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Fuldaer Zeitung

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Sonntag, 15. Januar 1928.

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Druck der Fuldaer AcNeudruckerel, Fulda

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Die älteste Sparkasse des Regierungsbezirks

= Mündelsicher ------

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Mitlsthe Spirliisse

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Bahnhofstraase 5

Auto in eine Madckenschar.

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dem der den

Iwei Mädchen getötet.

Ein schweres UnMck ereignete sich Wege Mischen Bahnhof Rolandseck Insel Nonnenwerth. Eine Schar

nicht Männer von eiserner Grundsatztrrue und von glühender Begeisterung Führer sind.

Dor einiger Zeit führte mich mein Weg an die Kaisergruft von Speyer. Da liegen sie nebenein­ander, einige der mächtigsten unserer alten Herr­scher, unter ihnen jener Heinrich III., der den Gip­fel mittelalterlicher Kaisermacht bezeichnete. Hoch über ihnen hängen von der Wölbung herab Kreuz und Krone. Du stehst staunend da und denkst der Zeiten, die einst gewesen sind. Der herrliche Dom hebt dein Gemüt langsam in eine wundersame Sphäre der Reinheit, der Schönheit, des Göttlichen. Gewiß können diese Snmbole in ihrer damaligen Zeitform nicht wiederkehren, aber das, was sie be­deuten, das ist doch das Ewige, und das Deutsche und das Geheimnis unserer geschichtlichen Sen­dung. Einer solchen Sendung bleibt man treu oder man geht zugrunde. Da« sollte bei der kommenden Reichsreform nicht vergessen werden.

Der Mann im Monde.

Ferien zurückkehrender junger Mädchen begab sich in Begleitung einer Schwester nach dem auf der Insel No nnenwerth gelegenen Institut. Mög­lich fuhr ein Personenauto, das einem Lastauto ausweichen wollte, in die Schar. Zwei Mäd­chen von 14 und 15 Jahren aus Neu­münster und Rheydt wurden getötet: die Schwester erlitt einen Nerven­zusammenbruch, mehrere Kinder wurden leich­ter verletzt. Die getöteten Kinder wurden von dem Auto buchstäblich zu Tode geschleift.

* Deutsches AuslandsinstAut im Jahre 1927. Das deutsche Auslandsinstitut, das im „Haus des Deutschtums" m Stuttgart sein Heim hat, pflegt die deutsche Volksgemeinschast in allen fünf Erd­teilen. Seinem Arbeitsbericht vom Jahre 1927 ent­nehmen wir: Die Bücherei, die namentlich Wert auf Deutschtumsliteratur legt, ist auf 28 000 Bände an gewachsen.- Das Archiv umfaßt 364 Zeitungen und 823 Zeitschristen. Die Karten- und Bfldab- teilung hat ihrm Bestand namentlich auch an Lichtbildern zu Vorträgen wesentlich erweitern kön- nen. Es wurden über 30000 Auskünfte erteilt. Das Museum hat durch eine siebenbürcfische Bau­ernstube eine Bereicherung erfahren. Die Zeit­schrift des Instituts, der „Ausländsdeutsche" um­faßt 850 Testen. Im Institut liefen nicht weniger als 78000 Briefe aus und ein.

* Die Rache des Mesfingkäfers. Die Polizei­direktion in Heidelberg hatte vor einigen Mo­naten ein Haus mit Blausäure ausräuchern lassen, weil sich dort der Messingkäser einaenistet hatte. Jetzt wurde festgesteM, daß der Messingkäfer sich nun in der Polizeidirestion selbst, und Mar im Ein­wohnermeldeamt, eingestellt hat.

* Sin Kind au« einem Zug gefallen. Auf der Eisenbahnsttecke Köln-Düren ist ein drei Jahre alter Knabe auf der Fahtt nach Düren aus einem Abteil des Zuges gefallen, wobei ihm die rechte Hand abgefahren wurde. Die Mutter hatte ben Knaben auf den Schoß genommen, und der Kleine hiett sich mit einer Hand an der Türe des Abteils fest. Während der Fahrt öffnete ein Beamter die Abteiltür: dabei fiel das Kind aus dem Wagen und geriet mit dem Arm unter die Räder.

Alles in allem dürste man wohl sagen, daß die christlichen Kreise es vielfach an Geschlossenheit und namentlich auch an Temperament fehlen lassen. Sie haben weithin sich die Tragweite gerade dieses Gesetzes für unsere christliche Zukunft noch nicht klargemacht. Vor einiger Zeit fand in Rouen ein französischer Kirchenkongreß statt, der dm er­schreckenden Priestevmangel in Frankreich furchtbar beleuchtete. Unter dm Hauptgründen, die für den Mangel an Priesternachwuchs angeführt wurdm, war vor allem der des religionslosen Unterrichtes. Meist ist ein solcher Unterricht, wie die Praxis es hundertmal erwiesen hat, religionsfeindlich. Wäre das aber auch nicht der Fall, so wirkt die Los­trennung dec Interessen der Bildung von dem Geiste der Religion in jedem Falle unglücklich. Die Religion stirbt eben, wo sie nicht mehr die rechte Nahrung erhält und wo man ihr nicht mehr die beherrschende Stellung im Leben einräumt. Und so gehen wir einer Zukunft entgegen, die der in Frankreich nicht unähnlich sein wird. Es werden die Tage kommen, wo die ewigen Lampen ver­löschen und wo es an Menschen fehlt, die die Wache am Heiligtum übernehmen. Und wenn wir jetzt schon über die Zersetzung der sittlichen Grund­anschauungen Nagen, jetzt schon, wo doch der weit überwiegende Teil unseres Volkes wenigstens den Nomen eines Christen noch ehrt, wie wird es dann fein, wenn man diesen Namen wieder ächtm wird, wenn man ihn nicht mehr nennt an dm Stätten der Bildung, wenn man ihn untergehen lassm wird, obwohl alle Denkmäler unserer Kultur von ihm zeugen.

Diese Gedankengange sind um so wichttger, als sie mit unferm nationalen Schicksal so innig verbunden sind. Jener Bund für Reichsreform, von dem wir soebm berichteten, geht vor allem von wirtschaftlichen Erwägungen aus. Cs ist auch klar, daß ohne eine sichere wirtschaftliche Ord­nung die Interessen einer höheren Kultur verküm­mern müssen. Eine gesunde wirtschafüiche Entwick­lung gleicht der Gesundheit des Leibes, und es gilt das Sprüchlein: Ein gesunder Geist in einem ge­sunden Körper. Umgekehrt wäre es aber verfehlt, nur an den Körper zu dm km, wo es sich um Men- schm und um Gebilde handelt, die eine Seele haben. Das Christentum gründet auf dem leben­digen Gott. Darum hat es von vornherein einen Blick auch für die lebendigen Kräfte einer Kultur und ist jeder rein mechanischen Einstellung, jeder Herabwürdigung des Menschen zur Maschine und jeder toten Gleichmacherei im innersten Wesen feind. Tatsächlich denken übrigens die Menschen, die das alles angeblich nur von wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus sehen, im Herzen doch an et­was mehr als an Wirtschaft. Immer formt der Mensch nach seinem Bilde oder noch besser nach dem Bilde des Gottes, den er anbetet. Und so sind in vielfacher Weise die religiösen Mottos bet dieser bevorstehenden Reichsreform mit den üb­rigen verknüpft. Genau das, was wir im Schul­kampf erleben, werden wir auch auf diesem Soben auskämpfm müssen, und jeder, der hier ehrlich und nüchtern steht, wird zugeben, daß es um dis Zukunft eines feinen christlichen Ursprüngen ent­sprechenden Deutschlands sehr trübe aussieht. Ein Kampf wird hier entbrennen, zu dem die Schul- kämpfe nur ein schwaches Vorspiel sind, und Gnade Gott dem Christmtum, wmn ihm in diesem Kampfe

Das neue Jahr ist noch jung, aber man muß tzestehen, daß es ein sehr stürmischer Junge ist. Das weiß man in London und in Budapest, und überhaupt sind der Unglücksnachrichten wieder viels. Wobei wir niemals vergessen wollen, daß die Opfer der menschlichen Unvorsichtigkeit noch immer größer sind, als die der Naturkatastrophen und selbst der Beulenpest, wie sie augenblicklich in Brasilien ausgebrochen ist. Man zähle nur die Autounfälle und alle möglichen Fahrlässig, ketten, an die man sich schon gewöhnt hat. Auch im wirttchaftlichen, im pEtischen und im kul­turellen Leben stehen die Dinge so, daß wir jeder­zeit mit Sturm, und Springfluten zu rechnen haben.

Schauen wir auf unser Deutschland, so spitzen sich die Kämpfe um die Neugliederung des Reiches immer mehr zu. Was will der Bund für die Reichsreform, den man ernst nehmen muß, weil so angesehene Männer ihren Namen dafür her- gegeben haben? Man fragt sich zunächst, wieso denn hier ein besonderer Ämd notwendig sei, wo die Reichsreform doch zunächst Sache der Parla­mente ist. Man fragt das um so eher, als der Bund ein bestimmtes Programm nicht vorweist. Mr scheint, daß Gründungen solcher Art unsere Lage und vor allem den Parlamentarismus von heute deutlich unb drohend kennzeichnen. Man scheint dort zu glauben, daß die Parlamente zu größeren Akttonen nicht mehr fähig sind. Man mißtraut den Parteien und will die Mnge mög­lichst überparteilich behandeln. Auch im Jungdo, im Stahlhelm und anderswo sind solche Strö­mungen bemertbor, vor allem auch im breiten Volk, das auf den Versammlungen der Parteien feine Unzufriedenheit oft recht ungeschminkt her­aussagt. Und doch bergen alle außerparteilichen Bemühungen, die zugleich anttparteilich sind, ihre großen Gefahren in sich. Die Parteien sind nun einmal die lebendigen Organe mt Organismus des Staates. Sie aibfchaffen, das hieße der Dik­tatur einer Klasse oder eines Mannes die Wege bereiten. Solche Diktatur wäre aber für uns nur ein Ausweg der Verzweiflung, von dem niemand sagen kann, ob er nicht noch in größere Wirrnis hineinführt. Darum ist dieser Aufruf zu einem Bunde für Reichsreform doch nur ein Weckruf an unsere Parlamentarier, doch nun die Dinge energischer in die Hand zu nehmen. Ist die Maschine zu schwerfällig, gut, so repariere man sie. Es ist ja schon viel über eine Reform des Wahlrechtes gesprochen worden, die man im In­teresse des Parlamentarismus durchaus wünschen muß. Zeigt uns, ihr Vertreter des Volkes, daß ihr imstande seid, über die großen deutschen Fra­gen auch aus großer deutscher Gesinnung heraus zu reden und daß es für euch in einem schönen Sinne keine Parteien mehr gibt, wenn um des ge­samten Deutschlands Schicksal gewürfelt wird.

Freilich sinken unsere Hoffnungen immer wie­der, wenn wir das Los so manches Gesetzentwurfes betrachten, von dem wir gehofft hatten, er würde im Sinne einer großzügigen Auffassung entschie­den werden. Reichsschulgesetz! Faß der Danaiden möchte man es nennen. Es gibt offen­bar noch nicht den festen Boden der Toleranz, der verstehenden Nächstenliebe und der wahren Grundsätze der Freiheit, und so fließen alle ange­sammelten Energien immer wieder auseinander.

Rimd um die Woche.

Ein stürmisches Jahr. — Bund für Reichsresorm. — parlamentarisches. — Das Danaidenfaß de Schnlgefetzenlwurfs. — Reichrreform und Christentum.

Mehr Etats-Kritik.

Die „Fuldaer Zeitung" veröffentlichte kürzlich eine Zuschttft aus ihren Leserkreisen nut der lieber- schrift: „Mehr Etatskritik".

Wie sehr der Verfasser Recht hatte, geht aus einem in Nr. 23 der „Frankfutter Zeitung" er­schienenen Bericht: „Ueberschüsse, Kredite und Fonds" hervor. Wir lassen davon einen AuHug folgen:

Die Vorbemerkungen zum neuen Reichsetat, der von uns referierend und kritisch bereits eingehend behandelt worden ist, bringen zum ersten Male eine Uebersicht über die Ueberschüsse und Kassenbestände, die Entwicklung des Betriebsmittelfonds und der außerordentlichen Ausgaben sowie der sogenannten Einnahme- und Ausgabereste, die für die finanzielle Lage des Reiches und den Geldmarkt von Bedeutung sind. Es hat jahrelangen Drängens des Reichstages, vor allem der Fraktionen der Linken, be­durft, bis sich die Finanzverwaltung entschlossen hat, einen Einblick in ihre „Töpfe" zu gewähren. Dr. K o h - ler kann wenigstens dies als Verdien stin Anspruch nehmen, daß er mit der Geheim­niskrämerei der früheren Jahre gebro­chen hat.

Seit 1924 bis in das Jahr 1927 hinein hat die Reichsfinanzverwaltung dauernd über flüssige Mittel von 800 bis 1000 Millionen verfügt. Das Jahr 1924 hatte aus Münzgewinn 252 Millionen gebracht, aus Etat- Ueberfchuß 496 Mill. Mk.; dazu kamen Reste von 262 Mill., sodaß am 31. März 1925 ein Kassenbestand von 1010 Millionen vorhanden war. Ein Jahr später be­trug er 1034 Millionen, am 31. März 1927 immer noch 800 Millionen. Aus diesen Kassenbeständen wurde der durch die Anleiheaufnahme nicht gedeckte Bedarf des außerordentlichen Haushalts in Höhe von 290 Millionen zunächst bestritten. Für das laufende Rechnungsjahr er­wartet die Verwaltung Reste des von 250—300 Mil­lionen, wozu als noch verfügbarer Rest des Be­triebsmittelfonds, von dem 190 Millionen in den Etat 1927 übernommen worden sind, 62 Mil­lionen kommen und — nach Absetzung des Bedarfs für den noch ausstehenden Nachtragshaushalt — 160 Mil­lionen als Ueberschuß 1927, so daß am 31. März 192$ immer noch 522 Millionen Mark, also

mehr als eine halbe Mlliarde Kassenbestand da sein werden.' Im nächsten Rechnungsjahr soll, mit man weiß, der Rest des Betriebsmittelfonds zur Ab­deckung der Anleiheermächtigung verwendet, der Ueber­schuß von 1927 als Einnahme in den Etat eingestellt werden. Außerdem wird mit einer gewissen Aufarbei­tung des Programms des außerordentlichen Haushalts gerechnet, so daß im März 1928 der Kassenbestand nur noch die von 1928 übrigbleibenden Ausgabenrestc in Höhe von 200 Mill. Mark umfassen wird.

Ein besonderes Wort verdienen noch die sogenannten Fonds, die an verschiedenen Stellen des Etats erscheinen, d. h. Bewilligungen zu mehr oder weniger allgemeinen Zwecken, die in der Regel auch übertragbar sind und deshalb, sofern sie nicht schon von vornherein der Kon- trolle des Parlaments entzogen sind, von der Büro- kratte mit Hilfe einer extensiven Auslegung leicht für Zwecke verwendet werden können, für die sie eigentlich nicht bestimmt waren. Wir denken hier nicht an die verschiedenen Repräsentattonssonds, die dem Reichs­präsidenten, dem Reichstagspräsidenten, dem Reichskanz­ler, dem Minister des Auswärtigen und den übrigen Reichsministern unterstehen, auch nicht an die Geheim­fonds für den Minister des Auswärtigen (6 Millionen Mark) und den Reichswehrminister (1 Million Mark> sondern an einige

Sammelfonds besonderer Art.

„Zur Förderung des Nachrichtenwesens im Jnlande' sind im Etat der Reichskanzlei 384000 Mark, im Etat des Auswärtigen Amtes 416 000 Mark verlangt. Dazu kommen im Etat der Reichskanzlei an Ausgaben für die sachliche Aufklärungsarbeit der Reichszentrale für Hei­matdienst 522000 Mark, im Etat des Auswärtigen Am­tes „zur Förderung des deutschen Nachrichtenwesens im Auslande" 2.4 Millionen Mark, „für das wirtschaft­liche Nachrichtenwesen" 500 000 Mark und schließlich im

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Das Haus Termöllen.

Roman von Emil Frank.

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Ms sie geendet hatte, brach stürmischer Beifall los. Alle umringten sie und schüttelten ihr die Hände, und es währte geraume Zeit, bis der Sturm sich einiger­maßen gelegt hatte. Der Schauspieldirektor wußte es einzurichten, daß er an Lus Seite kam. Als guter Ge­schäftsmann entwickelle er ihr feinen Plan: „Sie ha­ben mich auf eine großartige Idee gebracht. Wir brin­gen in diesem Winter das „Kätchen von Heilbronn" her­aus, und Sie übernehmen die Titelrolle. Selbstver­ständlich müßen wir sie erst zusammen einstudieren. Aber ich verspreche mir davon einen Bombenerfolg, wenn wir nur gehörig die Reklametrommel rühren. Eine fünfzehnjährige Schauspielerin als Kätchen! Das ist noch nicht dagewefen!"

„Aber ich bin ja älter, Herr Direktor! sagte Lu schüch­tern.

„Quatsch! Kein Mensch sieht Ihnen das an. Lassen Sie mich nur machen!"

Sie verabredeten noch, wann er sie besuchen konnte, um nähere Abmachungen zu treffen. Dann wurde das übliche Programm solcher Abende abgewickell: moderne Lyrik und Musik. Rolf war heilfroh, als er sich emp­fehlen durfte. Auf der Sttaße schaute er nach einem Auto aus. Lu wanderte langsam aus und nieder. End­lich kam ein Kraftwagen angefahren. Auf Rolfs An­ruf hielt er sogleich. Er gab dem Chauffeur Lus Woh­nung an. Lu hatte inzwischen schon die Tür geöffnet und wollte einsteigen. Mit einem Schreckensschrei prallte sie zurück. Rolf sprang hinzu und konnte sie just auf­fangen, sie wäre sonst gefallen.

Lu sprach stammelnd: „Ein Herr sitzt im Auto, der griff sofort nach meiner Hand."

Kopfschüttelnd erwiderte Rolf: „Du mußt dich geirrt haben!"

Aber er schaute doch selbst nach. Kaum hatte er den Oberkörper in das Wageninnere gebracht, da wurde er auch schon im Nacken ergriffen. Eine hagere Hand preßte ihm ein stark riechendes Tuch vor die Nase. Rolf kämpfte mit der Uebelkeit, wehrte sich verzweifelt gegen den har­ten Zugriff und suchte auch seinerseits den Mann zu fas­le». Lu aber rief wie verzweifelt um Hilfe.

Sie hatte Erfolg. Eine Schutzpatrouille eilte herbei. Schon wollte der Chauffeur abfahren. Doch ein Polizist saß bereits neben ihm und hielt ihn fest. Zwei andere stiegen von der entgegengesetzten Seite in den Wagen, befreiten Rolf und machten den Mann dingfest, der itjn angegriffen hatte. Im Innern des Wagens flammte eine Lampe auf. Erstaunt musterte Rolf den Insassen. Es war Doktor Hjelmdal, der ihn grimmig anstarrte.

Rolf erzählte kurz, was sich ereignet hatte. Der Füh- rer der Patrouille sagte: „Wir bringen den Mann zum Polizeipräsidium. Das scheint ein schwerer Junge zu fein. Die Herrschaften müssen es sich schon gefallen las­sen, uns zu begleiten."

Sie wurden sogleich vernommen. Ein Kriminalkom­missar verhörte den Dänen ohne nennenswerten (Erfolg. Es war nichts aus ihm herauszubringen. Andere Be­amte kamen und gingen. Sie alle schienen dem Kom- missar Bericht zu erstatten. Endlich ttat dieser an den Verhafteten heran und sagte: ,Jch habe mir gleich ge­dacht, wer uns ins Garn gegangen ist, aber ich wollte doch Bestimmtheit haben. Ein Ausländer sind Sie frei­lich, nämlich der Pole Stanislaus Krzon, der sich auf allen möglichen Gebieten betätigt. Jbre Hauptspeziali­täten sind Mädchenhandel und das Falfchfpiel. Ja, lieber Freund, jetzt werden Sie wohl für geraunte Zeit Ferien bekommen!"

Verblüfft lauschten Lu und Rolf den Worten des Kommissars: Mädchenhändler und Falschspieler! Und er hatte es wahrscheinlich auf Lu abgesehen gehabt. Ein Glück, daß fein Anschlag nicht gelungen war!

Auf der Heimfahrt drückte Lu immer wieder Rolfs Hand, hoffentlich war das mein letztes Abenteuer! Tragen mir nicht selbst Schuld daran, daß uns so etwas begegnen konnte? Warum sind wir mit so zweifelhaften Menschen umgegangen! Rolf, bas wird auch dir in Zu­kunft eine Lehre sein, nicht wahr?"

„Da hast du wahrhaftig recht! Den ganzen Tag habe ich genügend über meinen Leichtsinn nachgedacht. Jetzt habe ich die erschütterndste Predigt gehört, die ich mir denken kann. Ich glaube jetzt, ich bin ein- für allemal geheilt!"

An diesem Morgen hatte sich Erich im Termöllen- hause nicht sehen lassen. Er fürchtete sich förmlich davor, feinem Stiefvater zu begegnen. Erst mußte er alles in

sich niedergezwungen haben, was der gefundene Brief in ihm aufgewühlt hatte! Klarheit wollte er gewinnen und Ruhe.

Wie kam es ihm gelegen, als der Direktor Schling- mann ihm sagte: „Die Aufräumungsarbeiten der ab­gebrannten Gießerei müssen mit der größten Beschleuni­gung ausgeführt werden, und wir haben gerade keinen geeigneten Beamten zur Verfügung."

Sofort bot Erich sich an, die Aufsicht zu führen. Lä­chelnd wies er den Widerspruch des erstaunten Direktors zurück ,der es anscheinend nicht fassen konnte, daß der Juniorchef der Westsaliawerke eine fo untergeordnete Ar­beit aus sich nehmen wollte. Kam es nicht darauf an, daß er sich überhaupt betätigen durste?

Kurz nach Mittag wurde er durch einen Techniker ab= gelöst. Nachdem er sich umgezogen hatte, suchte er die Großmutter auf. Es war noch lange nicht drei Uhr, Hete würde also auf sich warten lassen. Da konnte er sich der Großmutter anverttauen, und sie würde ihm aus der Fülle ihres liebenden Herzens raten.

Ohne Umschweife ging er auf fein Ziel los, erzählte ihr von feinem Fund und welche Gedanken er in ihm geweckt hatte. Frau von Termöllen hörte ihn an, ohne mit einem Worte zu unterbrechen. Als er endlich schwieg, meinte sie gelaflen: „Das alles wußte ich längst. Schon bei deiner Rückkehr wollte ich dir erzählen, wie du von Irma getrennt worden bist. Du aber wolltst nicht hö­ren! Es mag besser sein, daß du jetzt gleich den Beweis in Händen hast, daß alles wahr ist!" Und sie erzählte ihm alles, was sie von Irma wußte.

In diesem Augenblicke stürmte Hete ins Zimmer und schwenkte ein Papier wie eine Siegesfahne in der Luft. So groß war ihre freudige Erregung, daß sie im ersten Augenblicke Erich übersah. MU dem Jubelruf: „Dmama, diese Freude! Bruno sieht!" stürzte sie vor der Greisin auf die Knie unb bebeckie beren Hände mit Küssen.

Frau von Termöllen richtete Hete auf und streichelte ihr das vor Erregung glühende Köpfchen. Ein reizendes Lächeln lag wie Spätherbstsonne über ihrem verrunzel­ten Gesicht.

„Mein liebes, liebes Kind! Ich freue mich so sehr mit dir!" sagte sie zärtlich.

Da trat Erich rasch vor unb sagte: „Erzähle doch, Hete! Ober laß uns bas Telegramm sehen!"

„Aber bas ist ja gar kein Telegramm! Irma schreibt

| einen langen Brief. O, bei» muß ich euch untiefen. Das | heißt, wenigstens soviel, als euch bavon interessiert!" meinte sie, während purpurne Röte über ihre Wangen flog. Sie lauerte auf einem Schemel neben der Greisin nieder und begann zu lesen: „Liebste Hete! Eigentlich wollte ich nur telegraphieren, denn ich weiß ja, welch innigen Anteil Du, Großmama und Erich am Schicksal meines Bruders nehmt. Aber es war mir schier unmög- lich, diese Freudenbotschaft in wenigen Worten zusam- menzupressen. Darum sollst Du einen recht langen Bries haben, damit Du Dich mit mir und Bruno freuen kannst, wie Du feit Jahren an unserem tragischen Schicksal teil­nahmst.

Bruno sieht! Seit einer Woche befand er sich in der Klinik des Geheimrats Birch, der sich während der Be­handlung noch zu einer anderen Kur entschlossen hatte, weil die Bestrahlung allein nicht zum Ziele führte. Bruno deutete mir an, was er durchlebte, während der Geheimrat die Binden von feinem Auge nahm, als es sich entscheiden mußte, ob Glück ober tiefstes Leid feiner Zukunft Los fein würde. Zwischen lähmender Furcht und frohester Hoffnung schwankte er hin unb her. Furcht­bares Entsetzen packte ihn, als er in den ersten Momen­ten nichts sah. Da meinte er nicht anders, als daß er abfchließen müßte mit einem elenden, verpfuschten Da­sein. Seine zuversichtliche Hoffnung zerschellte klirrend unb lag in Scherben am Boden. Dann aber erlebte er bas Wunder. Er sah! Und eines hat er mir noch ver­raten — o, er ahnt es nicht im entferntesten, daß ich es Dir wieder erzählen könnte! — in diesem Augenblicke höchster Daseinswonne, als die schwarze Nacht, in der er fo lange lebte, sich endlich zu lichten begann, da rief er in überwallendem Jubel Deinen Namen, Du liebes Heik­lem! Kannst Du es erraten, warum er gerade Dich rief? Die Riegel, die feines Herzens Schrein fo lange sorg­sam verschloßen hielten, wurden in diesem Augenblicke mit elementarer Gewalt zurückgestoßen. Ich schreibe Dir das nur, damit Du Dich prüfen kannst, bis Bruno kommt. Kannst Du sein Fühlen nicht erwidern, dann vertraue Dich mir an. Es ist bester, daß ich ihn darauf vorbe­reite, wenn dieses Glück ihm nicht beschieden fein sollte, als wenn er aus Deinem eigenen Munde die niederschmet­ternde Nachricht erhielte."

jfFortsetzung folgt)

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