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Fuldaer Zeitung

v «Natt.

Druck bet Aulbaer Wihf Bietfer*. Aslba

JV6 296.

Samstag, 24. Dezember 1927.

Begebenheiten aus aller Welt.

* Döse Wirkungen des Glatteises in Berlin. ((Fici. Funkm.). Dis Glatteisbildung in den Stra­ßen Berlins hielt bis in die Morgenstunden des Freitag an Während der Straßenbahnverkehr in­folge ausgiebiger Salzstreuung wenig behindert war, war der Autobusverkehr teilweise vollständig lahm gelegt. Nirgends war es möglich bei der starken Vereisung der Fahr­straßen, die Wagen mit der fahrplanmäßigen Ge­schwindigkeit verkehren zu lassen. In einzelnen Außenbezirken, so in Wilmersdorf, Spandau und Steglitz, war die Vereisung so stark, daß ein ge­regelter Verkehr erst in den Vormittagsstunden ausgenommen werden konnte. Besonders unter dem Glatteis zu leiden hatten die Fußgänger. Ein sicheres Auftreten war ganz unmöglich. Man konnte nur gleitend sich vorwärts bewegen. 91 Perso­nen erlitten Knochenbrüche und schwere Ver­stauchungen. In einem Falle waren die Verletzun­gen so stark, daß die Ueberführung ins Kranken­haus notwendig war. Erst im Laufe des Vor­mittags, in der Innenstadt etwas früher, taute das Eis bei der zunehmenden Erwärmung und ver­wandelte die Straßen Berlins in ein Meer von Schmutz und Schlamm.

* Selbstmord eines Hotelbesitzers. Nach einer amtlichen Meldung der Reichsbahndirektton Han­nover würben am Donnerstag um 7.30 Uhr der Besitzer eines bekannten Hall eschen Hotels auf der Strecke Hildesheim-Lchrte im Geleise liegend tot ausgefunden. Nach den vorgefundenen Schrift­stücken siegt Selbstmord vor.

* Die Aktentasche mit 400 Mark entrissen. Auf der Sonnenstraße wurde in Düsseldorf eine Verkäuferin, die jeden abend die Tageseinnahmen von den einzelnen Filialen ihres Betriebes abzu­holen hatte, plötzlich von drei jungen Burschen überfallen, die ihr mehrere Schläge auf den Kopf versetzten und ihr eine Aktenmappe mit etwa 4ÖÖ Mark entrissen. Die Täter, von denen einer auf die Verfolger schoß, konnten unter dem Schutze der Dunkelheit entkommen.

* Schwere Zuchthausstrafen gegen Straßenräu­ber. Das Große Schöffengericht in Karlsruhe verhandelte in mehrstündiger Sitzung gegen drei Personen und zwar gegen den 32 Jahre asten Kest­ner Linus Stürmlinger, den 33 Jahre alten Mecha­niker Mar Seyfried und den 27 jährigen Platten- leger Ludwig Rink tpegen Straßenraubes. Die Angeklagten hatten am i. 4. d. Js. auf derLand- sttaße von Knielingen nach Maxau am Hellen Tage einen Kassenbvten überfallen und diesem

eine Ledertasche abgenommen, welche 21 500 RM. Lohngelder enthielt. Die Täter gingen darauf stüchtig. Stürmlinger konnte erst am 8. 6. bei Straßburg festgenommen werden und war von der französischen Behörde ausgeliefert worden. Um Mitternacht wurde das Urteil verkündet. Stürm­linger und Rink erhielten je 7 Jahre Zucht­haus, Seyfried 5 Jahre Zuchthaus, außer­dem wurden asten drei Angeklagten die bürger­lichen Ehrenrechte auf die Dauer von 8 Jahren ab­erkannt.

* Noch immer große Kälte in Ungarn. Im Gegensatz zu dem Witterungsumschlag in West­europa dauert in Ungarn die große Kälte noch immer an. In B u d a p e st zeigte das Thermometer am Donnerstag in den Morgenstunden minus 24 Grad und selbst in den Mittagsstunden noch 15 Grad unter Null. Die Rettungsgesellschaft mußte in nicht weniger als 87 Fasten eingreifen, um Personen, die infolge Ausgleitens Arm- und Bein­brüche oder Verrenkungen erlitten hatten, ärztliche Hilfe zu bringen. — In Bulgarien hat die Kälte am Donnerstagvormittag erheblich zugenommen. Die Temperatur betrug in Sofia 25 Grad unter Null.

* Unglücksfall auf einem französischen Aviso. Das französische Marineministerium gibt bekannt, daß der Aviso „Remiremont" auf der Fahrt von Cherbourg nach Brest in einen Sturm geriet und infolge des Unwetters ein Kesselrohr platzte. Zwei Deckoffiziere und ein Matrose wurden durch die ausströmenden Dämpfe so schwer ver­brüht, daß esi ihren Verletzungen erlag en; zwei Offiziere und ein Matrose kamen mit leichten Brandwunden davon. Der Aviso kehrte nach Cherbourg zurück. •

* Neuer Höhenflugwelkrekord. Wie aus Turin gemeldet wird, erreicht, erreichte der italienische Flieger D o n a t i die regelrecht kon­trollierte Höhevon 11 827 Metern und stellte dadurch einen neuen Weltrekord auf.

* Der Kreuzer „Berlin" in Genua. Der Kom­mandant des am Donnerstag in Genua ejnge- laufenen Schulkreuzers „Berlin", Kapitän Kolbe, stattete in Begleitung des deutschen Konsuls dem Präfekten, dem Podesta und dem Divisionskom­mandanten Besuche ab. Die deutsche Kolonie ver­anstaltet zu Ehren der Gäste eine Reihe von Feier­lichkeiten.

* 300 000 Kubikfuß Gas explodiert. In South­port (England) explodierte ein Gasometer, der 300 000 Kubikfuß Gas enthielt. Es wurden zwei Personen verletzt. Der Sachschaden ist bedeutend.

„Zurück zum alten Staat"!

Am 8. Dezember hat die Deutschnattonale Volks­partei in Berlin eine Verttetertagung abgehasten, auf der die Abgeordneten Berndt und Hugenberg sich zu den Fragen der Verfassungs- u. Wirtschafts­reform äußerten. Am Schluß der Beratungen wurde eine Entschließung angenommen, die m ihrem ersten Teil den „proletarischen Einheitsstaat" ablehnt vor allem, weil damit „die schöpferische Kraft des preußischen Staatsgedankens für das Reich verloren gehen würde". Die Deutschnattonale Volkspartei woste, unbeschadet der monarchischen Gesinnung, die geltenden deutschen Verfassungen durch weitere Entwicklung zu konstitutionellen Re- avemngsformen, wie sie auch in anderen Repub­liken beständen, verbessern.

Diese Derfassungsverbesserungen gipfeln für die Deutschnationalen vor allem in der Vermehrung bet verfassungsmäßigen Rechte des Reichs­präsidenten und in einer Verminderung der Rechte des Parlaments, vor allem soll die Beru­fung und Entlassung bet Minister unabhängig von der Parlamentsmehrheil, außerbem soll bas Ein­spruchsrecht gegen Parlamentsbeschlüsse gesichert werden. Es stehen noch andere Forderungen in dieser Entschließung, die ganz darauf abgestellt sind, die Grundlagen für die Wiederherstellung des alten Regimes vorzubereiten. Es liegt uns hier daran, vor allem auf die Forderung aufmerksam zu machen, daß die Rechte des Reichspräsi­denten gegenüber dem Parlament erweitert wer- ben sollen.

Gerade diese Forderung sputt schon seit Jahren in den verfassungsrechtlichen Erörterungen der Deutschnationalen herum, aber nicht nur der Deutsch- nattonalen. Auch liberale Kreise, ja sogar demo- krattsche — vor Jahren hat sie einmal der Reichs­wehrminister Dr. Geßler propagiert — sympathi­sieren mit ihr. In diesen Kreisen wird sie jedesmal barn erwogen, wenn Regierungskrisen ausbrechen und langwierig zu werden drohen. Man glaubt, die Schädigungen des Parlamentarismus, die in den langwierigen Regierungskrisen vorliegen, mit einer solchen Vermehrung der Rechte des Reichs­präsidenten aus dem Wege räumen zu können. Die Motive sind also verschieden: Während die Deutsch- nationalen der Wiederherstellung der Monarchie Vorarbeiten wollen, glauben die liberalen Kreise damit die Fundamente des parlamentarischen Staa­tes sichern zu können.

Was die gute Meinung dieser Liberalen angeht, so sollte sie der Eifer der Deutschnationalen eigent­lich stutzig machen. In der Tat bedeuten solche Verbesserungsvorschläge für die parlamentarische Technik in Deutschland nur einen gefährlichen Hei­lungsversuch an äußerlichen Symptomen. Man muß den Gründen für unsere Regierungskrisen und vor allem denjenigen, die ihre Behebung so schwie­rig machen, tiefer nachgehen, um das richttge Heil­mittel für sie zu finden. Die Frage der Regie­rungsbildung und die ihres dauerhaften Bestandes ist letzten Endes eine Frage der Mehrheitsbildung im Parlament. Eine dauerhafte Mehrheitsbildung wird aber nicht so gewonnen, daß sich einfach einige Parteien zusammenfügen und ein Programm vereinbaren, zu dem man nur mit schwerwiegenden Vorbehalten „Ja" gesagt hat, sondern die Mehr­heit muß einen gewissen politisch-einheitlichen Cha­rakter haben, sie muß in sich einigermaßen politisch homogen fein, sonst wird solche Regierung nicht nur politisch unfruchtbar, sondern auch zu einer großen Lüge. Sie schädigt die Autorität des Par­laments und die Stabilität des parlamentarischen Regierungssystems.

Die Frage heißt also letzten Endes: Wie sind im deutschen Reichstag dauerhafte, d .h. in ihrem politischen Willen einigermaßen einheitlich denkende Mehrheitsbildungen möglich? Es kann nicht ge-

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Das Haus Termöllen.

Roman von Emil Frank.

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Erich von Termöllen stand im Seitengang des über­füllten D-Zuges Berlin-Köln und schaute durch das Fenster auf das Land hinaus, das blitzgeschwind an ihm vorüber zu huschen schien. Ein Gefühl freudigster Erwartung schwellte seine Brust. Die Heimat kam! O, wie hatte er sie in diesen furchtbaren Jahren der Ge­fangenschaft entbehrt! Nur auf den weitesten Umwe­gen erhielt er einmal eine Zeitung, die ihn über die Zu­stande in Deutschland unterrichtete. Anfangs hatte er das alles für Schwindelmanöver der übermächtigen Feinde gehalten, die ja die Presse vor der ganzen Welt beherrschten. Allmählich aber muhte er erkennen, daß an den geschilderten Dingen doch etwas Wahres fein müsse: der Krieg war verloren, die Revolution fegte über Deutschland hin und gestaltete alles um. Fieber­schauer schienen den deutschen Bolkskörper zu erschüttern. Trotz ‘einer unsäglichen Not tcrjnte es nicht zur Ruhe kommen. Cs zerfleischte sich selbst und brachte sich immer wieder neue Wunden bei, als hätte es an den alten nicht mehr als genug. Die furchtbar hatten Be­dingungen des Waffenstillstandes versetzten Erich in Schrecken. Was sollte aus der deutschen Wirtschaft wer­den, wenn das Reich geknebelt und geknechtet am Boden lag? Die Wirtschaft aber war Deutschlands Rückgrat und Lebensader. Wer sie unterband, verurteilte das Volk zum Hunger. Der aber fyat wieder neue Unruhen zur Folge. Erschütterung folgt auf Erschütterung, bis schließlich der in allen Fugen wankende Reichsbau zu- sammenföllt.

Das waren die Gedanken, mit denen Erich den politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch des deutschen Volkes begleitet hatte. Und nun, wo er vom äußersten Osten des Reiches zum rheinisch-westfälischen Industriegebiet fuhr, sah er erstaunt, daß der Deutsche sich wieder auf seinen früheren Fleiß besonnen hatte, daß er wieder seine ganze Kraft einsetzte, um durch Arbeit in die Höhe zu kommen. Wenn es vielleicht auch noch in weiten Kreisen des Volkes gärte und rumorte, wenn auch noch Jahre hingingen, bis diese Auswückke befeitiat wa-

Icugnet werden, daß gerade in der jetzigen Zeit, da sich immer neue lebenswichtige politische Fragen vordrängen, es für jede Mehrheitsbildung schwer fein wird, sich innerlich zu erhalten und zu einheit­lichen Beschlüssen zu kommen. Wir haben es auch schon oft genug erlebt, daß sich in ausschlaggebenden politischen Angelegenheiten im Reichstag Mehrhei­ten Herausstellen, bic nicht immer gerade durch Regierungskoalition oder durch die ©efamtljeit der Opposition repräsentiert werden. Die Parteien sind, zwar nicht in weltanschaulicher, aber in politischer Beziehung selten in sich einheitlich. In diesem Punkt liegen die Krankheitskeime des deutschen Parlamentarismus wie er heute ist. Es ist z. B. sehr bedenklich, daß über die deutsche Außen­politik ist den letzten Monaten überhaupt nicht int Reichstag geredet werden konnte, well nämlich ein Teil dieser Regierung diese Außenpolitik nicht billigt. Dagegen finden sich in der Opposition sehr bröite Schichten, die sich für sie einsetzen. Dieses Beispiel läßt sich um anbere vermehren. Diese

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ren, die nach einem verlorenen Krieg von so ungeheuren Ausmaßen naturnotwendig sich zeigen mußten, so stand doch eines fest: das deutsche Volk war in seinem Kern ge­sund! Seine Lebenskraft war so groß, daß sie mit künst­lichen Mitteln wohl gehemmt, aber nicht zerbrochen wer­den konnte.

Und er durste in führender Stellung auf wirtschaft­lichem Gebiete Mitarbeiten! Nicht für sich wollte er Werte erraffen, nein, er wollte nur ein sorgsamer Pfleger der ihm anvertrauten wirtschaftlichen Machtmittel sein und sie den breitesten Massen nutzbar machen. So verstand er seine soziale Aufgabe, und er wollte sich ihr mit Opfer­mut und Dpferfreube unterziehen. In seinen Betrieben sollte Zucht und Ordnung sein. Je mehr sie leisteten, desto mehr Menschen sanden bei ihnen ihr Brot.

Dann aber stieg es heiß in ihm auf. War er denn der einzige Gebieter auf den Westfaliawerken? Würde der Stiefvater nicht zu solchen Ideen den Kopf schütteln und seine reichen Erfahrungen ins Feld führen? Er kannte doch den Stiefvater so gut! Seit Erich wußte, auf welche Weise Ilgenkamp sich seinen Anteil an den Westfaliawerken erlistet hatte, daß er vor einem schänd­lichen Betrug nicht zurückgeschreckt war, hatte sich oft genug alles in ihm gegen diesen Mann mit dem weiten Gewissen aufgelehnt. Wie schwer war es ihm oft gewor­den, bei Maßnahmen Ilgenkamps, die ihm verfehlt er­schienen, sich mit einem sachlichen Einspruch zu begnü­gen. Immer wieder meinte er Stimmen zu hören, die ihm zuriefen: Warum läßt du dir denn alles gefallen? Sag ihm doch ins Gesicht, was du von ihm weißt, daß er sich feine Rolle als Chef der Westfaliawerke ohne eine Spur von Recht anmaßt, daß ihm nichts zusteht als ein Teil des Barvermögens der Mutter, über den sie zu sei­nen Gunsten verfügt hat.

Warum tat das Erich nicht? Knüpften ihn an den Mann, den er Stiefvater nannte, irgend welche Bande des Herzens? Nein, sie lebten in zwei verschiedenen Welten, hatten nichts miteinander gemein als die Arbeit an dem Betrieb. Aber Erich vergaß nie, daß Herbert Ilgenkamp ein Jahr fang der Gatte feiner Mutter war, daß er gegen ihn nicht auftreten durfte, ohne dieFami- lienehre in den Schmutz zu ziehen. Und dieser starr ausaeyraate Familiensinn schloß ihm in erster Linie den

Unklarheit ber parlamentarischen Verhältnisse zieht sich fast burch die ganze Nachkriegszeit hin. Es besteht kein Zweifel, baß sie beseittgt werben könnte, wenn unsere Reichstagsftakttonen, mehr als es heute der Fall ist, innerlich aufgelockert werben könnten. Die Zentrumsftaktion ihrerseits Hat alles getan, um biesen Fottschritt zu ermöglichen, sie lehnt ben Fraktionszwang ab, sie hat sich auch für die Beseitigung bes Lfftenwahlverfahrens ber großen Wahlkreise eingesetzt, bas bekanntlich bie Freiheit ber Entschließung des einzelnen Abgeord- mten erheblich beeinflußt. Aber mit dieser für bic Technik unseres parlamentarischen Betriebes außer­ordentlich wichttgen Stellungnahme steht die Zen- trumssrattion noch ziemlich allein da. Es ist aber ganz klar, daß bie Erleichterung ber Mehr- heitsbilbung zum Zwecke der Findung einer ein­heitlichen politischen Willensrichtung nur durch eine stärkere Verselbständigung der Abgeordneten ge­währleistet werden kann. Am weitesten entfernt von einer solchen Reform sind selbstverständlich

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Mund. Aber er war trotz seiner Jugend auf der Hut gewesen, um wenigstens das zu verhindern, oder das nach seinem Sinn zu fördern, was auf friedlichem Wege zu erreichen war.

Wie würde sich jetzt fein Verhältnis zum Stiefvater gestalten? Er kam gereifter wieder, hatte in' den ent­setzlich langen drei Jahren über viele Dinge nachgedacht, die ihm früher kaum in den Sinn gekommen waren. Ein unbequemer Mitarbeiter war er wohl immer gewesen. Ob es nicht vielleicht am besten wäre, der Vater wiese ihm ein ständiges Arbeitsfeld zu? Dann würden Rei­bungen am ehesten vermieden.

Doch er kam ja nicht in der Absicht nach Hause, sich das Leben leicht und bequem zu machen. Auf dem Platz, an den dos Schicksal ihn gestellt hatte, wollte er mit allen feinen Kräften an dem Wiederaufbau der deut­schen Wirtschaft arbeiten. Darum durfte er nicht frei­willig seinen Posten in der Hauptverwaltung der West­faliawerke verlassen, wenn er dort auch nur der Zweite war.

Dortmund! Ein Lächeln, das sein markiges Gesicht seltsam verjüngte, spielte um die Lippen. Hier begann der Bezirk der engeren Heimat, die er liebte, obgleich dunkle Rauchfahnen über ihn wehten und sie verdüster­ten. Stolz ward er sich auch jetzt wieder dessen bewußt, daß er ein Kind dieses Bodens war, dem rastlose Arbeit einen so charakteristischen Stempel ausgeprägt hatte. Meinte er nicht, aus allen Poren dieses Landes das Sausen und Surren der Räder, das Dröhnen der Häm­mer, das Rollen der Kohlenzüge, das Fauchen und Zi­schen der Essen zu vernehmen?

Und nun ging es in sausender Fahrt der engsten Heimat entgegen. Er hatte in Dortmund ein Privatauto genommen, um rascher daheim zu sein. An den West­faliawerken stieg er aus. Die kleine Strecke Weges bis zum Termöllenhaus wollte er zu Fuß zurücklegen. Der Stätte feiner Arbeit galt fein erster Besuch. Staunend nahm er im langsamen Schreiten durch die riesigen Höfe wahr, daß hier alles größer geworden war. Er schaute in die Gießerei, ins Stahlwerk. Ueberall lebhafteste Ar­beit. Cs war ein wundervoller Anblick für sein fach­männisch geschultes Auge, wie die Feuerzungen in allen Farben des Regenbogens sprühten, wie die glühenden

die Deutschnationalen, die das größte Interesse daran haben, daß unser Parlamentarismus schlecht funftioniert. Sie hoffen alsdann leichter Verfas­sungsänderungen einzuschmuggeln, die die Wieder­herstellung des alten Regimes erleichtern.

Gewerkschaftliches.

- Der Völkerbundsrat erkenn! die christliche Gewerk­schaftsbewegung an. Bei der Zusammenstellung des Be­ratenden Ausschusses, den der Völkerbundsrat zur Folge der Wittschaftskonferenz zu ernennen hatte, sind nicht nur die drei sozialistischen Kandidaten der Arbeitergruppe des Verwaltungsrates des Internationalen Arbeitsamtes berücksichtigt worden. Der Dölkerbundsrat hat außerdem noch Herrn P. I. S. S e r r a r e n s, Generalsekretär der Christlichen Gewerkschaftsinternationale, als MUglier dieses Ausschusses ernannt. Der Völkerbundsrat hat alfo das Monopol der Arbeitervertretung, das sich die sozial,- stischen Gewerkschaften im Verwaltungsrate des I. A. A gesichert hatten, nicht aufrechterhalten.

Soziales.

= Wieviel ausländische Arbeiter wurden und werden in Preußen beschäftigt? Während im Jahre 1914 rund 900 000 ausländische Arbeiter in Preußen beschäftigt wa­ren, ist diese Zahl im Jahre 1926 auf rund 185 000 zu­rückgegangen. Davon arbeiteten in der Landwirtschaft 100 000 und in der Industrie 85 000. Es ist das das um­gekehrte Verhältnis wie vor dem Kriege, wo der grö­ßere Prozentsatz ausländischer Arbeiter in der In­dustrie beschäftigt war. Bei der andauernden Arbeits- rcststimmung

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losigkeif in Deutschland ist der an sich erhebliche Rückgang ausländischer Arbeitskräfte noch viel zu gering, und es könnten von den 185 000 noch ganz bestimmt erhebliche Abzüge gemacht werden. Polen stellt ungefähr die Hälfte der ausländischen Arbeiter, dann folgt die Tsche­choslowakei mit ungefähr 32 000 und die Niederlande mit ungefähr 22 000. Die polnischen Arbeiter sind zur Haupt­sache in der Landwirtschaft, die Tschechoslowaken und Holländer meist in der Industrie beschäftigt. Von den ausländischen Arbeitern beschäftigt die Rheinprovinz rund 20 v. H. Sachsen 14 v. H., Schlesien 13 v. H., West­falen 11 v. H., Pommern und Brandenburg je 10 v. H., Hannover 6 v. H., und Ostpreußen 5 v. H. Im ganzen (Deutschen Reich waren im Jahre 1926 222 999 auslän­dische Arbeiter tätig. Von diesen beschäftigte bemne Preußen rund 83 v. H.

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iktahlblöcke durch das Walzwerk gejagt wurden und fia schließlich in schlanke Schienen verwandelten.

Ja, das war der Betrieb, waren alle jene vertrau­ten Bilder, die er in der Erinnerung mit sich getragen hatte. Nu wollte es ihm scheinen, als hätte man manche Maschine, von deren Zuverlässigkeit fo viel für Leben und Gesundheit der Arbeiter abhing, überaltern lassen. Hier würde eine allmähliche Modernisierung des Betrie­bes eine unbedingte Notwendigkeit sein.

Heute mußte er sich mit einem flüchtigen Rundgang durch den Hauptbetrieb begnügen. Unter den Arbeitern sah er nur wenig bekannte Gesichter. Die meisten beach­teten ihn kaum, mochten sich vielleicht wundern, daß ein Fremder so ganz allein hier herumspazierte. Wo aber die alten Veteranen der Arbeit ihn erkannten, da be­grüßten sie ihn mit freudigem Zuruf, und sie erzählten den jungen Kameraden: Das ist der junge Termöllen, ich sage euch, ein Kerl, ber in bie Welt paßt unb auch ein Herz für uns hat.

Jetzt lenkte Erich seine Schritte zum Verwaltungs­gebäude. Hier fand er manchen alten Bekannten aus ber Vorkriegszeit wieder. Aber er lMte ja keine Zeit zum Plaudern, mußte jetzt notgedrungen ben Stief­vater begrüßen. Doch Herbert Ilgenkamp war ausge­fahren unb würbe erst spät am Abend heimkehren.

Dann mußte er die Begrüßung bis morgen hinaus­schieben. Es war, ihm fast lieb, daß er im Termöllen- hause an erster Stelle die Großmutter besuchen durste. Doch das erste Willkommen wurde ihm von Hete zuteil. Sie faß in der schattigen Laube und faltete just ihre Handarbeit zusammen, als sie ben fremden Mann mit bem schwerfälligen Humpelschritt ankommen sah. Ein Weilchen stutzte sie. Dann aber eilte sie bem Ankommen- ben entgegen und rief einmal übers andere seinen Na­men. Gerührt und entzückt ruhten seine Blicke auf den holden Menschenkind. Wäre sie seine leibliche Schwe fter, sie könnte ihn nicht herzlicher und zärtlicher be­grüßen. Wie echt und natürlich klingen die mitleidigen Worte, die sie seinem künstlichen Beine widmet. Erich fühlte es: ihr Herz ist dabei. Er nimmt es ihr nicht übel, baß sie ihn, ben jungen Mann, auf dem kurzen Wege zum Hause stützen will. Von jede» anderen würde er sich das schönstens oerbittenl w

August Müller

Trocken