Nr. 84.
Suldaer Sefhirrct fttmNlches KrefsbTatf)
5rettag, 10. Zebruar 1928.
Begebenheiten aus aller Welt.
Neue Lombardskandale in Berlin.
Gegen den Inhaber eines Lombardhauses in der Potsdamerstraße 118, Wilhelm Friedländer, sind bei der Kriminalpolizei zahlreiche Anzeigen wegen Untreue eingelaufen. Die Anzeigen erscheinen so begründet, daß die Kriminalpolizei sich noch gestern abend entschloßen hat, das gesamte Material der Staatsanwaltschaft zu unterbreiten, die über die zu ergreifenden Maßnahmen zu entscheiden hat. Friedländers Aufenthalt ist zurzeit unbekannt.
Ferner sind laut „Voss. Ztg." mehrere Anzeigen bei der Kriminalpolizei eingelaufen, die einem der größten Lombardgeschäfte im Zentrum Der- lins, das durch feine aufdringliche Reklame viel von sich reden machte, ähnliche Betrügereien vor- werfen.
— Vertagung der Verhandlungen im mitteldeutschen Wekallarbetterkonflikt. Die am Mittwoch im Reichsarbeitsministerium geführten Einigungs- verhandlungcn der Parteien im mitteldeutschen Metallarbeiterkonflikt wurden in den späten Nachmittagsstunden auf Samstag vertagt. Bisher liegt noch kein greifbares Emigungsergebnis vor.
* Selbstmord eines Elfjährigen. Ein elfjähriger Schüler aus Pirmasens wurde im Stadtwald erhängt aufgefunden. Das Kind hat die Tat aus Angst vor einer Strafe begangen, die ihm sein Vater angedroht hatte.
* Ein großer künstlicher See in Westfalen. Um die Hochwasserschäden zu verringern, läßt die Stadt Münster i. W. durch Aushebung von etwa 600 000 Kubikmeter Erde einen künstlichen See von 2 Kilometer Länge anlegen. Dieser neue »Aase«*, nach dem Münster durchfließenden Zustuß der Ems benannt, wird dem RÄersport in Westfalen neue Möglichkeiten erschließen; er gehört <1* den größten künstlichen Seen in Deutschland,
* Verurteilung eines Gattenmörders. Nachdrer- kSgiger Verhandlung wurde vor dem Schwurgericht München II der des Mordes an seiner Frau beschuldigte Gärtner Michael Herrmann aus Gauting von der Anklage des Mordes freigesprochen, dagegen aufgrund eines Indizienbeweises wegen Totschlages zu 15 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt.
• Ein Polizeibeamter erschießt sich und seine Braut. In Buer (Wests.) sand am Mittwoch» ein durch Schüsse aufmerksam gewordener Polrzeibeamter in einem Stadtteil Buers den 32 Jahre asten Poligeioberwachtmeister Dicke sowie seine Braut, die Haustochter Husenbach, m ihrem Blute liegend auf. Ohne Zweifel hat Dicke nach vorausgegangenem Wortwechsel zunächst seine Braut und dann sich selbst erschossen. Der eigentliche Grund zur Tat ist noch nicht bekannt.
* Dreister Raubüberfall in einem Berliner Ladengeschäft. Am Mittwochmittag wurden die Bewohner eines Hauses der Tempelherrenstraße im Südostens Berlins durch gellende Hilferufe alarmiert. Ma« sand die Inhaberin eines Konfitüren- und Zigarrenladens, eine 60 Jahre alte Frau Drregnitz, blutüberströmt mit schweren Kopfver- wtzungen an der Treppe ihres im Keller liegenden Geschäftes auf. Poltzei und Feuerwehr brachten sie ms Krankenhaus, wo sie noch vernehmungsun- fahdg darnied erliegt. Die Beamten des Raubdezernates der Kriminalpolizei unter Leitung des Kom- mrssars Werneburg stellten fest, daß im Laden und m bei angrenzenden Wohnung ein Kampf zwischen d« Frau und einer unbekannten Person stattgefun- l-S” Der Räuber hat die Frau anscheinend ubeNgllen und niedergeschlagen, während sie sich onschlckte, ihn zu bedienen. Was geraubt wurde, ?ann erst sestgestellt werden, wenn die Ueberfallrne sich wieder erholt hat. — Nach einer weiteren
Meldung hat sich der Täter auf dem Polizeirevier in der Skakißerstraße gestellt. Er gab an, der 20 Jahre aste Alfred Ennulat, wohnhaft Köpe- nickersttaße 25, zu sein.
♦ Den Schwager in der Notwehr erschossen. (Eig. Funkm.). Am Mittwochabend spielte sich in einer Siedlung bei Oranienburg eineFami- lienttagödie ab. Im Verlause eines Streites zwischen dem Klempnermeister Horack, der wegen TrunkenheitsexzesM bereits längere Zeit in einer Heilanstalt war, im Dezember vorigen Jahres aber als nicht gemeingefährlich entlassen wurde, und seiner Eheftau nahmen die beiden im gleichen Hanse wohnmden Brüder der Frau für diese Partei. Als Horack sie angriff, gab der ein« mehrere Schüsse ab, die Horack töteten. Die beiden Brüder stellten sich sofort der Polizei und wurden in Haft, behalten, da die Frag«, ob sie die Notwehr überschritten hatten, noch geklärt werden muß.
* Unfall eines Fakirs dn Zirkus Dusch. Bei einer Vorstellung im Berliner Zirkus Busch wollte der Fakir Blacaman, nachdem er berefts Hühner, Kaninchen und einzelne Löwen in kataleptischen Zustand versetzt hatte, fünf wild gemachte Löwen gleichzeitig hypnotisieren. Hierbei etinett er von einem Löwen einen Tatzenhieb am linken Unterschenkel, der den Nerv traf und Blacaman so schwer verletzte, daß er feine Vorführung abbrechen mußte.
* Studentenausschreitungen in Wilna. In Wilna drang eine Schar Studenten in eine Restauration ein, die eine geschlossene Gesellschaft zu Tanzzwecken gemietet hatte, und beging Tätlichkeiten gegen den anwesenden Männer- und Frauenchor, weil er rus- fische Lieder gesungen hatte. Man mußte Polizei und Soldaten herbeiholen und di« Ruhestörer entfernen. Als die Angreifer um 5 Uhr morgens ein zweites Mal in den Saal drangen, stellte die Polizei die Ruhe wieder her, indem sie zahlreiche Stu- denten verhaftete.
Kohlen auf Madagaskar.
Aus einer Mitteilung des ftanzösischen Kolo- mialministers ergibt sich, daß die seit Jahren unternommenen Forschungen über die Ausnutzung der Bodenschätze von Madagaskar das Vorkommen von Hakbfettsteinkohlen in der Gegend des Sakoaflusses, 150 Kilometer westlich von Tulcar ergeben haben. Außerdem befinden sich, allerdings 1000 bis 1200 Meter tief noch Kohlenlager längs des 800 Kilometer tiefen und 150 Kilometer breiten Land» strerfens von Cap St. Marie zum Cap St. Andre.
Die Förderung der Kohlen wird natürlich wegen der notwendig werdenden Anlage von Eisenbahnen und Verschiffungsmöglichkeften nicht sehr bald aufgenommen werden können.
* Bluttat eines Brandstifters. Der wegen mehr- facher Brandlegungen in Kau ns (Oesterreich) im Sommer 1925 von den Behörden gesuchte Philipp Praxmarer erschien plötzlich im Haufe seiner Schwester in Kauns und verlangte von chr Geld. Als sie die Herausgabe verweigerte, schoß er sie mit einem Mannlicher-Gewehr Nieder und flüchtete. Die Frau war sofort tot.
»Flugzeugabstürze in Frankreich. Auf dem MM- tärslugplatz Le Bourget bei Paris ist infolge unregelmäßigen Funktionierens des Motors entz Militärflugzeug über enter der Flugzeughal- len abgestürzt. Die beiden Insassen wurden verletzt. — In Metz stürzte ein Militärflugzeug der Jagdstaffel Diedenhofen ab. Der Flieger sand dabei den Tod.
— Auffindung eines Teils der Dibliokhek Newtons. Der Morning Post zufolge ist die Bibliothek Newtons, oder wenigstens ein Teil davon, die bisher als verloren galt, in einem Privathaus in Glucesterfhire entdeckt worden. Es handelt sich um mindestens 5 bis 600 Bände.
Das NUeterschutzgesetz.
Die radikalen Forderungen der Mrtschastsparkei zum Wieterschuhgeseh. —• Die aufgegebene Neutralität des preußischen Landesverbandes der Hausund Grundbesihervereine. — Der Wohnungsbau 1927.
Der Reichstag setzte am Mittwoch die zweite Beratung des Entwurfs zur Aenderung des Mieterschutzgesetzes fort. ____
Wg. Höllein (Komm.) nennt die Vorlage einen Wechselbalg, eine Verbeugung des Bürgerblocks vor dem Terror des Hausagraierturns. Die Feinde der Wohnungszwangswirtschast benutzten Droh- ungen und Korruption zur Durchsetzung ihrer Zwecke. Sie hätten sogar Abgeordneten 500 Mark für einen Vortrag in ihrem Sinne geboten. (Hört, hört!) Ein sachlicher Grund zur Aenderung der Mieterschutzgesetz, gebung und zur Lockerung der Wohnungszwangsynrt- fchast sei nicht vorhanden.
Abg. Dr. Iörissen (Wirtsch. Vg.) erhofft von der Vortage eine kleine Verbesserung in der Stellung der Hausbesitzer, die unter dem jetzt herrschenden W o h - nungsbolschewismus voöllig rechtlos gewor- den seien. Die meisten Parteien hätten sich leider von den Wohnungbolschewisten ins Schlepptau nehmen lassen, und auch der Regierung fehlte der Mut, mit der bolschewistisch beeinflußten Wohnungszwangswirtschast Schluß zu machen. Der Redner bedauert, daß die Anträge der Wirtschaftspartei auf Erledigung des Woh- nunqswechsels im Ausschuß abgelehnt worden seien.
Abg. Winnefeld (Deutsche Dolkspartei) wendet sich zunächst gegen die Ausführungen des Abg. Dr. J8- riffen. Der Antrag der Wirtschaftspartei fei unannehmbar gewesen. Die Wohnungszwangswirtschaft könne
nicht mit einem Schlage aufgehoben werden, wenn ihre Lockerung auch notwendig sei. Der vorliegende Entwurf komme den Bedürfnissen der Hausbesitzer entgegen. Wenn Dr. Iörissen im „Grundbesitz" die Haltung der Regierungsparteien im Ausschuß scharf an- griff, so habe er wohl vergessen, daß er selbst den meisten Anträgen dieser Parteien zugestmint hat. (Hört! Hört!) Der preußische Landesverband der Haus, und Grundbesitzer habe leider feine Neutralität auf. gegeben zugunsten der Wirtschaftrpartei. Der Redner wünscht eine Befristung des Gesetzes nur bis 1929. Die Wohnungsämter sollten vollständig beseitigt werden. Der deutsche Mittelstand würde Selbstmord begehen, wenn er die Wirtschastspartei zu feiner Vertreterin machen würde. Hausbesitzer und Mieter müßten einsehen, daß sie gemeinsam an ei» item gesunden Ausgleich arbeiten müssen.
Abg. Schirmer- Franken (Bayr. Dp.) meint, die Bedeutung des vorliegenden Entwurfs rechtfertige in keiner Weise, die starken Gefühlsäußerungen der Oppo- sstionsparteien. Die Agitation gegen die Vorlage ar- beite mit Uebertreibungen. Früher hätten alle Parteien im Wohnungsausschuß zusammengearbeitet. Erst als der Radikalinski Lipinski hineinkam, sei der Woh, nungsausschuß zum Skandal-Ausschuß ge- worden.
Reichsjustizminister H e r g t der nochmals das Wort ergriff, wies darauf hin, daß nach der preußischen Verordnung der Mieterschutz für diejenigen Inhaber größerer Wohnungen bestehen bleibe, die auf die Untervermietung als einzige Einnahmequelle angewiesen seien.-Nach weiteren Ausführungen der Abgeordneten Schlecht (K.), Trem- mal (Z.), Frick (Nat. Soz.) schließt die Aussprache. Di« Weiterberatung wird auf Donnerstag 14 Uhr vertagt.
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Anläßlich eines Pressetees im Ministerium für Dvlkswohlfahrt äußerte sich Minister Hirtsifer aus
führlich über die auf dem Gebiete der öffentlichen Wohlfahrtspflege getroffenen Maßnahmen und ihre Auswirkungen. Erfreulicherweise konnte 1927 zum ersten Male eine so umfangreiche Bau» tätigt eit in die Wege geleitet werden, daß von dem Fehlbeträge an Wohnungen, der bekanntlich mit 600 00 anzunehmen ist, 50 000 Wohnungen eingeholt werden konnten, d. h., daß außer den zur Deckung des jährlichen Zuganges in Preußen notwendigen 120 000 Wohnungen noch weitere 50 000 im Jahre 1927 erbaut worden sind. Dar Ministerium werde sich weiter dafür einsetzen, daß die Zwangswirtschaft auf Dem Gebiete des Woh- nungswefens, in Sonderheit der Mieterschutz e r st dann vollkommen beseitigt werden kann, wenn Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkte sich wenigstens annähernd die Waage halten. Don einer wesentlichen Lockerung des Mieterschutzes dürfe deshalb zur Zeit noch nicht die Rede sein. 4
♦ Dr. Stresemanu in Menton«. Havas meldet aus Mentone, daß Außenminister Dr. Sttesemann über Ventimiglia in Mentone eingetroffen ist. Er wurde bei der Ankunft des Zuges im Namen der Regierung von dem Generalsekretär des Präfekten, und dem Bürgermeister von Mentone begrüßt. Dr. Sttesemann hat sich dann mit seiner Begleitung nach Cap Martin begeben, wo er mehrere Wochen bleiben will. — Dr. Sttesemann erhärte bei seiner Ankunft in Mentone französischen Journalisten: Ich will mich erholen und einmal einige Zeft den Pflichten meines Amtes ent
gehen. Ich liebe die Cote d'Azure und hoffe, daß sie mir schnell Gesundheit wieder geben wird. In einigen Tagen wird meine Familie nachkommen.
* Der Reichsstädtebund und die Schullasten. Die Pressestelle des Reichsstädtebundes teilt mit: Infolge der Erhöhung der Lehrer gehälter für die mittleren und höheren Schulen sind die meisten mittleren und kleinen Städte nicht mehr imstande, die wesentlich erhöhten Lasten zu tragen. Eins Erhöhung der Staatszu'chüffe ist nach dem preußischen Etat für 1928 trotz der Besoldungserhöhungen nid) vorgesehen. Falls daher nicht das lange geplante Gastschulbeitragsgesetz sofort geschaffen wird, gibt es für die Mittel- und kleinen Städte nur zwei Möglichkeiten, entweder ihre höheren und mittleren Schulen eingehen zu lassen oder die Realsteuerzuschläge und Werktarste derart zu erhöhen, daß sie untragbar würden. Der Reichsstädtebund Hai daher dem Landtag auf das nachdrücklichste gebeten, dafür zu sorgen, daß das Gesetz noch am 1. April d.J. in Kraft treten kann.
Heues aus Frankfurt.
— Kleine Frankfurter Rundschau. Der 15jährige Sohn Hans des Offenbacher Lederwarenfabrikanten Adolf Förderer wurde bei einem Hockeyspiel am Sonntag so schwer vom Ball am Kopfe getroffen, daß er am Montag im Offenbacher Stadtkrankenhaus, ohne das Bewußt- fein wiedererlangt zu haben, gestorben ist. — Die vom „Tannenb erg-Bund* für kommenden Sonntag angetan- digte Versammlung, in der Herr und Frau Ludendorff sprechen sollten, scheint nicht verwirklicht werden zu können, da die Direktion des Schumanntheaters, in dem die Versammlung stattfinden sollte, ihre Zusage zurückgezogen hat und auch die Festhallengesellschaft es ablehnt, die Festhalle für die Versammlung zur Verfügung zu stellen. Vonseiten der Kommunisten war bereits eine eifrige Propaganda für eine Gegendemonstration eingeleitet worden.
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