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Fuldaer Zeitung

Der Sternhimmel im Dezember.

empor-

am Himmel

reckt.

Die älteste Sparkasse des Regierungsbezirks

Mündelsicher =

■//ernt:

Meine Buch­staben

(•) Jonne D 1. Viertel @ Vollmond (j 3. Viertel

Sonnenaufgang: von 7.50 bis 8.15 Uhr. Sonnenuntergang: zuerst 15.50, später 15.45, am Monatsende 15.55 Uhr.

Lichtgestalten des Mondes: 1. Viertel am 2. um 2 Uhr, Vollmond am 18. um 19 Uhr, 3. Viertel am 16. um 1 Uhr.

aus der Zentrumspartei.

Die Annahme der Regensburger Vereinbarung und das Reichsschulgeseh.

lieber die Sitzung des Reichsparteivorstandes von Montag geht uns noch folgender Bericht zu:

In der Sitzung des Reichsparteivorstandes vom Montag, die unter dem Vorsitze des Reichskanz­lers Dr. Marx stattfand, wurde nach eingehender Debatte der Pärteivorsitzende Marx ermächtigt, die von den Unterhändlern des Zentrums und der Bayerischen Voikspartei getroffenen Vereinba­rungen zu unterzeichnen.

Der Parteivorstand erkannte einmütig an, daß die Ausführung der Abmachungen von den Zen­trumsleuten im rechtsrheinischen Bayern und in der Pfalz Opfer verlangt. Insbesondere würdigte er die von den anwesenden Vertretern der Zen­trumsorganisation der Pfalz und des rechts­rheinischen Bayern vorgebrachten Bedenken und Wünsche.

Wenn sich die anwesenden Mitglieder des Par­teivorstandes einstimmig für Annahme der Re­gensburger Beschlüsse aussprcchen, so geschah das in dem Bewußtsein, daß das jetzt schon Erreichte ein erfreulicher Schritt zur Wiederherstellung der politischen Einheit der deutschen Katholiken ist, ein Ziel, das ja auch den betroffenen Zentrumsan­hängern erstrebenswert sei und stets sein wird.

Im übrigen wurde von den Vertretern aus dem rechtsrheinischen Bayern und der Pfalz an­erkannt, daß bei loyaler Durchführung der Ver­einbarungen die parlamentarische Vertretung der bayerischen Zentrumsanhänger im Reiche und im Lande auch künftig in gebührendem Ausmaß ge­sichert ist. Es wurde zugesagt, daß der an zweiter Stelle der für die Reichstagswahlen geltenden Einheitsliste „Zentrum u. Bayerische Volkspartei" stehende Zentrumskandidat einen bevorzugten Platz auf der Reichsliste des Zentrums erhalte. Ferner wurde eigens festgelegt, daß die Landes­parteileitung des Zentrums im rechtsrheinischen Bayern in den Ausschuß, der die Durchführung der Vereinbarungen zu überwachen hat, einen Vertreter zu benennen hat.

Rsr Reichsparteivorstand beschäftigte sich auch mit dem Reichsschulgesetz und drückte seine Erwartung aus, daß die Reichtagsfraktion des Zentrums und die Mitglieder des Vildungsaus- schusses, deren Bemühungen volle Anerkennung fanden, wie bisher mit aller Kraft und mit allem Nachdruck dahin wirken werden, das Reichsschul­gesetz auf dem Boden der in der Verfassung ge­währleisteten Gewissensfreiheit und des Eltern­rechts alsbald zu verabschieden.

aber Herr Professor!

Dr. Martin Spahn, der publizistische Wortführer der deutschnationalen Katholiken, leistet allwöchentlich in seinem Blatte „Das deutsche Volk" einen Beitrag zur Einigung des deutschen Katho­lizismus, indem er das Zentrum in denkbar gehässiger Form angreift. In seiner letzten Num­mer bringt da? Blatt eine Zuschrift aus Hesse n, die am Schlüsse einer Betrachtung über die hes­sischen Landtagswahlen prophezeit: ...Wenn es so weiter geht mit dem hessischen Zentrum, dann wird das Wort Windthorsts Wahrheit werden: Von sei­nen Freunden verlassen."

Dieser Kassandaruf paßt zu der Zusammen­stellung der bei der Wahl für die einzelnen Par­teien abgegebenen Stimmen, die in der Zuschrift aufgeführt wird, wie eine Faust aufs Auge. Es ist ja richtig, daß auch das Zentrum von der all­gemeinen Wahlmüdigkeit nicht verschont geiblie»

Der He 24 Stundenzahlen von Mieter- nacht hie Mitternacht einee Tafte ent­haltende Kreit und dit dich punktierte Linie, der sogenannte Horizont, rind fest­stehend tu denhen. Der Sternhimmel dreht sich samt dem auf Mitternacht leigenden geraden Pfeil — gewiesermaßen dem Zei­ger der Himmelsuhr — in 23 Stunden und 56 Minuten im Sinne des gelogenen Pfeils einmal um seinen Mittelpunkt. Der eingezeichnete Horizont umrahmt die zu der Stunde, auf die der gerade Pfeil zeigt, um die Monatemitte eicht- hären Sterne. Unsere Karte zeigt also den Zustand um Mitternacht der Mo­natemitte. Will man eu einer anderen Stunde beobachten, eo denke man sich den Sternhimmel samt dem geraden Pfeil so gedreht, daß dieser auf die Be- obachtungsstunde zeigt; dadurch werden die tu dieser Zeit sichtbaren Sterne in den nicht mitzudrehenden Horizont hin- eingedreht. Für je 5 Tage vor der Mo­natemitte ist der gerade Pfeil Ml Stunde früher, für je 5 Tage nach der Monats• mitte 1/3 Stunde später zu stellen. Man vergleiche die nächste Monatskarte. Der Mond nimmt die gezeichneten Stellun­gen ein, wenn er die angedeutete Licht­gestalt seigt.

ben ist. Seine Stimmenzahl ging von 100 384 bei der vorigen Wahl im Jahre 1924 auf 85 448 zurück, das bedeutet einen Verlust von 14,88 Pro­zent. Dagegen verloren die Sozialdemokraten 23,9 Prozent, die Deutsche Volkspartei 30,1 Pro­zent und

die Deutschnationalen gar 41,5 Proz.

Dementsprechend konnte die Zentrum-partei einen Gewinn von mehreren Manda­ten buchen, während die übrigen großen Par­teien ohne Ausnahme mit geringeren Mandats­ziffern aus der Wahl hervdrgingen. Den schwer­sten Verlust erlitten die D e u t s ch n a t i 0 n a l en, die Partei des Abgeordneten Dr. Martin Spahn. Die Prophezeiung: „Von seinen Freunden verlas­sen", ist also an die falsche A d r e s s e gerichtet.

2. Blatt.

vruck der Fuldaer AcNendruckerel, Fulda

MsdieSpiitese

1825 Ma 1825

Bahnhofstrasse 5

276.

Donnerstag, 1. Dezember 1927.

mf In immer schönerer Pracht erstrahlt der winterliche F i x st e r n h i m m e l. Etwa zwet Stunden nach Eintritt der Dunkelheit späterhin rascher — wird der Orion sichtbar und etwa eine Stunde später erscheint in der Verlängerung seiner Gürtelsterne der Sirius, nachdem kurz vorher sein Vorläufer Proknon aufgetaucht ist. Die langen Winterabende, gestatten den Anblick des Sternhim­mels falt 5 oder 6 Stunden lang und zeigen dem­entsprechend groß- Veränderungen. Wer am gleichen Abend öfters hinausschaut, bemerkt, wie im Westen der Herkules und der Adler, später­hin auch die Wega und selbst der Schwan ver­schwinden, während im Süden der Orion immer höher steigt, die Capella im Fuhrmann fast in die Nähe des Scheitelpunktes rückt, im Osten schon das Frühlingssternbild des Löwen naht und sich im Nordosten der Große Bär immer steiler

In den Abendstunden überstrahlt, wie im Dor- | monat, der hell leuchtende I u p i t e r alle anderen j Sterne. Nur unerheblich hat sein Glanz im Ver- | gleich zum Vormonat nachgelassen, denn bei der beträchtlichen Entfernung dieses gewaltigen Him­melskörpers von der Sonne macht die Aenderung seiner Entfernung von der Erde — infolge der verschiedenartigen Stellung der ffrtie bet ihrem Umlauf — nicht so sehr viel aus. Die Venus erstrahlt als Morgenstern; ihr Glanz nimmt frei­lich langsam ab, sie ist aber immer noch ziemlich hell. Links von ihr — und infolgedessen am Mor­genhimmel, natürlich tiefer stehen der Mars und der Saturn, beide ziemlich dicht bei. ein­ander, aber roeaen großer Sonnennähe nur schlecht sichtbar; frühestens gegen Ende des Monats tauchen sie aus der Morgendämmerung auf.

Am 24. ist eine Sonnenfinsternis, die indessen bei uns nicht sichtbar ist. Während bet der Sonnenfinsternis vor einem halben Jahre ge­rade die nördlichsten Teile der Erde in den Mond­schatten fielen, trifft dies diesmal gerade für den südlichsten Teil zu, sodaß Europa gänzlich außer­halb des Finsternisgebietes bleibt. Auch eine vollständige M ondfinsternis am 8. Dezember bleibt für uns unsichtbar, weil sie eintritt wahrend wir Tag haben, der Vollmond also für uns nicht

- steht. Küstermann.

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wird der Verein „Bartausstellung" einen allgemei- neu Wettbewerb ausschreiben.

* Der Anschlag aus Bürgermeister Seih. Ri- chard Strebinger, der am Samstag auf den Wie­ner Bürgermeister Seitz drei Revolverschusse ab- gegeben hatte, ohne ihn zu treffen, ist rm Laufe des Nachmittags in das Landesgertcht erngeltefert worden.

Lisenbahnarbeiter-ttonferenz.

Don einem Teilnehmer an dieser Konferenz wird uns ^A?27.'d. M. sand im Preußischen Landtagsgebäude eine vom Allgemeinen Eisenbahner-Ver­ba n d einberufene Landeskonferenz statt. Sw war aus allen Teilen des Reiches stark besucht. Er warcn wei über 400 Eisenbahn-Arbeiter anwesend Rachau 'Uhr- lichen Referaten des Derbandsvorsitzenden Starrte und des Generalsekretärs Riedel über den letzigen Stand der Lohnverhandlungen fand eine sehr eingehnde, T. er regte Aussprache statt, in welcher allgemein die Stelluna nähme der Eisenbahnverwaltung in Bezug aus W Lohnverhandlungen stark verurteilt wurde.

In der Aussprache wurde besonders vorauf h ng« wiesen, daß die durch Schiedsspruch am 1. 4. d 3- c*n0® freiem- Lohnerhöhung durch die Mi etcrh öhung am 1. 4. sowie durch die Preissf eig erun g a 1 ler e bensbedürsnisse seit dieser Zeit mehrwie verloren gegangen sei. Ebenso sei auch der am 1. 10L burdj। ben erwähnten Schiedsspruch zugebilligte Psennig (1 Psg.) durch die gleichfalls am 1. 10. eingetretene Mieterhöhung verloren gegangen, sodaß zur Linderung der Ro l g Eisenbahnarbeiter nichts übrig geblieben sei. Außerdem hätten die Leistungen der Arbeitnehmer für die sozialen Versicherungen eine derartige W erreicht, daß dem Eisenbahnarbeiter pro Monat ein Wo ch en v e r d i en st in Ab,ua aebracht würde. Verurteilt wurde in der Kon­ferenz^ besonders, daß be Eisenbahnverwaltung anstelle einer allgemeinen Lohnzulage nur an einzelnen Orten Ortslohnzulagen zubilligen wollte. Dieses «chtem wurd selbst von Vertretern aus Orten, denen wi^e 3ula(jen gegeben werden sollen, abgelehnt. Der Derbandsvor. stand wurde von der Versammlung einstimmig aufge- fordert, auf dem seitherigen Standpunkt, daß nur eine allgemeine Lohnerhöhung in Frage kommen

I tonnte, bestehen zu bleiben.

Nachstehende Entschließung wurde von der Konferenz I am Schlüsse einstimmig angenommen:

Die vom Allgemeinen Eisenbahner-Derbande zum 27. November 1927 nach Berlin einberufene und aus allen Teilen des Reiches überaus stark beschickte Landeskon. ferenz bekennt sich einmütig zu der entschiedenen Hab I jung, die von der Leitung des A. E. D. bei der letzten Lohnbewegung hinsichtlich der Forderung emer allge. meinen Erhöhung sämtlicher Grundtohne I eingenommen worden ist und hält diese Forderung nach I wie vor in vollem Umfange aufrecht. In völliger Ueber I einstimmung mit der Verbandsleitung vermag die Kon- ferenz in der an und für sich berechtigten Gewährung I von Ortslohnzulagen in verschiedenen.Orten kemen I irgendwie genügenden Ausgleich für eine allgemeine Lohnerhöhung zu erblicken. Sie eftucht deshalb d e Verbandsleitung, mit ebenso großer Entschiedenheit wie ^°Jnsbesf.^-re wMÄ^andeskonserenz auf Mt große Gefahr hin, die darin ruht, daß nach der schroffen Ab­lehnung einer Lohnerhöhung seitens der Reichsbahnver­waltung für die Reichsbahnlohnempsanger letzt I kurz vor Weihnachten von derselben Reichsbahnverwal- I jung erhebliche Gehaltsnachzahlun gen an die Beamtenschaft geleistet werden müssen, ine allein als Nachzahlung bei den höheren Beamten in I vielen Fällen höher sind als das normale Jay- resarbeitseinkommen eines Lohnemp- fängers. Eine derartige Differenz laßt sich in keiner Weife verantworten und ihre alsbaldige Beseitigung liegt im öffentlichen Interesse.

I Das erscheint umso notwendiger, als selbst die von der Reichsbahnverwaltung anstelle einer allgemeinen Lohn- I erhöhunq zugestandenen einzelnen örtlichen Sonder- i zulagen noch immer nicht ihre Regelnng er- | fahren haben, so daß hierdurch die Erregung unter den । Eisenbahnern noch mehr gesteigert worden ist._________

Deutsche Vauausstellung 1930.

Der Verein „Bauausstellung", in desien Hän­den die Durchführung der deutschen Bauausster- lung Berlin 1930 liegt; gab der Presse ge­nauere Aufschlüsse über die Grundgedanken und über Einzelheiten des Projektes. Der Vorsitzende betonte, daß es sich nicht etwa nur um eine Ber- liner und eine Industrieausstellung handele, son- dcrn um eine gesamtdeutsche Ausstellung aller am Bauwesen beteiligten Kreise. Die Ausstellung hat ihren letzten Ursprung in der Notwendigkeit, über­flüssige Ausgaben zu vermeiden. Die Bauaus- ftcllung wird sich auf 4 großen Gruppen aufbauen: Baustoffe, Bauausführung, Baukunst und -Wissen­schaft, Lehrwesen. Zur Erlangung geeigneter Ent­würfe für die baulichen und sonstigen Anlagen

flineten:

(7) Venus

(2) Mars

Q) Jupiter

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Das Haus Termöllen.

Roman von Emil Frank.

4] ----------

„Wie meinst du, Irma soll mich begleiten?" fragte Bruno erstaunt.

„Anders ginge es doch gar nicht. Am liebsten führe ich selbst mit. Aber das würde Papa leider nie erlau­ben!"

„Und warum wärest du so gerne mit uns in Berlin?"

„Nun, das ist doch sehr einfach: dann brauchte ich nicht erst auf langweilige Nachrichten zu warten, über­zeugte mich jeden Tag an Ort und Stelle, daß es dir wirklich besser geht."

„Nimmst du denn an mir solch großen Anteil?"

Vorwurfsvoll gab sie zur Antwort: „Da kannst du noch fragen? Bin ich nicht deine beste Freundin, deine Schwester? Haben uns diese letzten zwei Jah^e, die wir gemeinsam erlebten, nicht auf das engste anetnanberge- fettet? ■». Und da sollte ich kalt und fühllos bleiben, wenn es sich um deines Lebens Glück, um dein ganzes Sein handelt? Nein, Bruno, ich hätte doch geglaubt, daß du mich besser kennen rnüßtestl"

Immer wieder sagte er sich im stillen: Sei auf der Hut, laß dich durch Hetes überwallendes Gefühl nicht überrumpeln. Sie ist eben trotz ihrer zwanzig Jahre noch ein reines, harmloses Kind, denkt nicht im entferntesten an engere Beziehungen als die der Freundschaft und würde nicht wenig erschrecken, ahnte sie auch nur im entferntesten etwas davon, daß ich mehr von ihr begehre. Aber eines konnte er freilich nicht verhindern: daß er stürmisch ihre Hände ergriff und sie mit hartem Druck umspannte. Wie gerne hätte er jetzt den Ausdruck ihres Gesichtes sehen mögen. Ader er fühlte ja nur ihre süße, beglückende Nähe, ohne doch jemals in der Sage zu sein, ihr Bild mit leiblichen Augen zu schauen.

Frau von Termöllen hatte die Unterredung der bei­den jungen Menschen mit keinem Worte gestört. Aber unter gesenkten Lidern versandte sie forschende Blicke auf sie und stellte fest: Rieke hat tatsächlich recht! Was mir alten Frau bisher entgangen war, das sehe ich jetzt durch den Augenschein bestätigt: Bruno glüht in Siebe für

unsere Hete. Und sie? Erwidert sie sein Gefühl? Noch nicht! Aber wenn sie jetzt entscheiden müßte, wenn sie zu wählen hätte zwischen ihm und einem anderen, sie würde sich nicht lange besinnen.

Ein Glück: Bruno war viel zu ehrliebend, als daß er Hete in einen so schweren Konflikt hineingezerrt hätte. Heute hatte die alte Dame auf dem Grunde seiner Seele gelesen. Das Mitleid der mütterlichen Frau stellte sich auf die Seite des Unglücklichen. Sie war überzeugt da­von, daß er trotz seines schweren körperlichen Gebrechens ihren Siebling wohl glücklich machen könnte. Aber es kam jetzt wohl alles darauf an, Zeit zu gewinnen. In­sofern war es wirklich gut, wenn diese beiden Menschen vorübergehend getrennt wurden.

Ganz ruhig warf sie dazwischen: „Nein, das geht wirklich nicht, daß Hete Euch nach Berlin begleitet, das würde nur zu unnützem Gerede Anlaß geben. Und es ist ja auch zum Glück gar nicht nötig. Irma wird immer bei dir sein. In ihrer Obhut bist du am besten aufgeho­ben. So, und über all dem Gerede hat Hete gänzlich vergessen, dir mit ihrer Ueberraschnng aufzuwarten!"

„Eine Ueberraschnng — für mich?" fragte Bruno in atemlosen Erstaunen.

Schon war Hete aufgesprungen, holte vom Nebentisch den alten Folianten und sagte: hoffentlich macht er dir auch Freude, lieber Bruno!" Es ist eine Chronik aus der Zeit der Bauernkriege." Dabei reichte sie ihm den Band.

Bruno griff hastig danach, faßte Hetes Hand und konnte es nicht hindern, daß er sie fester als gewöhnlich drückte. Und Hete ließ ein silberhelles Sachen hören. Sie meinte ja nicht anders, als daß die plötzlich erwachte Hoffnung den Freund so in Aufregung versetzt hätte. Und daß sie sich von ganzem Herzen mit ihm freute, brauchte sie ihm nicht noch eigens zu sagen.

Bruno ließ die Hände über den schweinsledernen Ein­band gleiten, spielte mit Buckeln und Schließen, und ein ganz wunderliches Gefühl wogte und wallte in seiner Brust auf und nieder. Endlich aber schüttelte er mit einem Ruck diese Gedanken ab. Er durfte sich ihnen nun und nimmer hm geb en! Durfte nicht!

hst das Programm für den heutigen Nachmittag entworfen?" fragte er gleichmütig.

„Wenn es euch recht ist, Kinder, konnten wir ja zuerst musizieren. Das gibt immer eine jo feierliche Stimmung. Und dann lieft Hettz etwas vor. Seid ihr damit einver­standen?" fragte Frau von Termöllen.

Bruno hatte sich sofort erhoben und erwiderte rasch: „Natürlich machen wir es so. Komm, Hete, wir musi­zieren!"

Er tastete nach ihrem Arm und hakte kräftig ein. Wie beglückend empfand er die unmittelbare Nähe ihres Kör­pers! Daß er sie auf seinen Armen tragen dürste, sie nie wieder loszulassen brauchte! Sprang dieser glühende Wunsch wie ein Funke zu ihr über? Warum zuckte sie plötzlich jäh zusammen? Warum flutete purpurne Sohe über ihre Wangen? War es ihr nicht, als fielen ihr Binden von den Augen? Der Mann, der so fest an ihrem Arme hing, in dem sie bisher nur ihren besten Freund, einen Bruder gesehen hatte, er liebte sie mit der ganzen Glut seiner leidenschaftlichen Seele.

Eisiges Erschauern rann durch ihren Körper. Wirre Stimmen gellten durcheinander: Hüte dich! Er ist ja blind! Wird er sein Sehen lang bleiben, ein hilfloser Krüppel!

Doch steil reckte sich da das Mitleid in ihr auf. Trägt er denn an seinem Gebrechen die Schuld? Hätte ich nicht selbst durch mein Verhalten, durch ddn vertrauten Um­gang mit ihm das Feuer in ihm erst recht geschürt? Nein, ich darf ihm nicht zürnen. Ich selbst trage die Schuld, daß alles so gekommen ist.

Wie sollte es in Zukunft sein? Wäre es nicht Pflicht, sich größere Zurückhaltung aufzuerlegen? Wenn er erst merkte, daß sie kühler zu ihm war, würde er bei seinem feinen Empfinden sich fester in den Zügel nehmen. Und leiden! Namenlos leiden! Die einzige karge Freude, die das Sehen ihm bot, wurde ihm genommen, dann erst war er ganz einsam, ganz verlassen.

Das kann und will ich ihm nicht antun, rief es in ihr. Und wenn ich auch feine Siebe nicht erwidere, wenn er mir nach wie vor der liebe Bruder ist, Schmerzen kann ich ihm nicht bereiten. So lange er nicht von fei­ner Siebe spricht, kann alles zwischen uns bleiben wie es ist.

Rieke brachte die Geige und stellte sie auf den Flü­gel. Bruno stimmte das kostbare Instrument, während

Hete leise Akkorde auf dem Flügel anschlug. Sie be­sprachen ruhig und fachlich das Programm. Mit einem Violinkonzert von Mendelssohn wollten sie beginnen. Erstaunt schaute Hete aus. So hatte sie Bruno noch nie spielen hören, so glutvoll, aus tiefster Seele. Er nh sie mit sich, und sie wurde sich erst der ganzen Tonschöpfung so recht bewußt.

Als sie das Spiel geendet hatten, klang aus dem Ne­benzimmer das leise Bravo der Greisin. Verlegen schavk Hete zu ihrem Begleiter hin. Er stand mit selig ver- Härtern Gesicht, aller Trübsinn schien aus seinen Zügen sortgewischt zu sein.

In stürmischen Schlägen pochte des Mädchens Herz. Widerstreitende Gefühle stürmten auf sie ein. Immer wieder meinte sie eine innere Stimme zu hören: Aber ich liebe ihn doch gar nicht, kann ihn nun und nimmer lieben — wenigstens nicht so, wie er es gehofft! Und doch war alles in ihr fieberhafte Erwartung. Wenn er jetzt seinen Arm um ihren Körper legte, sie an sich zog! Großmama konnte sie von ihrem Platz aus nicht sehen. Mußte sie ihn dann nicht zurückstoßen, ihm offen her­aus sagen: Du irrst! Ich kann dir nicht angehören, selbst wenn du nicht blind wärest, würde ich dich nicht lieben können!

Die raffte alle Kraft ihres Willens zusammen. Was sie da dachte, war ja alles Unsinn. Sie tat Bruno bit­ter Unrecht, wenn sie meinte, er würde sich von feinem leidenschaftlichen Begehren hinreißen lassen. Vielleicht erwartete sie so etwas von ihm aus dem Grunde — weil — wie zögernd gestand sie es sich ein! Wie fiel es ihr schwer, ihr Urteil, das doch vorhin noch felsenfest zu stehen schien, ganz plötzlich umzustoßen! — Weil sie sich nach seiner Umarmung sehnte, weil sie plötzlich sehend geworden war und ihr Herz gebieterisch sprach: Er ist mir doch mehr als ein Bruder.

Mit zitternder Stimme fragte sie: „Wollen wir noch etwas spielen?"

Bruno zuckte zusammen, schien aus seligen Träumen zu erwachen, strich mit der freien Sinken über die glühend heiße Stirn. Er hatte sich also doch verraten! Sie wußte nun, wie es um ihn stand, war darüber er- schrocken, und nur das Mitleid hielt sie ab, sich un­willig von ihm abzuwenden. (Forts, folgt.)