EinzelMülim 10 W- (mit Mir. Beilage 15 M.)
FuldaerZertung
Anzeiger für die Stabt Fulda unb ben Landkreis Fulda. Amtliches Kreisbtatt
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Sonntag, 11. Dezember 1927
Nr. 285
Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr 4051.
Zum Kampf um die Reichsgestaltung
des
Hus dem Reichstag.
Erhöhung des automen Zollsatzes für lichen Gegenantrag emgebracht, der zu dem ris verbunden ist. Nach längerer Aus- | Ergebnis kommt, daß die Reichsregierungen «vtrese-
Zu Beginn der Freitag - Plenarsitzung bes Reichstages wird zunächst der Bericht des Geschäftsordnungsausschusses über Anträge auf Genehmigung der Strafverfolgung verschiedener Mitglieder des Reichstages behandelt, der zu einer längeren und lebhaften, zum Teil erregten Debatte mit" wenig erquicklichen Intermezzen, führt. Ein kommunistischer Antrag auf Aussetzung des Strafverfahrens gegen die im Prozeß gegen die Kommu. nistifche Zentrale angeklagten Abgeordneten wird schließlich im Hammelsprung mit 165 gegen 139 Stimmen bei vier Stimmenthaltungen abgelehnt.
Nachdem noch fast ohne Aussprache die dritte Beratung des Gesetzentwurfes über Krankenversicherung der Seeleute und die Vorlage der Verlängerung des Devot- und Dspositen- gesetzes bis zum 31. Dezember 1929 angenommen sind, folgt die dritte Beratung des Gesetzentwurfes über den deutsch-jugoslawischen S) an • dels - und Schiffahrtsvertrag, mit dem
spräche, in der ein sozialdemokratischer und ein kommunistischer Antrag auf Streichung des Art. 3, der die Erhöhung des Zollsatzes für Jndustrie- mais auf 5 Mark bedingt, abgelehnt werden, ergibt die Schlußabstimmung die Annahme der Vorlage gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und der Kommunisten.
Das Haus vertagt sich auf Samstag 14 Uhr.
Zu der am Samstag auf der Tagesordnung des^Reichstages stehenden Beratung der Ruhrentschädigungen sieht der Untersuchungsausschuß eine Entschließung vor, die zwar feststellt, daß das Etatrecht des Reichstages verletzt worden ist und die Industriellen bei den Entschädigungszahlungen bevorzugt wurden, die aber weiter keine Folgerungen daraus ziehr, als daß dies durch ausreichende Entschädigung der Arbeiter der Angestellten und des Mittelstandes
Inzwischen sind als erste der Parteien die Kommunisten mit ihrem Wahlprogramm an die Öffentlichkeit getreten. In großen Mengen ist ihr Programm überall verteilt worden, besonders auch ! wiederum unter den Angehörigen der Wehrmacht, als deren spezielle Interessenvertreter sie sich aufspielen. Ihre Aufrufe bewegen sich in den allgemein bekannten Phrasen der Verhimmelung Sow-
zwischen Pilsudski und Woldemaras statt, an der man bisher gezweifelt hatte. Die gestrige Besprechung zwischen Woldemaras und dem Ber.chr- erstatter, dem holländischen Außenminister, Belaeris van Blokland, hatte bis nach Mittemacht gedauert Eine Annäherung der Standpunkte t? bis jetzt noch nicht erfolgt.
jedoch eine L.________
Lndustriemais verbunden ist. Nach längerer
ausgeglichen werde.
Die Kommunisten haben einen ausführ-
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. :•: Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk. :-:
Völkerbundskommission für Wilna.
wtb London. 10. Dez. (Eig. Funkm.) „Times" berichtet aus Warschau vorn 9. Dezember: In Befolgung der aus Genf telegraphierten Anweisungen werden das Mitglied der französischen Militärkommission in Polen, Oberst Faury, der britische Mül- tärattadjees, Oberstleutnant Bridge, und der italienische Militärattackees, Oberst Roatta, um Mitternacht n a ch W i l n a abfahren, um sich an Ort und Stelle mit den militärischen Vorkehrungen in dieser Gegend bekannt zu machen.
Die pKl l mentarische Lage in Frankreich
Der Fortgang der antikommunistischen Kampagne.
wtb. Genf, 10. Dezember. (Eig. Funkm.) Der polnische Ministerpräsident Pilsudski ist heute vormittag kurz vor V2II Uhr int Generalsekretariat "chienen. Er begab sich sofort in die Räume des Generalsekretärs. Wenige Minuten später erschien der litauische Ministerpräsident Woldemaras, der sich ebenfalls sofort zu der aus V»ll Uhr angesetzten streng geheimen Besprechung der Ratsmitglreder beim Generalsekretär Sir Erie Dmmmond begab. Damit findet die erste persönliche Begegnung
Die Parlamentseröffnung., die sonst immer ein gewisses polemisches Fieber ausläßt, hat diesmal nicht sonderlich auf die Presse gewirkt. Man findet lediglich die resignierte Feststellung, daß bis zum 31. Dezember in Kammer und Senat kein Sturmwind herrschen wird. Die bürgerlichen Blätter sind sich darin einig, daß der radikale Kongreß die Atmosphäre gereinigt hat und fein Wille, es dem Wähler im kommenden Frühjahr zu überlassen, sich die neue Regierung zu wählen und den n e uen Kurs zu bestimmen, beachtet werden wird. Man kann sogar sagen, daß von Leon B l u m bis M a - r i n alle mit dieser Lösung zufrieden sind, da wohl Len Sozialisten als den Rechtsrepublikanern ein Regierungssturz im jetzigen Augenblick denkbar unerwünscht wäre. Natürlich wird das die Kommunisten nicht hindern, Obstruktion zu machen unter Unterstützung der ganz rechtsstehenden Gefolgschaft Daudets. Aber diesen beiden Gruppen werden mit ihren Angriffen nur rein platonische Auswirkungen beschieden sein.
Die Hauptfrage, die in der kurzen Session zur Erledigung stehen wird, ist die Verabschiedung des Budgets. Herr P 0 i n c 0 r e wird es durchpeitschen lassen und dabei sehr oft hinter der Vertrauensfrage in Deckung gehen. Der Senat wind ihn durch Umsatzsteuer, der Reservistenkredite, der Beziehungen zu Sowjetrußland, bei Diskussion des Budgets des Außenministeriums, für Poincare un- beuqeme Momente bringen, doch auch sie bilden keine unmittelbare Gefahr für ihn.
Zwei Umstände kommen besonders Poincare zu statten. Zunächst die absolute Lustlosigkeit irgendeiner Seite, ihm Komplikationen in den Weg zu legen und dann das bereits fühl- und greifbar gewordene Wahlfieber. Es gab noch nie große Parlamentsoffensiven wenige Monate vor Wahlen, wo die Abgeordneten ständig mit einem Fuße in Paris, mit dem anderen in ihrem Wahlbezirke stehen. So wird es auch jetzt fein. Es gibt zwar Kreise, die in den letzten Vorgängen den beginnenden Zerfall der Radikal-Sozialistischen Partei und ihre Stellung in eine Unionistische des Abgeordneten Franklin-Bouillon sehen, der den größten Teil der ehemaligen Radikalen und die Rechtssozia- liften angehören würden. Der Gedanke ist zwar nicht schlecht, doch dürfte da lediglich der Wunsch der Vater des Gedankens sein. Diel eher ist die Meinung berechtigt, daß das Experiment Bouillon kurze Beine haben wird, da ihm jetzt noch der große sammelnde Gedanke fehlt, der allein es vermag, Massen zu einer Partei von Dauer am- menzuschweißen, denn bis jetzt steht Franklin-Bouil- lin lediglich in der Koalitionsfrage in Opposition zu seiner ehemaligen Parteileitung, ohne indessen neue Richtlinien für seine Parteigruppe gefunden zu haben.
manns und Marx' die Reichskasse um 715 2Riino= nen beraubt und eine geradezu schamlose Bereicherung der Ruhrindustriellen auf Kosten der Allgemeinheit unter Umgehung des Reichsrats getrieben hätten. Der Reichstag solle aus diesem Grunde beschließen, den Reichskanzler Marx und St.-ese- mann vor den S t a a t s g e r i ch t s h 0 f zu fiel» len die 715 Millionen von den Ruhrmdustrielleu wieder einziehen und zur Entschädigung der Ar- beiter, Angestellten, Beamten und kleinen Leute des Mittelstandes verwenden.
jetrußlands und feiern die Weltrevolution in über- schwenglicher Weise. . , .
Für Frankreich selbst werden folgende Punkte in den Vordergrund gestellt: Die Frage der zaristischen Schulden, die Gefahr des Bruches zwischen Moskau und Päris auf Anstiften der eng- lischen Petroleumkönige, die Verteidigung der chi- nesischen Revolution, der Kamps gegen die französische Kolonialpolitik, insbesondere in Marokko und Syrien, der Kampf gegen die Finanzpolitik der Regierung, die Verteilung der Arbeiterinteressen unter der Leitung der EGTU. (Confederation Generale de Travail Unitaire), die Unterstützung der Soldaten, Matrosen und Reservisten gegen die vereinigte Unterdrückung einer Regierung von Chauvinisten und hohen Offizieren, eine all gemeine Amnestie. Besonders auf diesen letzten Punkt wird von Kommunisten großer Wert gelegt, da fast ihre ganze Führerschaft bereits verurteilt ist und sich in Anklagezustand befindet, und es ist nicht zu leugnen, daß die diesbezüglichen kommunistischen Forderungen sich im ganzen Lande einer gewissen Sympathie erfreuen, zuma: doch überall durchgesickert ist, daß die Zustände in der Marine, wie auch bei der Armeg viel zu wünschen übrig lassen. Trotz alledem wird die Regierung und besonders der radikal-sozialistische Innenminister Sarraut in seiner planmäßigen Ver- folgungsattion der Kommunisten n i ch t nachlassen. Dieser Tage erst ist wieder der Sekretär der 3. Internationale für die lateinischen Länder, Humbert Droz, der sich nach Paris begeben wollte, um mit den Führern der kommunistischen Partei Frankreichs Besprechungen abzuhalten, verhaftet worden. Droz ist Schweizer und war schon auf Grund seiner früheren Haltung ausgewiesen worden. Er war in einem Hotel in der Rue Beaurepaire unter dem Namen Humbert abgestiegen. Die Bllanz der Berfolgungsaktion der Regierung beträgt gegen- roärtig mehr als 300 Jahre Gefängnis und ungefähr 2 Millionen Francs Geldstrafen. Die Strafkammern haben in den Prozessen gegen Kommunisten auf die Gesetze von 1894 zurückgegriffen, deren vielfache Anwendung zu einer großen Erhöhung der Strafen geführt hat.
Interessant ist es, daß in der Verfolgung der Kommunisten nicht die Rechte, sondern die Linke die Führung hat, und es ist der radikale Innenminister Sarraut, der die Worte prägte: „Der Ko- munismus ist der Feind Frankreichs". Neben Sarraut ist es besonders der ebenfalls der Linken an- gehörende Kriegsminister Painlev « , der sich die Verfolgung der kommunistischen Provaganda in der Armee besonders angelegen sein läßt. 3m Augenblick herrscht in der Frage der Kommunistenbekämpfung einiger Zwiespalt in der Kammer unter den bürgerlichen Linksparteien, den Radikal- sozialisten, den Republikanischen Sozialisten und Radikalen der Linken, die sich ja zum Teil für die Entlassung der kommunistischen Abgeordneten aus dem Gefängnis aussprachen. Diese Parteien müssen aber einerseits auf ihre kleinbürgerliche Wählerschaft Rücksicht nehmen, andererseits aber werden sie von den hinter ihnen stehenden Santen dirigiert, deren Wünsche nicht in einer Unterstützung der Sowjetpropaganda bestehen.
VDZ. Genf. 10. Dez. (Eig. Funkm.) (Vom Sonderberichterstatter . des VDZ.-Büros.) Nach den gestrigen sehr interessanten staatsmanmschen^Besprechungen über den v01ntf6 = 111autfchen Konflikt zeigt der Stand der Fragen tm Augen- blick der ersten persönlichen Begegnung zwischen beiden M i n l st e r p r a s 1 d e n - t e n noch keine Anzeichen einer sofort zu erwartenden Einigung. Eine Annäherung der beiderseitigen Standpunkte im Verlauf der heute vormittag abgehaltenen Geheimsitzung des Rates liegt aber durchaus im Bereich der Möglichkeit und gilt so- gar angesichts der seither zwischen Woldemaras und Zaleski mehrfach ausaetaufchten Erklärungen als w a h r s ch e i n l i ch. Die eigentliche Einigung dürste aber doch zunächst auf sich warten lasten. Pilsudski, der an den Einzelheiten der Ber- hanblungen selbst nicht beteiligt ist, sondern fte einem Außenminister Zaleski überlaßt, der Polen auch in der Geheimsitzung des Rates neben Pil- sudski vertritt, scheint auf eine endgültige Klärung der polnisch-litauischen Beziehungen zu drangen, wobei zunächst nicht an eine unmittelbare Abnahme der diplomatischen Beziehungen gedacht wird. Sollte sein Wunsch verwirklicht werden tonnen, so würde seiner Genfer Reise eine Bedeutung zukommen, die weit über die Tagespolitik hinan s g e h t.
Woldemaras will jedoch in eine Erweiterung der Tagesordnung des Völkerbundsrates und m die Aufrollung des G e f a m t p r 0 b l e m s Polen- Litauen noch nicht einwilligen. Außerdem bestehen Schwierigkeiten wegen der Einsetzung einer Grenzkommission, auf die Polen nicht em- gehen will, auf die aber Woldemaras größten Wert leot Die Staatsmänner, unterstützt von ihren Juristen, sind eifrig bemüht, neue Formeln für bie Lösung der zunächst zur Diskussion stehenden Teil- fr aoen zu finden, wodurch auf jeden Fall die Aushebung des Kriegszustandes erzielt wird. Man
wtb. Genf, 10. Dezember. (Eig. Funkm.) Die Geheime Sitzung des Rates am Samstag dauerte etwa eine Stunde und war ein Viertel vor zwölf Uhr beendet. Die Teilnehmer haben beim Verlassen des Generalsekretariates den Presse>- vertretern keine Auskünfte gegeben. Es ist geplant, heute nachmittag 5 Uhr eine össentli ch e Ratssitzung abzuhalten, die, salls sie statt - sinden kann, der weiteren Behandlung der polnisch-litauischen Frage gelten wird.
Pilsudski in Genf.
zeigen, vielmehr handelt es sich darum, anzudeuten, welche großen innerpolitischen Probleme ihrer Lösung harren. Mit Schlagworten, wie Föderativstaat, Unitarismus, Zen- ttalismus und dergleichen mehr kommen wir jedenfalls in der Frage nicht vorwärts. Was notttit, das ist, daß sich der deutsche Süden auch um die Lrdnung der Verhältnisse nördlich der Mainlinie bekümmert und seinen Teil zu einer vernünftigen Lösung der aufgetooifenen Fragen beiträgt. Ebenso notwendig ist aber auch, an den möglich zu machenden Anschluß Deutsch-Oesterreichs zu denken und die berechtigten Wünsche der suddeutschen Länder zu respektieren und sachlich, zu diskutieren. Mit Vergewaltigungen jedweder Art laßt sich dieses innerdeutsche Problem jedenfalls nicht befriedigend lösen. Ueber allem muß der Gedanke stehen:
Deutschland, Dir mein Vaterland!
(Eigenartige Reformvorschläge.
Aus dem Reichstag wird uns geschrieben:
Am Donnerstag und Freitag tagte in Berlin die deutschnationale Parteileitung. Unter anderem wurden Referate über die Versassungs- und Verwaltungsreform von den Reichstagsabge- oibnetert Hugenberg und Berndt gehalten, lieber die deutschnationalen Pläne der Verfassungsänderung wußte, bevor noch die Berichte erstattet waren, die „Deutsche Allgemeine Zeitung" allerhand interessante Einzeilheiten bekannt zu geben. Einigen Punkten des deutschnationalen Reform- programmes kann man ohne weiteres zustimmen, so insbesondere der Forderung nach größtmöglichster Sparsamkeit in Reich, Staat und Ländern. Wenn jedoch versucht werden soll, auf Seitenpfaden die republikanische Staatsform und die Demokratie zu unterwühlen, dann heißt es, die Augen offen halten.
Trifft es zu, was das genannte Blatt behauptet, so wird von deutschnationaler Seite die konsti- tivnelle Regierungsform durch Verstärkung der BefugnissedesReichspräsidenten angestrebt, während die Rechte des Parlamentes weitgehend beschnitten werden sollen. In solchen Forderungen liegen Gefahrenpunkte, die teine^ falles übersehen werden dürfen. Es handelt sich bei den beutf(^nationalen Wünschen nicht etwa um eine schöne Geste gegenüber dem Reichspräsidenten von Hindenburg, sondern der Blick wird mehr auf die Zukunft hingewendet. Würde der Zustim- digkeitskreis des Reichspräsidenten erweitert, so könnte es geschehen, daß sich eines schönen Tages aus einer Persönlichkeit, die nicht Hindenburg heißt, ein Diktator entwickelt. Auch in deutschnatio- nalen Kreisen weiß man ganz genau, daß sich Herr von Hindenburg niemals auf einen falschen Weg locken lassen wird. Aber die Zeit vergeht, neue Männer kommen, und darauf hoffen die Deutsch- nationalen. Sie sehen ihre Wähler in Scharen davon laufen, ihre Parteiorganisationen schmelzen dahin, wie der Schnee in der Sonne; von ihren Zielen »ollen sie aber keine preisgeben. Geht es nicht auf dem Wege über eine starke Reichs- tagsfral'tion, dann müssen eben andere Hebel an- gesetzt werden, um die „Vollendung der Republik" im deutschnationalen Sinne zu bewerkstelligen.
K) Man versucht es daher jetzt mit versassungsän- SÄnden Vorschlägen. Es wird kaum zu erwarten fein, daß die anderen Parteien den deutschnationalen Spuren folgen werden. Eine Verwaltungsreform und eine gewisse Aenderung der Reichsstruktur wird auf jeden Fall kommen müssen. . Mit dem Gegeneinander- und Durcheinanderregieren muß endlich einmal Schluß gemacht werden. Eine Beschränkung der Rechte des Reichsparlamentes hieße aber tatsächlich das Pferd beim Schwänze aufzäumen. Sicherlich ist es des Guten zuviel, daß wir neben dem Reichstag, dem Hauptorgan des staatlichen Lebens und der einzigen gesetzgebenden Körperschaft des Reiches, noch einen Reichsrat und einen Reichswirtschaftrat haben. Zwe Kammern mit entsprechender Ausgestaltung und genau abgegrenzter Kompetenzen waren, vom staatsrechtlichen Gesichtspunkte aus betrachtet, unfehlbar eine zweckmäßigere Lösung. Manche Schäden, die dem Parlamentarismus anhaften, und ihn in der öffentlichen Meinung vielfach 'm Mißkredit bringen, könnten auf diese Weise ausgemerzt werden. Eine Erweiterung der Machtbefugnisse des Reichspräsidenten ist jedoch hierbei durchaus nicht erforderlich.
Ein Reichstagsabgeordneter schreibt uns:
Im Süden des Reiches wird die Frage, ob Deutschland mehr ein Föderativstaat oder ein Einheitsstaat sein soll, nur durch die süddeutsche Brille gesehen. Alle drei süddeutschen Länder (Bayern, Württemberg und Baden) sind sich darin einig, der „Verpreußung" Deutschlands energischent- gegenzutteten. Im württembergischen Landtag haben sowohl Staatspräsident Bazille, wie auch Innenminister Bolz erllärt, daß der kommende Wahlkampf in Württemberg besonders um die Frage der Erhaltung eines selbständigen württembergischen Landes im Rahmen der Weimarer Verfassung geführt werden würde. Die Stellung Bayerns ist hinreichend bekannt; Baden schließt sich in diesem Kampfe den erstgenannten Ländern an.
Es wäre erwünscht, wenn sich der deutsche Süden auch einmal um die Frage bekümmern würde, wie die verfassungsmäßigen Zustände auf der anderen Seite des Mains sich auswirken. Wer es mit dem deutschen Reiche gut meint, der darf allerdings keine neue Mainlinie aufrichten. Der deutsche Süden gehört zum Reiche und auch Deutsch-Oesterreich wird nur zu ihm kommen, wenn Deutschland ein Föderativstaat bleibt. Darüber muß man sich im Zenttum und in anderen Kreisen klar sein bezw. klar sehen lernen.
Die hauptsächlichsten Schwierigkeiten liegen aber in der Frage: Föderativstaat nicht südlich, sondern nördlich der Mainlinie. Hier ist zunächst das Problem Preußen zu nennen. Zu Preußen gehören % des deutschen Volkes; dasselbe Preußen hat im Reichsrat nur % aller Reichsratsstimmen aus seiner Seite. In Weimar ist also Preußen seines führenden Einflusses entledigt worden. Preußen müßte auf Grund seiner Bevölkerungszahl 55 Stimmen int Reichsrat haben; tatsächlich verfügt es aber nur über 26 Stimmen. Die Letzteren stellen zudem keine Einheit dar, weil nur 13 Stimmen auf die Landesregierung und die übrigen 13 Stimmen auf die Provinzen entfallen. Das bewirkt, daß bei wichtigen Abstimmungen im Reichsrat sich die preußischen Gesamtstimmen gegenseitig schon aufgehoben haben. Eine Anzahl von Provinzstimmen wird jeweils gegen die Stimmen der eigenen Landesregierung abgegeben. Diesen Zustand empfindet die preußische Regierung als ein Hebet.
Im bismarck'schen Deutschland war Preußen führend! Der Reichskanzler war zugleich preußischer Ministerpräsident; im Bundesrat hatte Preußen die Mehrheit. Diese preußische Vormachtstellung hat die Weimarer Verfassung beseitigt. Praktisch gesehen, ist zu sagen, daß das Reich Bismarcks eben gar kein richtiger Föderativstaat war, von einer Gleichheit in der rechtlichen Stellung der Länder war keine Rede. Wohl hatte Bayern einige Reservatrechte; dieselben waren aber eng begrenzt und von keiner ausschlaggebenden Bedeutung.
Die preußische Regierung hat ihren Sitz ebenso in Berlin wie die Reichsregierung. Wer den Einheitsstaat will, der muß sich deshalb zunächst die Frage vorlegen: Was soll aus Preußen werden? Soll Preußen seine staatliche Selbständigkeit auf« geben? Oder soll Preußen in Anwendung des 8 18 der Reichsverfassung sich in seine Stämme auflösen, ein „Land"-Rheinland, Westfalen, Hannover usw. schaffen helfen? Die Fragen deuten schon die ganzen Schwierigkeiten des Problems an.
Weiterhin ist die Frage zu prüfen, was soll — abgesehen von Süddeutschland — aus den anderen deutschen Ländern werden, die solange noch einen gewissen berechtigten Sinn hatten, solange die Dynastien bestanden haben. Die Revolution hat die Fürsten dieser Länder abgesetzt, die Länder aber sind geblieben. Jetzt ist deren Existenzberechtigung allein schon durch deren Finanzlage auss schwerste bedroht und gefährdet. Die kleinen Länder sind Kostgänger des Reiches geworden und die inneren Gründe für deren Weiterbestand sind mit der Beseittgung der Fürstenhäuser in der Hauptsache dahin. Die meisten dieser Lander sind von preußischen Gebietsteilen umgeben. Es fragt sich nun, ob der Weg freigemacht werden soll, damit sie Reichslandgebiete werden können oder ob sie in Preußen ausgehoben werden sollen. Würde der letztere Weg. gegangen, bann würde Preußen immer noch größer werden, was sich auch auf verfassungsrechtlichem Gebiete auswirken müßte.
Es ist nicht Sinn und Zweck dieses Artikels, Wege zur Lösung der aufgeworfenen Fragen zu