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Anzeiger für die Skadk Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.

Nr. 295.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendmckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Freitag, 23. Dezember 1927.

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54.Zahrg.

SchiedMilWoertrag zwischen Frankreich u. Amerika

wtb. Paris, 22. Dez. (Eig. Funkm.). Der Ver­treter der Agentur Havas in Washington will zu der Frage des Abschlusses eines französisch-ameri­kanischen Schiedsgerichtsvertrages, der an die Stelle des im kommenden Februar ablaufenden bisheri­gen Vertrages treten soll, erfahren haben, daß, wenn dieser Vertrag abgeschlossen werde, er wahr­scheinlich a l s M u st e r für ähnliche Verträge zwi­schen den Vereinigten Staaten und anderen Län­dern dienen werde. Die Besprechungen seien noch nicht so weit gediehen, daß die Fassung des end­gültigen Textes festgelegt werden konnte. Ein hoher Beamter habe erklärt, daß die Verhandlungen noch im Radium der Vorbesprechungen seien.

Hoesch bei Vriand.

Botschafter v. Hoesch, der dieser Tage von sei­nem mehrtägigen Aufenthalt in Berlin zurückge- kehrt fft, hatte eine Unterredung mit Außenminister Briand. Sie diente der Fortsetzung des deutsch-französischen Meinungsaus­tausches über eine Reihe schwebender Fragen, die fdjon früher Gegenstand der Unterhaltung zwi­schen dmr deutsch«: Botschafter und dem franzö­sischen Autzenmmister waren und auch in Genf zwischen Minister Briand und Reichsminister des Aeuhern Dr. Stresemann zur Erörterung standen. Hilfsmaßnahmen für Ostpreußen.

Unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten haben das Reichsministerium und das preußische Staats­ministerium unter Hinzuziehung des Reichsbank­präsidenten und des Generaldirektors der Reichs- Lahngesellschaft am Mittwoch eine gemeinsame Sitzung Über Hilfsmaßnahmen für Ostpreußen ab­gehalten. Mit Rücksicht auf die durch die Frie­densverträge geschaffene einzigartige wirtschafüiche Notlage dieser vom übrigen Deuffchland getrenn­ten Provinz, die nach Ursache und Ausmaß mit der Lage keines anderen deuffchen Landesteiles vergleichbar ist, wurde bei der ernsten Finanzlage des Reiches und Preußens beschlossen, im Anschluß an das bisher Geschehene sofort weitere wirtschaft!.

Hilfe zu leisten. Es sind Erleichterungen für die landwirtschaftlichen Kredite, sowohl durch Ermöglichung des Absatzes von Pfandbrie­fen zu angemessenen Bedingungen als auch durch Beschaffung zweitstelliger Realkredite vorgesehen.

Paris und Rom einigen sich?

wtb. London, 22. Dez. (Eig. Funkm.).Times" bezeichnet in einem Leitartikel die Hoffnung auf eine französisch-italienische Verständigung als voll­begründet und sagt: Nichts könnte für uns als Freunde des Friedens, als Freunde beider Natio­nen und auch als Großmacht mit vitalen Interes­sen im Mittelmeer, angenehmer sein als der Ab­schluß einer dauernden Entente zwischen beiden Ländern.

*

Der griechische Außenminister Michalakopoulos ist in R o m eingetroffen. Er hatte eine Bespre­chung mit dem Premierminister Mussolini.

Der Derkrag zwischen Italien und Albanien.

wtb. Tirana, 22. Dez. (Eig. Funkm.). Der Minister des Aeußern, V r i o n i, fft heute nach Rom abgereist, um dort mi tder italienischen Re­gierung die Ratifikationsurkunden über den Bünd­nis- und Verteidigungsvertrag auszutauschen, der zu Tirana am 22. November 1927 unterzeichnet wurde.

Line delikate Rufgabe.

Deuffchland um Schutz der Sowjetmteressen in Südchina ersucht.

Wie wir hören, hat die Sowjetregierung die deuffche Reichsregierung um Uebernahme des Schutzes ihrer Interessen in Südchina ersucht. We­gen der Ungeklärtheit der Verhältnisse in China hat die Reichsregierung diesem Ersuchen in der Form entsprochen, daß sie ihre Konsuln in Süd- china an gewiesen hat, im Rahmen ihrer fak­tischen Befugnisse und der gegebenen Wirkungs- mögUchkeiten sich der Sowjetinteressen und der Sowjetbürger anzunehmen.

Stabilisierung der Lira.

wib. Rom, 22. Dez. (Eig. Funkm ).Popow b'Jtalia" veröffentlicht eine Unterredung mit dem Finanzminister V o l p i über die Vorbereitung für die am Mittwoch erfolgte Stabilisierung der Lira. Darnach hätten die Vorbereitungen gerade acht Tage in Anspruch genommen.

Die Verhandlungen seien in London geführt worden zwischen dem Generaldirektor der Banca d'Jtalia und Sir Samuel Norman-Monta- g u s, dem Leiter der Dank von England. Benja­min Strong, der Gouverneur der Federal Reserve Bank in New Jork und guter Freund Italiens, sei eigens nach London gereist, um die­sen Verhandlungen beizuwohnen und sei gestern wieder nach Amerika zurückgekehrt. Mit den Di­rektoren der beiden Banken sei eine Krediteröff­nung von 75 Millionen Dollar erörtert worden. Man habe ferner mit sämtlichen Hauptbanken der ganzen Welt, sogar mit der japanischen Dank in Verbindung gestanden. Zugleich habe man eine andere Krediteröffnung bei privaten und anderen Banken unter dem Schutze der Ban? von England und der Federal Reserve Bank eröffnet, so daß die Krediteröffnungen 120 Millionen Dollar betragen.

Nach Blättermeldungen aus Rom ist in einer außerordentlichen Sitzung des Ministerrats die Einführung der Goldparität auf der Basis von 19 Liren für einen Dollar 92,46 Liren für ein Pfund Sterling und 3,66 Liren für eine Goldlira beschlossen worden.

* Gegen das Uebermaß des Gefehemachens wen­det sich der demokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Haas imBerk. Tagebl." (Nr. 601). Er sagt unter anderem:Das deutsche Volk braucht noch ein Gesetz, das Gesetz, das ihm Schutz gibt gegen neue Gesetze. Eine mehrjährige Schonfrist fft notwendig. Wir brauchen Ruhe; wir brauchen jetzt eine Art Stillstand in der Gesetzgebung. Ich weiß, daß unsere zerrüt­tete Zeit und unsere zerrütteten Verhältnisse immer wieder gesetzgeberische Maßnahmen notwendig ma­chen Aber sie müssen auf die alleräußersten Not­wendigkeiten beschränkt bleiben. Diese Erkenntnis muß Gemeingut desa gnzen Volkes werden. Wir haben alle schon gesündigt und haben unnötige Ge­setze gefordert. Wir müßten aber endlich alle in der entgegengesetzten Richtung zusammenstehen. Man muß den Glauben an die Zauberkraft der Gesetze überwinden. Eine gute Personalpolitik fft mehr wert als die besten Gesetze, die uns bei einer falschen Personalpolitik doch nichts nützen." Hier wird sicherlich em wunder Punkt angeschnitten. Was gerade in der ^letzten Reichstagstagung von den verschiedensten Seiten an neuen gesetzgeberi­schen Maßnahmen verlangt wurde, ist nicht mehr zu verantworten. Man müßte bei allen Parteien zusammenstehen gegen Forderungen, deren Uner­füllbarkeit auf der Hand liegt, oder die doch nur erhoben werden, um parteipropagandistische Ziele und Zwecke zu verfolgen. Es ist noch kaum je­mals nack dieser Richtung hin so viel gesündigt worden, als im letzten kleinen Tagungsabschnitt des Reichstages. Hoffentlich bringt die obige mah­nende Stimme nun auch durch, damit man sich überall der Verantwortung, die mit all dem ver­bunden ist, bewußt wird.

* Das Ergebnis der sozialdemokratischen Werbe- wache, die im November stattfand, wird nunmehr in der sozialdemokraffschen Presse mitgeteilt: da­

nach konnten 64 099 Neuaufnahmen an Mitglie­dern, darunter 13 066 Frauen, verzeichnet werden. Außerdem hat die sozialdemokratische Presse 74 661 Zeitungsabonnenten gewonnen. Gegenüber der Werbewoche von 1926 ist die Mit­gliederzahl um 12 000, die der neugewonnenen Abonnenten um 5000 gestiegen. Diese Ergebnisse sollten allen bürgerlichen Parteien sehr ernst­lich zu denken geben und sie an die Pflicht erin­nern, an Eifer, aber auch an Opferwilligkeit für Werbung ihrer Sache nicht zurückzustehen.

Der Fall Prinz Heinrich.

Im Einschluß an den Bericht des Kapitäns Kolbe wendet sich das führende Zentrumsblatt im Rheinland, dieKölnische Volkszeitung" in scharfer Weise gegen die verantwortlichen militärischen Stellen, weil sie den Besuch des Prinzen Heinrich von Preußen auf dem Kreu­zerBerckin" gestattet haben. Das Blatt schreibt unter anderemDie politischen Folgen eines sol­chen Besuches sind zu lästig für die ruhige Ent­wicklung Deutschlands, als daß sie noch einmal ge­duldet werden könnten. Auf diesen Standpunkt können sich sogar diejenigen stellen, welche den früheren Fürstenhäusern sehr n ft i g gesinnt sind. Es ist notwendig, an alle verantwortlichen Stellen der Reichswehr und der Marine die Wei­sung zu .geben, daß künftig Bittenn um ähnliche Be­suche im Interesse des Reiches und im eigenen In­teresse der Gesuchsteller abgeschlagen werden. Es muß an die betreffenden Stellen im Reichswehr­ministerium die Forderung gerichtet werden, bei amtlichem Erklärungen größere Schnellig­keit und größere Klarheit zu entwickeln. Die ersten amtlichen und halbamtlichen Nachrichten über dem Vorfall auf dem KreuzerBerlin" waren nicht kalt und nicht warm, nicht falsch und nicht richtig. Ein solcher Zustand des Schwebens und der Unsicherheit vermehrt das Mißtrauen. Amtliche Stellen können nicht gut Dementis her­ausgeben, die keine Dementis sind. In einem Staate, der heute eine straffe Autorität notwendig hat, gibt es nur ein entweder ober. Es hat sich einiges gegen früher geändert. Unser Volk duldet und erträgt keine Erklärung, die unter dem Zeichen geboren ist:Wie ich sie auffasse."

* Der ehemalige russische Staatsrat, General­konsul Dimitri Rubinstein, ist in Paris wegen Schwindeleien, wie die B. Z. berichtet, im Gesamtbetrag von rund 6 Millionen Frank ver­haftet worden. Er hat als Aufsichtsratsvor- sitzender der Banque Centrale du Cormnerce die Bank in kurzer Zeit um 2 Millionen Frank ge­schädigt.

* 3»r Wahl- und Parlamenksreform äußert sich der Präsident des Reichstages Lobe erneut in derFrankfurter Zeitung" unter anderem wie folgt:Von einer Reform des Wahlsystems erwar­ten wir eine engere Beziehung zwischen Wählern und Abgeordneten, eine sorgfältigere Aus­lese der zu Wählenden, eine stärkere Ein­wirkung des Wählerkörpers gegenüber der Partei- maschine, schließlich eine Zurückdrängung der In­teressengemeinschaften und leinen Berufsvertretun­gen, die mit dem Gedanken der Volksvertretung nicht ganz in Einklang stehen. Die öffentliche Ver­handlung im Parlament muß sich auf die Zusam- mepsassung der großen leitenden Gesichtspunkte am

Beginn einer Beratung und auf die summarische Beurteilung am Schluß derselben beschränken. Ein niemals zu übersehender Teil der notwendigen Ra­tionalisierung liegt in Deuffchland allerdings auch auf dem Gebiete der Vereinfachung der gesamten Staatsverwaltung und der damit verbundenen Auf­hebung der Ueberzahl unserer Parlamente."

* Hermann Molkenbuhr ist gestorben. Der frü­here sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Hermann Molkenbuhr ist nach längerem Leiden im Alter von 57 Jahren gestorben.

* Gemeinsame Wahlliste der polnischen Regie­rungsparteien. Aus Warschau wird gemeldet: Wie der sozialdemokratischeRobotnik" erfährt, werden sämtliche die Regierung unterstützenden Parteien eine g e m e i n f a me Regierungsliste auf« stellen.

Gegen die Parteizersplitterung.

Wie derDemokratische Zeitungsdienst" aus Reichstagskreisen hört, fft fast bei allen Parteien Neigung vorhanden, Maßnahmen gegen die Splitterparteien auf gesetzlichem Wege durchzuführen. Ob die Entscheidung des Staats­gerichtshofes von direkter oder indirekter Wirkung für das Reichswahlgesetz sein wird, müsse abgewartet werden. Was die Wahlgesetze der Län­der angehe, so dürfe voraussichtlich ein Zusatz­antrag zum Art. 17 der Weimarer Verfassung die enfftandenen Schwierigkeiten beseiffgen. In die­sem Antrag müßte zum Ausdruck gebracht werden, daß gewisse Maßnahmen gegen die Zersplitterung des politischen Lebens, z. B. die Stellung einer Kaution und die Notwendigkeit einer festzusetzenden Anzahl von Unterschriften bei Einreichung der Wahl­vorschläge, nicht mit dem Gedanken der allgemei­nen, gleichen, unmiffekbaren und geheimen Wahl in Widerspruch sichen. Ein solcher Zusatzantrag bedürfe allerdings der Zweidrittelmehrheit.

* (Ein Jahr Barmat-Prozeh. Dieser Tage hat im Barmat-Prozeß, der am 11. Januar 1927 be­gonnen hat, der 150. Sitzungstag stattgefunden. Vor März oder April nächsten Jahres dürfte mit dem Abschluß dieses Prozesses in dieser Instanz nicht zu rechnen sein. Kämm dann Revisionen, so mußte man mit einer noch drei- bis vier-, vielleicht fünffährigen Dauer des Prozesses rechnen. Zwei Schöffen haben schon ausscheiden müssen, weil die Inanspruchnahme durch den Prozeß sie geschäftlich an den Rand des Ruins brachte.

wirtschaftliche Nampfbewrgungen.

Konfliktsende in der Eisenindustrie. Wie dem Düsseldorfer Korrespondent desBerl. Tagebl." von in­dustrieller Seite erklärt wird, werden die Arbeitgeber der Nordwestgruppe der Eisenindustrie sich der Ver­bindlichkeitserklärung des Reichsarbeitsministers fügen und den Schiedsspruch in loyaler Weise durchführen. Die Stillegungsanzeigen bleiben zwar bis zum 31. Januar in Kraft, aber, da Kündigungen nicht vorgenommen wer­den, kommt ihnen keine praktische Bedeutung mehr zu.

Tarifwesen.

--- Schiedsspruch in der badischen Textiliudustrie. Der vom badischen Landesschlichter gefällte Schiedsspruch für die badische Textilindustrie wurde vom Reichsarbeitsmini­ster in allen Teilen für verbindlich erklärt.

Die Gehaltsregelung der Reichs- und Staatsange- stellten. Die am Montag, den 19. Dezember, im Reichs­finanzministerium zwischen den Tarifparteien begonne­nen Verhandlungen sind, wie uns die Behördenfach­gruppe des Gewerkschaftsbundes der Angestellten mit­teilt, abgebrochen worden, da in verschiedenen Punkten, insbesondere über die Grundvergütungssätze in den unteren und mittleren Gruppen, eine Einigung nicht zu erzielen war. Am Donnerstag wird der Reichsfinanzminister voraussichtlich die Vertreter der An­gestelltenverbände zu einer Besprechung empfangen. Die Verhandlungen sollen am 23. Dezember fortgesetzt wer­den. Eine Abschlagszahlung als Folge der Neuregelung dürfte vor Weihnachten nicht mehr in Betracht kom­men.

* Rund fünf Millionen Nebenerwerbstätten in Deutschland. Aus den Ergebnffsen der Volks-, Be­rufs- und Betriebszählung 1925 siegen nun auch die Zahlen über die nebenerwerbliche Beruf stätig- keit in Deuffchland vor. Danach waren nicht weni­ger als 5 000 333 Personen nebenberuflich erwerbs­tätig und zwar in der Land- und Forstwirtschaft 4 061511, in der Industrie und Handwerk 332 607, in Handel und Verkehr 456 321, in Verwaltung und freien Berufen 97 734, im Gesundheitswesen 26 737 und in häuslichen Diensten 25 421. Das Haupt­gewicht der nebenberuflichen Erwerbstätigkeit ent- sällt bei den Männern auf die Doppelberufe: von je 100 nebenberuflich tätigen Mannern üben 90 einen Hauptberuf aus; von 100 nebenberuflich be­schäftigten Frauen jedoch nur 29. Beim weiblichen Geschlecht stellen die Ehefrauen und die sonstigen Angehörigen mit 61 Prozent das Hauptkontingent der nebenberufsich Erwerbstätigen. Im Vergleich zur letzten Vorkrtegszählung im Jahre 1907 hat der Umfang der nebenberuflichen Erwerbstätigkeit ab genommen. Die Zahl der Nebenberufsfälle fft van 6,6 Millionen auf 5 Millionen zurückgegangen. Allerdings können die Ermittlungen auf diesem Gebiete auf Vollständigkeit keinen Anspruch machen. Hier spielen psychologische Gründe eine besondere Rolle, insbesondere auch die Steuerfurcht. Diese Hauptursache des Rückganges ist aber auch wohl darin zu sehen, daß etwa l2/s Millionen Ehefrauen und sonsffge Familienmitglieder, die sich früher nur nebenberuflich betätigten, beute einen Haupt­beruf ausüben.

Revision der Dawesplans?

Die Bemerkung des Reparationsagenten Par­ker Gilbert in feinem Jahresbericht, welche die Festsetzung einer Endsumme der deut­schen Reparationsverpflichtungen zur Erörterung stellt, hat in der ganzen Welt große Aufmerksam­keit gefunden, aber auch eine sehr verschiedenartige Beurteilung. Man würde gewiß fehlgehen, wollte man annehmen, daß Parker Gilbert eine Revision des Dawesplans bereits in nächste Aussicht hätte rücken wollen. Ein solcher Optimismus wäre un­terechtfertigt, zumal er ja selbst betont, daß wir uns noch in einer Probezeit befinden und die Erfahrungen des ersten Normaljahres abgewartet werden müßten. Trotzdem wird Parker Gilbert feine Ausführungen in diesem Punkt nicht ganz aus freier Hand und ohne Vorbesprechung mit amerikanischen Finanzleuten und Politikern ge­macht haben. Man darf also sagen, daß das Prob­lem jedenfalls in authentischster Form zur Erörte­rung gestellt ist, und daß die deutschen Reparations- Verpflichtungen von neuem die Aufmerksamkeit der internationalen Finanzwelt finden.

Eine schnelle Entscheidung fft auch deshalb nicht zu erwarten, weil unsere Reparationsleistungen mit ihren festen Summen bereits in den Etat der Gläubigerländer eingesetzt sind, und diese Summen in unmittelbarer Verbindung stehen mit dem Schul­dendienst, den die europäischen Siegerstaaten an Amerika zu leisten haben. Es ist ja nun einmal die Auffassung Frankreichs, daß es an Ame­rika von seinen Kriegsschulden nicht mehr bezahlen kann, als es von Deutschland an Reparation erhält Und deshalb steht gerade F r a n k r e i ch den durch Parker Gilbert angeregten Erörterungen noch recht kühl gegenüber. Die Agentur Havas schrieb am 19. Dezember, daß in Frankreich die zur Aeuße- rung in der Reparationsangelegenheit bestqualifi­zierten Kreise absolutes Stillschweigen beobachten. Man nehme aber an, daß in wenigen Tagen der Ministerpräsident Poincare sich äußern werde. Es sei notwendig, darauf hinzuweisen, daß die ganze Angelegenheit ausschließlich Sache der beteiligten . Regierungen sei. Die französische Regierung legt also Wert darauf, die an die Bemerkungen Parker Gilberts geknüpften Hoffnungen durch nüchterne Kühle abzudämpfen. Was Bankleute unter sich überlegen und ausmachen, das ist für sie noch ohne Belang. Erst wenn die Regierungen den Zeitpunkt für gekommen halten, in eine Revision des jetzigen Zustandes einzutreten, werden die Er­örterungen über diese Fragen nicht mehr in der Lust schweben. Die Havasverlantbarung wendet sich in ihrem übrigen Teil gegen das Echo in der deuffchen Presse, sowohl gegen ihre optimistischen Kommentare, wie auch gegen Diejenigen, die jetzt gegen die Reparationsleistungen überhaupt wieher losgebrochen sind. Sie wendet sich auch gegen gewisse englische Meinungen, die ebenfalls den Zeitpunkt einer Revision des Dawesplanes für recht nahe halten. So kann man denn sagen, daß Frankreichs Politik darauf hinauslaufen wird, kei­nerlei Erörterungen der Revisionsfrage zuzulassen, solange sie nicht mit dem interalliierten Schulden­problem überhaupt verknüpft werden kann. Ob das aber möglich ist, das hängt bekanntlich ganz von dem Gutdünken der Amerikaner ab.

Man weiß, daß diese bisher allen Versuchen, die interalliierten Schulden zu streichen oder in nennenswerter Weise zu ermäßigen, ein starres Nein entgegengesetzt haben. Die Amerikaner haben wenig Empfinden dafür, daß die Gelder, die sie den Alliierten während des Krieges geliehen haben, politische Gelder waren und darum anders einzuschätzen seien als etwa rein geschäftliche. Nun sagt man allerdings, daß den Amerikanern der starke Geldzufluß aus Europa allmählich sehr unbe­quem werden müßte. Vorläufig ist davon noch s ehr wenig zu merken. Ferner hebt man hervor, daß die Amerikaner in der interalliierten Schul­denfrage wohl mit sich reden lassen würden, wenn sie die Gewißheit hätten, daß die so von Europa ersparten Gelder wirtschaftlich zweckmäßig ver­wandt und nicht etwa zu Rüstungszwecken mißbraucht würden. Das Shylock-Verhalten des amerikanffchen Gläubigers würde freundlicher Nach- giebigkeit weichen, wenn sich Europa zu entern großzügigen Abrüstungsplan vereinigen wollte. Ob diese Meinung berechtigt ist, steht dcchin. Daß sie der amerikanischen Positik nicht unangenehm ist, tarnt man annehmen. Sollte aber die europäische Abrüstungsorganisation die Vor­aussetzung für eine Ermäßigung der interalliier­ten Schulden von Amerika sein, und diese hin­wiederum, von Frankreich aus gesehen, die Vor­bedingung für eine Revision des Dawesplans, so können wir auf diese letztere sicher noch recht lange warten. In einigen französischen Rechts­blättern ist die Bemerkung gemacht worden, daß die Summe des Londoner Ultimatums vom Jahre 1921 in Höhe von 132 Milliarden Goldmark noch heute als die deutsche Reparationsschuldsumme fest­stehe. Das fft bestimmt nicht der Fall, da der Dawesplan ausdrücklich die Festsetzung einer End­summe abgelehnt und die deuffchen Reparations­verpflichtungen auf die vermeintliche deuffche Lei­stungsfähigkeit abgemessen hat.

Das Echo, das die Anregung Parker Gilberts in Deutschland selbst gefunden hat, ist recht schieden. Es sei hier nur darauf verwiesen, daß es in der deutschnationalen Presse sehr abweisend Hingt. Obwohl man gerade dort immer das Ver­langen nach einer festen Endsumme ausge­sprochen hat, glaubt man sich jetzt sehr reserviert verhalten zu müssen, vor allem, weil Parker Gil­bert meint, daß die Sorgen um die deutsche Wäh­rung und die Transferierungsmöglichkeiten als­dann deutsche Sorgen werden müßten. Man scheint in deutschnationalen Kreisen darauf zu spe- kusieren, daß sich im ersten Normaljahr 1928-29 der Dawesplan von selber an seiner inneren Un­möglichkeit erledige, eine Spekulation, die ebenso deutschnational wie falsch ist.