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Anzeiger für die Skadk Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Areisblakk.

Nr. 6.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. >: Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk. :-:

Sonntag, S. Januar 1928.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Eolonel) lokal 0,15 JUt, auswärts 0,20 5UL Reklamezeile: lokal 0,60 JUL, auswärts 0,80 5UC. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051.

Sö.Zahrg.

Keine Reparationr-Konferenz.

Die Washingtoner Meldung des Journal es Commerce wonach das Staatsdepartement be­absichtige, nach den französischen Wahlen eine Fi- nanzkonferz zur Regelung der Schulden- und Re­parationsfragen einzuberufen, wurde vom Staats­sekretär als völlig aus der Luft gegrif­fen bezeichnet. Die amerikanische Regierung d?nkt nicht daran, vor Ablauf der gegenwärtigen Präsidentschaftsperiode diese Frage anzuschneiden.

Schatzsekretär Mellon schloß sich dem Dementi Ses Staatssekretär Kellogg an. Mellon bezeichnete die Meldung als Uns i n n. Einer der Verfasser des Dawesplanes gewährte der Associadet Preß ein Interview, in dem er u. a erklärte: Die Fest­setzung der deutschen Gesamtschuld ist im Dawes- p(a> ausdrücklich vorgesehen. Kein Nsrnünftiger glaubt, daß Deutschland die 33 Milliarden Dollars Kriegsschuld je aufbringen kann. Dieses Problem bedarf des Studiums zahlreicher internationaler Konferenzen und die Lösung der Genehmigung durch die Parlamente vieler Staaten. Wie Parker Gilbert richtig ausgeführt hat, sind hierfür die alliierten Gläubiger allein zuständig; Amerika hat damit nichts zu tun.

< Die ttriegsurfache.

HavaS berichtet, daß der französisch« Minister- rat den Vorschlag des Außenministers auf Ein­setzung eines Ausschusses zur Veröffentlichung der Dokumente betreffend die Kriegsursache gebilligt hat. Der Ausschuß, dessen Mitgliederliste veröffent- kicht wird, besteht aus 44 Persönlichkeiten, davon 84 Historiker und Fachleute und 6 Diplomaten a.D.

yr.

" * Der argentinische Minister des Aeußern, D r. Gallardo, weilt in Berlin und wurde vom Reichspräsidenten und den in Betracht kommenden Regierungsstellen als Vertreter eines befreundeten Staates in aller Form geehrt.

^ke Forderungen der Standesherren.

Die Fürsten Salm-Salm, Salm-Horst» war und der Herzog von Arenberg haben gegen den preußischen Staat Klage angestrengt und eine Aufwertung ibrer Renten gefordert. Ihre AWrüche gehen erheblich über eine hundertprozen­tige Aufwertung hinaus. Wie der „Demokratische Zeitungsdienst" erfährt, hat sich der preußische Finanzminister Höpker-Aschoff veranlaßt gesehen, nunmehr mit sofortiger Wirkung die Abschlags- zahlungen zu sperren, die an die fürstlichen Rentenempfänger seit 1923 gezahlt worden sind.

Ebenso hat der preußische Finanzminister die Abschlagszahlungen für diejenigen Standesherren gesperrt, deren Renten unter anderem auf Leib­eigenschaft und ähnlichen Rechten fußten.

,. . . ... , -. .

Im Anschluß an den Parteitag des Zentrums für den Regierungsbezirk Koblenz sprach der Reichstagsabgeordnete von Guerard-Koblenz über die außen- und innenpolitische Entwickelung im vergangenen Jahre. „Wir sind,"'so sagte von Guerard, „ein republikanisches Volk, und nur auf dem Boden der Republik ist ein weiterer Auf­stieg Deuffchlands möglich. Jeder Versuch, die Mo­narchie zurückzurufen, würde unser Volk zerschlagen, und das lehnen wir ab." Als er die Enffchädigungs» forderungen der Standesherren behandelte, bemerkte Abg. v. Guerard, daß es ein Verbrechen am Volke wäre, diesen Forderungen zu entsprechen, da die meisten deutschen Staatsbürger um ihr Vermögen gekommen seien und chnen nur eine beschränkte Aufwertung zuteil werden konnte.

Berlins «eiter Generalsupermtendent. Der Kirchenrat der evangelischen Kirche der altpreu- ßischen Union hat Oberkonsistorialrat D. Karow als Nachfolger von Vizepräsident D. Burghardt zum Generalsuperintendenten von Berlin gewählt.

Die Sowjet-Wahlen.

Aus Moskau wird gemeldet: Im Hinblick auf [tue Gesuche einzelner verbündeter Republiken hat bdas Präsidium des Zentralexekutivkomitees dazu 'aufgefordert, die Wahlen zu den Sowjets bis zum Herbst 1928 aufzuschieben. „Jswestija" er­klärt, der Hauptgrund der Gesuch« um Aufschub der Wahlen sei das zeitliche Zusammenfällen einiger wichtiger Kampagnen: der Wahlkampagne der Ge­nossenschaftsorgane, der Getreidebeschaffungskam­pagne und anderer, wodurch die Durchführung einer so breiten Kampagne, wie die Sowjetwahlen, er­schwert werde.

Vorstoß gegen Calles.

Kanada fordert Einstellung der kakholiken- verfolgungen.

Rach Dlättermeldungen aus Ottawa hat das liberale Mitglied des Parlaments Charles Marcil, ein früherer Vorsitzender des kanadischen Unterhau- ses, eine Entschließung eingebracht, die das Parla­ment auffordert, zum Protest gegen die „öffent­lichen, beleidigenden Erklärungen" des mexikani­schen Generalkonsuls über die katholische Kirche und ihre Anhänger, einschließlich drei Millionen Kana­dier, zu fordern, daß die mexikanische Regierung den Konsul abberust, und daß Kanada jeden weite­ren Verkehr mit Mexiko abbreche, bis die Katho­likenverfolgungen ein Ende nähmen und bürger­liche und religiöse Freiheit wiederhergestellt sei.

$n Bund zur Erneuerung des Reiches.

Berlin, 7. Januar. (Eig. Funkm.) In der Ber­liner Industrie- und Handelskammer fanden sich heute vormittag etwa 100 führende Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft aus allen Teilen des Reiches zur Konstituierung eines Bundes zur Er­neuerung des Reiches zusammen. Der vor­läufige Vorstand setzt sich zusammen aus: Graf Bernstorff, v. Flemming, Horton, Henne, Dr. Jäniche, Dr. Hans Luther, Dr. Karl Petersen, Rausch, Graf v. Rödern und v. Wilmadsky.

Der Vorstand des Bundes erläßt einen Aufruf, in dem es zur Kennzeichnung der Ziele des Bundes u. a. heißt: Aus geschichtlichem Werden erwuchsen Aufgaben des Reichs, für die in Sturmfahren eine verfassungsmäßige Formung nicht gelingen konnte. An dieser Störung gesunden Wachstums krankt unsere Zeit. Der heiße Wille, endlich die volle Einheit des Reiches zu schaffen, begegnet besorgter Abwehr, die gesunde Eigenart vor vermeintlicher Störung schützen will. Diesen Streit gilt es zu beenden.

Als Ergebnis der öffentlichen Erörterung steht heute fest, daß wirkliche Beilegung des Kampfes nur in umfassender Lösung zu finden ist durch eine klare Abgrenzung der strittigen Belange, durch organische Gliederung der Verwaltung. Daher ist eine Erneuerung des Reiches herbeizuführen, die

heute als geschichtliche Forderung vor uns steht. In der Stunde der Gefahr kann es keine andere Lösung geben als Stärkung des Reiches. Dem Reich muß in allen für die Volksgesamtheit wichtigen Fragen die Entscheidung zustehen. Neben der Führung in der Außenpolitik, der Pflege des Rechts und dem Oberbefehl über die Wehrmacht ert ihm die Finanzhoheit und die Rege- aller Fragen, die für die deutsche Wirtschafts-- bilanz von Bedeutung sind. Dieser Festigung der Reichsgewalt muß eine hohe Selbstverantwortung entsprechen, mit der die Glieder des Reichs die ihnen zufallenden Aufgaben erledigen. Die auf dieser Grundlage durchführbare Vereinfachung der gesamten Verwaltung ermöglicht wesentliche Er­sparnisse in den Ausgaben der öffentlichen Hand und damit eine Senkung der unerträglichen Steuern.

Eile tut not, darum rufen wir den Regie­rungen des Reichs und der Länder zu: „Ans Werk!" Fort mit dem Streit über Einzelfragen! Stellt die Einheit des Reiches voran! Das d r i t te Reich gilt es zu zimmern, das die ganze Nation in gesunder Gliederung zusammenschließt nach den Worten des Freiherrn vom Stein: ,Zch habe nur ein Vaterland, d. h. Deutschland."

Der Aufruf trägt die Unterschrift von etwa 200 Persönlichkeiten aus allen Teilen des Reiches.

Rätselraten um das Reichsschulgesetz.

Obwohl das Parlamentsleben erst in der näch­sten Woche wiederum offiziell durch Tagungen ver­schiedener Ausschüsse feinen Anfang nimmt, so glauben doch Blätter der verschiedenen parteipoli­tischen Richtungen der Oeffentlichkeit den Beweis erbringen zu müssen, daß auch in den ruhigen Tagen hinter den Kulissen die wichtigsten Ab­machungen getroffen- würden. Am schlimmsten treibt es in dieser Hinsicht die kommunistische „Rote Fahne", die vor einigen Tagen das Märchen auf­tischte, das Zentrum habe mit den Deutschnationa- len sowohl für das Reichsschulgesetz wie auch für eine spätere Zusammenarbeit feste Abmachungen getroffen. Obwohl dieser Meldung die Unwahrheit auf der Stirn geschrieben stand, veranlaßte sie an­scheinend doch einen Teil der demokratischen Presse, auch Hrrrsksts etwas über feste Allomnien, bei denen das Zentrum beteiligt fei, zu schreiben. Allerdings sprach man weniger von den Deutsch- nationalen, als von der Deutschen Volks» parier, von der behauptet wurde, ihre Führer verhandelten mit den Führern des Zentrums über Konzessionen in der Frage des Reichsschulgesetzes. Insbefondere wurde betont, die Deutsche Vollspur- tei zeige Entgegenkommen in der Frage der geift- lichen Schulaufsicht, um auf diese Weise von Sei­ten des Zentrums die Zustimmung für Neuwah­len im Juni zu erhalten, für welchen Termin an­geblich Reichsaußenminister Dr. Str esemann sehx schwärmen soll.

Es hätte der Dementis in Mattern der Deut­schen Dolkspartei, wie zum Beispiel der „Kölnischen Zeitung" und der „Täglichen Rundschau" gar nicht bedurft, um all diese Behauptungen in das Reich der haltlosen Kombinationen zu verweisen. Wer mit politischen Dingen etwas £t tun hat, weiß ge-

Bolkspartei und

Aus Parlament arisch en Kreisen wird uns geschrieben:

Zwischen der Bolkspartei und den Deutschnatio­nalen macht sich eine langsame, aber immer deut­licher werdende Entfremdung bemerkbar. Während früher die parlamentarische Tätigkeit der Bolkspartei darin zu bestehen schien, die Deutsch­nationalen zu kopieren, empfindet die Partei heute in immer steigendem Maße ihre innere Selbstän­digkeit nicht nur wieder, sondern sie betont sie ge­radezu. Wenn neulich der Dertretertag der Bolkspartei in Mecklenbuvg-Strelitz dem ganz un­verblümt Ausdruck gab, daß er meinte, die Volks­partei wollte nicht mehr fünftes Rad am deutsch- nationalen Wagen sein, so ist das nur ein Symp­tom für eine Tatsache, die überall gefühlt wird und bemerkbar fft.

Die Gründe für diese immer stärker werdende und immer erkennbarere Wandlung liegen in den politischen Verhältnissen. Die Deutschnationalen waren der Bolkspartei in der positischen und par­teipolitischen Situation über, solange sie in der Opposition sich befanden: in dem Augenblick aber, in dem sie aufhörten, Oppositionspartei zu fein, zeigten sie ’hren überraschten Wählern, daß sie es nicht besser konnten, als die Dolksparteiler auch, und damit begann dis Ernüchtenmg, die nun soweit vorgeschritten ist, daß die Volkspartei es geradezu für klug hält, möglichst weit von den Deutsch- nationalen ab^irücken, um möglichst viel Vortelle einzuheimsen.

Und diese Rechnung ist nicht schlecht. Tatsäch­lich bat die Bolkspartei von den Rechtsparteien bei den kommenden Wablen die meisten Aussich­ten. Das beweisen die letzten Wahlen, in denen 0e zwar auch verloren bat, aber doch nicht in dem Maße, wie die Deutschnationalen, die bis zu 50 Prozent ihres Bestandes einbüßten. Im Gegenteil: an einzelnen Stellen vermochte die Bolkspartei so­gar ihren Stand zu behaupten. All das bestärkt sie natürl'ch in ihrer Politik der Selbständigkeit und des Abrückens nach links oder bester nach der Mitte. Das, wozu die Bolkspartei im Früh- icrhr 1925 unter keiner Bedingung zu haben war.

nau, daß die bei den Beratungen des Entwurfes über das Reichsschulgesetz aufgetauchten Schwierig­keiten in der parlamentarischen Weihnachtspause nicht beseitigt worden sind, und daß auch keine Anstalten zu chrer Behebung getroffen werden konnten. Eine Anstrengung in letzterer Hinsicht war auch um deswillen nicht möglich, weil die füh­renden Persönlichkeiten aller maßgebenden Frak­tionen seit mehreren Tagen garnicht in Berlin weilten, sondern erst wieder Ende der Woche ein­treffen. Einstweilen ist es noch nicht recht ersicht­lich, auf welcher Basis sich die Ansichten des Zen­trums und der Deutschen Bolkspartei werden aus- gleichen lasten. Soviel steht jedoch fest, daß das Zentrum nicht die Absicht hat, von feinen Grund- fordtzrungen etwas preiszugeben, eine Tatsache, auf welche besonders der Vorsitzende der Zen- trumsfiaktion des Reichstags, Abgeordneter von Guerard, in einem Neujahrsartikel mit aller Schärfe hingewiefen hat. Wenn auch, wie gesagt, in bezug auf das Reichsschulgesetz der politische Himmel durchaus nicht wolkenlos ist, so braucht doch nicht unter allen Umständen ein parlamen­tarisches Gewitter hereinzubrechen, das alles ver­nichtet. Dekannllich heißt es: Schwierigkeiten seien da, um überwunden zu werden. Don dieser Auf­fassung lasten sich auch die Mitglieder des Inter­fraktionellen Ausschusses der Regie­rungsparteien leiten, die Anfang nächster Woche, bevor der Dildungsausfchuß des Reichs­tags seine Beratungen wieder aufnimmt, zusam­mentreten, um eine Aussprache über die Diffe­renzpunkte herbeizufübren. Voraussagungen über den Ausgang dieser Debatte haben keinen Zweck. Man wird ihr Resultat abwarten muffen, um dann zu der Situation Stellung zu nehmen.

Deutschnationale.

nämlich ein Aufrücken nach der Mitte, das tut sie heute aus wohlverstandenem Parteiinteresse, das sich diesmal, unserer Auffassung nach, auch deckt mit dem, was man eigentlich von der kom­menden politischen Sage erwarten muß. /

Großpolstisch wird sich das bald auswirken. Wenn neulich im preußischen Landtag bei der Etatsdebatte die Dolkspartei eine auffällige Zurück- Haltung zeigte und ihren ehemaligen Minister der Großen Koalition, von Richter, als Redner vor- schickte, so ist auch das ein Zeichen der Zeit. Die Volkspartei erhielt dabei sowohl von Seiten des Ministerpräsidenten, wie von der des Zentrums eine Aufforderung zur Wiederbeteiligung an der Regierung. Das ist durchaus ernst zu nehmen. Daß das preußische Zentrum nach wie vor an der Großen Koalition als dem unter den ge­gebenen Verhältnissen zweckmäßigen polittschen Zu­stand festhält, ist bekannt. Hebet die Modalitäten kann man sich noch verständigen. Daß es in die­sem Landtage nicht mehr dazu kommen wird, hal­ten mir für selbstverständlich, aber die Möglichkeit für eine Große Koalition ist im kommenden Land­tage gegeben, allerdings unter anderen Bedingun­gen für die Volkspartei wie 1925.

Und im Reichstage? Was will Stresemann dort? Daß er von der heutigen Regierung sich kaum noch einen Erfolg verspricht, daß ist wahr­scheinlich. Die Wahlen werden, wenn sich nicht ganz Entscheidendes ändert, mit einem starken An­wachsen der Sozialisten und mit einem Verlust der Rechten ablaufen. Daraus werden sich bestimmte politische Schlüsse nicht abweisen lassen. Man rech­net, daß, wenn der Ruck nach links sich im Reichs­tage ähnlich zeigt, was wahrscheinlich ist, wie bei den anderen Wahlen, dann auch dort die G r o ße Koalition das Gegebene wäre. Die allgemeine Abneigung volksparteisicher Kreise gegen die Deutschnationalen, die wir überall beobachten, könnte diese Bewegung nur verstärken. Für den Frie-den des deutschen Volkes, sowie für die Er­ledigung der großen kommenden gesetzgeberischen Ausgaben innen- und außenpolitisch wäre diese Konstellation bas politisch Geaebene. -

politische Prophezeiungen.

Son Dr. Alphons Nobel

Ein Wahrsager machte sich, wie Zeitungen be* richteten, daran, Prophezeiungen für das neue Jahr 1928 zu verkünden. Da er dieselben in Berlin von sich gab — er selbst ist Ausländer von unbestimmter internationaler Ab­kunft — sagte er uns als seinem Gastherrn freund­liche Worte, solche Worte, wie man sie von Wahr fagern immer gern hört, und die man, eben ihre» freundlichen Inhaltes willen, auch für wahr hält. Also der weise, wahrsagende Mann prophezeite uns einruhigesJahrdesFriedens und v e r< sprach den Bestand der Republik trotz einiger kommunistischer Unruhen und sehr leiden­schaftlicher Wahlen (was für ein Prophet!). Je­doch die andern!

Außenpositisch mögen seine Sprüche sehr beacht­lich fein; denn es handelt sich um einen klugen Mann, der sich anscheinend viel mit Politik be­schäftigte und die Ergebnisse feines Nachdenkens über Europa und die Welt durchaus mit feinen übernatürlichen Fähigkeiten in Einklang zu brin­gen suchte. Seine Prophezeiung ist also eine mit Ernst vorgetragene Aufzählung der Gefahren poli­tischer Natur. Wir alle hätten sie von uns geben können, fürchteten wir nicht, nächstes Jahr noch im Bereich« unserer Leser zu fein, und ihrer Rache ob unerfüllter Weissagungen ausgeliefert zu bleiben.

England, so ruft er, bekommt Krieg In Asien mit Rußland, das seine Agitatoren in die Kolonien schickt und dort zum Aufstand, hetzt. Frankreich wird gezwungen, schlimm« Auf stände in seinen Kolonien niederzu- schlagen. Italiens Prestige wird außenpo- litisch durch Vorgänge in Europa sehr leiden. Um uns noch einen sensationellen Gefallen zu tun, fügte der Weissagende noch einen Nesuvaus - bruch und eine große Explosion in Deutsch­land an (welches Jahr verliefe ohne Explosion?).

Was nun Frankreich, England und Rußland betrifft, so ergibt sich etwas Heben raschendes, was wiederum den Propheten al- wirklich klugen und welterfahrenen Mann charat- terifiert. Hätte er nämlich im Vorjahre das Gleiche gesagt, so würde es gestimmt haben. Und so mag es auch im kommenden stimmen. Es ist so, wie mit den Wetterprophezeiungen. Man geht am sichersten mit der Ankündigung des Vortagswet­ters. ,. .

In der Tat ffchrt ^naland bereits fernen Krieg mit Rußland, soweit Asien in Betracht kommt. In Schanghai, Hongkong und Tientsin sitzend, durch feine Flotte den gewaltigen Jangtse- Fluß (der Nordchina von Südchina trennt) bis Hankau beherrschend, war England der Hauptbe­troffene durch eine kommunistische Verhetzung Chi­nas, welche russische Agitatoren wie Herr und Frau Borodin besorgten. Denn, staatsrechtliche For­mulierungen einmal außer Acht gelassen, handelt es sich bei den englischen Niederlastunoen um Ko­lonien. Schanghai, keine chinesische Stadt, sondern eine europäische Gründung — Tient­sin aus einem chinesischen Provinzdorf zu einer europäisch-amerikanischen Großsiedlung geworden — Hankau, bei den Eisenwerken und nicht sehr weit von den Steinkohlenbecken Mittelchinas gele­gen — diese drei Städte vornehmlich und bis zu einem gewissen Grade auch andere chinesische Städte sind durch scharfe Grenzziehungen (mit Mauern, Maschinengewehrvosten, und nachts ge­sperrten Toren) in zwei Teile gespalten: in die chinesische Stadt und die Siedlung der Europäer. Die Siedlung der Europäer entb"lt nun aber nicht nur die europäischen Geschäftshäu­ser, die europäischen Banken, die Villen der Euro­päer, sondern auch recht viele und recht stattliche chinesische Banken, Geschäftshäuser und Dillen. Merkwürdig, denn der Grund ist in der europäi­schen Siedlung sehr viel teurer als im Chinesenteile dieser Städte. Erklärlich aus den sonderbaren po­litischen Zuständen Chinas. Denn der im Euro- päerviertel von Schanghai, Tienffin und Hankau lebende Chinese lebt tatsächlich im Auslands, und nicht mehr in China, Bürgerkrieg und Rnuberge- neräte behelligen ihn nicht mehr, im Notfälle schüt­zen ihn europäische Truppen und Schiffskanonen vor dem plündernde nMob. Diese, Concessio- nen genannten, (Europäerftäbte sind also in der Tat Kolonien Großbritanniens. Keine Siedlungskolonien zwar, denn es fehlt das Hin­terland, aber Geschäfts-, Handels- und Finanzkolo­nien. Hnd Hongkong ist auch staatsrechtlich Vollkolonie Englands. Auch keine Pflanzerkolonie, sondern ein Stapelplatz, ein Umfchlagbafen, ein Verkehrspunkt erster Ordnung, dessen Handelsuf- fern die Höhe ganzer Länder hatten. In allen diesen Städten erhob sich der Chinese geaen den Engländer und Europäer. Hinter dem Chinesen aber stand der Russe. In Hankau wurde es am schlimmsten: die Europäersiedlung mußte geräumt werden, und über Hankau herrschte ein kommuni­stisches Sowjetsystem. In Schanghai wäre es nicht bester gegangen, hätten die Engländer nicht eine ganze Armee dorthin geworfen. Nun können zwar Maschinengewehre und Kanonen Plünderungen verhindern' und die eurooäischen Flaggen an den Fahnenmasten der Konzessionen schützen. Doch für Wirtschaftspropaganda eignen sich diese Dinge schlecht. Boykott, Streiks haben trotz der unangetasteten englischen Flaage schlimmer als ein Krieg gewütet. Der Handel Hongkongs laa brach. Laneashire Textilien ließen sich in Schanghai ebensowenig verkaufen wie Bauauf­träge für Eisenwerke in Hankau bekommen. Eng­land litt darunter schwer, und zum Geschäftsver­luste kam der weltnolltische Aerger, sich von Ruß­land, dem verhaßtesten Feinde, im imverialistischen Siegesläufe aufgehalten zu sehen. Das Geschick dieses seltsamen Krieges ist noch nicht entschieden. Im Augenblicke steht es für Rußland ungünstiger als für England. Wie die erwähnte Sowjetherr-