JV» 301.
Samstag, 31. Dezember 1927,
Fuldaer Zeitung
2. S.ait.
Druck der Fuldaer AcNendruckerei, gutoa]
Neujahrsbrief an den Bauernstand.
Von Dr. Crone-Münzebrock, Mitglied des Reichstages, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Vereinigung der Deutschen Bauernvereine, Berlin.
Das Jahr 1927 geht zur Neig«. Dies gibt Veranlassung, einen Rückblick auf den Gang der Wirtschaft des Jahres 1927 zu werfen, uns über den gegenwärtigen Stand zu orientieren und einen Ausblick in die kommende Errtwicklung zu tun.
Auf Grund der geographischen und wirtschaft- WM"Lage Deutschlands und des verlorenen Krie- M^ist das Wirtschaftsleben in Deutschland mehr als in anderen Staaten auf sich selbst angewiesen. Daher muß auch die Belebung der deutschen Wirtschaft kn erster Linie von der Urproduktion, d. h. von der Landwirtschaft ausgehen.
Die wirtschaftliche Lage eines Volkes ersieht man am besten aus der Vermögensbilanz, so insbesondere aus der Verschuldung, sowie der Handelsund Zahlungsbilanz unter Berücksichtigung der Kapktalsanlage. Die Handelsbilanz hat sich in den letzten Jcchren für Deutschland nicht günstig gestaltet. In den ersten 11 Monaten des abgelaufenen Jcchres hatte sie eine Passivität von zirka 3,8 Milliarden (bei entern Einfuhrüberschuß an Nahrungsmitteln im Werte von zirka 3,9 Milliarden). Die Verschuldung ist auf über 25 Milliarden gestiegen, wovon auf die Landwirtschaft allein nach den Angaben des Instituts für Konjunkturforschung zirka 13 Milliarden entfallen sollen. Das ist ungefähr dieselbe Summe, die in der Vorkriegszeit als Gesamtverschuldung der Landwirtschaft genannt wurde, wobei aber noch zu berücksichtigen ist, daß die Landwirtschaft in der Vorkriegszeit in höherem Maße Spar- und Betriebskapital besaß und die Vorkriegsverschuldung der Landwirtschaft das Ergebnis der Entwicklung m eknem Menschenalter ist. Die heutige Verschuldung erscheint bei Betrachtung der Zinshöhe und der Art der Verschuldung weit bedenklicher und drückender. Die Landwirtschaft hat bereits heute bedeutund mehr Schuldenzinsen zu zahlen als vor dem Kriege, und diese enorme Verschuldung wurde in 3—4 Jahren erreicht! Da in diesen Jahren die Steuern und Sozkallasten noch gestiegen find, und die Schulden- zmsen heute hinzukommen, mutz die Verschuldung in den kommenden Jahren naturgemätz viel rascher weiter steigen, wenn nicht in der Frage der Renta- bilität der Landwirtschaft ein grundlegender Wandel geschaffen wird.
Ms diesen Gesichtspunkten ergibt sich auch, daß die zeitweilige Abnahme der Arbeitslosigkeit nicht
aus eine Gesundung der Eesamtwirtschast, insbesondere der Landwirtschaft, zurückzuführen war, son- dern datz es sich hier um eine Schehtkonjunktuv handelt.
Das deutsche Volk hat zunächst nach dem Kriege das mobile Kapital ausgezehrt und nachher zu einem großen Teil vom immobilen Kapital bezw. von der Verschuldung gelebt.
Für die Gesundung der deutschen Wirtschaft, insbesondere der Landwirtschaft, dürsten vor allen Dingen folgende Gesichtspunkte in Frage kommen:
1. In der Zoll- und Handelspolitik -müssen die Interessen der deutschen Landwirtschaft mehr als bisher berücksichtigt werden. Ein Abbau der deutschen Zölle kann nur mit einem Abbau der Zölle des Mslandes Hand in Hand gehen. Es ist darauf zu achten, daß die Relation der deutschen Zölle zur Höhe der Auslandszölle auf Vorkriegsbasis erhalten bleibt, daß also die Höhe der deutschen Zölle in dem Verhältnis zu den Aus- lcmdszöllen bleibt, in dem sie vor dem Kriege stand. Die Landwirtschaft muß weiter verlangen, daß die Relation zwischen den Zöllen für land- wirtschaftliche Bedarfsartikel und landwirtschaftliche Erzeugnisse, wie sie vor dem Kriege aus Grund jahrzehntelanger sachlicher Untersuchung und organischer Entwicklung sich herausgebildet hat, mindestens erhalten bleibt. Dies ist heute nicht der Fall. Es ist.hier eine Verschiebung zuungunsten der Landwirtschaft eingetreten.
2. In Reich, Ländern und Kommunen muß eine größere Sparsamkeit wieder eintreten. Was vor dem Kriege an Einrichtungen genügte, muß heute sicher genügen. Der Krieg hat zur Verarmung aller europäisch m Staaten, insbesondere des deut- schm Volles geführt, so daß in allen europäischen Staaten, insbesondere aber in Deutschland eine größere Sparsamkeit eintreten muß. Auch wird alsbald eine Nachprüfung der deutschen Reparationszahlungen sich als netto enbig erweisen. Bei den sozialen Saften muß daraus geachtet werden, daß diese der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft angepaßt bleiben, damit sich demnächst nicht die Unmöglichkeit des dauernden Tragens dieser Lasten und damit sich nicht schwere Enttäuschungm für große Vollsteile ergeben.
Auf Grund der Einschränkungen an Ausgaben kn Reich, Ländern und Kommunen, an der Neu
regelung der Reparationen wird sich sodann eine Steuerherabsetzung ermöglichen lassen. Die heute bestehenden Steuern sind von der Wirtschaft, ins- besorÄere der Landwirtschaft, auf die Dauer nicht tragbar. Die Landwirtschaft hat in den letzten Jahren die Steuern nicht vom Einkommen, sondern vom Verlust (Aufnahme von Schuldm) gezahlt, ein Verfahren, das allen finanzpolitischen Grundsätzen Hohn spricht.
Die Ernten der letzten Jahre haben unter den Witterungsverhältnissen sehr stark gelitten. Insbesondere die Preise für tierische Produkte stehen weit unter den Produktionskosten. Wenn hier nicht bald Wandel geschaffen wird, so werden große Teile der Landwirtschaft aus der Notlage heraus zur Verzweiflung getrieben.
Es ist selbstverständlich, daß die Landwirtschaft auch weiterhin alle Mittel anwenden muß, um sich durch eine Rationalisierung des Betriebes selbst zu helfen. Hier sind aber der Landwirtschaft enge Grenzen gezogen, zumal es an dem nötigen Betriebskapital fehlt. Weiter muß die Landwirtschaft versuchen, durch zweckmäßige Einrichtungm die Spannung zwischen Produzenten und Konsumentenpreisen zu verringern.
Will die Landwirtschaft diese Forderungen durchfetzm, so ist eine weitere Festigung ihrer Organisation notwendig. Absplitterungsversuche in den wirtschaftspolitischen Verbändm der Landwirtschaft dienen lediglich zur Schwächung der Interessenvertretung des Landvolkes. Hierüber sollte sich ein jeder Landwirt bei Entscheidungen in dieser Frage klar fein. Die notwendige Einigung aller Größenklassen der Landwirschaft dürste aber nur auf der mittleren Linie, das heißt auf der Linie der Vauemvereine möglich fein, zumal sich die Bauernvereine nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch stets freigehalten haben von allen partet* politischen Fragen und Sonderinteressen einzelner Gruppen. In der Landroirtschaft gehen grundsätzlich die Interessen der verschiedenen Größenklassen der Betriebe konform. Wenn hier und da gewisse Unterschiede in den Interessen vorhanden sind, so können diese durch Sonderausschüsse bei den Bauernvereinen entsprechend berücksichtigt werden. Bei der Schaffung der Organe der Bauernvereine (Vorstand, Ausschuß ufro.) müssen wir daher auch Wert darauf legen, daß die verschiedenen Größen der Betriebe und sonstige Richtungen entsprechend ihrer Verbreitung in dem betreffenden Bezirk berücksichtigt werden.
Möge das Jahr 1928 dazu beitragen, diese Einigkeit in der deutschen Landwirtschaft zu fördern. Nur dann wird es möglich fein, die For
derungen des Bauernstandes durchzufetzen, und da- durch dem Bauernstand auch für die Zukunft Lebensbedingungen zu schaffen, die eine Gesundung und Erhaltung des Bauernstandes ermöglichen und feiner Bedeutung für die Gesamtwirtschaft entsprechen. ___
Frankfurter Gver.
Samstag, 31. Dez., 15 Uhr: Das Weihnachtssternlein.
19 Uhr: Jonny spielt auf. •
Sonntag, 1. Jan., 15 Uhr: Das Weihnachtssternlein. 19 Uhr: Die Macht des Schicksals.
Montag, 2. Jan., 15 Uhr: Das Weihnachtssternlein. 19 Uhr: Die Jüdin.
Radio-Programm.
Smnskag, den 31. Dezember.
Frankfurt (428.6 Mir.), Kassel (272.7 Mir.). 15.30 bis 16: Liedervorträge Frankfurter Schulen. 16.30 bis 17.45: Konzert d. Hausorchesters: Millöcker. 17.45 bis 18.05: Die Lesestunde. 18.15—18.30: Vereinsnachrichten und andere Mitteilungen. 18.30—19: Der Briefkasten. 19—19.25: Stenogr. Fortbildungskursus. 19.25 bis 19.30: Mrtschaftsmeldungen. 19.30—19.45: Senk- kenbergviertelstunde. 19.45 bis 20.15: „Neujahr bei den verschiedenen Völkern im Wandel der Zeiten , Vortrag. 20.15—21.15: Konzert: Franz Baumann. 21.15: Silvester-Feier: Bummelstudenten, Posse mit Gesang und Tanz. Anschl.: Tanzmusik.
Sonntag, den 1. Januar 1928.
8.30—9.30: Uebertragung von Kassel: Morgenfeier. 11.30—12: Die Elternstunde (unter Leitung von Dr. Flesch und Mittelschulrektor K. Wehrhan): „Volkstümliche Familienforschung", Vortrag von Rektor K. Wehrhan. 12—13 (12—1): Konzert des Streichquartetts des Rundfunks. Ausführende: Lustav Lenzewski (1. Violine), Karl Völp (2. Violine), Erich Robert (Viola), Hermann Weil (Cello). 15.30—16.30 (3.30—4.30): Die Stunde der Ju- aend (unter Leitung von Mittelschulrektor K. Wehrhan): Kasperlstunde der Kasperltante Frau Liese! Simon vom Münchener Kasperltheater: Die drei Wünsche. Ein lehrreiches Beispiel in zwei Akten von Franz Pocci. — Personen: Kasperl: Frau Margret, Kasperls Frau; Martin, der Nachbar; die schöne Fee Zimberimbimba. — Für Kinder vom 4. Jahre ab. 16.30—18 (4.30—6): Konzert des Rundfunkorchesters: Schubert. 1. Ouv. zu „Sierra- bras". 2. Andante u. Scherzo a. d. Klaviertrio in B- Dur, ov. 99. 3. Lieder. 4. Menuett a. d. Streichquartett in A-Moll, op. 29. 5. Ouv. zu „Rosamunde". 6. Lieder. 7. Scherzo a. d. Klaviertrio in Es-Dur, op. 100. 8. Andante a. d. „Tragischen Sinfonie" (Nr. 4 in C- Moll). Musikalische Leitung: Kapellmeister R. Merten. — Mitwirkung: Lydia Naumann (Alt), Konzertmeister G. Lanzewski (Violine), Hermann Weil (Cello), das Streichquartett des Rundfunkorchesters. 18—19 (6—7): Stunde des Rhein-Mainischen Verbandes für Volksbil-
Mein
araner Inacntur-Huiuerkauf
beginnt kommenden Montag, den 2. Januar 1928, 81|a Uhr
Meine billigen Angebote in der Montags-Nummer werden Sie in Erstaunen setzen
FrieiffichsIrnBe 6
Kaufhaus Wertheim
HltteMe 19-Z1
Das Haus Termöllen.
Roman von Emil Frank.
29 J ---------
Erich und der Direktor hatten sich ein wenig zurückgezogen, als Jlgenkamp den Brief erhielt. Sie bemerkten nichts von der Schwächeanwandlung, die ihn so jäh befiel und wunderten sich nur, daß er so lange Zeit gebrauchte, um einen gewöhnlichen Brief zu lesen. Da zuckte Erich erschrocken zusammen. Vom Schreibttsch her klang ein dumpfes Stöhnen und Röcheln. Als er hinschaute, sah er just, daß der Stiefvater mit der ganzen Wucht seines Körpers über die Schreibtischplatte fiel. Da eilte er herbei. Schlingmann folgte ihm. Sie richteten den schweren Mann auf und brachten den Bewußtlosen zum Schreibtischsessel. Der Direktor holte Wasser. Während dieser Zell öffnete Erich Kragen und Hemd und tastete erschrocken nach dem Herzen. Es arbeitete in unregelmäßig flackernden Schlägen. Auch der Puls ging unregelmäßig. Aber es schien doch nur eine Schwächeanwandlung zu sein. Denn kaum hatte ihm Schling- mann einige Tropfen Wasser eingeflößt, so öffnete er die Augen, schaute sich verwirrt um und fragte schließlich mit tonloser Stimme: „Was war das?"
Erich, der noch immer über den Stiefvater gebeugt da stand, erwiderte: „Eschat nicht viel auf sich, anscheinend mar es nur ein kleiner Ohnmachtsanfall. Aber du wirst ein wenig ruhen müssen, damit du dich schnell wieder erholst."
Der Geheimrat nickte schweigend. Dann spürte er das zusammengefaltete Papier in seiner Linken und steckte es in die Tasche. Langsam kehrten seine Kräfte wieder zurück Doch in allen Gliedern fühlte er ein so merkwürdiges Beben. Und wieder zuckte die Angst in ihm auf: Wenn das der Vorbote des nahen Endes wäre! Er müßte den Platz räumen, den er so lange Jahre eingenommen hatte! Es wäre vorüber mit dem Zusammenraffen für feine Familie. Und ein anderer tritt an feine Stelle, ein Mensch, &en er nur widerwillig heranreifen sah, den er so gerne hier verdrängt hätte, wäre es ihm nur gelungen. Mit unbestechlicher Ehrlichkeit wird er die Westsaliawerke leiten und wird sich darin weder durch Rolfs Skrupellosigkeit noch durch Ruths Abneigung beirren lassen.
Und wenn dieser Erich nun gar wüßte, daß er — Herbert Jlgenkamp — sich wider jedes Recht eines Anteils an den Westfaliawerken bemächtigt hatte! Daß es sogar
durch eine strafbare Handlung geschehen ist! Würde er auch bann noch die Seinen schonen? Oder würde er sie falt von der Türe seines Hauses weisen, in dem sie nichts mehr zu suchen hatten?
Hefe ist ja da! Hete hat er lieb! Daran brauchte er nicht zu zweifeln. Daß er noch dieses eine vollbracht hätte, Hete und Erich vor den Traualtar treten gesehen hätte. Ihm wäre in dieser Stunde viel wohler.
Noch einmal bäumt sich seine zähe Willenskraft auf. Er wendet sich an Erich: „Laß bitte ein Glas schweren Weines holen. Er wird mir gut tun." Gierig schlürfte er den Südwein und fühlt feurige Ströme durch seinen Körper rollen. Nun hat er die Schwächeanwandlung gänzlich bezwungen. Höher reckte er sich auf. Unnütz waren alle feine Sorgen. Noch steht er fest auf dem Platz, den er mühevoll genug sich errungen hatte. So schnell verdrängte ihn der andere nicht davon.
Aber ruhen wollte er doch. Es war besser, er spannte einige Wochen aus, als daß er sich hier aufrieb. Im Gehen wandte er sich an Erich: „Ich glaube, es wird das Beste fein, wenn ich für einige Wochen das Feld räume. Ich will mit Mama überlegen, welches Bad wir auffuchen wollen. Spätestens übermorgen reifen wir ab. Dann hast du Gelegenheit, dich als mein Vertreter hier gründlich einzuarbetten. Wenn ich zurückkomme, teile ich dir einen Arbeitskreis zu."
Damit nickte er dem lästigen Stiefsohn zu, bann verließ er das Verwaltungsgebäube, bestieg ein Auto und fuhr nach Hause. Unterwegs fragte er sich immer wieder: Was mag es wohl gewesen fein, was mich fo jäh lähmte? Ich habe boch in ben letzten Wochen nicht schwerer gearbeitet als sonst. Sinb bas boch schon Alters- erscheinungen, bie bei mir unerwartet schnell auftreten, weil ich mich bisher gegen bas Altern so erfolgreich gewehrt habe?
Unb bann fiel ihm ber Brief aus Dortmunb ein. In feiner Verwirrung unb bem Zusammenbruch hatte er ^Vl(VinmaI Diesen. Vorsichtig tastete er in bie Tasche. Gottlob, er war noch ba. Aber er zog ihn boch hervor unb schob ihn in bie Innentasche feines Rockes. Dort war er seiner Meinung nach besser verwahrt. Morgen mußte er bie bittere Pille schlucken unb zu biefer ^autWmPP.binaUsfaDren, bamit sie während feiner Abwesenheit keine Dummheiten anrichtete.
, die Treppen zu seinem Schlaf
zimmer empor. Matt ließ er sich auf ben Divan sinken. Sch°n wieder verspürte er diese lähmende Schwäche.
Aber er verlor boch nicht bas Bewußtsein. Fritz mußte ihm Burgunber bringen, unb er trank ihn in langen Zügen. Ja, nun fühlte er sich wohl! Er wollte ohne weiteres fein Lager aufsuchen. Schon tleibete er sich aus. Da schrillte bas Haustelephon; Erich melbete, auf ber zweiten Gießerei wäre Feuer ausgebrochen. Er wollte sofort hinausfahren, ob er bes Vaters Auto benutzen dürfe, weil dieses noch bereit stand.
Der Geheimrat war damit einverstanden. Aber die Lust zum Schlafen war ihm doch vergangen. Wenn er nur etwas Ruhe fand. Für morgen gebrauchte er einen klaren Kopf. Die Verhandlungen mit Frau Phillipp würden nicht gerade leicht fein.--
Erich eilte zu dem bereitstehenden Kraftwagen des Vaters, drehte im Innern das Licht an unb ließ sich in bie weichen Ledersessel fallen. In sausender Fahrt ging es zur Brandstelle. Bei einer scharfen Kurve wurde Erich an die Seitenlehne geschleudert. Instinktiv reckte er den Arm aus unb beugte sich ein wenig vor. Da sah er auf bem Boben bes Wagens ein Briefblatt, bas anscheinenb achtlos liegen geblieben war. Erich hob es auf unb strich es auf ben Knien glatt. Es gehörte wahrscheinlich bem Vater, boch konnte es wohl kaum großen Wert haben. Gebankenlos ruhten feine Blicke auf ben steilen, energischen Schriftzügen, mechanisch las er bie ersten Zeilen, bis er plötzlich erschrocken zusammenfuhr. Verwirrt fuhr er mit ber Hanb über bie Stirn. Narrte ihn ein Traum? Tiefer beugte er sich über bas Briefblatt, las es einmal ums anbere, vergaß barüber, baß er zur Branbstelle fuhr, schüttelte nur immer roieber ben Kopf unb murmelte schließlich: „Da hat mir bas gütige Schicksal ein Beweismittel von ber Schuld bes Stiefvaters in bie Hanb gebrückt, bas zugleich linbernben Balsam in meine Herzenswunbe gießt, bas mir aber auch Irmas vermeintliche Untreue in einem ganz anberen Licht erscheinen läßt".
Noch einmal las er ben Brief Zeile für Zeile, Wort für Wort. Er läutete folgendermaßen:
Sehr geehrter Herr Geheimrat Jlgenkamp!
Lu ist vor vierzehn Tagen ohne ein Wort des Abschieds verschwunden, sie hat auch keine Zeile hinterlassen, bie mir Aufklärung über ben Zweck biefer Reife gegeben hätte. In meiner furchtbaren Angst nahm ich bie Hilfe eines Detektivs in Anspruch, ber inbeffen bisher nur feststellen konnte, baß Lu mit ihrem Sohne, Herrn Dr. Rolf Jlgenkamp, nach Berlin gefahren ist.
Ich bin wohl zu ber Annahme berechtigt, bah Ihr Sohn mit Ihnen im Einverständnis handelte, daß Sie
Lu von mir trennen wollen, um mit mir leichteres Spiel zu haben! Es ist nicht schwer, Ihre Gedankengänge zu erraten. Da ich bei ber Geburt Ihres ersten Kinbes selbst nicht korrekt handelte, so bin ich nicht nur Mitwis- ferin, sondern auch Mitschuldige. Unternehme ich etwas gegen Sie, so können Sie mich ohne weiteres anklagen, bei dem Betrug Beihilfe geleistet zu haben, können mir auch beweisen, daß ich nur durch meine Beihilfe Kenntnis bes Falles habe.
Anbers aber verhält es sich mit Lu! Sie haben ein fünfzehnjähriges Kind angeftiftet, ber zukünftigen Braut Ihres Stiefsohnes jene Komödie oorzuspielen, bie na« tumotroenbig zur Lösung biefes Verhältnisses führen mußte. Sie haben Ihre Autorität einem Äinbe gegenüber sträflich mißbraucht, sie zu einer Tat verleitet, die zum minbeften vom moralischen Standpunkt aus auf bas höchste verwerflich erscheinen muß. Unb Sie besitzen nicht ben Schatten eines Beweises, bah ich mit Lu einoerftan- ben war. Was meinen Sie wohl, was geschehen würde, wenn ich mich an Ihren Stiefsohn, Herrn von Termöllen, von dessen Heimkehr ich neulich hörte, ober an Fräulein Irma Brackenberg roenben würbe! Wenn ich von Herrn von Termöllen für diese unschätzbare Nachricht die Zusicherung erwirkte, daß er auch wegen meiner damaligen Beihilfe zu Ihrem Betrüge keine Anzeige erstatten will! Wissen Sie, was das für Sie bedeuten würv-2 Den völligen Ruin! Oder meinen Sie, daß Ihr Stiefsohn sich noch länger ein Erbteil vorenthalten ließe, das Sie durch einen glatten Betrug erlisteten?
Ich gebe Ihnen bis morgen Bedenkzeit! Waren Sie bis abends sieben Uhr nicht bei mir, fo behalte ich mir weitere Schritte vor. Ich betone ausdrücklich, daß ich von Ihnen kein Geld erpressen will. Mir kommt es einzig und allein darauf an, Lus Aufenthalt in Berlin zu erfahren. Es ist meine Pflicht, Lu vor einem Menschen von der Art Ihres Sohnes zu schützen.
Versäumen Sie bitte bie Ihnen gestellte Frist nicht! Mit vorzüglicher Hochachtung
Grete Phillipp."
Das war ber Brief, ben Erich von Termöllen noch immer in ber Hanb hielt, als ber Wagen bereits auf ber Brandstätte angekommen war unb mit einem Rue? hielt. Vorsichtig faltete er bas Schreiben zusammen unb legte es in feine Brieftasche, überzeugte sich auch dich ein Betasten seines Rockes, baß sie ihm nicht entgfittie war. Dann stieg er aus.
wortjetzung folgt.)