Einzelbild herunterladen
 

Anzeiger für die Lkadk Fulda und den Landkreis Fulda. Amkliches Areisblait.

Nr. 30.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1.80 Mk.

Sonntag, 5. Februar 1928.

Nnzeiqen-Preise: Kleinzeile (Colonel) total 0,15 JLM. auswärts 0,20 JUl. Reklamezeile: lokal 0,60 JUt auswärts 0,80 5LK. Bei Wiederholungen Rabatt. :»: Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr 4051

55.Zahrg.

Sicherheitspolitik im Zeichen derWahlen.

Der französische Außenminister Briand hat im Senat dem deutschen Außenminister Stresemann die Antwort auf seine Reichstagsrede erteilt. Wenn sich auch jetzt wieder ergibt, daß Briand an .sich gewiß ehrlicherweise die Verständigung mit Deutschland will, so legen doch gerade seine Aus­führungen Zeugnis davon ab, daß das Frankreich von heute immer noch politisch unter dem Zeichen der sogenannten „Sicherheit" gegenüber Deutschland macht. Und diese Sicherheitspolitik steht ganz offensichtlich unter dem Zeichen der kom­menden Wahlen. So hat Briand bei allen ver­bindlichen Worten doch über das Kernproblem der deutsch-französischen Beziehungen, über die Räu­mung der Rheinlande keine positiven Ausführun­gen gemacht, sondern erkennen lassen, daß für die Gestaltung dieser Dinge der Ausfall der kommen­den Wahlen in Frankreich entscheidend sein werde. Briand will die Räumungsfrage als eine g e - s ch ä f t l i ch e Angelegenheit betrachtet wissen. Er verkennt damit vollständ. den Sinn und das We­sen des Problems, das eine Frage des Rechts und der Gerechtigkeit ist, und das sich nicht nach kauf­männischen Grundsätzen aushandeln läßt.

Bor allen Dingen hat aber die Rede Briands wieder gezeigt, wie verhängnisvoll der Einfluß gewisser deutscher Politiker auf die Gestaltung dieser Dinge ist. Die verhängnisvollen Wirkun­gen der Rede des deutschnationalen Abgeordneten Freytagh-Loringhoven zeigen sich be­reits in einer Steigerung des Mißtrauens in Frankreich, und so war es Briand leicht gemacht, 'gerade diese Ausführungen des deutschnationalen Sprechers im Reichstag zum Borwand für die er­neute Absage an Deutschland und zur Begründung für die reservierte Haltung Frankreichs in der Räumungsfrage zu machen. Nach dem Bericht des„Berliner Tageblatt" sagte Briand zu diesen Dingen folgendes:

„Ich komme noch einmal auf die Rede Stresemanns zurück und will meinem Kollegen in Deutschland aufrich­tig sagen, daß mir ein Wort, das er ausgesprochen, wenig gefallen hat. Cr sprach von Heuchelei, wenn wir an die Sicherheit im Rheinland denken. Aber schon einer der nächsten Redner, Herr v. Freytag-Loringhoven hat ein Kriegsprogramm aufgestellt, das eine furchtbare Antwort für Stresemann war. Aus diesem Pro­gramm ist leicht zu schließen, daß der kriegerische Geist

Deutschlands noch nicht gestorben ist. Ich gestehe gern, daß Herr Stresemann diesen Geist immer bekämpft hat. Heute aber wende ich mich zu ihm und sage ihm: Sie behaupten, daß die Haltung Frankreichs für Deutschland erniedrigend ist. Ich bestreite dies. Ich habe Vertrauen zu Ihrer Loyalität. Aber ist es so ausgeschlossen, daß ein Umschwuug der Stimmung Herrn v. Freytag-Loringhoven zum Minister machen kann? Was würde dann geschehen? In der Partei des Herrn v. Freytag-Loringhoven ist allerdings eine Ent­wicklung in der Richtung nach Locarno zu bemerken. Aber es bleiben in ihr noch sehr viele Elemente zurück, die unsere Sorge um die Sicherheit Frankreichs begreif­lich erscheinen lassen." .

Nichts schadet im internationalen Leben und insbesondere in der internationalen Politik mehr, als Zweideutigkeit und Unaufrichtigkeit. Wir ha­ben in der Tat alles Interesse daran, unsere Au­ßenpol. nicht in diesen Ruf der Unaufrichtigkeit kom­men zu lassen. Aber ebenso sehr haben wir An­spruch darauf, daß die Gegenseite nicht unter un­aufrichtigen Gründen uns die Erfüllung unserer Rechtsansprüche vorenthält.

*

Eine Privatinformation des W^B. besagt: Die nach Berlin gelangten Berichte über die 2^stün- dige Rede Briands im Senat sind nicht ausführ­lich genug, um eine sichere Würdigung der poli­tischen Bedeutung dieser Kundgebung zuzulassen und widersprechen sich außerdem.an einigen Stel­len. Erst nach dem Eintreffen des Wortlautes wird festgestellt werden können, was zu der Be­hauptung, daß die im Anschluß an Thoiry erwar­teten deutschen Vorschläge ausgeblieben seien, zu saaen ist. Dasselbe ailt von der Stelle der Briand- rede über eine angebliche Weigerung, ein Schrift­stück mit deutschen Forderungen vor der Unterzeich­nung der Lecarnoverträae entoeaen.zunehmen. Be­deutsam erscheint aber unter allen Umständen, daß Briand die über die Grenzen hinausgehende E r- örternng der Räumungsfrage begrüßt, ferner, daß er die Frage der vorzeitigen Räumung als Geschäft bezeichnet, vor allem aber seine eigene Feststellung, daß Frankreich am Rhein nichts zu fürchten habe. Damit gibt er selber zu, daß die Forderung nach neuen Sicherheiten, und nur diese hat Dr. Stresemann als Heuche­lei bezeichnet, unberechtigt ist.

TreWe Worte des pre< AndmrtsWsllNisters.

Nuseinanoersetzung mit übelwollenden Uritikern im Landtag. — Der Landbund. — Sachliche Vorschläge des Zentrums zur Behebung der Not in der Landwirtschaft.

In einer Zeit, in der seit Jahresfrist int Reichs- radi.lett, das für die Richtung und Ausgestaltung der deutschen Wirtschaftchrolitik und damit auch der Agrarpolltik von entscheidender Bedeutung ist, vier deutschnationale Minister fitzen, darunter der aus der Landwirtschaft hervorgegangene Herr Schiele Reichsernährungsminister ist, außerdem die Deutsche Bockspartei, in deren Reichstagsfrakticm der Landbundführer Hepp bekanntlich eine große Rolle spielt, gleichfalls maßgebende Regierungs­partei ist, muß der Landbund, wie es in seinem Kasseler Organ in einer Polemik gegen die Ful­daer Zeitung geschieht, zugeben, daß der „Lano- wirtschaft teilweise das Wasser bis zum Halse" steht". Ein besonnener Beurteiler der Dinge wird sagen: die Reichsregienmg, die zweifellos von gro­ßem Wohlwollen für die Landwirtschaft beseelt ist, konnte der Landwirtschaft unter dem Druck der wirtschaftlichen Gesamtlage des an die Entente zahlungspflichtigen Deutschlands eben keine Hilfe bringen. Die Verhältnisse sind stärker als der gute Wille! Was tun aber die parteipolitisch eingestell­ten Führer des Landbundes? Sie unterstreichen Echt die Unmöglichkeit, die für die dem Landbund befreundete Reichsregierung besteht, Hilfe zu brin- Sm, sondern fallen über den preußischen Land- Eirtschaftsminister her, der das Unglück hat, ein Zentrumsmann zu fein. Am 3. Februar hat 3- B. wieder in Marburg eine große Bauern- kundgebung stattgefunden, die nach dem Bcisprel vieler anderer Bezirke zu Protestumzügen durch die Straßen der Stadt führte, ein den Großstadt- provetatiem abgesehener Brauch mit sehr großen Schattenseiten. In der Marburger Versammlung Eurde gesagt, „die gesamten Maßnahmen des preu- tzllchen Landwirtschaftsministers Steiger bedeuteten eine völlige Bankrotterklärung." Gegen derartige Behauptungen, auf deren „energischen Ton" der „Kuchessische Landbund" besonders stolz ist und dessen kritische Würdigung durch die Fuldaer Ztg. er sich in der erwähnten Polemik verbittet, wandte sich jetzt der preußische Landwirtschaftsmimster selbst. Dr. Steiger ergriff in der Landtagssitzung am Freitag bei der Beratung des Haushalts der land- wirtschaftlichen Verwaltung das Wort und wies die Angriffe zurück, die der deutschnationale Abg. Milberg am Tage zuvor gegen ihn und die preu­ßische Staatsregierung echoben hat, indem er be­hauptete, die preußische Staatsregierung tue nichts für die Landwirtschaft und der preußische Minister sei überhaupt über die Einzelheiten nicht unterrichtet.

Der Minister erklärt, dciß er sehr wohl wisse, daß die Derhäünisse in den einzelnen Provinzen durchaus ver­schieden liegen. Was verwirklicht werden kann, das habe der Minister bereits im Hauptausschuß entwickelt. Was das Reich jetzt tue, sei nichts anderes wie das, was der Minister schon früher vorgeschlagen habe. Die Entscheidung muß bei den einzelnen Provinzen liegen. Wenn hier eine Entscheidung getroffen ist, dann kann «in Fonds gegeben werden bis zu dem Zeitpunkt, da das Geld da ist. Der Minister verweist in diesem Zusam­menhang auf die Aufnahme von Au sla n d sa n I ei- 6 e n. Erst müsse aber zunächst ein Beschluß vorliegen. .

Preußen sei gewillt, besonders der schwer notleidenden Provinz Pommern zu helfen. Er selbst sei auch sehr wohl unterrichtet, wie er im Gegensatz zu den Behaup­tungen des Abg. Milberg hervorheben möchte, über die Wünsche in den einzelnen Gebieten. Der Abg. Milberg habe auch seine Haltung zu den Z o l l v o r l a g e n kri­tisiert. Dabei habe das preußische Kabinett für Gernüse- und Obstzölle gestimmt, die es vor dem Kriege gar nicht gegeben habe. Der Minister erinnert an die Hal­tung der D e u t s ch n a t i o n a I e n in der Frage und erklärt, wer im Glashause sitze, soll nicht mit Steinen werfen. Milberg habe Vorschläge gemacht, die sich nicht verwirklichen lassen. Was Preußen getan habe, habe er als ungenügenb bezeichnet, wahrend er dem Reich mildernde Um stände zugebilligt habe. (Heiterkeit.)

Für die Zentrumspariei ergriff der Abgeordnete Roingh das Wort. Seine Ausführungen waren rein fachlich, maßvoll und machten infolgedessen Eindruck. Roingh sagte u. a.:

Bauernnot sei Volksnot. Von der allgemeinen Reichswirtschaftspolitik müsse eine Abkehr erfolgen, von der einseitigen Be­günstigung der Exportpolitik müsse übergegangen werden zur Wiederoufrichtung des inneren Marktes, der von bisher ungeahntem Einfluß sei auf die Entwicklung?- und Absatzmöglichkeiten der industriel­len und gewerblichen Fabrikation. Die Aufnahme in der Landwirtschaft an gewerblichen Erzeugnissen sei bislang erfolgt in einem Jahreswerte von 6 Milliarden. Bei wei­terer Intensivierung und größerer Zahlungsfähigkeit fei sie aber imstande, wesentlich mehr aufzunehmen, so daß die Intensivierung der Nahrungsmittelerzeugung nicht nur die Gesundung des inneren Marktes erziele, sondern auch die Einfuhr an Lebensrnitteln vom Ausland, die im letzten Jahre 3J4 Milliarden betragen habe, entbehrlich mache, so daß die Sanierung der Handelsbilanz leichter erreicht werde. In dieser Beziehung sei bet den Führern der westlichen Industrie ein erfreulicher Gesinnungsum­schwung eingetreten. Die Möglichkeit der Produktions- steigerung in der Landwirtschaft fei natürlich abhängig von der Wiederherstellung der Rentabilität. Dies sei zu­nächst das wichtigste Problem. Dazu gehöre in erster Linie d i e Selbsthilfe des Bauern st andes, angeregt durch eine entsprechende Berufsberatung durch die Landwirtschaftskammern. — Diese müßten durch erhöhte Staatsmittel dazu instand gesetzt werden, vor allem auch bezüglich der besseren Berufsausbil- d u n g der jungen Bauern durch die landwirtschaftlichen Schulen. Hierfür ständen zu wenig Mittel im Etat, die non der Zentrumspartei durch Anträge erfordert wür­den. Ebenfalls forderte er 1,5 Millionen Staatsmittel mehr zur Hebung der Rindvieh- und Klein­viehzucht. Die Hebung fei im Sinne der Denkschrift des Landwirtschaftsministers zu erstreben. Ferner ver­langte der Redner eine gesunde Schutzzollpolitik, die den erschwerten Produktionsbedingungen ausreichend Rech­nung trage, besonders für die Veredelungswirtschaft wie tnsbefonbere höheren Mehlzoll unb Fleischzoll. Auch sei die bisherige Regelung der Gefrierfleischeinfuhr nicht zu halten: erforderlich sei Abkehr von dem zollfreien Kon­tingent mit mäßigem Zoll, der den Minderbemittelten billiges Fleisch belasse, die Viehzucht, besonders des We­stens, aber schütze. Der Redner dankt dem Minister für sein unentwegtes Eintreten gegen die Einfuhr von leben­den Schweinen aus Polen. Mit der Abwehr der polni­schen Schweineeinfuhr stehe und falle die deutsche Schwei- nezucht, Zur.Rettung.der unretapel gewordenen Schwei»

Der Herr Reichspräsident empfing Ab­ordnungen des Reichslandbundes unter Führung seiner Präsidenten Graf Kalckreuth und Hepp, der Vereinigung der Deutschen Bauernvereine unter Führung des Vizepräsidenten ©tarnet jo bann, sowie der Deutschen Bauernschaft unter Führung ihres Geschäftsführers Lübke. Die Herren erstatte­ten dem Reichspräsidenten Bericht über die gegen­wärtige Notlage der Landwirte und unterbreiteten ihm eine Reihe von Vorschlägen zur Wiederherstel­lung geordneter und gesicherter Verhältnisse in der Landwirtschaft.

♦

Das B. T. will erfahren haben, daß die äugen- • blickliche Anwesenheit von Dr. Hermes in Berlin neben der Berichterstattung über den Stand der Warschauer Verhandlungen vor allem der Riick- vracke mit Vertretern der deutschen Bauernver­eine über die eventuelle Uebernahme des Präsi- rentenpostens, der durch den Rücktritt des Frhr. v. Kerkerinck frei geworden ist, gilt Eine Ent­scheidung in dieser Frage ist noch nicht gefallen. Die durch den Rücktritt Kerkerincks bei den Bau­ernvereinen offen rsttage getretene Spannung hat

nezucht gehöre auch der Ausbau der landwirtschaftlichen Konjunkturstatistik unb eine bessere Erfassung ber Bieh- bestänbe burch eine schärfere Kontrolle bei ben amtlichen Viehzählungen. Die Betriebsausgaben feien all- gemein im Verhältnis zu ben Einnahmen ber Landwirt- fchaft zu stark gestiegen. Dazu gehöre auch bas Maschi­nen- unb Gerätekonto. Der Reimer forbert schärfere staatliche Kontrolle gegen Auswüchse des Trust- unb Kar­tellwesens wegen ihrer Preisdiktatur, bcfriebigenbe Re­gelung ber ßanbarbeiterfrage, die sich zu einem immer schwierigeren Problem gestalte, ferner eine gesunde Steuerreform. Neben der Vereinfachung des Steuer- wesens müsse man mehr zur P e r j o n aIb eft eiu e • r u n g übergehen mit dem Ziel ber Entlastung der Real­steuern. Auch muffe bie Regierung aufmerksam den untragbar gewordenen Lastenausgleich kontrollieren, der in dem endgültigen Finanzausgleich Erleichterungen des platten Landes bringen müsse. Auch den w e 11 e r ge­schädigten Landwirten müsse größeres Entgegenkom­men seitens der Reichs- unb Lanbessteuerbehörden ge­zeigt werben. Das System ber Schullasten unb Straßenbaulasten müsse geänbert werben, da der jetzige Zustand für das Land untragbar sei. Auch feien Sozial- unb Zinslasten ebenfalls so stark gestiegen, baß eine staatliche Entschulbungs- unb Zinsverbilligungs- attion eintreten müsse. Zusammenfassenb stellt ber Web­ner fest, baß ber geringen Preissteigerung landwirt­schaftlicher Produkte stark verteuerte Betriebskosten ge­genüber stehen. Das Ergebnis ist Zuschuhwirtschaft. Be­züglich des Meliorationswesens unb ber Wasserwirtschaft treffen ben Minister Steiger nicht bie Vorwürfe der Deutschnationalen und des Reichslandbundes, sondern ber Minister werbe hier zu sehr vom Finanzminister im Stich gelassen. Angesichts seiner fruchtbringenden Ar­beit habe der Landwirtschaftsminister bie Angriffe von rechts nicht verbient. Das müsse verstimmen unb för« bere nicht bie gemeinschaftliche Arbeit ber landwirtschaft­lichen Berufsvertreter. Reimer forbert staatliche Mit­tel zur Entlastung bes Schweinemarktes etwa durch Schaffung staatlicher Fürsorge für Einrichtung von Ba- con-Industrien und Entlastung des Ueberseegebotes durch Konservierung von Schweinen. Die Zinsverbilli­gungsaktion für Molkereiwesen und Meliorationen be­grüßt der Redner und hofft, daß man in den nächsten Tagen im Reich die richtige Methode erkenne, wie man schnellstens der Agrarkrise beikommt. (Beifall.)

Diese Erklärung für den preußischen Land- wirtschaftsminister hebt, wie man sieht die Bedeu­tung des Reichs für die Lage der Landwirt­schaft mit allem Nachdruck hervor und kennzeichnet die merkwürdige Politik der Landbund-Protest- versammlungen. In der preußischen Landwirt» schaftsdebatte- war noch bemerkenswert, was der demokratische Landwirtschaftsvertreter W a ch - hör st de Wente sagte:

3m Reichslandbund habe man bei der letzten Tagung erwogen, geschlossen vor das Landwirtschafts­ministerium zu ziehen, um den Minister zu zwin­gen, vor der Organisation zu erscheinen, die die preu­ßische Staatsregierung unb besonders den Landwirt- schaftsminister auf das schärfste brüskiert, die sich weigert, die verfassungsmäßige Reichs­flagge zu zeigen, die das Parlament einen Sau- stall nennt unb doch nachher mit Petitionen über Pe­titionen zu diesem „Saustall" unb zur Regierung kommt. (Sehr wahr! links.) Was ist bas für eine törichte Po­litik, wenn man für die Landwirtschaft etwas erreichen will, die Staatsregierung zu brüskieren? Der Landbund marschiert ja unter militärischer Führung. Ein Major und ein Oberstleutnant sind seine Führer. Was haben Sie (zu den Deutschnationalen) schon alles ver­sprochen, zum Beispiel in der Aufwertungsfrage. Wo ist das Programm der Reichsregierung, das Schiele angetünbigt hat? Bisher ist es nur ein Programm der Programmlosigkeit. Der Redner beschäf­tigt sich dann mit der Kreditgebarung der Preußischen Genossenschaftskasse. Am 31. Dezember 1927 waren 933 Millionen Kredit von der Preußenkasse ausgegeben, da­von entfielen auf die Landwirtschaft 836 Millionen. Nur ber geringe Rest kam bem Gewerbe zugute, lieber 90 Millionen bes landwirtschaftlichen genossenschaftlichen Kredits sind in Einzelbeträgen von über 20 000 Mk. aus- gegeben worben. Kein Mensch wirb bezweifeln können, baß diese Kredite ben Großgrunbbesitzern zu­gute kamen. Die Rentenbank-Krebitanstalt vertrete überhaupt in erster Linie bie Interessen bes Großgrunb- besitzes. In Zukunft müßten bie Kredite der Preußen- lasse mehr als bisher ben Bauern zugute kommen. Der Webner lehnt bann ben lückenlosen Zolltarif ab.

Die weitere Beratung wurde dann durch die zurückgestellten Abstimmungen zum Haushalt für Domänenverwaltung unterbrochen. Es wur­den dann u. a. Anträge des Hauptausfchuffes an­genommen, die die sofortige Bereitstellung des Restbetrages der Kredite für Landarbeiterwohnun. gen verlangen. Angenommen wurden auch dieje­nigen Anträge des Ausschusses, die sich für eine Förderung der staatlichen Bäder einsetzen. Weiter wurden Kredite für die Errichtung bäuerlicher Siedlungen verlangt.

Mit diesen Abstimmungen ist der Haushalt der Domänenverwaltung auch In zweiter Lesung ver­abschiedet und das Haus wendet sich wieder der Aussprache über den Landwirtschaftsetat W. Sie brachte aber nichts von Bedeutung mehr. Das Haus vertagte sich auf Dienstag.

noch eine weitere Verschärfung dadurch erfahren, daß auch das geschäftsführende Vorstandsmitglied, der Zentrumsabgeordnete Dr. Crone-Münz e- b r o ck sein Amt niedergelegt hat. Das Blatt schreibt, es scheinen starke Tendenzen am Werke zu fein, um bei Gelegenheit der Neuwahl des Präsi­denten den Riß, der sich durch den Austritt des Rheinischen Bauernvereins aus den Bauernvereinen ergeben hat, zu überbrücken und den Rheinischen Bauernverein wiederum an die deutschen Bauernvereine anzuschließen.

3um Schulgesetz.

Der evangel. Reichselternbund zum Schulgesetz.

rotb. Berlin, 4. Febr. (Eig. Funkm.). Dtz Führer der 18 Landesorganisationen des evangt. Reichselternbundes treten am 10. Febr. in Berlin zusammen, um zu den Ergebnissen der ersten Lesung des Reichsschulgesetzes Stellung zu nehmen und über die Anträge der Elternschaft zur bevorstehenden zweiten Lesung zu beschließen.

Die wirtschaftsverhandlungen.

Die tzandelsvertragsverhandlungen mit Polen.

rotb. Warschau, 4. Febr. (Eig. Funkm.). Wie die polnische Presse erfährt, bildet der deutsche Vorschlag, die deutsch-volnischen Handelsvertrags­verhandlungen zeitweilig nach Berlin zu ver­legen, gegenwärtig Gegenstand der Beratung der polnischen Regierung. Der Bevollmächtigte der polnischen Regierung für deutsch-polnische Unter­handlungen, Dr. Prondzynski, fährt heute nach Berlin zurück, um mit der deutschen Regierung Verhandlungen über die diversen Abrechnungs-, Versicherungs- und Valorisierungsfragen fortzu­setzen.

Deutsch-russische wirtschaflsverhandluugenn.

Wie die Telegr. Agentur der Sowjetunion er­fährt, begibt sich das Mitglied des Kollegiums des Handelskommissariats Schleifer zu Wirtschafts­verhandlungen mit der deutschen Regierung nach Berlin. An den Verhandlungen werden seitens der Sowjetunion auch hohe Beamte des Handels­kommissariats und des Kommissariats für auswär, tige Angelegenheiten, nämlich Kaufmann und Ro­senblum, sowie ein Vertreter der Berliner Sowjet­handelsvertretung uvd ein Vertreter der Sowjet­botschaft in Berlin teilnehmen.

Die polnisch-russischen Verhandlungen.

rotb. Warschau, 4. Febr. (Eig. Funkm.). In der offiziösen „Epoka" wird versichert, daß die Rückkehr der beiden polnischen Sonderdelegierten Holuwko und Sokolowski kein Hindernis für die kommenden polnisch-russischen Handelsvertragsver- Handlungen bilde. Die endgültige Entscheidung über die mit dieser Angelegenheit verknüpften Fra- zen werde nach der Unterredung Marschalls P i l- u d s k i s mit Außenminister Zalewski allen.

Die Lage in Indien.

In Madras griff bei einer Demonstration die Polizei ein und machte von der Schußwaffe Gebrauch. Ein Demonstrant wurde getötet, fünf schwer verletzt. Auch einige Polizisten wurden ver­letzt. In Bombay findet ein Proteststreik statt. Auch hier griff die Polizei ein und stellte die Ordnung wieder her. Straßenbahnen und Autobusse, die mit Steinen beworfen worden wa­ren, verkehren unter polizeilichem Schutz. Die An­hänger der Boykottbewegung verbrannten die Bil­der von Baldwin, Birkenhead, Siron und Mae- donald. Im allgemeinen herrscht Ruhe.

Eine weitere Meldung besagt:

Infolge der von der Polizei in Madras auf die Manifestanten abgegebenen Schüsse wurden zwei Personen getötet und 17 verletzt. Acht Poli­zisten wurden verletzt, darunter zwei Unterofft- ziere. Die Polizei ist noch nicht Herrin der Lage, es wurde notwendig, Ir uppen herbeizu- rufen. Die vor dem Gebäude des Obergerichts versammelte Menge warf Steine gegen die Poli­zisten und griff Europäer an, die in Automobilen nach Hause zurückkehrten. Dabei wurden zwei Kraftwagen zerstört.

Aufdeckung einer kommunistischen Propaganda- zentrale.

In Singapore wurde eine kommunistische Propagandazentrale entdeckt, von der man an« nimmt, daß sie den Mittelpunkt der gesamten Pro­paganda in Singapore und Ostindien gebildet hat. Fünf Chinesen, unter ihnen eine Frau, wurden verhaftet und große Massen kommunistischer Li­teratur beschlagnahmt.

poinearss Ananzrede.

In der französischen Kammer hat Poincar? seine große Finanzrede gehalten. Er sprach zuerst von dem Steuersystem und erkannte an, daß cs reformbedürftig sei. Doch müsse man in dieser Hinsicht vorsichtig fein, um das Gleichge­wicht des Budgets nicht ins Wanken zu bringen. Er behandelte bann die Sage der französischen Wirtschaft, auf die man nach seiner Ansicht bei der Währungsfrage ganz besonders Rücksicht neh­men müsse. Ihr Wiederaufbau fei noch nicht be­endet, aber er habe alles getan, was man tun könne, um sie den Erfordernissen der neuen Zeit anzuvassen. So seien durch den Wirtschaftsrat die Probleme der Rationalisierung zur Prüfung gestellt worden, so sei die Frage der Be­ziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitneh­mern aufgeworfen worden. Zum Schluß feiner Ausführung forderte Poincare alle lebendigen Kräje» Frankreichs zur Zusammenarbeit i m 2.o