Einzelbild herunterladen
 

M (8.

Gonniag, 22. Januar 1928.

Sulöaer Zeitung

2. Blatt.

Druck der Fuldaer AcNendruckerei, Fulda

und die

I

Die älteste Sparkasse des Regierungsbezirks

Fernruf 263, 864, 265

Karlstraße 1/3.

----- Mündelsicher -------

»>tuaawMainw»niiMMWHtunuiu«uiiiuiuMitHiiuiiiiiniiim»inmiiiiiiiHiuniintiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiMi

uniHJßiJJ' uzLca&r IM /,

1825 Fakta 1825

Bahnhofstrasse 6

so traurig darüber werden, daß man endlich nur darum lacht, weil man doch nicht immer weinen kann, und das weiß das Volk, und darum feiert es Fasching, und darum macht es Maskenbälle.

Dazu die schönen Umzüge. Diel Narrheit ist in der Gemeinschaft der Menschen. Um viele Dinge regen sie sich unnötig auf. Da schreibt ein Minister einen Brios, oder spricht ein unüberlegtes Wort, er tut es aus einer nervösen Stimmung heraus, denn warum sollten die Minister nicht einmal ner­vös werden? Sieh, und das Produkt der erregten Nerven, morgen steht es in der Zeitung, und es wird ein großes Gerede darum, urü> es wird alles vergessen, was der Mann in den nichtnervösen Augenblicken seines Lebens gesagt und geschrieben hat. Ein Narr ist die Welt. Sie fühlt selbst, daß sie sich von Zeit zu Zeit von ihren Narrheiten be­freien muß, und dann denkt sie an den Fasching. Sie setzt die Narrhest einfach auf einen Wagen und lacht und lacht, lacht krampfhaft über all das, was sie sonst so ernst nimmt, weil es nämlich hn Grunde gar nicht so ernst ist. Der Karneval reinigt die Seele, dos heißt ein wirklicher Karneval, wo es noch Humor gibt und nicht Frivolität, wo noch Freude in der Sache ist und nicht Ausgelassen­heit, wo die Freude dazu noch etwas von Götter­funken in sich hat und nicht ein schwelender Docht gemeiner Sinnlichkeit ist.

Ich weiß wohl, daß es noch weit ist bis zum Fast­nachtsrummel. Aber wohin ich komme, da ist man schon am Gange damit. Der Mensch von heute sucht den Rummel. Er will sich selbst weglaufen, und so stürzt er sich am liebsten ins wildeste Fest. Und kann er dazu noch in eine Maske schlüpfen, dann fehlt ihm gar nichts mehr. Man muß es verstehen. Was hat der Arbeitslose noch vom Le­ben, wenn es keinen Fasching mehr gibt. Etwas wie Glaube im Innern, wo denn immer noch in der Seele, mag es noch so betrübt im Dasein wer­den, die ewige Lampe brennt und wo das Gottes- fünklein glüht und wo der Gedanke an den Vater da oben bleibt und eine Erinnerung an die Worte, daß ohne seinen Willen kein Sperling von den Dächern fällt, das gibt es doch in Millionen Her­zen nicht mehr. So ist alles öd und leer, und es bleibt nicht anders übrig, als mit dem Till Eulen- fpiegel durch die Lande zu ziehen und fröhlich zu fein oder traurig, je nach dem der Tag es bringt.

Frau Welt wird in den alten Mysterien immer als die große Törin dargestellt, als die Närrin, als das täuschende Glück, als die geschminkte Sünde. Man muß den Fasching als das richtige Fest der Frau Welt betrachten. Es ist dieses Fest insofern ein tief christliches, als es diese Welt in Narrheit zeigt. Erst wenn man sie als Narren nimmt, erst dann nimmt man sie ernst. Ja, es steckt mehr Weisheit in einem Volksfest, als eure Schulweisheit sich träumen läßt. Gewiß, ich bin dabei, wenn vor Ausschreitungen gewarnt wird. Es sollen in solchen Tagen die Eltern ihre Kinder womöglich nicht allein lassen. Die Festwiesen von heute sind keine Rasenflächen mehr, auf denen harmlose Jugend ihre tollen Sprünge macht. Die Eltern sollten dabei sein. So als Freunde, nicht als Polizei. Auch ist es nicht nötig, daß alles Geld ausgegeben wird, was man in Mühe verdient hat. Es braucht keine Zigeunerhochzeit zu werden. Da hat die Geistlichkeit ganz recht, wenn sie warnt.

Prinz Karneval zieht bald wieder durchs Land. Man muß sich den Sinn für die kleinen Freuden des Lebens bewahren. Lange Gesichter machen zu unserer Not hat keinen Zweck. Die Volksseele hat ihre eigenen Geheimnisse. Man muß das ach- ten. Die Kinder haben ihre Zeit, wo sie ihre Dra­chen steigen lassen, und ihre Zeit, wo sie hinter dem Kreisel herpeitschen. Das ist einmal so. Es ist Rhythmus darin. Das kehrt wieder wie die Jahreszeiten. Genau so ist es mit dem Fasching. Nur kein Pharisäer sein heute.

Immerhin, wenn man so auf seinem Stüblein sitzt und über die Dinge nachdenkt, es hat halt alles seine zwei Seiten. Wie ich über den Prinzen Karneval schreiben will, da lese ich eben in einer Zeitung die Geschichte von dem Zigeunerstamm, der über den Mutsee in Sibirien fuhr. Sie hatten keinen Fasching gefeiert, wohl aber eine Zigeuner- Hochzeit, bei der es gewiß ähnlich lustig zugegangen ist. Und sie fuhren über den gefrorenen See. Es schreckt sie nicht die Mär, die dort erzählt wird, es sei dieser See gierig nach Menschenblut. Sie beachteten es in ihrer hochzeitsseligen Stimmung, erhitzt von Tanz und Musik, nicht, daß da schon ein gewaltiger Tauwind über die eisige Fläche geifahren ist. Sie jagen darauf los und rasend fegen die Ponys dahin über die Todesbahn. Da, ein Krach, und der erste Schlitten bricht ein. Wild gellt der Schrei der Versinkenden durch die Winternacht. Es kommt der folgende, und schon saust er hinein in das sich erweiternde Eisloch. Und der dritte, der vierte, und sie alle, bis der letzte der 65 Schlitten verschwunden ist in der grausigen Tiefe. Am fer­nen Ufer stehen die Bauern, die der Abfahrt bei­gewohnt haben. Wehrlos und hilflos stehen sie da, beleuchtet vom grellen Fackellicht. Weißt du, was eine Zigeunerhochzeit ist? Und kannst du es dir vorstellen, was ein Mensch empfindet, wenn die eiskalte Woge ihn aufnimmt? Dann weißt du auch, welch ein furchtbarer Wechsel des Schicksals diese 400 Menschen betroffen hat. Ach, und es ist das Leben ein blutiger See. Gerötet sind feine Wogen heute vom WÄtkrieg her, von den Revo­lutionen, von den Greueln in Mexiko, von den Morden in China. Und doch rasen die Menschen daher, als wäre Hochzeit und Fest. Die Fiedel haben sie in den Nerven, das berauschende Ge­tränk, den wirbelnden Tanz, Fasching!

Eine Maskerade ist heute. Hab nur deine Freude daran. Von Zeit zu Zeit muß der Mensch sich einmal in ein ander Kostüm tun. Er kommt dadurch gewissermaßen von sich selber los. Kleider machen Leute. Bekannt ist die Geschichte von dem Bettler, den man in einen König verkleidet hatte. Es war zum Spaß geschehen, aber der Arme nahm es ernst und hielt alle Versuche, ihm den Königs­mantel wieder abzunehmen, für Revolution. Könnten Kleider doch Leute machen! Könnte man dies und jenes vergessen, was dunkel im eigenen Leben steht, einfach dadurch, daß man ein ander Kleid darum schlägt. Das wäre schön. Und Prinz Karneval spielt mit dem Gedanken. Die Maskerade ist sozusagen ein sehr ernstes Märchen. Nein, es ist mehr als ein Märchen, oder vielmehr, es ist wie jedes echte Märchen nur die höhere Wahrheit, die eigentliche Wirklichkeit. Komm ich in einem schönen Kleid in einen Gasthof, werde ich besser bedient, als wenn ich in einem schäbigen erscheine. Nach dem Kleid werde ich beurteilt. Und das Wertvollste, was es gibt, die Arbeit der Hände

Rund um die Woche.

Don dem Prinzen Karneval und dem Rosenmontag

seligen oder unseligen Kulturkampfzert seme iour- nalistischen Requisiten. Heinrich Wolf be­spricht die Schrift des österreichischen Generals KraußDer Jrrgang der deutschen Komgspoll- tir. Er stimmt Krauß in der Ansicht bei, daß die römische Kaiseridee dem deutschen Königtum zum Verhängnis geworden sei. Er vermißt aber bei Krauß dieEinsicht", daß mit L u t h e r derneue Weg" beschritten worden ist, dessen Stationen Wittenberg, Potsdam und Weim ai sind. Von da ab könnten wir alles Nötigerom- frei" haben, wenn wir nur wollten.

Luther steht am Anfang eines neuen Weges. Wohl beklagen wir die häufigen Rückschritte, Entgleisungen, Verirrungen der letzten vierhundert Jahre. Aber wir haben uns, um einen Bismarckschen Ausdruck zu ge­brauchen, immer wieder von dem falschen auf den rech­ten Strang zurückgefunden. Im Mittelalter hatten wir nicht nur eine Römische Kirche Deutscher Nation, son­dern auch ein Römisches Reich, Römische Schulern eine Römische Kultur Deutscher Nation. Nachdem Luther uns eine romfreie Kirche geschaffen hatte, erhielten wir durch die Hohenzollern einen romsreien Staat deutscher Natton, durch die Geisteshelden des 18. Jahrhunderts eine romfreie Kultur deutscher Nation.Sie sind aus einen falschen Strang geraten", sagte Bismarck im Jan. 1887 zu der Reichstagsmehrheit. Auf dem falschen Strang waren wir 18151858 und wiederum seit 1890. .... Leider sind wir noch immer aus dem falschen Strang. Wir müssen wieder in die Richtung hinein, auf den Weg zurück, dessen bisherige Stationen Wittenberg, Potsdam, Weimar waren. Romfreie Kirche, romfreier Staat, romfrei Kultur!

Eine neue Kombination alter Requisiten führte Ludendorff vor, in einer Rede im Berliner Kriegervereinshaus am 7. Dezember 1927. Das deutsche Volk, sagte er, müsse sich von den über­staatlichen Mächten des I u d e n t u m s, der F r ei. maurerei und des Jesuitentums frei­machen. Erzberger habe diese drei Kräfte in sich vereint. Emil Ritter.

Denk auch an dein Personal an solchen Tagen. Auch dafür hast du Verantwortung. Immer gibt es allerlei zu bedenken bei den Festen von heute. Vergiß auch nicht, daß viele, viele Arme am Wege stehen, die keinen Fasching haben, wie sie keinen Christbaum hatten und wie sie keine Wohnung haben und kein Brot.....

Inzwischen will ich mich auch in den Tagen bis Fastnacht mst der Sache noch beschäftigen. Wo­möglich einen ganzen Zug zusammenstellen. An der Spitze vielleicht Onkel Sam und Prinz Karne­val, wie er in der einen Hand den Weltfriedens­pakt hält und damit nach Europa weist, in der andern die Handgranaten für Nikaragua und die Monroedoktrin. Oder auch den Henker Calles, den die Dosiische Zeitung zu seinen Erfolgen be­glückwünscht, die Worte nicht scheuend:Calles sollten die Mexikaner in Gold fassen." So ist's recht. Bravo, Prinz Karneval. Ja Brutus ist ein ehrenwerter Mann . . . Vielleicht veranstaltet ©er­härt Hauptmann auch einen Fastnachtsabend und liest ein Kapitel aus feinem Eulenspiegel vor. Auch kein schlechter Prinz Karneval . . . Nun, wir wer­den sehen. Der Mann im Monde.

schaffende Armut, wie werden sie ver­bannt, weil ihr Kittel so armselig ist. Man kann

Die gut eingerichtete Küche gehört zum behaglichen Helm

Vollständige KBchemansstattungen hautwirtschaftliche Maschinen, Nickel-, Tafel- und Kochgeschirre, Bestecke, Messingwaren, Flur- und Wandgarderoben.

C. fl. Arni G. m. b. H. Fulda.

Alte Rcquifitcn.

Früher nannte man in Deuffchland die Katho­liken mit Vorliebedie Schwarzen", und das Wort hatte den gleichen fatalen Beigeschmack, wie das Paralellwortdie Roten". Seit langem schon war jenes außer Gebrauch gekommen, und die kathol. Presse vermied es umqekebrt, von denRoten" zu sprechen. Wie auf ein Stichwort hat nun die sozialistische Presse den Bericht über das Abkom­men zwischen Zentrum und Bayerischer, Volks­partei betitelt:die schwarze Arbeitsgemeinschaff" oderArbeitsgemeinschaft der Schwarzen". Die Leipziger Neuesten Nachrichten", die zur Deut­schen Volkspartei gehört, stellt nicht sehr tieffinnige, aber sehr bezeichnende Betrachtungen über Politik und Weltanschauung" an (12. Dezember 1927). Man glaubt in einer nationalliberalen Zeitung von 1907 zu lesen, wenn man folgendes vor Augen sieht:

Es läßt sich manches darüber sagen, daß der politische Katholizismus in den ersten christlichen Jahrhunderten noch nicht vorhanden war, und daß er erst im Mittelalter feine eindrucksvolle Ausgestaltung bekam. Tatsache ist, daß der ultramontane Herrschaftsgei st heute recht sehr auf dem Plane ist. Natürlich in ande­ren Formen als zu den Zeiten des dritten Innozenz oder des achten Bonifaz. Immer wußte sich Rom mit diplomatischer Klugheit den veränderten Verhältnissen anzupassen, ohne doch nur ein Gramm seiner selbst preiszugeben. Genug, es treibt im Namen der Re­ligion Politik und das Zentrum treibt die entsprechende Parteipolitik. Nur so konnte z. B. das Bayerische Konkordat zustande kommen, dem ja möglicherweise ein deutsches Konkordat folgen wird. Gewiß, es gibt auch Katholiken, denen die Zentrums­politik nicht liegt oder denen sie fatal ist. Aber deshalb kann noch lange nicht von einem überwältigenden Un­terschied zwischen politischem und religiösem Katholizis­mus geredet werden. Denn der offizielle Katholizis­mus, wie er beispielsweise auch auf den großen Katho­likentagen in Erscheinung tritt, kennt und will diesen feinen Unterschied nicht! Wer den heutigen Katholizis­mus kennenlernen will, der muß ihn in feiner von ihm selbst betonten Vielseitigkeit zu verstehen suchen. Er gibt dem modernen Menschen auch Aesthetisches, Mysti­sches, irgendwie Autoritatives für die nach seelischen Autoritäten verlangende Menschenbrust. Aber der Weltmacht-Anspruch steht immer daneben. Auch wenn ihn mancher nicht gleich sieht oder vielleicht gar nicht sehen will.

Noch weiter zurück greift das völkischeDeutsche Tageblatt" (3. Dezember 1927) und holt aus der

Das Rätsel der rätselhaften Briefe gelöst.

_. Jtt uroUUA. dMx. timt

Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kramer, Fulda. Verantwortlich für die Anzeigen: Direktor der Fuldaer Actiendruckerei I. Parze Her.

MMMMMMWMWIllMlldWIlWIMIIIMMIIMWlIIAMIM

SWdieSpito I

.«» »elner.1, das gute Unionbräu

aus der

Unionbrauerei Fulda, G. m. b. H. Fulda

Einzige Brauerei des Kreises Fulda.

Flaschenbier-Vertriebi Georg Ruppel, Flaschenbierhandlung. Kanalstr. 8, telephonisch zu erreichen unter Nr.22. Aug. Ullrich, Flaschenblerhandlung, Nikolausstr aöo 14 und die durch unsere Plakate bezeichneten Verkaufsstellen.

Das Haus Termöllen.

Roman von Emil Frank.

48] ---------

Unwillkülich wich Erich einen Schritt zurück. Noch größer wurde Hetes Angst. Bedeutete das nicht, daß er sie und die Ihren auf das tieffte verachtete? Bedurfte es noch eines weiteren Urteils? War seine Bewegung nicht deutlich genug gewesen? Und es war so furchtbar, daß sie zugeben mußte: er hat recht!

Aber Erich war ja nur vor Schreck zurückgewichen. Er konnte es nicht fassen, daß diesem lieben Mädchen, das durch des Vater jähen Tod schon schwer genug ge­troffen worden war, dieser furchtbare Schlag nicht er­spart blieb. Blitzartig flogen die Gedanken durch seinen Kopf: Was kannst du nur sagen und tun, um ihr Leid zu mildern? Konnte es sie trösten, wenn er ihr sagte: das alles habe ich längst gewußt!? Oder sollte er durch eine Lüge des Baiers Schuld zu verkleinern versuchen? Nein, das tat er nicht! Es war unter feiner Würde!

Feierlich ernst sprach er jetzt:Meine liebe, liebe Hete, wie tut es mir leid, daß auch dies dir nicht erspart blieb. Sei versichert, wenn ich es hätte verhindern kön­nen, daß du in das traurige Geheimnis eingeweiht wur­dest, so hätte ich kein Mittel unversucht gelassen. Denn das, was du soeben von dieser Frau Phillipp härtest, wußte ich schon lange"

Ist das wahr, Erich?" schrie sie förmlich heraus, und du hast es Vater und uns nie fühlen lassen, daß er dir ein so großes Vermögen vorenthielt?"

Komm, setz dich, Hetelein, und höre mich ruhig an!" Zärtlich schlang er feine Arme um ihren Körper. Ge­brochen ruhte sie an feiner Brust. Liebevoll streichelte er ihr Haupt und raunte ihr leise Worte des Trostes zu. Sie waren beide so erschüttert, daß sie das leise Pochen an der Tür überhörten. Erst als sie geöffnet wurde, schaute Erich erstaunt auf. Irma stand wie erstarrt in ihrem Rahmen. Jeder Blutstropfen wich aus ihrem Gesicht. Mühsam unterdrückte sie den Schrei, der als Ausdruck ihres tiefen Schmerzes sich losringen wollte. Verloren! Ihre Hoffnungen waren zerschellt! Erich liebte sie nicht mehr! Hete hatte sein Herz gewonnen!

Sie wollte fliehen. Aber ihre Füße schienen am Bo­den zu wurzeln. Wie gebannt schaute sie das Paar an, das sich noch immer umschlungen hielt.

Erich beugte sich zu Hete nieder und raunte:Irma und Bruno wissen alles! Soll ich Irma erzählen, was geschehen ist?"

Wild fuhr Hete auf. War das denn glaublich? So war des Vaters Tat längst bekannt gewesen? Die Men­schen ,mit denen sie unter einem Dache wohnte, die ihr so unendlich viel Liebe erwiesen hatten, anstatt sie ver­achtend zurückzustoßen, waren in alles eingeweiht! Und Bruno liebte sie trotzdem!

Sie konnte nicht antworten. Aber Erich wandte sich an Irma:Komm, Irma, hilf mir, unser Hetelein trö- ften! Sie, deren Herz durch des Vaters Tod schon zer- riffen wurde, mußte heute noch Schlimmeres erdulden. Sie hat heute erst erfahren, was wir alle: du, Bruno und ich längst wußten, daß Dater mir einen Teil meines Erbes vorenthalten hat. In ihrer Not flüchtete sie zu mir. Sie verlangt mein Urteil, und ich konnte kein anderes fällen, als daß ich voll innigster Teilnahme sie in meine Arme schloß. Nun mußt auch du ihr helfen, daß sie sich im Leben wieder zurechtfindet!"

Mit einem Jubelruf trat Irma näher. Zentner­lasten fielen von ihr ab. Ihre Angst war unbegründet gewesen! Es war also nicht Liebe, was die beiden zu einanber getrieben! Erich hatte eine Verzweifelnde trösten wollen. Und er schien zu ahnen, was Irma dachte. Darum hatte er so ausführlich erklärt, warum Hete an seiner Brust ruhte.

Nun stand Irma an Hetes Seite. Erich trat jetzt ein wenig zurück. Ihr ganzes Herz erschloß sie dem armen Kinde, das von der Sonnenhöhe seines Glückes plötzlich herabgestürzt worden war in die dunkelste Nacht, das um feine verratene Kindesliebe so unsäglich litt, daß es kaum den Weg in das Dasein zurückzufinden vermochte.

Hete aber schüttelte immer wieder den Kopf und raunte einmal ums andere:Ich verstehe euch nicht!"

Erich trat an sie heran:Glaubst du uns, daß wir dich lieb haben?"

Hete nickte.

Wäre es denn nicht schon Grund genug, daß wir alle, Irma und ich, dieses Geheimnis um deinetwillen so treu bewahrt haben? Aber das war es doch nicht allein! Die Rücksicht auf die Ehre der Familie ließ uns schweigen. Und auch jetzt werden wir alles tun, was sich mit erlaubten Mitteln erreichen läßt, um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden!"

Wird Bruno damit einverstanden sein?" fragte Hete zweifelnd.

Du zweifelst an Bruno, der dich mehr liebt als jeden anderen Menschen?" fragte Erich mit großem Nachdruck.

Da preßte Hete die Hände vor die brennenden Augen. Bor Tagen hatte sie es beglückt empfunden, daß es kei­ner großen Kämpfe bedürfen würde, um Bruno anzu­gehören. Und heute trug fle das Brandmal der Schande! Mußte sie da nicht den Gedanken aus ihrem Herzen reißen, dieses edlen Mannes Gattin zu werden? Durste er der Entehrten die Hand zum Lebensbunde reichen?

Irma schien zu erraten, was der Name des Bru­ders in Hete aufgewühtt hatte. Leise sagte fle:Du be­kümmerst dich um Bruno. Er soll ee dir selbst sagen, was er über den Fall denkt. Ich hole ihn!"

Rasch eilte sie hinaus.

Jetzt sprach Erich wieder auf Hete ein:Sobald Bruno hier ist, gehe ich in das Zimmer deiner Mutter und werde selbst mit Frau Phillipp in einer Weise spre­chen, daß ihr die Lust zum Wiederkommen und zu wei­teren Erpresiungen schon vergehen soll. Nein, Hete, du brauchst nichts zu fürchten!"

Schon nach kurzer Zeit kehrte Irma zurück. Bruno folgte ihr auf dem Fuße. Erich und Irma schauten sich nur kurz an. Sie verstanden sich sofort. Die bei­den Menschen sollten sich ganz allein aussprechen. Ge­rade diese Stunde war wie geschaffen, um das starke Band zu schlingen, was in Zukunft ihre Herzen ver­binden sollte.

Irma und Erich gingen im Flur wett genug von Erichs Zimmer entfernt langsam auf und nieder. Geraume Zeit sprachen sie nichts, fle waren beide viel zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt. Endlich brach Erich das Schweigen.

So sehr es mir um Hetes wegen leid tut, daß die Vergangenheit in dieser Weise enthüllt wird, so mag es doch gut sein, daß über diese Dinge endlich einmal Klar­heit geschaffen wird. Rolf scheint mir ernster geworden zu fein. Wenn er nun weiß, daß ich feinen Vater ohne weiteres hier als Herrn schalten und wallen lleß, ob­gleich mir bekannt war, daß er dazu kein Recht hatte, so wird er auch meinen anderen Wünschen leicht zu- gänglich sein. Darüber reden wir noch, wenn ich die Angelegenheit mit Rolf erledigt habe. Nun noch etwas

anderes: Ich habe einen Brief gefunden, den diese Fra» Phillipp an meinen verstorbenen Stiefvater richtete, und dieses Schreiben befaßt sich auch mit einer An­gelegenheit, die uns beide nahe angebt. Ich weiß jetzt, auf welche Weise man uns getrennt hat"

Erregt unterbrach ihn Irma:Stand das etwa in dem Brief?"

3um Teil. Da» andere erzähtte mir Großmama." Und was sagst du dazu?"

Das, was mir drei lange Jahre ein Rätsel war, erklärt sich jetzt ganz leicht. Jeder andere an deiner Stelle hätte genau so gehandelt."

Irma wandte sich hastig ab. Stockend bekannte sie: Aber Bruno hat nicht an dir gezweifelt. Ich erzählte ihm, roa» du ja jetzt auch weißt, ahnte aber damals nicht, daß alles Lug und Trug war. Darauf erwiderte er, du wärest einer so gemeinen Handlung nicht fähig. Und ich habe fo rasch den Glauben an dich verloren. Verzeihe mir!"

Du führst Bruno als Zeugen an. Er kannte mich fast genau so wie sich selber. Und er ist ein Mann, vergiß das nicht! Freundschaft ist etwas ganz anderes, als die Liebe zwischen Mann und Weib. Weil man ein so raffiniertes Mittel anwandte, mußte es auch Er­folg haben. Aber dabei ergriff er ihre Hand und schaute ihr tief in die Augen dieser Erfolg braucht fein dauernder zu sein! Irma, ich habe nicht ausgehört, dich zu lieben, so sehr ich auch dagegen ankämpfte. Als ich dich in Berlin wiedersah, da war ich nur aus dem Grunde fo schroff und abweisend, weil ich von vorn­herein eine Annäherung an dich vermeiden wollte. Als ich dann aber am Abend bei euch saß, da verfiel ich doch wieder ungewollt und unbewußt dem Zauber, der von dir ausgeht, da sah ich deine vermeintliche Untreue in einem ganz anderen Licht. Und feit ich durch den Brief und Großmamas Bericht völlige Klarheit besitze, regt sich wieder leise Hoffnung in meiner Seele. Nur eins muß ich dir sagen: ,Ja, Irma, ich liebe dich! Aber du siehst es selbst, ich bin ein Krüppel! Wenn du auch nur im geringsten schwankst, ich werde es dir gewiß nicht nachtragen, daß du meine Frage verneinst! Irma, liebst du mich denn noch? Möchtest du mein Weib werden, mir Glückspenderin und treueste Lebenskame­radin sein?"

. <Fortsetzuug folgt.)