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Sonntag, 1, Januar 1928

Fuldaer Zeitung

2. Blatt.

Druck der Fuldaer «cNendruckerel, Fulda'

^Jahreswende!

Theodor Prövver.

Nun schwinde ich wie Schatten schwinden. —

€s bleibt mir nichts, doch dir verbleibt die Ernte.--

0 Mensch, steb still auf meiner Schwelle!

Die Welle stirbt — es steigt die Welle. — Es will das Jahr, das morgenjung sich nabt, Von dir — die Cat!

Ich ging nach göttlichen Kesetzen, Wie Sterne schweigend ihre Strafte wandern. Ich war das Strombett deinem Willen, War leere Schale. Sie zu füllen, Stand harrend Stund um Stund ich alle Zeit 5iir dich bereit.

Ich scheide, weil sie alt mich nennen, Und meine Schwester kommt, mich abzulösen. Sie kommt, um mein Eeschick zu teilen: Nach buntem Cag, nach kurzem Weilen, Uon dannen als ein altes Jahr zu gehn. — Es muft geschehn. —

Dun grolle nicht! — Mit reinen Bänden Geb ich, ob du mir fluchst, ob du mich segnest. Ob Lust, ob Leid dir ward erlesen, Ich bin daran nicht schuld gewesen.

Ich war — o Mensch, es dankend doch bedenk — Nichts als Oeschenk.

resjeiten ihm windet. Frühling wird sein, und es werden die ersten Veilchen an den Hecken blühen. Die Schwalben werden wieder nisten über deinem Fenster, und die Nachtigall wird ihre Weise nicht vergessen haben. Und der Sommer wird kommen mit seinem reifenden Korn, mit seinem heiß duf­tenden Rosen und Lilien, und Herbst und Winter werden sich anschließen. Ja, Sonne, Luft und Erde, das alles wird uns geschenkt sein auch im neuen Jahre.

Und die Mächte der Liebe sind nicht tot. Es gibt noch Menschen, die zwar nicht von Humani­tät schreiben, aber nachts an den Bahnhöfen har­ren, in den Spitälern dienen, heimlich Almosen verteilen, an den Nächsten denken. Ja ,es gibt noch solche. Einige von ihnen sind sogar heroische Seelen, und während die große Presse mit ihrer triefenden Humanität joden Gedanken an das harte Schicksal, an das dämonische Verbrechen und alles Göttliche und Teuflische aus der Welt leugnet, ge­hen sie hin und opfern ihr junges Leben im Dienste der Religion. Hunderte von Missionären liegen 1 an der Küste Afrikas und an den Ufern des Sam­

besi begraben. Im besten Alter, da, wo der Jüngling zum Manne wird, sind sie dorthin ge­gangen, wissend, daß ihnen noch zwei Jahre Ar­beit im Dienste des Herrn beschieden sein würden, zwei Jahre und keins mehr. Und sie schafften dort bei den armen Schwarzen, bis die zwei Jahre her­um waren, bis das Fieber kam, wie anderwärts der Aussatz, schafften in einer Liebe, die doch auch noch glüht.

Schicksal ist so vieles, Fluch und Segen. Zulas­sung der Vorsehung, die weiß, was sie mit den Menschen will und mit der Weltgeschichte. Aber ein Teilchen davon ist doch in deine Hand gegeben. Ein Talent, vielleicht fünf Talente, mit denen du wuchern kannst. Euch grüßen wir an der Schwelle des neuen Jahres, in dem Augenblicke, wo das Kindlein Zeit seine tiefen Augen der Ewigkeit zu-

Die Zeit ist ein Kindlein, das über die Ewigkeit nachsinnt. Wir denken den Begriff Zeit nur in der Verbindung mit den Dingen selber, indem wir ihr Nacheinander wahrnehmen. Alle Bewegung aber hat ihr Ziel, alle Endlichkeit fordert Unend­lichkeit, alle Lust, alles Leben zumal, alles, was sehnsuchtsvoll durch den endlosen Raum dahin- eilt auf den Schwingen der Zeit will „tiefe, tiefe Ewigkeit".

Heute abend horchen wir auf den Schritt der Zeit, horchen wir natürlich also auch hinaus auf das stille Meer der Ewigkeit. Als Wanderer, die wir sind, bleiben wir einen Augenblick stehen, be­trachten die Straße, die unsere Sohle tritt, schauen wir zugleich hinauf zu den Sternen, die uns Rich­tung und Heimkehr zuwinken. Und wir stehen am Kreuzweg, wir und das ganze Volk, und wir fragen in schicksalsschwerer Entscheidung, wie sie nun einmal über aller Zeit und der der unfern im besonderen liegt, wir haben einen Genossen links und einen Begleiter rechts, deren einer bela­den ist mit der Erbschuld des Fluches und deren anderer göttlichen Segen auf schimmernder Stirne trägt, und wir reden nun mit beiden, die unzer­trennlich an unserer Seite ausharren, unfern Schicksalsgefährten von der Wiege bis zum Grabe.

Schwere Erbschuld nehmen wir mit ins neue äahr. Die dunklen Stunden, die wir erlebt haben in Krieg und Revolution ,waren nicht bloß zufällig hereingebrochenes Verhängnis, sie waren auch be­lastet mit menschlichem Verbrechen. Wir tragen an ihren Folgen. Wir werden die Geister nicht los, die man so ftivol gerufen hatte. Noch wütet das Schwert des Henkers in Rußland und Millio­nen von Kindern irren dort durch die schreckliche Steppe. Mord und Krieg toben in China, und Tag für Tag hören wir von Greueln, deren Scheußlichkeit keine Phantasie sich ausmalt. Wie ein jüngst in Newyork abgehaltener Kongreß von einer großen Anzahl von Negerrepubliken wieder­um bewies, wird auch bei der schwarzen Rasse der Gedanke des Hasses von Jahr zu Jahr lebendiger. Sie wollen Rache haben für jene Zeiten, in denen man auf unmenschlichen Sklavenjagden 97 Neger erschlug, um die drei vom Hundert als leibeigene Arbeiter in die Plantagen des weißen Mannes führen zu können. Und in Mexiko rast die dämo­nische Leidenschaft jenes Calles, der nun dazu übergeht, die Opfer feiner Schergen in ihrem zuk- kenden Todesschmerz zu photographieren, damit es „der Papst bei der Kanonisation leichter habe". Ach, wie versinkt alles Lachen der Fröhlichen die­ser Silvesternacht in das grauenvolle Stöhnen je­ner verlassenen Leidenden, jener mit bestialischer Gemeinheit Gefolterten, jener Aermsten, deren To­desschrei scheinbar ungehört in den endlosen Räu­men des Universums verhallt. Erbschuld und Schicksal ist darin, Fluch, den wir nicht fortnehmen können ,stehen wir doch all dem gegenüber wie jene Taucher an der amerikanischen Küste, die das Klopfen der zum Tode Bestimmten hören mußten, ohne helfen zu können. Und HAfen konn­ten sie nicht, die Taucher nicht und nicht all die glänzend eingerichteten Schiffe, die zur Hilfe her­beigeeilt waren, sie konnten nicht helfen, nur 35 Meter von den immer leise Pochenden da unten entfernt. Billige Humanität setzt ihr schmatzendes Mitleidstheater fort, die Christenheit bringt nicht mehr das Temperament auf, einen Entrüstunas- sturm gegen den Schlächter von Mexiko zu entfes­seln, und einige Dichter reden irre im „Irrgarten Gottes", oder wie eben Gerhart Hauptmann im „Till Eulenspiegel".

Was unter uns wankt, ist der Boden selber, der heilige Boden des göttlichen Gesetzes. Was hilft es, Häuser und Scheunen zu stützen, wenn der Boden selber schwankt. Hier ruft einer in Not und dort. Bald klagt der Arbeiter, bald der Beamte, bald der Industrielle, und sie haben Recht, alle ha­ben sie Recht, denn, wenn auch mit Unterschieden, gut geht es keinem von ihnen. Aber gerade hier sieht man, wie der Boden der moralischen Schät­zung der Dinge uns fortgewichen ist. Vor kur­zem sagte mir ein Pfarrer: „Niemals werde ich nur einen Pfennig von der Erhöhung des staat­lichen Gehaltes annehmen. Dieser Staat hat Mil- Ronen seiner Bewohner in der Zeit der Inflation, von der manche behaupten, sie sei nicht einmal not­wendig gewesen, um die letzten Reste ihres Ver- mögens gebracht und hat sie auf die Straße gewor- fen, wo sie heute noch liegen. Ihm bleibt die

Schreie der widerrechtlich Enterbten wirst du nicht begraben, nicht in einer Müllgrube, nicht in einem Tresor, nicht im fröhlichen Gejohle der Sportplätze und nicht in der weisheitvollen Miene des Volks­wirtschaftlers.

Die Erbschuld einer Kultur, die nicht mehr weiß um die richtigen Ideen, und nicht mehr weiß um die Hoheit der moralischen Ordnung, die geht mit uns über die Schwelle des neuen Jahres. Till Eulenspiegel, putz dein Glas, es wird noch ganz andere Ungeheuer zu sehen bekommen, als wir sie uns jetzt in deinen Abenteuern begegnen. Aber nun sprichst du endlich »freundliche Gestalt des Se­gens, oder hat sich auch deine Stirn umdunkelt in dieser Silvesternacht?

Das neue Jahr wird kommen. Es wird die Kränze tragen, die der wandelnde Chor der Iah-

Pflicht, die uns allen obliegt in solchen Verhält­nissen, ihnen wiederzugeben, was man genommen hat. Man mag den Schwierigkeiten der Ausfüh­rung vieles zugute halten, aber um so größer sie sind, um so lauter sollte man sich bekennen zu der Pflicht, die man hat allen jenen gegenüber, die mit ihrem Vermögen auch den Glauben an den Staat verloren haben. Man hat die Pflicht, jeden Pfennig, den man sich von der eigenen Notdurft absparen kann, zunächst den Beraubten zurückge­geben." Aber wo lebt denn noch dieser Glaube an eine so ernste Pflicht? Wo ist die Stadt, die jede Ausgabe, die nicht unbedingt erforderlich wäre zur Existenz selber, zurückstellte vor dieser ^eiligen Pflicht, daß man Witwen und Waisen und jäm­merlich um ihre Ersparnisse gebrachten Menschen das wider alles Recht Genommene erstatten muß? Man deckt vielleicht eine Müllgrube zu, aber die

Plauderei am Silvesterabend

Don Friedrich Muckermann S. I.

wendet, euch grüßen wir, die ihr in unbeirrtem Glauben an das Gute, an die Liebe, an den Hero­ismus der Menschheit vorangeht, selber ein Opfer, andern eine Kraft. Fides intrepida, unentwegter Glaube . . . Möge das Symbol der alten Prophe­zeiung sich nicht nur an ihrem eigentlichen Trage- erfüllen .sondern an der ganzen Gemeinde aller Gläubigen, die in ihrem Kreuz das Schicksal bei Welt tragen, das Schicksal auch des Jahres

Neujahr.

Ja, wenn das alte Jahr so etwas wäre, wie ein verschlissener Handschuh! Den wirft man in die Lumpenkiste, sieht ihn niemals wieder und hat ihn auch im nächsten Augenblick vergessen. Sicher, es wäre manchem von uns um vieles wohler, könnt er's mit dem alten Jahre genau so machen. Zwar die Silvesterglocken läuten, aber was sie läuten, ist nicht das, was wir brauchten, ist beileibe kein Alleluja. Wir müßten nicht Menschen sein, klänge nicht aus ihnen die Erinnerung an mancherlei, von dem wir am liebsten möchten, daß es vergessen und begraben sei. Nein, das alte Jahr ist wirklich kein verbrauchter Handschuh, es ist — ein Stück von uns, und wir müssen es mit uns nehmen. Und das ist gut so. Denn darin liegt nicht etwa nur ein Stück Buße, darin liegt auch ganz gewiß ein Stücklein Trost. Ein Stücklein Trost insofern, als wir mit dem, was im alten Jahre nicht geraten wollte, über uns selber, über unsere Schwäche, wie über unsere Stärke klarer geworden sind. Sofern wir nicht zu den Gedankenlosen gehören, die am Leben vorbeileben, gehen wir mit bereicherter Er­fahrung, mit vertiefter Selbsterkenntnis in das neue Jahr und dürfen so berechtigte Hoffnung ha­ben, es mit ihm klüger anzufassen und etwas Rech­tes aus ihm zu machen. Wollen wir das, und wol­len wir das ernstlich, dann sind die Silvefterglok- ken wie die gütige Stimme der Gnade Gottes sel­ber, die allen denen nahe ist, die guten Willens sind. Iodokus.

Die panamerikanische Konferenz

Von Dr. Claus Spitta-Bern (Schweiz).

Der Umstand, daß Präsident Coolidge sich per­sönlich zu der im kommenden Januar in Havana zusammentretenden sechsten panamerikanischen Kon­ferenz begeben wird, ist außerordentlich bezeich­nend für die Wichtigkeit, welche die Regierung der Vereinigten Staaten dieser Zusammenkunft der Vertreter aller Länder der Neuen Welt beimißt. Diese Haltung erscheint verständlich: denn wenn auch in Havana keine entscheidenden und binden- ben Entschlüsse gefaßt werden können, so verspricht doch die KonsernH für die politischen und wirt­schaftlichen Beziehungen der amerikanischen Staa­ten in der nächsten Zukunft von großer Bedeu­tung zu werden.

Unter den zur Verhandlung stehenden Fragen befinden sich verschiedene, die zu ihrer befriedigen, den und 'glücklichen Lösung aller diplomatischen Geschicklichkeit bedürfen. Insbesondere die Frage der „Intervention", d. h. ob und wie weit ein Land berechtigt ist, sich in die Angelegenheiten eines andern einzumischen, muß angesichts des bekannten Vorgehens der Nordamerikaner in Nikaraguc zu sehr heiklen und schwierigen Auseinandersetzun, gen führen. Gerade diese Frage wird von den lateinischen Staaten mit besonderer Sorgfast vor- bereitet und auf der Konferenz sicher mit großer Ausführlichkeit behandelt werden. Das Problem wurde vom rein juristischen Standpunkt bereits auf einer Konferenz von Völkerrechtlern im letzten Sommer in Rio de Janeiro geprüft- Die Juristen haben eine Reihe von „Richtlinien" aufgestellt,, die der Konferenz in Havana unterbreitet werden sollen. Diese Richtlinien werden besonders von Haiti, Paraguay, Argentinien und Mexiko unter- stützt. Verschiedene sich auf die Frage der „Inter­vention" beziehende Anträge sind von den genann­ten Staaten vorbereitet worden. So verlangt Argentinien einen Beschluß, wonach die Einmischung in die Angelegenheiten eines anderen Staates grundsätzlich völkerrechtlich verboten werden soll. Aehnlich lautet der Antrag Paraguays. Am wei- teften geht, aus leicht verständlichen Gründen, Mexiko: „Kein Staat darf künftig mittelbar oder unmittelbar aus irgend einem Grunde auch nur vorübergehend einen Teil fremden Staatsgebiets besetzen. Eine trotzdem erfolgende Besetzung kann nicht durch die Zustimmung des besetzten Staates rechtsgültig werden. Der besetzende Staat ist für

Das Haus Termöllen.

Roman von Emil Frank.

30] ---------

Die Feuerwehr der Wesffalia arbeitete mit aller Macht. Die Schläuche schleuderten gewaltige Wasserstrah- len auf das brennende Gebäude. Ein Ingenieur eilte herbei und erstattete Meldung: „Das Gießhaus, in dem das Feuer ausbrach, ist leider nicht zu retten. Aber für die anderen Gebäude besteht keinerlei Gefahr, zumal wir die benachbarten Werks- und Ortswehren telephonisch zur Brandstätte beordert haben. Sie können also ganz be­ruhigt nach Hause fahren."

Erich drückte dem Ingenieur dankend die Hand und eilte wieder zum Wagen. Fieberhaft arbeitete sein Hirn. Alle seine Gedanken klammerten sich an das Kapitel des Briefes, in dem Frau Phillipp von Lus — das mußte ihre Tochter fein — Tat sprach. Scharf erwog er alles, was geschehen sein konnte, um Irma von ihm zu trennen. Eines stand unumstößlich fest: Sein Stiefvater hatte ein Kind von fünfzehn Jahren angestiftet, Irma eine Komö­die vorzuspielen, um ihre Verlobung mit Erich zu ver­hindern. Daß der Geheimrat in der Wahl seiner Mittel völlig skruppellos zu Werke ging, bewies ja die Art, wie er die Erbschaft seines totgeborenen Kindes zu sichern gewußt hatte.

Nein, Erich dachte nicht im entferntesten daran, gegen seinen Stiefvater wegen dieses Betruges irgend etwas zu unternehmen. Der Fall war ihm ja bereits seit Jahren genau bekannt, wenn er freilich auch keinen direkten Be­weis für die Schuld des Stiefvaters besessen hatte. Erst heute hatte er ihn erhalten. Trotzdem würde mit seinem Willen nichts geändert werden. Nur blieb vielleicht zu überlegen, ob er diesen Brief nicht verwenden konnte, um auf seinen Stiefvater einen Druck auszuüben, wenn er sich halsstarrig gegen die notwendigen Aenderungen auf den Westfaliawerken sträubte. Es mußte auf Her­bert Jlgenkamp immerhin einen starken Eindruck machen, wenn er ihm in einer ernsthaften Aussprache unter vier Augen darlegte, daß er sich Rechte anmaßte, die ihm gar Dicht auftanben.

Aber das alles kam erst in zweiter Linie in Betracht. Viel wichtiger schien es ihm in diesem Augenblicke, daß er genau erfuhr, auf welche Weise man ihn von Irma ge­trennt hatte. Aber an wen sollte er sich wenden, um die Wahrheit zu erfahren? An Irma? Nein, das tat er ihr unter keinen Umständen an, daß er sie in dieser Weise demütigte! Außer ihr aber wußte kein Mensch etwas davon, wie man verbrecherisch ein zartes Liebesband zer­rissen hatte. Daß der Geheimrat und feine kleine Helfe- rin schwerstes Geschütz aufgefahren haben mußten, war wohl ohne weiteres klar. Wer weiß, in wie gemeiner Weise man ihn verdächtigt, was alles man angeführt ha­ben mochte, um Irma zum Glauben an feine Schuld zu zwingen! Wahrscheinlich war dieser Angriff so plötzlich gekommen, war so schlau ins Werk gesetzt worden, daß Irma in ihrer Harmlosigkeit der kleinen Schlange Glau­ben schenken mußte.

Ja, nun verstand er erst ihre Untreue, die ihm namen­losen Schmerz bereitet hatte. Und ob er sich aud) immer wieder sagte: Irma kannte mich, fie hätte mir und nicht einer kleinen Verleumderin glauben müssen, hätte sich zum wenigsten nicht von mir lösen dürfen, ohne mich zu fragen, so gewannen doch die entschuldigenden Sttmmen mehr und mehr Raum in seiner Seele. Anders beurteilt ein reines Mädchen die trüben Schlammfluten dieses Le­ben als der ab gefjärtete Mann, der tiefer hineingeschaut hat in die Abgründe, an denen er vorübergehen muß.

Das Wiedersehen mit Irma durchlebt er noch einmal. Er sieht, wie ihre Augen fo flehend auf ihn gerichtet sind, hott, wie ihre Stimme bebt, wie es um ihre Mundwinkel zuckt: Sie war sich eben inzwischen bewußt geworden, daß sie ihm unrecht getan hatte. Ihr Gerechtigkeitsgfühl war stärker als die weibliche Scheu, ihn in ihrem Herzen solche Regungen lesen zu lassen. Er aber hatte sie zunächst brüsk zurückgewiesen, und erst nach der Unterhaltung mit Bruno batet er feine Bitterkeit und seine Enttäuschung bei Seite geschoben, obgleich er sich auch dabei klar besten bewußt war, daß es niemals wieder zwischen ihnen, wer­den konnte und durfte wie einst. Sie hatte ihm den Glauben an ihre Treue und Zuverlässigkeit geraubt, und niemals würde er zurückkehren.

Urteilte er auch heute noch fo, nachdem er den Beweis in Händen hielt, daß Irma das Opfer eines schlauen Be­

truges geworden war? Und wenn er auch fürs erste noch nicht wußte, was man gegen ihn vorgebracht hatte, so war ihm doch eines klar: Irma hatte unter der Lösung ihres Verhältniffes zu ihm nicht weniger gelitten als er selbst. Süße, hoffnungsfrohe Stimmen raunten ihm zu: Sie liebt dich noch immer, ihr Herz sehnt sich nach dirl Und du brauchtest nur zu ihr zurückzukehren, ihr diesen Brief zu zeigen, so wird sie dir ihr Herz schenken. Herr- lich müßte das fein! Dann brauchte er ja nicht mehr einsam durchs Leben zu wandern, hätte nach der hatten Arbeit des Tages das, wonach er sich immer so sehr ge- sehnt hatte: ent trautes, von Liebe durchsonntes Fami­lienleben!

War es ein Zufall, daß in diesem Augenblick die Gutte, mit denen fein künstliches Bein befestigt war, fo merkwürdig fnarrten, als wollten sie immer wieder ru­fen: Narr! Starr!! Hast du mich denn ganz vergeffen?

In stummer Qual preßte er die Hände vor das Ge­sicht. Gab es denn für ihn wirklich keine Hoffnung? Mußte die garte Liebespflanze, die man mit List geknickt hatte, wirklich verdorren? Sollte er keinen Finger rüh­ren, um sie wieder aufzurichten, zu hegen und zu pfle­gen? Steht denn nicht schließlich auch Irmas Glück auf dem Spiel? Wenn sie ihn liebte wie einst — und er zweifelt nicht mehr daran! — dann wird fie sich nicht minder nach ihm sehnen. Gerade der Umstand, daß er als Krüppel heimkehrte, jetzt hilfsbedürftiger denn je ist, wird fie erst recht zu ihm treiben.

Noch einmal beißt er die Zähne trotzig aufeinander. Nicht Mitleid soll die Brücke sein, auf der Irmas Siebe zu seinem Herzen den Weg findet! Das würde ihn be­drücken, ihn mißtrauisch und besorgt machen. Gerade, weil er ein Krüppel ist, dem die Lebensgefährtin auch garte Pflegerin fein muß, wird er mit eiserner Entschlos­senheit gegen diese jäh erwachten Regungen ankämpfen! Wenn Inna wirklich wußte, daß fie durch List von ihm getrennt worden war — und er glaubte bestimmt daran! — dann war ihre Stimmung beim ersten Wiedersehen in Berlin dadurch beeinflußt worden. Und es mochte sie vielleicht noch tiefer erschüttert haben, als fie fein mühsames Humpeln sah. Reue und Mitleid waren da zu einer eingigen Flamme zusammengeschlagen, die ihm

aus ihren Blicken als Liebe entgegenleuchtete. Aber wenn fie erst über diese Stimmung hinweggekommen war, wenn sie den Stimmen der Vernunft mehr Gehör schenkte, bann würde sie vielleicht selbst vor dem Gedan- ken zurückschrecken, für ein langes Leben an einen Krüp­pel gefesselt zu sein. Dann würde sie gegen die Gefühle der Liebe entschlossen ankämpfen, und er erlebte zum zweitenmale eine grausame Enttäuschung, weil Hoffnun­gen in ihm lebendig geworden waren, die er längst tot und begraben wähnte.

Nein, kein Mensch — am wenigsten Irma — durfte etwas von diesem Briefe erfahren. Und mochte die Sehnsucht nach ihr auch noch so fehr an seinem Herzen zerren: er war ein Mann, der sich nicht unterliegen lasten durste. Oder war es nicht bester, er tat sich jetzt hatten Zwang an, als daß er Irma unglücklich machte?

Dieser Gedanke war für Erich entscheidend. Wenn et jetzt fiti, fo tot er es nm Irma! Das würde ihn alles leichter ertragen lasten.

„So, lieber Herr Brackenberg, jetzt haben wir 6it lange genug ht der Dunkelkammer gequält. Wir werden allmählich das Zimmer erhellen, und fie sollen sich selbst überzeugen, ob wir wenigstens einen kleinen Erfolg ge­habt haben."

Die Stimme des Gchkimrats Birch klang fest und zu versichtlich, als er sich über Bruno Brackenberg beugte und diese Watte sprach. Bruno aber lächelte trübe und erwiderte: „Für mich ist der Ausenthatt im Dunkeln nichts Neues! Ich bin daran beinahe gewöhnt und kann es mir kaum noch vorstellen, wie es ist, wenn man im Lichte des Tages wandelt. Haben Sie denn wirklich Hoff­nung, daß es etwas bester mit meinen Augen werden könnte?" Flehend reckte er die Hände nach dem Geheim­rat aus.

„Immer ruhig, lieber Herr Brackenberg! Ja, ich hab, Hoffnung! Aber wir wollen uns selbstverständlich keinen Illusionen hingeben! Sie dürfen nun nicht etwa erroar- ten, daß Sie jetzt mit einem Schlage wieder sehen mür­ben wie früher —"

(Fortsetzung MgO