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llr. 57.

; Begebenheiten

Vas Ha'tesignal überfahren.

eine Stau getötet, zwei Schwer- und 18 Leicht­verletzte.

Am Dienstag nachmittag fuhr der Güterzug 76022 im Bahnhof Ieddigen der Strecke Hel­gen—Lcmdwrdel in den Personenzug 467. Durch den Zusammenstoß erlitt eine Person den Tod, eine Anzahl sind verletzt. Beide Gleise der Strecke Uel- zen—Langwedel sind wahrscheinlich bis Mittwoch früh gesperrt. D«r Betrieb wird durch Umsteigen und Umleitungen aufrechterhalten. Der Güterzug 7502 hat wahrscheinlich das auf Halt stehende E i n- fahrtsignal überfahren. Die Unter­suchung ist eingeleitet.

Zu dem Eisenbahnunglück teilt die Reichsbahn» direktion Hannover noch mit, daß es sich bei der getöteten Person um eine Frau handelt, deren Name bisher nickt festgestellt werden konnte. Zwei Reisende sind schwer und 18 Personen leicht verletzt.

* Zwei Arbeiter unter einer entstürzenden Mauer begraben. Auf dem Gelände der Firma L i n d ft r ö m A. G. in der Schlesischen Straße m Berlin ereignete sich ein schwerer Mauerein­sturz. Auf dem Grundstücke werden zurzeit um­fangreiche bauliche Veränderungen vorgenommen. Es wurde beschlossen, eine Mauer durch eine Sprengung niederzulegen. Ganz unerwartet er­folgte die Detonation, und zwei Arbeiter wurden unter den einstürzenden Mauerteilen begraben. Die Verunglückten wurden befreit und in schwerver­letztem Zustande in das Krankenhaus gebracht.

* Der Stand der „Lukutate"-Angelegenheit. In Sachen des Verfahrens gegen den Lnkutate-Fabri- kanten wird nunmehr aus Berlin mitgeteilt, daß das Gericht die Einleitung der Voruntersuchung beschlossen hat, um eine Aufklärung und Ergänzung des vorliegenden Materials hepbeizuführen.

* Die Beflaggung der Rennbahnen. Der preu­ßische Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten hat an die zuständigen Organisationen einen neuen Erlaß gerichtet, in dem er, wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteklt, den Renn­vereinen, denen Totalisatorerlaubnis für das Jahr 1928 in Aussicht gestellt und inzwischen erteilt worden ist, zur Pflicht gemacht, sofern sie anläß­lich ihrer Rennveranstaltungen mit Totalisator­betrieb Flaggenschmuck irgendwelcher Art anbrin­gen, in erster Linie und an würdiger Stelle die freußische Landesflagge und die verfaf- ungsmäßigen Reichsfarben schwarz- rot-gold zu zeigen. Sofern einzeln« Remwer- eine nicht zur Abgabe einer dahingehenden Der- psiichtungserklärung bereit seien, oder es später­hin unterlassen souten, diese von ihnen übernom­mene Verpflichtung zu erfüllen, würde der Minister

Fuldaer Zeitung (ttmlliches Nreisblatt).

ans aller Welt.

sich veranlaßt scheu, die diesen Rennvereinen er- teitte Totalisatorerlaubnis wieder zurückzuziehen.

* Lawinenunfall am Ortler. ((Fig. Funkm.). Am Ortler ist, wie die Innsbrucker Blätter melden, eine aus einem Bergführer und vier Sol­daten bestehende Kolonne, die sich auf dem Marsche zur ehemaligen Schaubachhütte befand, um diese zu verproviantieren, von einer Lawine in die Tiefe gerissen und verschüttet worden. Dem Bergführer gelang es, sich herauszuarbeiten und auch die vier Soldaten nach längeren Bemühun­gen zu retten.

Pfandbriefdiebstahl aufgeklärt.

Die Berliner Kriminalpolizei hat einen großen Pfandbriefdiebstahl, der in der Nacht zum 10. 2. in der Münchener Wohnung eines italienischen Kaufmanns ausgeführt wurde, aufgeklärt und die Beute, pfälzische Eoldhypotheken-Pfandbriefe im Werte von 32 000 Mark, wieder herbeigeschafft. Der Hehler der Einbrecherbande, der Berliner Kaufmann Robert Bloch, wurde in seiner luxuriös eingerichteten Wohnung in Wilmersdorf, ebenso zwei weitere Beteiligte, verhaftet.

♦ Ein Einbrecher zu 15 Jahren Zuchthaus ver­urteilt. Das gemeinsame Schöffengericht in Dres­den verurteilte den 34 Jahre alten Wärter K o st y- rok aus Hirschberg in Schlesien wegen schweren Rückfalldiebstahles in 37 Fällen zu einer Gesamtstrafe von 15 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust. Außerdem wurde auf Zuläs­sigkeit der Polizeiaufsicht erkannt. Der mitange­klagte 55 Jahre alte Glasschleifer Böhme wurde wegen Hehlerei und Begünstigung zu zwei Mona­ten Gefängnis verurteift. Die Einbrüche sind in der Zeit von Oktober 1926 bis Juni 1927 in vie­len Gegenden Sachsens und der Provinz Schlesien begangen worden. Der Anklage gegen Kostyrok hatten über 600 Diebstähle zugrunde gelegen.

* 3m Moor versunken. Die Tochter des Arbei­ters Schäfer aus T e ch n o w bei Kolberg ging, um einen Weg abzukürzen, abends auf dem Heim­weg über ein Moor. Sie geriet vom fckmalen Pfade ab und versank. Die Leiche konnte erst nach zwei Tagen gefunden werden.

Nebel über dem Nermel-Nanal.

Nebelbänke auf beiden Seiten des Aennel-Ka- nals behinderten am Dienstag ernstlich den Flug­verkehr. Flugzeuge von fünf Nationali­täten, darunter ein deutsches, mußten Not­landungen vornehmen. Das deutsche Flug­zeug des London—Amsterdam—Berlin-Dienstes kehrte 2% Stunden nach seinem Abflug von Croy, don wieder dorthin zurück. Es mußte seinen Flug aufgeben. An einigen Stellen lagerte der Nebel

nur 150 Fuß über dem Meeresspiegel. Der Nebel verzog sich im Lause des Nachmittags und um 4 Uhr waren der Kanal und die Küsten wieder voll­kommen klar. __________

* Die Zahnärzte in Deutschland. Die Zahl der .Zahnärzte in Deutschland beträgt nach statistischen Feststellungen gegenwärtig rund 9500. Damit ent­fallen bei einer Gesamteinwohnerzahl des Deut­schen Reiches von rund 65 Millionen auf einen Zahnarzt 6842 Einwohner. Was die fünf größten deutschen Bundesstaaten anbelangt, so waren im Jahre 1927 in Preußen 5605, in Bayern 1025, in Sachsen 468, in Württemberg 729 und in Baden 347 Zahnärzte tätig. Gegenüber 1920, in welchem Jahre diese fünf Bundesstaaten zusammen 3885 Zahnärzte zählten, hat sich deren Zahl mit 8174 mehr als verdoppelt. Hinsichtlich der Bersorgung ter deutschen Städte mit Zahnärzten dürfte der Bedarf in den großen und mittleren, nicht aber auch in den kleineren Städten gedeckt sein. So beträgt die Zahl der Kleinstädte mit 2—4000 Einwohnern ohne Niederlassung eines Zahnarztes in Preußen noch 143, in Bayern 166, in Sachsen 32, in Würt­temberg 31 und in Baden 37.

• Lebenslängliche Festungsstrafe wegen angeb- llcher Spionage. Das Schwurgericht in Paris hat nach mehrtägiger Berhandlung den belgischen Staatsbürger S a p e r r e wegen angeblichen Ein­verständnisses mit dem Feinde während der deut­schen Besetzung unter Verweigerung mildernder Umstände zu lebenslänglicher Festungsstrafe ver­urteilt.

9 Opfer eines Wohnungsbrandes.

In St. M a r i e de Beauce bei Quebec entstand während der Nacht in einem Wohnhause ver­mutlich durch einen überheizten Ofen ein Brand, durch den eine Frau mit ihren acht Kin­dern sowie der Großvater der Familie ums Leben kamen.

* Folgenschwerer Zusammenstoß zwischen 21to- lorrad und Auto. Am Dienstagnachmittag stieß in der Nähe von B i l l e r b e ck bei Münster i. W. ein Motorradfahrer aus Billerbeck mit einem Au­tomobil zusammen. Dabei erlitt der Führer des Motorrades so schwere Verletzungen, daß er auf dem Wege zum Krankenhaus in Billerbeck starb. Ein auf dem Soziussitz mitfahrender Ingenieur, ebenfalls aus Billerbeck, erlitt einen doppelten Schädelbruch, doch besteht Hoffnung, daß er mit dem Leben davonkommen wird.

* Ein Beitrag zum Fall Miß Cavell. Die Londoner „Times" veröffenllicht ein Schreiben des Kaplan Gahan zur Angelegenheit der Nurse Ca­vell. Gahan war 1914 bis 1922 englischer Kaplan in Brüssel. In dem Schreiben berichtet der eng­lische Kaplan, daß einige der geflüchteten engli­schen Soldaten, nachdem sie die holländische Grenze sicher passiert hatten, Dankpostkarten an

Donnerstag, 8. März 1928.

Nurse Cavell sandten, in denen sie ihre Ankunft mitteilten. Einige dieser Postkarten seien von den deutschen Behörden an Nurse Cavell ausgehändigt worden als — wie der Kaplan glaubt — eine freundschaftliche Warnung. Im Juni 1915 fei Miß Cavell von der deutschen Militär­polizei nach einem strengen Verhör ernstlich ver­warnt worden. Nach der Ansicht Gahans hätte man Miß Cavell, die bis fast Ende Juli in Frei­heit gelassen worden sei, gestattet, nach England abzureisen mit vielen anderen Frauxn, die es ta­ten, wenn sie gewollt hätten. _

* Entführung eines Missionars in China. Ha- vas meldet aus Schanghac, daß ein französischer Missionar, der Jesuitenpater Hugon, durch Chine­sen in der Gegend von Haig-Tschin, nördlich von Kiin-Su, entführt wurde. Die Eingeborenen for­dern ein hohes Lösegeld und nehmen gegen­über den Zivil- und Militärbehörden eine heraus­fordernde Haltung ein.

Das Räuberwesen in Mexiko.

Aus Jalapa wird gemeldet, daß Banditen auf einen Autobus, in dem sich 30 Personen befanden, einen Ueberfall verübten, indem sie auf der Landstraße plötzlich Pistolen- und Gewehr- schiisse abgaben. EineFrauundvierMän- ner wurden getötet und zehn Personen ver. wunder. Dundestruppen sind zur Verfolgung ent­sandt worden.

* Reu-Seeland gegen öffentliche Ausstellung von Sriegskrophäen. Der Stadtrat in Wel­lington nahm einen Beschluß an, wonach Ge­schütze und andere Kriegstrophäen von allen offen!« lichen Plätzen der Stadt entfernt werden sollen.

* Erdbeben und Vulkanausbruch. Aus Kamt­schatka ereignete sich ein starkes Erdbeben und zugleich der Ausbruch dreier Vulkane, die zwei Tage lang Flammen und Asche ausspien. Die Eisdecke auf dem Fluß Kamtschatka ist geborsten; die Behausungen der Jäger wurden zerstört.

Tarifwesen.

— Schichtungsverfahren in Lohnfragen der Reichs­bahnarbeiter. Die Tarifgewerkschaften der Reichsbahn­arbeiter haben bekanntlich die Lohnbestimmungen des Tarifvertrages zum 31. März d. I. gekündigt. Sie haben ihre Forderungen an die Hauptverwaltung mündlich ge­stellt. Sie fordern eine Erhöhung des Stundenlohnes um zehn Pfennige und höhere Entlohnung der Betriebs­und Verkehrsarbeiter (durchgehende Löhnung), ferner Er­höhung der Ueberzeitzuschläge und eine besondere Lohn­erhöhung auch für die östlichen Gebiete. Ein Teil der Gewerkschaften forderte außerdem Dienstalterzulagen und Dienstprämien. Die erhobenen Forderungen be­deuten eine Steigerung der jährlichen Lohnausgaben um über 250 Millionen Mark. Diese Forderungen werden von der Hauptverwaltung nicht als geeignete Grundlage für Verhandlungen angesehen. Sie hat sich deshalb mit dem Reichsarbeitsminister wegen Einleitung eines Schlichtungsverfahrens in Verbindung gesetzt.

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Das Kreuz im Moor.

Roman von Fritz G a n tz e r.

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^innert ahnte nichts von dem heimlichen Leiden sei­nes Weibes. Er war zu wenig Seelenkundiger, um zu erkennen, daß ffe in Kampf und Rot stand. Zudem hatte er mit sich selbst zu tun. Seit Wochen war etwas in ihm, über dessen Herkunft und Bedeutung er sich nicht klar zu werden vermochte. Es lag wie ein dunkles Rätsel auf dem Grunde seiner Seele. Sein Grübeln darüber mochte ihn noch stiller und scheuer, als er es von Natur schon war. Am liebsten ging er Gesine aus dem Wege, Stun- ben des Alleinseins mit ihr scheute er geradezu. Und sie suchte nicht, solche herbeizuführen.

Beide empfanden es wie eine Erlösung, als der Früh- llng der Marsch seinen grünen Mantel um die Schultern legte und die Tätigkeit aus dem Felde neu einsetzte. Run mar Hinnerk fast während des ganzen Tages vom Hofe abwesend. Nur während der Mahlzeiten kam es zu einem flüchtigen Sehen und kurzen Beieinandersein. Tage ver­gingen, ohne daß die beiden Gatten ein Wort gewech­selt hätten. Und wenn es dann einmal zu einer Rede und Gegenrede kam, war es stets ein unmöglich mit Stillschweigen zu übergehendes Vorkommnis in der Wirtschaft, das die Veranlassung zu dem kurzen Mei- nungsaustausch bot.

■ So schwanden Frühling und Sommer. Auch der Herbst kam und ging. Und dann lag die Marsch unter einem weißen Leichentuchs wie ein für ewige Zeiten toter, verlassener Garten.

Der große Zeiger der dumpf und behäbig tickenden Wanduhr, deren Zifferblatt mit Rosen bemalt war, fprang ruckartig ein kleines Stück weiter. Nun war es gleich Mitternacht.

Hinnerk starrte die Uhr an. Mit fest gegen die Ohren gepreßten Händen, die Ellenbogen auf den Tisch ge- stemmt, saß er im Wohnzimmer. Die Lampe war am Verlöschen. Ihre an dem dürren Docht fressende Flamme knisterte bereits. Hinnerk vernahm dies Geräusch nicht; au<D der Klang der zwölf sich jtun langsam und schnar­

rend abhaspelnden Schläge der alten Wanduhr kam ihm nur unklar zum Bewußtsein.

Aber bas, was er nicht mehr vernehmen wollte und konnte, dieses wehklagende Stöhnen und Jammern aus der Kammer nebenan, das nun bereits mit kurzen Un­terbrechungen seit dem hellen Mittag währte, das fand trotz der geschlossenen Tür und der gegen den Kopf ge­preßten Hände den Weg zu seinem Ohr.

Er war ihm geflohen und am Nachmittage stunden- lang, wie einer der in der Irre läuft, kreuz und quer über die verschneiten Felder und Wiesenstücke der Marsch gegangen. Am Ende hatten ihn dann eine heiße Angst und ein Stückchen Hoffnung, daß alles vorüber sein würde, wenn er nun heimkäme, nach dem Hofe getrie­ben. Aber er hatte nur den alten Jammer und das alte, bange Warten gesunden.

In der Dämmerung war er ruhelos dürch die Ställe und über die Kornböden gegangen, hatte vor der Tür gestanden und nach den ausflammenden Sternen aus- geschaut. Mit dem völligen Hereinbrechen der Dunkel­heit war es ganz und gar arg über ihn gekommen. Etwas wie ein wirkliches, maßloses Grausen hatte ihn gepackt, und er war, als müsse er Schutz und Trost suchen, zu seinem Vater in die Auszugsstube hinüber­gegangen.

Nis Jörnsen hatte grübelnd, mit geballten Fäusten und zornflimmernden Augen über einem Briese gesessen, den er mit einem scheuen Herumfahren zusammengefaltet und in die Tasche gesteckt hatte, als der Sohn zu ihm ins Zimmer getreten war.

Dann hatte Nis Jörnsen gelacht, als Hinnerk sein banges Sg^gen und Fürchten oorgetragen. Grell und mißtönend gelacht, mit der platten Hand vor innerer Belustigung auf den Tisch geschlagen und gesagt:

„Ei, du Jammerpilz, du machst ein Gesicht, als wärst du die Gesine selbst und als wolle man dir ans Leben. Hab' dich nicht gar zu zimperlich! Dafür ist die Gesine eben ein Weib, daß sie das durchmacht. Und nun geh rüber, damit man dich findet, wenn man dich sucht."

Hinnerk war wie ein geschallener Knabe hinaus­geschlichen und hatte sich in das dunkle Wohnzimmev. gesetzt. Und hier war er im träumerischen Grübeln einem Worte nachgegangen, das sein Vater vorhin zu

ihm gesprochen: Du machst ein Gesicht, als wolle man dir ans Leben.

Barg dies Wort eine Wahrheit, daß es ihn nicht wie­der losließ? Seit Stunden nun schon in seinem Hirn wie eine Klette saß und in seinem Gedankengange immer aufs neue erschien wie ein Blinkfeuer? Vielleicht. Aber Hinnerk fand die Wahrheit nicht. Es ging ja weder ihm, noch der Gesine ans Leben. Im Gegenteil: ein neues, junges Leben drängte seinem Erstehen dort hinter jener Kammertür entgegen . . .

Die Flamme der Lampe glühte nur noch wie ein roter Punkt hinter der milchweißen Glocke und stand dicht vor dem Verglimmen. Es war eine gespenstische Beleuchtung im Zimmer. Alle Gegenstände schienen verschwommen, waren wie in einen Nebel gehüllt. Und draußen halle sich ein hohlklingender Wind aufgemacht, der an den Fenstern hob und an den Türen rüttelte, daß sie klappernd gegen die Zargen schlugen.

Hinnerk erschauerte und erhob sich aus seiner zu­sammengesunkenen Stellung am Tische. Er vermochte das gräßliche Alleinsein nicht mehr zu ertragen und halle vor, in die Kammer zu gehen, in der es schon seit langen Minuten so unheimlich still war, als sei kein Leben mehr in ihr.

Aber er kam nicht bis zur Mitte des Zimmers. Die Kammertür ging. Gesines Mutter trat über die Schwelle. Ein zuckendes Weh stand in ihren Augen. Hinnerks Fuß stockte bei ihrem Anblick in jähem Erschrecken. Ehe er eine Frage herauszuwürgen vermochte, sagte die alte Bäuerin:

„Es steht schlecht, Hinnerk. Die Barsensche meint, du müßtest sofort den Doktor holen. Laß die Pferde ausgreifen, es ist die höchste Not."

Hinnerk stand wie erstarrt. Seine Arme hingen schlaff am Körper herab, und feine Brust schien ein knechtendes Ungeheuer zusammenzuschnüren, daß ihm schier der Atem stehen bfieb.

„Aber Hinnerk, hörst du nicht! Der Doktor soll kommen! Willst du die Gesine sterben kaffen?"

Dies vorwurfsvoll gesprochene Dort rüttelte Hinnerk auf. Es ging ihm wie etwas Stechendes durch die Seele. Und wie eine grell aufzuckend« Erleuchtung.

Dieses Zweiten würde er sich aber erst "voll bewußt', als er schon im Wagen saß und wild auf die Pferde einhieb, daß sie aufbäumten und vorn Hofe rasten. Da entglomm in Hinnerks Seele ein dämmerndes Licht, das schon nach Minuten zur lohenden Flamme eines Verstehens ward, einer ihn im ersten Augenblick fast be­täub enben Erkenntnis. Mit solcher Wucht, so ganz un­vorbereitet und unerwartet traf sie ihn. War das wirk­lich Wahrhell, was in ihm jauchzte, schrie und bebte, zitterte und betete? Konnte das sein?

Es mußte wohl! Denn es war so lebenswarm, so heiß durch alle Adern flutend und jeden Nerv aufrüt­telnd» daß es nicht trügen konnte. Was ein ganzes langes Jahr im täglichen Nebeneinander nicht zum Le­ben zu bringen vermocht, das riß eine einzige Stunde der Not und Angst wach. Nun wußte er's: Ich habe Gesine lieb. Unsagbar lieb!

Und sie sollte ihm nun sterben? Jetzt, wo Hst ein Leben werden sollte?

Dieser Gedanke war zu entsetzlich, um ausgedacht ZU werden. Nein, das durfte nicht fein!

Aufs neue trieb er die Pferde an, mit Zügelreißen, Peitschenhieben und aufreizenden Lauten. Der Wagen schleuderte aus den hartgefrorenen Geleisen des holp­rigen Landweges, sprang wieder in sie zurück, federte, klapperte und polterte, als käme mit ihm die wilde Jagd. Hinnerk stand halbaufgerichtet, nach vorn über­geneigt, und spähte scharf auf den Weg, fortwährend das zuckende Denken empfindend: Es darf nicht zu spät fein! Sie muß mir leben! . . .

Da war Delmenhorst. Seine Straßen tagen dunkel und still. Wie tot. Das Geräusch der Hufschläge und des Räderrasselns brach sich im vielfachen Widerhall an den Wänden der Häuser. Es war, als schrien Stim­men aus allen Fenstern mit zornigem, drohendem Klang ob des ruhestörenden Lärmens nach Mitternacht.

Gott sei Dank! Der Markt. Dr. Jakobsens Haus. Hinnerk sprang vom Wagen, beruhigte die dampfenden, tänzelnden Pferde durch einen begütigenden Zuruf und ritz an der Klingel, daß das scharfe Läuten mit schrillen, dem Ton bis auf die Straße rann.

Gortjetzung folgt),