Fuldaer Leitung
Samstag, 18. Februar 1928.
2. Blatt.
Druck der Fuldaer AcNendruckerel, Fulda
Gottesdienstordnunst
klatholischrr Gottesdienst.
Lvangel.landeskirchl. Gemeinschaft, Mda, Suttlarftr. 17
»"‘eXgAVg I gya1.. %S Ä
Vater bereiste unermüdlich die ihm anvertraute Provinz: überall konnte man ihn sehen, und nirgends verfehlten seine Unerschrockenheit und seine Energie ihre Wirkung auch auf die verwegensten Unruhestifter.
Einst fand in dem schon erwähnten Balaschow eine außergewöhnlich stark besuchte revolutionäre Versammlung statt. Die Menge, meist Bauern, von revolutionären Agenten aufgehetzt, war hochgradig erregt und sammelte sich, ihre Forderungen und Drohungen brüllend, zu Tausenden auf dem Marktplatz. Mit Blitzesschnelle war mein Vater an Ort und Stelle, ließ sich ein Pferd satteln und ritt mitten in den Volkshaufen hinein. Alles ver- stummte; während der kurzen Rede, die mein Vater an die Versammlung richtete, entblößte sich allmählich ein Haupt nach dem anderen, und als mei- nes Vaters Befehl ertönte: „Auf die Knieei" lie
fen und flehten den Arzt an, ihnen eine Bescheinigung zu geben, daß sie gesund seien. Mit aller Macht lehnten sie sich gegen ihre Krankheit auf, und oft genug kam es vor, daß der eine oder andere plötzlich umsank und in ganz wenigen Augenblicken die Besinnung verlor, um sie nie wieder zu erlangen.
Inmitten Todkranker und Sterbender versah Sybille still ihren Dienst. Alle Worte, die sie sagte, waren Trost, jedes Lächeln diente nur dazu, Verzweiflung zu mildern und Hoffnung zu erwecken. Ja, man konnte noch Hoff, nung haben, auch wenn man von der Krankheit ergriff fen war. Das bewiesen mehrere Fälle, die schlimm genug ausgesehen hatten und in denen doch eine Besse- rung unverkennbar war. Und wäre diese Hoffnung nicht gewesen, Sibylle wußte nicht, wie ste inmitten die- ser verzweifelten Menschen hätte aushalten können. Mit- unter ergriff ste eine wahnsinnige Furcht, daß sie auch krank werden könnte, und der Wunsch, gleichfalls dieser Hölle zu entfliehen und auf einem der Boote Rettung zu suchen, und wenn auch nur, um dieses ihr Amt, das sie freiwillig übernommen hatte und das nun niemand von ihr nahm, loszuwerden. Doch wenn sie dann Dr. Ruoff so ruhig zwischen den Kranken hantteren, hier schmerzlindernde Mittel verabreichen, dort Gegenmittel gegen das Fieber ausproben sah, wenn sie sah, wie er mit keinem Gedanken an sein persönliches Schicksal dachte, ganz ausgehend in seinem Beruf, dann stieg die Scham in ihr hoch und ste suchte ihm nachzuahmen in Gleichgiltigkeit gegen sich selbst. Wenn sie dann gar noch einen der warmen Blicke auffing, mit denen er sie mitunter ansah, dann konnte sie sogar lächeln und seinen Blick in einem geheimen Einverständnis erwidern. Ja, sie beide waren nun einmal dazu bestimmt, sich für dieses Schiff des Unglücks aufzuopfern. Und nichts verbindet so sehr wie gemeinsam dargebrachte Opfer.
Mehrere Male schon hatte man einen Sarg über die geheime Plattform hinweg ins Meer sinken lassen müs- en, auch Frau Dieckhoff war nicht zu retten gewesen. Nun wollte der Gatte wenigstens mit seinen Töchtern dem Verhängnis entfliehen. Doch man ließ ihn nicht in die Boote, weil man fürchtete, er könne auch bereits den Ansteckungskeim in sich tragen. Und ebenso seine Töchter. Da ergaben sich alle drei in ihr Schicksal und stell-
ßen sich alle, ohne Ausnahme, um Verzeihung bittend, auf die Knies nieder. Eine wahnsinnig gewordene Menge ohne einen Schuß, nur durch seinen bloßen Anblick und seine Worte zu bändigen, war etwas derart Unerhörtes, daß der Name des furchtlosen Saratowschen Gouverneurs weit im Umkreis bekannt wurde.
Ein anderes Mal, als er gleichfalls von einer Gruppe aufrührerischer Burschen umringt war und im Fortgehen dem frechen Blick eines wilden Kerls begegnete, sah er diesen scharf in die Augen und befahl: „Gib mir meinen Mantel!" was der Mann, gebändigt, sofort erfüllte.
Trotz aller dieser Erfolge, die ihn bereits berühmt gemacht hatten, blieb die Bescheidenheit meines Vater doch die alte, so daß er sich z. B. gar nicht vorstellen konnte, rednerisches Talent zu besitzen. Davon zeugt auch folgende Begebenheit.
Sonntag, den 19. Februar 1928. Zulda. vom 1. Beichtgelegenheiten sind: Samstag morgens von '/,6 Uhr ab; nachmittags von 2—3 für Kinder; von Vi5—7 und von Vi8 Uhr ab für Erwachsene; Sonntag morgens von 7-6 Uhr ab. 2. Sonntagsgottesdienste: Vi6, 6, 7»7 und 7 Uhr bl. Messen mit Gelegenheit zum Empfang der hl. Kommunion. 7,7 hl. Mesie und Komm, für die Jungfraucn-Sodalität in der Marien, kapelle. 8 Uhr Pfarramt mit Predigt, Umgang und Komm, der Kinder des 6. Schuljahres und der christen. lehrpflicht. Jungfr. 7,10 Kathedralamt mit Predigt, ’/dl Christenl. der Jünglinge. 7d2 letzte hl. Messe mit Predigt. 7,2 Andacht zum hl. 'Altarsakrament. V*3 Predigt und Andacht für die Jungfr.-Sodal. 4 Uhr ist Predigt und Sakraments. Bruderschaft mit Segen. 3. Werktagsgottesdienste: Jeden Morgen von 7,g—7 Uhr halbstündlich hl. Messen mit Austeilung der HI. Kom. 7«8 Uhr Pfarrgottesdienst mit hl. Kommunion. 8 Uhr letzte hl. Meise mit Austeilung der hl. Kommunion. Montag fällt die Andacht aus wegen der Anbetung in der Pfarrkirche — Stadtvfarrkirch«. Dreitägige Ver- ehrung des hlst. Sakramentes. Vollkomm. Ablaß. Gelegenheit zum Beichten: Samstag nach, mittags von 3—7, 77,—87», Sonntag früh tion S'/i—7 Uhr. Sonntagsgottesdienste: 5'/. Aussetzung des hist. Sakramentes. 5'/« Uhr HI. Mesie, 67, hl. Messe und Komm, der Jungfr.. 8 erster Schulgottesdienst, Verlesung des Bischöfl. Hirtenschreibens und Komm, des 6. Schul- jahreS. 97, Pfarramt und Bischöfl. 'Sirtenschreiben. 11 zweiter Schulgottesdienst und Bischöfl. Hirtenschr. 12—1 Betstunde für die Männer und Jünglinge (Bruderschaft von der Todesangst des Herrn), 1—2 für die Schulknaben (1. Fronl -And.), 2—3 für die Schulmädchen (2. Fronl.-And.), 3—4 für die Jungfrauen (3. Fronl.» And.), 4—5 für die Frauen und Mütter (4. Fronl.» And.), 5—57, allgemeine Andacht (5. Fronl.-And.), um 5Vi Schlußandacht. Die hl. Komm, wird von 57,-77, jede halbe Stunde gespendet, außerdem um 87, u. 97, U — Pfarrkirche junt heiligen Seist. 7 Uhr Frühmesse. In oerseiben Kommun, der Jungfr. 8 Uhr Hochamt und Verlesung des Hirtenbriefes, Komm, der Schulkinder des 6. Schuljahres. ’/dl Kindergottesdienst u. Ansprache. 7,3 Andacht und PredigtderJungfr.-Kongreg. 5 Andacht. An den Wochentagen täglich ->/«7 Uhr eine hl. Mesie Gelegenheit zum Beichten ist: An allen Wochen, tagen eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst, au den Tagen vor Sonn. u. Feiertagen von 4—6 Uhr abends. Kommunion-Austig.: An Werktagen vor und nach dem Gottesdienst, an Sonn. u. Feiertagen auch im Hochamt.— Seoetiftiitbe. 7 hl. Messe. 8 OberreaischulgotteSdienst. — §t. Sturmiur-pfarrkirche. 7,8 Kommunion. Austeilung 1*8 Uhr Frühmesse mit Predigt. Komm, der Jungfrauen und der Kinder deS 6. Schuljahres. */ilO Hochamt mit Predigt. ’/4ll Christenl. Um 7,2 Segensandacht Gelegenheit zur hi. Beichte ist Samstag und Sonntag Morgen von 6 Uhr an, Samstag Nachmittag Beicht, gelegenheit ab 4 Uhr. — klbleikirche der Beneöihtinerinncn. Sonntags 6 Uhr Konventamt, nachmittags 3 Uhr Vesper- werktags 6 Uhr hl. Messe, >/,9 Uhr Konventamt, nach- I
Evangelischer Gottesdienst.
19. Februar.
Fulda. Vormittags 9.30 Uhr: Pfr. Weber, 11 Uhr: Kindergottesdienst. Abends 6 Uhr: Sup. Ruhl.
Bad Salzschlirf. Vormittags 9.30 Uhr: Sup. Ruhl.
Fulda. Dienstag, 21. Februar. Abends 8 Uhr Kir- chenchor.
BUkttvoch, 22. Februgr. Abends 8 Uhr: Bibelstunde.
hl. Messe. Mittwoch abends 8 Uhr Segensandacht. — Hriedhoirkapelle am ZranzokenwSldchen. Sonntag: 6V« hl. Messe mit Ansprache und Komm.-AuStlg. Werktags: 7,8 Uhr hl. Messe mit Kommunion»Austeilung. — Frauenberg. Ablaßtag wegen deS Festes des hl. Konrad von Piacenza, Bekenner vom 1. Orden. Hl. Messen von 5 bis 7 Uhr. Um 8 Singmesse mit Predigt und liturg. Gebeten, 9 Hochamt mit Predigt. Nachm. 2 Uhr Predigt, Andacht und Umgang für die Fünf-Wunden- Bruderfchaft.
Neuenberg. V«9 Uhr Amt mit Predigt. — Lehner;. 10 Uhr Amt mit Predigt. — vietershan. 87« Uhr Amt mit Predigt.
Montag, 20. Februar, Stadtpfarrkirche. 6 Uhr Aussetzung und erste hl. Messe. 6®/* hl. Messe. 8 Amt für die Schulkinder. 9 hl. Messe. Betstunden: 10—11 Bruderschaft von der Todesangst des Herrn. 11—12 Krone Christi. 12—1 1. Fronl.-And. 1—2 2. Fronl.» And. 2—3 3. Fronl.-And. 3—4 4. Fronl.-And. 4—5 5. Fronl.-And. 5*/i Schlutzandacht.
Dienstag, 21. Februar. Stadkpfarrkirche. 6 Uhr Aussetzung des Allerhlst. und hl. Messe. 6'/« hl. Messe. 8 Ami für die Schulkinder. 9 HI. Messe. Betstunden: 10—11 1. Fronl.-And. 11—12 2. Fronl.-And. 12—1 3. Fronl.-And. 1—2 4. Fronl.-And. 2—3 5. Fronl.. And. 3 feierliche Schlußandacht, Umgang, Te Deum und Segen. — Stauer berg. 1. Dienstag der Novene zu Ehren des hl. Antonius. Aussetzung des Allerhlst. von morgens 5 Uhr bis zum Schluß des Hochamtes. 7,8 hl. Messe mit Antoniusandacht. 7-9 Levitenamt, darauf Kreuzwegandacht. Nachm. Vi5 Uhr Antoniusandacht.
Mittwoch, 22. Februar. Aschermittwoch. Dom 7i6 Aschenweihe. Alle halbe Stunde Auflegung des Aschenkreuzes. 8 Uhr Pfarramt. Donnerstag abend 8 Uhr Fastenpredigt mit Segen. Freitag nachm. um 5 Uhr Kreuzwegandacht. — StaMpfatrfitfbe. 6 Weihe der Asche und hl. Messe. 6'/. hl. Messe. 8 Schulgottes, dienst. 9 hl. Messe. Nach jeder hl. Messe Auflegung der geweihten Asche und Komm.-Austtg. Mittwoch 5 abends Kreuzwegandacht. Freitag abend 8 Fastenpred. An den übrigen Wochentagen 6, 6V«, 7V« und 8 Uhr hl. Messe. Freitag und Samstag früh 6 Beichte. — Stauenberg. Fest der hl. Margareta von Kortona, Außer,n vom 3. Orden. Ablaßtag. 7-7 Weihe und Austeilung der geweihten Asche, darauf Levitenamt. 8 hl. Messe und Austeilung der geweihten Asche.
ten sich zur Pflege der Kranken zur Verfügung. Herr Dieckhoff war es, der mit dem Arzt zusammen die Transporte übernahm, und die Töchter standen neben Sibylle an den Betten.
Sibylle war gerade dabei, mit ihrer Hilfe einen neu- hereingekommenen Kranken zu betten, da sah sie Claaßen herbeieilen. Schnell übergab sie den Kranken ihren Helferinnen und ging ihm entgegen.
„Bitte nicht weiter!" rief sie Claaßen zu. Doch ex achtete nicht darauf.
„Endlich, endlich finde ich Sie!" rief er. „Also hier sind Sie und opfern sich aus für diese Wahnsinnigen, die in ihr eigenes Verderben rennen —“
_ Sibylle schüttelte den Kopf. „Von meinen Kranken dürften Sie dies kaum sagen können. Aber bitte bleiben Sie draußen! Bitte, nicht näher kommen! Richt so nahe an mich heran!"
Claaßen lachte bitter. „Kommt es denn auf einen Menschen mehr oder weniger noch an? Ihnen ist ja auch schon alles gleichgiliig! Und mir auch! Meinetwegen nehmen Sie mich auch zu Ihren Kranken da hinein und tragen Sie mich durch den dunklen Gang—"
„Wissen Sie, was da draußen vor sich geht? Sie schlagen sich tot um einen Platz in den Booten! Sie stürzen einander ins Meer! Eine wilde Horde ist das aber keine Menschen!" Er sprach leiser. „Und wissen Sie schon, daß auch Lydia — daß auch Fräulein Gru- ham mit in die Boote geht?"
„Lydia? Richt möglich!"
„Wenn Sie sie noch vor diesem Wahnsinn bewahren wollen, wird kaum viel Zeit zu verlieren sein. Das erste Boot ist bereits abgestoßen. Ich nehme allerdings an, daß sie mit dem letzten fahren wird, das Czerny ührt. Claaßen sagte das letztere mit so eigenartiger Betonung, daß Sibylle ihm aufmerksam ins Gesicht sah.
»Schön, ich komme," sagte sie dann und schritt mit Claaßen zusammen durch das Schiff. Wirklich sahen ie in einiger Entfernung eines der Boote bereits in nordöstlicher Richtung dahinfahren. Es schoß mit aller Geschwindigkeit durch die Wellen, als wollte es so schnell wie möglich von dem Unglücksschiff Hinwegkommen. Eben wurde ein zweites Bot fahrbereit gemacht, im nächsten Augenblick mußte es dem erjten folgen. (F fj
Lydia sprang auf. „Gly! So gehe ich mit ihm!" Claaßen schrie förmlich hinaus: „Rein!"
Lydia sah ihn groß an. „Wissen Sie, Claaßen, meine Gründe? Run also, ich muß selber am besten wissen, was mir für mein zukünftiges Leben, wenn es noch ein solches für mich gibt, frommt. Es gibt gewisse Dinge — vielleicht sind es nur Einbildungen — die unser ganzes Dasein vergiften können. Giftpflanzen, die man in der Seele nicht wuchern lassen darf, die mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden müssen, wenn man seine Seelenruhe haben will. Bitte, verlassen Sie mich jetzt. Und nehmen Sie zum Abschied meine Hand."
Er ergriff sie. Er fühlte, wie sie zitterte. Und seine auch. Eine Träne stand in ihren Augen und fiel dann auf seine Hand hernieder. Sie brannte darauf wie Feuer.
15. Kapitel.
Die meisten der Kranken, die nunmehr alle in den Sfolierräumen vereinigt waren, lagen in ganzer ober halber Bewußtlosigkeit und ahnten nicht, was um sie oorging. Sonst wären schreckliche Szenen unvermeidbar gewesen. Denn Kinder ließen ihre Eltern im Sttch, Eltern ihre Kinder, Brüder ihre Schwestern, selbst Gatten ihre Gattinnen und umgekehrt. Die nur leicht ober im Anfangsstabium Erkrankten waren nicht in ben Isolier- räumen zu halten. Sie liefen in bem Schiff umher, erklärten jedermann, sie fühlten sich ganz gesund, und erspähten irgend eine Gelegenheit, um mit in die Boote ZU gelangen. Doch die Krankheit hatte ihnen allen schon ihr Mal aufgedrückt, der charakteristische rote Fleck auf den Wangen bei sonstiger wächserner Farbe des Gesichts, die etwas glasigen und fieberigen Augen verrieten sie, und die Gesunden wehrten sich mit aller Macht dagegen, daß solche in die Boote gelassen wurden. Wachen wurden an ben Zugängen zu den Booten aufgestellt und diese wiesen rücksichtslos jeden Verdächtigen zurück. So kamen sie denn wieder in die Isolierräume zurückgelau
peter Srkadiewitsch Stolypin.
Aus meinen (Erinnerungen
von Maria v. Bock, geb. Stolypin.
Unberechtigter Nachdruck untersagt. Copyright 1928 by Deutsche Presse-Korrespondenz, Hannöver.)
Mein Vater als Gouverneur.
Von 1903 bis 1906, in den.bösen Jahren der sogenannten „ersten Revolution",' war mein Vater Gouverneur des Saratowschen Gouvernements, das damals als eine der unruhigsten Provinzen Rußlands galt. Mein Vater, wohl in dieser Zeit der jüngste Gouverneur des Reiches, bewies nun eine solche Energie bei der Unterdrückung dieser Unruhen, daß sein Name in den Petersburger bürokratischen Kreisen bekannt zu werden begann.
Von Natur jedem Ehrgeiz fremd, hatte er sich während seiner früheren Dienstlaufbahn mit so großem Eifer seiner bescheidenen, aber höchst fruchtbaren Tätigkeit als Adelsmarschall in Kowno gewidmet, daß er nie daran dachte, höhere Posten zu bekleiden. Daher war es eine große fieber» raschung für ihn, als er zum Gouverneur von Grodno ernannt wurde, und eine fast noch größere, als er bereits nach einigen Monaten das große Saratowsche Gouvernement zur Verwaltung bekam.
Ich war damals ein ganz junges Mädchen, erinnere mich aber noch heute sehr gut des beklem- wenden Eindruckes, den Saratow auf mich ausübte. Nach unserem gemütlichen und ruhigen Leben in Kowno und dem einen Winter im reizenden Gouverneurs-Haus zu Grodno (dies Haus war ein ehemaliges Jagdschloß des polnischen Königs Stanislaus Poniatowsky und sehr stilvoll und behaglich) erschien uns diese große Stadt kalt und fremd.
Obwohl die revolutionären Mächte in Rußland immer im Dunkeln arbeiteten und nie eine Gele- genheit unbenutzt ließen, sich der Regierung durch die eine oder andere Untat in Erinnerung zu bringen, verlief das erste Dienstjahr meines Vaters in Saratow verhältnismäßig ruhig. Ende 1904 aber brach das Unwetter los!
Das Saratowsche Gouvernement war sogar in bem von der Revolution aufgewühlten Rußland durch seine Unruhen berüchtigt, und man kann sich leicht vorstellen, daß sich der Dienst meines Vaters zu einem ewigen Kampfe gestaltete. In Grodno hörte ich ihn einst sagen, er freue sich auf bie Arbeit in Saratow, die ganz anders und viel interessanter sei, da die Landschafts-Verwaltung (Zemstow) dem ganzen politischen Leben der Gegend ein eigenes Gepräge verleihe.
Im ersten Jahre tat mein Vater auch alles, was in seinen Kräften stand, um mit den Vertre- tern der Landstände zusammen zu arbeiten, und ich entfinne mich eines Diners bei uns, zu dem Vertreter aller Parteien geladen waren und wo neben Herren in europäischen Abendanzügen Bau- ern in „Poddiewkas" faßen. So war es ober nur im ersten Jahre; schon im nächsten Winter hatte sich der Gegensatz zwischen den Vertretern des Vol- kes und denjenigen der Regierung dermaßen verschärft, daß zum Beispiel die links stehenden Ab- geordneten einen Ball- oder Konzertsaal verlie- ßen, sobald ihn mein Vater betrat.
Außerhalb der Stadt ging es noch schlimmer her: die Gutshöfe brannten einer nach dem unteren nieder, von Dauern angesteckt, die schon da- mals, wie später zu Lenins Zeiten, ihr Glück im Unglück des Adels M finden hofften. Die Stadt wimmelte von Gutsbesitzern chie sich mit dem elen- den Rest ihrer Möbel kleine Wohnungen einrich- s^^n undzu der niedergedrückten Stimmung der Gesellschaft noch das ihre beitrugen.
Unter den Kreisstädten wurde Balaschow bald I ourch ferne revolutionäre Gesinnung weit und breit, bis nach Petersburg hin, berüchtigt. Mein
Während des japanischen Krieges wurde im Rathause ein Bankett zu Ehren der zum Kriegsschauplatz arbeitenden Aerzte und Schwestern gegeben. Bei dieser Gelegenheit wandte sich mein Vater mit einer Rede an die Anwesenden. Seine Worte müssen wohl aus tiefftem Herzen gekommen fein, denn während er sprach, ertönte von allen Seiten Schluchzen, und die Rede wurde von solchen Hurrarufen begleitet, daß die Gewölbe des Saales erbitterten. Als wir dann abends nach Hause fuhren, hörte ich meinen Vater zu meiner Mutter sagen: „Ich glaube, ich habe nicht allzu schlecht gesprochen, nicht wahr? Es ist aber merkwürdig — ich habe mich auf diesem Gebiet immer für völlig unfähig gehalten." Wenn ich später die Reden meines Vaters in der Reichsduma hörte, mußte ich oft an diese Worte zurück denken. Als wir im Herbst 1906 von unserem alljährlichen Aufenthalt auf unserem Gute bei Kowno zurückkamen (mein Vater hatte schon ftüher seinen Urlaub abgebrochen), erfuhren wir unterwegs, daß General Sacharow, den die Regierung zur Unterdrückung der Unruhen in die Provinz geschickt hatte, und der in unserem Hause wohnte, am Tage vor unserer Ankunft ermordet worden war.
Im Sommer, während einer seiner unzähligen Reisen, wurde auch auf meinen Vater ein Attentat verübt. Die Kugel verfehlte aber glücklicherweise ihr Ziel.
So vergingen die drei Jahre der Tätigkeit meines Vaters in Saratow in schwerer Arbeit und unermüdlichem Kampfe mit den finsteren Mächten, die das Fundament des russischen Reiches überall unterwühlten.
Mein valer als Minister des Inneren.
Im März 1906 erhielt mein Vater vom Vorsitzenden des Ministerrates, Goremykin, ein Telegramm, das ihn sofort nach Petersburg berief. Ohne im mindesten zu ahnen, um was es sich handelte, reifte er noch am selben Abend ab. In Petersburg angelangt, erfuhr er von Goremykin, er wäre vom Kaiser zum Minister des Innern ausersehen; Goremykin selbst hatte den Kaiser auf den Gedanken gebracht, da er meinen Vater für den hervorragendsten Staatsmann Rußlands hielte: er wäre sicher, daß niemand besser befähigt sei, in Rußland Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Dies Angebot kam meinem Vater so unerwartet, daß er nur erwidern konnte, fein Gewissen erlaube ihm nicht, einen so hohen Posten anzunehmen. Die drei Jahre in Saratow und die paar Monate, die er als Gouverneur in Grodno verbracht habe, wären nicht genügende Schule gewesen, um ihn für das Amt des russischen Innenministers, noch dazu in einer so unruhigen Zeit, vorzubereiten. Goremykin redete meinem Vater zu, mehr Vertrauen zu seinen Kräften und Fähigkeiten zu haben, und zum Schluß des Gespräches erklärte bann mein Vater, vielleicht würde es der Kaiser für möglich halten, ihn vorerst für einige Zeit als Gehilfen des Ministers zu beschäftigen, um ihm Gelegenheit zu geben, sich auf diese Weise mit der verantwortungsreichen und schweren Arbeit vertraut zu machen, die ihm aufgelegt werden sollte. Das Gleiche sagte er auch dem Kaiser, als er von ihm in Audienz empfangen wurde, worauf dieser aber erwiderte, er wolle nichts davon hören, er hätte meinen Vater erwählt und dessen Tätigkeit in Saratow bürge Jafür ,daß kein anderer als er sich für diesen Paten eigne. „Ich bitte Sie, das Amt anzunehmen", chloß Nikolaus H. ,— „Majestät, ich kann es nicht, es wäre gewissenlos." — „Also befehle ich es Ihnen!" Da hatte mein Vater sich zu fügen.
Eine kurze Zeit blieb mein Vater in Petersburg, wo er unter anderem der Eröffnung der ersten Reichs-Duma durch den Kaiser im Sfinterpa* lais beiwohnte. Es war jene Zeit, wo alle voller Hoffnung der Zukunft entgegensahen und im neugeborenen Parlamentarismus den Anfang einer neuen, glücklichen Aera der russischen Geschichte zu
nt. internationale Sänger-Maskenball n
■ SärntL Bahnhöfe unter dem Protektorat aller daran beteiligten Narren.
8y MU W_ ■ ■ „Quakenbach* unter Leitung- des immerbewährten Dirigenten Fall - auf“ Der m m'L 1* U°p bhmaulem 6.03 Uhr. Begrunzungichor des närrischen Gesangvereins
X Achtunfl I zu "d,?" >“d" „ w
Im neuen Ford umsust. De Bauerschblos. o A. AClltllllOi
Maschinen ohne Mann.
Roman von C. A. Stein.
20] ---------
Czerny sorgte für Ordnung. Nur Gesunde wurden mitgenommen. Lebensmittel wurden hineingeschafft. Jeder sollte sich für zwei Tage damit versehen. Ebenso mit Wasser. Im übrigen nahm man auch einen Apparat mit, um Meerwasser zu entsalzen und genießbar zu machen. Man mußte zugeben, daß Czerny das Menschen- mogliche tat. Und vielleicht war der Gedanke gar nicht so schlecht, daß die „Montana" geradenwegs nach Norden, die Boote dagegen, die einen in nordwestlicher, die anderen in nordöstlicher Richtung fahren sollten; und wer zuerst ein Schiff oder einen Hafen antraf, der sollte den anderen so schnell wie möglich Hilfe senden.
Nachdem Claaßen durch den Wirrwarr hindurchge- schritten war, sah er sich nach Lydia und Sibylle um. Er fanb sie nicht. Waren sie etwa schon in den Booten? Er spähte hinunter, konnte jedoch keine von ihnen finden. Wo waren sie? Die außergewöhnliche Situation entfernte bei ihm jegliche Bedenken. Er eilte zu den Kabinen und klopfte an Lydias Tür. Sie kam selber und öffnete. Sie war verweint und schluchzte laut auf, als sie ihn sah.
„Haben Sie es schon gehört? empfing sie ihn. «Czerny —"
Claaßen nickte.
„Ich habe ihn gebeten — händeringend — auf den Knien — er wollte nicht. Er bleibt nicht. Er geht in den sicheren Tod."
. Sie sank vor Claaßen zu Boden. „Ach, wie hieß doch das Wort, das ihm an der Wiege gesungen wurde: nicht °her, als bis er selber will. Ach, ich glaube fast, er will's, °r hat es darauf abgesehen. Claaßen, retten Sie ihn! Retten Sie ihn!"
Claaßen schüttelte traurig den Kopf. „Fräulein Lydia, Sie kennen Czerny besser als ich. Und im übrigen erscheint mir das Unterfangen so hoffnungslos °enn doch nicht. Die Boote sind groß und seetüchtig, -vermutlich sogar schneller als unser Schiff, leicht zu be- vienen. Zwei Tage lang, auch wohl noch Len einen
oder anderen Tag darüber halten sie schon aus. Und fen und f was Sie sagen — das glaube ich nun sicher nicht. Czerny hat mir selber gesagt, er sei der Führer und fühle sich verantwortlich. Sie werden fein großes Verantwor- tungsbewußtsein schon bei anderen Gelegenheiten schätzen gelernt haben."