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Fuldaer Zeitung
Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
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Freitag, 30. Dezember 1927.
Nr. 300
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.
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Die Lage m China.
In Südchina scheint der General Tschicm- kaischeck die Lage zu beherrschen. Es hat nicht den Anschein, als wenn ihn die heftigen Drohungen Les Moskauer Außenmini st ers T t s ch i t s ch e rin allzusehr bekümmerten. Er wird wissen, daß die Moskauer Regierung keinen kostspieligen Krieg führen darf, wenn sie nicht ihre Existenz gefährden will, und sich damit begnügen, die russischen Drohungen durch Veröffentlichung der in den aufgehobenen russischen Konsulaten gefundenen Dokumente moralisch zu unterhöhlen. Daß die Russen die füdchinesifche Nationalbewegung für die Zwecke ihrer Weltrevolutionsideen ausnutzen wollen, steht ohnehin fest, und Rußland seinerseits weiß auch sehr genau, daß ein Versuch offener Gewaltmaßnahmen gegen den General Tschiankaischek diesem die Unterstützung E n g- l a n d s sichern würde. Es bleibt allerdings die Möglichkeit von Repressalien gegen Südchinesen auf russischem Gebiete. In der Anwendung von Repressalien sind die Russen immer Meister gewesen. Aber ihr Eindruck dürfte auf die Südchinesische Bevölkerung kaum so groß sein, wie sie in den empfindlicheren europäischen Staaten zu wirken pflegen.
Neuerdings heißt es, daß die Südarmee einen neuen Vormarsch nach Norden begonnen habe. Man muß solcher Nachricht etwas Mißtrauen gegenüberstellen, weil einmal die Ordnung in Südchina noch nicht völlig wiederhergestellt sein kann, und das wäre doch die Voraussetzung für einen solchen Vormarsch, wenn er Erfolg verbürgen soll. Dann aber auch deshalb, weil Tfchiankaischek zunächst auf japanisches Interessengebiet stoßen wird. Sein erster Versuch über den Dangtsefluß vorzudringen, im Frühjahr dieses Jahres, ist bekanntlich gescheitert. Und gerade deshalb, weil die Gegenmaßnahmen des Nordgenerals Tschangfolin von den Japanern unterstützt worden sind. Der geschlagene, Tschiankaischek mußte, zumal in seinem Rücken Revolution entstanden war, seinen Oberbefehl niederlegen, und ist dann merkwürdigerweise nach Japan geflüchtet.
In Japan herrscht jetzt die Tanakaregierung, die allerdings die Interventionspolitik des voraufgegangenen Kabinetts Sekujai nicht wiederholen möchte, zumal die japanische Gesandtschaft in Peking ebenfalls widerrät. Es heißt, daß es den Japanern aelungen fei, fowobl mit der Tschangffo- ttn-Armee wie mit Der Glldarmee Tfchiankaischeks feste Abmachungen zu treffen, in denen der Schutz und die Unantastbarkeit der japanischen 9lie* derlassungen gewährleistet werde. Möglicherweise ist der Aufenthalt Tschiankaischeks in Japan zu solchen Vereinbarungen benutzt worden. Wenn die Generäle Tschangtsolin im Norden und Tschiankai- schek im Süden in ihren Gebieten einigermaßen Ordnung geschafft hätten, so könnte man wohl sagen, daß jetzt der Entscheidungskampf zwischen Süd und Nord um die Herrschaft in China bevorstände.
Inzwischen meldet aber der Daily - Telegraph aus Tokio, daß die Verständigung, die Japan inzwischen mit Tschiankaischek wie mit Tschangtsolin gefunden habe, wahrscheinlich die Grundlage für eine japanische Vermittlungspolitik zwischen Nord und Süd abgeben werde. Auch hätten die übrigen Mächte, einschließlich Deutschlands und Rußlands, die Chinesen ermahnt, während des Winters die Feindseligkeiten einzustellen, damit inzwischen neue Verhandlungen über Verträge sowie über Kredite begonnen werden könnten. Im Verlaufe des letzten Jahres hat das Vertragssystem Chinas mit den europäischen Mächten bereits sehr weitgehende Veränderungen erfahren.
Deutschland hat bekanntlich bereits durch den Versailler Vertrag auf seine Sonderrechte Ver. zicht leisten müssen, das bolschewistische R u ß l a nd hat es aus freien Stücken getan, Belgien ist zu Beginn dieses Jahres freiwillig nachgefolgt und Spanien und England haben neue vorläufige Verträge geschlossen. Die Washingtoner Regelung des Zollwefens haben sämtliche chinesischen Generäle einseitig aus eigener Machtvollkommenheit und nach eigenem Gutdünken umgeändrri Man möchte wohl meinen, daß jetzt, wo in Süd- und Nordchina verhandlungsfähige Regierungsgewalten bestehen, die Westmächte den Zeitpunkt für gekommen halten sollten, den Frieden in China, soweit es in ihren Kräften liegt, wiederher- Zustellen. Wenn auch ein sofortiger und völliger Verzicht der Mächte auf ihre alten Sonderrechte in China wegen des Mangel? an einer klaren und geordneten Verwaltungspruris nicht ganz einfach fein dürfte, so läßt sich doch erkennen, daß die Zeiten für solche Privilegien ihrem Ende zustreben. Allerdings haben England, Japan, die Vereinigten Staaten und Rußland, auch Italien und Frankreich ausnahmslos ihre bestimmten Sonderabsichten mit der chinesischen Interessensphäre. Aber man kann auch sagen: So wie die Ding« jetzt liegen, bildet China für alle Staaten nur ein großes Verlust- und Unkostenkonto, dessen schleunige Bereinigung dringendes Gebot wäre. Der Norden Chinas ist von den Wirren der letzten Jahre verhältnismäßig wenig behelligt worden. Hier scheinen denn auch bereits wichtige Verhandlun- gen Tschangsolins über das Eisenbahnnetz der Mandschurei mit Japan und Rußland vor dem Abschluß zu stehen.
* Verlängerung des deutsch-mexikanischen han- dclsverkrages. (Eig Funkm.) Durch Vereinbarung zwischen der deutschen und der mexikanischen Regierung ist der Zeitpunkt für das Außerkrafttreten des zum 21. Oktober 1926 gekündigten dcuisch - mexikanischen Freundschaftsvertrages vom v. Dezember 1882, der zunächst bis zum 21. April
und dann bis zum 31. Dezember 1927 hinausgeschoben worden war, bis um 31. Dezember 1928 weiter hinausgeschoben worden.
Der Termin -er Reichstagswahlen.
Wie das Berliner Tageblatt hört, wird bei den Beratungen der Reichsregierung mit den Vertretern der Länderregierungen am 16. und 17. Januar inoffiziell auch die Frage e r - örtert werden, wann die Wahlen zum Reichstage stattfinden und ob die Reichstagswahlen mit den Wahlen zum Landtag in Bayern, Württemberg und Preußen verbunden werden sollen.
Die Tägliche Rundschau glaubt annehmen zu dürfen, daß das Reichskabinett, wenn alle Minister wieder in Berlin sein werden, sich mit der Frage des Wahltermins beschäftigen werde, wobei allerdings die Entscheidung beim Reichspräsidenten liege.
Der frühere Vorsitzende der Reparationskommission Dubois hat in der letzten stanzösischen Senatssitzung vor den Weihnachtsfeiertagen den bekannten Reparationsbericht Parker Gilberts kritisiert und dabei dargelegt, daß der Dawesplan die Gesamtschuld Deutschlands, die am 22. April 1921 auf 132 Milliarden Goldmark festgesetzt worden sei, nicht habe ändern können. Diese FeststeWungen waren offenkundig bestellte Arbeit. Als Dubois seinen Bericht beendigt hatte, erhob sich sofort Poin- ccrre um zu ergänzen, daß die Revaratkonskom- mission den von ihr damals festgesetzten Betrag der deutschen Gesamtschuld nicht werde ändern können. Nur die Regierungen könnten sie in einem gemeinsamen Einvernehmen abändern.
Poincare steht also nach wie vor auf dem Standpunkt, daß die Gesamthöhe der deutschen Reparationsverpstichtungen 132 Milliarden Goldmark beträgt. Er meint, die Regierungen der Entente müßten eine neue Konferenz einberufen, wenn an dieser Eesamthöhe irgend etwas geändert werden soll. Diese Auffassung des stanzösischen Ministerpräsidenten hat selbstverständlich große Beachtung gefunden und mannigfache Kommentare geweckt. Mer besteht in der Tat die Summe von 132 Milliarden noch zu Recht? Von der stanzösischen Rechtspresse wird Poincare in formal juristischer Hinsicht recht gegeben. Auch der Londoner Daily Telegraph ist der Auffassung, daß die Gesamffumme von 132 Milliarden Goldmark noch Gültigkeit habe, zweifellos richtig sei. Aber der Daily-Telegraph glaubt selbst nicht an vie praktische Möglichkeit der Heberweisung derartig hoher Geldsummen. Die stanzösische Linkspresse steht allerdings der Auffassung Poincares recht kritisch gegenüber, wobei aber ebenfalls juristische Einwendungen weniger versucht werden, als politische und finanztechnische.
Es ist notwendig, diese. Situation genau zu beachten, um zu wissen, woran wir sind. Die Erklärungen Poincares haben jedenfalls die repara- tkonspolitische Situation in einer Weise für uns zu arrangieren versucht, mit der wir uns nicht abfinden können. Daß die Erörterungen' über die Endsumme in Gang gekommen sind, ist ge; wiß erfreulich. Aber mag man das Vorgehen Parker Gilberts noch so sehr auf allgemeine amerikanische Schulden-RegelungsPläne zurückführen wollen — sie werden inzwischen ja ziemlich offiziös angekündigt — es läßt sich nicht verkennen, daß wir noch vor großen Schwierigkeiten stehen. Gerade wegen der Haltung Frankreichs. Es würde wohl eine falsche Taktik sein, wenn man die Auffassung Poincares einfach ignorieren wollte, als sei sie lächerlich und nicht weiterer Stellungnahme wert. Die politische Zähigkeit des französischen Ministerpräsidenten haben wir zur Genüge kennen gelernt. Es dürste also notwendig sein, daß unsere Regierung recht bald zu der Poincareschm Ausfasstlng eine Gegenerklärung losläßt, damit sie nicht ohne deutschen Protest in der öffentlichen Meinung sich festsetzt. Die deutsche Regierung wird dabei auch die Gründe
Aus -em November 1918.
In der Frankfurter Zeitung nimmt Ludwig Herz zu dem von Oberstleutnant a. D. Niemann veröffentlichten Werk „Revolution von oben — Umsturz von unten" Stellung. Dem Werk, das eine Wiederaufwärmung der Dolchstoßlegende ist, sind Dokumente beigefügt, die teilweise bisher unbekannt waren. So bringt eine aussehenswerte Enthüllung ein Bericht des Oberleutnants Grafen v. Schwerin, des Adjutanten des Sturmbataillons Rohr. Wir erfahren aus ihm, daß ganz wie in Berlin auch in Spa am 9. November vormittags ein Schießverbot für diese zum Schutze des Kaisers nach Spa gezogene Truppe ergangen war, bis der Kaiser tatsächlich angegriffen werde. Graf Schwerin erzählt weiter, daß das Bataillon am frühen Vormittag des 9. November auf Grund eines in der Nacht erteilten Befehls einem niederländischen Generaladjutanten eine mehrstündige Hebung der moder- nen" Angriffstaktik vorführen mußte. Schwerin meint, daß die Offiziere diese Vorführung gerade in diesem Moment als wenig passend empfunden haben, und fügt hinzu: man habe in den bisherigen Schilderungen des 9. November von der Anwesenheit dieses Herrn in Spa nichts gelesen. Er sei sich im Zweifel, ob alle verantwortlichen Stellen damals von ihr gewußt hätten.
Nach einer privaten Information, die Herz in der Frankfurter Zeitung wiedergibt, ist dieser Generaladjutant der Königin der Niederlande spä
testens am 6. November in Spa eingetroffen, ohne daß selbst einer der höchsten Offiziere ,der nach seiner Stellung jede Aufklärung fordern durfte, erfahren konnte, wie jener ins deutsche Hauptquartier kam und was er da wollte. Vielleicht erklärte eine aus England stammende Mitteilung, den fragwürdigen Vorfall: König Georg, dem es bekannt gewesen sei, daß die Entente die Auslieferung des Kaisers verlangen würde, habe die Königin der Niederlande gebeten, dem Kaiser ein Asyl anzubieten ,um die Erfüllung dieser Bedingung zu hintertreiben und seiner Regierung aus einer Sackgasse herauszuhelfen.
Die letzten Seiten des Buches bringen einen aus dem „Deutschen Wochenblatt für die Niederlande" bereits in die deutsche Presse übergegangenen Brief Hindenburgs an Wilhelm II. vom 28. Juni 1922, in dem jener die Verantwortung für den nach seiner damaligen Meinung nur vorübergehenden „Hebertritt nach Holland" übernimmt. Hnbe-
anführen müssen, die seine Auffassung als falsch erweisen. Sie wird dazu auch Momente aus den Verhandlungen herbeizubringen haben, die in London lm Jahre 1924 bei der Erörterung des Dawes- planes und der Reparationsendsumme geführt wurden und die für die Erhärtung des deutschen Standpunktes dienlich find. Vorläufig sei auf folgendes hingewiesen:
Die Summe von 132 Milliarden Goldmark war in ihrem Zustandekommen vollkommen unabhängig von der deutschen Leistungsfähigkeit. Die Ententestaaten hatten einfach zusammengerechnet, was sie glaubten beanspruchen zu müssen, und dabei war bie Summe von 132 Milliarden herausgekom- men. Der Dawesplan stellte sich auf einen a n - deren Standpunkt, indem er fragte: Was kann Deutschland zahlen? Hnd er errechnete dabei nach einer Hebergangszeit eine Annuität von 2% Milliarden. Nun ist es doch selbstverständlich, daß in diesen Annuitäten Amortisationssummen enthalten sein müssen. Nehmen wir Vi Prozent an, so würde bei einer 4 prozentigen Verzinsung eine Gegenwartssumme von 40 Milliarden Goldmark herauskommen. Tut man das nicht, so würden wir an einer Gegenwartszahlung von 50 Milliarden Mark eine ganze Ewigkeit zu zahlen haben Bei einer höheren Verzinsungsziffer ändern sich natürlich die Zahlen, aber zu unseren Gunsten. Die Endsumme wird niedriger. Jedenfalls steht fest: Wenn auch der Dawesplan davon abgesehen hat, eine neue Endsumme zu nennen, so ist doch in der Festlegung der Annuitäten bereits eine gewisse Endsumme enthalten. Man hat sie nur deshalb offen gelassen, weil erprobt werden soll, ob Deutschland tatsächlich alle Jahre 2% Milliarden aufbringen kann. Man darf auch nicht vergessen, daß unter diesen 2% Milliarden hohe Summen stecken, die nur in Form von Sachlieferun- g e n bezahlt worden sind. Wenn diese Sachleistungen einmal aufhöreu, werden die Ententestaaten lediglich auf die Reparationssummen angewiesen fein können, die man transferieren kann, das heißt sie werden geringer sein als 2% Milliarden. Kurz und gut, Poincare hat vergessen, daß mit dem 2ru» wesplan die deutschen Reparationsvervlichtungen unter einem grundsätzlich anderen Gesichtspunkte festgelegt worden sind, nicht mehr von der Frage her, was die Entente beanspruchen könnte, sondern was Deutschland leisten kann, ohne daß seine Währung erschüttert wird.
Von hier aus muß dann auch die Frage der Gesamffchuld geregelt werden, das heißt es wird eine erheblich kleinere Endsumme feftgeftellt werden. Daß das in London nickt geschehen ist, lag nicht daran,, daß man an den 132 Milliarden hätte festhalten wllert, sondern nur daran, daß die deutsche Alstungsfähigkeit und die Transferierungsmöglichkeiten noch nicht ausgeprobt waren. Im übrigen darf man bei der Haltung Poincares nicht übersehen, daß er es den Regierungen vorbehält, die Endsumme zu ändern. Wir haben aber zu ergänzen, daß sie de facto bereits geändert i st, wenn auch noch nicht endgültig.
fannt war bisher des Kaisers Antwort, in der er feine Befriedigung ausspricht, daß diese von ihm längst erhoffte Erklärung „endlich" erfolgt fei, nachdem er lange „unter der Mißdeutung seiner Motive gelitten habe". Es heißt dann weiter: „Ihre unsterblichen Verdienste um das deutsche Vaterland und um mein Haus können durch Ihre Handlungsweise am 9. November nicht verdunkelt werden."
Zwangsanleihe in Bolivien.
wtb. La Paz (Bolivien), 29. Dez. Eig. Funkm.) Gestern wurde von der Regierung eine Zwangsanleihe angeordnet, die 12 Mill. Bolivianos (ungefähr 5 Mill. Dollar) betragen soll und die die großen Kapitalisten des Landes zum vollen Nennwerte aufbringen müßten. Der Zinnkönig Simon P a t i n o ist auf 4 Mill, geschätzt worden, andere reiche Leute auf geringere Summen.
* Vorwürfe gegen eine Kölner Eifengroßfirma. (Eig. Funkm.). Die Berliner Rote Fahne brachte im November dieses Jahres mehrere Artikel, die der bekannten Eisengroßfirma Otto Wolfs- Köln, Betrügereien und Bestechungen vorwarfen. Daraufhin sind bei der Kölner Staatsanwaltschaft verschiedene Anzeigen eingegangen, denen die Staatsanwaltschaft, wie nunmehr bekannt wird, ein Emittlungsverfahren folgen ließ, das zur Zeit noch im Gange ist.
Gute und billige „Knltut".
Bon unserem Dresdener Mitarbeiter.
Die sächsische Sozialdemokratie unternimmt augenblicklich einen starken Feldzug für bie Sui- t u r. Da sich bas Volk seit Wochen sehr lebhaft für bie neue Gestaltung ber Schulverhalt- nisse burd) bas Reichsschulgesetz interessiert, so ist es höchste Zeit biesern Volke begreiflich zu machen, baß die j e tz i g e n Verhältnisse im sächsischen Schulwesen bie denkbar besten und billigften sind. Man faßt das Problem gleich von den bei- den richtigen Seiten an: von der kulturellen und ber finanziellen. Als fachmännischer Vertreter der Sozialbemokratie fungiert habet neben der Presse in erster Linie der sächsisch eLeh- rerverein, ber ebenso sozialbemokratiich und rabital gesonnen ist wie bie offiziell politisch eingestellten Genossen. Stabt unb Land wird mit Schriften und Flugblättern überschwemmt, in denen die sächsische Gemeinschaftsschule als ein geradezu ideales Institut erscheint.
Die erste Kulturtat der sächsischen Sozialdemo- tratie nach der Revolution war eine Verordnung im Dezember 1918, wonach alle evangelischen Bekenntnisschulen in „Allgemeine Schulen" umge- wandelt werden sollten. Obgleich zuerst die völlige Ausschaltung des Religionsunterrichts geplant war, wurde doch auf Einspruch des Reichsgerichts schließlich der Religionsunterricht als „Anhängsel weitergestattet. Mitte 1919 erhielt die Verordnung Gesetzeskraft. Damit gab es keine evangelische Bekenntnisschule mehr in Sachsen. Nur b t e Katholiken hatten burd) Sonberabmachungen den konfessionellen Charakter ihrer Schulen teil- weife zu wahren verstanden. (Nach ber letzten Statistik gibt es in Sachsen 2941 Allgemeine (Gemein- schafts-) Schulen unb 28 katholische). Die protestantische Kirche besaß also von nun an keine Möglichkeit mehr, bie Schule zu beeinflussen. Die rabikale Lehrerschaft konnte ungestört ihres Amtes walten unb erhielt vom Staate Prämien für ihre „ausgezeichnete" Lehrweife. Obschon auck bie Katholiken sehr schwer zu kämvfen hatten, so blieb ihnen doch immer noch wenigstens ein Rest von gebiegener, konfessioneller Grunblage.
Wie steht es nun mit ber Kultur, bie aus den sächsischen Gemeinschaftsschulen hervorgmg? In 9 Jabren muß boch schon ein „Erfolg" zu ver- zeichnen fein. , _
Politiker zerbrechen sich ben Kopf darüber, warum gerade in den letzten Jahren die Ra. t_« t a [ if i er u n g Sachsens so erschreckend groß wurde. Sie messen schließlich immer wieder die ganze Schuld den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umftänben der Zeit zu. Unb vergessen bas eine wichtige: Sie Entchr i st l i - ch u n g bes öffentlichen Lebens. Es ist kein Wunder, daß in einem Lande, wo das Christentum aus ber Oeff entlief) teit fo hinausgedrängt wurde, auch bie Gesamthaltung — bie Gesinnung unb bas Benehmen — bes Volkes eine weniger gesetzmäßige, eine zügellosere, eine (wie die Rabikalen so treffenb sagen) „freiere" wirb. Ganz einbeutig konnte bei unzähligen Gelegenheiten feftgeftellt werden, daß schon in diesem ersten Jahrzehnt nicht nur das Kind, sondern auch der Erwachsene, der in seinen Grundsätzen nicht einigermaßen fest war, gerade infolge der gesetzmäßig sanktionierten Entchristlichung aufs stärkste beeinflußt wurde. Die ganze, rem menschliche Atmosphäre ist in Sachsen wesentlich durch diese neue Freiheit bedingt. Es ist ganz selbstverständlich, daß sie sich zunächst im polii i- schen (Betriebe des Taaes, im Radikalism us, auswirkt. Wenn bie Kultur eines Volkes in Demonstrationen unb Umzügen, in rücksichtslosester Bekämpfung bes Gegners unb im Prebigen ber freien „Natürlichkeit" besteht, bann hat Sachsen einen hohen Grab von Kultur erreicht.
Bresben, bas Zentrum ehemaliger hoher Bilbung unb Kunst geht bem übrigen Laube sehr „vorbilblich" voran. Die rote Mehrheit der Stabt« verordneten hatte ja schon vor langer Zeit eine Verfügung erlassen, baß Kruzifixe ober religiöse Inschriften unb Zeichen nicht mehr in ben Schul- räumen geduldet werden. Natürlich darf der Lehrer auch mit keinem Wort baraufhinbeuten, baß bie größten Schätze an Kultur unb Humanität boch eigentlich aus ber christlichen Gesinnung heraus im Laufe ber Jahrhunberte entstauben finb, unb daß wir heute recht arm wären, wenn btefe Denkmäler ber Pergangenheit nicht mehr in unsere Zeit hineinragten. Die Stabtoerorbneten Dresbens finb anderer Meinung. Sie kontrollieren sehr genau, ob bie religiöse Verödung auch durchgeführt wird. So hat auf Grund eines neuen Beschlusses dieser „Volksvertreter" bas Schulamt ber Stabt vor kurzem bie Direktionen ber Schulen um Anzeige ersucht, ob in ober an ben Schulgebäubeu noch monarchische (!) ober r e I i g i öf e Inschriften usw. vorhanben seien, von beiten man annehmen könne, baß sie bas Gefühl Anbersbenkeuder verletzen. Mit diesem Hinweis auf das Gefühl Andersdenkender werden alle Verordnungen durch- geführt.
In den übrigen Schulen Sachsens geht man ähnlich vor. In Gittersee wurde in diesem Sommer der im Schulhaus angebrachte Spruch: „Gott zur Ehr, den Kindern zur Lehr" ab gern e i 6 e 11, um nicht „anstößig" auf bie Kinder zu wirken, bie „anberer Meinung" waren. In U e b i g a u bet Bresben fanb vor kurzem ein Kinderfest statt, bei bem ein großer Hmzug veranstaltet würbe. Auf drei großen Schildern, die im Zuge von Kindern mitgetragen wurden, prangte die Inschrift „Religion ist Gift". Ein Lehrer führte den Kinderzug.
Bie paar „angehängten" Religionsstuudeu haben bie Zersetzung ber Gesinnung nicht aufhalteu können. Eine protestantische, sächsische Zeitschrift stellt noch soeben fest, baß bei bem Mangel eines verbindlichen Huterrichtsplaues an ben
Hundertzweiunddreißig Milliarden?