Parieren auch heute nah neben der sozialistischen Linken sehr eifrig ihr Handwerk treiben. Auch hier sind also beide — liberale und marxistische — Tendenzen vereint am Werke, um dem Volke die neue .Weltanschauung" zu bringen.
2115 der Liberalismus vor dem Kriege noch allein die Wege zur Entchristlichung des öffentlichen Lebens vorbereitete und mit feineren Manieren arbeitete, bewegten sich naturgemäß die öffentlichen Kirchenaustritte immer noch in bescheidenen Grenzen. Es war die Zeit der Lockerung der konfessionellen Grundsätze, und man wußte, daß die Zeit kommen werde, wann es schneller ginge. Diese Zeit kam wirklich bald. Sie war 1618 da, als d i e M a r x i st e n die ge- ebevten Wege betraten und nicht mehr mit zurückhaltenden Manieren sondern mit aller Gewalt die Politik zum alleinseligmachenden Faktor erhoben. Sie haben den Großteil der Massen, die eigentlich der Liberalismus zu gewinnen hoffte, für sich gewonnen. Die Verschiebung, die seit dieser Zeit in den konfessionellen Verhältnissen des Landes vor sich gegangen ist, verdient größte Beachtung. Schon allein die offiziellen Zahlen, die vor kurzem vom Landesamt hsrausgeaeben wurden, beweisen genug; aber man muß bedenken, daß diese Zahlen
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ttur einen Bruchteil der eigentlichen Entkonfessiona- lisierung darstellen. Diele wagen es nicht, öfentlich aus der Kirche auszutreten, um des guten Rufes willen, sind aber anderseits völig parteipoitisch ein- - gestellt und kommen unter den Schlagworten der politischen Akteure nicht mehr zu irgendeinem kirchlichen Leben.
Um das BUd richtig zu sehen, muß man die • Zahlen, die sich aus dem nach revolutionären Be- stand der Kirchen ergeben, mit jenen vor der Re- rolution vergleichen. Genaueste Zahlen für das gs s a m t e sächsische Dcbiete lassn fiel) zwar nur bis 1925 angeben, aber das ändert nichts an dem allgemeinen Ueberblick. Seit 1925 ist die Situation — wenigstens für die vrotestantische Kirche — nicht besser sondern noch schlechter geworden.
Aus der evangelischen Kirche sind von 1919 bis 1925 rund 270 000 Personen offiziell ausgetreten. Demgegenüber stehen 20 000 Uebertritte. Es ergibt sich also in einem Zeitraum von 6 Jahren ein Verlust von rund V«. Million. Die r ömisch-katholische Kirche verzeichnet in derselben Zeit 16 000 Austritte und 1000 Uebertritte; sie hat also einen Verlust von 15000 Seelen. Dor der Revolution in dem ganzen Zeitraum von 1910 bis 1919 hatten dagegen dis
Ht entjtellt durch ‘pitkeln. Milcher und SommerlptoIJex vj>I« fiqutunriir.ij keilen befeitigi jibnell Obermiyrr’e 51ife und man schelt durch biejel
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Protestanten nur rund 9000 Austritte, denen sogar noch 6500 Uebertritte entgegenstanden. Die Katholiken hatten in derselben Zeit 4000 Austritte gegenüber 400 Uebertritten.
Run wird die eigentliche Bestandzahl der einzelnen Kirchen infolge der Geburten und der Ab- und Zuwanderung diese Derustzahlen unter Umständen auffüllen und rein äußerlich" die Situation rosiger malen, als sie in Wirklichkeit ist. So ist cs zum Beispiel bei der evangelischen Kirche der Fall. Sie hatte 1910 in ganz Sachsen 4 500 000 Anhänger und 1925 trotz ihrer Ff Million Austritte eine Auf- fiillung durch den Geburtenzuwachs bis auf 4 550 000. Solche Zahlen täuschen dann leicht über die wirkliche Verlustiechnung hinweg. Bei der römisch-katholischen Kirche ist dieser äußere Ausgleich nicht eingetreten. Während sie 1910 in ganz Sachsen rund 235 000 Seelen zählte, hat sie 1925 nur noch rund 180 000. Ihre absolute Destandzahl hat also sogar einen Verlust von 55 000. Die Austritte konnten nicht rein äußerlich durch Geburten oder Zuwendungen ausgeglichen werden. Auch Dresden, das die Verhältnisse des Gesamtlandes gut widerspiegelt, gibt dasselbe Bild. Derselbe Anteil an Verlusten und Uebertritten. Auch hier zeigt die evangelisch lutherische Kirche nur einen kleinen Unterschied in dem absoluten Bestand der Kirche von 1910 (548 000) und (535 000), während die katholische den verhältnismäßig hohen Verlust von 13 000 hat. (1910: 47 500 katholische Einwohner Dresdens und 1925: 34 500). Um diesen scheinbaren Nachteil der katholischen Kirche gegenüber der protestantischen zu verstehen, muß man berücksichtigen, daß die katholische Kirche allzu lange völlig isoliert in Sachsen daqestanden hat. Und als 1921 das neue Bistum Meißen unter dem tatkräftigen Bischof Dr. Schreiber errichtet wurde, konnte die Arbeit doch zunächst nur sehr mühsam vor sich gehen. Diele böhmische und österreichische zuwandernde Arbeiterfamilien, die schon in der Heimat jahrzehntelang einem starken Druck des Liberalismus ausgesetzt waren, aber doch ihr katholisches Bewußtsein und ihren Namen noch in etwa gerettet hatten, wurden bei der Ankunft in Sachsen von der roten Flut schnell erfaßt. Sie wurden mit dem politischen Schlagwort so überhäuft, daß sie schließlich den neuen Heilsverkündern erlagen. Die Kräfte in der neuen, katholischen Diözese konnten diese Zehntausende nicht mehr schnell genug erfassen. Heute steht der Katholizismus ohne Zweifel schon etwas gefestigter da. Es ist in den letzten Jahren eine Anzahl Kirchen gebaut, Pfarrstellen sind neu besetzt worden, und die katholischen Schulen sind zum größten Teil aus den ärgsten Zeiten herübergerettet. Sogar ein eigenes, katholisches Gymnasium ist in Dresden erstanden. Der Bischof bereist sehr viel das ganze Land und sucht vor allem das Volk auch in seinen sozialen Nöten auf. Freilich darf man diese guten Zeichen des Fortschritts auch nicht allzu optimistisch nehmen, und vor allem gibt es kein Ausruhen auf gesammelten Lorbeeren. Es bedarf in der Zukunft für die katholische Kirche vielleicht noch größerer Anstrengungen als in der
Vergangenheit. Die „Politiker" arbeiten mit ungeheurem Aufwand.
Ohne die Lage der Katholiken zu beschönigen, ergibt aber doch die protestantische Kirche das klarste Bild für die Beurteilung der Verhält- nisse. Sachsen ist für sie K e r n l a n d, und das protestantische Volk ist seßhaft, so daß der Zu- und Abwanderungsfaktor keine Rolle spiest. Der Ausgleich des riesigen Verlustes von & Million durch die Geburten macht das Unglück nicht kleiner. Denn erstens müßte der Eeburtenzuwachs (der die Sterbeziffer überwiegt) ja eigentlich den früheren Bestand absolut vermehren, und zweitens kann die Zahl der wirklichen Kirchenaustritte überhaupt durch keinen anderen Faktor wettgemacht werden. Verluste in diesem Falle bleiben unbedingte Verluste und geben das getreueste Spiegel, bild über eine Glaubensgemeinschaft. Die politischen Akteure haben hier reiche Beute gemacht. Und der Evangelische Bund, der bisweilen die Situation retten wollte, hat mit seinem übermäßigen Temperament der protestantischen Sache sehr schlecht gedient. Anstatt nämlich den eigenen Glaubensgenossen positiv zu dienen und zu helfen, hielt er es für nötiger, in negativer Kritik gegen Rom loszugehen. Ein paar Diafpörakatholiken schienen ihm gefährlicher als der große liberale und marxistische Feind.
Zu dem % Million Verlust aber tritt noch das weit größere Heer der sog. Indifferenten Diese Indifferenten fetzen sich aus zwei Kategorien zusammen: aus den schon Erwähnten, die nicht „den Mut finden", sich öffentlich aus dem Kirchenoerzeich- nis zu streichen, und aus jenen anderen, denen der Arifttidie Name eine Herzensangelegenheit ist, di« für diesen Namen sogar Steuern zahlen, sich aber im übrigen um nichts kümmern. Diese Arten begegnen einem hierzulande am häufigsten. Sie-werden bei einer politischen Wahl immer zugunsten der Politik wählen, auch dann, wenn Grundsätze ihrer Kirche dabei über den Haufen geworfen werden. Wie käme sonst das antikonfessionelle Uebergewicht im Parlament und in Stadt- und Gemeinderäten zustande?
Die große religiöse Verwirrung findet aber noch einen weiteren Ausdruck in der Zahl der eigeni- lichen Konfessionslosen und der Sekten. Die Zahl der Konfessionslosen, d. h. derjenigen, die sich s e l b st als solche st a t i st i s ch bezeichnen, und die Zahl derer, die keine Angaben für die Statistik machen, belief sich 1910 auf rund 11 000, dagegen 1925 aufweitüber 300 000. Die Reihe der Sekten ist ins Unglaubliche gestiegen. Es waren 1925 bereits 165 verschiedene Grupp en vorhanden, die sich unter dem Namen „Angehörige evangelischer Freikirchen", „Angehörige sonstiger evangelischer Religionsgesellschaften" usw. eingetragen hatten. Dazu kommen 18 verschiedene griechisch- katholische Gruppen, 7 Gruppen der Altkatholiken usw. und 42 sonstige christliche Gruppen. Damit auch das Exotische zu seinem Recht komme, gibt es noch eine Anzahl Personen, die sich als Anhänger Zarathustras, als Buddhisten, Hindus, Islamiten, Konfuzianer, Moslemiten, Mohammedaner und
auch einfach als Heiden bezeichnen. Dazu gesellen sich die Theosophen, Spiritisten, Wahrheitssreunde, Freidenker, Freireligiöse usw., die zusammen die Zahl 100 000 erreichen .
Liberalismus und Marxismus haben also ausgezeichnete Arbeit geleistet. Sie rühmen sich dessen offen und arbeiten weiter. Ihre „Politik" wird unausgesetzt als die neue, große „Weltanschauung" eingehämmert. Sie soll die große Sammlerin der Menschenmassen werden. Und doch! Man sieht sich vergebens nach zwei Merkmalen um, die eigentlich eine Masse besitzen muß. wenn eine neue Bewegung wirkliche Heilbringerin ist. Man sucht vergebens nach der Zufriedenheit und nach dm großen Ebarakteren.
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