dreißig Jahren war: die verwöhnte, aber doch mit etwas Mitleid unb Herablassung behandelte Hausmutter, die nicht recht für voll galt, der man scherzend alle klei­nen Schwääien und Eigenheiten durchließ und b;e bei den großen Erlebnissen ausgeschaltet wurde. Jlw Mgnn hatte sie so behandelt und sich übe- ihren Kopf fort mit den Kindern verständigt. Seit seinem Tode hatte sich kaum etwas verändert: man sorgte für sie, ging spielend auf ihr- Wünsche ein, verzog sie und nahm sie doch nie ernsthaft. Söhne wie Töchter formten sich ihr Schicksal, ohne sie ie um Rat zu fragen. Beiläufig erzählte man ihr von Plänen ober sogar schon von Tatsachen, wie im letzten Herbst, als Gertrud ihre Stellung gewechselt hatte: man habe ihr jede Aufregung ersparen wollen, sagten beide Töchter, und alles ohne sie in Ordnung gebracht!

Damals hatten sich um ihre vagen Vorstellungen von ähnlicher Selbstbehauptung feste Linien gezogen und die

wegen Diebstahls 3 Wochen Gefängnis unter An­rechnung der Untersuchungshaft. — Wegen lieber* trehtng der Kraftfahrzeug - Polizeiverordnung wurde der Geschäftsführer A. G. in Rotenburg (Fulda) zu 5 Mark Geldstrafe verurteilt. — Zwei weitere Einsprüche gegen Strafbefehle wegen Uebertretungen der Kraftfahrzeug-Polizeiverord­nung endeten mit Freisprechung. Auch der Bäckermeister F. L. hier, der vor 5 Uhr morgens den Betrieb in feiner Bäckerei ausgenommen hatte, wurde freigesprochen. — Die Privatklage der Ehefrau P. hier gegen die Ehefrau R hier wegen Beleidigung endete mit einem Vergleich. Die Gerichtskosten werden geteilt. — Weil der L. hier an die Witwe I. H. und deren Tochter R. H. anonym beleidigende Uzkarten geschickt hatte, strengten die Beleidigten Privatklage an. L. ging einen Vergleich ein und muß sämtliche Kosten zahlen. — Die Beleidigungsklage, die der Schnei­der I. P. in Mittelrode gegen den Hüttner W K. dort angestrengt hatte, endete mit dem Freispruch des Angeklagten. Die Kosten hat der Prioatkläger zu tragen. _______

Erfolge der Geflügelzucht.

Was viele nicht wissen, ist Wahrheit: Der Wert der deutschen Geflügelzucht steht an sechster Stelle bei landwirtschaftlichen Jahreserzeugung über­haupt. Die Zahl der Hühner beträgt in Deutschland rund 72 Millionen unter den 17 Hauptbetriebs­arten der Landwirtschaft kommen hinsichtlich ihres Wertes nur vor der Geflügelzucht:

1. Molkeieierzeugnifje, 2. Brotgetreide, 3. Schweine, 4. Rinder, 5. Forsten. Dann steht an 6. Stell« die Geflügelzucht. Hinter ihr folgen u. a. die Kartoffeln, der Wein, die Pferdezucht, die Schafzucht usro. Wer hätte das je gedacht! Und wie viele Hühner könnten noch mehr gehalten wer­den? Führen wir doch alljährlich für 500 bis 600 Millionen Eier nach Deutschland ein!

Viele Menschen wissen auch nicht, daß zwar die Schafe jährlich 50 Prozent ihres eigenen Kapital­werts an Werten erzeugen; die Rinder 60 Prozent, die Schweine 70 Prozent, das Geflügel aber 470 Prozent. Hinsichtlich der relativen Werterzeugung steht also das Geflügel an der Spitze!

Trotzdem kam bis jetzt die Geflügelzucht nicht zu ihrem rechtmäßigen Ansehen. Das mag damit Zusammenhängen, daß sie sich als selbständigen Be­triebszweig in Deutschland noch wenig durchgefetzt hat im Gegensatz zu Amerika, wo Geflügelfarmen keine Seltenheit sind, aber auch zeitweise zu Zu­schußbetrieben werden. Jedenfalls hätten auch die Bauern bei uns schon längst die Geflügelzucht hauptberuflich aufgezogen, wenn sie sich in dieser Art dauernd rentieren würde.

Anders liegt die Sache, ob in der Landwirt­schaft der Geflügelhaltung überall die entsprechende Bedeutung zukommt. Das Huhn ist, praktisch ge­sehen, eine wandelnde Sparkasse; ihm ist kein Nähr­stoff zu winzig, daß es ihn nicht mit scharfen Augen erspähen und zur volkswirtschaftlichen Verwertung seinem Kropfe zufuhren würde. Würden überall auf dem Lande Hühner gehalten und würde der magere Bestand da und dort vermehrt, ober ver­doppelt, so könnten die Millionen, die wir für Aus­landseier ausgeben, im Lande bleiben.

Nicht durch die Schaffung von Geflügelfarmen läßt sich dieses Ziel erreichen, sondern einzig und allein durch die allseitige Geflügelhaltung auf dem Lande, wo die Hühner freien Lauf haben und sich ihre „Hauptmahlzeiten" selbst su­chen. Gewerbsmäßige Hühnerhaltung, bei der das Futter gekauft werden muß, bringt dagegen nicht viel Geld ein. Umsomehr ist die Geflügelzucht als landwirtschaftlicher Nebenerwerbszweig rentabel; fie mehr noch als seither zu fördern, muß ein Ziel al­ler landwirtschaftlichen Organisationen, wie der Landwirtschaft selbst fein.

— Berufs-Wettkämpfe, t vor einigen Tagen schon mitgeteilt roqrbe, veranstaltet die Jugenbabteilung des Kath. Kaufm. Vereins Fulba am Sonntag, den 18. März 1928, in ber Stabifchule ihre diesjährigen Der- eins-Berufs-Wettkämpfe. Dieselben beginnen um 10 Uhr unb werben in den Klassenzimmern Nr. 135 unb Nr. 137 (Aufgang 3) abgehalten. Von mehreren Mit- gliebern des Stammvereins find wertvolle Preise zur Verfügung gestellt worden. Die Meldung zu den Wett­kämpfen find zahlreich eingegangen.

— Israelitischer Frauenverein. Aus den für die jetzige Zeit besonders wichtigen Vortrag von Frau Posen- Prins Über das Thema „Gefährdete Jugend", der am Sonntag abend im katholischen Gesellenhause statt- findet, sei auch hiermit hingewiesen. Auch Herren sind willkommen.

= Der Ostjüdifche lrullurverein Fulda veranstaltet am Samstag, den 17. März, abends 8 Uhr, im kath. Gesellenhause einen Ostjüdischen Künstlerabend. Siehe Anzeige.

liebevollst unb taktvollst gegebeneFürsorge begann fie un­erträglich zu brücken. Heimlich besuchte sie einen Han­delskurs, lernte Stenographie und übte soviel es nur ging, an Gertruds Schreibmaschine. Dabei stieg ihre Empfindlichkeit, die kleinste unbewußte Rücksichtslosigkeit wurde zu einer Waffe, die stets in dieselbe Wunde schlug — trotz aller Beherrschung traf sie kaum noch einen un­befangenen Ton den Töchter gegenüber. Und was nun ihren letzten Schritt, die Verwirklichung ihre Vorsatzes, vor der sie doch immer gezittert hatte, veranlaßte, eine Kleinigkeit roar’s, ein Nichts; unb hatte sie doch bis aufs Blut getränkt. Sie, die nie einen Wunsch aussprach, um ihn nicht gleich erfüllt zu sehen, hatte scherzend gemeint, daß ihr Sommerkleid doch wohl geändert werden müsse, damit fie in Ehren neben den Töchtern bestehe, wenn man einmal ins Kurhaus wolle.--Sie ging nicht

gern mehr dorthin, seit auch dort sogar Speisekarte und Musikprogramm nur in lettischer Sprache herausgegeben wurden. Aber da die Töchter behaupteten, sich ohne sie nicht wohlzufühlen, brachte sie auch dieses Opfer.

Nun bemerkte sie, daß bei ihrem harmlofen Vorschlag sich Gertruds Stirn leicht furchte und zwischen ihr und Toni ein Blick gewechselt wurde, der ebenso ein Befrem­den wie eine Ablehnung ausdrücken konnte. Hastig korri­gierte fie sich selbst und behauptete, es sei nur ein Einfall gewesen unb sie denke ja gar nicht daran.--Aber

konnte sie es ändern, daß sie beim Zubettgehen lautlos weinte unb die Zähne zusammenbiß. damit man nebenan ihr Schluchzen nicht hören sollte? Gewiß waren sich ihre Kinder der Kränkung nicht bewußt. Aber es hatte eine Zeit gegeben, wo die Mutter nie die Empfangende, son­dern stets die Gebende gewesen war — und ein Land, wo Tradition unb Pietät ein anderes Verhältnis zwischen zwei Generationen bildeten: Deutschland! Das verlo­rene, geliebte Land, dessen Spuren man hier unbarmher­zig aüszulöschen suchte und damit seinen letzten kulturellen Einfluß--Deutschland, Deutschland! Sie grub das

Gesicht in die Kissen. Wie litt man auch dort, aber sie hätte mittragen mögen, wie sie hier trug und wo doch niemand um ihr Leid wußte.--

Ihr kleiner Plan der Selbständigkeit kam ihr unwichtig genug vor: wieviel Tausende von Deutschen beugten sich nicht unter das Joch der Fremdherrschaft und blieben den­noch stolz —! Unb sie--?

Am nächsten Morgen klopften die Töchter zeitig an ihre Tür, fie, die so gern den letzten Augenblick der Ruhe

Das Schicksal der Donez-Ingenieure.

Unterbrechung der deutsch-russischen Wirtschafts­verhandlungen?

Die Telegraphenagentur der Sowjetunion mel- bet: In Moskau eingegangenen Nachrichten zu­folge, befinden sich die wegen gegenrevolutionärer Verschwörung gegen die Kohlenindustrie des Donez- beckens Verhafteten in Untersuchungshaft in Rostow am Don. Eine dringliche Untersuchung ist im Gange.

Unterredung Stresemann-Krezinski.

Wie die Berliner Blätter melden, wird Reichs- außenminister Dr. Stresemann am Freitag nachmittag noch eine Unterredung mit dem russi­schen Botschafter Krezinski haben, in der dis Entscheidung darüber fallen dürste, ob es zu e:ncr Unterbrechung der deutsch-russischen W;rtsckaftsver- handlungen kommt.

♦

Wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, ist aus Anlaß der Verhaftung deutscher Ingenieure und Techniker itn Donezgebiet der deutsche Bot­schafter in Moskau beauftragt worden, die Sowjettegierung um sofortige und genaue Auf­klärung darüber zu bitten, welche konkreten Be­schuldigungen tnt einzelnen gegen die Verhafteten erhoben werden und welche Beweise für diese Be­schuldigungen vorliegen. Zugleich wird in Moskau auf Grund der bestehenden Derttagsbestimmungen die Forderung gestellt werden, daß dem zuständigen deutschen Generalkonsul in Charkow gestattet wird, die verhafteten Reichsangehörigen zu besuchen.

* Hindenburgs Gruß an die „Emden". Reichs- Präsident o. Hindenburg hat den Blättern zufolge an den heimkehrenden Kreuzer „Emden" folgendes Begrüßungstelegramm geschickt: „Kommandant, Offizieren und Mannschaft des Kreuzers „Emden" rufe ich bei ihrer Rückkehr nach langer Fahrt ein herzliches Willkommen in der Heimat zu. Zugleich spreche ich der Besatzung meine Anerkennung für ihr musterhaftets Verhalten während der großer Reise aus."

* Dienststrafverfahren gegen einen thüringischen Landesgerichtsrat. (Eig. Funkm.). Vom thürin­gischen Staatsministerium ist gegen den Landes- richtsrat Dr. jur. Gärtner ein Dienststrafverfahren eingeleitet worden. Gärtner wird zur Last gelegt, daß er bei einer Bank in Werdau mehrere ver- lüft bringende Differenzgeschäfte ge­tätigt habe und dann den Differenzeinwand erho­ben habe, was für einen Richter für nicht tragbar gehalten wird. Landesgerichtsrat Gärtner ist vor« läufig feines Dienstes enthoben worden.

Der Tavell-Zilm vor dem Oberhaus.

wtb. London, 16. März. (Eig. Funkm.). IM Oberhaus fand gestern eine Debatte über die Film» zenfur statt. Die Erörterung war bemerkenswert wegen der darin zum Teil geäußerten starken Verurteilung des Cavell-Films. Lord Newton, der die Debatte einleitete, machte den Vor­schlag, daß die gegenwärtige Leitung der Filmzen- fur Fragen der Moral und des Anstandes behan­delt, daß aber die Frag« der Vorführung eines Films, der eine nachteilige Wirkung auf die Bezie­hungen Englands zu einer auswärtigen Macht ha­ben kann, an den Großkämmerer verwiesen toitb, dessen Entscheidung endgültig fein soll. Lord New­ton sagte über den Caoell-Film, es sein „ein blö-' des Geschrei über deutsches Diktat er­hoben worden und ein entschlossener Versuch sei un­ternommen worden, um den Kriegsgeist wieder ausleben zu lassen". Lord Crawsord hielt dem entgegen, rote sehr man auch versuche, die Tatsache zu verheimlichen, so bestehe doch fein Zweifel, daß in der Angelegenheit des Cavell-Films die Initia­tive für die Zensur aus Berlin erfolgt sei. Lord Buckmaster wandte sich scharf gegen den letzten Akt des Eaoellfilms. Lord Desborough antwortet« für die Regierung, sie habe augenblicklich keine Absicht,^ irgend eine Aktion im Zusammenhang mit hee Filmzensur zu unternehmen.

* Vorläufige Beibehaltung der amerikanischer» Einwanderungsguoten? Der Einwanderunas» ausschuß des Senats empfahl die Annahme 6er Johnson-Resolution, die eine Hinausschiebung des Inkrafttretens der nationalen Abstammungs- flaufel des Einroanderungsgesetzes um ein Jahr beantragt. Im Falle der Annahme dieser Reso­lution bliebe das jetzige Quotenoerhättnis unver­ändert.

aüsnutztew Kein, sie müsse schnell herauskommen, umso besser, wenn ihre Toilette noch nicht beendet sei — bann könne man gleich sehen. —

Kaum hatte sie geöffnet, als beide hereinstürzten unb sie fast mit Gewalt vor sich herschoben. Da lag auf ihrem Stuhl vorm sesttich gedeckten Frühstückstisch ein neues Sommerkleid mit Mantel und Hut und Gertrud über­reichte ihr ein dünnes Heft: „Dein Paß, Mutter! Alles ist in Ordnung! Du sollst wieder in Dein Deutschland, in dein Deutschland — zum ersten Mal wieder seit Krieg unb Revolution! Meinst Du, wir wüßten nicht, wie es in Dir aussieht?" Nein, sie wußten es nicht! Sie ahnten nicht, daß sie nicht mehr annehmen wollte, daß dies Sor­gen und Bevormunden, wenn auch in liebevoller Art, für immer aufhören sollte. Sie, ihre Mutter .wollte selb­ständig werden — und nun gestand sie, während Ströme von Tränen ihre Augen über diese neue verständnisvolle lleberraschung der Kinder verdunkelten, was sie hinter ihrem Rücken getan: gelernt, gearbeitet, geübt, sich schließ­lich gestern dem Bankdirektor angeboten.--

„Du. Mutter?! Unb weshalb?"

Es brauchte langer Erklärungen, ehe sie verstanden. Ernsthaft betrachteten fie die Mtztter, die sich „von ihnen fort entwickeln wollte", wie Gertrud es nannte. Aber die Töchter ließen sich nicht beirren.

„Es wird nichts braus, aus Deiner Selbständigkeit', sagten sie kühn. „Wir wollen nicht auch noch das Letzte verlieren, wir modernen Mädchen im Beruf : Die Mutter! Du bist unsere Familie, wir sorgen für Dich, Du ersetzt uns die, Kinder. Willst Du uns ganz egoistisch werden lassen? Es ist Deine Aufgabe, unser Herz und unser Ge­müt weich bleiben zu lassen — und unsere. Dich dazu an­zuhalten. Zwangsweise. Sei Dir bewußt, wie notwen­dig Du noch im Haushalt der Natur bist, bann wird Dir diese Pflicht leicht werden. Ich gehe noch heute abend zum Bankdirektor unb sage für Dich ab — bei ber Gele­genheit werbe ich mich in empfehlenbe Erinnerung brin­gen. Eine Mutter, bie uns ben Rang abläuft. bas könnte uns fehlen!" — Sie liefen bauen, unbekümmert um die Stimmung ber Zurückhleibenben. Sie fah auf Kleib und Hut unb geftanb sich, baß es so bleiben mürbe: sie stets bie Empsangenbe, bie Kinber bie Gebenben. Unb es würbe nun mit Bewußtsein geschehen. Was tat bas, wenn man sich so verstand, so bis ins Innerste hinein? —

Ihre Hände umklammerten den Paß nach Deutschland.