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Fuldaer Zeitung

2. Blatt.

Druck der Fuldaer Acklendruckerei, Fulda

JV» 24.

Sonntag, 29. Januar 1928.

J

Meine Schutzmarke

verbürgt

Bahnhofstrasse 5

Die älteste Sparkasse des Regierungsbezirks

----- Mündelsicher -----

Fernruf 263, 264, 265

Karlsbaße 1/3.

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tümlichkeit hatte, daß er auffällig laut und langsam sprach, als wenn jedes Wort wert wäre, dreimal abge- wogen zu werden. Und außerordentlich abgewogen und wichtig waren auch die Bewegungen dieses Herrn. Er rührte sich kaum und ließ sich selbst die geringsten Hand­reichungen von den bedienenden Stewards machen. Fast unablässig drückte er auf die Klingel, und war es auch nur, um von dem Steward das Salz, das vielleicht ein wenig entfernt auf dem Tisch stand, zugereicht zu erhal­ten. Claaßen belustigte sich oft darüber; es schien ihm, als wäre es ganz vergeblich, von dem Minister irgend­ein« andere Bewegung zu verlangen, als die, die für die Erteilung einer Unterschrift notwendig war. Sein Gesicht war gelb, ledern, scharf geschnitten.

Als Claaßen mit der Suppe fertig war, benutzte er die Pause, um sich im Saale umzusehen. Er dachte der Worte Sibylles und nahm stch vor, schärfer Obacht auf seine Umweü zu geben und zu versuchen, sich so gut es ging, in ste hineinzufinden. Ihm gegenüber saß ein dicker Herr mit rotem Gesicht und großgeöffneten, wie mit Wasser gefüllten Augen, der mit seiner dicken, golde­nen Uhrkette spielte und dessen Kinn tief auf sein Vor­hemd überhing. Neben ihm saß seine Frau, die ihm merkwürdig ähnlich sah, und beiden gegenüber ihre Töch­ter, jung, bildhübsch, elegant, — nicht als Töchter dieses Paares zu erkennen. Vielleicht ein Bankier, vielleicht ein Hotelbesitzer großen Stils.

Mehrmals noch kehrte dieser Typ an den anderen Tischen wieder. Dazwischen sah man Personen verschie­densten Charakters, doch alle von jener selbstverständlich sicheren Gelassenheit, wie sie der Besitz unbegrenzter Mittel verleiht, alle den Luxus, der ihnen geboten wurde, als selbstverständlich hinnehmend und jeder einen kleinen Mittelpunkt für sich selbst bildend. Auch Lebemänner be­fand sich da, denen man ansah, daß ihnen die Welt als Feld ihres Genießertums zu eng war, die ruhelos wie einst Ahasverus über den Erdball fuhren und nirgends ihr Genügen fanden. Damen sodann, oft schon in Jah­ren, die keinen Zweifel daran ließen, daß diese Reise für sie eine Karte war, auf die sie setzten in dem Vertrauen, daß sich das Glück ihnen endlich hold erweisen würde.

(Fortsetzung folgt.)

Täte das so manche Liebe, die heute von sich re­den macht, so würde es mit der sozialen Verstän­digung und mit dem Völkerbund wohl rascher vor­wärts gehen, und sicher wäre das schöne Wort „Liebe"' bewahrt davor, so oft, wie es in unfern Tagen geschieht, mit Sentimentalität, mit Humani­tät, mit Affenliebe, mit Feigheit, mit Sinnenlust und geradezu mit Perversität verwechselt zu wer­den. Leider ist die Menschheit noch nicht so weit, dem falschen Terror die falsche Liebe in die Ver­bannung nachzuschicken.

Der Mann im Monde.

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— zumal wenn ihre Kräfte über Gebühr in Anspruch genommen werden."

„Ah, ich verstehe," erwiderte die Baronin. „Ihnen als nunmehrige Besitzerin einer Firma, die wohl Tau­sende beschäftigt, liegen diese Gedanken ja zu nahe."

„Allerdings. Wir haben soeben die Nachricht erhalten, daß ein Streik, der die ganze Eisenindustrie betrifft, nicht ganz außer dem Bereich der Möglichkeit liegt."

„Daher Ihre Besorgnisse uns betreffend."

Lydia wehrte ab. „Ach, es ist natürlich nur zu leicht möglich, daß ich mich täusche. Wahrscheinlich sogar. Auf Schiffen herrscht ja stets strenge, daher mustergiltige Disziplin."

„Also nehme ich wahr, daß Sie wirklichen tätigen Anteil an dem Ergehen Ihrer Firma nehmen — bei Ihrer Jugend, wo das Leben doch nur ein holdes Spiel sein sollte?"

„Ich kann leider nichts als ein wenig Anteil nehmen."

Die Wendung, die das Gespräch nahm, war Lydia offensichtlich sehr unangenehm, und es war ihr daher eine Erlösung, als ein dreimaliger tiefer Ton des Schiffs­gongs das Zeichen zum Beginn des Mittagsmahles gab. Sie fetzte schnell noch einige Worte aus den Briefbogen, verschloß ihn und legte ihn in den im Schreibzimmer be­findlichen Briefkasten. Am nächsten Tage sollte das Schiff Malta anlaufen, und bei dieser Gelegenheit konnte er be­fördert werden.

Der Speisesaal. war einer der prunkvollsten Räume des Schiffes. Von einer mit Kristall ausgelegten Decke schien das Licht aus unsichtbarer Quelle hernieder, mar­morne Wände teilten ihn in eine große Anzahl von Ni­schen, jede für vier Personen berechnet' jeder Tisch hatte eine Silberplatte, die mit einem feinen Spitzentafeltuch bedeckt war. Allüberall glänzte es von feinstem Porzel­lan und Silber. Die Stewards, von Kopf bis zu Fuß schneeweiß gekleidet, glitten hin und her, so lautlos wie möglich, und vom Deck her schallte gedämpft die Musik der Kapelle herein.

Lydia, Sibylle und Graf Czerny saßen allein in einer Nische. Der vierte Platz war unbesetzt. Ein wenig von ihnen entfernt, speiste Claaßen mit dem Baron und der Baronin und noch einem älteren Herrn zusammen, den der Baron „Herr Minister" anredete und der die Eigen»

dann weiß man noch lange nicht, ob das auch noch weitere 60 Jahre der Fall sein wird. Macht man im Staat irgendetwas gegen das Naturgesetz, so scheint es oft, daß der menschliche Geist dabei triumphiert, und in der Tat sind zum Beispiel die Berliner Häuserfronten großartig und kühn. Aber der Sumpf darunter quakt sein Unkenlied und die Natur schützt ihre ewigen Rechte. Darüber kann im Augenblick Genosse Trotzki nachdenken, im Falle er schon seine Fahrt ins Unbekannte angetreten haben sollte. Ob er in den Tagen seiner Freund­schaft mit Lenin wohl jemals an die Möglichkeit einer solchen Reise gedacht hat? Hätte er Geschichte studiert, so hätte er eigentlich auf diesen Gedanken kommen müssen, sind es doch kaum 150 Jahre her, daß die Idee der Freiheit, Gleichheit und Brüder­lichkeit eine Parteigruppe nach der anderen in Frankreich auf den Thron gehoben hatte, um sie sogleich wieder herabzustoßen. Und wie konnte es mit einer Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die mit einem Königsmord begann, auch enden, als mit drr Tragödie von St. Helena! Das gleiche Gesetz aber, das einst den kaiserlichen Emporkömm­ling von Gnaden der Revolution, den gewaltigen Napoleon, auf das einsame FeUeneiland im At­lantic verschickt hat, das gleiche Gesetz sendet heute Trotzki an irgendeinen entlegenen Flecken im un­geheuren Rußland. Ich denke mir, daß Trotzki im Schlitten fährt. Schnelle Ponys sind davor ge­spannt. Vielleicht haben sie ein schönes Klingel­spiel am Gurt. Links und rechts ist schneeige Einsamkeit. Hier und da taucht ein Fichtenwald düster auf, und fliegt vorüber wie ein dunkler Vo­gel. Trotzki sitzt schweigend da, noch immer jene Energie in seinen Zügen, die einst über die Leiche des Zaren hinweggeschritten ist. In den unend­lichen Räumen seiner Phantasie exerzieren die Ko­lonnen der russischen Armee; die er organisiert hat. Aus fernen Zonen kommen die Echos der Reden, die er, umbraust vom heulenden Beifall ber Mas­sen, in Moskau und Sankt Petersburg und überall im Lande gehalten hat. Gläubige Menschen gibt es unter den Häuptern des russischen Bolschewis­mus nicht, sonst würde Trotzki, wenn die Sterne der Winternacht ruhig die ihnen gezeichnete Bahn über das schlafende Rußland ziehen, mit dem Volksmund sprechen: „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher und vortrefflich fein." Die weltbeherrschende Humanität von heute stammt aus der philosophischen Phrase der französischen Revolution genau so ab, wie jede Lüge der Welt von der Schlange int Paradies. Man soll vorsich­tig mit dieser Humanität sein, denn unter den hunderttausend Windmühlen, die sie heute treibt, ragt auch eine in fürchterlicher Größe empor, eben jene, auf der das Wort steht: „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher und vortrefflich fein..."

Etwas von diesem Ernst spricht aus der letzten Enzyklika des Heiligen Vaters, die nicht nur die Katholiken interessiert, sondern auch sämtliche an­deren Religionsgemeinschaften des gesamten Erd­kreises. In Amerika ist sie Tagesgespräch, in Eng­land ist die Presse davon erfüllt, und soweit man bis jetzt feststellen kann, spricht man davon mit großer Achtung und teilweise sogar Bewunderung. Führt der Hl. Vater zunächst aus, daß eine Eini­gung der verschiedenen Kirchen nur auf dem Fundament eines Glaubens möglich fei, fo verbirgt sich darin das allgemeine Gesetz, daß die Liebe sich auf die Wahrheit gründen muffe.

Stumm machte die Angestellte eine einladende Hand­bewegung und bat die Baronin zu einem Schreibtisch in einer Ecke und erklärte: „Dieser Tisch wird für die gnä­digste Baronin reserviert werden. Ich bitte ergebenft, den Schlüssel an sich zu nehmen. Für entsprechende Kennzeichnung wird gefort werden.

„Nun eben. Ich denke auch." Damit nahm die Ba­ronin an dem Tisch Platz, während sich die Angestellte entfernte.

„Ein unverschämtes Volk hier auf dem Schiff", be­merkte die Baronin zu Lydia gewendet. „Sie haben sich zweifellos auch einen Tisch reservieren lassen?"

Lydia sah nicht auf. „Ich schreibe nur wenig", ant­wortete sie.

„Haben Sie auch die Beobachtung gemacht, daß das Personal nicht ausreicht?"

Lydia erhob den Kopf. „Es will mir allerdings mit­unter scheinen", erwiderte sie zögernd, „als ob in der Bedienung ein gewisser Geist der Auflehnung zutage träte, selbst in Fällen, wo man keineswegs übertriebene Ansprüche stellt."

„Ader, ich bitte Sie, wer stellt denn übertriebene An­sprüche! Ich verlange nichts als meine Bequemlichkeit, wie ich sie zu Hause habe. Die allerdings verlange ich. Und man hätte wohl erwarten dürfen, daß einem jeden Passagier eine Person zur Bedienung zugeteilt wird. Statt dessen entfällt auf drei Passagiere ein Kammer­diener."

„Wenn dieser gewisse Geist der Auflehnung, von dem ich sprach, auf Uebertaftung zurückgeführt werden könnte, so wäre dies immerhin noch eine günstige Erklärung. Ich war bereits versucht, ihn auf andere Gründe zurück­zuführen."

„Darf ich fragen, auf welche?"

Lydia zögerte. „Nun, es geht ja ein Geist der Auf­lehnung ganz allgemein durch die Welt. Man lehnt sich auf gegen die alten Formen, die alten Ueberlieferungen, gegen alte Rechte und gegen den Besitz. Und je größer auf der einen Seite der Luxus und die Ansprüche, desto stärker natürlich auch auf der anderen Seite der Geist der Auflehnung. Ich könnte mir denken, daß diese Um­gebung auf diejenigen, die die Aufgabe haben, darin als dienende Geister zu wirken, nicht gerade fänftigenb wirkt.

Maschinen ohne Mann

Roman von E. A. S t e i n.

Helfe und Wanderung.

= Sonntagstarten und Umwegskarten. Es ist die Frage aufgeworfen, ob im Fähe „Aufliegens von Sonn­tagskarten es gestattet ist, mit diesen Karten über eine andere Linie zu fahren, sofern für diese Umwegkarten bestehen. Die Reichsbahn steht auf dem Standpunkt, daß es gestattet ist, durch Nachlösen der einfachen Umwegkarte die Umwegstrecke zu benutzen, selbstverständlich in der Form, daß der Reisende beliebig auf der Hin- und Rück­fahrt die normale Strecke ober die Umwegstrecke benutzen kann.

Hier und da gehe ich mit einem Hämmerchen durch das Riefenbergwerk der modernen Wirtschait und klopfe in den verschiedenen Gängen an das kostbare Gestein, ob es denn noch echt ist. Auch den Goldgrund klopfe ich bisweilen ab, auf dem die Währung steht, ob es da vielleicht hohle «tel- len gibt, die dann mit Luft gefüllt werden, rme in der Zeil der Inflation traurigen Angedenkens. Und da ist mir denn erneut ausgefallen, daß es doch, solch hohle Stellen wohl gibt. So sprach «h neulich mit einem Stahl- und Eisenindustriellen, der gerade daran ist, sich im Auslande etnznrtch- ten. Warum geht der Mann ins Ausland, Nun, infolge eines einfachen Rechenexempels. Wir muf­fen im Inland die Preise erhöhen, damit wir un Ausland konkurrenzfähig werden. Es.1011:0 darum sehr vorteilhaft fein, eine eigene Fabrik auch im Auslande zu haben. Daß auf diese Wene einige htlndert Arbeiter bei uns brotlos werden, das tat ihm zwar leib, er meinte aber mit einem Achselzucken, es nicht hindern 3» können. Hatten wir statt Goldwährung Eisen- und Stahlwahrung, fo käme der.Dollar nicht auf 4,20 Mark, sondern auf 5 Mark. Aehnlich verhält-s sich, wie mir ein anderer Fachmann sagte, mit der Kohle. Das Kok^ lensyndikat muß bei jeder Toune, die im Inland verkauft wird, 1,50 Mark drausschlagen. Es ist eben die eine Mark und fünfzig, um die man im Ausland heruntergehen muß, wenn man überhaupt etwas abfetzen will. Dieser Fachmann rechnete dann aus, daß im Falle wir nicht Gold- sondern Kohlenwährung hätten, der Dollar auf 4,60 Mark käme. Schon dachte ich, diese gefährlichen Locher mit einer guten Zementplombe schließen zu können und begab mich deshalb zu den großen Zement­fabriken, zumal ja bekannt ist, daß gerade diese Industrie ihre Rationalisierung am vollkommen­sten durchgeführt hat. Der Direktor dort schaute mich groß an und warnte davor, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben. Im Falle man nämlich statt der Goldwährung die Zementwährung ein« führte, so würde ein Dollar über 5 Mark kosten. Es geht ja nun auf Fasching zu, und der Tanz hat allenthalben begonnen. Ich höre aber in aller Musik den hohlen Klang, den der Boden unter den Füßen der Tanzenden gibt, und ich denke an die Zigeuner, von denen ich neulich erzählt habe, die nach der lustigen Hochzeit über den gefrorenen See fuhren und untergingen mit Ponny und Schlitten, mit Zymbeln und ©eigen, mit Kind und Kegel, mit Mann und Maus. Wäre ich Genau, ich würde ein sehr trauriges Gedicht darauf machen

Viel schlimmer als hohle Gründe unter der Wirtschaft sind leere Stellen unter einem Ideen- gcbäude. In Berlin gibt es mächtige Häuserblöcke, denen man es Jahrzehntelang nicht angesehen hat, daß sie auf einem sumpfigen Grunde standen, und nun ist es plötzlich entdeckt worden, weil schon die Mauern sich neigen wie weiland der Turm von Visa, weil schon der Stuck von den Wänden und Decken fällt, und weil die Bewohner keine Lust haben, eines Tages mit der ganzen Kiste umzu- kippeu. Es hat vor kurzem der berühmte Hilaire Belloc ein Buch über die Iudenfrage geschrieben, das übrigens bei aller Entschiedenheit der Auffas­sung doch weit entfernt ist von jeglicher Unduld­samkeit und sogar einem jüdischen Freunde gewid­met wurde. Hilaire Belloc sagt dort, daß den gro­ßen Menschheitsfragen gegenüber ein Zeitraum von etwa 60 Jahren wenig bedeute, wenn auch 60 Jahre lang irgendein System gut funktioniert,

Aus verlorenem Sonnenland

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Arbeiterbewegung und Partei.

Von Emil Ritter.

Der christliche Bergarbeiterführer und Zen­trumsabgeordnete Imbusch hat in ferner auf­sehenerregenden Rede in Oberhausen die Parole ausgegeben, daß mehr Arbeiter in die Parlamente gewählt werden müßten, ja daß man im Notfall den offiziellen Kandidaten der Partei eigne Arbei- terkandidaten gegenüber stellen müsse. Die geg­nerische Presse hat der Zentrumspartei daraufhin mit begreiflichem Vergnügen tödliche Schwierig­keiten prophezeit, die der Aufruhr „der Arbeiter (fo die sozialdemokratische Presse) „der Borstoß des linken Gewerkschaftsflügels" (so die Rechts­presse) bei den nächsten Wahlen bringen würde. Unter den Zentrumsanhängern selbst hat die Aus­sicht auf eine weitere Verschärfung des Kampfes um die Kandidaten ebenso begreifliche Besorgnisse hervorgerufen. Zur Klärung und Beruhigung möge die Tatsache ins Licht gerückt werden, daß keineswegs alle maßgebenden Stellen der d)rift= Heben Gewerkschaften das Allheilmittel für die Arbeiterbewegung in der Eroberung möglichst zahlreicher Abgeordnetensitze erblicken. Gerade im Januarheft der vom Gesamtverband der christ­lichen Gewerkschaft herausgegebenen Zeitschrift „Deutsche Arbeit" behandelt der Generalsekretär dieses Gesamtverbandes, Bernhard Otte, sehr ausführlich die politische Betätigung der Gewerkschaft sänge st ellten, und er geht dabei von der Frage nach dem Wert par­lamentarischer Machtstellung für die Arbeiterbe­wegung aus.

Otte hält es für eine „gefährliche Parole , wenn auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Kiel von Hilferding behauptet worden ist, der Lohn sei ein „politischer Lohn", durch die Wähl würden Brot- und Fleischpreise bestimmt, dis Staatsmacht sei letzthin ausschlaggebend. „Wenn der Arbeiterschaft so etwas immer und immer wieder gesagt wird, ist es selbstverständlich, daß dadurch der S e l b st h i lf e w i l l e zurückge­drängt wird. Es setzt sich bann die Meinung fest, daß der Staat und die Gesetzgebung allein alle Dinge meistern können, und daß die Wirkung der Abgabe des Stimmzettels und die Beschäftigung mit politischen Dingen, der Hauptfaktor für die Ge- ftaltung der Dinge auch im Leben des einzelnen Arbeiters ist. Diese Auffassung ist durchaus falsch. Die E n 11 ä u s ch u n g weiter Arbeiter­massen ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß man in den Nachkriegs- und Revolutionsjahren alles Heil vom Staate und von der Gesetzgebung erwartete." Otte zitiert das Organ des christlichen Metallarbeiterverbandes, in dem vor einiger Zeit von der „Tragödie des Glaubens in den Stimm­zettel und die Staatshilfe" die Rede war. Die Ge-

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Lydia sah sie wie in Verwunderung an. „Ja, na­türlich!" stieß sie hervor. Und dann lächelte auch sie. . „Du bist schon immer mein gutes Gewissen gewesen, das mich in gefährlichen Augenblicken gerettet hat. Daher habe ich Dich auch auf diese Reise mitgenommen. Sie wird vielleicht für mich eine einzige große Versuchung sein, fürchte ich fast. Sag, wie hast du es möglich ge­macht, diese ungeheure Summe aufzubringen? Du hast nur dein kärgliches Assistentengehalt —"

Sibylle sprach ruhig, fast geschäftsmäßig: „Ach, es ist nicht so schlimm. Die Universität hat mir Vorschuß bewilligt. Außerdem hoffe ich auch, daß diese Reise mir für meine wissenschaftlichen Zwecke reiche Ausbeute ge­währt. Vielleicht läßt sich gar ein Buch daraus machen. Ein Geograph, der nicht auf Reifen geht, nicht wahr, das ist wie ein Fisch, der nie ins Wasser kommt."

„Und Du willst wirklich nichts annehmen, wodurch ich Dir Deine Lage erleichtern kann?"

„Ich bin Dir herzlich dankbar, allein es ist nicht nötig. Aber nun willst Du wohl endlich Deinen Brief beginnen. Ich gehe derweil ins Lesezimmer."

Sibylle ging, und Lydia setzte sich zurecht zum Schrei­ben.

Kaum hatte sie begonnen zu schreiben, so trat die Ba­ronin Grienen in das Zimmer. Cs folgte ihr ein Mann, der nach feiner Kleidung zu urteilen, zu den Angestellten des Schiffes gehörte.

„Ich wünsche, einen Schreibtisch für mich allein zu haben, der für jeden anderen unzugänglich ist", erklärte die Baronin und fügte mit einem Blick auf Lydia hinzu: „Ich nehme an, daß die anderen Pasiagiere gleichfalls diesen Wunsch haben werden."

Der Angestellte verbeugte sich. „Ich werde den Wunsch der gnädigsten Baronin der Intendanz des Schiffes vorfragen."

„Sie wollen vortragen —? Erst vortragen, wenn ich einen Wunsch äußere? Ich bin gewöhnt, daß mau meine ajif hör Sislls grfiiaf verlieben

volksrmlle und Iugendschutzgesetz.

Von Helene Weber, M. d. R.

Das Gesetz zum Schutze der Jugend gegen Schmutz- u. Schundschriften ist schon feit Monaten vom Reichstag verabschiedet worden. Damals wurde vor allem von der Zentrumspartei immer darauf hingewiesen, daß dieses Gesetz ein echt de­mokratisches sei. Das Volk muß sich selbst helfen, wenn es wirklich,zur Ausführung kommen soll.

Nun werden immer mehr warnende Stimmen laut, die darauf Hinweisen, daß eigentlich gar- nichts besser geworden sei. Man spüre die Wir­kung dieses Gesetzes nicht. Man könne im Gegen­teil fesfftellen, daß gerade in Berlin auf gewissen Plätzen und in bestimmten Straßen mehr Schund und Schmutzschriften als früher ausgestellt und feilgeboten werden.

Daran ist vieles wahr. Ein bestimmtes Schund­kapital ist noch immer nicht verschwunden. Aber wer trägt die Schuld daran? Man möchte sie na­türlich sofort beim Gesetzgeber finden, und weist von allen Seiten daraufhin, daß das betreffende Jugendschutzgesetz doch nichts geholfen habe.

Der Mangel aber liegt ganz wo anders. Er fft in der Unkenntnis und Mutlosigkeit des deutschen Volkes und seiner Führer zu suchen. Wer hat denn eigentlich das Gesetz gelesen? Sonst wüßte jeder Führer und jede Führerin, (dazu rechnen vor allem Kreise der Eltern, der Jugendbewegung, der Seel­sorger und der Lehrerschaft), daß die Prüfftellen in Berlin und München, die die Schmutz- und Schundschriften auf eine Liste setzen können, mitt­lerweile gebildet sind. Sie wüßten ferner, daß die­jenigen Stellen, die einen Antrag an die Prüf­stellen richten können, die Landesjugendämter, in Preußen und das preußische Wohlfahrtsministe­rium sind. Es kommt also darauf an, daß man an die Landesjugendämter und das betr. Ministerium diejenigen Schmutz- und Schundschriften einsendet, die vom Gesetz getroffen werden.

Alles kommt nun darauf an, daß die Kreise der Jugendwohlfahrt und Volksbildung sich zu­sammenschließen und sich mit den Landesjugend­ämtern in Verbindung setzen. Darin liegt der de­mokratische Charakter dieses Gesetzes, daß alle Ju­gendführer und -Führerinnen die Augen offen halten und in lebendiger Fühlungnahme mit den­jenigen Stellen bleiben, die das Recht der Antrag­stellung haben. Aber wie viele Kreise haben diese Arbeit bis jetzt organisiert? Nicht das Klagen, sondern nur die T a t kann uns helfen, damit das Jugendgesetz wirksam wird.

Zentrumsversammlungen

im Kreise Hünfeld

zwecks Neubelebung der Parteiorganisation:

Sonntag, den 29. Jan. 1928, nachmittags 3 Uhr in Mahlerts in der dortigen Gastwirtschaft, abends 7.30 Uhr in Schwarzbach in der Gastwirt­schaft von Weber.

Montag, den 30. Jan. 1928, abends 7.30Uhr in Oberufhausen in der Gastwirtschaft von Baier;

Mittwoch, den 1. Febr. 1928, abends 7.30 Uhr in Mackenzell in der Gastwirtschaft von Trapp;

Freitag, den 3. Febr. 1928, abends 7.30 Uhr in Roßbach in der dortigen Gastwirtschaft.

Zu diesen Versammlungen sind alle Zentrums­wähler und -Wählerinnen der betreffenden Orte und ihrer Umgebung dringend eingeladen.

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Rund um die Woche.

Wirtschaftliche Hohlräume. — 3m Schlitten nach Sibirien. — Die Tragödie von Freiheit, Gleichhei Brüderlichkeit. - Die papst-Lnzyklika im Echo der Welt.