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uldaerZertung

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 26.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. x Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Mittwoch, 1. Februar 1928.

Ihr Kennt uns schlecht!

Von einem besonderen zentrumsparlamenta- rischen Mitarbeiter wird uns zu dem Ergebnis der Sitzung des Reichsparteiausschusses der Deut­schen Zentrumspartei und ihrem Echo in der Presse folgendes geschrieben:

Zum tausendsten Male ist dem Zentrum der Untergang, zum mindesten aber die „Spaltung" prophezeit worden. Mit unverhohlener Schaden­freude hat man die „Aktionen" einiger führender Persönlichkeiten der christlichen Arbeiterbewegung begleitet, in der Erwartung, daß das „Spreng­pulver" von innen heraus immer noch wirksamer wäre, als das, was man immer wieder vergeblich von mißen an das Zentrum heranbrachte.

Die Enttäuschung ist groß, freilich nicht bei uns, sondern bei den Anderen, die sich in sol­chen Spekulationen und Phantasien ergingen. Was ist nicht alles vor der Tagung der Parteiinstanzen in der gegnerischen Presse zu lesen gewesen, über alle nur möglichen Pläne und Msichten, die dabei zum Austrag gebracht werden sollen. Was ist nicht allein darüber geschrieben worden, daß es über die Stellung des Zentrums zum Staat undzurVerfassungzur „Entscheidung" käme.

Und was geschah? Nicht mit einem einzigen Worte ist in der Aussprache auf dem Reichspartei­ausschuß auf diese Angelegenheit überhaupt ein­gegangen worden. Wir haben in dieser Frage keine Entscheidung mehr zu treffen, einfach deshalb, weil sie schon längst getwffeN ist. Für die Partei sind, und das hat der Reichskanzler mit einmütig«: Zustimmung der Tagung in seinen grundsätzlichen Ausführungen zum Ausdruck gebracht, die Be­schlüsse von Kassel und Erfurt absolut maßgebend und bindend, jede weitere Diskussion darüber ist vollständig überflüssig.

Und wie empfand man in einzelnen Presseorga­nen schon eine Vorfreude darüber, daß es nun doch durch die „Rebellion" des „Arbeiterflügels" der Zentnimspartei zu einer „Spaltung" der Partei käme.

Und was ist bezüglich dieser Frage das Er­gebnis der Tagung des Reichsparteiausschusses? Daß die Partei ihre Einheit und Geschlossenheit aus einer weit stärkeren Basis, als das bischer der Fall war, sich errang.

Denn kein einziger von den Mrenden Persön­lichkeiten der christlichen Arbeiterbewegung, durch die der wirkliche Wille der hinter ihnen stehenden AcöMrrschichteu zum Ausdruck gebracht wurde, hat auch nur den Gedanken einer Spaltung für dis­kutabel gehalten. Ganz im Gegenteil hat jeder mit Entschiedenheit solche Erwägungen von sich ab gewiesen und mit geradezu imponierender Kraft ausgesprochen, daß alles das, was im Ar­beiterlager jetzt vorgehe, ja getragen sei von dem heißen Willen, Gefahren von der Partei zu wenden und die Deutsche Zentrumspartei einig, geschlossen, groß und stark zu machen, damit sie den kommenden wichtigen Ausgaben im Wahl­kampfe gewachsen ist.

. Für uns ist dieses Resultat, an dem wir aber tn Kenntnis des politischen Verständnisses unser« christlichen Arbeiterschaft, aber auch der Treue und Anhänglichkeit zu der Partei, niemals gezweifelt haben, eine große Freude, für die Anderen aller­dings eine große Enttäuschung.

Und nun heißt es für uns: Ans Werk zur Erlangung des sozialen Volksstaates, in welchem gerade die am härtesten ringenden Schichten der produktiv arbeitenden Menschen ihrem Werte ent­sprechend berücksichtigt werden und den ihnen ge­bührenden Anteil, nicht nur an der Verwaltung dieses Staates, sondern auch an der Verteilung der Güter, erhalten. Denn nicht innerlich zerrissen? und durch die Sorge um die Erhaltung ihrer Exi- stenz bedrückte, mißtrauische, sondern nur in ihrem Werte als Menschen und Persönlichkeiten geachtete und ausreichend materiell gesicherte Menschen kön­nen freudige Mitkämpfer beim Aufbau des Staa­tes der Volksgemeinschaft sein.

«

Die Nichtzentrumspresse, die sich außerordent­lich enttäuscht darüber zeigt, daß die Tagung des NeichsparteiausschusseS nicht zu einer inneren Kri­lls für das Zentrum führte, sucht sich nun für den Fehlschlag ihrer Erwartungen und für die Bla­mage, die sie sich durch die künstlich aufgebauschten Sensationen bei ihrer Leserschaft holte, dadurch zu entschädigen, daß sie die gefaßte Resolution mit dem Stichwort versieht „Kein Vertrauen zur Par­teiführung" oder „Kein Vertrauen für M a r x" und dergleichen.

Wir stellen demgegenüber fest, daß die einmütig vom Parteiausschuß, der noch selten so stark be­sucht war wie diesmal, gefaßte Resolution der Parteiführung „Dank und Anerken­nung" ausspricht.

Das ist mehr, als eine einfache formale Ver­trauenskundgebung. Ein Vertrauensvotum kann man auch jemandem geben, der Fehler gemacht hat, der aber aus taktischen Gründen nach außenhin gedeckt werden soll. Hier aber handelt es sich um etwas ganz anderes. Der Ausdruck des Dankes und der Anerkennung bedeutet die volle Billigung für das gesamte Wirken und Schaffen der betref­fenden Persönlichkeit oder der betreffenden Jnstcmz. Er bedeutet darüber hinaus die dankbare Würdi­gung nicht nur der Verdienste, die sich die betref­fende Stele erworben, sondern auch der Er'olge, die *le errungen hat. In diesem Sinne und mit diesem Klärten Willen ist ganz bewußt die Kundgebung

Reichsparteiausschusses gefaßt und, wie betont, unmutig beschlossen worden.

.Wenn schließlich noch daran herumgemä^elt wird, Miß in der Resolution nicht besonders von dem ^auzler Marx, sondern nur von der „Part ei - lUhrung" gesprochen wird, so müssen wir auf vas Bestimmteste und Deutlichste zum Ausdruck mmgen, daß für uns Parteiführung und Parteiführer eins ist; und auch hier war es

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öö.Zahrg.

wieder der einmütige Wille des Reichsparteiaus­schusses, durch die Formulierung des Wortes Par­teiführung in allererster Linie den Parteiführer zu kennzeichnen, der diese Führung ja' inne hat und nach innen und außen repräsentiert, und chm Dank und Anerkennung in einer weit über eine formale Vertrauensfloskel hinausgehenden Form zum Aus­druck zu bringen.

Es ist also wieder nichts mit der Krisensucht und Krisenriecherei der zentrumsgegnerkschen Presse. Wann wird diese Sensationsmache, die immer wie­der mit dem Zentrum betrieben wird, endlich einmal aufhören? _____________________

Gegen Landbund-Demagogie.

Das deutsch-polnische Komitee, das Ab­geordnete des Reichstages und des preußischen Landtages von der Sozialdemokratie bis zur Deut­schen Volkspartei zu Mitgliedern zählt, erhebt gegen die Erklärung des Schlesischen L a n d-

bundes Einspruch, er werde den Handelsvertrag mit Polen nicht dulden, indem es ausführt:

Der sich anbahnenden Wirtschaftsver- ständigung zwischen Deutschland und Polen, über deren Bedeutung zwischen den Au­ßenministern beider Länder bekanntermaßen Ein­verständnis besteht, kommt nicht nur eine roirt« schaftliche, sondern auch eminent politische Be­deutung zu. Die danach einsetzende Entwicklung wird durch Kundgebungen, wie die des schlesischen Landbundes gefährdet. Bei voller Würdi­gung der gegenwärtigen Notlage unserer Land­wirtschaft und der Notwendigkeit, ihr jede mögliche Hilfe zu ernähren, darf nicht übersehen werden, daß durch eine Aktion, wie die des Schlesischen Landbundes der deutschen Gesamtwirt­schaft Abbruch geschieht. Darüber hinaus werden dadurch politische Ziele gefährdet, über welche die Parteien der Linken mit denen der Mitte und zu nicht unwesentlichen, Teilen der Rech­ten einig sind.

W Hauptpunkte der deutschen Achenpotitlk.

Äresemamis Bede im Beichstag. — Die Deulschnationalen müssen Strefemanns Butzenpolitik milmachen. — „Es geht vorwärts".

Reichsaußenminister Dr. S * r e f e tn a n n hat Krankheitswochen hinter sich. Er ist noch scho­nungsbedürftig. Gleichwohl fesselte er mit seiner Rede über dir deutsche Außenpolitik den Reichstag, als er am Montag zum Titel des Auswärtigen Amtes das Wort ergriff.

Er ging sofort zu den großen außenpolitischen Fra­gen über und bebandelte zunächst die jetzt im Vorder­grund des Interesses stehende

Sicherheitsfrage.

Er verweist auf die in der Vorwoche veröffentlichte Denkschrift und geht auf die Vorgeschichte der Sicher­heitskonferenz ein. Dabei betont er, daß im Dezember sich das Sicherheitskornitee konstituiert habe, um seine für den 20. Februar anberaumte Ta­gung vorzubereiten. Die Berichterstatter dieses Komitees seien jetzt in Prag unter Vorsitz des tschechischen Außen­ministers Dr. B e n e s ch versammelt und man müsse erwarten, daß auf der Märztagung der Sicherheitskon­ferenz es dazu kommen werde, die technischen Vorarbei­ten zum Abschluß zu bringen und die Einberufung der ersten Entwafjnunaskonferenz selbst zu beschüeßen.

„Schon in Genf habe ich", erklärte Dr. Stresmann, „betont, daß Deutschland' bereit ist, an den Arbeiten der Entwaffnungskommission teilzunehmen. Die jetzt veröffentlichte Denkschrift erbringt den deutlichsten Beweis, daß es uns mit dieser Zusage ernst ist. Wir müssen immer wieder _betonen, daß bisher kein Staat soviel zur Lösung der Sicherheitsfragen beigetragen hat, wie Deutschland. (Lebhafte Zustimmung im ganzen Hause). ' ’ I

Wir haben abgerüstet, wir haben die Locarno-Ver­träge abgeschlossen und mir haben uns für sämtliche all­gemeinen Fragen der Gerichtsbarkeit des Weltschieds­gerichtshofes unterworfen, indem wir beinahe eine lückenlose Reihe von Schiedsgerichtsverträgen mit den anderen Staaten abgeschlossen haben. Die Denkschrift zeigt auch, welche praktische Arbeit in der Frage der Entwaffnung geleistet werden kann und die Ausführun­gen der Denkschrift sind so klar, daß ein Streit über ihre Tendenz nicht möglich ist.

Es ist eine Binsenwahrheit, daß der Völkerbund

feinen Zweck der friedlichen Zusammenfassung der Staaten nicht erfüllen kann, wenn sein einheitliches Vor­gehen durch Spaltungen innerhalb feiner Mitglieder unterbunden wird. So einfach diese Wahrheit Ist, so ift es doch notwendig, darauf binzuweisen, daß es nicht dazu kommen darf, daß der Gedanke des Völkerfriedens in falsche Bahnen aelenkt wird. ^Lebhafte Zustimmung.) Es darf nicht der Anschein erweckt werden, als ob es sich bei der ganzen Entwaffnungskonferenz weniger um die Frage der Sicherung des Friedens, als vielmehr um die Vorbereitung der nächsten Kriege bandle. (Sehr richtig! im ganzen Hause.) Es darf nicht der Zweck der Verhandlungen sein, die Sicherung einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten zu gewährleisten. (Erneute Zustimmung.) Deutschland ist besonders be­rechtigt, diesen Grundgedanken zu unterstreichen, da es angestchts seiner völligen Entwaffnung das größte In­teresse daran hat, daß eventuelle Konflikte nicht mit Waffengewalt erledigt werden. Diese deutsche Interesie deckt sich aber vollständig mit den solidarischen Interes­sen der anderen Staaten, wenn sie wirklich den Frie­den wünschen. Wenn ein Staat Europas aber sein In­teresse nicht in der Schaffung einer friedlichen Gemein­schaft, sondern in der Verteidigung einer bestimmten Machtposition sehen würde, so würde es dem Zweck der Cntwaffnungskonferenz natürlich nicht entsprechen."

Reichsminister Dr. Stresemann spricht sodann von den Verhandlungen, welche gegenwärtig zwischen Frank­reich und den Vereinigten Staaten über den

Abschluß eines Fri.edenspaktes schweben. Wir begrüßen es, sagte der Minister, daß Amerika in dieser Weise ein aktives Interesie an dem Sickerheitsproblem bekundet, und wir hoffen, daß die Genfer Beratungen über die Sicherheitsfrage durch mese Verhandlungen und den eventuellen Abschluß eines Vertrages zwischen Frankreich und Amerika we­sentlich gefördert werden. Auf weitere Einzelheiten in oiö er Angelegenheit einzugehen, muß ich mir versagen, oa sie eben noch Gegenstand der Verhandlung bilden, in welche ich weder eingreifen kann noch will.

Sodann wendet sich der Minister der Entwicklung unserer

Außenhandelspolitik

zu, soweit diese em Stück der Außenpolitik darstellt. Eine besondere Bedeutung kommt unserem Handelsver- trag mit F r a n k r e i ch zu. Dieser Vertrag ist der erste, De" :„U1tW(anb überhaupt jemals mit Frankreich ab- gesch.ossen hat. Wir begrüßen es, durch diesen Der- trag em wichtiges Gebiet der gesamten deutsch-französi- chen Auseinandersetzung bereinigt worden ist. Der Ge- samtkomplex der Verständigung zwischen diesen beiden Machten wurde dadurch jedoch noch nicht erledigt. Neue Verhandlungen mit Sowjetrußland stehen bevor. Wahrend der litauische Ministerpräsident Woldemaras in Berlin weilte, wurde zwischen ihm und mir eine Anzahl von Fragen durchgesprochen und ihre Regelung Dorbereikt rum Teil sogar abgeschlossen. Das Resultat

der Besprechungen war zunächst der am Sonntag er­folgte Abschluß eines allgemeinen Schiedsgerichts- und Vergleichsvertrages.

Er geht bann auf die Verhandlungen Deutschlands mit

Polen

über, wobei er hervorhebt, daß es außerordentlich b e- bäuerlich sei, wenn kürzlich ber ßanbbunb ba­uen gesprochen habe, daß er ben Abschluß eines Han­delsvertrages mit Polen überhaupt nicht dulden werde. Handelsverträge sind nicht Geschenke eines Staates an einen anderen, sondern sie liegen in dem ganzen Wirt­schaftssystem, und wir sind nicht in der Lage, uns auf das System der wirtschaftllchen Selbstversorgung zurück­zuziehen. lLebh. Zustimmung links.) Vergegenwärti­gen Sie sich doch einmal, in welche Situation unser Unterhändler in Warschau kommen muß, wenn derartige Stimmen aus deutschen Landen hinauserklingen. (Er­neute Zustimmung links.)

Cs handelt sich für uns darum, auch auf dem Ge­biete der Politik zu einer weitgehenden Verständigung zu kommen. Das ist aber ein Ding der Unmöglichkeit, 1 mei..t die

Besetzung des Rheinlandes fortdauert. (Lebh. Zustimmung im ganzen Hause.) Der Herr Reichspräsident hat in seiner Neujahrsansprache der allgemeinen Empfindung des deutschen Volkes Aus­druck gegeben, als er einen warmen Appell an das französische Volk zur Verständigung gerichtet hat, und man täte in Frankreich nicht recht daran, wenn man einem hervorragenden französischen Blatt folgen würde, das da meinte: man brauche auf diesen Appell nicht besonders einzugehen. (Sehr richtig im ganzen Hause.) Wenn die Entwicklung der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich trotz der Fortdauer der Rheinlandbesetzung keine direkte Störung erfahren hat, so ist dies nur ein Beweis für den guten Willen und die Friedensabfichten des deutschen Volkes. Aber man täusche sich nicht darüber, daß es für die weitere Entwicklung psychologische Voraussetzungen gibt, die unbedingt berücksichtigt werden müssen. Vor allem muß die Anomalie beseitigt werden, die zwischen dem Geist des Locarno-Vertrages und der Fortdauer ber Rheinlandbesetzung besteht. (Lebhafte Zustimmung im ganzen Hause.) Es ist ja richtig, baß die Rheinland­räumung im Locarnooertrqg nicht ausgesprochen ist, und es ist nicht richtig, was vereinzelt behauptet wurde, daß die früheren Ententemächte ihr in dem Locarnover- trag gegebenes Versprechen nicht gehalten haben. Die in Aussicht gestellte Reduzierung der Besatzungstruppen ist erfüllt, wenn auch in einem uns nicht ganz befriedi­genden Maße. Aber das sind kleinere Fragen, die ver­schwinden gegenüber der großen Frage der Locarno- Verträge, die. wie damals allseitig ausgesprochen wurde, nicht das Ende, sondern den Anfang einer neuen Po­litik zwischen ben beteiligten Mächten barstellen sollten. (Minutenlanger Beifall.)

Man sucht in Frankreich immer roieber nach neuen Formeln für' bie Sicherheit. Ich kenne keine stärkere Formel für die Sicherheit als ben zwischen den beiden benachbarten Nationen abgeschlossenen Vertrag, worin sich die Staaten verpflichten, auf jedes aggressive Vor­gehen gegeneinander zu verzichten. (Sehr wahr! links.) Wer noch weitere Sicherheiten fordert, der setzt in ben Vertrag bas Mißtrauen, daß er überhaupt nicht gehal­ten wird. Dann hat es allerdings gar keinen Zweck, Verträge überhaupt zu schließen. (Sehr richtig im gan­gen Hause.)

Dazu kommt bann

bie englische Garantie, auf bie man immer roieber Hinweisen muß. Englanb hat ausdrücklich zugesagt, daß es noch einmal seine ganze Truppenmacht einsetzen würde, wenn durch einen Bruch der Locarno-Verträge Deutschland etwa Frankreich oder Befgien angreifen würde. Ge­nügt in Frankreich auch dieses heilige Versprechen noch nicht, um die Sicherheit als gegeben anzusehen? Hat man bas Recht, zu bezweifeln, baß England sein feier­lich gegebenes Wort nicht halten wirb? Das Verlangen nach stärkerer Sicherheit ist also nicht nur eine Beles- bigung Deutschlanbs, fonbern auch Englands, weil es auf ber Vorstellung vom Wortbruch beider Staaten be­ruht. (Lebhafte Zustimmung.)

Es muß einmal offen herausgesagt werden: wenn immer wieder Rufe nach erhöhter Sicherheit von drü­ben erschallen, so ist das nichts anderes als Heuchelei. (Stürmischer minutenlanger Beifall im ganzen Hause.) Die Maschinengewehre und Kanonen, bie aus dem Rheinland nicht verschwinden wollen, stehen einer Macht gegenüber, mit der es politische Differenzen nicht mehr gibt. (Sehr richtig links.)

Wir fordern vielmehr die Räumung des besetzten Gebietes vor allen Dingen deshalb, weil wir die deutsch- französische Derständigüng als Grundlage des Friedens in Europa ansehen und weil die deutsch-französische An­näherung sich nicht durchsetzen kann, solange die Be­satzung nicht beseitigt ist.

Wir fordern die Rheinlandräumung, weil wir die deutsch-französische Verständigung als die Grundlage des europäifchen Friedens anfefjen und weil wir in der Fortdauer der Besetzung ein unüberwindliches Hindernis ber deutsch-französischen Verständigung erblicken. Wir

sind keineswegs gewillt, die Abberufung der Besatzung mit dauernden Verpflichtungen zu erkaufen.

Reichskanzler Dr. Marx geht dem Reichsaußen» Minister, als er das Rednerpult verläßt, entgegen und schüttelt ihm herzlich die Hand.

Für die Sozialdemokraten nahm zunächst der Abg. B r e i t f ch e i d zu den Ausführungen Strefemanns Stellung. Er kritisierte das Aus­wärtige Amt, das sich wie ein exklusiver Klub be­trachte, in dem nur Besitz und Adel Aufnahme fin­den. Für die Deutschnationalen sprach Abg. von Freytaqh-Loringhoven und dann noch für die Wirtschaftliche Vereinigung der Abgeord­nete Dr. B r e d t. Hierauf wurde die Aussprache bis zum Dienstag unterbrochen.

Das Echo in Paris

u>tb Paris, 31. Ian. (Eig. Funkm.). Nur wenige Blätter nehmen heute früh zu der gestrigen Rede des Reichsaußenministers des Aeußern, Dr. Stresemann, die übrigens die Presse in längeren Auszügen wiedergibt, Stellung. Z u st i m m e n d äußert sich heute das radikale „O e u v r e". Das Blatt erklärt, der jetzige Reichsminister des Aeu- ßern sei unzweifelhaft ein wahrhafter Staatsmann. Seine Rede habe nichts Aggressives enthalten. Sie stelle sich dar als die einfache Analyse einer Poli­tik, die fortgesetzt beeinflußt sei von den Interes­sen des deutschen Volkes, aber deshalb in keiner Weise die Interessen der anderen Völker störe. Strefemanns Rede sei eine Rede von großer Mäßi­gung und großer Geschicklichkeit gewesen.

Ablehnend verhalten sich die Rechtsblä t. ter. „Echo de Paris" schreibt: Die gestrige Rede Strefemanns bedeutet das Echo der langen Zu­rückhaltung, die der Ches der Wilhelmstraße der deutschen Politik seit Oktober 1926 aufzuerlegen die Klugheit und Tatkraft besessen hat. Wer zu­viel beweisen will, beweist allerdings nichts. Strese­mann ermahnt uns im Grunde genommen, daran zu denken, daß die Seele der Menschen im allge­meinen und der Deuffchen im besonderen seit sechs Jahren einen tiefen Wechsel durchgemacht hat. Er pocht auf diese moralische Revolution. Nach der furchtbaren Lehre, die wir erhalten haben, fühlen wir uns ermächtigt/ von Deutschland ohne Haß, aber auch ohne Schwäche zu fordern, daß es noch bis 1935 den Beweis für' keine innere Erneue- rung f o r t s e tz t. „Gaulois" schreibt: Stresemann läßt die zeitlich begrenzte Kontrolle zu. lieber 1935 hinaus will er auf keine Kontrolle eingehen. Wird Frankreich, für das die Rheinlandbesetzung die einzige Garantie der Reparationen ist, den Sperling in der Hand für die Taube auf dem Dache fahren lassen?

Das Februarheft der „Times Gurrent Histon)" bringt einen Artikel des früheren englischen Par­lamentsmitgliedes Frederick Linfield, der f ü r d i s Rückgabe des polnischen Korridors an Deutschland eintritt und erklärt, die Erri-^tung des Korridors sei lediglich eine Ouelle wirtschaft- kicher Hemmniffe und künftiger Kriege.

Frankreichs ttriegsakten.

Der „Newyork Herald" berichtet, daß außer dem von der französischen Regierung eingesetzten Aus­schuß zur Vorbereitung einer französischen Akten- Veröffentlichung über die Kriegsursache Driand einen zweiten Ausschuß einzusetzen beabsichtige, der aus hi st arischen Sackiverständigen sich zusammensetzen soll und dessen Aufgabe darin bestehen würde, binnen kurzem an die Ausarbei­tung der Aktenveröffentlichung heranzugehmi während der unter dem Vorsitz des Rektors der Pariser Universität, Charlety, stehende Hauptaus­schuß nur die Kontrolle der Arbeiten übernehme.

Beligionsfireit in Enoland.

Gewalttaten gegen den Anglo-kiatholizismvs.

Aus London wird gemeldet: Der Vikar der St. Euthbert-Kirche in Darwen mußte Polizei zu Hilfe rufen, um einer Kundgebung gegen den Anglo-Katholizismus zu begegnen. Etwa 3000 Men- fchen füllten die Kirche und die Mehrzahl von ihnen nahm an der Kundgebung teil. Der Got- tesdienst wurde unterbrochen, und die Kundgeber sangen die Nationalhymne. Nach dem Got- tesdienst fanden Zusammenstöße auf der Straße statt, und die Geistlichen, die an dem Gottesdienst teilgenommen hatten, mußten von einem großen Polizeiaufgebot gegen eine große Menge von nicht weniger als 2000 Personen geschützt werden.

Zeldmarschall haig t.

Der englische Oberbefehlshaber wäh. rend de» Weltkrieges, Feldmarschall Sir Douglas Haig, ist ift Alter von 67 Jahren ge­storben.

Mit Sir Douglas Haig ist, so schreibt die „Voss. Ztg.", einer der um ft ritten ft en Heerführer des Weltkrieges aus dem Leben geschieden. Bon seinen Freunden und Bewunderern für bedeuten­der gehalten als sein französischer Kollege Fach, wurde noch während des Krieges nach der schwe­ren englischen Niederlage bei Cambrai im Herbst 1917 von der Northclifse-Presse eine scharfe Kam­pagne gegen Haig geführt, den man zugleich mit seinem Stabschef Sir William Robertson für die­sen Rückschlag nach anfänglichen durch den Mas­seneinsatz von Tanks erzielten Erfolgen verant­wortlich machen wollte. Im Unterhause kam es zu ausgedehnten Debatten, in denen Bonar Sans den Marschall verteidigte und durchsetzte, daß ihm der Oberbefehl belassen wurde.

Nach dem Kriege trat Haig bald in den Ruhe­stand und bat seitdem in der Oeffentlichkeit nur