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, Amtliches kreisblatt.

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis

Jlr. 276.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk. >:

Donnerstag, 1. Dezember 1927.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 5LM,, auswärts 0,20 5U. Reklamezeile: lokal 0,60 5U, auswärts 0,80 SUt. Bei Wiederholungen Rabatt. :-: Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051. :<

54.Zahrg.

Der neue Reichrhaurhalt.

Von einer besonderen unterrichteten Seite gehen uns, in Beurteilung des Reichs­haushaltsplanes für das Jahr 1928, der in den letzten Tagen fertiggestellt wurde, nach­stehende bemerkenswerte Ausführungen zu: Wie bereits bekannt geworben, ist seit einigen s^azen der Haushaltsplan für das Jahr 1928 tzMgestsM. Trotz des Bekanntwerdens dieser Tat- Me zeigte sich die Linkspresse mehr oder minder [iad erregt und warf der jetzigen Koalition zu langsames Arbeiten und Versagen vor großen Auf­gaben vor. Es überraschte deshalb allgemein, «IS vor einigen Tagen ein Interview mit Retchsfmanz- Minister Dr. Köhler über den Etat kn großen Zügen bekannt wurde. Noch mehr als diese Tat­sache mußte der Inhalt dieses Interviews über­raschen, denn der Etat Köhlers schließt ohne Fehlbetrag ab und in dem Haushaltsplan für 1928 ist keine neue Anleiheermächtigung vorgesehen. Ja, sogar zeigt der Haushaltsplan den festen Willen, die Anlecheermächtigung der Iah« 1926 und 1927 durch besondere Tilgung zu ermäßigen.

Dieses überraschende Ergebnis fit dadurch mög­lich geworden, daß im ordentlichen Etat vor allem die Verwaltungsausgaben auf Grund ein- gehender Einzelprüfung bis zum äußerst Möglichen gedrosselt worden sind.

Ter Eesamchaushalt für 1928 schließt mit 9502 Millionen ab gegenüber 9135 Millionen im Vor- jahre, also mit einem Mchr von 367 Mlllionen. Die Mehrbelastung auS dem Dawesabkommen für den Reichsetat 1928 beträgt im Verhältnis zum Vorjahre im ganzen etwa 4000 Millionen, also er­reicht der Gesanstmehihedarf des Etats noch nicht einmal die volle Höhe d«S zwangsläufigen Mehr- bedarfs für die Reparationsleistungen.

Dieses befriedigende Ergebnis dürste noch höher zu werten fein, wenn man bedenkt, daß in dem Aus- gabebedarf bereits der voraussichtliche Mehrbedarf des neuen B esoldungsgesetzes, das zur Zeit int Reichstag zur Beratung steht, sowie die Ausgaben für die Durchführung des künftigen Liquida- tionsschädengesetzes eingerechnet sind.

Der außerordentliche Haushalt beträgt 146 Millionen, die in dem Gesamtbetrag von 9502 Millionen ettthalten find. Es ist also möglich, die Ausgaben des außerordentlichen Haushalts ohne neue Inanspruchnahme des Anleihemarktes zu decken.

Der ordentliche Haushalt schlleßt mithin mit einem Ergebnis von 9 356 Millionen ab gegenüber 8 659 Millionen im Jahre 1927.

Der Netto-Haushalt, d. h. der Haushalt nach Abzug der Uebenveisungen an die Lander in Höhe von 3218 Millionen stellt sich für 1928 auf 6138 Millionen, während derjenige des verflossenen Jahres 5766 Millionen betrug. Bei diesem Mehr ist wiederum die oben genannte zwangsläufige Mehrausgabe für die Reparationen in Betracht zu ziehen, so daß der reine Netto-Haushalt ohne Repa­rationen für das kommende Jahr niedriger ist als der des Vorjahres.

Tie Ueberweisungen an die Länder haben sich gegenüber 1927 um 325 Millionen vermehrt, da­durch, daß die Einnahmen aus den Ueberweisungs- steuern und den anderen, den Ländern nach Abzug der Verwaltungskosten zukommenden Steuern höher eingestellt sind. Ferner ist zu berücksichtigen, daß bei einem Vergleich mit 1927 nur das jetzige Haus­halts-Soll zugrundegelegt ist, während sich dietat­sächlichen Mehrausgaben für 1927, die in einem Nachtragsetat noch erscheinen, wesentlich erhöhen.

Diese Verringerung aller Ausgaben ist dadurch erreicht worden, daß der Bedarf aller Reichs­ressorts im allgemeinen unter die für das Rech­nungsjahr 1927 zur Verfügung gestellten Beträge gesenkt worden ist.

Es ist besonders interessant, aus den Aeuße- ruugen des Ministers zu hören, daß der Haushalt des Reichswehrmini st eriums trotz des Mehrbedarfs an Gehältern und Löhnen in seinem Gesamtabschluß keinerlei Erhöhungen erfahren hat, sondern auf der Höhe des Bedarfs von 1927 ge­halten ist. Diese Tatsache ist die beste Antwort auf die ewigen Vorwürfe der Sozialdemokratie, wonach "die jetzige Regierung bestrebt sei, die «eichswehr heimlich immer weiter auszubauen.

Um den oben erwähnten Nachtragshqushalt für 1927, der insbesondere die Mehrausgaben für Be- Mtenbesoldung und Liquidationsschädigungen ent­hält, zu decken, werden die Mehreinnahmen aus öen Steuern des laufenden Jahres genügen. Es fieht fest nach dem Oktoberabschluß, daß mit einem Gesamtmehraufkommen von etwa 350 Millionen bestimmt gerechnet werden kann. Daneben wird auf der Ausgabeseite noch eine Reihe sehr ins Gewicht fallender Ersparnisse erzielt werden kön­nen, insbesondere infolge der durch die günstige Gestaltung des Arbeitsmarktes erzielten Erspar­nisse der Ausgaben für die Erwerbslosen- f ü r s o r g e. Diese Ersparnisse werden den Nach­tragshaushalt für 1927 einmal vollständig decken, sodann wird noch ein Ueberschuß von etwa 160 Millionen bleiben, der zur Deckung der Gesamt­ausgaben des Haushalts für 1928 herangezogen wird Es ist sogar möglich, daß atlch dann noch ein Ueberschuß bleibt. Dieser soll dann zur Ver- Ntinderung des Anleihebedarfs der Jahre 1926 und 1927 verwendet werden.

Dieser Anleihebedarf beträgt heute im= wer noch 914 Millionen, eine Tatsache, die beun­ruhigend wirken könnte. Reichsfinanzminister ^Köhler hat, um diesem andauernden Weitergleiten ein Ende zu. machen, scharf durchgegriffen durch die umfassende Einschränkung des Ertraoidinari- Ums. Es muß beachtet werden, daß Köhler in diesem Punkte es verstanden hat, den richtigen Weg aus der äußerst schwierigen Situation zu finden. Die unbedingt notwendigen Ausgaben des außerordentlichen Haushalts (zum Beispiel ; ^chiffsbauten) find in den ordentlichen Haushalt j übernommen worden und die weiterhin verbliebe- '

Ae vierte Tagung des

wtb. Genf, 30. Nov. (Eig. Funkm.) Die vierte Tagung des vorbereitenden Wrüstungsausschusfes wurde heute vormittag kurz nach 11 Uhr vom Präsidenten Loudon, dem holländischen Ge­sandten in Paris, mit einer Rede eröffnet, in der er sich kurz über den Stand der Vorarbeiten für die Abrüstungskonferenz äußerte. Der Andrang von Publikum und Presse war sehr stark. Mit Rücksicht auf die Delegation Sowjet-Rußland, das erftmalig an diesen Beratungen teilnimmt, wur­den von der Genfer Polizei umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen. So wurde der Wagen- und Autoverkehr bei beim Glassaal ,in dem die Tagung wieder abgehalten wird, gesperrt. Die Journalisten müssen sich zium ersten Mal durch mit Photographien versehene Identitätskarten ausweisen. Von den 26 einge­ladenen Staaten sind, wie bereits bei der letzten Tagung, Brasilien, Spanien und Uruguay wie­der nickt vertreten. Die 23 Staaten haben fast ausnahmlos wieder dis gleichen Vertreter entsandt, die für sie an den früheren Beratungen teilge- nommen haben. Einige namhafte Persönlichkeiten fehlen jedoch, darunter vor allem Lord Ceeil, und bet belgische Senator de Brouquere, die die Be­ratungen früher geradezu beherrscht hatten. Die Delegationen Englands und Belgiens stehen nun- mchr unter der Führung Lord Cusclenduns und Baron Montcheurs. Neben diesen beiden neuen Persönlichkeiten wird den Mitgliedern der sowjet- ruffischen Delegation am meisten Beachtung ge­schenkt.

polnische Alarmnachrichten.

Ufas geht in Litauen wirklich vor?

wtb. Warschau, 30. Ncw. (Eig. Funkm.). Ein Teil der polnischen Presie ist noch gefüllt mit aus Wilna und Riga stammenden Alarmnachrich­ten über angebliche Vorgänge in Litauen. So heißt es in einer solchen Wilnaer Nachricht: Der litauische Diktator Woldemaras hab« erklärt, daß eine von Emigranten gegründete litauische Gegen­regierung einen Vormarsch auf Kowno vorbe-

MWtO-AuWlW.

reite. Infolgedessen sei in allen litauischen Garni­sonen Alarmbereitschaft angeordnet worden. In Kowno herrsche Panikstimmung. Weiter läßt sich Glos Prawdy aus Wilna unbestätigt melden, daß Woldemaras die 3 jüngsten Jahrgänge mobi- lisiert habe, die binnen 48 Stunden unter den Waf­fen stehen müßten. Diese Mobilisation sei gegen Polen gerichtet. Außerdem soll Woldemaras nach in Kowno umlaufetmen Gerüchten sich an die deutsche und russische Regierung mit der Bitte um militärische und diplomatische Hilfe für den Fall eines polnischen Marsches nach Kowno gewandt haben. Angeblich hat die Regierung Woldemaras Deutschland als Preis für diese Unterstützung die Abtretung des Kreises Memel ver­sprochen. *

Sm englischen Unterhause führte Locker Lamp­son aus, die britische Regierung betrachte die zu­nehmende Spannung zwischen Polen und Litauen mit großer Besorgnis. Er begrüßte es aber, daß der Völkerbundsrat die Frage prüfen werde. Die Regierung habe feine Bestätigung der in den Blättern enthaltenen Alarmgerüchten er­halten und vertraue darauf, daß weder Polen noch Litauen während der Beratungen des Völkerbundes Unvorsichtigkeiten begehen würden.

Das Programm der Russen.

Wie der Sonderberichterstatter des DDZ.-Büros erfährt, wird die kurze Erklärung, die die russische Delegation im Vorbereitenden Abrüstungsausschuß abgeben wird, zur Begründung eines Antrages die­nen, der im wesentlichen den von Litwinow in Moskau gemachten Anregungen auf Förderung des Abschlusses von Nichtangriffakten und auf ganze ober teilweise Abrüstung entspricht. Da­bei sind die Nichtangriffspakte als Sonderverträge nach dem Muster der von Rußland bereits mit ei­ner Reihe von Nachbarstaaten abgeschlossenen Nicht­angriffspakte gedacht und nicht als ein genereller zahlreiche Staaten umfassender Nichtangriffspakt.

nen außerordentlichen Ausgaben, die nicht unbe­dingt dringend waren, zu einem großen Teil ge- drosielt. Er ist dabei bis an die Grenze gegangen, ote zwischen öffentlicher Sparsamkeit und Arbeits­marktforderungen liegen.

Durch dieses geschickte Dalanzieren ist somit ein weiteres Anschwellen des Anleihebedarfs ver­mieden worden. Der Reichsfinanzminister hat für die Haushaltungspolitik den gefunden privatwirt­schaftlichen Grundsatz aufgestellt und verfolgt, daß Ausgaben nur in dem Umfange gemacht werden sollen, wie sie auch taffächlich gedeckt werden können. Das ist eine bemerkenswerte Aenderung der Ansicht gegenüber früher. Noch tm vergange­nen Jahre hat man die außerordentlichen Aus­gaben im Reichstag und in der Reichsregierung ausdrücklich auf den Weg der Anleihe verwiesen und glaubte, damit das Problem gelöst zu haben. Aber die Entwicklung des Kapitalnmrktes zeigte, daß dieser Weg auf die Dauer nicht gangbar sei, und es ist erfreulich, die Tatsache feststellen zu können, daß Köhlers Finanzpolitik hier wieder den Weg der normalen Haushaltsführung zurückfand.

Der Anleihebedarf für 1926 und 1927 ist auf 1% Milliarden Mark festgesetzt worden. Durch die Februar-Anleihe dieses Jahres ist davon etwa über % Milliarde gedeckt worden. Es bleibt also noch ein ungedeckter Betrag von 900 Millionen. Um diesen zu decken, vermied Dr. Köhler den beque­men Weg einer Reichsanleihe, da er von einer solchen eine ungünstige Auswirkung auf den Kapi­talmarkt fürchten mußte. Aus diesem Grunde sind die Ausgaben für den außerordentlichen Haus­halt in dem oben erwähnten Maße zufammenge- stricken worden.

Zu diesem Sparprogramm hinzu nahm Dr. Kohler auch noch die schwierige Aufgabe der Ab­deckung des alten Anleihebedowfs auf sich. Er hat im Haushaltsgesetz für 1928 vorgesehen, daß zu­nächst der Rest des Betriebsmittelfonds in Höhe von etwa 68 Millionen zur Abdeckung des alten Anleihebedarfs verwendet wird, wodurch sich die­ser auf 852 Millionen vermindert. Darüber hin­aus werden Maßnahmen getroffen, daß der Ge­samtbetrag der außerordentlichen Ausgaben der früheren Jahre nicht vollständig im Jahrs 1928 anfällt, sondern bereits auf das vergangene Jahr verteilt wird. Die Beträge, die 1928 zu veraus­gaben sind und nicht durch die Kassenbestände vor­läufig gedeckt werden können, werden durch Be­gebung von Schatzwechseln gedeckt werden. Kohlers Finanzpolitik erstrebt hier unter allen Umständen jede irgend mögliche Verminderung und Erleichte­rung des durch den alten Anleihsbedarf geschaf­fenen Druckes, eine Politik, die für eine gesunde Haushaltsführung und Stabilhaltung der Wäh­rung grundlegend ist.

In seinem Interview kam der Reichsfinanz­minister auch auf die in der Presse wiederholt erörterte Forderung auf Ermäßigung der öffentlichen Ausgaben zu sprechen. Er führte aus, daß die Einnahmen aus Steuern, Zollen und Verbrauchsabgaben tm Etat für 1928 mit 8 692 Millionen veranschlagt werden. Das bedeutet gegenüber dem Haue Halts-Soll für 1927 ein Mehraufkommen von 942 Millionen. Die Be­sitz- und Verkehrssteuern sind auf zusammen 6 066 Millionen, die Zölle und Verbrauchsabgaben auf 2 632 Millionen geschätzt. Bemerkenswert ist bei der Schätzung der Zolle, deren Ertrag für 1928 mit 1050 Millionen iengesetzt ist, daß dieser Be­trag erheblich hinter dem voraussichtlichen Ist- Auskommen für 1927 zurückbleibt. Es handelt sich hier um den hohen Betrag von 150 Millionen.

Dieser hohe Betrag ist angesetzt, um die Auswir­kungen einer Senkung der Zölle durch die Han­delsverträge und durch die Ermäßigung gewisser autonomer Zollsätze in Rechnung zu ziehen. Auch bei der Veranschlagung der Einkommen­steuer ist auf die bekannten Gesetzesvorlagen, nach denen eine Senkung der Einkom­mensteuer erfolgen muß» bereits Rück­sicht genommen worden. Der Reichsfinanz­minister erklärt, daß die Schätzungen mit der größ­ten Vorsicht und ohne übertriebenen Optimismus vorgenommen worden seien, was aus seinen zah­lenmäßig Belegen hinlänglich bewiesen ist.

Der neue Haushaltsplan zeigt, wie man aus alledem ersehen kann, im Gegensatz zu den frühe­ren Haushaltsplänen eine erfreuliche Klarheit und Durchsichtigkeit. Zum ersten Mal ist dem Haus­haltsplan eine ßifie der bet den übertragbaren Ausgabeposten am Schluß des Jahres 1926 ver­bliebenen Ausgabereste beigegeben. Dadurch wird der Reichstag künftig in die Lage versetzt, die bisher so dunkle Frage der übertragbaren Aus­gaben eingehend zu prüfen. Durch die Veröffent­lichung der übertragbaren Ausgaben wird vermie­den, daß die einzelnen Behörden die Reste für wenig dringende Zwecke verwenden ein nicht zu unterschätzendes Moment im allgemeinen Spar­programm! Beim Wehretat waren in dieser Hin­sicht schwere Bedenken aufgetaucht.

Wenn man ein Resüme aus den Ausführun­gen Köhlers zieht, dann kann man der Befriedi­gung über die Politik des Reichsfinanzministeri­ums Ausdruck geben. Die Berliner Presse hat vor­läufig noch nicht Stellung zu den Ausführungen genommen, doch läßt sich im allgemeinen eine an­erkennende Stimmung feststellen.

Dr. Kohler hat nun Schluß mit der Schul­denpolitik gemacht. Er hat nicht nur keine Reichs­anleihe für das Jahr 1928 und keine neuen An- leiheermächtigungen vorgesehen, sondern er hat so. gar die Anleiheermächtigungen früherer Jahve er­mäßigt und hat dazu auf der anderen Seite be­reits die erheblichen Einnahmeausfälle durch die Steuer- und Zollsenkungen berechnet. Einzig und allein die starke Ausgabendrosselung» bei deren Durchführung er noch auf die dringenden Forde­rungen des Arbeitsmarktes volle Rücksicht nahm, stand ihm als Mittel zur Durchführung seines Pro- gramms zur Verfügung. Wenn er danach erklä­ren kann:Der Reichsetat 1928 schließt ohne Fehl­betrag ab und ist jedenfalls gesund", dann kann man einer uneingeschränkten Genugtuung über die Sparpolitik des Reichsfinanzministers Ausdruck geben. Möge er nun jetzt aber auch die notwen­dige Unterstützung durch den Reichstag finden, da­mit die Reichsfinanzen aus den schwierigen Ver­hältnissen der letzten Jahre zum Nutzen des Gan­zen herausgebracht werden können.

Der §all v. Reudell.

DasB. T." teilt mit, daß sich das preußische Kabinett mit dem Telegramm des Reichsinnenmi­nisters v. K e u d e l l an die Studentenversamm­lung im Zirkus Busch beschäftigt und einmütig be­schlossen hat, die erforderlichen Schritte bei der Reichsregierung zu unternehmen, damit dem preußischen Kultusminister Dr. Becker volle Genugtuung geleistet wird. Wie das Blatt hort, hat Ministerpräsident Braun an den Reichs­kanzler Dr. Marx ein Schreiben gerichtet, in dem er schärfste Verwahrung gegen die Handlungsweise des Herrn v. Keudell einlegt. Von anderer Seite hört das Blatt noch, daß das Zentrum in dieser Sache fest hinter der preußischen Regierung steht.

Der Arbeitsplan des Reichstags.

VDZ. Berlin, 30. Nov. (Eig. Funkm.). Im Reichstage fetzten am Mittwoch fast alle Aus­schüsse ihre Arbeit fort, und zwar der Haus- haltsausschuß die an der Besoldungsordnung, der Wohnungsausschuß die am Mieterschutzgesetz, der Bildungsausschuß die am Reichsschulgesetz, der so­zial-politische die an der Krankenversicherung der Seeleute ,der Strafrechtsausschuß die am neuen Strafgesetz und der Kriegsbeschädigtenausschuß die am Versorgungsgesetz. .

Der Aeltestenrat des Reichstages will am Nachmittag das weitere Programm für bte Ple narverhandlungen der nächsten Zeit feftlegen. Bis jetzt steht nur fest, daß der Reicys- tag bei feinem Wiederzusammentritt am morgigen Donnerstag zunächst die große Aussprache über die Wirtschaftslage im Anschluß an die bereits vor Monaten eingebrachte sozialde. mokratische Interpellation, an die Zentrums-Inter- pellation wegen des Aachener Wirtschaftsgebiets und an die Interpellationen verschiedener Parteien zur Tabakarbeiteraussperrung be­ginnt.

Dr Schacht spricht.

Im Verlaufe einer Wirtschaftstagung des Han- fabundes ergriff Reichsbankpräsident Dr. Schacht das Wort. Wir sind, so betonte er u. a., aus den Gedanken des Obrigkeitsstaates heraus. Wir wer­den den uns hier beschäftigenden Problemen in Deutschland nicht gereckt werden, wenn wir nicht auf allen Seiten den Willen zu gesunder Wirtschaft- und Finanzführung auf- bringen. Wir wollen unsere eigene Kon - tro lle schaffen. Das Ausland wird uns vielmehr Kredit und Vertrauen schenken, wenn wir diesen Willen beweisen. Zeigen Sie mir, so schloß Dr, Schacht, in ganz Europa noch einmal ein Volk, das durch seine Arbeitsamkeit, durch feinen Willen zur Ordnung und durch seinen eisernen Fleiß, nicht zuletzt auch durch seine Dpferroilligteit einen solchen festen Charakter gezeigt hat wie das Deutsche Volk. Wir wollen dafür sorgen, daß unser Kredit gesund bleibt, indem wir eine oerantroortungs» volle Wirtschafts- und Finanzpolitik treiben.

* Seine Konkordatsverhandlungen in Baden. Nach einer Meldung derNeuen Badischen Lan- deszeitung" aus Karlsruhe ist die in anderen Bläh tern verbreitete Meldung völlig unrichtig, daß in Baden Konkordatsverhandlungen im Gange wa­ren. Solche können dementsprechend auch nicht ins Stocken geraten sein.

* Der Kamps gegen das Deutschtum in Tirol. Der in Brunneck erscheinendePustenthaler Bote" erhielt von der italienischen Polizeihehörde die Mit. teilung .daß er ab 1. Dezember ds. Js. nicht mehr in deutscher Sprache, sondern ausschließlich in ita­lienischer Sprache zu erscheinen habe.

Die neue belgische Regierung.

Aus Brüssel wird gemeldet: Ministerpräfi dent Jaspar verlas in der Kammer die Regie­rungserklärung, in der es heißt: Die neue Regie­rung ist gewillt, den finanziellenundwirt- schaftlichen Ausbau zu vollenden und das Problem der Reorganisation der Ar­mee zu lösen. Sie wird das Werk internationa­ler Zusammenarbeit und Befriedigung fortsetzen und alle Anstrengungen machen, um zu einer Vol­lendung der Revision der Verträge von 1839 zu gelangen und dafür sorgen, daß, unsere wesentlichen Interessen, namentlich hinsichtlich unserer Aus­gänge nach dem Meer und dem Rhein geschützt wer- den.' Das Werk der wirtschaftlichen Expansion wird fortgesetzt werden. Das gesamte belgische Gebiet muß gegen Einbruch oder Besetzung von außen geschützt werden. Dies wird durch die Festigkeit der Derteidigungsmittel geschehen, die zusammen mit den Verträgen eine Bürgschaft für die Unverletz­barkeit des Bodens Belgiens bilden. Die Regie­rung wird unverzüglich eine Vorlage über das Grenzverteidigungssystem einbringen,' und einen aus Parlamentariern und Militärs gebildeten ge­mischten Ausschuß einsetzen ,der alle die Heeresor- ganisation und namentlich die Dienstzeit betreffen­den Fragen prüfen wird. Zur Ausführung der von der Regierung geplanten großen öffentlichen Arbeiten wird keine neue Anleihe not­wendig sein. Die Kosten werden durch einen Teil der von Deutschland zu leistenden Repara­tionszahlungen gedeckt werden.

Ende einer Prager Sorge.

Beilegung des Konfliktes mit den ffchechoslowatt scheu Eisenbahnern.

wtb. Prag, 30. Nov. (Eig. Funkm.). Eisen­bahnminister Najman empfing gestern die Dertre- ter der Eisenbahn-Organisation und teilte ihnen die Stellungnahme des Ministeriums zu ihren For­derungen mit. Wie das Prager Tageblatt erfährt, wurden zwischen dem Ministerium und den Eisen­bahnern ein Einverständnis erzielt. Der Gefamtaufwand für die Forderungen der Eisen­bahner wird 85 Millionen Kronen ausmachen. Die Zulagen werden noch vor Weihnachten ausbezahlt. Gleichzeitig wird auch die Beförderung der außer­etatsmäßigen Angestellten auf freiwerdende etats­mäßige Stellen durchgeführt. Der Konflikt zwi­schen den Eisenbahnern und der Eisenbahnverwal­tung kann damit als beendet angesehen werden.

* Frankreichs neuer Mann in Rom. Der fran­zösische Ministerrat hat die Ernennung des bis­herigen Direktors im Außenministerium, d e Beaumarchais, zum französischen B o t - schafter in Rom offiziell vollzogen, nachdem das Agrement der italienischen Regierung einaetroffen üt