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Unterhaltungsbeilaqe zur Zuldaer Zeitung. Nr. 10 vom 13. Januar 1028 ' -

Nbend.

Friedlich bekämpfe» N acht sich und Tag. Wie das zu dämpfe», Di« das zu lösen vermag!

Der mich bedrückte. Schläfst du schon, Schmerz? Was mich beglückt«. Was öot's doch, mein Herz?

Freude wie Stummer, Fühl ich, zerrann. Aber den Schlummer Fichrten leis' sie heran.

Und im Entschwebe»

Immer empor, Kommt mir dar Lebe» Ganz wie ein Schlummerlied vor.

Der Besuch -es Ministers.

Humoreske von Snrl Mangold.

Der unbändige Ehrgeiz de» Herrn Direktor» Secco de Dino Pepstno, der sich nicht einmal mit dem aller- höchsten Marktbesuch des Königs zufrieden gab, galt dem Ziel, auch den großen Mussolini zu de» Abneh- mern seines berühmten Käs« zu zähle». Aber alle ver­suche in dieser Richtung waren bisher Blindgänger ge­wesen. Es mußte wohl sein, daß der Staatsmann alle Reklamezettel und geschäftlichen Empfehlungen in seinen Papierkorb warf, ohne jemals auf die sehnlichsten Wünsche eines Mannes einzugehen, der in sonstiger Be- ziehung sein glühender Bewunderer und Anhänger war.

Wie eine Henn« über ihren Eiern, so brütete Herr (Secco de Din» Pepsins mit Zigarrenringeln und gerun­zelter Stirn vor sich hin. Da geht plötzlich der Fern­sprecher los und reißt chn aus seiner Stimmung her- aus.

.Hier Direktor de Dino Pepsins, Ziegenkäse en gros, versand in alle Länder, Hoflieferant Seiner Majestät!"

„Hier der Postverwalter! Sie werden von Rom aus verlangt, Herr Direktor!"

„von Rom aus?"

»Hawohl, der Herr Ministerpräsident persönlich . .

Die linke Hand an die Hosennaht gelegt, stand der Herr Direktor auch schon stramm, um durch den Fern­sprecher untertänigst di« Stimme de» Gewaltigen zu vernehmen. Sollte seines Lebens schönster Traum jetzt endlich in Erfüllung gehen?

„Herr Ziegenkäsefabrikdirektor be Dino Pepstno?" „Zu Befehl, Herr Ministerpräsident!"

„Hier Unterstaatssekretär Graf Bacco Grosto! Seine Exzellenz lassen Ihnen mitteilen, daß Höchstdieselben ge­ruht haben, gestern abend Ihren wundervollen Käse kennen zu lernen, und nun voll Entzücken über die schmackhafte Ware persönlich im Auto nach dort korstmen, um Ihre Fabrik zu bestchtigen und einige Bestellungen vorzunehmen."

„Es wird mir eine unverdiente Ehre fein, Herr Graf!"

„Sie können mit der Ankunft Seiner Exzellenz in einer Stunde rechnen."

Zwei volle Minuten stand der Direktor beweglos. War der Besuch nicht unendlich mehr wert als der Hof­lieferantentitel, den ihm doch nur ein einfacher König angodrcht hatte? Jetzt kam der größte Mann des Jahr­hunderts und wollte feine Fabrik besichtigen und wohl gar einige Pfund von der duftenden Ware mitnehmen. Da soll selbst ein Mann auf zwei Minuten die Fassung verlieren dürfen?

Dann aber kam Leben in seine Beine.

Alle Räume und Treppen mußten schleunigst noch gs'chrubdt und mit grünen Kränzen geschmückt werden, es koste, was es wolle. Denn von dem hohen Besuch

hing die Zukunft der Ziegenkäsezucht ab, da» unterlag keinem Zweifel. Auch Gattin und Töchterlein mußten sich noch in Eile frisieren lassen, um Seiner Exzellenz vorschriftsmäßig gegenübertreten zu können. Und er selber — du lieber Himmel, hatte er denn vergessen, sich rasieren zu lassen?

Kaum war die Stunde hastiger Arbeit und bangen Erwartens verflogen, da hielt auch schon das Auto de» hohen Herrn vor der Tür. Ein Lakai riß ben Schlag aus und mit elastischem Schritt entstieg Seine Exzel­lenz dem Fahrzeug, gefolgt von einem Herrn, dessen energischer Miene auf einen Unterstaatsskretär und Fas- zistengeneral schließen lieh. Einen Augenblick war der Direktor ganz Rücken.

Aber der groß« Mann klopfte ihm leutselig auf die Schulter.

„Mein lieber Direktor, Ihr Käs« hat den lebhaften Wunsch in mir erweckt, an Ort und Stelle mich zu überzeugen, wie di« köslliche Ware hergestellt wird, und Näheres über versand und Ausfuhr zu erfahren, von vornherein gesagt, ich lege Wert darauf, daß auch Ihr prachtvoller Käs« recht ball» mit zu den begehrtesten Ausfuhrerzeugnissen unseres geliebten Vaterlandes ge­bärt. Obschon mir die Außenpolitik zur Zeit erheb- lich zu schaffen macht und die Herren Bricrnd und Eham, berlain bedauerlicherweise nicht nach meiner Pfeife tan­zen wollen, muh ich doch als Vater des Daterlande» meine Äugen überall haben und habe sie daher mit Wohlgefallen auf Ihren ausgezeichneten Ziegenkäse ge­worfen."

Beide Hände an die faszistifchen Hosennähte gelegt, führte der Ziegenkäsedirektor den erlauchten Gast mit seinem Begleiter in sein wohnliches Heim. An der Pforte erwarteten Frau und Töchterlein mit erwar­tungsvoller Miene die beiden Herren. Leutselig schüt­telten Exzellenz beiden Damen di« Hand und hauchten einen zarten Kuß auf di« teils mehr, teils weniger flei­schigen Händchen. Auch der Unterstaatssekretär tat des- gleichen. Ein reichhaltiges Festmahl stand auf geschmück­ter Tafel, dabei Massiker und Falerner, die schon der selig« Horaz geliebt und getrunken hatte.

„Nun will ich gleich mit der Tür« ins Haus fallen," begann der Staatsmann das Gespräch, ohne zu versäu­men, den Genüsien der Tafel alle Ehre anzutun, so daß die Hausfrau im Stillen schon daran dachte, den hohen Gast zu bitten, ob er ihre Tochter nicht in Rom als Hofdame anbringen könne, „und ich will Ihnen vertrau- lich gestehen, daß ich beabsichtige, sämtlichen Staatsober­häuptern der ganzen Welt eine Probe von Ihrem Zie­genkäse als Angebinde unserer Leistungrsähigkeit durch unsere Botschafter überreichen zu lasten. Sie könnten uns immerhin so gegen vierzig Probekisten in ge­schmackvoller Aufmachung umgehend »ach Rom ins Mi- nifterium schicken. Apfelsinen, italienischer Salat und Olivenöl allein machen den Kohl noch nicht fett, und mit der Ausfuhr von Marmor hapert es auch, feit der Kunstmarmor erfunden worden ift Da kommt Ihr Käse wie gerufen. Er soll und muß der ganzen Welt klar und deutlich sagen, daß das fafzistisch« Italien denn doch groß und gebietend vor alle» Völkern dasteht. Ich hoff«, gerade durch Ihren genialen Ziegenkäse allerhand wichtig« neue politisch« Fäden knüpfe» zu können."

„Nie in meinem Leben hätte ich mir eine solche Ehre träumen lassen, Hoheit!"

„Das Vaterland wird Sie dafür noch nach Jahichun» betten zu seinen großen Männern zählen, mein lieber Direktor. In diesem Sinne leere ich meinen Pokal und breche aus in den begeisterten Ruf: Evviva Sttalia!"

Mit lebhaftem Interest« besichtigt« nunmehr der große Mann nebst Begleiter die Räum« der Fabrik, teilte huldvoll« Händedrücke aus und ermunterte das Personal, nach Kräften der Ziegenkäsezucht und dem größeren Italien zu dienen. Wenn er binnen weniger Jahre erst ganz Rordafrika von Marokko bis Aegypten annektiert haben werde, würde er es wärmstens be­grüßen, wenn di« gesegnet« Firma be Dino Pepstno in

alle» Städten an der Küste entlang Zweigstellen anle­gen wolle.

„Wird gemacht, Exzellenz!"

Nicht ungern entsprach der große Mann dem brin­genden Wunsch« des Gastgebers, bis zum Abend noch in seinem Heim zu verbleiben. Die bescheidene Bitte der Hausfrau, ihr Töchterlein in Rom bei Hofe einführen zu wollen, xntlockte dem erlauchten Gaste nicht nur ein frohes Lächeln, sondern auch die Zustimmung. Di« Dame des Hauses schwamm in Schweiß und Tränen seliger Rührung.

Kaum dunkelte es draußen, da bildete sich unter Führung des Herrn Bürgermeister» ein Fackelzug, um dem Staatsmann die verdiente Huldigung darzubringen.

„Müssen wir nicht", so begann der Bürgermeister seine Festansprache, „dem Schicksal dankbar sein, daß es uns einen Mann geschenkt hat, der nicht nur um di« Geschchnist« der hohen Politik sich bekümmert, sondern auch ein Herz hat für die Nöte be» kleinen Mannes und selbst an unser» bescheidenen Ziegenkäse denkt, ja ihn sogar zum Ausgangspunkt feiner neuen Politik machen will?"

Gerührt laufchten Sein« Exzellenz den Dorten des Redners und wischten sich eine Träne aus dem Auge. Begeistert hörte die Menge auf seine mahnend. Worte, und seine Bitte, für die Kaste der faszistischen Partei eine kleine Sammlung zu veranstalten, fiel auf frucht- baren Boden. Der Herr Direktor legte eigenhändig zwanzigtausend Lire auf den Teller. Mit Recht ging er von der klugen Erwägung aus, daß di« ideelle Bei­hilfe des hohe» Gastes chm das Hundertfache einbrin- gen werde.

So tarn es, daß beim Abschied der als Begleiter mitgekommene Unterstaatssekretär in seiner Brieftasche die nicht unbeträchtlich« Summe von fast vierzigtausend Lire verwahren durfte, um sie ordnungsmäßig am fol- genben Tage ber faszistischen Parteileitung aushändigen zu können.

Die Honoratoren der Städtchens erhielten alle der Reihe nach das Bild des hohen Herrn mit eigenhändi­ger Unterschrift. Das für den Herrn Direktor be Dino Pepstno bestimmte trug die treffende Unterschrift: Durch Käse zum größeren Italien! Brausend« Evoivas gaben den beiden Herren noch da» Geleite, als das Auto das sinnig mit kleinen grün-weiß-roten Fähnchen ge- schmückt worden war, schon den Augen entschwunden war. Das Tageblatt brachte am folgenden Morgen eine ausführliche Schilderung, um bi« Erinnerung an den Besuch des größten Mannes feiner Zeit der Nachwelt zu erhalten. Der Direktor ließ am gleichen Tage vierzig Kistchen in vornehmer Aufmachung fertig machen, um st« an das Ministerium nach Rom zu senden, da der Regierung ja an tunlichst rascher Erledigung sehr gele­gen war. Seine Gattin und sein Töchterlein hielte» es nicht unter ihrer Würde, eigenhändig jeden einzelnen Käse sorgsam in Staniotpapier zu packen, damit der Auftrag zu vollster Zufriedenheit ausgesührt wurde.

Der Gatte aber setzt« sich trotz ber Hitze an den Schreibtisch und schrieb einen stilisierten Dankesbrief an Seine ExzekMiz. Mit ber Sendung zusammen sollte er im Ministerium abgegeben werden.

Der beschreibt aber sein Erstaunen und Entsetze», al» bereits am nächsten Tage ber Polizeiminister in eigener Person auf ber Bildfläche erschien, um den Tat­bestand aufzunehmen! Und obendrein brachten alle Blätter ber Hauptstadt «inen eingehenden Bericht über die erstaunlichen Ding«, di« geschehen waren.

Du lieber Himmel, kann denn sogar der größte Mann de» Jahrhundert» einen Doppelgänger haben? Und wie weihevoll hatte er doch sprechen können!

Trotzdem sah sich Herr Ziegenkäsefabrikdirektor be Dino Pepsin o gar bald am Ziel seiner stillen Wünsche,, denn die richtige Exzellenz, leutselig wie immer, biet»' ten es für angebracht, ihm durch Bestellung einer Probe- ste ein Pflaster auf die Wunde zu legen. Der Direk­tor aber legte »och einmal aus freudiger Dankbarkeit

zwanzigtausend Lire auf dem Altar der faszistischen Parteikaff« nieber. _______________

wie überwintern die Insekten?

Die Ueberwinterung,formen ber Insekten sind sehr mannigfaltig. Die Bienen zieh, sich in ihren Stock zurück, um auf den jetzt leeren Brutzellen enggedrängt zusam­men zu sitzen u. von dem gesammelt. Honigvorrat zu zech, ren. Dadurch erzeugen sie sich die nötige Därme. Wen» auch ihr« Lebenstätigkeit stark zurückgegangen ist, han­delt es sich bei ihnen doch nicht um ein« Winterstarr». Diese finden wir z. B. bei den jungen befruchteten Hum. melweibchen, die sich, nachdem alle übrigen Individuen de» Volkes abgestorben sind, in den alten Bau oder te irgend ein anderes versteck zurückziehen. Selbst so groß« Völker wie die Wespen (von vespa germanica kennt mm» Kolonien mit 6—10 000 Individuen) gehen zu Grunds bis auf die wenigen befruchteten Weibchen, bi« sick> gerne so wie die Hummelweibchen verhalte». Vie Mehrzahl der Insekten stirbt zu Beginn der kalten Jahreszeit, und nur ihre Eier, Larven ober Puppen erhalten sich N» zum nächsten Frühjahr, wo sie zu neuem Leben erwa­chen und ihre Entwicklung vollenden. Die» ist z. B. bei den Larven ber Libellen ber Fall, bie ihre Winter- starre auf dem Grund ber Gewässer durchwachen, und nur v. einer Libellenart (Seftes fufca) berichtet Tümpel, daß ffe den Winter an Bäumen hängend zubringt. Unter den Orthopteren sind es die Grillen, bie als Larven von ber Winterstarre befallen werden, während bi« Heu­schrecken al» Eier den Winter überdauern. Doch will man bei rtnigen Tettix-Arten (sehr Keinen Feldherr» schrecken) eine Winterstarre ber Larven beobachtet haben. Bei den Insekten, bie eine vollkommen« Metamorphose durchmachen, also nach dem Larvenstadium ein Puppen, ftabium einschieben, sind es meistens bie Puppen, bi« dem Winter zu trotzen vermögen. Selbstverständlich kommt es auch vor, krh Larven und selbst ausgebildet« Insekten den Winter überdauern, und «s ist eine wohl jedem aufmerksamen Beobachter bekannte Tatsache, daß an ausnahmsweise warmen Frühlingstagen hier und da schon Zweiflügler, Schmetterlinge und Käfer erwachen. Die Bildung von Gespinsten, Hüllen usw. geschieht, um einen Schutz vor Kälte, Röste und Feinden zu erzielen.

Kunft und Literatur.

= El» Geschenk von 82 000 Büchern. Der argen­tinische Qurift und Nationalökonom Prof. Dr. Quesada hat seine ca. 82000 Bände umfassende Bibliothek der preußischen Regierung geschenkt, um ft« als Grund­lage eines Idero-amerikanischen Instituts in Berlin zu verwenden. Die Stiftung ist umso höher anzuerkennen, als bie Universitäten Washington und Chicago bedeu­tend« Summen geboten hatten, um dies« wertvollste Privatbibliothek Südamerika» an sich zu bringen.

Heiteres.

Jür schlechte Sänger. Der berühmte russische Sänger Schaljapin wurde eines Tages gefragt, was er denn von der Warnung hielt«, daß Rauchen für di« Kehle schlecht sei. Jb ja", sagte er, „sehr schlecht" und hielt inne, um sich aus seiner Zigarrentasche eine seiner dicken .schweren Zigarren herauszunehmen. „Zweifellos sehr schlecht — für schlechte Sänger." („Daily News".)

»

Verteidigung. „Das finde ich schon höchst sonderbar", sagte der Richter zu dem der Ruhestörung durch Dul­dung von Hundegebell angeklagten Hundebesitzer Kilian, „daß an der ohnehin schon so beträchtllche» Unruhe Ihr Hund sich auch noch mit feinem Gebell beteiligen muß." ,^Herr Richter", erwiderte darauf der AngeNagte, „bös ts a Hund, und ber bellt. 9Baar*s a Kanarienvogel, taat er pfeife». Ich bitte deshalb um meine Freisprechung.'

(JDZeggenborfer Blätter.").

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40] ---------

W.lch ein Unsinn, daß sie gerade jetzt an diese Dinge henken mußte! War sie denn dafür verantwortlich, was geschehen war? Der Geheimrat hatte sie gut bezahlt, die Mutter war auch einverstanden und fchien nicht wenig stolz darauf zu sein, daß ihre kleine Lu gerade diese Rolle zu spielen hatte. Und sie war doch damals wirklich noch ein Kind gewesen. Traf nicht bie Schuld an all dem die beiden Alten, die sie auf eine solche Bahn geschoben hatten?

Hätte sie doch eine Aufgabe zu lösen, bie all« ihre Kräfte in Anspruch nimmt! In ihr ist noch nicht so viel unverbrauchte Straft Sie fühlt es immer wieder, daß die Kunst sie emportragen könnt« über den grauen All­tagsstaub. Die einsame Lu hatte sich oft an dem Ge­danken berauscht, Priesterin hehrster Kunst fein zu dür­fen. Aber dann war sie immer wieder in bie Strudel des wilden Lebens hineingeriffen worden, und hie Mutter hatte ihr Talent und ihre Sehnsucht immer wieder in fiingenbe Münze umzuwerten versucht Mußte da nicht schließlich alle Sehnsucht sterben?

Wen» Doktor Lüders — auf ihn setzte sie noch immer ihre ganze Hoffnung! — Wort hielte! Wenn er imstande wäre, sie aus der Enge ihres Daseins zu befreien, ihr das Tor zum Tempel hehrer Kunst zu öffnen! Ja, bann hätte sie eine Aufgabe, die alle Kräfte ihres Geistes und Kör­pers in Anspruch nehmen würde. Sie könnte den Men­schen zeigen, daß ihre Sunftbegeifterung mehr ist als ein rasch verpuffendes Strohfeuers Herrlich müßte es fein, sie wach zu rütteln, sie empor zu reißen, ihre Seelen oder dem dichterisch geschaffenen Schicksal, basste gestaltet, zum Erbeben zu bringen.

Ob ihr das jemals beschieden sein wird? Oder ob sie verurteilt ist, ihr Lebenlang kleine Rollen zu spielen, die so bedeutungslos sind, daß sich ihr Temperament niemals in ihnen entladen kann?

Die Turmuhr kündete mit dröhnendem Schlag die Mittagsstunde. Erschrocken fährt Lu zusammen. Es wird für sie allerhöchste Zeit, baß sie nach Berlin zurückkehrt. Sie möchte Rolf nicht gerne warten lassen. Mag er fein.

wie er will: sie hat wahrhaftig keinen ®runb, sich über ihn zu beklagen.

Run nähert sie sich wieder dem Kirchlein, bas einen fo sreunbkich ländlichen Eindruck macht, als stände es in einem kleinen westfälischen Bauernhof. Dort zu ihrer Linken muß Jlgenkarnps Billa liegen. Dor dem Hause hält ein großer Kraftwagen. Unwillkürlich verlangsamt sie ihre Schritte. Die alte Neugierde wird in ihr wach. Eine Dame entsteigt dem Auto. Bestürzt prallt Lu zu­rück. Das ist ja Fräulein Brackenberg! Wie ernst schaut sie drein! Ja, man merkt es ihr an: das Schicksal hat sie hart angefaßt. Vielleicht — gesteht Lu zögernd ein — bist du es gewesen, bie sie um bas Glück brachte. Wenn sie erführe, daß du ihr das Märchen erzähllest! Wie würbe sie dich hassen und verabscheuen! Du warst es ja — ohne es recht zu wissen — bie Mörderin ihres Glückes.

Scheu drängt sich Lu auf die Seite, um von Irma nicht gesehen zu werden. Nein, sie trug wahrhaftig kein Verlangen danach, gerade Irma Brackenberg zu begegnen.

Die Dame schritt vor dem Hause langsam auf und ab. Erwartete sie wen? Ahnte sie, wer ihr so nahe war?

Don der entgegengesetzten Seite kam gleichfalls ein Kraftwagen an. Lu blieb nichts anderes übrig, sie mußte ihren schützenden Schlupfwinkel verlassen. Und sie tat es just zu einer Zeit, da Irma Brackenberg sich ihr zu- wandte. Unwillkürlich schrak Lu zurück. Sie hätte fliehen mögen und war dazu doch nicht imstande. Bleigewichte schienen sie festzuhalten. Boll Angst starrte sie Irma an. Fühlte Irma den berückenden Zauber dieser Blicke, die auf sie gerichtet waren. Erkannte sie das Mädchen wieder, das ihr einst so großes Leid getan hatte, indem es den Mann anklagte, der ihrem Herzen so überaus teuer war?

Lu vermochte sich nicht zu regen. Doll stummer, leid- voller Erregung wartete sie auf die weitere Entwicklung dieser Begegnung, die sie doch wahrlich nicht gesucht hatte. Und immer wieder frage sich Lu: Was würdest du tun, wenn diese Dame dir angetan hätte, was du wie ein Spiel auf dich nahmst?

Nun standen sie einander gegenüber, schauten sich in die Augen, und Lu senkte zum ersten Male in ihrem Leben vor einem Menschen beschämt den Bllck.

Irma schaute sie forschend an und meinte schließlich: „Verzeihen Die, baß ich Sie auf offener Strafte an- spreche. Wer wir kennen uns doch, nicht wahr?"

Lu hatte nur den einen Wunsch, sich möglichst rasch entfernen zu dürfe». Aber die Wicke ber Dame schlugen sie in ihren Bann. Ein stummes Neigen bes Hauptes war bie einzige Antwort auf Irmas Frage.

„Ich sehe. Sie sind heute in etwas anberer Stim­mung als bamals, ba sie zu mir tarnen, scheinen auch nicht mehr so froh gelaunt zu sein wie in Dortmund. Ich stelle Ihnen nur eine Frage und überlasse es Ihnen, ob Sie mir diese beantworten wollen oder nicht: Sind Sie damals aus eigenem Antrieb zu mir gekommen?"

Lu lag mit sich in schwerstem Kampfe. Das, wozu das Herz sie Drängte, war Torheit — sie wußte es ganz genau. Und doch, wie seltsam war es! — sie hätte um keinen Preis der Welt gerade dieses Mädchen be­lügen können. Kurz gab sie 'zur Antwort: ,Zch wurde für meinen Gang bezahlt."

Irma fragte in ihrer zähen Art weiter: „Und haben Sie nie bedacht, welch namenloses Unheil Sie mit Ihrem theatralischen Auftreten aarichteten?"

„Ich war damals noch ein Kind! Die Schuld trifft jenen, Der mich Dazu anstiftete und mich Dafür be­zahlte!" gab Lu wiDerwillig zur Antwort.

,Zch mache Ihnen auch Durchaus keinen Vorwurf, fonDern ich wollte nur bestätigt hören, was ich letber Gottes erst zu fpät erfuhr, daß Ihre Anfchulbigungen auf Unwahrhett beruhten. Geben Sie bas zu?"

„Ich kann unb will dieses Lügenspiel nicht fortsetzen, möchte aber auch meinen Auftraggeber nicht bloßstellen, denn ich verdanke ihm viel Gutes!"

„Das sollen Sie auch nicht, liebes Kind Was Sie mir sagten, genügt mir vollkommen. Ich wußte zwar schon feit Wochen, daß ich mich hatte täuschen lassen. Ich habe Sie mit eigenen Äugen an ber Seite von Herrn Doktor Rolf Ilgenkamp gesehen und hörte, was sie miieütanber sprachen. Für mich bedarf es längst keiner weiteren Beweise. Wer eines tut mir unendlich weh; baß ich mich in Ihnen so furchtbar irren konnte! Der Stempel ber Unschulb ist Ihren Zügen aufgeprägt. Wenn furchtbare Zweifel mich quälten, well ich an bie Schuld Des Mannes, Den Sie verdächtigt haben, einfach nicht glauben konnte, so schrie alles in mir: Die­ses Mädchen lügt nicht, kann nicht lügen! Und doch war alles Lüge, was Sie mir erzählten! Ich verzeihe Ihnen gerne, mag ich nun glücklich werden oder nicht.

Aber um eines bitte ich Sie: Lassen 6ie sich nicht wie­der zu einer so schmachvollen Rolle mißbrauchen! Sie hoffen doch auf Glück, nicht wahr? Wie aber kann auf solchem Tun Der Segen ruhen?"

Lu hatte in m Leben noch niemals das Gefühl der Scham j empfunden wie jetzt. Hätte Irma sie mit Vorw.. .,.n überschüttet, so wäre sie sehr schnell aus ihrer sogenannten sentimentalen Gefühlsduselei her­ausgekommen. Aber Lu empfand nur eines: sie, der Du so unsägliches Leid zufügtest, ist so groß und edel, daß sie noch Mitleid mit dir empfindet. Wie schon wäre es, wenn Du so vor ihr ständest, daß du die Blicke vor ihr nicht niederzuschlagen brauchtest! Ja, Lu, du hast viel gefehlt in deinem Leben, warst leichtsinnig, verloren, genußsüchtig, nur auf dein eigenes Ich bedacht. Aber alles könntest du überwinden. Nur das eine nicht, roa» du diesem edlen Mädchen angetan hast! Das läßt sich wahrscheinlich nie sühnen, und es wird dich verfolgen dein ganzes Leben läng.

Flehend schaute sie Irma an: „Verzeihen Sie mit, gnädiges Fräulein! Wenn Sie in mein Herz schaue» könnten, so würden Sie sehen, wie leid mir meine Tat ist. Eines verspreche ich Ihnen: die jetzige Stunde soll nicht spurlos an mir vorübergehen! Wenn ich besser werde — und das will ich! — so verdanke ich es Ihnen!"

„Das ist recht, Fräulein! Sie sind noch jung, all«» läßt sich wieder gut machen, wenn Sie nur ernstlich wollen."

Leise sprach Lu: „Herr von Termöllen ist ja mieber daheim. Wünschen Sie. daß ich ihm schreibe und meine Tat eingestehe?"

Nur einen Augenblick kämpfte Irma mit sich. Dann gab sie ruhig zur Antwort: „Es ist nicht notwendig, mir wollen dem Schicksal ruhig seinen Lauf lassen. Und nun Gott befohlen! Sie nickte ihr ernst aber nicht un­freundlich zu und wandte sich zur Villa. Lu aber schaute ihr lang« nach, und als sie sich bann endlich auf den Weg machte, da war sie von Bewunderung für dieses Mädchen erfüllt. O, wenn sie werden könnte wie diese Irma Brackenberg! Nein, dazu hatte sie keine Anlage, und ihr« ganze Umgebung ist wohl nicht danach angetan. Aber eines wird sie tun: Sie will so leben, daß sie wenigstens in Zukunft vor diesem Mädchen nicht die Blicke senken muß. (Forts, folgt)