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Vier Tage haben die beiden Häuser des eng­lischen Parlaments über eine Revision des offiziellen Gebetbuches debattiert; Nichtangehörige der Staatskirche haben führend in die Auseinander­setzungen eingegriffen und durch ihre Reden und Abstimmungen vielleicht die Entscheidung herbeige- Mrt, die gegen die Beschlüsse der kirchlichen Ver­treter gefallen ist. Ein für uns Deutsche schwer ver­ständlicher Vorgang.

Wie sieht das Buch aus, das in unserer reli- gwnsarmen Zeit das Interesse einer politischen Körperschaft in solchem Maße fesseln konnte? Wir machen uns ein falsches Bild, wenn wir an unser evangelisches oder katholisches Gesang- und Gebet­buch denken; denn Book of Common Prayer heißt „Anglikanische Liturgie", befindet sich jedoch als solche nicht nur in der Hand des Geistlichen, son- dern eines jeden Gläubigen, ja liegt in vorbild­licher Weise zum Gebrauche in allen Kirchen aus und wird dem Besucher von Kirchenvorstehern noch auf seinem Platze überreicht. In diesem Buche nun liegt ein starker Zwiespalt zu Tage, und wenn es nach W. H. Wells auch der Stolz englischer Einrichtungen ist. unvereinbare Dinge zu ver­einigen, so bleibt es doch erstaulich, daß dieser Zwiespalt des aus dem 16. Jahrhundert stammen­den Werkes nicht früher zu einer Lösung gedrängt hat. Die zwei Seiten sind das Ritual, welches sich außerordentlich stark an das römisch-katholische an­lehnt, und daneben die sehr schroff ausgesprochene antirömische Glaubenslehre; von diesen beiden Sei­ten aus mußten sich die zwei Hauptrichtungen in­nerhalb der Hochkirche entwickeln, die High Church im engeren Sinne, auch Anglo-Catholic oder von den Gegner „Very" High Ehurch genannt, und die Evangelicals der Low Church.

DasCammon Prayer Book ist das Ritual der englischen Kirche. Morgen und Abendgebet sind durchaus nicht Privatgebete in deutschem Sinne, sondern die Reste der katholischen Horen oder Tag­zeiten. Diese beiden Gottesdienste sollen täglich in jeder Kirche abgehalten werden, „und der Pfar­rer soll eine geziemende Zeit vor dem Beginn eine Glocke läuten lassen, daß das Volk komme, Gottes Wort zu hören und mit ihm zu beten."

Wenn ich in der Kathedrale von Bristol neben den zwei amtierenden Kanonici und dem wunder­vollen Sängerchor an Wochentagen auch nur vier bis fünf Gläubige angetroffen habe, bleiben diese Feiern d och öffentliche Gottesdienste, und am Sonntag ist der Besuch vor- und nachmittags schon gesellschaftliche Pflicht, vielen zweifellos Herzens­bedürfnis. Rach einem genauen Plan ist die täg­liche Rezitation aus der heiligen Schrift, auf die beiden Gottesdienste so verteilt, daß das Alte Testa­ment im Laufe des Jahres einmal, das Reue zwei­mal zur Lektüre kommt, was stark an das katho­lische Brevier erinnert. Als offizielles Gebet er­scheint auch eine Litanei. Die Hauptteile der katho­lischen Messe (Opferung, Wandlung, Kommunion) sind in die Abendmahlfeier übergegangen. Aus der mittelalterlichen Kirche haben sich zahlreiche kirch­liche Feste erhalten; außer den Sonntagen werden 29 aufgezählt, neben den allgemein christlichen nach Montag und Dienstag nach Ostern und Pfing­sten, 14 Feste der Apostel und Evangelisten, Epi­phanie, Mariä Reinigung und Verkündigung, Johannes der Täufer, Michael und alle Engel, Allerheiligen, Stephanus, Unschuldige Kinder. Auch die Fasttage der alten Kirche finden wir noch in großer Zahl, unter anderen alle Freitage, die 40 Tage vor Ostern, die Ouatemberfasttage und eine große Zahl von Vigilfasttagen; Vorschriften über die Abhaltung dieser Tage fehlen allerdings. Es folgt das Ritual für alle kirchlichen Handlungen wie Kindertaufe, Erwachsenentaufe (dem Buche erst später eingefügt), Konfirmation „durch den Bischof ober einen beauftragten Geistlichen", Eheschließung, Krankenbesuch, Begräbnis, auch Kirchgang der Frauen nach der Entbindung, wie er auch in ka­tholischen Gegenden üblich ist; bemerkenswert ist der Abschnitt, über den Schiffsgottesdienst und die Bestattung auf See. Endlich entspricht das Book cf Cammon Prayer auch dem Pontificale der katho­lischen Kirche in den dem Bischöfe vorbehaltenen Amtshandlungen der Diakonen- und Priesterweihe sowie der Bischofskonsekration.

In scharfem Gegensätze zu diesem katholisch anklingenden Ritual steht der a n t i k a t h o l i sche dogmatische Inhalt des Buches. Wenig findet sich im eigentlichen Text; nur bei der Vorschrift, das Abendmahl kniend zu empfangen, wird ausdrück­lich erklärt, „daß hierdurch keine Anbetung statt- fmden soll, weder des empfangenden Brotes und Weines, noch einer körperlichen Gegenwart von Christi natürlichem Fleisch und Blut. Denn Brot und Wein bleiben in ihrer natürlichen Substanz, und Anbetung wäre Götzendienst, den gläubige Christenmenschen verabscheuen müssen. Der natür­liche Leib unt‘ das Blut des Heilandes sind im Himmel und nicht hier, sie können aber nicht zu­gleich an mehreren Orten sein." Das Buch enthält aber als letzten Teil die „39 Artikel", die Be- kenntnisschrift der englischen Kirche. In dieser Form wurden sie von der Londoner Konvokation des Jahres 1562 unter Elisabeth auf Grund der ursprünglichen 32 Artikel Eduards VI. festgesetzt.

Heben mir einige Unterscheidungslehren her­aus. Die Bibel in ihren kanonischen Büchern ist alleinige und ausschließliche Glaubensquelle. — Die Rechtfertigung erfolgt nur durch den Glauben, ohne ihn sind gute Werke nutzlos. Allgemeine Kon­zilien, dürfen nur von Fürsten berufen werden; sie sind nicht unfehlbar. Die römische Lehre über Feg- seuer, Sündenvergebung, Verehrung von Bildern und Reliquien und Anrufung der Heiligen wider­streitet dem Worte Gottes. Der öffentliche Gottes­dienst muß in der Landessprache abgehalten wer­den. Sakramente sind nur Taufe und Abendmahl. — Wesensverwandlung (Transsubstantiation) fin­det tv-im Abendmahl nicht statt, der Leib Christi wird nur in geistiger Weise empfangen; das

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Line Mahnung Schäfers.

Der Vorsitzende der Badischen Zentrumspartei, Prälat Dr. Schofer, gewährte einem Vertreter der „Freiburger Tagespost" eine Unterredung, in der er zur augenblicklichen Auseinandersetzung tn der Zentrumspartei Stellung nahm und dabei u. n. äußerte:

Es wäre falsch, die Gefahren der heuttgen Schwierigkeiten in ihrer Bedeutung zu unter- schätzen. Es sei nicht zu verkennen, daß in der letzten Zeit auf der einen oder anderen Seite bedauerliche Fehler gemacht worden seien. Diese Fehler seien aber verständlich; denn die neue Zeit erfordere auch für eine Partei wie das Zen­trum bei aller Wahrung der alten Grundsätze eine den Zeitverhältnissen entsprechende Praxis. Diese herauszubilden, sei jedenfalls in so wenigen Jahren nicht ohne weiteres möglich ge­wesen. Auch der politische Führer im Zentrum müsse stets auf gewisse Grenzen Rücksicht nehmen. Selbstverständlich sei auch, daß in der Hitze des Gefechts das eine oder andere Wort falle, das ver­letzen könne. Er sei aber der Ansicht, daß Dr. Marx in dem Ausdruck „von einigen Gewerk­schaftsführern" nichts Kränkendes habe hin­einlegen wollen. Jedenfalls müsse es im Zentrum zur Selbstverständlichkeit gehören, daß die Ange­hörigen des Arbeiterstandes genau so geachtet und geschätzt werden müßten, wie die Angehöri­gen jedes anderen Standes. Man erwarte von den Führern, daß sie nicht weiter auseinander­redeten, sondern ernstlich daran dächten, wieder näher zueinander zu kommen. Die be­vorstehende Wahl fordere Einheit und Geschlossen­heit, Disziplin und Ordnung.

lieber das Problem Förderalismus- Unitarismus befragt, erklärte Dr. Schofer, man täusche sich in Norddeutschland bezüglich der Stimmung über diese Dinge im Süden. Allzu groß seien die Hoffnungen, die man auf die gegen- wärtige Zeit setze, nicht. Volk und Vaterland rest­

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Abendmahl darf nicht aufbewahrt oder verehrt werden. (Der vom Parlament verworfene Revi­sionsentwurf hatte die Aufbewahrung des Sakra­ments für Kranke zugelassen, dagegen seine Ver­ehrung, die bei dem „Anglokatholiken" schon reckt verbreitet ist, verworfen.) Der Kelch darf den Laien nicht vorenthalten werden. Die Wieder­holung von Christi Lpfertode in der Messe ist „gotteslästersiches Märchen und gefährlicher Be­trug". — Priester dürsen heiraten. — Jede Na­tionalkirche kann Zeremonien und Riten anordnen und abschaffen.

Die letzte Seite des Buches enthält eine Materie von geradezu mittelalterlicher Systematik, die selbst der in religiösen Dingen sehr zurückhaltende Eng­länder gern im Scherz zitiert; es heißt nämlich da: „Ein Mann darf nicht heiraten 1. seine Groß­mutter, 2. seines Großvaters Weib, 3. seines Wei­bes Großmutter" und so fort durch 30 Nummern der weiblichen Verwandtschaft und Schwägerschaft bis 30. die Tochter von seiner Weibes Schwester.", während rechts daneben 30 männliche Verwandt­schaftsgrade aufgezählt sind als Warnung für junge Mädchen vor leichtsinnigen Verlobungen mit 1. ihrem Großvater, 2. ihrer Großmutter Mann usw.

Wir sehen, daß der Wortlaut des Cammon Prayer Book keine Freiheit läßt für die verschie­denen Richtungen, die sich im Leben der englischen Kirche entwickelt haben. Die Arbeiten der vor 23 Jahren eingesetzten Königlichen Kommission haben die Mauern erweitern und das Haus für alle wohn­lich gestalten wollen. Ein Tag Unterhausdebatte ist kein Abschluß; ein neuer Entwurf wird kom­men, und das Unterhaus wird sich darauf besinnen, daß Entwicklungen nicht mit Knütteln und nicht mit Abstimmungen totgeschlagen werden können.

los Berlin auszuliefern, wäre für ein Deutsches Reich in kritischen Momenten letzten Endes ein Verhängnis.

Am Schluffe der Unterredung über die Schul­frage befragt, erklärte Dr. Schofer, er müsse es im gegenwärtigen Augenblick ablehnen, darüber etwas zu äußern, weil er mit diesen Aeußerungen viel­leicht die Verhandlungen in Berlin störend oder ungünstig beeinflussen könnte.

Ein Helium-Gasvorkommeno

Bei Ouellforschungen, die bei Erweiterungsbau, ten der Opelwerke in Rüsselsheim vorgenom­men wurden, ist ein nordwestlich verlaufender rck>- terirdischer Kanalstrom als Zulauf der heißen Wiesbadener Quellen ermittelt worden. Ferner wurden in einer 600 Meter tiefen Verlagerungs­spalte, die auf den vulkanischen Charakter der rheinischen Tiefebene zurückzuführen fft, ein be­trächtliches Helium-Gasvorkommen fest- gestellt. Die Borarbeiten zur technischen Aus­nutzung dieser Quelle wurden durch die Opelwerke begonnen. Die schwierige Erschließung der Helium- Gasquelle, des ersten europäischenFund» ortes, soll gemeinsam mit der daran interessier­ten Luftschiffindustrie in Angriff genommen wer­den.

Was ist das Book os Common Prayer?

Von Dr. Walter Montag, Frankfurt a. M.

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