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Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.
>: Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.
Samstag, 21. Januar 1928.
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55.Zahrg.
Der neue Wehrminister.
Man schreibt uns aus parlamentarischen Kreisen:
Auf Vorschlag des Reichskanzlers Marx hat ver Reichspräsident nunmehr den Generalleutnant a. D. Groener zum Reichswehrminister ernannt. Das geschah, trotzdem noch in letzter Stunde von rechts her, insbesondere von den Deutschnationalen, em ganz außerordentlich scharfer und auch in der Form schroffer Vorstoß gegen diesen Plan unternommen und dem Reichspräsidenten dringend zugeraten worden war, „sich der ungeheuren Verantwortung bewußt zu sein, die mit dieser Entscheidung verknüpft ist". So sprach insbesondere der „Berliner Lokalanzeiger".
Daß der Reichspräsident diesen Beeinflussungs- verfuchen kein Gehör schenkte und seine Entscheidung nach freiem Ermessen nach Beratung mit dem Reichskanzler traf, zeigt wieder einmal, wie sehr sich der Reichspräsident die Freiheit der Entscheidung, aber auch das eigene Urteil bewahrt hat. Es zeigt zum anderen aber auch, daß alles andere besteht als eine Koalitionshörigkeit gegenüber den Deutschnationalen, wie das ost genug hingesteM wird. Groener ist allerdings den Deutschnationalen nicht genehm, weil sein Name mit der Ordnung der Dinge nach dem Zusammenbruch auf das Engste verbunden ist, denn Groener ist es gewesen, der die bessere Einsicht schon lange vor dem. Zusammenbruch hatte, mü> seiner Tätigkeit war es denn auch zuzuschreiben, daß die Dinge nicht noch schlimmer geworden sind, als es ohnehin der Fall war. Es ist außerordentlich bezeichnend für den Reichspräsidenten, daß er die Großzügigkeit aufbringt, seinen einzigen Berater bei der Beendigung der militärischen Operationen nun auch als Berater für die Fortsetzung des von Geßler eingeleiteten Heeresaufbaues anzunehmen.
Die Berufung Groeners zum Reichswehrminister zeigt den Wandel der Dinge in ganz außerordentlich ausgeprägter Form. Nimmt man hinzu, daß der erste politische Berater des Reichspräsidenten sein eigener Gegenkandidat im Präfidentschafts- kampfe, der Reichskanzler Marx ist, und daß er sich nun als militärischen Berater den Mann auserwählt, der ihm in der schwersten Stunde, die das Heer und das Reich durchzumachen hatten, zur Seite stand, so ergibt sich wieder einmal daraus, wie der Reichspräsident gewillt ist, in engstem Kontakt mit denjenigen politischen Kräften zu bleiben, die diesen neuen Staat geschaffen und seine Erhaltung und Festigung sich zur Aufgabe gesetzt haben.
Groener wurde am 22. November 1857 in Ludwigsburg (Württemberg) geboren, brachte also von Natur aus schon einen gesunden süddeutschen demokratischen Geist mit. 1886 trat er in die Armee, 1899 kam er als Hauptmann zum großen Generalstab, 1914 wurde er nach Kriegsausbruch Oberst. Ms Chef des Feldeifenbahnwesens war er bei Ausbruch des Krieges eine außerordentlich wichtige Persönlichkeit. Seine Leistungen in dieser Zeit wurden allseitig als glänzende anerkannt. 1916 als Generalmajor übernahm er das Kriegs- emährungsamt. Aks eine neue Organisationsarbeit von größter Bedeutung im Herbst 1916 sich auf- drängte, da war es wieder Groener, der zu ihrer Bewältigung beigezogen wurde. Er trat Ende Oktober an die Spitze des neu geschaffenen Kriegsamtes, das die ganze heimische Arbeit personell und materiell organisieren, das wirtschaftliche Hindenburg-Programm durchführen sollte; gleichzeitig wurde er Generalleutnant. Er hat das Hilfsdienstgesetz dem Reichstag gegenüber vertreten, dessen besonderes Vertrauen er genoß, und durch sein persönliches Eingreifen hat er viel zur raschen Beendigung des Streiks der Berliner Munitionsarbeiter im Frühjahr 1917 und zur Beruhigung der Arbeiterschaft beigetragen. Sommer 1917 wurde Groener durch Ludendorff und St inne s politisch kalt gestellt. Er blieb es bis zum Zusammenbruch. Im Oktober 1918 wurde er Nachfolger Ludendorffs als erster Generalquartiermeister. Den Kapp-Putsch im März 1920 hat er selber mit niederhalten helfen. Fehrenbach berief ihn im Juli 1920 in das Reichskabinett, und im Kabinett Fehrenbach wie in den Kabinetten Wirch und Cuno war Groener Verkehrsminister. Nach dem Sturz des Kabinetts Cuno schied auch Groener aus, bis er jetzt wieder vom Reichspräsidenten auf den wichtigen, auch politisch bedeutsamen Posten des Reichswehrministers berufen wurde. ~ MM
Die „Germania" schreibt zu Groeners Berufung u. a.: _______
Groener ist als ein Mann von aufrichtiger Gesinnung bekannt. Seine württembergische Herkunft hat ihm dm demokratischen Geist mitgegeben, den er niemals verleugnet hat; denn aus seiner die Republik bejahenden Einstellung hat Groener niemals ein Hehl gemacht. Während des Kapp-Putsches im März 1920 trat er dieser staatsumstürzlerischm Bewegung entschieden ent» gegen.___
Ms alter Soldat kennt er die Verhältnisse des alten wie des neuen Heeres genau und wird hoffmtlich aus diesen Kenntnissen heraus das neue Heer zu dem Instrument fortentwickeln, das es sein muß. Die Verwurzelung der Reichswehr mit dem Volke und ihr wirklich echter demokratischer Aufbau nicht in parteipolitischem, sondern int weitesten Sinne, ist die Aufgabe, die noch der Lösung harrt. Ob der neue Mann die mitunter schwierigen Verhältnisse meiftert, muß er zeigen. Vertrauen zu seinem neuen Amte dürfte er in weiten Kreisen besitzen. Der Reichspräsident ist anscheinend von dem Gedanken ausgegangen, die Reichswehr so weit wie möglich dem politischen Einfluß zu entziehen, und deshalb wohl nicht zuletzt ist die Wahl auf Groener gefallen. Das Ziel der Entvolitisie-,
Die Notlage der deutschen Landwirtschaft.
Kann die intensive vodenbebauung fortgesetzt werden?
Zum Schutze der deutschen Landwirtschaft haben die Abgeordneten Graf von Westarp, von G u e r a r d (Ztr.), Dr. Scholz und.Leicht für die von ihnen vertretenen Fraktionen der Deutschnationalen, des Zentrums, der Deutschen und der Bayerischen Volkspartei hn Reichstage folgende Interpellation eingebracht:
Die deutsche Landwirtschaft kst in höchster Not und am Ende ihrer Kraft. Der Reichsregierung ist dies, rote aus zahlreichen Aeußerungen ihrer verantwortlichen Vertreter hervorgeht, bekannt. Sie hat auch wiederholt auf das feierlichste erklärt, daß die Erhaltung der Landwirtschaft und itjre'r Produktionskraft die wichtigste Voraussetzung für den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft und der deutschen Dolkskraft nach dem unglücklichen Kriegsausgang sei. Es steht auch fest, daß die Wiederbelebung und Erhaltung des Inlandsmarktes in erster Reihe von dem Gedeihen der Landwirtschaft abhängt.
Wir fragen an: Dis wann wird sich die Reichsregierung darüber schlüssig fein, welche sofort wirkenden und welche für die Dauer wirksamen Maßnahmen sie zu treffen gedenkt, um den Untergang der deutschen Landwirtschaft zu verhüten und das
rung ist gut. Hoffen wir, daß es sich völlig durchsetzt.
Die Rolle, die General Groener am 9. November 1918 in Spaa bei den Besprechungen über die Haltung des Kaisers spielte, ist besonders hefttg umstritten toorben. Insbesondere der frühere deutsche Kronprinz hat schwere Anschuldigungen in seinen „Erinnerungen" gegen ihn erhoben. Die gleichen Anschuldigungen hatte vorher General Graf Walderfee gegen ihn erhoben. Dies führte im Februar 1922 zu dem Spruch eines freiwilligen Ehrengerichts, den Groener selbst erbeten hatte. Dem Ehrengericht gehörten u. a. an: v. Boehn, Generaloberst, v. Kuhl, General der Infanterie a. D., Ziethen, Generalleutnant a. D., v. Hülsen, Generalmajor, Graf Finck von Finckenftein, Generalleutnant a. D., v. Eisenhardt Rothe. Die hauptsächlichsten Puntte dieses Urteils stellen fest:
„Das Ehrengericht ist zu der Ueberzeugung ge- kommett, daß die von Generalmajor Graf Walder- see gegen die Gesinnung und Beweggründe oes Generalleutttants Groener erhobenen Anllagen ungerechtfertigt find, und daß Generalleutnant Groener unter bett denkbar schwierigsten Verhältnissen nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und durch sein Verhalten und seine Maßnahmen dem Vaterland am besten zu dienen geglaubt hat."
Gröners Amlsankriklsbesuche.
= Berlin, 20. Ian. (Eig. Funkm.). Reichswehrminister Gröner, der noch am Mittwoch vom Reichspräsidenten empfangen wurde, hat der B. Z. zufolge, heute vormittag dem bisherigen Minister Dr. Geßler einen Besuch gemacht. Anschließend wird der neue Wehrmin'ster den Chefs der Heeres- vnd der Marineleitung, General Heye und Admiral Zenker, feine Aufwartung machen. Morgen vormittag um 11 Uhr wird Dr. Geßler sich von seinen Mitarbeitern im Ministerium verabschieden. .
v. Hindenburg an Geßler.
Der Reichspräsident hat an den scheidenden Reichswehrminister Dr. Geßler folgendes Schreiben gerichtet:
„Mein sehr geehrter Herr Reichswehrminister!
Mit lebhaftem Bedauern habe ich von Ihrem Entschlüsse, aus dem Amte des Reichswehrministers zu scheiden, Kenntnis genommen. 'So ungern ich mich auch gerade von A>rer bewährten Mitarbeit trenne, so habe ich im Hinblick auf Ihre erschütterte Gesundheit mich doch entschließen müssen, Ihrem Abschiedsgesuch stattzugeben und lasse Ihnen anbei die Entlassungsurkunde zugehen.
Bor nahezu 8 Jahren, in einer Zeit innerer Wirrnis und äußerer Bedrängnis haben Sie das schwierige Amt des Reichswehrministers übernommen und es seither in hingebender und selbsüofer Arbeit durchgeführt, nur von dem einen Ziele geleitet, die uns verbliebene Wehrmacht zu einem über dem (streit der Parteien stehenden pflichttreuen und tüchttgen Instrument des Reiches auszugestalten. Hierfür Ihnen hn Namen des Reiches tief empfundenen herzlichen Dank zu sagen ist mir in dieser Stunde aufrichtiges Bedürfnis. Mit der Geschichte des Wiederaufbaues der deutschen Reichswehr und der deutschen Reichsmarine wird Ihr Name eng verbunden sein!
Indem ich Ihnen meine auftichtigen Wünsche . für eine baldige Wiedergenesung und zugleich die Hofsiiung ausspreche, daß eine spätere Zeit Sie wieder im Dienste des Reiches finden möge,' bin ich mit freundlichsten Grüßen Ihr stets ergebener und dankbarer
gez. v. H i n b e n b u r g"
Der umstrittene Reichsinn enmmister.
Schon seit einiger Zeit wirb in parlamentarischen Kreisen darüber gesprochen, daß auch innerhalb ber Deutschnationalen Reichstagsfraktion selber der Innenminister von Keubell burchaus nicht diejenige feste Stütze habe, wie es nach außen hin scheint. Man wollte wiederholt schon in diesem Zusammenhang wissen, daß ein großer Teil der Deutschnationalen Reichstagsftaktion bereit wäre, auf Keubell zu verzichten. Die deutschnationale Pressestelle hat bie gestern hier erwähnte diesbezügliche Mitteilung der „Voss. Ztg." nun abgewehrt und erklärt, daß an dem Gerücht, wonach führende Kreise der Regierungskoalition beabsichtigen, den Reichsinnenminister von Keubell aus- zuschif sen, kein wahres Wort sei. Dazu äußert
deutsche Volk vor dauernder Nahrungsunfreiheit zu bewahren?
Die Lage in Pommern.
Die Notlage der Landwirtschaft in ber Provinz Pommern hat bien Provknzfallandwirtschaftsrat veranlaßt, an bie zuständigen Behörden eine Denkschrift zu richten, in der über die landwirtschaftliche Verschuldung ber Provinz Pommern, bie auf über 800 Millionen geschätzt wird, unb über den Ausfall der diesjährigen Ernte ausführliche Angaben gemocht unb Hilfsmaßnahmen gefordert lverden. Zu deren einheitlichen Gestaltung wirb die Bestellung eines Kommissars mit besonderen Vollmachten verlangt. Zurzeit, heißt es am Schluß, bedeutet in Pommern die Fortführung der Wirtschaft in allen Betriebsgrößen eine fortschreitende Enteignung. Nachdem weitere Kredite unmöglich sind, wird von den landwirtschaftlichen Organisationen eine Entscheidung gefordert, ob im Vertrauen auf Besserung der Lage an intensiver Detriebsführung festgehalten oder zu einem Zustand zurückgekehrt werden soll, der praktisch etwa dem vor 30 Jahren entsprechen dürfte.
sich die „Voss. Ztg." in einer Form, die so bemerkenswert ist, daß wir sie vollständig wiedev- gefoen. Di« „Voss. Ztg." sagt:
„Kein wahres Wort? Daß Minister von Keu- dell, der in der Länderkonferenz nicht den Mund auftat, feinen Parteifreunden mehr Last als Lust bereitet, ist unftreittg; ebenso unstreitig, daß es für die Deutschnationalen schwer ist, Keu- dell aus dem Ministerium zu ziehen, well der radikale Flügel das als Schlappheit der Parteileitung übel aufnehmen würde. Die Keudell-Krise ist eine innere Krise der Deutschnationalen. Dre Mitteilung der deutschnationalen Pressestelle zeigt deutlich, daß die Partei nicht imstande ist, diese Krise zu lösen. Sie ist in der Zwickmühle. Keudells Preisgabe wäre Eingeständnis der Niederlage, das Festhalten an Keudell ist nichts als Ausfluß von Schwäche und Verlegenheit."
Str^emann im Dienst.
Rsichsaußenminister Dr. ©trefemann hat sich in den letzten Tagen von seiner Erkrankung soweit erholt, daß er am Freitag seine Tätigkeit im M- nifterium des Auswärtigen wieder aufnehmen kann. Er wird auch bei ber Attacheeprüfung des Auswärtigen Amtes den Vorfitz führen.
Donnerstag abend gab Dr. Sttefemonn fein erstes D i ne r in diesem Winter. Es nahmen daran teil der Sorojetbotschafipr Kressinski mit Gattin, ber türkische Botschafter Kemaleddin Sami Pascha, der griechische Gesandte unb der chilenische Gesandte sowie verschiedene Mitglieder ber Berliner Gesellschaft. Freitag mittag veranstaltet der Reichsaußenminister ein Frühstück zu Ehren des in Berlin weilenden Präsidenten der Internationalen Handelskammer, des italienischen Großindustriellen Pirelli.
Dr. Stresemann hat nach einer Meldung der Voss. Ztg." an Reichstagpräsident Löbe das Ersuchen gerichtet, die Beratung des Etats des Auswärtigen schon in der nächsten Woche auf die Tagesordnung zu setzen, damit er noch vor Antritt seines Erholungsurlaubs vor dem Reichstag über einige wichtige Fragen der Au- ßenpoltilik sprechen könne. Da bie Ausschußberatung des Etats des Auswärtigen schon in einigen Tagen abgeschlossen sein dürfte, wurde diesem Wunsche entsprochen, sodaß Dr. Stresemann voraussichtlich am nächsten Donnerstag im Reichstage sprechen wird. Das Blatt nimmt an, daß Stresemann bie Rheinlandräumung zum Hauptthema seiner Ausführungen machen und der These Paul Boncours entgegentreten werbe.
3um Schulgesetz.
Dieser Tage war berichtet worben, daß die Deutsche Volkspartei wegen des § 16a des Reichsschulgesetzes Bedenken habe, durch welchen bestimmt wird, daß in Gebieten des Reiches, in denen ein Zusammenwirken mit den Staatsbehörden unb Religionsgesellschaften hinsichtlich des Religionsunterrichtes schon festgelegt fei, es bei dieser Regelung verbleiben solle. Die Opposition machte die Volkspartei darauf aufmerksam, daß damit praktisch eine Anerkennung des Bayerischen Konkordats gegeben sei. Obwohl die Pressestelle der Deutschen Dolkspartei erklärte, daß eine Krisis um dieser Dinge willen nicht vorhanden wäre und eine Zurückziehung nicht in Frage käme, ist es nun jetzt doch zur Tatsache geworden, daß der Fraktions- vorsitzende der Deutschen Volkspartei, der Abgeordnete Dr. Scholz, seine Unterschrift unter diesen Kompromiß zurückgezogen hat.
Die Situation, die dadurch entstanden ist, ist nicht etwa für die übrigen Koalitionsparteien, sondern für die Deutsche Volksvartei selbst sehr peinlich, die damit ihrer politischen Einsicht und Zielsicherheit das denkbar schlechteste Zeugnis ausgesprochen hat. Zentrum und Bayerische Volkspartei können in aller Ruhe die endgültige Entscheidung über diese Fragen abroarten.
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In ber Donnerstag-Plenarsitzung des preußischen Landtages würbe in der Einzelberatung der zweiten Lesung des Forstetats fortgefahren, die Abstimmung jedoch auf Freitag zurückgestellt. Die Abstimmung ber dann folgenden zweiten Beratung des Haushalts der Gestütsverwal- tun.g wurde gleichfalls auf Freitag vertagt.
bie Gtatsöebatte.
Auf ber Tagesordnung ber ersten Plenarsitzung des Reichstages nach ber Weihnachtspause stand die erste Lesung bes Etats von 1928. Reichsfinanzminister Dr. Köhler brachte in fast zweistündiger Red« den neuen Etat ein. Der Minister bezeichnete den neuen Etat als den Etat der Sparsamkeit, da dieser Etat der erste mit der Normalbelastung des Daroesplanes sei. Trotz neuer zwangsläufiger Ausgaben fei es gelungen, ihn ohne Steuererhöhung zu balancieren. Der Etat schließt mit insgesamt 9,5 Milliarden in Einnahmen und Ausgaben ab. Das bedeutet ein Mehr von 367 Millionen gegenüber dem Vorjahre. Der Minister verbreitete sich alÄtann über bie einzelnen inbireften Steuern unb betonte hierbei, baß es die Aufgabe jeder Regierung fei, nach Sem kungsmöglichkeiten zu suchen.
Es gab noch niemals einen Reichsfinanzminister, der etwa mit einer Etatsrede hätte Begeisterung beim Parlament erwecken können. Das ist auch sehr schwierig, denn ber Finanzminister muß schon von Haus aus die Dinge recht kritisch und düster schildern, denn er weiß ja, daß die Wünsche und Forderungen der Dolksboten immer weit über bas hinausgehen, was die Reichsregierung für zuträglich hält. So finden auch Köhlers sehr eingehende und gewissenhafte Darlegungen nicht gerade ein freundliches Echo, denn vom Bewilligen will man allerlei hören, aber nicht vom Bezahlen. Die Opposition ist fteilich auf der Lauer, um dem Reichsfinanzmrnister ein Bein zu stellen. Soweit sie das in Zwischenrufen versuchten, hatte es Köhler vermocht, bie Einwände zu parieren.
Der Reichsfinanzminister zieht während seiner fast zweistündigen Darlegungen alle Probleme der Politik in den Kreis seiner Erörterungen. Besonders eingehend befaßt er sich mit der Sozialpolitik, und spricht dabei das sympathische Wort: „Vergessen Sie nicht, über allen politischen Fragen, auch bie sozialen Fragen, sie erst geben der heutigen Zeit bas Gesicht!"
Auch bie jetzt abgeschlossene Länderkonferenz fand eingehende Erwähnung, namentlich jmter dem Gesichtspunkt der Verwaltungsreform. Dabei sagte ber Finanzminister, daß bie Frage ber Reform der öffentlichen Verwaltung eine so brennende fei, daß sie keinen Aufichub mehr dulde. Wir müßten weg von dem unfruchtbaren Leerlauf auf den verschiedensten Gebieten.
Die auherordenrliche Fülle bes Stoffes, den der Reichsfinanzrninifter dem Parlament barbot, hieß es geraten erscheinen, nicht sofort in bie Debatte einzutreten. Es war der Wille sämtlicher Parteien, die Verhandlung nach der Rede des Finanzmini- sters, dem der Kanzler mit besonderer Betonung den Glückwunsch ausspricht, abzubrechen, und die eigen!- liche Debatte erst am Freitag zu beginnen. Dann wirb um zwei Uhr nachmittags der langjährige preußische Mnisterpräsident S e v e r i n g als Redner der Sozialdemokraten die Debatte eröffnen, ber zum ersten Mal feit vierzehn Jahren bann wieder im Reichstag spricht. Die Opposition ist offenbar bereit, bie Position ber Reichsregie- rung und der gegenwärtigen Koalition gerade bei den gegenwärtigen Debatten scharf zu attackieren. Es dürfte ihr aber nicht gelingen, die Stellung der Regierung im gegenwärtigen Augenblick derart anzugreifen, daß eine Erschütterung mit weitreichenden politischen unb parlamentarischen Folgerungen dabei sich ergäbe.
• Der sozial-politische Ausschuß des Reichstages beschäftigte sich am Freitag mit seinem Beratungs- plan für bie nächste Zeit. Er beschloß, bie Frage eines Rentner-Versorgungsgesetzes nicht nur erst nach Abschluß des Gesamtetats, sondern schon am Dienstag zu beraten.
(Ein Zwischenfall erledigt.
Aus der Reichstagsftaktion der Zenlrumsparlei.
Die Verhandlungen über die in der Z e n - trumsfrattion entstandenen Schwierigkeiten wurden in einer Sitzung des Vorstandes der Reichstagsftaktton mit folgendem Ergebnis abgeschlossen:
1. Der in der Presse wiedergegebene Brief des Par- teworsitzenden Dr. Marx vom 19. Dezember 1927 war eine vertrauliche, private Aeußerung, die irrtümlich von dritter Seite ohne Autorisierung des Empfängers veröffentlicht worden ist.
2. Der Brief war eint Antwort auf eine Beschwerde des Geschästsführenden Ausschusies des Katholischen Lehrerverbandes vom 12. Dezember 1927 und bezweckte die Beruhigung erregter Lehrerkreise über die ebenfalls gegen den Willen des Berfaffers in der „Nordischen Volkszeitung" veröffentlichte briefliche Aeußerung Dr. StegerwaDs zur Frage der Wartestandsbeamten. Eine beiderseits beabsichtigte Aussprache zwischen Dr. Marx und Dr. Stegerwald war leider durch die in den letzten Tagen vor den Weihnachtsferien sich häufenden parlamentarischen Arbeiten verhindert worden.
3. Die in den Worten „unbegründet" und „unsachlich" enthaltene Kritik des Parteivorsitzenden bezog sich auf die von Dr. StegerwaD referierend wiedergegebenen Aeußerungen Dritter über einen Teil der Wartestandsbeamten. Sie richtet sich keineswegs gegen die Stellungnahme Stegerwalds zur Besol- dungsvorlage überhaupt.
4. Dr. Marx erkennt an, daß Dr. Stegerwald in feiner Reichstagsrede vom 13. Dezember 1927 und in feiner Rede in einer Berliner Zentrumsversammlung am 21. Dezember 1927 die erforderlichen Aufklärungen gegeben hat. Beide Kundgebungen sind erst nachträglich zur vol- len Kenntnis des Parteivorstandes gekommen.
5. Dr. Marx legt besonderen Wert auf die Erklärung, daß er sich mit Entschiedenheit gegen die Annahme verwahrt, er habe die Worte, „Dr. Stegerwald und einige Gewerkschaftssekretäre" m geringschätzigem Sinne gebraucht. Bei feiner grundsätzlichen Einstellung zu der christlichen Arbeiterbewegung und der Achtung und dem