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Ar. 3.

Anzeiger für die Skadl Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

Monatlicher Bezugspreis 1,80 Ml. :-:

Mittwoch, 4. Januar 1928.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 SUI, auswärts 0,20 SUt. Reklamezeile: lokal 0,60 SUI, EE 'Infam auswärts 0,80 SUI. Bei Wiederholungen Rabatt.

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Geist von Locarno und Verschulung des Krieges.

In einem Artikel des Pariser „Populair" wird darauf hingewiesen, daß an den Kasernen­mauern in Laval noch Inschriften aus der Vorkriegszeit vorhanden sind, die für Deutschland verletzend sind. Das Blatt fragt des­halb, warum die verschiedenen Obersten beim 124. Infanterie-Regiment, die seit dem Kriege das Kom­mando führten, nicht die Initiative ergriffen hät­ten, diese Inschrift zu beseitigen. Wisse Kriegs­minister Painleve, daß diese Inschriften noch be- stehen? Wenn er es wisse, wie könne er dann ihren Fortbestand mit dem Geiste von Locarno ver­einbaren, den er manchmal zu verherrlichen wage, wenn er sich außerhalb der Sehweite des Großen General st abes befinde?

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Unter Hinweis auf die Ansprache des Präsi­denten der Republik Doumergue beim Neujahrs­empfang des diplomatischen Korps und die Ant­wort des Doyen Monsignore M a g l i o n e sowie auf die verschiedenen Interviews Briands schreibt der „Temps" zum abgelaufenen Jahre:

Die bisher auf internationalem Gebiete erzielten Ergebnisse sind, wenn sie auch nicht alle dem ent­sprechen was man mit Recht von dem Wirken des Völkerbundes und den wesentlichen Grund­sätzen, die die Politik von Locarno bestimmen, er­warten dürfte, immerhin derart, daß man mit einer gewissen Seelenruhe der neuen Etappe entgegensetzen kann, die das Jahr 1928 bringen wird Das Blatt begrüßt es alsdann, daß aus dem Auslande kein Mißklang in das Konzert der internationalen Eintracht zu vernehmen sei. Es erwähnt die Neujahransprachen des Reichs- vräfidenten v. Hindenburg und des Reichskanzlers Dr. Marx und fährt dann fort: Es ist ganz na­türlich, daß vom deutschen Standpunkte aus die deutschen Führer immer darauf bedacht sind, die Räumung des deutschen Gebietes zu erreichen. Man begreift sehr wohl, daß dies das wesentliche Ziel ihrer Politik ist. Nicht weniger natürlich aber 'st es, daß die Alliierten in einen Verzicht auf die Rechte, die sie aus dem Friedens- rertrag herleiten, nur einwilligen können gegen Bürgschaften, die sowohl in finanzieller Hin­sicht als auch vom Standpunkte der Sicherheit des Westens zum mindestens gleichwertig sind. Das Blatt erklärt dann weiter, es werde vor allem von Deutschland und den von ihm zu machenden Vorschlägen abhängen, ob die Frage einer vorzeitigen Räumung der zweiten uni)' dritten Zone nutzbringend erörtert werden kann. Aber die seit Locarno gemachten Erfahrungen und die seither erzielten Ergebnisse beweisen, daß die Be­setzung des Rheinlandes ebenso wenig wie die ge­naue Ausführung aller anderen Klauseln des Ver­sailler Vertrages ein Hindernis für die Entwick­lung einer aufrichtigen Entspannungs- und Ver- siändigungspolitik im Geiste von Genf und auf der Grundlage der Respektierung der bestehenden Ver­

träge bilden, dieser ersten Bedingung jeder inter­nationalen freundschaftlichen Zusammenarbeit und jeder Organisation eines dauerhaften Friedens.

Um den Rntikriegsvertrag.

Der Außenpolitiker des „Echo de Paris" will erfahren haben, daß der augenblicklich in Washing­ton weilende amerikanische Botschafter in London, Huqhton, nach seiner Rückkehr auf sei­nen Posten auch Verhandlungen über den Abschluß eines Paktes einleiten werde, über den bekanntlich im Augenblick Paris mit Washington diskutiert. Das Blatt nimmt an, daß hierbei auch die Frage des Rechts des neutralen Handels bei einem Seekrieg aufgeworfen wird, erklärt aber im übrigen, daß man (in dem Entwurf Kelloggs be­mängeln müsse, daß der Verttag nicht eine franzö­sische Angelegenheit bleiben werde, sondern zu einem allgemeinen Abkommen ausgebaut werden soll.

Zu den Meldungen, daß die amerikanische Re- gierung beabsichtige, mit anderen Nationen einen Äerttag von der Art abzuschlleßen, wie er jetzt zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich erörtert wird, verlautet in englischen Kreisen, daß die vorgeschlagenen Bedingungen eines solchen Ver- ttages noch unbekannt seien, daß aber jeder Vorschlag, der gemacht werden sollte, zweifellos eine günstige Erwägung von Seiten der britischen Regierung erhalten würde. Den Blättern zufolge haben die britischen amtlichen Stellen sehr leb­haftes Interesse an der Meldung gezeigt, daß der Entwurf eines Vertrages zur Verfehmunq des Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich, der, wie man hoffe, auch auf andere Mächte ausgedehnt werde, von der amerikanischen Regierung am Quai d'Orsay überreicht wurde. Wenn Großbritannien eingeladen würde, das Abkommen zu unterzeichnen, so würde allen Seiten des Vertrages vollste Aufmerksamkeit zu Teil wer­den. Es sei wahrscheinlich, daß auch andere Mächte, ohne deren Unterstützung ein allgemeines Abkom­men solcher Art nicht erzielt werden könnte, eben­falls eingeladen werden würden, sich entsprechend anzuschließen.

(Engi. Unterseeboote mit Flugzeugen

Die „London Gazette" veröffentlichte eine Mit­teilung, daß Fliegeroffiziere, die sich mit ihren Flug­zeugen an Bord von Unterseebooten befinden, eine Extrabezahlung erhalten sollen. Dem „Sun- day Expreß" zufolge beruht diese Mitteilung auf einem Versehen. Das Blatt sagt, die Tatsache, daß in der englischen Flotte Unterseeboote vorhan­den sind, die FluRenge an Bord führen, sei von der Admiralität aufs sorgfältigste geheimgehalten worden und nicht für die Veröffentlichung bestimmt gewesen.

» Termin für die ,,

Der Senat urger Durgerschafks-

peicb und Länder.

. den 16. und 17. Januar 1928 ange-

fegte ftonferenj der Vertreter der Reichsregierung i3er Länder — es werden sänn- liche^Ministerpräsidenten der Länder zu diesen Ver­handlungen kommen — wird von einer ganz au­ßerordentlichen Bedeutung sein, die jetzt auch der Staatssekretär der Reichskanzlei, P ü n d e r, in cmem m ber „©ermania" erschienenen Artikel un- terstrelchtz Er spricht aus, daß dieses Datum sich vermutlich spater einmal als äußeres Zeichen des Beginnens einer neuen Periode deutschen staat-

Lebens in den Geschichtswerken über die deutsche Nachkriegszeit, vielleicht sogar in den Schulbüchern finden wird.

Zur pofitio_en Entschließungen soll und wird es wohl aur der sorgfältig vorbereiteten Landerkonferenz kommen. Die Reichsregierung durfte nicht beabsichtigen, die durch Tradition ge­wordene und durch Verfassung verankerte gegen­wärtige staatliche Struktur Deutschlands durch die Ianuarkonferenz zu zerstören. Was vielleicht ein­mal kommen muß und wird, muß reifen, jed­weder Zwang und Konflikt wären schlechte Tauf­paten eines Einheitsstaates. Sicher sind zu ge- gebener Zeit Lösungen auch dieses letzten der Pro­bleme möglich, ohne berechtigte Wünsche irgend eines deutschen Landesteiles außer Acht zu lassen.

W vor allem zu berücksichtigen, daß dieses Ä o.er Probleme viel weniger ein Problem - i^öddeutschland als vielmehr ein Problem lei^^dveußen ist. Der Kardinalfehler un- ftehen estRen staatlichen Struktur ist eben bas Be- LJ 7, .*?€r Zwei großen Regierungsgewalten auf c>e’?fen Seiten der Wilhelmstraße in Berlin; lichem Mim be[ mit gutem Willen und unsäg- tigt roerben^”U m<mil gemildert, aber nicht besei- bie U3anua?£f te^c grundlegende Frage dürfte fcbliefiuna V^eren3 wohl keine endgültige Ent- Praktischer unb unter allen die verwandte Lösung bedürftig erscheint aber schwachen ««nh» fle’ was denn mit den leistungs- null - und ^>7" geschehen soll, die vielleicht ein- Wunsch äußer^m-^T? Db nid)t ^on bald — den Eben Auch n' *bre Eigenstaatlichkeit auf- iS™ d-uN L'-z- d-- »er «Her- Beseitigung der in h? £er m Preußen sowie der WEert atzenden Enklaven

Die Parlamentsarbeit in Berlin.

Das VDZ-Büro meldet: Der Reichstag und der preußische Landtag nehmen nach-der Weihnachtspause in der nächsten Woche ihre Ar­beiten wieder auf. Zunächst treten die großen Aus­schüsse dieser Parlamente zusammen. Am 11. Ja­nuar versammelt sich der H a u s h a l t u n q s a u s - schuß des Reichstages, um die Beratung des Reichshaushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1928 in Angriff zu nehmen. Auf der Tagesordnung dieser Ausschußsitzung stehen zunächst die Haushalte der Reichsschuld, für Versorgung und Ruhegehälter und des Reichsjustizmmisteriums. Dann folgen die Haushalte des Reichsarbeitsmmisteriums und des Auswärtigen Amtes. Der Reichstagsausschuß für das Bildungswesen, der das Reichsschulgesetz zu behandeln hat, ist zum 12. Januar einberufen wor­den, der Ausschuß für das Reichsstrafgesetzbuch zum gleichen Tage. Der Volkswirtschaftliche Ausschuß des Reichstages wird am 24. Januar zusammen­treten und die Einzelberatung des Schankstätten­gesetzes in Angriff nehmen. Das Reichstagsplenum nimmt seine Arbeiten am 19. Januar wieder auf. Aus der Tagesordnung dieser ersten Sitzung nach den Ferien steht die erste Lesung des neuen Reichshaushaltsplanes.

Der Haushaltsausschuß des preußischen Landtags versammelt sich bereits am 9. Januar, um ebenfalls in die Haushaltsberatung einzutreten. Er wird sich zunächst mit dem Landwirtschaftshaus- halt und den Haushalten der Forst-, Gestüt- und Domänenverwaltung beschäftigen. Auch der Städte­bauausschuß wird in diesen Tagen die Vorbereitung des neuen Städtebaugesetzes fortsetzen. Die erste Vollsitzung des preußischen Landtags findet am 17. Januar statt.

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Reichskanzler Dr. Marx ist mit seiner Ge­mahlin zu kurzem Erholungsurlaub in Sigma­ringen eingetroffen.

Der Herr Reichspräsident hat außer mit dem österreichischen Bundespräsidenten Hainisch auch mit Papst Pius XL, König Gustav von Schwe­den, König Haakon von Norwegen, König Boris von Bulgarien, Reichsverweser Horty von Un­garn und dem Schah von Persien Neujahrsglück­wünsche gewechselt.

* Kündigungen bei der Reichsbahn. Im Aus­gleichsbezirk 6 der Reichsbahngesellschaft, zu der die Werkstätten Kassel, Göttingen, Paderborn, Lim­burg, Frankfurt a. M., Nied a. M. und Darmstadt gehören, wurde von der Reichsbahndirektion Kassel, die als geschäftsführende Direktion eingesetzt ist, 755 Werkstättenarbeitern zum 14. Januar 1928 ae- kündigt.

Dr. Brauns und die andern.

Zum 60. Geburtstag des Reichsarbeitsmint- sters Dr. Brauns schreibt die „Deutsche Allgemeine Zeitung": Daß die schon in Vorkriegszeiten geleg­ten Grundlagen unserer Sozialpolitik über alle Gefahren hinweg gerettet und ausgebaut werden konnten, ist ohne Zweifel ein Verdienst, das manche Schwächen und Einseitigkeiten auswiegen kann. Nicht nur die starke Stellung, die das Zentrum in allen Regierungskoalittonen behauptete, ober der wachsende Einfluß der christlichen Gewerkschaf­ten haben Dr. Brauns an der Spitze seines Re- sorts gehalten. Dor allem sind es gründliche Sach­kenntnisse und persönlich menschliche Fähigkeiten als Derhandlungsleiter und ausgleichender Ver­mittler.

Die „Voss. Ztg." sagt: Auch der politische Eeg- ner wird dem Minister der Arbeit die Achtung nicht versagen, die ehrlicher Ueberzeugung gebührt.

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Der Herr Reichspräsident v. Hinden­burg hat dem Reichsarbeitsminister Dr. Brauns zu seinem 60. Geburtstage seine herzlichen Glück­wünsche ausgesprochen.

Mehr Ltatskrrlik.

Don geschätzter Seite wird uns geschrieben:

Die Ausführungen in der gestrigen Nummer von Herrn RichardMüller werden von jedem, der offenen Auges die heutigen Zustände betrachtet, als sehr dankenswert empfunden worden sein. Hoffent- sich finden sie bei denen, die es angeht, einen W i- verhall. Herr Richard Müller hat sich zweifellos als Abgeordneter große Verdienste erworben. Man möchte wünschen, daß wir in dem heutigen Reichs­parlament in wachsendem Umfang Männer finden, die sich nach seinem Vorbild vor allem auch einer sachverständigen Kritik der Haushalts- plane widmeten. Man hat den Eindruck, daß bei der heutigen großzügigen Gefetzemacherei die Abgeordneten zu einer strengen Kritik an den Haushaltsplänen, die von der Regierung vorgelegt werden, nichtmehrZeitgenug hätten. Die Folge ist, daß zwar von Sparsamkeit viel geredet wird, aber der Finanzbedarf immer wächst. Die Verwaltung bildet sich noch viel darauf ein, wenn

Die Vereidigung der Reichwehr.

Zum neuen Jahre hat laut „Täglicher Rund­schau" Reichswehrminister Dr. Geßler über die Vereidigung von Personen, die in die Reichswehr eintreten, eine neue Verordnung herausge­bracht. Danach hat für den ganzen Standort bei der Einstellung und Vereidigung der Mannschaften eine gemeinsame Vereidigungsparade stattzufmden. Die Musik spielt den Präsentiermarsch. Darauf weift der leitende Offizier auf die Beden- hing des Eides sowie auf die Berufspflichten des deutschen Soldaten hin, unb hat dann den Mann­schaften die folgende Eidesformel vorzusprechen:

„Ich schwöre Treue der Reichsverfas­sung und gelobe, daß ich als tapferer Soldat das Deutsche Reich und seine gesetzmäßiaen Einrich­tungen jederzeit schützen, dem Reichspräsidenten und meinen Vorgesebten Gehorsam leisten will."

Die Freiwilligen haben darauf die Hand zu erheben und den Eid laut nachzusvrechen. Als Abschluß soll der kommandierende Offizier ein Hoch auf das Deutsche Reich ausbringen und die Musik spielt das Deutschlandlied.

Bei dem gegenwärtig innerhalb der kommuni­stischen Partei der Sowjetunion tobenden Kampfe plaudern die beiden sich bekämpfenden Richtungen - Stalin- Anhänger unb Opposition — in ihrer Wut aufeinander Dinge aus, die bisher streng geheim gehalten wurden. So ist bekannt­lich kürzlich bas Testament Lenins von der Opposition verbreitet worden, weil es abfällige Aeußerungen gegen den Generalsekretär der Par­tei, Stalin, enthielt. Die Teilnahme des ein­stigen Berliner Sowjetbotschafters Joffe an der Organisation des sogenannten roten Kreuzes der Opposition ist auch ausgeplaubert worben, obgleich die Stalin-Anhänger sich sagen mußten, baß bas Ausland, wenn es von dieser Organisation erfährt, sofort erkennen würbe, daß die Spaltung, der Kampf innerhalb der herrschenden Regierungspar­tei eine geradezu beispiellose Schärfe angenommen haben müsse.

Der einstige Berliner Sowjetbotschafter Joffe hat, wie wir jetzt wissen, zum Selbftmgegrif­fen, nicht, wie die offizielle bolschewistis.1,L Darstel­lung zuerst lautete, ausschließlich wegen seiner schweren Krankheit, sondern weil er in leitender Stellung schon längst in der Opposition tätig war unb fürchtete, baß auch ihn bas Schicksal Trotz­kis und Sinowjews erreichen würde. Vor seinem Selbstmord hat Joffe, wie jetzt bekannt wirb, ei­nen Brief an das Zentralkomitee unb bie zen­trale Kontrollkommission der Partei geschrieben. Dieser Brief ist aber von den leitenden Parteiin­stanzen bisher nicht veröffentlicht worben. Mit Entrüstung stellte ober vor einigen Tagen Iaro- lawski in einer Rede in Moskau fest, baß dieser Brief Joffes "bereits in Abschriften in den Fabri­ken kursiere. Verbreitet wird dieser Brief natürlich von der Opposition. Was in dem Briefe Joffes steht, ist bisher nicht bekannt geworden. Man muß aber annehmen, daß dieser Brief schwere Angriffe gegen Stalin und den zentralen Parteiapparat enthält, da sonst die Entrüstung der zentralen Parteinstanzen darüber, daß dieser Brief unter dem Jndustrieproletariat verbreitet wird, nicht begreiflich wäre.

Der kürzlich aus der Partei ausgeschlossene Mratschowski, ein hochangesehenes Parteimitglied, verbreitete int Uralgebiet bei seiner Kampagne ge-' gen die Zentralinstanzen der Partei die Behaup­tung, daß schon gegen 300 oppositionelle Kommu­nisten im sogenannten Jnnengefängnis d e r G. P. U. in Moskau schmachten. Von offi­zieller bolschewistischer Seite ist diese Behauptung als ungeheure Verleumdung bezeichnet worden, aber die wirkliche Zahl der in der G. P. U. schmachtenden Kommunisten der oppositionellen Richtung wird nach wie vor geheim gehalten! Die Opposition nennt neuerdings die W. K. P. nicht anders, als bie „russische Komintang."

Aus Mitteilungen von offizieller bolschewisti­scher Seite erfahr? man übrigens, baß bie Oppo­sition bereits einen Namen für ihre neue zweite Partei hat. Sie soll Leninsche-kommunistische Par- tei-L. K. P. beißen, im Gegensak zu ber W. K. P., ber Allunionistischen kommunistischen Partei.

Geradezu köstliche Dinge werden von Belobo- rodos bekannt. Dieser reifte, als er noch Bolks- 1 kommisiar des Innern ber RSFSR, also bes größ­ten Bunbesstaates war, in das Uralgebiet, um hier

Propaganda für die Unterstützungs-Organisation der Opposition, das sogenannte rote Kreuz der Opposition zu machen und um gleichzeitig die schärfsten Angriffe gegen den Zentralapparat der Partei zu richten. Er erklärte dabei u. a. folgen­des: „Ich erkläre kategorisch, daß die Stalin-Frak- Hon einen Block mit den Rechtssozialrevolutionä- ren abgeschlossen bat und eine Politik im Interesse ber Bourgeoise führt". Dieses Auftreten des Volks­kommissars des Innern rief bei den Sowjetbehör- den begreiflicherweise Entsetzen hervor, und der Ehef der G. P. U. :m Uralgebiet sah sich genötigt, sofort die örtliche Gebietsorganisation von diesem Auftreten Beloborodows in Kenntnis zu fetzen.

Eine nicht weniger köstliche Sache hat sich in der Sowjetukraine abgespielt, wo gleichfalls eine frü­here Größe der bolschewistischen Partei, der ehe­malige Pariser Sowjetbotschafter Rakowski, den Kampf gegen die Stalin-Clique führt. Rakowski wurde auf Befehl der Zentralinstanzen der Partei in einer Reihe von Verlammlungen niedergebrüllt. Rakowski gelang es hierauf, eigene Versammlun­gen einzuberufen, an der oppositionelle Kommu­nisten, bereits ausgeschlossene Kommunisten und Parteilose teilnahmen. Beunruhigt durch das Auf­treten Rakowskis sandte ihm die zentrale Kon­trollkommission der Partei telegraphisch den Be­fehl, sofort nach Moskau zurückzukehren. Rakowski dachte aber nicht daran, diesem Befehl Folge zu leisten, sondern setzte seine Agitation gegen die Zentralinstanzen fort. In einer Versammlung des Staatssowjets in Charkow, an der auch aus» ländische Sauern-Delegierte teilnahmen und zwar unter anderem Sozialdemokraten und Partei, wandte sich Rakowski an diese unb sagte u. a.: „Mögen die ausländischen Genossen sehen, wie es bei uns mit ber Redefreiheit gestellt ist." Hieraus fügte Rakowski, zu den ausländischen Delegierten gewandt, in deutscher Sprache hinzu: „Hier herrscht Faschismus, das ist Sozialfaschismus."

Nichts hat die Zentralinstanzen der Partei so furchtbar aufgeregt, wie gerade dieser Appell Ra> kowskis an die ausländischen Delegierten. Be- kanntlich verstehen es die Sowjetmachthaber sonst so ausgezeichnet, die ausländischen Delegierten zu bluffen. Und nun kommt ein früherer hoher Sow­jetdiplomat, der frühere Vorsitzende des Sowjets der Volkskommiffare der Sowjetukraine unb er­klärt auslänbifchen Delegierten, daß in der Sow­jetunion keine Rebefreiheit herrsche, sondern Faschismus. Die zentralen Parteiinstanzen hüt- ten natürlich diesen so furchtbar peinlichen Zwi- - schenfall mit Rakowski gern verschwiegen, da aber ausländische Delegierte dabei waren, war es un­möglich, bie Sache länger zu verheimlichen.

Polen und Rußland.

Der Prozeß gegen die weißrussische yromada.

rotb Warschau, 3. Ian. (Gig. Funkm.) 3m April beginnt vor dem Wilnaer Gericht ber große Prozeß gegen bie von ben polnischen Behörden auf­gelöste weißrussische Hromada. 56 Personen, darun­ter 5 ehemalige Abgeordnete, werden sich wegen Hochverrat und versuchter Anzettelung eines Auf. standes in Polen zu verantworten haben. Die An­klageschrift ist 340 Seiten in Schreibmaschinenschrift stark und 420 Personen sollen beim Prozeß als Zeugen antreten.

Die Reparationsfrage.

Nochmals Parker Gilberts Bericht.

Der Berliner Korrespondent des „Observer" schreibt: Parker Gilberts Warnung an Deutschland bezüglich ausländischer Anleihen wird, wie man annehmen kann, sich als Hemmschuh für die indu- strielle Entwicklung erweisen, die notwendig ist, um einen Teil der dieses Jahr fällig werdenden Reparationssumme aufzubringen. Die Schwierig­keit, eine ungeheure Summe deutschen Geldes in ausländische Währung zu übertragen, ist ohne Vorgang in der Wirtschaftsgeschichte. Die Faktoren find so vital, daß man annehmen muß, daß sie die Grundlagen des Glaubens der meisten verantwort­lichen Deutschen bilden, daß Amerika seinen Stand­punkt veränbern wird, bevor viele Monate und vielleicht sogar viel« Wochen vergangen sind.

Reichsaußenminister Dr. S t r e s m a n n konnte an dem Neujahrsempsang beim Reichspräsidenten nicht teilnehmen, da er wegen einer Erkältung das Bett hüten muß.

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Selbstenthüllungen der Bolschewisten