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Anzeiger für die Skadk Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblalk.

Nr. 32.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilaqen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlaq der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

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Mktwoch, S. Februar 1928.

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55.Zahrg.

8rühjahrs--wahlen?

Aus parlamentarischen Kreisen wird uns ge­schrieben:

Die Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Reichs- kagswahlen schon im Frühjahr, spätestens im Früh­sommer, also etwa im Juni, vorgenommen werden, ist nach dem ergebnislosen Verlauf der Verhand­lungen um das Reichsschulgesetz noch außerordent­lich gewachsen. Wenn auch eine endgültige Ent- scheidung über das Schicksal des Reichsschulgesetzes bis jetzt noch nicht getroffen ist, so ist doch nach Lage der Dinge bei dem unüberbrückbaren Ge­gensatz, der zwischen Zentrum und Deutscher Volkspartei in der Frage der Regelung der Simul- tanschulen herrscht, kaum mehr auf eine Verstän­digung zu hoffen.

Die Situation hat dazu geführt, daß noch vor der Urlaubsreise des Außenministers S t r e s e- m a n n die Parteiführer in engerem Kreise über den Wahltermin sich unverbindlich unterhalten ha­ben. Auf möglichst baldige Wahlen, eventuell un­ter Verzicht auf die Fertigstellung des Etats, drän­gen die Sozialdemokraten und ein großer Teil der Demokraten. Allerdings wird aus dem wirtschaft­lich gerichteten Teil der Demokraten geltend ge­macht, daß ein allzu früher Wahltermin die so­zialen Kämpfe, die sich ja durch die Kündigung einer ganzen Reihe von Tarifvertrag en ohne weiteres im Frühjahr abspielen werden, diese ver­längern und verschärfen würde. Die Regierungs­parteien wünschen eine ruhige Erledigung des Etats und darüber hinaus möglichst die Verabschiedung -der noch schwebenden wichtigeren gesetzgeberischen Fragen. Ziemlich allgemein ist der Wunsch, das Kriegsschädenschlußgesetz noch zu erledi­gen; daneben hätte das Zentrum ein dringendes Interesse daran, das Reichsfchulgssetz noch von die­sem'Reichstag verabschiedet zu erhalten. Dagegen hat man die Hoffnung auf eine Erledigung der Strafrechtsreform endgültig begraben. Scheitert das Reichsschulgesetz, dann werden Deutsche Volkspartei und Zentrum gegen einen Wahltermin im Frühjahr nichts einzuwenden ha­ben. Einer möglichst langen Hinauszögerung der Wahlen reden indessen die Deutschnatiönalen das Wort. In ihren Kreisen wird betont, daß keine Notwendigkeit für die Vornahme der kommenden Reichstagswahlen vor November-Dezember dieses Jahres bestehe. Ferner wird aus diesen Kreisen heraus, namentlich unter Zuhilfenahme der Presse, auf den Reichspräsidenten einzu wirken- versucht in dem Sinne, daß er sich der Zustimmung zu Früh­jahrwahlen versage, jedenfalls seine Zustimmung nur gebe, wenn sämtliche großen Parteien mit die- sem Wahltermin sich einverstanden erklärten. Daran ist aber nach Lage der Dinge nicht zu den­ken. Es wird in diesem politischen Lager sogar die Auffassung vertreten, daß selbst bei einer akuten Krise der gegenwärtigen Koalition noch nicht unbe­dingt Neuwahlen erfolgen müßten, sondern daß man inzwischen zeitlich, wenn kein Ministerium auf einer Koalitionsgrundlage zustandekäme, mit einem Geschäftsmini st erium es versuchen müsse.

Dieser Plan wird aber im Lager der Parteien sonst fast allgemein abgelehnt, so daß, wenn es also aus irgendeinem Anlaß bei den Etats-Beratungen oder unmittelbar danach zu einem Konflikt käme, unbedingt mit der Vornahme neuer Wahlen ge­rechnet werden müßte.

Die Bestimmung des Wahltermins ist nicht all­gemein abhängig von innenpolitischen, sondern fast mehr noch von außenpolitischen Gründen, und hier ist es insbesondere der Außenminister, der allerdings ein Interesse an der möglichst frühen Vornahme der Wahlen in Deutschland hat. Er kalkuliert dahin, daß von dem Ausgang der Wah­len und von der Gestaltung der neuen koalittons- politischen Verhältnisse wichtige Rückwirkungen auf die ja im Juni schon in Genf beginnenden Räu­mungsverhandlungen sich ergeben müß­ten. Es wird sicherlich auch nicht gleichgültig sein, welches Ergebnis die um dieselbe Äeit vorzuneh­menden französischen Kammerwahlen haben wer- den. Mn gewisser Zusammenhang zwischen der Gestaltung der innerpolitischen Verhältnisse in Frankreich und der innerpolitischen Entwicklung in Deutschland ist sicherlich gegeben. Doch müßten wir es ablehnen, in unseren innerpolitischen Ent­schließungen uns von Wünschen, die gar von au- ßenher uns suggeriert werden, beeinflussen zu lasten. Wie die Dinge aber liegen, wird in den nächsten Wochen doch eine Klärung der Frage des Wahltermins unvermeidlich fein.

Das Schulgesetz.

"®ermama" wendet sich gegen die auch in fier Oeffentlichkeit vertretene Auffassung, daß die Besprechungen über das Reichsschulgesetz b e re i t s gescheitert seien, und schreibt, daß trotz der Erschwernisse, die sich im Laufe der Verhandlungen ergeben haben, und trotz der Erkrankung des Reichskanzlers, dennoch die Versuche fortgesetzt wer­den, zu einer einigenden Formel zu gelangen.

Ist es auch durchaus nicht sicher, daß eine Eini­gung gesunden werden kann — wenigstens nach dem Stand der Dinge, wie er gegenwärtig zu ver­zeichnen ift, — so möchte man hoffen, daß noch die bessere Einsicht siegt, umsomehr, als die Volks- Partei einsehen sollte, daß ihr Antrag selbst nach dem Votum von Staatssekretär Zweigert ver­fassungsändernd und deshalb im Parlament nicht durchzubringen ist.

Dem Gerede aber muß entschieden entgegen­getreten werden, daß das Schulgesetz und sein Schicksal noch auf Wochen hinaus ver­tagt werden könnte.

* Todesfall in der Familie des badischen Justiz. Ministers. In Karlsruhe verschied die Gattin des badischen Justizministers und Katholikenfüh­rers Trunk, infolge eines Herzleidens.

Ein amerikanischer Journalist hat solchen Vor­schlag gemacht. Und kaum war er bekannt gewor­den, da hieß es bereits, daß amtliche Verhand­lungen zwischen der österreichischen Regierung und anderen Kabinetten darüber stattfänden. Inzwischen wird das von großdeutscher Seite in Abrede ge­stellt, was aber nicht hindert, daß diese Frage jetzt nach allen Testen hin ausgiebig erörtert wird.

Es ist wohl anzunehmen, daß der amerikanische Journalist solchen Vorschlag nicht lediglich aus dem Grunde gemacht hat, um der politischen Dis­kussion neuen Gesprächsstoff zu geben. Er ist ge­wiß dazu von interessierter Seite veranlaßt wor­den. Wo diese Interessenten zu finden sind, er­gibt sich bereits deutlich aus dem Echo, das sein Vorschlag in Europa gefunden hat. Bei den öster­reichischen Nachfolgestaaten wie auch in Polen und Frankreich ist dieses Echo ein sehr sympathisches und läßt auch gleich durchblicken, weshalb man solchen Vorschlag begrüßt. Eine Verlegung des Völkerbundssitzung nach Wien hätte die selbstver­ständliche Voraussetzung, daß Wien Hauptstadt eines Landes, sie hätte die weitere Voraussetzung, daß Oesterreich -ein dauernd neutralisiertes Land bleiben müsse. Dmn es ist in den Völkerbunds­sitzungen festgelegt, daß der Sitz des Völkerbun­des nur in einem neutralisierten Staate sein könne. Mit der Frage der Verlegung wird also zugleich das ganze österreichische Anschlußproblem aufge- rollt d. h. diejenigen Leute, welche Wien zum ständigen Sitz des Völlerbundes machen möchten, stellen die Anschlußfrage außerhalb der Diskussion. Daß Frankreich, Polen, Italien und die Tschecho- flowakei Gegner des Anschlusses sind, ist bekannt, es trifft sich, daß gerade auch diese Länder die Ver­legung des Völkerbundssitzes nach Wien befürwor- tm.

Es fft richtig, daß Genf bisher nicht als end­gültiger Sitz des Völkerbundes anerkannt worden ift. Die endgültige Residenz sollte einem späteren Beschluß des Völkerbundes selbst Vorbehalten blei­ben. Neben Genf hatte bei den Pariser Friedens­verhandlungen auch Brüssel in Frage gestanden, Genf rst auf die besondere Entscheidung Wilsons hm als Völkerbundssitz bestimmt worden, der es nicht für richtig hielt, daß dessen Beratungen in einem Lande stattfänden, dessen Neutralität zwar vrs utin Kriege garantiert war, das aber am Kriege selbst tellgenommen hatte. Natürlich versucht man, die politischen Gründe, die in den genannten Stoa« ten für die Befürwortung-der Verlegung gelten, möglichst unerörtert zu lassen. Um so mehr spricht man davon, daß Genf nicht richtig funktioniert. Die Stadt sei zu klein, bei jeder größeren Zusammen­kunft entständen Unterkunftsschwierigkeiten. Der telefonische und drahtlose Verkehr funktioniert nicht recht, der telegraphische Verkehr sei überlastet und außerdem sei die Berner Regiemng nicht zu be­legen, den ständigen Delegierten und ihren Sekre­tären das diplomatische Recht der Exterritorialität zuzugestehen. Alle diese Gründe werden angeführt, obwohl sie in der Hauptsache nicht zutteffen.

Die Frage ist: Wie den» man in Wien selbst darüber? Die Londoner Daily Telegraph will wissen, daß nicht nur die Oeffentlichkeit, sondern auch ein Teil der österreichischen Beamtenschaft und

Amerika und d

Die U-voot-Zrage. — Der franzöW zeichnet. — Der

Der neue französisch-amerikanische Schiedsver­trag ist am Montag in Washington durch Unter­staatssekretär Olds und den französischen Botschaf­ter Claudel unterzeichnet worden.

Der Text des Schiedsoertrages wird vom Staatsdepartement nicht veröffentlicht, da die Ver­öffentlichung internationaler Verträge ein Vorrecht des Senates ist. Rach der Unterzeichnung hielt Botschafter Claudel eine kurze Ansprache, in der er betonte, wie Frankreichs Unterzeichnung des Bündnisvertrages mit den Vereinigten Staaten vor genau 150 Jahren die diplomatische Anerkennung einer neuen Nation einleitete, so leite der jetzige Vertrag eine neue Aera der Aechtung von Kriegen ein. Frankreich sei Kellogg dankbar für die Initiative zu diesem Schiedsvertrage, der einen gewaltigen Schritt vorwärts auf dem Wege zur Vermeidung kriegerischer Konflikte bedeute.

Amerika und der weltgerichtshos.

Senator Gillett brachte im amerikanischen Se­nat einen Antrag ein, den Präsidenten aufzufor- >ern, nach einer Angleichung der Standpunkte zwischen den Vereinigten Staaten und den Signa­tarmächten des Protokolls des Weltgerichtshofes zu suchen, um dadurch Amerikas Beitritt zum Weltgerichtshof zu ermöglichen. Dies ist der erste Versuch, die Verhandlungen über den Beitritt Amerikas zum internationalen Gerichtshof wie­der in Gang zu brin gen, seitdem die Vor- behalte der Vereinigten Staaten von den anderen Signatarmächten abgelehnt worden waren. Gillett ist einer der Wortführer der Verwaltung im Senat und Mitglied des Auswärtigen Ausschußes.

Die U-voote.

Aus Ottawa wird gemeldet: In einer Unter­redung mit Pressevertretern führte Staatssekretär Kellogg aus, die Vereinigten Staaten befür­worteten die Einstellung des Baues oder der Ver­wendung aller Unterseeboote, die eine b a r b a r i » cheMethodeder Kriegführung darftellten. Die ranzösische Presie habe anscheinend die Haltung der Vereinigten Staaten in dieser Frage mißver-

des Völkerbundes.

sogar der Bundeskanzler Dr. Seipel für den Plan Interesse gezeigt hätten. In anderen Wiener Mel­dungen heißt es, daß die Großdeutsche Partei und die Sozialdemokraten, die „anschlußwütig" seien, solchem Plan aufs Heftigste widerstrebten. Die Wie­ner Geschäftswelt oder, wie eine nationalistische Meldung sagt, die Wiener international eingestell­ten Elemente würden den Völkerbund gern in ihren Mauern sehen.

Danach fft die Wiener Meinung wohl gespalten. Man würde aber wohl falsch gehen, wenn man an­nähme, daß die Anschlußfreudigkeit in Oesterreich noch immer so bedingungslos sei, wie beim großen Zusammenbruch im Oktober 1918. Die Bedenken bei Christlich-Sozialen sind bekannt, weniger bekannt fft, daß das Interesse der Sozialdemokraten solange sehr gering bleibt, als sie sich in Wien in der Macht sonnen. Die Stadt Wien ist gewissermaßen ein Staat in Oesterreich selbst, und es wird wohl nicht so einfach sein, die Rechte der Wiener Ge­meindeverwaltung in den Rahmen der Rechte ein­zuzwängen, die den deutschen Städten verblieben sind. Die Anschlußfreudigkeit der österreichischen Sozialdemokratie darf also ttotz chrer alten Prokla­mationen sieptisch bettachtet werden. Es ist jeden­falls kaum anzunehmen, daß von dieser Seite her einer Befestigung der staatlichen Selbständigkeit Oesterreichs im Sinne der Anschlußgegner allzu heftiger Widerstand entgegengesetzt werde. Einer Verlegung des Dölkerbundsitzes nach Wien würde dementsprechend von dieser Seite her wohl nicht mit letztem Ernst widerstanden werden. Man soll sich vor Illusionen hüten.

Aus Paris wird eine Erklärung gemeldet, die eine hochgestellte Persönlichkeit des Völkerbundes dem Excelsior gegenüber abgegeben habe. Er hat aus Befragen mttgeteilt, daß die Kampagne zugun­sten der Verlegung bereits weiter fortgeschritten sei, als man im allgemeinen glaube. Eine vom Völkerbundssekretariat angestellte Rundfrage habe ergeben, daß mehr als zwei Drittel der Völker­bundsmächte für diesen Gedanken stimmen würden, falls die Angelegenheit von der nächsten Völker­bundversammlung in geheimer Abstimmung behan­delt werden sollte. Einer Verlegung des Völker- bundssitzes stehe nichts im Wege, da der Völker- bundspakt lediglich besage, daß der erste Sitz des Sekretariats in Genf untergebracht werden soll. Für eine Setlegung würde die einfache Mehrheit der in der Dollversammkmg betretenen 46 Nationen genügen.

Als unbedingter Gegner einer solchen Verlegung wird England genannt. Wahrscheinlich deshalb, well sich die jetzige englische Regierung davor fürchtet, die in Versailles festgelegten 23eftimmun- gen über Osteuropa eilfertig für alle Zeiten zu stabilisieren. Auf der anderen Seite ist es aber klar, daß man in Paris und bei den österreichischen Nachfolgestaaten eene solche Stabilisierung sehn» l ich st herbeiwünscht. Die Frage ist also politisch hochinteressant.

Genf ober Dien?

Sjavas meldet aus Genf, m autorisierten Krei­sen des Völkerbundes erkläre man, von einer Ver- legung des Sitzes des Völkerbundes von Genf nach Wien nichts zu wißen.

er Weltfrieden.

s-amerikanische Zchiedsvertrag Unter­weltgerichtshof.

standen. Die Vereinigten Staaten seien bereit, mitderganzenWelt einen Vertrag einzuge­hen, um das Ziel zu erreichen, auf das die von Fotheringham im Repräsentantenhaus einge« brachte Entschließung abzielte. Kellogg sagte wei­ter, er wisse nicht, daß diese Angelegenheit gerade am Vorabend der Unterzeichnung des Schiedsver­trages mit Frankreich veröffentlicht wurde. Hin­sichtlich des letzterwähnten Vertrages sagte Kellogg, die Vereinigten Staaten marschierten an der Spitze, was solche Verträge mit anderen Ländern anbelange. Sobald die gegenwärtigen Verträge deren Grundlage die U-Dootabkornmen bildet., ab­gelaufen feien, würden Angebote zu ihrer Erneu­erung gemacht werden. Auf den Vorschlag Briands zur Aechtung des Krieges näher einzuge- hen, lehnte der Staatssekretär ab.

Die Unterzeichnung des neuen französisch-ame­rikanischen Schiedsgerichtsvertrages wird von der Mehrheit der französischen Presse, als bedeu­tungsvoller Akt verzeichnet. „Oeuvre" legt der Präambel des Vertrages, in der von der Freundschaft der beiden Länder die Rede ist, beson­dere Wichtigkeit bei. Anders das „Journal", das feftfteCt, Amerika habe selbst erklärt, daß die Prä- ambel kein integrierender Teil des Vertrages fei. Im übrigen schreibt das Blatt: Der Vertrug schafft nicht das Mittel, auf friedlichem Wege alle Kon­flikte zu lösen, nicht einmal in den Grenzen der Vorbehalte. Tatsächlich ist für die juristischen Kon­flikte das obligatorische Schiedsgerichtsverfahren vorgesehen, aber für die politischen Konflikte lediglich das Ausgleichsverfahren, das nur fakulta­tiven Charakter hat. Was würde eintreten, wenn dieses Verfahren scheitern sollte? Das bleibt klar zu stellen.

* lleber Portugal und Spanien sind von fran­zösischen Zeitungen Schwindelnachrichten verbreitet worden. Angeblich soll es in Lissabon und in Barzelona zu Unruhen gekommen fein. Die Nachrichten sind von zuständiger Stelle demen­tiert worden. Dem Urheber ist man auf der Spur. I

(Ein mahnender Jubiläum.

(Erinnerungen an den „Zugang zum kirchlichen Frieden".

Wenngleich der formelle und rationelle Abbar. der Kulturkampfgesetzgebung sich erst im Jahre 1883 vollzog, so hat doch auch das Jahr 1878 für die ersten Zugänge zur Wiederherstellung des Frie­dens zwischen Staat und Kirche seine hohe Bedeu­tung, die kurz zu werten und dem Gedächtnisse der katholischen Kreise wieder näher zu bringen, sich wohl verlohnt.

Unter dem unseligen Kulturkampf litten nach fünfjähriger Dauer Staat und Kirche in gleicher Weise, so daß schon damals der Präsident des Reichskanzleramtes Hofmann öffentlich am 24. Mai 1878 erklären mußte:

»Es ist zweifellos, der Kulturkampf und die Art und Weife wie er geführt worden ist, hat zur Schä­digung der Autorität des Staates ebensoviel und vielleicht noch mehr beigetragen, als die sozialdemo­kratische Agitation!"

Um nur einen kleinen Einblick in die Ver­wüstungen auf kirchlichem Gebiete zu gewähren, fei erwähnt, daß damals in Preußen allein ungefähr 18 800 Seelsorgestellen, darunter 1100 Pfarrstellen unbesetzt waren. 601 Pfarreien mit 650 000 See- len entbehrten jedes Geistlichen, 150 Pfarreien mit 170 000 Seelen überhaupt jeder Seelsorge. Messe­lesen und Spenden der Sakramente stand unter, Strafe für alle nicht angestellten Geistlichen.

Moral und Autorität waren die Leidtragenden! Die Sozialdemokratie hielt nicht nur reiche 'Ernte, sondern die radikalen Tendenzen gewannen in ihr die Oberhand.

Da zuckten wie flammende Blitze ins Land kurz nach einander die Nachrichten von den Attentaten auf den alten Kaiser. Das Hoedel' sche am 11. Mai 78 und am 2. Juni dieses Jahres das von schweren Folgen begleitete, Dr. Nob! ling' s. Wilhelm I. fand dann in jenen Tagen das denk­würdige Wort: „Ich will, daß meinem Volke die Religion erhalten und gekräftigt werde!"

Früher schon als diese Einsicht den weltlichen Machthabern durch so böse Dinge aufgedrungen wurden, war die Sorge um die heillosen Verhält­nisse bei dem Stellvertreter Christi, dem Papste zu Rom wach und er versäumte keine Gelegenheit, sie in väterlicher Liebe zu bekunden.

Don hier aus flogen dann auch die ersten Tau­ben mit dem Oelzweig des Friedens aus, lange leider noch ohne eine gütig gewährte Rast zu fin­den.

Am 7. Februar 1878 war der unbeugsame Mär­tyrer des Rechts, Papst Pius IX. j« der vatikani- scheu Gefangenschaft gestorben. Graf Pecci bestieg unter dem unvergeßlichen Namen Leo XIII. den päpstlichen Stuhl und wurde in des Wortes bester , Bedeutung der Welt „Ein Licht vom Himmel!" Schon gleich nach seiner Thronbesteigung am 20. Februar 78 nahm er die erste Gelegenheit wahr in einem besonderen Schreiben die Beziehungen zum deutschen Kaiser anzuknüpfen und dessen Hoch- Herzigkeit für die Nöte der deutschen Katholiken an- zurufen. Am 24. März erfolgte, unter Gegenzeich. nung des Reichskanzlers Bismarck, die allerdings höfliche, aber in der Form unbeugsame kaiserliche Antwort, dahin lautend, es sei Sache des Papstes, die deutschen Katholiken zum Gehorsam gegen die Staatsgesetze zu mahnen. Damit ließ sich'freilich keine Brücke schlagen. Aber Leo xm. ließ sich nicht abschrecken und ließ unter dem 17. April 1878 einen Brief an den Kaiser abgehen, in dem er seine Freude über die friedliche Gesinnung des Kaisers ausdrückt, zugleich mit der Versicherung, die Katho­liken würden gern allen Gesetzen gehorchen, die nichts gegen die Satzungen der römisch-katholischen Kirche enthielten.

Ehe aus Berlin auf dieses zweite Schreiben eine Antwort erfolgte, ereigneten sich im Mai und Juni die schon erwähnten Attentaten auf den Kaiser.

Bei beiden (Belegenheiten richtete der Hl. Vater an denselben ein eigenhändiges Schreiben, das dem Schmerze übet die unselige Tat Ausdruck verlieh und gleichzeitig das Verlangen aussprach, die Kul- turkampfsgesetze nach den Satzungen der röm.- kathol. Kirche abzuändern.

Die Antwort erfolgte im Namen des schwerver­letzten Kaisers am 10. Juni durch den Kron» Prinzen Friedrich. In derselben wird das „Verlangen, die Berfaflung und die Gesetze Preu­ßens nach den Satzungen der röm.-kathol. Kirche abzuändern" abgelehnt, dagegen wird der Hoff­nung Ausdruck gegeben, daß, da nun eine grund­sätzliche Verständigung nicht erreichbar sei, doch eine versöhnliche Gesinnung beider Teile, auch für Preußen, den Weg zum Fristen eröffnen würde, der anderen Staaten niemals verschlossen mar". Auch dieser Brief verriet mehr Ablehnung als Ent­gegenkommen, und doch doch war eine gewisse Nei­gung, den Frieden anzubahnen, unverkennbar.

Das Eis war gebrochen! Wenngleich Bismarck noch lange nicht an einen Gang nach Canossa dachte, wenn auch die Politik der Nadelstiche von den niederen Behörden meist den Katholiken gegen­über noch fortgesetzt wurde, so fand er sich doch be­reit, gelegentlich eines Besuches m München in diesem Jahre 78 mit dem päpstlichen Nuntius Ma- sella Verhandlungen anzuknüpfen, die im gleichen Jahre bei seinem Dadeaufenthalt in Kissinger, fort» aesetzt wurden. Ihnen folgten dann im nächsten Jahre am gleichen Orte die Unterredungen mit dem damaligen Protonuntius, späteren Kardinal und päpstlichen Staatssekretär Lodovico Jaco­bi n i, die sich in den folgenden Jahren zu Gastein wiederholten und dann 1880 mit dem deutschen Botschafter Prinzen Reuß in Wien fortgesetzt wur­den.

Friedenstauben, Vorboten des Friedens, Ge­schöpfe zartester Natur, die Jahre lang umherirr-