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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisvlakt.

Nr. 296.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. :-: Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Samstag, 24. Dezember 1927.

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54.Zahrg.

Die Äera Chamberlain.

Im nächsten Jahre werden in einer ganzen Reihe von europäischen Staaten Neuwahlen zu den Parlamenten stattfinden. Dieser Vorgang tft selbstverständlich von großer politischer Bedeutung, da das V o l k s u r t e i l überall dort, wo gewählt wird, den Kurs der Politik festlegt. Wichtiger al­lerdings als die Wahlen selbst werden die neuen Regierungsmänner fein, die aus der Um­gruppierung in den Parlamenten als die Führer der politischen Geschicke ihrer Völker hervorgehen werden. Das gilt am meisten für Deutschland. In England werden wohl nach den Wahlen die Mehr­heitsverhältnisse sehr schnell klar liegen und damit auch die Zusammenstellung der Regierung. In Deutschland aber wird es nach den Wahlen noch ein langes Verhandeln unter den Parteien geben, fodaß es nicht mir theoretisch, sondern auch prak­tisch durchaus möglich sein kann, daß ein Linksruck der Wähler zu einer Rechtsregierung führt. Viel­leicht wird man in den rückwirkenden Betrachtun­gen, die alsdann überall angestellt werden,- die ver­gangene außenpolitische Aera die „A e r a E h a m- b e r l a i n" nennen. Denn, wenn dieser konser­vative Außenminister auch nicht gerade den Cha­rakter großer geistiger Beweglichkeit zeigt, so hat doch gerade seine Art der Behandlung der euro­päischen Fragen am meistei» dazu beigetragen, den Zustand der europäischen Situation zu bestimmen, wie er sich in den letzten Jahren herausgestellt hat.

Wiederholt mußte man in der letzten Zeit auf kritische Entwicklungen an verschiedenen wichtigen Stellen Europas Hinweisen. Entwicklungen, die diese Zuspitzungen niemals würden erfahren haben, wenn nicht gerade der englische Außenminister ganz nach den alten englischen Methoden Politik gemacht hätte. Man sieht hinter seinen Maßnah- inen und Unterlassungen überall das Gesicht der rechtskonservativen Scharfmacher, der englischen Politiker, die sich mit der Dölkerbundsidee noch gar nicht recht zu befreunden vermögen und die durch immerwährende Schachzüge an dem „euro­päischen Gleichgewicht" in der Vorkriegsbedeutung dieses Wortes herumoperieren. Der sehr kühle Zu­stand in dem Verhältnis zwischen Frankreich upd Italien z. B. wäre längst einer anderen Atmosphäre gewichen, wenn das die Chamberlainsche Politik wirklich gewollt hätte. Auch könnten die deutsch- französischen Schwierigkeiten auf ein Minimum zu­rückgedrängt werden, wenn England solchen Fort­schritt, der sicher nicht zu seinem Schaden wäre, wirklich wollte.

Daß die englisch-russischen Beziehungen so ge­spannt sind, liegt mehr an den besonderen partei­politischen Interessen der Konservativen in England als an russisch-kommunistischen Propagandasünden. Man hatte den Eindruck, als spielte die englisch­konservative Politik gerne etwas mit den Kriegs­möglichkeiten. Sie hat jedenfalls einen ausgespro­chen reaktionären Charakter, wofür ja auch ihr Verhalten bei den amerikanisch-englischen Ab- rüstungsverhandlungen Zeugnis gibt.

Wenn man allerdings das Verhalten Chamber­lains während der letzten Völkerbundratstagung in Genf näher beschaut, so fehlt nicht der Eindruck, als wollte Chamberlain manches an feinem bis­herigen Verhalten wieder gutmachen. Er hat es zwar anderen Diplomaten überlassen, die Vorzüge des Völkerbundes zu preisen, aber er hat doch Versuche gemacht, über die englische Politik eine neue Meinung zu veranlassen. Ob das nur aus Rücksicht auf die Mißstimmung im eigenen Lande geschehen ist. wo der Kritiker der Chamber- lainschen Polisik, Lloyd George, bei seinem letzten Auftreten im Unterhaus mehrfach ostentati­ven Beifall sogar von konservativen Abgeordneten einheimsen konnte, oder ob er wirklich auf den Gedanken gekommen ist, daß seine Diplomatie dem Frieden Europas gefährlich geworden ist, das läßt sich nicht klar sehen. Wahrscheinlich gilt das eine so gut wie das andere. Jedenfalls hat er sich gegen die Begegnung mit Litwinow nicht gesträubt, wenn auch aus dieser Unterhaltung nichts Positi­ves herausgekommen ist. Er hat sich auch bemüht, die beiden gegeneinander mißgestimmten Völker am Mttelmeer, Frankreich und Italien an den Verhandlungstisch zu bringen. Briand hat bei feinem Bericht vor dem Ministerrat am 13. De­zember Anlaß genommen, einige freundliche Worte im Hinblick auf Italien zu sagen. Es ist auch das heftigste Antifaschisten - Organ in Paris verboten worden, und nunmehr hat sich auch Mussolini im römischen Ministerrat über das italienisch-franzö­sische Verhältnis geäußert. Es hat schon seine Bedeutung, daß er feststellte, daß der am 22. No­vember abgeschlossene Bündnisvertrag zwischen Italien und Albanien zu dem elf Tage vorher pa­raphierten Abkommen zwischen Jugoslawien und Frankreich nicht in dem Verhältnis von Wirkung zur Ursache stehe. Zugleich betont Mussolini, daß eine weitgehende Herzlichkeit und dauernde Verständigung zwischen Frankreich und Jta'ien möglich und nützlich sei. Sie müsse aber un­ter Vereinigung aller jener Punkte hergestellt wer­den, die tatsächlich zu Reibungen zwischen beiden Ländern führen könnten. Er wiederholte auch seiner­seits die Ankündigungen Briands, daß die zwischen beiden Staaten findigen Probleme von diplomati­schen Sachverständigen demnächst verhandelt wür­den.

Wenn hier eine gewisse vorläufige Einigung erzielt sei, würde eine Begegnung zwischen den verantwortlichen Ministern zu einer feierlichen Be­kundung des Verständigungsaktes logisch sein. Für den europäischen Frieden wäre außerordentlich viel gewonnen, wenn nun die zwischen Frankreich und Italien beginnenden Verhandlungen — es handelt sich hauptsächlich um die Tunisfragc und die Stellung Italiens an der A d r i a gim= stig verlaufen. Briand wird sich jedenfalls die

Möglichkeit zu einem solchen Erfolg vor den näch­sten Wahlen nicht entgehrn lassen. Gewiß wird ober auch Chamberlain alsdann nicht verfehlen, seinen Anteil daran ins richtige Licht zu stellen.

parlamentsschluh in England.

Aus London wird gemeldet:

Anläßlich der Vertagung des Parlaments hielt der König eine Thronrede, in der er zunächst mit Befriedigung der Reisen des Prinzen von Wales und des Prinzen Georg von Kanada und des Herzogs und der HeiJogin von Port nach Austra­lien und Neu-Seeland gedachte und alsdann in herzlichen Worten die Besuche des Präsidenten der französischen Republik und des Königs von Aegyp­ten nach London erwähnte. In der Rede heißt e§ dann weiter: Mit tiefer Sympathie und Befris- digung haben wir das ständige Wachsen des Einflusses des Völkerbund es und den zu­nehmenden Anteil, den er bei der Beilegung inter­nationaler Streitigkeiten und der Aufrechterhaltung des Friedens hat, beobachtet. Die letzte Tagung des Völkerbundsrates bedeutete einen weiteren Schritt auf diesem Wege. Die Regierung wird wei­terhin ihre Politik auf einer loyalen Zusammenar­beit mit dem Völkerbunde aufbauen. Daß es nicht gelungen ist, bei der Dreimächtekonferenz in Genf zu einem Uebereinkommen zu gelangen, ist be­dauerlich, jedoch hat trotz dieses vorübergehenden

Aus Schanghai meldet Reuter: Zu dem von dem russischen Außenminister Tschitscherin bei der Nationalregierung erhobenen Protest wird hier erklärt, man habe im Schanghaier Sowjetkonsulat ein von der kommunistischen Internationale gebil­ligtes Dokument gefunden, in dem die kommuni­stische Partei Chinas aufgefordert wird, die Miliz und die anderen verfassungsmäßigen Streitkräfte zu entwaffnen und durch Bewaffnung der niederen Volksklassen und der Bauern eine proletarische Armee zu bilden. * *

Wie Havas aus Peking berichtet, ist der Feld­zug gegen Nordchina trotz der beständigen Streitig­keiten und der inneren Opposition der einzelnen Gruppen der Nanking-Regierung wieder aus­genommen worden, und zwar mit einer Offen­sive gegen Schantung. Die Gruppe Tschang-Tson- tschangs hätte Su-Tschen-fu geräumt und sich längs der Linie Tsin-fu zurückgezogen und die ganze Longhai-Linie den Südtruppen und Feng-Pu- hsiang überlassen.

wtb. Moskau, 23. Dez. (Eig. Funkm.). Die Sowjetpresse veröffentlicht eine von Tschitscherin unterzeichnete Erklärung des Volkskommissariates für auswärtige Angelegenheiten, in der zunächst die Mitschuld R u ß l a n ds an den Vorgängen

Fehlschlages die Regierung nicht die Absicht, ihr Marineprogramm, das begründet ist auf der wohlerwogenen Berücksichtigung der defensiven Bedürfnisse des weit verbreiteten Reiches, zu ver­mehren.

Rach Erwähnung der kürzlich abgeschlossenen Schuldenfundierungsabkommen mit Griechenland und Südstawien wird sodann in der Rede mit Be­friedigung festgestellt, daß jetzt mit allen alliierten Ländern Fundierungsabkommen über die Kriegsschulden abgeschlossen worden sind mit Ausnahme Rußlands. Die Arbeitslosigkeit, so heißt es in der Ansprache weiter, zeigt in einigen Teilen des Landes willkommene Zeichen der Besserung, gibt jedoch in anderen Teilen noch Grund zur Beunruhigung. Zur Erleichterung der Uebertra- gnng von Arbeit an Industriezweigen mit be­schränkten Beschästigungsmöglichkeiten, insbesondere in der Kohlenindustrie, wird eine Kommission er­nannt werden, die die von den zuständigen Ressorts zu ergreifenden Maßnahmen anempfehlen soll. Ein großer Fortschritt ist int Verlaufe des vergangenen Jahres auf dem Gebiete der Bekämpfung der Wohnungsnot erzielt worden. In England und Wales wurden seit dem WaffenstNstand mehr als eine Million Häuser neu gebaut.

Beide Häuser des Parlaments wurden sodann auf den 7. Februar vertagt.

*

Das Londoner konservative Blatt „Daily Telegraph", dessen Eigentümer Lord Burnham ist, ist, wie Reuter meldet, an ein Konsortium ver­kauft worden, das bereits mehrere Zeitungen be­sitzt. In der politischen Richtung des Blattes tritt keine Aenderung ein.

* 1000 Tage Reichskanzler. Am 25. Dezember dieses Jahres kann Reichskanzler Dr. Marx ein Jubiläum feiern, wie es in der deutschen Republik bis jetzt einzig dasteht. Am ersten Weihnachts­feiertag bekleidet er das Reichskanzleramt, das er jetzt zum viertenmal führt, insgesamt genau tausend Tage Vom 30. November 1923 bis zum 15. Januar 1925 führte er dieses Amt 413 Tage lang. Seit dem 17. Mai 1926 ist er wieder im Amt, das er jetzt ohne Unterbrechung 587 Tage lang führt. Schon mit dieser zweiten Amtsperiode stellt Marx einen Rekord auf. Dr. Wirth war vom 10. Mai 1921 bis 21. November 1922, also 559 Tage lang, Kanzler. Auf Dr. Wirth folgt der Amtsdauer nach Dr. Luther, der vom 15. Januar 1925 bis zum 17. Mai 1926, 479 Tage lang die

Regierungsgeschäfte führte. Der verstorbene Reichs­kanzler Fehrenbach folgt mit 324 Amtstagen an vierter Stelle. Er bekleidete das Kanzleramt vom 21. Juni 1920 bis zum 10. Mai 1921. Der von der sozialdemokratischen Partei gestellte Reichskanzler Bauer hat 280 Tage lang (22. Juni 1919 bis 27. März 1920) regiert. Cuno, der Generaldirkior der „Hapag", stand 265 Tage lang an der Spitze der Reichsregierung, und zwar vom 21. November 1922 bis zum 12. August 1923. Scheidemann re­gierte noch unter dem Titel „Reichsministerpräsi­dent" 130 Tage, nämlich vom 13. Februar 1919 bis zum 22. Juni 1919. Dr. Stresemann führte die Kanzlergeschäfte vom 12. August bis zum 30. Nov. 1923, also nur 111 Tage. Noch kürzer war die Regierungszeit des jetzigen sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Hermann Müller, der 87 Tage lang, vom 27. März 1920 bis zum 21. Juni 1920, Reichskanzler war. __________

Rumänien.

Erklärungen Manius über die Regentschaft.

wtb. Paris, 23. Dez. (Eig. Funkm.) Der Führer der rumänischen Bauernpartei, Manius, hat einen Sonderkorrespondenten des „Petit Parifien" empfarti­gen, dem er u. a. erklärte: Die Regentschaft, die tm Namen des Königs spricht, muß über den Parteien stehen. Wer tatsächlich stellen wir fest, daß sie die Regentschaft Königs Ferdinand, der ein ab so -

in China b e ft t i 11 e n wird. Sodann beschäftigt sich die Erklärung mit dem Verhalten der konter­revolutionären chinesischen Generale, denen zum Vorwurf gemacht wird, sie seien mit besonderer Gehässigkeit gegen die in Kanton weilenden Sow­jetbürger vorgegangen. Wie die Erklärung weiter feststellt, beschränke sich die Verantwortung für die Taten der Kantoner Generale nicht auf diese und nicht bloß auf Kanton, sondern sie falle allen füh­renden Persönlichkeiten im Gebiete der sogenann­ten National-Regierungen zu. Andere sowjet­feindliche Elemente der Weltreaktion seien verantwortlich. Ganz unzweifelhaft seien ferner Anregungen aus London gekom­men, die sogar bei der Entfesselung der Ereignisse eine fast entscheidende Rolle gespielt hätten. Aber, so fährt die Erklärung fort, das Andenken an die von den Unterdrückern des chinesischen Volkes hin- oemordeten Sowjet-Freunde werde die mit Blui zusammengeschweißten Völker der beiden großen Staaten nur noch fester verknüpfen. Die Sowjet­union setze ihre Friedenspolitik fort, wie der Abrüstungsvorschlag auf der Genfer Konferenz beweise. Die Erklärung schließt mit der Bemer­kung, die Sowjettegierüng behalte sich das Recht vor, alle Maßnahmen zu treffen, die sie für notwendig erachten werde angesichts der bluti­gen V e r b r e ch e n, die in Südchina gegen die Sowjetunion verübt wurden.

luter Monarch war, nachahmt und die Libe­ralen begünstigt. Wenn wir eine derartige Be­handlung von dem verstorbenen König geduldet haben, so darum, weil er der Schöpfer Groß-Rumä- niens gewesen ist. Wer es ist sicher, daß wir dies uns nicht von einer Regentschaft gefallen taffen. Be­kanntlich sind wir entschlossen, die Regierung Bra- ticmus ohne Vorbehalt zu bekämpfen. Wenn die legalen Mittel nicht genügen, dann werden wir zu allen a nderen Mitteln greifen. Auf eine Frage des Matin-Korrespondenten, was eintreten werde, wenn die Regenten die Warnungen der Bauern­partei unbeachtet ließen, erllärte Manius, ich kann Ihnen schon jetzt sagen, daß wir uns in einem sol­chen Fall vollkommen frei betrachten, wenn wir es für richtig erachten, an den Prinzen Carol zu appellieren oder die Republik einzufetzen.

Weihnachten in Bayern.

Neue Geheime Landesarbeitsräte und Geheime Lan­desökonomieräte.

Aus München wttd gemeldet: Auch in die­sem Jahre zeichnete die bayerische Staatsvegierung eine größer^ Anzahl hervorragender Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst und anderen Gebieten durch Verleihung von Ttteln aus. Unter den mit dem Titel und Rang eines Geheimen Rates ausgezeichneten Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft befindet sich der Präsident der Staatlichen Akademie der Tonkunst in München, Prof. v. Hausegger. Der Titel eines Geheimen Landesarbeitsrates wurde dem Reichstagsabgeord­neten Schirmer verliehen. Reichstagsabgeord- Merck erhielt den Titel eines Geheimen Landes­ökonomierates.

Italien und Griechenland.

Der in Rom weilende griechische Minister des Aeußern erklärte beim Empfang italienischer Jour­nalisten, es sei seine Absicht, recht herzliche Beziehungen zwischen Italien und Griechenland herzustellen. Wie Italien zur Stabilisierung der Lira geschritten sei, werde auch Griechenland in nächster Zukunft zur Goldwährung zurück- kehren. In der Frage von Saloniki könne Griechen­land keine Konvention unterschreiben, die seine Hoheitsrechte über Saloniki antasten würde. Der Minister sprach sich zum Schluß über die Unmög - liebt eit eines Balkan-Locarno aus.

Eine merkwürdige Zorderung.

Die Franzosen wollen für die schlechte ftriegs- Gefangenen-ErnShrung bezahlt sein.

wtb Paris, 28. Dez. (Eig. Funkm. Im Verlaufe der Debatte über das Einnahme-Budget im fran- zöfifchen Senat entwickelte sich gestern abend eine Aussprache über die Entschädigung der ehemaligen französischen Kriegsgefangenen in Deutschland. Pensionsminister Marin erklärte: Unter den von Deutschland wieder gutzumachenden Schäden seien nach dem Versailler Vertrag auch diejenigen ein­begriffen, die sich aus der mangelhaften Ernährung der Gefangenen in Deutschland ergeben hätten . Die Regierung schlage nun für dieses Budgetjahr die Auswerfung einer Summe von 5 Millionen vor, wobei eine Ge­samtsumme von 50 Millionen, verteilt auf 7 bis 8 Jahre, im ganzen hierfür einzustellen wären. Ministerpräsident Poincare pflichtete der Summe von 5 Millionen für dieses Budgetjahr bei. Der Berichterstatter, Senator Cheron, widersetzte sich im Namen des Finanzausschusses unter dem Hinweis, daß die ehemaligen Kriegsopfer eine volleWie- dergutmachung von 6—700 Millionen wünschten. Der Artikel, den die Regierung an- nahm, der aber vom Finanzausschuß des Senats verworfen wurde, wurde in der Abstimmung nicht angenommen.

Da wir in Deutschland während des Krieges felbstnichtvielzu essen hatten, konnten wir auch den gefangenen Franzosen nicht viel geben. Eine solche Situation sollte im Zeichen von Lo­carno nicht der Ausgangspunkt einer Millionen­forderung fein.

Im weiteren Verlauf der Senatsdebatte er­griff Ministerpräsident Poincare das Wort, um zu der Behauptung Stellung zu nehmen, daß Frankreich unter einer industriellenKrifis leide. Er leugne diese Krisis nicht, aber sie sei nicht eine Folge der Politik des Kabinetts der na­tionalen Einigung, sondern das schon alte liebel, das man zu teilen hätte. Man habe unter einem Regime der Währungsunsicherheit gelebt. Die französische Währung fei beinahe auf 0 gefallen, während die französische Industrie auf dem Welt­markt eine trügerische Prosperität genossen habe, die an dem Tage zusammenbrechen mußte, an dem die Lage wieder normal wurde. Daher mache man jetzt eine Krisenperiode, d. h. eine Periode der Anpassung, durch. Es gebe aber schon jetzt be­ruhigende Symptome, die französische Handelsbilanz fei günstig und fei es das ganze Jahr über gewe­sen. Der Exportüberschuß erlaube die Annahme, daß Frankreich endgültig seine Währung sanieren könne. Die endgültige Währungs­sanierung fei in derTat durch die Au f r e ch t e r h al- tung einer günstigen Hande lsbilanz bedingt. Man dürfe also nicht klagen und nicht zu schwarz sehen.

Der Senat hat schließlich mit 271 gegen 1< Stimmen das Budget für 1928 verabschiedet. Es geht nunmehr noch einmal an die Kammer zurück, da gewisse Abänderungen am Budget vorgenom­men worden sind.

* Weihnachten in den Reichsministerien. Die Reichsminister bleiben über die Weihnachtstage faß alle in Berlin, nur die Minster Gehler und Brauns verreisen. — Der Reichsetat wird, wie den Blättern mitgeteilt wird, voraussichtlich noch am Freitag dem Reichstag zugehen.

* Dr. Heß über Politik in Preußen. Am 21. Dez. führte der preußische Abg. Dr. Heß auf einer Delegiertenversammlung der Zentrumspartei in Remagen u. a. folgendes aus:

Bei der letzten politischen Aussprache im Landtage hat die Volkspartei die Frage aufgeworfen, ob ich dabei meine Ausführungen namens der Zentrumsfraktion ge­macht, oder ob ich nur meine persönliche Auffassung wiedergegeben hätte. Abgesehen davon, daß ich noch nie eine parlamentarische Rede politischen Inhalts ge­halten' habe, ohne dabei namens mein er Frak­tion zu sprechen, sind insbesondere meine Ausführun­gen vom 17. Dezember nicht nur in deren Namen, son­dern in ihrem ausdrücklichen und ganz eingehend durch - gesprochenen Auftrag gemacht worden. Wenn es die Volkspartei interessieren sollte, kann ihr auch noch mit« geteilt werden, daß der Auftrag einstimmig war. Ich glaube, meine republikanische Zuverlässigkeit ist über jeden Zweifel erhaben. Das politische Leben hat für mich überhaupt erst mit und durch dir Republik einen tieferen Sinn bekommen. Deshalb fällt es mir gar nicht ein, gewisse Dinge als „zwangsläufig Konsequenzen" aus der republikanischen Staatsform deshalb anzuer- fennen, weil das zum Programm der Linken gehört Wir lassen uns in der preußischen Landtagsfraktion di« große politische Linie ebensowenig von der Volkspartei wie von irgend einer anderen Partei vorschreiben. UrS wenn der demokratische Finanzminister sich nur noch als liberaler Parteiminister geben zu können scheint, so muß das doch selbstverständlich zu Komplikationen mit dem Zentrum führen. Zu den von der Linken behaupteten „Zwangsläufigkeiten" gehört in erster Linie das Getue um den „Einheitsstaat". Der Einheitsstaat ist keine Kon­sequenz aus der deutschen Republik, sondern nur eine Konsequenz großliberaler Gedankengänge. Es ist bisher auch nicht ein einziger stichhaltiger Beweis für den Ein­heitsstaat vorgebracht worden. Wohl aber sprechen alle Gründe für die Beibehaltung des in guten wie in bösen Zeiten erprobten Föderativgedankens. Mit Verwaltungs­reformen, die die so dringend notwendige Vereinfachung und Verbilligung unseres Behördenapparates zum Ziele haben, hat das ganze Problem überhaupt nichts zu tun. Dem Großliberalismus ist hier eine Jdeenvermantschung gelungen, die allerdings auch in den Reihen des Zen­trums eine gewisse Verwirrung angerichtet hat. Icb werde mich darüber am 9. Januar auf dem Parteita- in Trier ausführlich verbreiten.

* Eine Erklärung des Stahlhelms. Die Pressestelle des Stahlhelm teilt mit: Der in der Wiking-Ange­legenheit genannte Major a. D. Ritter ist niemals Mitglied des Bundesvorstandes des Stahlhelm gewesen sondern lediglich A n g e st e l l t e r des Bundesamts, aus dem er am 30. Juni 1927 ausgeschieden ist.

Zer Wiftt zwischen SiiWna und der Sowjetunion

Beschuldigungen gegen die Russen in China. — Der Süden zieht wieder gegen den Norden. — Neue Proklamation Tschitscherins.