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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 52.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Freitag, 2. März 1928.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 JLK auswärts 0,20 JUL Reklamezeile: lokal 0,60 JUl, auswärts 0,80 JKZ. Bei Wiederholungen Rabatt, x Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051.

55.Zahrg.

Die Aussichten des Nolprogramms

beurteilt die „Deutsche Allgemeine Zeitung" in der Dienstagsausgabe wie folgt:

„Die Aussichten für das Zustandekommen des Noffwogramms wurden gestern in politischen Krei­sen bedeutend g ü n st i g e r beurteilt, als am Mon­tag. Es hat sich herausgestellt, daß materiell drei Streitfragen bestehen: Die Aufrechterhaltung des Etats in dem bisherigen, von der Regierung ein« gebrachten Ausmaß, die Durchführung etwaiger Be­amtenernennungen oder -beförderungen, die Ver­teilung der Mittel für die landwirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen. Interfraktionelle Besprechungen sollen über die letzten beiden Punkte in den näch­sten Tagen stattfinden. Die ernste Gefahr war darin 3u erblicken, daß die Regierungsparteien etwa gewisse Teile des bisher Mischen ihnen ver­einbarten Programms fallen lassen oder zurückstel­len könnten. Als Ergebnis der Dienstagssitzung der Zentrumsfraktion kann man erklären, daß jene Gefahr wesentlich geringer worden ist."

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In der Aussprache über die jüngste Regierungs­erklärung hat der Fraktionsvorsitzende des Zen­trums, Abg. von Guerard, von einem Perfonaletar gesprochen, der in Vorbereitung sei, dessen genauer: Inhalt aber noch nicht kenne, jedoch in katego- rischer Form hinzufügt, das Zentrum werde weder für neue Beamtenstellen noch für höhere Ein­stufungen zu gewinnen sein. Mit der Desoldungs- reform seien die Beamtenfragen für das Zentrum abgeschlossen.

Die „Voss. Ztg." weiß mitzuteilen, daß die Deutschnationalen sich mit dem Zentrum in Ver­bindung geseßt und mit ihm Verhandlungen auf der Basis eingeleitet haben, daß das Zentrum den geplanten Veränderungen im Personaletat, so­weit sie von den deutschnationalen Kabinettsmit- qliedern gewünscht werden, zustimmt. Dafür soll dem Zentrum angeboten worden sein, daß evtl, oon ihm geäußerten Personalwünsche in jenen Mi­nisterien, die von Zentrumsministern geleitet wer­ben, berücksichtigt werden sollen.

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Die angekündigte Besprechung der Führer der lieben großen Reichstagsfraktionen mit dem Reichs- ufti,-Minister Hergt über die Vorlage zum Zwecke der Entlastung des Reichsgerichts, hat itattgefunden. Gegen die Absicht, die Anfang 1926 außer Kraft gesetzte Verordnung, wonach in Ehe- cheidungsprozessen nur in Ausnahmefällen Revi- "ioi. beim Reichsgericht eingelegt werden dürfte, zum Gesetz zu erheben, wurde von einem Teil der Fraktionen, namentlich seitens der S o z i a l d e mo- 'raten lebhaften Widerspruch laut. Es wurde schließlich davon abgesehen, ein solches Geseß dem jetzigen Reichstag vorzulegen. Auch die Ab­licht. die Objektgrenze für das Reichsgericht von ! 000 auf 5 000 Mark zu erhöhen, ließ man, da -ine Einigung nicht zu erzielen war, fallen.

Die ttot der Landwirtschaft.

Auf der Tagesordnung des Reichstags stand am Mittwoch der Haushalt des Reichsernäh­rungsmini st er s. Minister Schiele, be­kanntlich selbst ein Führer des Landbunds, erläu­terte das Notprogramm der Landwirtschaft:

Die im Notprogramm der Regierung vorgesehene Ilmschuldungsaktion könne den Landwirten nur hinweghelfen über die Zeit bis , zur nächsten Ernte. Eine d a u e r n de Hilfe könne sie nicht bringen, die könne nur bewirkt werden, wenn durch wirtschaftspoli­tische Maßnahmen die Landwirtschaft wieder rentabel gemacht wird. Die schwierige Betriebslage der Land­wirtschaft wurde wesentlich verschärft durch die Ver­hältnisse auf dem Viehmarkt.

In dem Notprogramm ist eine Herabsetzung des Ge­frierfleisch-Kontingents von 110 000 auf 50 000 Ton­nen vorgesehen. Das Ziel der Eigenversorgung mit frischem Fleisch in Deutschland ist int wesentlichen er­reicht. Der Fleischverbrauch auf den Kopf der Bevöl- kerung hat im leßten Jahre mit 52,42 Kilogramm den Verbrauch der Vorkriegszeit überschritten. Die sozial- wirtschaftliche Not hinsichtlich der Fleischversorgung ist also vorüber. Wollen wir die Existenz unseres Nähr- standes nicht noch weiter gefährden, so müssen wir die Einfuhr an Fleisch und Lebendschlachtvieh möglichst ein- dämmen. Die Regierung beabsichtigt in ihrem Not- grogramm neben einer ratenweise Herabsetzung des zoll, freien Gefrierfleisch-Kontingents die Ausdehnung des Einfuhrscheinsvftcms aus die Ausfuhr von Schweinen und Schweinefleisch. Der Einschleppung von Viehseu­chen aus dem Ausland soll durch eine gleichmäßige Hand­habung der veterinärpolizeilichen Grenzsperren und durch eine Aufhebung der bisherigen Einfuhrer- leichterungen vorgebeugt werden. Erreicht werden loll eine Stabilisierung der Viehpreise und eine Verminde­rung der Spanne zwischen Erzeuger- und Verbraucher­preisen.

Der Rentenbank-Kreditanstalt soll die Finanzierung der landwirtschaftlichen Produktion erleichtert werden. Zu dem gleichen Zweck sollen 25 Millionen den Genos­senschaften zur Verfügung gestellt werden. äfis Not- fonds für die schleunige Durchführung der vorgesehenen Hilfsmaßnahmen find 30 Millionen vorgesehen. Vei der Verwendung der Mittel soll ein Beirat aus Mit­gliedern des Reichstags und des Reichsrats herangezo- gen werden.

Die nächste und drängendste Ausgabe ist die Um­wandlung der drückenden hochverzinslichen und kurz- sristiqen landwirtscbastlichen Schulden in langfristme Realkredite. Zur Durchführung dieser Umschuldung wird die Reaierung den territorialen Kreditinstituten Kassen­vorschüsse von zunächst 100 Millionen gewähren.

Die gewaltige Einfuhr an ausländischen Nahrungs­mitteln muß berabgeletzt werden, die deutsche Landwirt­schaft muß wieder gesunden. Voraussetzung dafür ist, daß unserer Landwirtschaft durch eine planmäßige Ha n« delspolitik die unbedingt erforderliche Sicherheit und d-r nötige Rückbalt geaeben wird.

Abg. Tempel (Sog.): Der Landwirtschaft kann nur geholfen werden durch eine Stärkung der Kauf­kraft der breiten Verbrauchermassen. Die Sozialde­mokratie weiß längst, daß Bauernnot Volksnot ist. Die Bmlernschaft und Landarbeiterschast bildet eine Ver­

brau ch e r s ch i ch t, die für das Gedeihen der indu­striellen Produktion von größter Bedeutung ist. Cs ist richtig, daß heute eine Krise in großen Teilen der Land­wirtschaft besteht. Bei ihrer Untersuchung darf man aber nicht so vorgehen wie der Minister, dessen Rede von Uebertreibungen und oberflächlichen Schätzungen nicht frei war. Wir sind bereit, Mittel für eine bessere tech­nische Schulung zu bewilligen. Eine weitere Ursache ist die Desorganisation des Marktes, die dazu fichrt, daß der Bauer seine Ware der Spekulation überläßt und ein teilweise parasitärer Zwischenhandel die Preisspanne zwischen Erzeuger und Verbraucher in ungesunder Weise steigert. Schließlich ist die Bauernnot eine Land­not, eine Folge der ungesunden Bodenver- teilung, die ihren Ausdruck darin findet, daß östlich der Elbe fünfzig Magnaten sitzen, von denen jeber 10000 Hektar besitzt. Die Verschuldung der Land­wirtschaft hat tatsächlich eine erschreckende Höhe erreicht. Die Not der Landwirtschaft ist großenteils verschuldet durch die Politik der jetzigen Regierung, die nicht die schädliche Preispolitik der Trusts und Kartelle verhin­derte, aber die Kaufkraft der Verbrauchermassen schwächte. Es ist nicht wahr, daß die gesamte Land­wirtschaft von der Steuerlast erdrückt wird. Im Kreise Prenzlau ist festgestellt worden, daß 60 Prozent der Rittergutsbesitzer keine Einkommensteuer zahlen. Bei den Landbund-Demonstrationen der letzten Zeit ist mit maßlosen Uebertreibungen und sinnlosen Drohungen ge­arbeitet worden, da ßsie die Hilfsmittel gerecht verteilt. Wir fürchten, daß es sich um die Unterstützung rettungs­los verschuldeten Großgrundbesitzes handeln wird. Die großen Summen, die die Regierung jetzt plötzlich zur Verfügung stellt, wecken den Verdacht, daß hier Sa« banquepoiitik getrieben wird, daß man der kommenden neuen Regierung eine überlastete Erbschaft hinterlassen will.

Abg. Jandrey (Dnt.) bestreitet, daß die große Verschuldung sich auf die Großgrundbesitzer beschränke. Die Not sei ungeheuer groß in allen Kreisen der Land­wirtschaft, nicht nur bei den selbständigen Bauern, son­dern auch bei den Landarbeitern. Auch der Landorber- ter bekomme beim Verkauf seiner Schweines einen so niedrigen Preis, daß nicht einmal seine Selbstkosten gedeckt werden. Die veterinärpolizeilichen Bestimmun­gen sollten auch beim Gestierfleisch angewandt werden. Das Kontingent von 120000 Tonnen zollfreiem Ge­frierfleisch entspricht einer Menge von 1200 000 Schwei­nen. Würden diese Schweine der Landwirtschaft ab­genommen, so wäre das schon eine große Hilfe. Wenn nicht geholfen wird, dann werden wir Bauern mit un­fern Handwerkern und Kaufleuten zusammen nach Berlin kommen, um in ruhiger, stiller Demonstra­tion zu zeigen, wie es der Landwirtschaft gebt; Der Linken, die uns von der Scholle vertreiben will, rufen wir zu: Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor! (Beifall rechts!)

Abg. N e y f e s (Ztr.) meint, die jetzige Hilfsaktion komme reichlich zu spät, nachdem die Landwirte jahre­lang vergeblich auf die wachsende Not hingewiesen hat- ten. Die Not der Klein- und Mittelbauern ist größer als die der Großgrundbesitzer. Ihnen geht es in vielen Fällen schlechter als den Erwerbslo- ,f e n. Dankbar ist die Landwirtschaft für die jetzt ver­sprochene schärfere Handhabung der veterinärpolizei­lichen Grenzkontrolle. Der Industrie hot man durch- Zollschutz die Durchführung der Rationalisierung ermög­licht. Auch sie würde wahrscheinlich heute am Rande des Abgrundes flehen, wenn sie diese Aufgabe schutzlos hätte durchführen müssen, wie man es von der Landwirtschaft verlangt.

Abg. Janson (D. 93p.): Man wirst der Landwirt­schaft vor, sie habe zu viel Kredite aufgenommen: dazu war sie ja aber durch die Auszehrung des Betriebska­pitals durch die Inflation und durch die Steuern ge­zwungen. Die hohen Zinsen der Neuverschuldung, die alle Betriebsgrößen u,nb -arten treffen, sind geradezu erdrückend. Wir sind bereit, den Minister zu unterstüt­zen: denn rasche Hilfe tut not.

Am Donnerstag geht die Debatte weiter.

Die Phoebus-Debatte.

Der Besprechung der Phoebus-Angelegenheit tm Haushaltsausschuß des Reichstags, die am Don­nerstag erfolgen sollte, wird von den Blättern größtes Interesse entgegengebracht. Wie der „Vor­wärts" mitteilt, werden die sozialdemokratischen Vertreter die Veröffentlichung des Berichtes des Reichskommissars verlangen. Dem „B. T." zufolge sprach man in Reichstagskreisen davon, daß die Gesamtverluste aus den Geschäften des Kapitäns Lohmann von der Seetransportabteilung des Reichswehrministeriums nicht 20 Millionen sondern über 25 Millionen betragen, vielleicht an 30 Millionen heranreichen, lieber die Quellen, aus denen die Mittel zu diesen Geschäften gefloten sind, verlautet mehreren Blättern zufolge: Minister Groner hat von Mitteln aus der Liquidation des Krieges gesprochen, Reichssparkommissar Sae» misch von Mitteln aus dem R u h r f o n d. Drit­tens ist bekannt geworden, daß Einnahmen aus im Etat nicht verbuchten Verkäufen entstanden sind, und daß Gelder aus Etatmitteln verwendet worden sind, die für andere Zwecke bewMigt wor­den waren.

Dis „Tägl. Rundschau" bedauert es, daß die Stellen bisher eine gänzlich falsche Verschwiegenheit in dieser Angelegenheit gezeigt haben. Eine offene Darlegung wäre Meifellos an- gebrachter gewesen, als der Zustand, daß die Miß­stände brockenweise von der Opposition ans Tages­licht gezerrt werden, und dadurch immer neue Be­unruhigung hervorgerufen wird. Man dürfe an­nehmen, daß diese Auffassung auch bei den ver­antwortlichen Stellen, namentlich bei dem Reichs- webrminister selbst Platz gegriffen hat. Die Aus­schußverhandlungen, so schließt das Blatt, werden hoffentlich die nötige Klarheit in diese Vorgänge bringen.

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Au. Donnerstag wies im Haushaltsausschuß des Reichstags Abg. H e i n i g (Soz. Dem.) auf die Verschiedenheit, in der Tragweite der Erklärungen des Reichskanzlers und des Reichswehrminifteri- ums hin. Der Minister habe die Angelegenheit auf einen Fall Lohmann zugespitzt und ihn per­sönlich zerkleinert. Er glaube, es handele sich hier vielmehr um eine Angelegenheit der Seetransport«

abteilung des Reichsmarineamtes. Lohmann habe anscheinend in der großen Linie seiner Hand- lungen, allerdings nicht in Einzelheiten, mit Wis­sen und Willen und im Rahmen des Amtes ge­handelt. Nur bei den Details hat er wahrscheinlich auf eigene Faust gehandelt. Ein kommunisttscher Antrag auf sofortige Vorlegung des Be­richtes des Sparkommissars wurde an­genommen. Der Wehrminister erklärte, daß er diesen Beschluß der Regierung zur Kenntnis geben werde. Die Abwicklung der Phöbusangelegenheit sei noch nicht beendet, so daß ein e n d gü l t i g e r Bericht noch nicht gegeben werden könne. Dke Besprechung der Phöbus-Angelegenheit wurde da­raufhin vertagt und die Beratung des Marine- Etats fortgesetzt.

Die Tangerfrage gelöst.

wtb. Paris, 1. März. (Gig. Funkm.). Ein französisch-spanisches Uebereinkommen über das Tangerstatut ist endgültig fertiggestellt worden. Quinones de Leon und Briand werden noch vor Sonntag unterzeichnen. Wahrscheinlich wird die Konvention England und Italien zur Ratifizierung vorgelegt werden. Vertreter der vier Mächte werden zu diesem Zweck wahrscheinlich in Paris Besprechungen abhostten.

* Annahme des österreichischen Budgets., Au» Wien wird gemeldet: Der Nationalrat hat naH fast viermonatiger Beratung den Haushalt fflr 1928 in zweiter und dritter Lesung angenommen.

Die deutschen Anregungen zur Kriegtzverhütung.

In der Mittwochsitzung des Sicherheitskomitees, die ausschließlich der Beratung der deutschen An­regung zur Kriegsverhütung galt, begründete der deutsche Delegierte, Staatssekretär v. Simfon. kurz die deutschen Vorschläge, indem er deren Zweckmäßigkeit zur Erhöhung der Sicherheit und des gegenseittgen Vertrauens unter den heute ge­gebenen Verhältnissen unterstrich, wenn sie auch nicht das einzige Mittel zur Erreichung einer ver­mehrten Sicherheit darstellten. Deshalb arbeite er auch ohne weiteres an der Frage der Regionalpakte mit, obwohl er seine Bedenken und Zweifel auf­recht erhalte. Von ganz besonderem Wert seien Punkt 2 und 3 der deutschen Anregungen über die Aufrechterhaltung bezw. Wiederherstellung des mili­tärischen status guo und des normalen Friedrns- zustandes sowie über die Erklärung eines Waffen­stillstandes durch den Rat. Um Mißverständnisse zu vermeiden, betonte er, daß die deutschen Vor­schläge nicht durch den Abschluß zweiseitiger Vev- ttäge oder Regionalpatte, sondern durch ein allen Staaten zum Beitritt offen stehendes Protokoll verwirtticht werden sollen. Ein derartiges Pro­tokoll habe den Vorzug, daß sein Inkrafttreten nicht von der Unterschrift vieler Staaten abhängig wäre, wenngleich es natürlich erwünscht wäre, daß möglichst viele Staaten dem Protokoll beitreten. Er wolle aber aus diesem Wunsch keine Empfeh­lung oder Bedingung machen. Die in den deut­schen Vorschlägen enthaltenen grundlegenden Ideen müßten gründlichst überlegt und gegeneinander ab­gewogen werden. Er glaube aber, daß die Schwie­rigkeiten gegen ihre Verwirklichung nur technffcher Art seien und sehr wohl überwunden werden könnten.

Die anschließende Aussprache war gekennzeichnet durch die eingehende Kritik der deuffchen Anregun- aen seitens des englischen Delegierten, Lord Cus- h en dun, der jedoch gleichzeittg die Weiterleitung der deuffchen Voffchläge zur Begutachtung durch die Regierungen empfahl, während Paul Bon- c o u r in den deuffchen Vorschlägen einen wichtigen, über die früheren Arbeiten des Ratskomitees hin- ausgehenden Schritt nach vorwärts erblickte. Er nahm deshalb die deuffchen Voffchläge in ihren Grundzügen an mit dem einzigen, bereits früher gellend gemachten Vorbehalt der Kontrolle, da in Krisenzeiten die gegnerischen Parteien wechselseitig die Sicherheit haben müßten, daß die vom Rchi empfohlenen Maßnahmen auf beiden Seiten ein­gehakten und ausgeführt werden.

Staatssekretär v. Simson erwidette auf die eng­lische Kritik, daß sie im Grunde genommen auch gegen die Arbeiten des Ratskomitees und sogar auch gegen die Locarnoverträge sich richte. Wenn der englische Delegierte zweideutige Lösungen be­fürchte, so müsse er betonen, daß es ausschließlich Sache des Rates sein werde, jebe Zweideutigkeit in feinen Empfehlungen zu vermeiden. Was den ftanzösischen Vorbehalt betreffe, so halte er die Verifizierung der Durchführung der vom Rat emp­fohlenen Maßnahmen für eine natürliche Folge der auf Grund der deutschen Vorschläge einzu­gehenden Verpflichtungen. Der polnische Dele­gierte begrüßte die deutschen Voffchläge, die von dem Geiste des Art. 11 der Völkerbunds- satzung getragen seien, als sehr interessant. Die

Stellungnahme der Vertreter Englands und giat* reichs zeige jedoch zur Genüge, wie schwierig ih« Derwttklichung sei. Unter ausdrücklicher Zustim- mung zu den deutschen Anregungen betonte auch er die Wichtigkeit der Einrichtung einer Kontrolle.

Der japanische Delegierte, Sato, der die Einsetzung eines Dreierausschusses zur gründlichen Beratung der deuffchen Voffchläge vor chrer Wei- tetteitung an die Regierungen verlangte, betonte ebenfalls ihre grundlegende Bedeutung für die Kriegsverhütung durch einstweilige Verfügungen des Rates.

Nach längerer Geschästsordnungsdebatte zog der japanische Delegierte feinen Antrag auf Einsetzung eines Dreierausschusses zurück, worauf die Ver­tagung der weiteren Beratung der deutschen Anregungen auf die nächste Tagung und ihre Wellerleitung an die Regierungen zur Stellung- nähme beschlossen wurde.

Die nächste Vollsitzung des SichecheitskomiteeS> die bereits auf Freitagnachmittag angesetzt war, ist auf Samstagnachmittag verschoben worden. Die gegenwärtige Tagung des Sicherheitskomitees wird frühestens Montag, also nach Beginn der Rats­tagung, abgeschlossen werden.

Die von dem holländischen Delegierten RütgerS aufgeworfene Frage der Zweckmäßigkeit einer zwei­ten Lesung der Ergebnisse des eigentlichen Arbeits­programms der gegenwärtigen Tagung, d. h. der verschiedenen Vertragstypen» ist noch unentschieden geblieben. Ihre Entscheidung hängt von dem wei­teren Gang der Arbeiten und ihrer Ergebnisse ab.

Der Beschluß des Sicherheitskomitees über die deuffchen Voffchläge hat, wie der Sonderbericht­erstatter des VDZ-Büros meldet, deutlich gezeigt, welch große positive Bedeutung den deutschen Vorschlägen zur Kriegsverhütung und Erhöhung der Sicherheit in allen Sagern unter Einschluß der englischen Delegation beigemessen wird. Wenn Staatssekretär v. Simfon auf eine sofortige Entkräftung der englischen Kritik ver­zichtete, so geschah dies nut, um die großen Linien der dmffchen Amegungen nicht durch ein Ein­gehen auf die Einzelargumentation zu verdunkeln. Auch kommt es weniger auf die Form an, in der schließlich die deutschen Vorschläge, deren neue Elemertte auch von Paul Boncour an- erkannt wurden, angenommen werden, als vielmehr darauf, daß chre Grundgedanken überhaupt zu prattischem Leben erweckt und verwirtticht wer- den. Hierzu ist mit dem Beschluß auf Weiterbera- tung der deutschen Voffchläge in der nächsten Ta­gung und auf Weiterleitung an die Regierungen ein aussichtsreicher Weg geöffnet. Man daff in diesem erfreulichen Ergebnis eine Mehrung desAnsehens Deutschlands im Völker­bund sehen, das — wenn auch auf einem anderen Wege als dem der Errichtung eines großen Sy­stems von Regionalpatten — mit neuen und posi­tiven Ideen zur Kriegsverhütung und Erhöhung der Sicherheit die Erreichung praktischer Ergebnisse ermöglichen Hilst, die im universellen Interesse aller Völkerbundsmllglieder liegen und deren Ver­wirklichung eine enffcheidende Wendung in einem feit Jahren vom Völkerbund ergebnislos bearbei­teten Problem dafftellen.

Endgültige Annahme der Freigabebrll.

Aus Washington wird gemeldet: Das Re­präsentantenbaus hat der Freigabebill in der vom Senat verabschiedeten Kompromißfassung zuge­stimmt. *

Die Abteilung Amerika des Bundes der Ausländsdeutschen in Berlin, Luisenstraße 27=28, gibt bekannt, daß die Eigentümer in Amerika be­schlagnahmter Vermögen nach dem Inkrafttreten des Freigabegesetzes die nachstehenden Bedin­gungen zu beachten haben:

1. Die Freigabe erfolgt nicht von Amtswegen, sondern sie ist von der Einreichung eines Antrages abhängig. Die Form des Antrages und der bei­zufügenden Eigentumsnachweise muß den Vorschrif­ten des Treuhänderamtes entsprechen. Der An­trag kann durch eine bevollmächtigte Interessen­vertretung eingebracht werden.

2. Der Freigabeanspruch verfällt, sofern der Antrag nicht innerhalb eines Jahres nach dem In­krafttreten des Gesetzes eingereicht und das Be­sitzrecht nachgewiesen ist. Die Feststellungen haben ergeben, daß für eine große Anzahl beschlagnahm­ter Vermögenswerte der rechtmäßige Eigentümer bislang nicht ermittelt worden ist. Deutsche Fir­men ober Privatpersonen, bei denen die Möglich­keit besteht, daß sie, sei es aus Vorkriegsaußen- ständen, Warenlieferungen, Erbschaft oder aus an­deren Gründen Guthaben in Amerika haben, toll­

ten demzufolge unverzüglich enffprechende Erkundi­gungen einziehen. m

3. Voraussetzung für jede Freigabe, deren Wert die Grenze von 2000 Dollars übersteigt, ist die Ab. gäbe einer Einvefftandniserklärung für die einst­weilige Einbehaltung von 20 Prozent des 23er- mögenswertes. Die bisher von dem Treuhänder­amt vorgeschriebenen Anttäge oder die Dertretungs- vollmachten der deutschen Eigentümer müssen einen dahingehenden Zusatz erhalten.

4. Bei der Ausfolgung der Vermögenswerte ijt dem Treuhänderamt eins Enllaftungguittung zu erteilen. Die Eigentümer werden gut daran tun, vorher eine Nachprüfung der Rechnungslegung des Treuhänderamtes vorzunehmen.

5. Für die Fälle, in denen nicht genügend Bar­bestände vorhanden sind, um die Abzweigung der einstweilen einbehaltenen 20 Prozent des Verrno- genswertes in bar zu ermöglichen ,den deut­schen Eigentümern aber baran gelegen ist, die beschlagnahmten Sachwerte wie Grundbesitz, Wertpapiere usw. unveräußert in natura zurück- zuerhalten, sieht das Freigabegesetz vor, daß ent­sprechende Bareinlagen zur Ablösung der evach- werte vorgenommen werden können.

Die Abteilung Amerika des Bundes der Aus» landsdeuffchen stellt sich den Interessenten für sämtliche oben bezeichneten Fragen zu kosten­losen Auskünften zur Verfügung. Sie hat außer-