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Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblott.

Nr. 23.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. >: Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Samstag, 28. Januar 1928.

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Kirche und Partei.

In einer Ansprache, die der Heilige Vater ge- gen Ende vorigen Jahres vor katholischen Studen­ten und Akademikern hielt, tat er auch der deut­schen Zentrumspartei Erwähnung. Er führte aus, wie er sich von Jugend auf für die Kämpfe derselben interessiert habe und voller Bewunderung für die Art gewesen sei, mit welcher Rechtsanwälte, Mediziner und Gelehrte an rein politischer Stelle religiöse Angelegenheiten mit so tiefer Kenntnis der Dinge und solchem Adel der Gesinnung behandelt hätten, wie man das von Bi­schöfen auch nicht anders erwarten durfte. Die Zentrumspresse, die fast durchweg einen Gesamt­abriß der bedeutungsvollen Ansprache des Papstes brachte, konnte mit gutem Recht die Worte des Heiligen Vaters über das Zentrum hineinflechten und, als dem Interesse der deutschen Katholiken für die Zentrumspolitik besonders naheliegend, dieselben auch etwas eingehender kommentieren.

Das hat im Kreise des deutschnationa­len Katholiken aus schuss es aus für ihn begreiflichen Gründen Mißfallen erregt, und im Organ des deutschnationalen Katholikenführers Professor Dr. Martin Spahn zu einer Polemik herausgefordert. Diese Polemik knüpft an Dinge an, die von Zentrumsseite in der vorgebrachten Form niemals behauptet worden sind. Insbeson­dere wird man nirgends herauslesen können, daß der Heilige Vater die Durchführung der kirchlichen Aufgaben den politischen Parteien übertragen wissen wolle. Erst recht ist vom Zentrum nicht be­hauptet worden, daß nur die Zentrumspartei allein die Jnteresien der Kirche politisch zu ver­treten vermag. Wohl aber haben die Worte des Papstes über das Wirken der Zentrumspartei den klaren Sinn der Anerkennung ihrer religiös-politi- schen Arbeit. Wenn die Wochenzeitung des deutsch­nationalen Katholikenausschusses klug gewesen wäre, hätte sie bestenfalls diese päpstliche Anerken­nung verschwiegen, genau wie sie von vornherein die ganze Rede des Heiligen Vaters unbeachtet ge­lassen hatte. Nichts beleuchtet ja drastischer den ganzen Sachverhalt als die Tatsache, daß das deutschnationale Organ erst in einer Polemik, und da nur sehr unvollkommen, über päpstliche Auslas­sungen berichtet, die die Zentrumsblätter ihren Le­sern schon lange übermittelt hatten. Mit vollem Recht darf man bei der geraumen Zeit, die inzwi- schen verflossen ist, die Vermutung aussprechen, daß die Zeitung des Herrn Professor Dr. Martin Spahn die Ansprache des Heiligen Vaters über­haupt nicht gebracht hätte, wenn ja wenn es nicht schließlich darum gegangen wäre, die Aner­kennung, die das Zentrum aus päpstlichem Munde erfuhr, nachdem sie nun einmal publik geworden war, vor den deutschnationalen Katholiken schleu­nigst nach eigenem Wunsche zu frisieren.

Man ist dabei auf den etwas abseits liegenden Einwurf gekommen, daß der Heilige Vater nicht das heutige, sondern das frühere Zentrum im Auge gehabt hätte! Nun wäre es vorerst schwer, die zeitliche Scheidelinie zwischen demZentrum von damals und von jetzt" zu bestimmen. Was aber wichtiger ist: Die päpstliche Formulierung gibt für den obigen Einwurf gar keine Handhabe. Nach der Rede des Heiligen Vaters handelt es sich um die deutsche Zentrumspartei schlechthin und ohne jede zeitliche Abgrenzung. Einer gegentei­ligen Absicht würde zweifellos in der päpstlichen Ansprache klarer Ausdruck gegeben worden sein, wenn überhaupt unter diesem Vorbehalt der Hei­lige Vater der Zentrumspartei Erwähnung getan hätte.

Wenn aber die Zentrumspresse diese päpstliche Anerkennung besonders hervorgehoben hat, dann ist der Grund hierfür nicht in dem Bedürfnis zu finden, von sich schön reden zu machen. Die Ver­anlassung zu einer stärkeren Hervorhebung der päpstlichen Worte, soweit dieselben die Zentrums­partei angehen, liegt gerade in dem Verhalten be­gründet, das der deutschnationale Katholikenaus­schuß seit Jahr und Tag dem Zentrum gegenüber bezeugt. Unmittelbar vor der zur Debatte ste­henden Ansprache des Heiligen Vaters ist in der Zeitung des Herrn Professor Dr. Martin Spahn an hervorragender Stelle ein grundsätzlicher und offenbar offiziöser Leitartikel der deutschnationa­len Katholiken unter dem Titel:Kirche und Par­tei" erschienen. Darin heißt es zum Schluß:Un­sere Aufgabe wird unverrückbar bleiben, nicht Partei gegen Partei zu stellen, sondern uns in gleich heißer Sorge für unsere Kirche und unser Volkstum dagegen zu wehren, daß eine Partei, die nicht mehr tragfähig ist, (damit soll die deutsche Zentrumspartei gemeint fein), wie ein unterge- hsndes Schiff zu spät verlassen wird und dadurch Kirche und deutsches Volk aufs schwerste geschädigt werden". Dieser Tenor, der sich zeitweilig bis zum Vorwurf religiös politischer Unzuverlässigkeit des Zentrums verdichtet hat, zieht sich durch den ganzen Kampf, den der deutschnationale Katho­likenausschuß und an seiner Spitze Spahn gegen das Zentrum führt. Da ist es berechtigt, wenn die Zentrumspresse im Interesse der Wahrung der Parteiehre gegen solche Vorwürfe Stimmen zu Worte kommen läßt, die in der Bewertung der religiös politischen Verdienste zuständiger sind als der Kreis um Spahn.

Ueberhaupt darf bei dieser Gelegenheit einmal die Frage gestellt werden, was der deutschnatio­nale Katholikenausschuß und insbesondere seine Zeitung denn anfingen, wenn wirklich einmal das Zentrum zu existieren a u s h ö r t e ! Uns will es scheinen, daß gerade sie das Zentrum wie das tägliche Brot gebrauchen. Denn ihr ganzer Witz rankt sich überhälftig, wenn freilich auch nur nega­tiv, an der politischen und kulturellen Arbeit der Zentrumspartei empor! '

Vielleicht ist es von Interesse, daran zu erin­nern, daß schon vor einigen Jahren gelegentlich ^der letzten Reichstagswahlen die Kirche das Zen-

Deutschland und seine östlichen Nachbarn.

Deutsch-polnischer Ausgleich?

Das Berliner Tageblatt veröffentlicht eine von unterrichteter Seite herrührende Untersuchung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Polen, i*n der zunächst darauf hmgewiesen wird, daß der Konflikt zwischen Litauen und Polen, der noch nicht bereinigt ist, unter Umständen wieder vor den Völkerbund kommen wird und bei der dann zu fällenden Entscheidung die Stimme Deutschlands zweifellos von Bedeutung sein wird. Es wird dann darauf hingewiesen, daß man sich in War­schau und Paris in der Vergangenheit daran gewöhnt hatte, es als gegeben zu betrachten, daß Deutschland bedingungslos auf der Seite Litau­ens stehe. Es habe daher erhebliches Jnteressr erweckt, als sich in Genf sehr leicht eine Verstän-- digungslinie Briand-Stresemann-Zaleski Herstellen ließ. Weiter fei in Genf zwischen Mar­schall Pilsudski und Stresemann das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen in einer Tonart und einer Atmosphäre besprochen worden, die Die Ausräumung vieler zwischen Deutschland und Po­len bestehender Differenzen als nicht un­möglich erscheinen ließ.

Neben der politischen Seite gäbe es aber noch eine wirtschaftspolitische Seite. Die Han­delsvertragsverhandlungen zwischen Berlin und Warschau dauern, so heißt es in den Ausführung gen weiter, nunmehr bereits länger als zwei Jahre an. Man kann auch diese Dinge nicht allein unter rein ökonomischen Gesichtspunkten be­trachten und beurteilen, denn es spielen auch hier politische Momente von erheblicher Tragweite mit, an erster Stelle hie Niederlassungs« frage. Es wird dann in der Betrachtung daran erinnert, daß zu dem viel erörterten Abbruch der Handesvertragsverhandlungen kurz vor der vor- jährigen Märztagung des Völkerbundes die pol« nifche Ausweisungspraxis gegenüber den Deutschen geführt hat. Jetzt verhandele man ht Warschau über einen vorläufigen Handelsver­trag, der vermutlich in ungefähr vier Wochen fer- tiggestellt sein werde. Wenn man in Deutschland in übertriebener Weife von einem infolge dieses Vertragsschlusses drohenden Zusammenbruch der deutschen Landwirtschaft gesprochen habe, so werde diese Anschauung in ,ernsthaften Krerlen nir­gends geteilt werden. Aus diese Dinge fei in den Vorbesprechungen Stresemanns mit Jackowski hinreichend Rücksicht genommen worden. Die Be­trachtung weist dann darauf hin, daß die Frage des deutsch-polnischen Handelsvertrags im Rah­men der ganzen Beziehungen Deutschlands zu den Weststaaten als ein Prüfstein dafür angesehen wird, ob ein Modus vivendi zwischen Deutschland und Polen möglich ist.

Die Ausführungen weisen dann darauf hin, daß der polnische Außenminister nach Auffassung orien­tierter Kreise jeder aggressiven Politik Polens abgeneigt sei, u. a. well die Ent­wickelung Polens nicht zuletzt von guten Bezieh­ungen zu Deutschland abhängig sei. Es soll aber nicht nur in Warschau, heißt es dann weiter, Vor­kommen, daß die Auffassung des Außenministers von anderen Instanzen des Landes nicht geteilt wird. Man weiß gegenwärtig jedenfalls häufig nicht, ob auf polnischer Selle Pilsudski oder Zales- ki oder der Wojwode von Oberschlesien die aus­schlaggebende Persönlichkeit darstellt. In Ober­schlesien wird eine rein nationalistische Politik gegen das deutsche Element getrieben und mit Mitteln

der Wahlmethode gekämpft, die einigermaßen an wenig zivilisierte Gegenden erinnern. Es machen sich auch gerade in der Frage des Niederlassungs- rechts und trotz des bereits getroffenen Abkom­mens, besonders im Korridor deutschfeindliche Be­strebungen geltend, die zu der von den maßgeben­den Persönlichkeiten vertretenen Politik der An­näherung an Deutschland in ebenso schroffem Wider- fpruch stehen, wie die wiederholten Beteuerungen des litauischen Ministerpräsidenten zu den Hano- lungen des Gouverneurs des Memelgebiets. Man wird sich in Warschau darüber klar fein müssen, daß auch die wirtschaftlichen Fragen in Deutsch­land naturgemäß unter dem Eindruck der Politik stehen werden, die in Warschau oder von unter» geordneten Organen gegenüber dem Deutschtum beobachtet wird, und man wird wünschen müssen, daß hier nach dem Rechten gesehen wird. Die deutsche Politik kann von sich sagen, daß sie sich gegenüber Polen einer einwandfreien Objektivi­tät befleißigt und gerade Herr Zäleski hat in sei­nem letzten Interview eine Besserung der deutsch­polnischen Beziehungen festgestellt und begrüßt.

Zreundschastsvertrag mit Litauen?

Unter dieser Ueberschrift meldet die Voss. Zei­tung: Wie wir zuverlässig erfahren, haben die Verhandlungen im Auswärtigen Amt mit dem litauischen Ministerpräsidenten Woldemaras zu einer weitgehenderen Einigung geführt, als man ursprünglich annehmen konnte. Es sind bisher saft ausschließlich die rein politischen Fragen erörtert worden, während man die wirtschaftlichen Punkte für die späteren Verhandlungen zwischen den bei­derseitigen Wirtschaftssachverständlgen zurückgestellt hat. In besonders unterrichteten Kreisen sieht man schon jetzt die Atmosphäre für den in Aussicht ge­nommenen Schiedsvertrag als so günstig an, daß man bereits von der Möglichkeit eines deutsch­litauischen F renn d sch aftsv er träges spricht. I .

Danzig.

Im Danziger Volkstag verlas Senatspräsident D r. J? a h m di» Erklärung der neuen Regierung. Danach ist der neue Senat bestrebt, vertrauens­voll mit dem Völkerbunde zusammenzuarbei­ten. Auch in den Beziehungen zu Polen will die neue Regierung eine Entspannung erzielen. Sie fordert jedoch von Dolen, daß es die Selbständig­keit Danzigs und feinen deutlchen Charakter achtet. Bei den deutsch-polnischen Handelsvertragsverhand­lungen will die Danziger Regierung mit Anteil haben. Bei dem zur Förderung der Dm^iger Wirtschaft geplanten Ausbau des Danziger Hafens erwartet der Senat von Polen Unterstützung Im Interesse größtmöglichster Sparsamkeit ist eine Vereinfachung und Reorganisation der Danziger Verwaltung ht Aussicht genommen. Die vom Völ­kerbundsrat gesorderte Verminderung der Staatsbediensteten um 800 will die neue Regierung Ende des Rechnungsjahres 1928 er­reicht haben. Dem Wunsche der Bevölkerung ent- sprechend wird die neue Regierung dem Volkstage alsbald die Gesetzentwürfe über Verlleinerung des Senates und Volkstages, Verantwortlichmachung des Eesamtsenats, Zluflösbarkeit des Volkstages und Wiederherstellung der Magistratsverwaltung vorlegen.

trum vor ungerechtfertigten Angriffen schützen mußte. Damals wurde von Kreisen, die Herrn Professor Dr. Martin Spahn gesinnungsmäßig recht nahe stehen, ein Flugblatt verbreitet, in dem zu lesen war, das Zentrum sei von sich selber ab­gefallen. Man solle nur solchen Parteien die Stimme geben, diewie es unsere Bischöfe gefor­dert hätten", für die Verteidigung der Religion und Sittlichkeit, für die volle Freiheit und Gleich­berechtigung der christlichen Konfessionen und für die Erhaltung der konfessionellen Volksschulen ein­treten. Das hat den Hochwürdigsten Kardinal Bertram zur Verhütung falscher Auftastungen am 30. November 1924 zur Veröffentlichung eines Schreibens veranlaßt, aus dem die folgende Stelle allen Seiten in das Gedächtnis zurückgerufen wer­den mag:Da die Autorität der Bischöfe in die­sem überaus scharf gehaltenen Wahlaufruf an der (oben) genannten Stelle hineingezogen ist, glaube ich zu jener Stelle nicht ganz schweigen zu dürfen. Durch die Pflicht der Dankbarkeit für das, was das Zentrum in fünf Jahr­zehnten für die kirchlichen und Schulinteressen der deutschen Katholiken getan hat, fühle ich mich gedrängt, einzig zur Verhütung falscher Auffassun­gen zu erklären: Meine bischöflichen Amtsbrüder und ich haben die Ueberzeugung, daß das Zen­trum stets, wo und wie immer die Verhältnisse es als möglich erscheinen ließen, nach bestem Können für die religiösen Güter der Katholiken einzutreten bestrebt war, und daß es auch in Zu­kunft diesem Grundsätze treu bleiben werde."

Wenn Herr Professor Dr. Martin Spahn schon eine Interpretation der Ansprache des Heiligen Vaters für notwendig hielt, dann wäre er ihrem Geiste wesentlich näher gekommen, hätte er dieses bischöfliche Schreiben dabei zur Hilfe herangezo- gen. Das hat er aber nicht getan, denn am Zen­trum darf kein guter Faden hängen bleiben!

* Die neue norwegische Regierung. Aus Oslo wird gemeldet: Die neue, von der Arbeiter­partei aufgestellte Regierung ist nun endgültig gebildet worden. Die Geschäfte des Premier- und Finanzministers übernimmt Hornsrud, der auswärtigen Angelegenheiten Bull,

Strenge Sowjet-Justiz.

Die transkaukasische politische Verwaltung ver­urteilte Leontd Nowikow, den ehemaligen Leiter der W a r e n a b t e i l u n g des transkaukasischen Handelskommissariats zum Tode. Nowikow war angeklagt, einer Gruppe Getreidespekulanten in Tiflis auf ungesetzlichem Wege Genehmi­gungen zur Getreideausfuhr aus verschiedenen Gebieten des Nordkaukasus verschafft zu haben, wofür er systematisch Bestechungsgelder annahm. Das Todesurteil ist bereits vollstreckt worden. ,

* Zum Einbruch in das beutfd)nationale Frak­tionszimmer. Der Einbruch in das deutschnationale Fraktionszimmer im preußischen Landtag« scheint seiner Aufklärung entgegenzugehen. Wenn auch bisher keine endgültigen Feststellungen getroffen werden konnten, so gewinnt es doch, demD. T." zufolge, mehr und mehr den Anschein, daß es sich um feinen Einbruch mit politischem Hinter­grund, sondern um einen gewöhnlichen Ge­le g e n h e i ts d i e b st ahl handelt. Die Deutsch, nationalen hatten geglaubt, man wolle ihnen Ge. heimdukumente entwenden.

* Elektrofriede zwischen Preußen und Reich. Die Verhandlungen zwischen Preußen und Reich über die schwebenden Fragen der öffentlichen Elektrizitätswirtschaft sind soweit fortgeschritten, daß eine Verständigung erzielt ist. Die Ein- zelheiten dieses bedeutsamen Friedensschlustes, der einem jahrelangen Gegeneinanderarbeiten der Restorts ein Ende machen soll, werden demnächst veröffentlicht werden.

* Der Schrill der Großmächte in der Daffen- angelegenheil. Zu der Meldung desDaily Tele­graph" von einem Schritt der Großmächte bei der Kleinen Entente in der Waffenangelegenheit von Szent Gotthard wird, lautTäglicher Rundschau", an zuständiger Stelle in Berlin er­klärt, daß Deutschland sich an einem solchen Schritt nicht befestigt habe. - -

Kundgebungen in Oldenburg.

Weitgehende Forderungen der Landwirte und Gewerbetreibenden.

Am Donnerstag veranstaltete die Landbevölke­rung in Oldenburg eine große Notkundgebung, an der etwa 25 bis 30000 Personen teilnah­men. Als erster sprach der Geschäftsführer des Oldenburger Landbundes, Dr. Müller, der eine unverzügliche Behebung der Not der Landbevölke­rung forderte. Weiter sprachen ein Vertreter der Landwirte, des Handwerks, der Siedler und der Kaufmannschaft.

Es wurde eine Denkschrift mit den von der Landwirtschaft, dem Handwerk und Gewerbe aufgestellten Forderungen verlesen, die in den nächsten Tagen der Reichsregierung überreicht wer­ben soll. Hierin wird verlangt: Sperrung der Grenzen gegen jede überflüssige Auslandseinfuhr, gleicher Schutz der Landwirtschaft durch Zölle ähn­lich der Industrie, Vereinfachung des Steuer­systems, Steuererlaß für notleidende Hand­werker und Kaufleute, Verminderung der öffent­lichen Ausgaben und Aufgaben, äußerste Spar­samkeit der öffentlichen Wirtschaft und Herab­setzung des Beamtenheeres, einstweilige Aussetzung der Durchführung des Beamtenbefoldungsgesetzes, Abbau der sozialen Lasten, Zulassung freiwilliger Mehrarbeit nach der achtstündigen Arbeitszeit, planmäßiger Abbau der Wohnungszwangswirtschaft und För­derung der Dauwirtschaft, Hergabe von langfrifti« gen, Mligen Krediten mit dem Ziele der Entschul­dung.

Nach Schluß der Versammlung marschierten die Teilnehmer in zwei Demonstrations- z ü g e n durch die Stadt. Eine Abordnung begab sich zum oldenburgischen Staatsministeriuum, die Forderungen der Landbevölkerung zu unterbrei­ten.

Die Rotmaßnahmen.

Im Haushaltsausschuß des Reichstages wur­den folgende Anträge der Regierungsparteien am genommen:

Gewährung von zweitstellig zu sichernden Krediten zwecks Umschuldung drückender schwebender Schul­den an Landwirte, die in der rationellen Fortführung der Betriebe bedroht sind. An territoriale Kreditin­stitute, von denen die Aufnahme entsprechender Anlei- hen für derartige Kreditzwecke zu erwarten ist alsbald Vorschüsse in Höhe von zusammen hundert Millionen Reichsmark zu gewähren. Nach Bedarf sollen weitere Vorschüsse gewährt werden, soweit die Beträge durch Begebung von Schatzwechseln zu beschasien sind.

Bei der Vergebung der Kredite soll eine Mitwirkung von Gutachtern, die von landwirtschaftlichen Selbstoer- waltungskörpern und Kreditinstituten bestellt sind, vor­gesehen werden.

Die Rückzahlung der der Preußischen Zentral-Genos. senschastskaste reichsseitig gewährten Kredite ist so zu gestalten, daß die Rückzahlungstermine auf die Zeit nach der nächsten Ernte hinausgeschoben werden.

Die Landesfinanzämter sind anzuweisen, daß die durch Anordnung vom 1. August 1927 vorgenommene Erhöhung der Rahmensätze zur Einkommens- und Um­satzsteuer für nicht Buch führende Landwirte ohne be- sonderen Antrag der Steuerpflichtigen durch entspre­chenden Nachlaß bei den Abschluß- und Vorauszahlun­gen in allen denjenigen Gegenden rückgängig zu machen ist, wo die auf Buchführungsergebnissen aufgebauten Einkommen, und Umsatzsteuererklärungen ergeben ha­ben, daß eine Erhöhung der Einnahmen aus dem Ver­kauf landwirischaftlicher Erzeugnisse gegenüber dem vorhergegangenen Steuerjahr nicht eingetreten ist. Da­bei soll insbesondere bei bäuerlichen Betrieben eine etwaige Entlassung von Lohnarbeitern und deren Ersetzung durch Familienangehörige berücksichtigt werden.

Die Landesfinanzämter fmb anzuweisen, daß sie Anträgen auf den Erlaß von Zinsen für Steuerrück­stände Rechnung tragen.

Die Reichsregierung wird ersucht, bei allen von Seiten des Reichs zur Förderung der landwirtschaftli­chen Produktion auf den verschiedensten Gebieten zur Verfügung gestellten Mitteln sich einen gebührenden Einfluß bei der Verteilung und Verwendung der Mit­tel zu sichern.

Set Landbund und Dr. Luther.

Sie neunte schlesische Landbundtagung wurde von dem Vorsitzenden Freiherrn Richthofen Bu- goslawitz in Breslau eröffnet. Richthofen begrüßte die zahlreich Erschienenen und wandte sich im be- sonderen mit herzlichen Begrüßungsworten an den Redner der Tagung, Reichskanzler o. Q Luther, indem er auf die Derdienste hin­wies, die Luther als einstiger Ernährungsminister sowie später als Finanzminister sich erworben habe. Er überreichte ihm als Anerkennung der schlesischen Landbevölkerung die Verdienstmedaille des schlesischen Landbundes: Alsdann sprach Luther über das Thema: Landwirtschaft tut not! In einer einstimmig angenommenen Resolution heißt es, daß die deutschen Landwirte keine Ein­fuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse und keinen Abschluß des Handelsvertrages mit Polen, der nur auf Kcften der Laichwirtschaft abgeschlossen wer­den könne und der das Niederlassungsrecht außer Acht lasie, dulden.

Das die Landbundkreise irn Osten so vertrau­ensvoll zu Dr. Luther sich einstellen, ist politisch nicht uninteresiant.

Nommunalpolitischer.

= Der Fehlbetrag Im Berliner Haushalt für 1928 beträgt vermutlich Millionen RM. Angesichts der erhöhten Kosten der Beamtenbesoldung ist deshalb Ver­einfachung Der Verwaltung notwendig. Wie in der laufenden Verwaltung mutzte auch bei der außeror- ordentlichen Verwaltung die aus Anleihen gedeckt werden soll, weitestgehende Einschränkung geübt werden. Ob die Deckung des Fehlbetrages ohne allzu große Steuer­erhöhungen möglich sein wird .hängt davon ab, wie die schwebenden großen Fragen über die Neuregelung be» Finanzausgleichs entschieden werden.