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FuldaerZertung

Anzeiger für die Skadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

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Mittwoch, 28. Dezember 1927

Nr. 298

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Notattonsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 JIM, auswärts 0,20 JUL “j" ' ncn “

auswärts 0,80 JUL Bei ----

:< Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051.______:<

Dar deutsche «Eigentum in Amerika.

Am 21. Dezember hat das amerikanische Re­präsentantenhaus eine Gesetzesvorlage angenom­men, die unter anderem die sofortige Zurückzah­lung von 80 Prozent des deutschen Privateigen­tums vorsieht, dessen Rest später zalstk>ar sein soll. Ferner wird darin die sofortige Zahlung von 50 Prozent der Entschädigung für deutsche Schiffe, Patente und Radiostationen gefordert. Die Rest­zahlung dieser Entschädigung, die 100 Millionen Dollar nicht übersteigen darf, soll ratenweise er­folgen.

Die amerikanische Meldung enthält noch den Nachsatz, daß sich der Senat mit dem Gesetzent­wurf voraussichtlich im Februar befassen werde. Dieser Nachsatz scheint uns das Wichtigste an der ganzen Meldung zu sein. Das Repräsentanten­haus hat nämlich schon einmal und zwar am 18. Dezember vorigen Jahres mit großer Mehrheit ei­nen Gesetzentwurf angenommen, der die sofortige Freigabe von 80 Prozent des beschlagnahmten deutschen Eigentums vorsah. Er beruhte auf ei­nem Kompromiß, der nach monatelangen Ver­handlungen zwischen den beteiligten deutschen und amerikanischen Stellen zustandegekommen war. Als dann der Gesetzentwurf an den Senat kommen sollte, wurde der 69. Kongreß der Vereinigten Staat«! geschlossen. Das war am 4. März ds. Is. Man hat lange darüber Mutmaßungen angestellt, wer diese Intrige eingefädelt habe, ob die Demo­kraten oder die Republikaner, aber dieses Rät­selraten Sicherte nichts an der Tatsache, daß der Senat die Gesetzesvorlage über die Rückgabe des beschlagnahmten deutschen Eigentums so lange hinausgeschoben hatte, bis es zu spät war. Wie der Senat im Februar die Angelegenheit behan­deln wird, ist noch garnicht abzusehen. Das muß man eben noch abwarten.

Die Amerikaner wissen genau, daß die Be- fchlagnahme des deutschen Eigentums ein Un­recht war. Zur Zeit des Kriegsbeginns war zwischen Deutschland und Amerika ein Vertrag in Kraft, der folgenden Absatz enthielt: „Wenn-ein Krieg zwischen den beiden vertragschließenden Parteien bestehen sollte, so soll den Kaufleuten je­des Landes, die in dem Lande ansässig sind, er­laubt werden, dort neun Monate zu verbleiben, um ihre Außenstände einzuziehen und ihre Ange- legenheiten zu erledigen, und sie sollen dann stet unter Mitnahme all ihres Eigentums und unbe« hindert abreifen können. Nach Kriegsbeginn hat die amerikanische Regierung diesen Vertragspara­graphen in einer schriftliihen Erklärung des Se­nators Martin vom 7. März 1918 anerkannt. Diese Erklärung enthält folgende Sätze „Im all­gemeinen werden Freundschafts- und Handelsver­träge, wie es dieser ist, durch einen Krieg, der zwi­schen den vertragschließenden Parteien ausgebro­chen ist, ungültig, mit Ausnahme von Artikeln, die besonders für den Kriegsfall vorgesehen sind. Da der erwähnte Artikel 23 für einen Kriegsfall ge­schaffen ist, so ist der Vertrag zwischen den Verei­nigten Staaten und Deutschland als in Kraft be­stehend anzusehen "

Die Rechtslage ist also ganz eindeutig. Daß es sich bei der Beschlagnahme des deutschen Eigen­tums nach Kriegsausbruch um einen Vertragsbruch handele, hat der Erlaß des Staatsdepartement, der am 8. Februar 1917 herauskam, ebenfalls indirekt zugegeben. Da hieß es nämlich: „Die Regierung der Bereinig­ten Staaten wird unter keinen Umständen den Kriegszustand ausnützen, um Eigentum in Besitz zu nehmen, auf das ihr das Gesetz und die inter­nationale Gepflogenheit kein Anrecht gebe. Sie wird gewissenhaft alle privaten Rechte achten und zwar in gleicher Weise, die der eigenen Bürger wie die der Angehörigen frember Staaten." Die­ser Erlaß bezog sich selbstverständlich auf das Ei­gentum der Deutschen und der mit Deutschland verbündeten Staatsangehörigen fremder Staaten. Es ist obendrein am 4. März 1923 in Amerika ein Gesetz angenommen worden, in dem bestimmt wurde, daß alle Vermögen, die den Betrag von 10 000 Dollar nicht übersteigen, unangetastet blei­ben sollen. Auch dieses Gesetz anerkennt, daß der bestehende Zustand vertragswidrig war und daß man gleichsam eine Abschlagszahlung an das ver­tragliche Recht vornehmen wolle.

Das beschlagnahmte deutsche Eiaentuum be­läuft sich gegenwärtig auf etwa 300 Millionen Dol­lar. Die Verwaltungskosten sind außerordentlich hoch, auch sind die deutschen Ansprüche dadurch in­zwischen sehr geschädigt worden, daß bei der Ver­waltung in den letzten Jahren Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind' ,und zwar von einem Umfang, daß Präsident Coolidge im Jahre 1925 eine Un­tersuchung dieser Vorgänge für notwendig gehal­ten hat. Diese Untersuchung hat ihrerseits wieder 200 000 Dollar verschlungen. Ihr Ergebnis ist nur teilweise bekannt geworden. Nun besitzen amerikanische Staatsbürger auch Ansprüche an Deutschland. Diese Forderungen sind durch das oben erwähnte im Repräsentantenhaus angenom­mene Gesetz ebenfalls geregelt worden. Der Zin­sendienst für diese Schulden ist von den deutschen Geldansprüchen bereits abgezogen worden. In den erwähnten 300 Millionen Dollar sind auch die Summen nicht mehr enthalten, die durch das Ge­setz vom Jahre 1923 bereits an Deutschland abge­golten wurden. Der neue Senat bleibt bis zum Frühjahr 1929 zusammen, ob er die im Repräsen- tantenhause angenommene Gesetzesvorlage bis da­hin ebenfalls gutheißen wird, muß man, wie ge­fegt, abwarten. Der Umstand, daß im nächsten Jähr die Neuwahl des Präsidenten stattfindet, ist für die Durchführung der ganzen Angelegenheit nicht besonders günstig.

* Der Stand der preußischen Amnestie. Wie der amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, ist die Zcchl der Gnadenerweise in Preußen anläß­

lich des 80. Geburtstages des Reichspräsidenten auf 120 000 gestiegen. Dabei ist in zahlreichen Fällen der Entlassungstermin so bestimmt worden, daß die Begnadigten das Weihnachtsfest in Frei­heit verbringen können.

* Ein Weihnachtsnumsch atm dem besetzten Ge­biet. Der neue Oberbürgermeister von Trier, Dr. Weitz, hat in einem an die Bürgerschaft Triers gerichteten Weihnachtswunschschreiben folgenden Wunsch an erster Stelle ausgesprochen: Es möge Trier in Kürze die Gottesgabe der Freiheit wieder- gegeben werden. Doppelt schmerzlich drängt sich am Feste heiligen Friedens die Erkenntnis auf, wie sehr die von Deutschland angestrebte Versöhnung der Völker durch die Besetzung deutschen Landes ge­hemmt ist, und welche schweren Schäden der jetzige unnatürliche Zustand der Stadt Trier und ihrer Bürgerschaft verursacht.

„Deutsche, zersplittert Euch!"

Der Unfug, der heute mit den Wahlvorschlägen getrieben werden kann.

Stammtische reichen Wahlvorschläge ein!

Den Unfug, der mit dem heutigen Wahlsystem getrieben werden kann, haben wir an dieser Stelle wiederholt gekennzeichnet. Neuerdings macht dte Nationalliberale Korrespondenz, der Presse­dienst der Deutschen Sott spartet, tm Anschluß an Erscheinungen der letzten Zeit, in wel­chen Splitterparteien sich „gewisse Schwächen un­seres Wahlgesetzes für ihre Privatbelustigungen" zu nutze machten, zu diesen Dingen folgende Aus­führungen:

„Das Reichstagswahlgesetz von 1924 bestimmt, daß die Wahlvorschläge zum Reichstag mindestens 500 Un­terschriften tragen müssen, an deren Stelle 20 Unter­schriften treten, wenn diese ohne weiteres glaubhaft machen können, daß mindestens 500 Wähler Anhänger ihres Wahloorschlages find. Aehnlich bestimmt das Wahlgesetz zum preußischen Landtag. Bei den großen Wahlen zu diesen beiden Körperschaften liegt eine ge­wisse Sicherung gegen weitergehende Zersplitterung in der Tatsache, daß 60000 bezw. 40 000 Wähler in einem Wahlkreisverbande notwendig sind, um einen Sitz zu erringen. Diese Aussicht besteht für Spitterparteien nur im seltensten Falle. Anders liegen die Dinge in den Parlamenten kleiner Staaten und in den Kommunen, wo die Zahl der für ein Mandat erforderlichen Stim­men erheblich geringer ist. Wir haben ja auch nutzt nur eine Häußer-Partei erlebt, sondern bei den Ge­meindewahlen auch Listen für Sportvereine, Kleingärt­ner, Mieter, Kriegsbeschädigte, Beamte usw. Im Frei­staat Danzig, wo 50 Unterschriften für die Einreichung eines Wahlvorschlages genügen, hat man gesehen, daß einzelne Stammtische eine Liste einreichten, die aber nur

48 Stimmen erhielten. Dort schlossen sich neben an­deren zahlreichen Splitterparteien die Fischräucher zu einer Partei zusammen, die sich dann schleunigst tn einen rechten und einen linken Flügel spaltete. Der­artige Beispiele machen Schule. Wir werden es viel­leicht noch erleben, daß findige Reklamechefs großer Fir­men noch die Anhänger bestimmter Markenartikel zu einer Liste zusammenfassen, daß sich die Freunde welt­berühmter Boxer, Säufer, Schwimmer, Ringer oder Radfahrer zu eigenen Wahlvorschlägen vereinigen, daß große Häuserblocks in Berlin und anderen Großstädten eigene Listen ausstellen, daß die Borbestraften, die Hundezüchter, die organisierten Straßenbettler und — warum nicht auch — die abgebauten Minister und Abgeordneten „selbständig in einen Wahlkampf ein- treten". Das mag übertrieben klingen, aber wir sind nicht mehr weit davon, sondern schon mitten in der Ent­wicklung drinnen. Daß derartige Zustände dem wirk­lichen Volkswillen nicht entsprechen, liegt klar auf der Hand."

Das sind allerdings wieder triftige Gründe da­für, daß mit diesem Wahlsystem je eher desto besser Schluß gemacht wird. Es ist bedauerlich, daß diese Aenderung vor den nächsten Wahlen nicht mehr möglich ist. Umso dringender notwendig aber ist es, daß alle zu wählenden Abgeordneten darauf verpflichtet werden, daß sie sich für die Re - form des Wahlrechts einsetzen, daß solcher Unfug, der uns ja drinnen und draußen lächerlich macht, unmöglich wird.

Safanow t-

Der ehemalige russische Minister der auswär­tigen Angelegenheiten Sergej Dimitriewitsch Sasanow ist in der vergangenen Nacht in Nizza, wo er sich feit einigen Tagen aufhielt, einem Herzschlag erlegen. Sasanow, der ein Älter von 67 Jahren erreicht hat, war als Nach­folger Iswolskis von 1910 bis zu feinem Rücktritt im Jahre 1916 Leiter des russischen Ministeriums des Aeußern. Er hat also in der kritischen Zeit des Kriegsausbruches amtiert. Seine Bestrebungen waren lange auf Frieden gerichtet gewesen. Als die Kriegspartei in Petersburg siegte, schloß er sich dieser an und teilt die Verantwortung am Kriegs­ausbruch. Seit der russischen Revolution lebte er hauptsächlich in Frankreich.

• Ein Cegafionsfefretär der niederländischen Ge­sandtschaft in Berlin verunglückt. Bei einem Zu­sammenstoß von zwei Kraftdroschken, der sich am Platz der Republik ereignete, erlitt der Fahrgast der einen Droschke, der niederländische ßegations- fefretär Junkheer A. T. Baud, eine schwere Gehirn­erschütterung, sodaß er in die Charitee gebracht werden mußte.

W deutsche Innenpolitik im Me 1927.

Als das Jahr 1927 begann, zeigte das Baro­meter unserer Innenpolitik wie schon mehrfach frü­her bei der Jahreswende erheblichen T i e f ft a n b infolge einer Regierungskrisis. Sie war latent be­reits das ganze Jahr vorher vorhanden, da die Koalition der Mitte im Reichstag keine Mehrheit besaß und auf das Wohlwollen der Nachbarpar­teien rechts oder links angewiesen war. Die Un­klarheit des Regierungskurses hat am 17. Dezem­ber 1926 zu einem s o z i a l d e m o k r a t i s ch e n Mißtrauensvotum geführt, das die bereitwilligste Unterstützung der Deutschnationalen fand und zum Sturz des Kabinetts Marx führte. Bis zum 4. Februar 1927 hat die Regierungskrisis an­gehalten, dann schuf der Reichspräsident mit dem bisherigen Kanzler Marx die Rechtskoalition, deren Programm am 4. Februar im Reichstag verlesen wurde.

Auch als die Rechtskoalition bereits unabwend­bar erschien, gab es noch heftige Verhandlungen zwischen dem Zentrum und den Deutschnationalen. Man erinnere sich des bekannten Manifestes der Zentrumsfraktion und der berühmten Richtlinien, zu denen sich die Deutschnationalen bekennen muß­ten, ehe sie ihre so sehr erstrebten «Sitze in der Re­gierung sanden. Nachdem Marx seine Kabinetts­mitglieder dem Reichstag präsentiert hatte, gab es noch lebhafte Auseinandersetzungen über die Per- fon des Reichsinnenministers von Keudell, die im Grunde genommen heute noch nicht abgeschlossen sind. An der Person dieses Ministers hat sich auch eine starke Vertrauenskrisis zwischen dem Reich und dem preußischen Kabinett entwickelt, die ihren Widerhall noch in der letzten Sitzung des preußi­schen Landtages dieses Jahres fand. Begonnen batte allerdings diese Minderung des gegenseitigen Vertrauensverhältnisses bei der Beratung des vor­läufigen Reichsfinanzausgleiches. Damals glaubte der preußische Ministerpräsident, daß zuungunsten Ostpreußens die süddeutschen Staaten begünstigt würden. Die Sorgen um Ostpreußen haben seit der Zeit immer wieder im Vordergrund der öffentlichen Erörterungen gestanden, bis jüngst eine besondere wirtschaft!. Hilfeleistung durch eine neueingerichtete Abteilung im Reichsinnenministe- tum, die übrigens mit der preußischen Staatsregie­rung aufs Beste zusammenzuarbeiten scheint, or­ganisiert worden ist.

Der vorläufige Finanzausgleich war eine der ersten Leistungen der neuen Regierung. Das Gesetz ist am 9. April 1927 zustandegekom­men. Nachdem feine Grundzüge vereinbart worden waren, konnte der Reichsetat sehr schnell zu Ende geführt werden. Am 8. April nahm der Reichs­tag nach langen Kämpfen das Gesetz über die Ar - beitszeitregelung mit 195 gegen 184 Stim­men m dritter Lesung an. Die Fraktionen der Re­gierungskoalition sind bei der Abstimmung über dieses Gesetz fast insgesamt auseinandergefallen. Von der voraufgegangenen Regierung war bereits

das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeits­losenversicherung vorbereitet worden, das ebenfalls noch vor den Herbstferien des Reichstages zur An­nahme gelangt und am 1. Oktober dieses Jahres in Kraft getreten ist. Dieses Gesetz ist eines der wich­tigsten sozialpolitischen Gesetzgebungswerke, die in den letzten Jahrzehnten zustande gekommen sind.

Im Mai hat in Genf die We l t w i r t s ch a f ts- k o n f s r e nz getagt, die Richtlinien über die vnrt- fchastliche Organisierung Europas ausarbeiten sollte. Das Ergebnis dieser Konferenz wandte sich sehr eindringlich gegen die Hochschutzzollpolitik ein­zelner Staaten, insbesondere Frankreichs, und hat denn auch in Paris solchen Eindruck gemacht, daß die langjährigen Verhandlungen über einen deutfch- französischen Handelsvertrag endlich zum Abschluß gebracht werden konnten. Mit Polen lebten wir feit mehr als zwei Jahren in einem Handelskrieg. Die Völkerbundstagungen im Frühjahr und Herbst dieses Jahres haben auch hier eine wohltuende Wirkung auszuüben vermocht, insofern Strese- mann durch diplomatische Vorbesprechungen mit Vertretern der Regierung Pilsudski den Weg zu einem neuen Handelsvertrag geöffnet hat. Die größten Schwierigkeiten sind von den Deutschna- tionaten gemacht worden, deren Königsberger Par­teitag vor drei Monaten fast wie eine ostpreu­ßische Fanfare gegen jede Friedenspolitik im Osten gewirkt hatte.

Die Herbsttagung des Reichstages brachte die Erhöhung der Beamtenbesoldung als wichtigstes Ergebnis. Die sonst noch angekündigten Gesetze, wie das Steuervereinheitlichungsgesetz und das Reichsschulgesetz, die ebenfalls noch in diesem Jahre erledigt werden sollten, stecken noch in der Vorbereitung bzw. in der Ausschußarbeit. Sehr gute Fortschritte machen die Strafrechtsre- formorbetten, die unter dem Ausschußvor­sitzenden Dr. Kahl energisch gefördert werden. Der Umstand, daß aber gerade jenes wichtige Reichs- f ch u l g e f e tz nicht recht vorankommen will, hat zu einem vorzeitigen Ferienbeginn des Reichstages insofern geführt, als die erste Lesung des Etats für 1928 in den Januar vertagt worden ist.

Eine Reihe von Wahlen haben in diesem Jahre stattgefunden, so im Frühjahr die Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen, die durch das Por drän­gen der Wirtschaftspartei bemerkbar wurden. Die Herbstwahlen aber haben allgemein — vielleicht ist der sozialdemokratische Kieler Parteitag nicht un­schuldig daran — eine auffallende Stimmen- Vermehrung der Sozialdemokratie berbeigefüfxt zum mindesten den sozialistischen Flügel gegenüber den Rechtsparteien in den Par­lamenten gestärkt. So in Hamburg, Bremen, Dan­zig, Hessen und Braunschweig. Das neue Jahr be­ginnt innenpolitisch mit der Ausrottung eines der wichtigsten Probleme unseres Staates, nämlich der Frage der Verwaltungsreform und des Verbältnisses von Reich und ßän» b#rn_

Zu poincares Sortierungen.

Zu den Erklärungen des Ministerpräsidenten P o inc are in der Kammer bei Beantwortung der Anfrage des ehemaligen Vorsitzenden der Repara- tionskommissivn, Abg. Dubois, zur Repara­tionsfrage und zum Bericht Parker Gilberts schreibt der „Figaro":

Poincare habe einige Worte ausgesprochen, die die Angelegenheit r i ch t i g st e l l t e n. Seine Aus­führungen liefen darauf hinaus, an die juristr- schen Bedingungen des Reparationsproblems schon jetzt zu erinnern, damit die internationale Ausein­andersetzung nicht in die Irre gehe. Der Dawes- pTan fei ein Zahlungsplan und die Ge­samtschuldsumme nach dem Abkommen von 1921 festgesetzt. Die Erörterung hierüber, werde lange andauern, aber in Deutschland, Amerika und Frankreich fänden demnächst Wahlen statt, und erst danach werde das Problem behandelt werdest.

*

Aus Paris wird gemeldet: Die sozialistische Partei ist zu einem mehrtägigen außer­ordentlichen Kongreß zusammengetreten, auf dem in erster Linie das Programm für die kommen­den Wahlen im nächsten Jahre feftgetegt werden sott. Zur Ausarbeitung des Finanzprogramms der Partei wurde ein besonderer Ausschuß eingesetzt.

♦ Auswertung und Ablösung älterer Staats­renten. Wie in der Presse teilweise bereits mitge­teilt wurde, hat sich das Reichskabinett in der letzten Sitzung vor Weihnachten mit einem Gesetzentwurf über die Auswertung und Ablösung älterer Staats- reuten und ähnlicher Renten, wie die ©taubes« herrenrenten, abschließend befaßt. Der Gesetzent­wurf lehnt sich an die Grundsätze der Auswertungs- gesetzgebnng an. Er wahrt nach der Auffassung der Reichsregierung in besonderer Weise auch die In­teressen des Staates. Reuten, deren Inhalt nach den Anschauungen der heutigen Zeit als n n s i 11 - lich angesehen werden müssen, gelten als er­loschen. Der Gesetzentwurf ist zuvor in allen Einzelheiten mit der preußischen «Staatsregierung durchgesprochen worden. Wenngleich hierbei rest­lose Üebereinftimmung nicht hat erzielt weiden können, so glaubte die Reichsregierung in Anbe­tracht der dringenden Notwendigkeit einer baldigen gesetzlichen Regelung dieser Materie den Gesetzent­wurf nunmehr beim Reichsrat als Regierungsvor­lage einbringen zu sollen.

von der Neichsrvehr-Umform.

In der Kölnischen Volkszeitung lesen wir: An der Uniform der Reichswehrangehörigen werden demnächst einige Aenderungen vorgenommen, welche die Form des Ausgehanzuges berühren. Man wird einen größeren Halsausschnitt verordnen und die Führung eines weißen oder grauen Sport­hemdes und eines weichen Kragens mit Krawatte gestatten.

Die vielen Aenderungen an den deutschen Uniformen der Vorkriegszeit haben da­mals immer die Spötter auf der Linken auf den Plan gerufen; zuweilen eigentlich mit Recht, da sich manches als «Spielerei ansah. Die jetzt angc- küudigte Neuerung hat die Rechte mobil gemacht. Die Kreuzzeitung meint, der Schlips fei stark pazifistisch, wie denn überhaupt die ganze Um­änderung alten preußischen Auffassungen nicht ent­spreche. Dom Schlips bis zur Cut-Hose sei nur noch ein Schritt. Wer die Starrheit kennt und kennen gelernt hat, mit der im alten Heere De- kleidungsvorschristen gehandhabt wurden, begreift die Auftegung alter Gamaschensoldaten über die kühne Neuordnung, die dem englischen und ameri­kanischen Vorbilde nachgeahmt ist, und begreift die Bestürzung der Kreuzzeitung, die als Wächter alt preußischer Traditionen vor Scham über den pazi­fistischen Schlips am liebsten in den Boden sinken möchte. Wir denken nicht daran, ihr dahin nach­zufolgen, sondern mit dem Hinabstürzen in solche Ab gründe zu warten, bis wir einen Reichs­wehrsoldaten mit dem neuen Kragen gesehen haben; wir werden auf der Erdoberfläche bleiben können, da vermutlich das Sporchemd ganz adrett aussehen dürste. Daß die Matrosen der Kriegsmarine von Anbeginn an einen sehr großen Halsausschnitt getragen haben und heute noch tragen, und daß die Seeoffiziere gestärktes weißes Hemd, Kragen und schwarze Krawatte anziehen und diese Tracht sogar als besonderen Schmuck empfinden, ist der Kreuz­zeitung beim starren Blick auf die „Hose in den­selben" ganz entgangen.

Die Neuerung wird sich schnell einleben; es bleibt dafür zu sorgen, daß Kragen und Hemd immer sauber und nach dem alten Worte orien­tiert sind, daß nur frischer Dreck den Soldaten ziere. Dieser Tage hat man die Exzellenz begraben und verfügt, daß der General hinfort nur der Herr General sei. Auch dies war geboten in einer Zeit, welche den wirklichen excellenten Menschen sucht und schätzt und durch das Wort Exzellenz nicht zu stark an die Unnahbarkeit erinnert werden möchte, mit der sich die affo Bevorzugtm zu häufig umgebe» liebten.

♦ Deutsche Volks»artei gegen Deutschnational« in Mecklenbnrg-Strelitz. Nach einer Meldung der „Voss. Ztg." hat die Deutsche Volkspartei eine Er­klärung veröffentlicht, in der es heißt, daß die Deutsche Volkspartei nicht mehr in Gemein­schaft mit den Deutschnationalen das fünfte Rad am Wagen sein wollte. Die Verbindung mit den Deutschnationalen habe zu den schwersten Enttäuschungen geführt Die Politik der Deutsch- nationalen in Mecklenburg sei die gerade und folgerichtige Fortsetzung der Politik der Ritter­schaft. Die Entscheidungen der Deuffchen Volks­partei würden letzten Endes vom Ausgang der Wahlen am 29. Januar 1928 abhängen. Die Par-