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FuldaerZettung

Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt

An

Sonntag, 25. Dezember 1927

Nr. 297

Die Bepatationsfrage.

Weihnachttzgchröch mit MinijlMWent Briand

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SU. Reklamezeile: lokal 0chO ^k. KA 'Xflhrtl TU. Bei Wiederholungen Rabatt, vi.juyvy

den erst beraten.

Es wird interessant das künftige italienische

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. ... Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk. :-:

* Das kampflustige Irland. Bei Instand­setzungsarbeiten an einem Gebäude in Belfast wurden von Arbeitern 20 000 Patronen und eine Anzahl Gewehre, Handgranaten und Bajonette aufgefunden. Diese Vorräte wurden von der Poli, zei beschlagnahmt.

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auswärts 0,80 SU. Bei Wiederhol

x Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4031

* Schreiben des Reichskanzlers an General Reinhardt. Reichskanzler Dr. Marx hat an den Oberbefehlshaber des Gruppenkommandos H, Ge­neral der Infanterie Reinhard (Kassel) anläßlich dessen bevorstehenden Ausscheidens aus dem akti­ven Dienst im Reichsheer ein Schreiben gerichtet, in dem er auch im Namen der Reichsregierung dem General in warmen Worten für die um Staat und Wehrmacht erworbenen großen Ver­dienste feinen Dank ausspricht.

* Ein Reichskommlfsar im oberfchlesischen Schul- konflikt. Regierungspräsident Dr. Büdding- Marienwerder hat laut „Dost. Ztg." den Auf­trag erhalten, als Reichs- und Staatskommissar im Haag den oberschlesischen Schulkonflikt zum Austrag zu bringen.

Die IanuarKonferenz.

Wie wir erfahren, fand eine Besprechung zwi­schen dem Reichsfinanzminister, Dr. Köhler, dem Reichsinnenminister, Dr. von Keudell, dem Staatssekretär des Reichsministeriums des Innern, Dr. Zweigert, und dem Reichsspackommissar, Dr. Sae misch, statt. Die Besprechung galt der Vorbereitung der Januarkonferenz mit den Län­dern, in der di« Frage der Verwaltungs- und Verfassungsreform behandelt werden soll. Ueber den Inhalt der Besprechung verlautet in politischen Kreisen, daß der äußere Verlauf der Tagung, das Programm der Referate und ähnliche Fragen durch­gesprochen wurden. An den bisherigen Disposi­tionen dürste danach irgendeine wesentliche Aende- rung nicht eintreten.

Monarchismus in Rußland.

Telegraphen - Agentur der Sowjetunion. In Kiew und Odessa wurden gegenrevolutionäre monarchistische Organisationen, denen Söhne ehe­maliger Offiziere, Adeliger usw. angehörten, auf- gedeckt. Diese Organisationen bereiteten terror­istische Akte vor, knüpften Beziehungen zu aus­ländischen monarchistischen Organisationen an und zogen Spionageinformationen ein. Sämtliche Mit­glieder der Organisationen wurden vergastet.

* Zusatzabkommen zum deutsch - franzostschen Handelsvertrag. Dem Vorsitzenden des Zollaus­schusses der französischen Kammer wurde vom Landwirtschafts- und vom Handelsminister mit- geteilt, daß das in Vorbereitung befindliche Zu­satzabkommen zum deutsch-französischen Handels­vertrag, das die landwirtschaftlichen und gewlsse industriell- Erzeugnisse betrifft, in der Kammer sogleich nach dem Wiederzusammentritt un Ja­nuar eingebracht würde. .

* Begnadigungen zu Weihnachten m Württem­berg. Don zuständiger Seite in Stuttgart wird mitgeteilt: Obwohl erst vor kurzem aus Anlaß der Hindenburg-Amnestie umfassende Gnadenerweise stattgefunden haben, sind auch in diesem Jahre wieder zu Weihnachten eine Anzahl von Straf­gefangenen durch bedingte Segnaöigung in Frei­heit gesetzt worden.

welhnachtramnesüe in Ungarn.

Aus Anlaß des bevorstehenden Weihnachtsfestes hat der ungarische Reichsverweser durch ein Hand­schreiben die Amnestierung jener Personen ange­ordnet, die vor dem 31. Oktober 1918 wegen Ver­gehen oder Verbrechen zu Freiheitsstrafen nicht über fünf Jahre verurteilt wurden, vormrsgesetzt, daß die Vollstreckung -chrer Strafe verschoben oder unterbrochen wurde. Msgenommen sind von der Amnestie jene, die wegen Verbrechen gegen die Interessen der Landesverteidigung, namentlich wegen Mißbrauchs bei Kriegslieferungen, verur­teilt worden warm, sowie jene, die sich ihrer Be­strafung dadurch entgegen haben, daß sie nach dem Auslande flüchteten.

len, kaum mehr als wirkliche Volksvertretung an- zusehen. Die Hausopposition der LinksMeralen unter Giolitti, der Salandralmte und des kacholisch- nmtralm Zentrums besitzt und versucht auch , keine entsprechende Kraft und ändert auch die einheitliche Färbung des Hauses nicht. Im Jahre 1928 wird auch sie verschwundm sein und es wird dann ein neues, nur nach den Grundsätzm des faschistischen Ständestaates geschaffmes Parlammt tagen, an dessen künftigem Mlde man heute noch arbeitet. Die Grundzüge sind bestimmt, die Einzelheiten wer-

zu sehm sein, wie weit Parlammt dem Dorbilde des ht der Parlamentsreform zeitlich und tatsäch­lich ihm vorausgegcmgenm spanischm Parlamentes folgen wird. In beiden Ländern lebt noch das Par­lammt — aber der Parlamentarismus ist ver- schwundm. Wer das nicht begrüßt, muß schweigen. In seiner jetzigen Umformung, die nur ein Zwi­schenstück zwischen dem alten liberalen Parlaments­gedanken und dem künftigen Ständehaus ist, be­deutet auch das hmtige italienische Parlammt schon einen vollen Bruch mit dm bisherigen Traditionen.

polnische Wirtschaft.

wtb. Warschau, 24. Dez. (Eig. Funk.). Der Schriftsteller Adolf Nowanczynski, der in der national-demokratischen Preste viel gelesene Artikel gegen das herrschende Rogie- rungssystem zu veröffenüichen pflegte, wurde gestern abend beim Verlassen feiner Wohnung von drei Mannern in Zivil und einem in Schutz- mannsitniform unter Vorweisung eines gefälsch­ten Haftbefhls fest gehalten und im Auto in die Vorstadt hinter die Friedhöfe verschleppt. Dort fielen vier mit Gummiknüppeln über No­wanczynski her, bis er blutüberströmt und nahezu besinnungslos zusammenbrach. An­scheinend wollten die Banditen Nowanczynski dann in ein Wasserloch werfen, wurden daran aber durch die Hilferufe einer Passantin verhindert, die Nowanczynski in einen nahegelegenen Laden brachte und den Rettungswagen alarmierte. No­wanczynski liegt zur Zeit in einer Klinik an sei­nen Verletzungen schwer darnieder. Mehrere Zei­tungen, welche genauere Berichte und Kommen­tare über den Vorfall brachten, wurden beschlag- nahmt.

Das Parlament in Italien.

Aus Rom wird uns vo». unserem siändigm Mftarbeiter geschriebm:

Seit Anfang Dezember tagt auf dem Monteci- torio in Rom zugleich mit dem Senat das italie­nische Parlament. Sein Zusammmtritt erfolgte in aller Stille, über seine Tätigkeit berichtm die Blät- ter nur referierend. Nicht mebr die Redner und die Redm, nur die geleistete Arbeit wird gebucht, die Beschlüsse und Erledimmgm. Verabschiedungen von Vorlagen, Wahl von Spezialkommissionm, hier und dort ein Amderungs- ober Ueberweisunasantrag, kurz, das im ganten überwiegend formelle Pro­gramm, das die Kammer in ihrer gegentoärtigen Tagung zu erfüllen hat.

Die großm Gesetze des faschistischen Reuauf- baues des Staates werden außerhalb des Parla- mmtes gemacht, von der Regierung, vom großen Faschistenrat und dm Kommissionen, dmm gegen­über die Regierung vollkommen freie Hand in ihrer Gesetz esformu li rrung hat.

Das Parlament ist keine bunte Parteizusammen- fetzung mehr, es ist eine farbenlose Kammer, weil sie eßen nur eine Farbe hat. Es ist keine Ver­sammlung mit aufregenden Debatten und Abstim­mungen, die vordem in Italien mehr als anderswo das 'nunter unsichere Geschick des Kabinetts, des Regierungschefs, seiner Minister und der mit ihrem Bleiben ober Gehen verbundenen obersten Beamten bestimmtm, sondern ein verläßlich im Sinne des neuen Systems arbeitender Versammlungskörper, nicht nur beratend, sondern auch entscheidend, aber für seine Entscheidungm verläßlich wie ein Auto­mat hergerichtet.

Im April 1924 zog das heutige Parlammt auf Grund neuer Wahlgefetzgebung in das Haus ein, damals vielleicht noch als Ausdruck des Volles anzusprechen, heute, nachdem von seinen 535 Mit­gliedern die 155 ausgeschiedenen Aventinisten feh-

wtb. Berlin 24. Dezember. ((Fig. Funkmeldg.). Die „Voss Ztg." wird in ihrer Weihnachtsaus- pabe ein Interview veröffentlichen, daß Jules Sauerwein mit dem französischen Außenminlster Briand hatte. Auf die Frage nach den Fort­schritten, die die internationale Zusammen­arbeit im Laufe des letzten Jahres gemacht habe, antwortete Briand, sie feien um fo ermutigen« her, als man große Gefahren hart put dem Aermel gestreift habe. Es ist, fuhr Briand fort, eine gewaltige, auf weite Sicht gestellte Aufgabe, auf einem Kontinen, der von solchen Konvulsionen geschüttelt wurde wie Europa, einen wirkliche „Frieden wieder herzustellen. Es gibt Wunden, die noch immer bluten. Der Ausgleich aller widerstrebenden und zum Teil recht gefährlichen Fakwren erfordert nicht nur eine keinen Augenblick nachlassende Aufmerksamkeit, sondern auch einen möglichst häufigen persönlichen Meinungsaustausch zwischen den verantwortlichen Ministern der verschiedenen Länder.

Briand erinnerte an den polnisch-litaui­sch e n Ko n f l i k t: „Zwischen Polen und Litauen konnte von einem Augenblick zum anderen einer jener Zwischenfälle sich ereignen, bei dem die G e- wehrevonselb st los gehen. Es wäre ver­wegen, zu glauben, daß Feindseligkeiten dieser Art, wenn sie erst einmal ausgebrochen sind lokali­siert und auf die beiden ursprünglichen Gegner beschränkt werden können. Im Osten Europas, wo gewiß Grenzen von den nächstbeteiligten Staa­ten selbst nicht anerkannt werden, würde ähnlich wie auf dem Balkan und in anderen Ge­genden Europas ein Krieg sehr rasch von Land zu Land um sich gegriffen und in dem unglücklichen Europa erneut einen Riesenbrand ent­facht haben. Wenn auch noch Schwierigkeiten zu überwinden sind, so ist es doch ausgeschlos­sen, daß Polen und Litauen noch handge-

I mein werden."

Briand betonte, daß dieser Erfolg neben der Haltung von Polen und Litauen sehr wesentlich der Mitarbeit Deutschlands und Sow-

Sm russischer Vorstotz.

Von Dr. Ernst Roloss.

Es ist kein Geheimnis mehr: in Kreisen, die den, Foreign Office nahestehen, wird kein Hehl mehr daraus gemacht, daß eine Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen London und Moskau in absehbarer Zeit „durchaus im Bereich der Möglichkeiten" liegt. Ein Teil der englischen Tagespresse rechnet bereits mit der Wahrscheinlich­keit einer baldigen Unterredung Chamberlains mit Litwinow. Baldwins viel beachtete Worte bei dem Bankett in Guildhall sind ebenfalls in diesem ver­söhnlichen Sinne zu verstehen. Auf der Gegen» feite befleißigt man sich bei den amtlichen und par­teioffiziösen Stellen in Moskau und Leningrad nach wie vor einer kühlen Zurückhaltung, die dennoch für den genaueren Beobachter bereits den Wunsch zum Sondieren erkennen läßt. Die geplante Teil­nahme der Sowjetdelegation an einigen Dölkcr- bunbstagungen in Genf wirb von der russischen Preffe vorerst mit gemischten Empfindungen er­örtert. Jedenfalls erwartet sie allgemein vom Generalsekretariat des Völkerbundes Vorkehrungs­maßnahmen, die der russischen Delegation in Genf volle Bewegungsfreiheit zu sichern geeignet sind.

Mag somit im Laufe der nächsten Monate eine gewisse Entspannung der politischen Kampftage bei­der Mächte eintreten, so wird dennoch der unver­hüllte Wirtschaftskrieg, den die Sowjets zurzeit an den verschiedensten Schnittpunkten eng­lisch-russischer Interessensphären führen, kaum an gewohnter Heftigkeit einbüßen. Rußlands stärkste wirtschaftliche Stoßkraft richtet sich nach wie vor auf asiatische Gebiete, auf China, Indien. Afghani­stan, Persien mit ihren für Englands Weltmacht­politik so ungemein wichtigen Wirtschastszentren und Stützpunkten. Nun scheint man neuerdings von Moskau aus diese Angriffsfläche noch wesent­lich verbreitert zu haben und sogar auf afrikani­schen Boden ausdehnen zu wollen. Deutliche Anzei­chen lassen bereits hierauf schließen. So wurde an­läßlich der Jubiläumsausstellung in Nisll'niNow- gorod ein .imposanter arabischer Pavillon"

nen, denn eine solche Arbeitsgemeinschaft gehört zur geistigen Vorbedingung unseres inneren Volks» friedens. Wir möchten, daß bte Frohe Botschaft des Friedens in jeder deutschen Hütte wenigstens die Hoffnung wecken kann, daß auch das irdische Le­ben als solches für sich seinen guten Sinn hat.

HIV» I Die französische Kammer hielt eine Nachtsitzung

. . . , . ,:n I ab, um sich mit dem vom Senat abgeänderten Bud-

jetrußlands zu bauten fet, bte Mjw ein qet öon 1928 8u befaffen. In der allgemeinen Aus-

Wort bei der Beilegung der Streitfrage mi^uspre- > kommentierte der bei Gruppe Marin ange»

chen hatten. Nichts war leichter,, sagte Bnand, Ätenbe Abgeordnete Dubois (früheres Mitglied

als Herrn Stresernann zu der dafür erforderlichen Reparationskommission) die Artikel des stanzo- Aussprache zu gewinnen und uns feine Mitirör» Senators Verenger über die Anwendung

kung zu sichern, die nach den mannigfachen Be- I Dawesplanes. Diese Artikel bewiesm, erklärte weisen, die dieser außerordentliche Staatsmann Dubois, die Unmöglichkeit, das Abkommen Mcllon- vvn seiner Klugheit und seinem Weitblick bereits I gjerengcr zu ratifizieren. Betreffend den Bericht früher gegeben hat, für uns von Anfang an Parker Gilberts über die Ausführung des außer Zweifel stand. Auch die Unterredungen, die I Dawesplanes suchte Dubois nachzuweisen, daß der ich und mehrere meiner Kollegen mit Herrn Lu« I Dawesplan nur ein neuer Zahlungsplan sei, der roinoff hatten, haben sehr wesentlich dazu betgetra» I nicf)t bie Gesamtheit der Schuld Deutschlands, gen, die Beilegung des Konflikts zu erleichtern. I bie 'am 22. April 1921 auf 132 Milliarden Gold- Nachdern Briand die Hoffnung ausgesprochen I mar$ festgesetzt worden sei, ändern könne. Minister - hatte, daß eine freimütige freundschaftliche Aus- I pt^fibent Poincare erklärte, was die Jnterpre- einanberfeüung auch die zwischen Frankreich und I ta^on Versailler Vertrages betreffe, so habe Italien bestehenden Mißverstände aus der Welt Dub ois an der Kritik des Berichtes Parker Gcl- schgffen werde, schloß er mit den Worten: „Die I recht. Der Betrag der deutschen Schuld sei Einsicht, daß der Krieg sich nicht bezahlt« tiDn t>er Reparationskommission festgesetzt worden, macht, ist heute glücklicherweise Gemeingut gewor- 1 Die Reparationskommission selber habe nicht das den. Man hat sich entschlossen anderen Methoden I Re,cht, diesen Betrag zu ändern. Rur die Regierun>- zugervenbet und auf diesem Wege wird man mit I gen würden in gemeinsamer Verständigung den Be- Geduld weiter schreiten müssen. Das ist, was 1 wag ändern können. Man habe eine Verwechslung heute die Völker verlangen." I begangen; der Gesamtbetrag der Annuitäten könne

Die flechtuna öes Kriegs. ß»- ,Sj& ö 5ÄÄ' Borah zum französischen Vorschlag eines I rung, daß er bereits an den Vorsitzenden der vie» Friedenspattes. I paratio-nskommiffion geschrieben habe, damit hier

wtb. Washington, 24. Dez. (Eig. Funkm.) Der | keine Verwechslung eintreten könne.

Vorsitzende des "Senatsausschusses für Auswärtige Angelegenheiten, Senator Borah, erklärte zu Briands Vorschlag eines Vertrages zur Aechtung jedes Krieges zwischen Frankreich und den Ver- emigteit Staaten, es empfehle sich vielleicht, Briand darum zu ersuchen, den Geltungsbereich des Vertrages zu erweitern, so daß auch an­dere Mächte daran tellnehmen. Senator Borah schlug vor, daß die Vereinigten Staaten Bespre­chungen einleiten, um gleichzeitige Verträge mit Großbritannien, Frankreich und Ita­lien vorzubereiten. In gut unterrichteten Kreisen glaubt man jedoch nicht, daß große Aussichten für eine Annahme der Vorschläge Borahs bestehen.

Am den Mdensgedailken. ,

Zu Deihnachken 1927.

mr-nn das Kirchenjahr und der weltliche Kalen­der das Weihnachtsfest, das liebliche und friedliche, ankündigen, wenn sich die Menschen in Freund- kbaft und Zuneigung, in Dankbarkeit und Wohl­wollen einander beschenken, wenn am grünen Tan» nenbaurn die Lichter angezündet werden, um in friedliche Menschenherzen ihr sinniges Licht zu wer- fen, dann wird es Pflicht des Publizisten, Umschau I zu halten in der Welt da draußen, im öffentlichen Leden seines Volkes und der Menschheit, um auch hier den Lichtblick der Gnaden aufzuweisen, von denen das Weihnachtsevangelium kündet, wenn es ruft: Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind. Hat der Friedensgedanke in Deutschland Fortschritte gemacht, sind die Völker der Erde im Sinne des Weihnachtsevangeliums einander näher gekommen? Wie steht es um die I Sinnverwirllichung der ftohen Botschaft auf die­ser Erde? , t m , ,, I

Die sogenannte Ordnung, welche der V e r f a 11« ler Vertrag in Europa schaffen wollte, hat mannigfache Fragen offen gelassen, die noch immer I gefährlichen Konfliktsstoff in sich tragen. Aber ein Gutes ist in Versailles geschaffen worden, oder sa­gen wir besser, ein relativ Gutes: das ist der GenferDölkerbund. Der Begriff des Dol» kerbundes trägt den Sinn der Friedensorganisation in sich, und das verleitet leicht dazu, die Bedeutung I dieser Einrichtung nach dem Friedenszustand, der besteht, abzuschätzen. Eine unrichtige Beurtei­lung seines Wertes und feiner Möglichkeiten wird damit leicht nahe gelegt. Es hat sich in den letzten Jahren langsam die Erkenntnis durchgesetzt, daß die Erhaltung des Friedens in hohem Maße von der Demokratisierung der Volker abhangt. Dort, wo die Völker einen klaren Einblick tn die politischen Vorgänge haben und deren Entwicttung einigermaßen unmittelbar bestimmen, da, so kann man sagen, ist ein Höchstmaß von Friedenswil­len und von Friedenssicherung gewährleistet. Denn | die Völker als solche sind f r i e d l i ch, sie Has-, e n den Krieg. Es gibt wenige Fälle in der Ge- I chichte, wo die Völker von sich aus den Krieg ge» licht hoben, wo sie nicht durch falsche Führer oder als Opfer dynastischen Ehrgeizes oder dynastischer Bereicherung in die Kriege gehetzt worden sind. Aber wenn auch Europa heute durchweg wenigstens in formaler Hinsicht demokratisiert ist, so doch noch lange nicht überall in der Wirklichkeit, in ihrem politischen Geist. Dieser Entwicklungsrückstand tft natürlich für die Entfaltung der Völkerbundsidee von großer Tragweite, die Friedensarbeit dieser Friedenseinrichtung leidet darunter. Sann aber ist auch zu bedenken, daß ein langjähriger Krieg von dem Ausmaße des Weltkrieges mit feinen Haß- unb Vernichtungsorgien und feiner grimmigen Saat des Mißtrauens nicht über Nacht politisch und seelisch überwunden werden kann. Immerhin gibt jeder Politiker, der einmal einer Dölkerbundsta- qung in Genf beiwohnte, zu, daß hier eine beson­dere politische Atmosphäre vorhanden ist, die ihren Einfluß auf die Kämpfe in den Parteien ausubt. In Gens, wo die verantwortlichen Politiker einan­der von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, und sich täglich zum Gruße die Hande schütteln, da sehen diese Vertreter eigensüchtigen Staats,nteres- fen zugleich auch das politische Gebilde des g e f a m. ten Europa und können garnicht anders, als auch mit dessen Interessen zu rechnen, d. h. die Rücksicht auf den europäischen Frieden zu nehmen, die ihm neben den staatlichen Interessen gebührt. Dieser psychologische Zustand ist em nicht hoch ge­nug zu veranschlagender F 0 rt s ch r 1 tt, er ist ein moralischer und faktischer Friedenswert, dessen Be­deutung sich nicht leicht mit wenigen Sätzen um­schreiben läßt. Politische Weihnachtswunsche kön­nen deshalb gerade den Genfer Völkerbund nicht unbeachtet lassen. Möge sich die moralische Srat, über die er schon heute, neun Jahre nach dem Welt­krieg verfügt, immer stärker entwickeln und

Aber auch für unser deutsches Volk selbst haben wir einen herzlichen Weihnachtswunsch. In den letzten Jahren ward uns zu Weihnachten immer wieder eine Regierungskrise beschert, die ja, wie nichts anderes, geeignet ist, die politische und wirtschastliche, ja die geselffchaftl'che Zerklufttmg unseres Volkes peinlichst zu enthüllen. Diese Besche» nmq ist uns in diesem Jahre in dankenswerter Weise erspart geblieben. Aber wir wissen ganz genau, daß weniger die politische Sachlage als die varlamentarische Routine solche Schonung geübt hat. Und darum ist es unser Wunsch für das deut­sche Volk, dab es »ndffch ein Volk werde. Daß die tiefgreifenden Zerklüftungen sich schließen moch­ten. die es innerlich aufreißen. Das gilt besonders auf sozialwirtschaftlichem Gebiete, wo wir bis in die lebten Tage hinein von recht grausamen Kümpfen h-imgesucht wurden, Kämpfen zwischen den Unter­nehmern und Arbeitern. Kämpfen zwischen der be­sitzenden und der nichtbesitzenden Klasse. Von Eng­land kam dieser Tage die Kunde, daß sich dort die industriellen Großunternehmer besonnen hätten, die Gewerkschaften zu einer Besprechung einzuladen, um die Grundlagen für einen nationalen Arbeitsfrieden zu gewinnen. Es wurde w-iter gemeldet, daß die Gewerkschaften diese Ein­ladung "angenommen hätten.

D»r Arbeitsgemeinschaftsgedanke scheint sich dort "einer hoffnungsvollen Zukunft zu entwickeln zu wollen Für Deutschland fehlt im Augenblick die psychologische Grundlage dazu, aber auch der M u t zur Initiative. Außerdem sind die Klassen­kämpfe noch mit allerhand Oe Innungselementen und doktrinären Formeln durchsetzt, die das Der- handeln erschweren. Und doch: rote die Dinge heute liegen, kann es nicht weiter gehen. Wir möchten es in diesen Weihnachtstagen wieder als die besondere Aufgabe der Z e n t r u m s p a r • t e t bezeichnen, hier die Wege der Vermittlung M bah-