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Das Haus Termöllen.

13J ---------

Bruno stützte den Kopf in die Hand und schien in schwere Gedanken versunken zu fein. Endlich reckte er sich auf und wandte der Schwester, die er doch nicht sehen konnte, sein Gesicht zu. Mit großem Nachdruck redete er auf sie ein: „Die Geschichte steht in einem so grellen Widerspruch zu Erichs ganzem Wesen, seiner Lebensauf­fassung und seinem Charakter, daß sie ganz unmöglich wahr sein kann. Sie krankt auch an einigen inneren Widersprüchen."

„Sie wollte aber unter keinen Umständen Geld anneh- men. Ich wiederhole es!"

„Und wenn sie nun von anderer Seite bereits Geld dafür erhalten hätte?"

,A)on welcher denn?"

„Ich spreche nur Vermutungen aus, behaupte nichts, weil ich es ja nicht zu beweisen vermag: Du sagst selbst, daß du damals sehr viel mit Erich verkehrtest, so daß es schließlich nicht verborgen bleiben konnte, wie ihr beiden miteinander standet, daß jeder Tag die Verlobung brin­gen konnte. Nehmen wir nun an, es hätte jemand ein besonderes Interesse daran gehabt, daß diese Verlobung nicht zustande kam, ein Mensch, der dich und deine Eigen­art genau kannte und unfehlbar wußte, welches Mittel bei dir am ehesten verfangen würde —"

„Bruno, deine unverständliche Verteidigung Erichs führt dich zu haltlosen Verdächtigungen! Wen konnte es denn interessieren, daß diese Verlobung nicht zustande kam? Sie nützte und schadete keinem —"

„Wirklich nicht? Wer sind denn die Teilhaber unserer Firma? Onkel Herbert als Erbe seines toten Kindes, Erich, du und ich. Wenn Erich dich heiratete, besaß er faktisch neben seinem auch deinen Anteil und konnte mich als Freund und Schwager leicht so beeinflussen, daß ich ihm die Vertretung meines Amtes übertrug. Da ich mich niemals für die Westfaliawerke im mindesten interessiert hatte .sondern von jeher ausgesprochen wis­senschaftliche und literarische Neigungen bekundete, lag dieser Gedanke sogar sehr nahe. Dann hätte Onkel Her­bert nur eine, Erich aber drei Stimmen in die Wag­schale werfen können. Die Familie Jlgenkamp hatte also wohl ein Interesse daran, daß diese Verlobung nicht zu­stande kam."

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Sporbucl

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Fuldaer Zeitung

und Narren. — Etwas für verlobte.

litiker regiert.

SMisöiE Sparkasse Filia

Gegründet 1825

Bahnhofstrasse 5

2. Dez. Fabrikarbeiter Emil Herber, Pilgerzell 43 I„ 9 M.. 17 T. 3. Witwe Maria Richter geb. Dahl 66 I., 2 M.. 17 T. 4. Friedrich Romanns 6 Std. 4. Ehefrau Franziska Breitung geb. Werthmüller, Rommerz 44 3., 1 M., 25 T. 5. Privatin Anna Link 75 3., 3 T. 8. Pro» • kurist Franz Anton Loehr 58 3., 4 M., 9 T.

kebr zwischen Verlobten ganz neu regeln. Das lange Verlobtsein bei später Heirat hat so feine Schmerzen und Gefahren. Infolge meiner Einrich­tung kann man sich jeden Tag auf viele Kilometer Distanz frisch sehen — und es ist doch ungefähr, lief) . Der Mann im Monde.

M 285.

Sonntag, 11. Dezember 1927.

2. Blatt.

#•*•4* Druck der Fuldaer AcNendruckerel, Aulda

Das passende

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Sozialer.

= Staatliche Anerkennung als Wohlsahrtspfleger Die staatliche Anerkennung als Wohlfahrtspfleger kann ohne Ablegung der Prüfung nur in .besonderen Fallen bei Nachweis von mehr als fünfjähriger Tätigkeit bei hinreichenden theoretischen Kenntnissen und hervorragen, der Eignung ausnahmsweise erteilt werden. Der Wohl­fahrtsminister hat hierzu bestimmt, daß der Nachweis hinreichend theooretischer Kenntnisse nur dann als geführt gelten kann, daß der Bewerber eine theoretische Aus­bildung durchgemacht hat.

AUSM aus hen Emittern hes WMsaM °?al0a.

Sterbefälle vom 2. Dez. bis 9. Dez. 1927.

gestellt, und ich möchte gerade zu diesem beschenk ?echt ermuntern. Habe da soeben die Orgel Himmels von Friedrich Schnack gelesen, und ich meine daß es doch wirklich noch wundervolle Du- cher gibt. Gerade Bücher sind Geschenke, die bau- ernden Wert behalten. Es können Engel sem, die einen durchs ganze Leben geleiten. Sie sind eine einmalige kleine Ausgabe, die nachher mele Aus- aaben spart und einem umsonst manche schöne Stunde bringt. Laß dich gut beraten und sorg- daß auch dergleichen unter dem Wechnachtstfich liegt. Soll es kein Buch sein, dann vielleicht das Abonnement auf eine gute Zeitschrift ...

Qum Schluß noch die Mitteilung, daß ich auf Grund der neuen Möglichkeit, Photos zu vermie­ten erstens ein Heiratsburo entrichten werde. Zweitens möchte ich auch auf diese Weise den Ver-

schichte jetzt einfällt. Jedenfalls aber ist alles m Ordnung, nicht nur in Köln, wofür das ausdrück­lich festgestellt worden ist, nicht nur in Berlm (der neue Opernbau eingeschlossen), sondern allubeMst

Wozu übrigens diese ernsten wirtschaftlichen Auseinandersetzungen in unserer Zeit? Selbst die Abgeordneten gähnen ja dabei und gehen nach Hause. Ach, wenn ich das doch auch konnte, ein­fach nach Hause gehen, wenn es irgendwo lang­weilig wird. Nächstens werden die Untertertianer bei etwas komplizierten mathematischen Gleichun­gen sich auf den Parlamentarismus berufen und einfach nach Hause gehen. Freut euch des Lebens, solang noch das Lämpchen glüht . . . In der gro­ßen Lebensversicherung des Listenwahlrechtes ist ruhiger Geschäftsgang gestattet. Das ist der Un­terschied zwischen einem Fräulein und einem Par­lamentarier, daß sie nicht gern sitzen bleibt, er aber wohl, wobei es sich ja nicht gerade um das Sitzen­bleiben im Sitzungssaals handeln muß, gibt es doch, wenn man es einmal soweit gebracht, noch zahlreiche andere, äußerst komfortabel eingerichtete Sitzgelegenheiten. Die Liebe wird immer für das freie Wahlrecht fein, aber eine weniger sympa­thische Mamsell käme am Ende durch ein Listen­wahlrecht noch eher unter die Haube. Im übrigen dennoch den Hut ab vor den Vertretern des souve­ränen Volkes, bestätigt doch die Ausnahme bet ihnen nur die Regel, und können sie es doch mit der größten Geduld nicht mehr verhindern, daß heute die Wirtschaft den Staat auch ohne die Po-

Ueberhaupt bereitet sich ein großer Methoden­wechsel im diplomatischen Leben der Gegenwart vor. Pilsudski wird darin Schule machen. Oder auch die Russen. Man wendet zur richtigen Zeit das Wort Idiot an, und diese richtige Zeit ist im­mer danns wenn auch die längsten Reden eine riesige Heuchelei nicht mehr verdecken können. Ge­wiß,'Briand meint es ernst mit dem Frieden Wie­weit es Poincars ernst meint, wenn er seinem Kol­legen nach einer solchen Friedensrede die Hand reicht, ist schon weniger k'ar. Es ist sozusagen nW zu verstehen ohne den Kommentar, daß nämlich Frankreich im nächsten Jahre eine und eine halbe Milliarde mehr ausgibt für die Rüstung des Krie­ges — man kann auch sagen des Friedens. Das eine sagt man an die Adresse Mussolini, das andere an die Adresse Völkerbund. Pilsudski aber sagt Idiot und spart sich alle weiteren Reden. Auch war der Scherz der Russen gar nicht so schlecht. Unter Komödianten füllt sckon der Schein der Ehr­lichkeit auf, und Leuten, die viel von Selbstmord reden, muß man einfach den Revolver in die Hand drücken. Das ist dann ein süßes Ende, nicht zwar des Lebens, wohl aber des Redens, wenngleich die Russen nicht einmal dieses erreicht haben. Die Kö­nige Shakespeare's hielten sich ihre Hofnarren, und der Völkerbund bestellt sich ein paar Russen. Hat auch der Hofnarr recht, und hat er selbst dann recht, wenn er alle andern für Narren erklärt, so sitzt feiner Wahrheit doch immer die Narrenkappe auf dem Kopf, und lacht man auch laut über seinen Witz, so kann man jeden Augenblick noch lauter lachen über eine Narrheit, und so hat sich der Völ­kerbund die Möglichkeit geschaffen, hinter diesen Narren von Bolschewisten, die niemand ernst nimmt, die eigene Gaukelei fortsetzen zu können.

Ich kehre wohl lieber vor mein Weihnachts- schaufenster zurück. Gerade sind da Bücher aus-J

Dritter Adventssonntag. , Rund um die Woche.

" " ' "<-° s*.»« Im - eine Keine Selchlchl- nn» die Sch-chl-M«. - »er Un-E-d Mw--

Wie einer fragt, ist nicht etwa gleichgültig. cinem <rräulein und einem Abgeordneten. — Idioten

Aus der Frage kann man immer schon hören, I °

welche Antwort sich der Fragende wünscht. Wenn I Auch die Schaufenster feiern ihren Advent. We­dle Frage nicht aus einem Herzen kommt, das in I nigstens geben sie einen Vorgeschmack von der aller Aufrichtigkeit nur die Wahrheit will und I irdischen Freude des Weihnachtsfestes. Manche sind nichts anderes, dann ist die beste und wahrste ™nt= sehr fromm dabei und stellen Krippen aus. An­wort an ihn rein verschwendet. Er wird die Ant- I dere wieder versuchen es auch noch mit Festungen wort, die er erhält, so zu verstehen und so zu dre- I und Bleisoldaten. Und die Wünschelrute bewegt sich hen wissen, daß sie die Lüge bestätigt, die er sucht. I in Jung und Alt und winkt nach dem Ehristkind-

Siehe die Pharisäer im heutigen Evangelium. I lein. Gewiß, es ist immer eine sehr ernste Sache Sie kommen dem heiligen Johannes politisch, weil I um das Christentum, aber so nebenbei schenkt es sie das Reich Gottes, für das sie zu wirken vor- I uns auch einmal ein Stück Kinderland. Der große geben, nicht anders als politisch verstehen können I Gott, der die Sterne wie ein golden Spiel am und ihnen selbst die Person des Messias eine voli- I Himmel auf- und abgehen läßt, hat sich auch m der fische Größe ist, die sie in ihre Rechnung einstellen I neuen Schöpfung als ein herrlicher Spielmann be- wollen. Darum treffen sie mit ihrer Frage so da- I währt. Vor so einem Schaufenster, das einen wie neben und fragen um die eigentliche Wahrheit I die Märchen aus Tausendundeinenacht verzau- ijerum. I bert, kann..man für einige Minuten alle seine Sor-

Wie kann auch einer anders fragen, dem das I gen vergeßen. Man vergißt sogar, daß diese schö- ewige Wort nichts gilt, die zeitliche Wohlfahrt und I uen Sachen auch etwas kosten. Man gibt, sewf die irdische Macht gar alles? Nur die Armut, die wenn man kauft, das Geld aus, rote man etwa Demut und die Wahrhaftigkeit eines Johannes I aus reiner Freude bet einem Hochzeitsfest in alten findet die Wahrheit und wird am Messias nicht Zeiten Münzen unter das Volk warf. Sogar das irre, wenn er als Kind einer armen Magd gebo- I Geldausgeben ist also in diesen Tagen leicht, weil ren wird I das Geld verbunden wird mit so viel Kinderfreude,

Wir sollten uns ernstlich fragen, auf welche mit so viel Lebenslust, wst s° viel Nächstenstebe.

Seite wir gehören, ob auf die des Johannes ober Man nimmt mcht'iurdte Sache mit nach Haus ,

auf die der Pharisäer. wie einen Hut den ^n etwa auf und dann in

I den Schrank hängt, sondern wie em wundervoi- I les Geheimnis, das man treulich in der Stille auf-

Hm bett Uftttf ber Hefretete I bewahrt, damit es zu seiner Zeit den glücklich Be- UIIl ven nopi vCi tiejreieie. I fünften überrasche. So schmunzeln die Kaufleute, Die ägyptische Regierung fordert die Rückgabe I weil sie Geld verdienen, und die Käufer, weil sie des seit langem im Besitz der preußischen staat- I Geld ausgeben, und die Zeitungen, weil sie durch Tuffen Museen befindlichen Kopfes der Königin I ihre Inserate an allem schuld sind. Reich ist ge- Nefretete. Der Kopf wurde vor 15 Jahren I worden, wer Geld einnimmt, und reich ist gewor- bet Ausgrabungen gefunden, für die der bekannte I den, wer Geld ausgibt, ist das nicht wirklich em Berliner Kunstmäzen James Simon eine ordmmgs- I Märchen?

mäßige Konzession besaß. Entsprechend den gesetz- I Heute will ich nicht zur Sparsamkeit mahnen. Kchen Vorschriften wurde damals eine Teilung der I Vielmehr will ich es mit den Oberbürgermeistern Funde tiorgenommen und von den beiden wert- I halten und von sehr fruchtisizierenden Geldanlagen vollsten Stücken erhielt die ägyptische Regierung I sprechen. Was übrigens diese ganze Sache angeht, einen einzigartigen Klappastar, während James I so ist offenbar Herr Schacht, mit dem ich es heim- Simon der Kopf der Nefretete zugeteilt wurde. Die I lich gehalten habe, doch in manchen Dingen belehrt Teilung erfolgte durch einen ägyptischen Beamten, I worden. Allerdings erinnerte mich das Ganze so der Wert des Fundes wurde durch den Direktor des I ein wenig an ein kleines Ereignis im Kriege. Es ägyptischen Antiquitätendienstes abgeschätzt. James hörte da ein Feldgeistlicher bei seinen Besuchen in Simon hat den Kopf, wie manches andere Stück I den Lazaretten irgend eines Etappenortes, daß aus feiner Sammlung, später den Berliner Museen I die Suppen für die Kranken schlecht seien und die überwiesen. An der Rechtmäßigkeit des Anspm- I ganze Ernährung zu wünschen übrig lasse. Da er ri James Simons und des preußischen Staates I das jeden Tag hörte und in allen Häusern, ging somit nicht zu zweifeln. I er schließlich zu einem Freund auf der Etappen-

Die ägyptische Regiemng erkennt das auch an, I inspektion und sprach über die Sache. Sogleich indem sie nut einen moralischen Anspruch geltend I wurden verschiedene Herren, ein Generaloberarzt, macht, allerdings erklärt, daß bei der Abschätzung I ein Generalarzt und ich weiß nicht was sonst für feinerjeit ein Jrrtum vorgekommen sei. Von! strahlende Uniformen dem armen Feldgeistlichen einem solchen Irrtum kann nach dem oben mitge- I zwecks Untersuchung mitgegeben. Und es fragt teilten keine Rede fein, da sowohl der Beamte, I gleich beim ersten Lazarett der gestrenge Herr Ge­ber die Teilung vornahm, tote auch der Direktor der I neraloberarzt den Landsturmmann: „Ich möchte Antiquitätenabteilung hervorragende Sachkenner I einmal wissen, Mann, ob ihr denn nicht genug waren. Die ägyptische Regierung hat nun angeregt, I zu essen bekommt!" Der antwortet stotternd: „Zu den Wert der beiden Kunstwerke, von denen I befehlen, Herr Generaloberarzt." Der aber fährt dem Kopf der Neftete, da es sich um die Mutter» I fort: „Also seid ihr alle zufrieden mit Suppe und der Gemahlin Tutankhamens handelt, heute ange- I Kartoffeln?" Der Landsturrnrnann darauf: „Zu be= sichts der Ceffnung des Grabes Tutankhamens eine I fehlen, Herr Generaloberarzt! Zufrieden!" Wor- große Bedeutung zukommt, nachträglich noch ein - I auf sich der Herr Generaloberarzt an den Herrn mal abzuschätzen. Obwohl ein Grund dazu I Pfarrer wandte: „Sie müssen sich wohl getäuscht nicht vorliegt, hat die Reichsregierung nichts da- I haben, die Leute sind ja glänzend zufrieden." Und gegen eingewendet, daß die ägyptische Regierung I dieser Vorgang wiederholte sich in allen Lazarei- zur allgemein mündlichen Erörterung der I ten. Nun, der Pfarrer hieß nicht Schacht, und es Angelegenheit einen amtlichen Vertreter nach I war der Generaloberarzt nicht Oberbürgermeister, Berlin entsendet. I und ich weiß nicht einmal, warum mir diese Ge-

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Irma sprang in leidenschaftlicher Erregung auf. Zorn sprühte aus ihren Augen, sie sprudelte die Worte förm­lich hervor: „Und du traust Onkel Herbert, unter dessen Dach wir wohnen, wirklich zu, daß er einen so nieder­trächtigen Streich ausgeheckt haben könnte, um diese Verlobung zu hintertreiben? Dessen hätte ich dich wahr­lich nicht für fähig gehalten! Und warum tust du das? Weil die vermeintliche Ehre deines Freundes dir höher steht als alles andere."

Bruno ergriff das erregte Mädchen am Arm und strei­chelte ihn zärtlich. Beruhigend sprach er auf sie ein: „Ich kann es wohl verstehen, daß diese Unterredung alles in dir aufwühlt, alte Wunden aufreißt, die nun wieder heftig bluten. Ich verstehe auch deine Erregung. Aber laß uns doch weiter sprechen! Du hast ganz recht, ich setze mich mit meiner ganzen moralischen Kraft für Erichs Ehre ein, weil ich jetzt erst recht fest davon überzeugt bin, daß die ganze Geschichte nichts als eine böswilige Verleumdung war. — Bitte, schaue doch nach, ob die Türe des Nebenzimmers geschlossen ist! Das, was ich dir jetzt zu sagen habe, darf außer dir kein Mensch hören!"

Erstaunt erfüllte Irma des Bruders Wunsch. Als sie zurückkehrte, fiel ihr in seinem Gesicht ein Zug von Entschlossenheit auf, der es seltsam veränderte. Sie nahm ihm gegenüber Platz und wartete auf seine wei­teren Enthüllungen. Bruno reckte sich steil auf: „Be­vor wir deine Geschichte weiter erörtern, muß ich dir noch etwas sagen, was mich ganz persönlich betrifft. Ich will dir dadurch den Beweis liefern, daß ich wahr­haftig keinen Grund habe, Anklagen gegen Onkel Her­bert zu erheben, denn jeder Makel, der ihn trifft, fällt auch auf ein Wesen, das ich über alles liebe! Nie­mals würdest du dieses Bekenntnis von mir vernom­men haben, niemlas wird es ein anderer hören. Dir aber soll es den Beweis liefern, daß ich gerade von Hetes Vater gerne das beste denken möchte. Ich, ich liebe Hete tief, wenn ich auch weiß, daß ich gegen diese verzehrende Neigung mit aller Kraft meines Willens ankämpfen muß. Es wäre wahrhaftig eine traurige Liebe, die das geliebte Mädchen unnötigerweise in völlig aussichtslose Kämpfe zerrt. Und das wäre der Fall, wenn ich mich Hete gegenüber auch nur mit einem Wort verraten würde. Hete aber hängt an ihrem Vater mit beispielloser Hingebung. Wer ihn angreift, trifft sie

mit voller Wucht. Sie würde seelisch zusammenbrechen, könnte sie in ihm nicht mehr das Ideal sehen, das er für sie jetzt ist.

Das muß ich vorausschicken, damit du mich besser ver­stehst. Du hast dich darüber empört, daß ich auch nur bedingungsweise Onkel Herbert zutraute, jene Komödie möglicherweise inszeniert zu haben. So muß ich schließ­lich auf Gerüchte zurückgehen, die glücklicherweise die Mauern dieses Hauses nicht überschritten haben, hier aber immer wieder auftauchten, so daß ich sie später schließlich auch zu hören bekam. Erich sind sie gleich­falls bekannt geworden. Und gerade die Art, wie er seinen Stiefvater verteidigte, hat mich von seiner Ehren­haftigkeit ein für allemal überzeugt. Man erzählt sich also, das Kind, dessen Erbe Onkel Herbert geworden ist, sei tot zur Welt gekommen, habe beim Hinscheiden seiner Mutter also nicht mehr gelebt. Sonderbar ist nämlich, daß bei der Geburt kein Arzt, sondern nur Hebamme und Wärterin zugegen waren. Die Wärterin ist später spurlos verschwunden, die Hebamme, die zwar zunächst auch unsere Gegend verlassen hatte, soll während des Krieges zurückgekehrt fein. Obgleich sie noch garnicht alt ist, übt sie weder ihren früheren, noch einen anderen Beruf aus, soll aber trotzdem in recht behaglichen Ver­hältnissen leben.

Die Gerüchte besagen also nicht mehr und nicht we­niger, als daß Onkel Herbert durch einen Betrug in den Besitz seines Anteils an den Westfaliawerken gekommen ist. Das kann ihm selbstverständlich heute nicht mehr bewiesen werden, so lange die einzige Zeugin, jene Heb­amme schweigt. Vorausgesetzt, daß jenes Gerücht auf Wahrheit beruht, muß man Onkel Herbert auch zu­trauen, daß er auf diese gemeine Weise deine Verlobung mit Erich hintertrieb. Ist es nicht auffallend, daß er es nachher so eilig hatte, die Verbindung mit feinem eigenen ältesten Sohne zustande zu bringen? Wäre fein Plan gelungen, so hätte er über zwei — durch mich sogar über drei Anteile verfügt, Erich wäre ihm gegen­über stets in der Minderheit gewesen. Ist das nicht alles viel logischer und einleuchtender als jene roman­tische Geschichte, die du mir als einzigen Grund deiner Abneigung gegen Erich erzähltest?"

Irma hatte sich bei Brunos Erzählung immer weiter vorgebeugt und starrte ihm in fassungslosem Erstaunen ins Gesicht, als müßte sie jedes Wort von feinen Lippen

abtefen. Die verkrampften Hände hielt sie in ihrem Schoß. Jeder Blutstropfen war aus ihrem Gesicht ge- wichen, feuchte Schleier schienen über ihre Augen gebrei­tet zu fein. In wilden Wirbeln wogten die Gedanken in ihrer Seele auf und nieder. Sie fühlte sich hingezerrt in die brüllenden Strudel einer ungeheuren Brandung, gegen die sie sich vergebens zur Wehr fetzte.

Langsam richtete sie den gufammengefuntenen Kör­per auf. Ein wildes Flackern war in ihren Blicken. So leise, daß selbst Bruno sie kaum verstehen konnte, sagte sie: „3d) kann und will nicht entscheiden, wer recht hat. Aber selbst dann, wenn Erich schuldlos wäre, muß ich ihm wenigstens fürs erste aus dem Weg­gehen. Die Liebe zu ihm ist ausgebrannt, und nui öde Schlacken blieben zurück. Ich muß jetzt allein fein, muß alles, was du mir sagtest, ruhig abwägen und mit selbst ein Urteil zu bilden versuchen. Aber um eines bitt ich dich schon jetzt: Sobald Professor Klausener dich untersucht hat, reisen wir nach Berlin. In der völlig fremben Umgebung werde ich mich leichter zurecht fin­den."

„Ja, Irma, wir reifen! Ich mußte manches in bii zerstören, dir wehe tun. Aber du bist aus kernigem Holz und zerbrichst nicht so leicht. Auch dieses Schwere wirst du überwinden. Ich will dir helfen, so gut ich kann."

Schweigend verließ sie das Zimmer des Bruders.

•

Rolf Jlgenkamp hatte endlich die versäumte Nachtruhi nachgeholt und auch die Störung durch den Vater ver­gessen. Ein befriedigtes Lachen lag um feinen Mund, ging schlitternd über die roten Fettpolster der Wangen. Also jetzt galt es, sich das Bräutchen zu sichern, bevor der verwünschte Erich hier auf der Bildfläche erschien, damit er ihm nachher keinen Strich durch die Rechnung machen konnte. Je länger Rolf den Plan seines Vaters überlegte, desto besser fand er ihn. Irmas Anteil an den Westfaliawerken stellte ein Vermögen dar, das ihm so leicht nicht wieder geboten wurde. Daß an diesen goldenen Schatz als lästiges Anhängsel Irma geknüpft war, machte ihm weiter keine Sorgen. Sie würde sich schon seinem Willen fügen und seine Herrschaft im Hause anerkennen müssen. Das verstand sich ganz von selbst.

(Fortsetzung Totgt)