NnrrlinnMtt W W. (E MM. W15 Kg.)
, Amtliches kreisblatt.
Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis
Jlr. 276.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk. >:
Donnerstag, 1. Dezember 1927.
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54.Zahrg.
Der neue Reichrhaurhalt.
Von einer besonderen unterrichteten Seite gehen uns, in Beurteilung des Reichshaushaltsplanes für das Jahr 1928, der in den letzten Tagen fertiggestellt wurde, nachstehende bemerkenswerte Ausführungen zu: Wie bereits bekannt geworben, ist seit einigen s^azen der Haushaltsplan für das Jahr 1928 tzMgestsM. Trotz des Bekanntwerdens dieser Tat- Me zeigte sich die Linkspresse mehr oder minder [iad erregt und warf der jetzigen Koalition zu langsames Arbeiten und Versagen vor großen Aufgaben vor. Es überraschte deshalb allgemein, «IS vor einigen Tagen ein Interview mit Retchsfmanz- Minister Dr. Köhler über den Etat kn großen Zügen bekannt wurde. Noch mehr als diese Tatsache mußte der Inhalt dieses Interviews überraschen, denn der Etat Köhlers schließt ohne Fehlbetrag ab und in dem Haushaltsplan für 1928 ist keine neue Anleiheermächtigung vorgesehen. Ja, sogar zeigt der Haushaltsplan den festen Willen, die Anlecheermächtigung der Iah« 1926 und 1927 durch besondere Tilgung zu ermäßigen.
Dieses überraschende Ergebnis fit dadurch möglich geworden, daß im ordentlichen Etat vor allem die Verwaltungsausgaben auf Grund ein- gehender Einzelprüfung bis zum äußerst Möglichen gedrosselt worden sind.
Ter Eesamchaushalt für 1928 schließt mit 9502 Millionen ab gegenüber 9135 Millionen im Vor- jahre, also mit einem Mchr von 367 Mlllionen. Die Mehrbelastung auS dem Dawesabkommen für den Reichsetat 1928 beträgt im Verhältnis zum Vorjahre im ganzen etwa 4000 Millionen, also erreicht der Gesanstmehihedarf des Etats noch nicht einmal die volle Höhe d«S zwangsläufigen Mehr- bedarfs für die Reparationsleistungen.
Dieses befriedigende Ergebnis dürste noch höher zu werten fein, wenn man bedenkt, daß in dem Aus- gabebedarf bereits der voraussichtliche Mehrbedarf des neuen B esoldungsgesetzes, das zur Zeit int Reichstag zur Beratung steht, sowie die Ausgaben für die Durchführung des künftigen Liquida- tionsschädengesetzes eingerechnet sind.
Der außerordentliche Haushalt beträgt 146 Millionen, die in dem Gesamtbetrag von 9502 Millionen ettthalten find. Es ist also möglich, die Ausgaben des außerordentlichen Haushalts ohne neue Inanspruchnahme des Anleihemarktes zu decken.
Der ordentliche Haushalt schlleßt mithin mit einem Ergebnis von 9 356 Millionen ab gegenüber 8 659 Millionen im Jahre 1927.
Der Netto-Haushalt, d. h. der Haushalt nach Abzug der Uebenveisungen an die Lander in Höhe von 3218 Millionen stellt sich für 1928 auf 6138 Millionen, während derjenige des verflossenen Jahres 5766 Millionen betrug. Bei diesem Mehr ist wiederum die oben genannte zwangsläufige Mehrausgabe für die Reparationen in Betracht zu ziehen, so daß der reine Netto-Haushalt ohne Reparationen für das kommende Jahr niedriger ist als der des Vorjahres.
Tie Ueberweisungen an die Länder haben sich gegenüber 1927 um 325 Millionen vermehrt, dadurch, daß die Einnahmen aus den Ueberweisungs- steuern und den anderen, den Ländern nach Abzug der Verwaltungskosten zukommenden Steuern höher eingestellt sind. Ferner ist zu berücksichtigen, daß bei einem Vergleich mit 1927 nur das jetzige Haushalts-Soll zugrundegelegt ist, während sich dietatsächlichen Mehrausgaben für 1927, die in einem Nachtragsetat noch erscheinen, wesentlich erhöhen.
Diese Verringerung aller Ausgaben ist dadurch erreicht worden, daß der Bedarf aller Reichsressorts im allgemeinen unter die für das Rechnungsjahr 1927 zur Verfügung gestellten Beträge gesenkt worden ist.
Es ist besonders interessant, aus den Aeuße- ruugen des Ministers zu hören, daß der Haushalt des Reichswehrmini st eriums trotz des Mehrbedarfs an Gehältern und Löhnen in seinem Gesamtabschluß keinerlei Erhöhungen erfahren hat, sondern auf der Höhe des Bedarfs von 1927 gehalten ist. Diese Tatsache ist die beste Antwort auf die ewigen Vorwürfe der Sozialdemokratie, wonach "die jetzige Regierung bestrebt sei, die «eichswehr heimlich immer weiter auszubauen.
Um den oben erwähnten Nachtragshqushalt für 1927, der insbesondere die Mehrausgaben für Be- Mtenbesoldung und Liquidationsschädigungen enthält, zu decken, werden die Mehreinnahmen aus öen Steuern des laufenden Jahres genügen. Es fieht fest nach dem Oktoberabschluß, daß mit einem Gesamtmehraufkommen von etwa 350 Millionen bestimmt gerechnet werden kann. Daneben wird auf der Ausgabeseite noch eine Reihe sehr ins Gewicht fallender Ersparnisse erzielt werden können, insbesondere infolge der durch die günstige Gestaltung des Arbeitsmarktes erzielten Ersparnisse der Ausgaben für die Erwerbslosen- f ü r s o r g e. Diese Ersparnisse werden den Nachtragshaushalt für 1927 einmal vollständig decken, sodann wird noch ein Ueberschuß von etwa 160 Millionen bleiben, der zur Deckung der Gesamtausgaben des Haushalts für 1928 herangezogen wird Es ist sogar möglich, daß atlch dann noch ein Ueberschuß bleibt. Dieser soll dann zur Ver- Ntinderung des Anleihebedarfs der Jahre 1926 und 1927 verwendet werden.
Dieser Anleihebedarf beträgt heute im= wer noch 914 Millionen, eine Tatsache, die beunruhigend wirken könnte. Reichsfinanzminister ^Köhler hat, um diesem andauernden Weitergleiten ein Ende zu. machen, scharf durchgegriffen durch die umfassende Einschränkung des Ertraoidinari- Ums. Es muß beachtet werden, daß Köhler in diesem Punkte es verstanden hat, den richtigen Weg aus der äußerst schwierigen Situation zu finden. Die unbedingt notwendigen Ausgaben des außerordentlichen Haushalts (zum Beispiel ; ^chiffsbauten) find in den ordentlichen Haushalt j übernommen worden und die weiterhin verbliebe- '
Ae vierte Tagung des
wtb. Genf, 30. Nov. (Eig. Funkm.) Die vierte Tagung des vorbereitenden Wrüstungsausschusfes wurde heute vormittag kurz nach 11 Uhr vom Präsidenten Loudon, dem holländischen Gesandten in Paris, mit einer Rede eröffnet, in der er sich kurz über den Stand der Vorarbeiten für die Abrüstungskonferenz äußerte. Der Andrang von Publikum und Presse war sehr stark. Mit Rücksicht auf die Delegation Sowjet-Rußland, das erftmalig an diesen Beratungen teilnimmt, wurden von der Genfer Polizei umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen. So wurde der Wagen- und Autoverkehr bei beim Glassaal ,in dem die Tagung wieder abgehalten wird, gesperrt. Die Journalisten müssen sich zium ersten Mal durch mit Photographien versehene Identitätskarten ausweisen. Von den 26 eingeladenen Staaten sind, wie bereits bei der letzten Tagung, Brasilien, Spanien und Uruguay wieder nickt vertreten. Die 23 Staaten haben fast ausnahmlos wieder dis gleichen Vertreter entsandt, die für sie an den früheren Beratungen teilge- nommen haben. Einige namhafte Persönlichkeiten fehlen jedoch, darunter vor allem Lord Ceeil, und bet belgische Senator de Brouquere, die die Beratungen früher geradezu beherrscht hatten. Die Delegationen Englands und Belgiens stehen nun- mchr unter der Führung Lord Cusclenduns und Baron Montcheurs. Neben diesen beiden neuen Persönlichkeiten wird den Mitgliedern der sowjet- ruffischen Delegation am meisten Beachtung geschenkt.
polnische Alarmnachrichten.
Ufas geht in Litauen wirklich vor?
wtb. Warschau, 30. Ncw. (Eig. Funkm.). Ein Teil der polnischen Presie ist noch gefüllt mit aus Wilna und Riga stammenden Alarmnachrichten über angebliche Vorgänge in Litauen. So heißt es in einer solchen Wilnaer Nachricht: Der litauische Diktator Woldemaras hab« erklärt, daß eine von Emigranten gegründete litauische Gegenregierung einen Vormarsch auf Kowno vorbe-
MWtO-AuWlW.
reite. Infolgedessen sei in allen litauischen Garnisonen Alarmbereitschaft angeordnet worden. In Kowno herrsche Panikstimmung. Weiter läßt sich Glos Prawdy aus Wilna unbestätigt melden, daß Woldemaras die 3 jüngsten Jahrgänge mobi- lisiert habe, die binnen 48 Stunden unter den Waffen stehen müßten. Diese Mobilisation sei gegen Polen gerichtet. Außerdem soll Woldemaras nach in Kowno umlaufetmen Gerüchten sich an die deutsche und russische Regierung mit der Bitte um militärische und diplomatische Hilfe für den Fall eines polnischen Marsches nach Kowno gewandt haben. Angeblich hat die Regierung Woldemaras Deutschland als Preis für diese Unterstützung die Abtretung des Kreises Memel versprochen. *
Sm englischen Unterhause führte Locker Lampson aus, die britische Regierung betrachte die zunehmende Spannung zwischen Polen und Litauen mit großer Besorgnis. Er begrüßte es aber, daß der Völkerbundsrat die Frage prüfen werde. Die Regierung habe feine Bestätigung der in den Blättern enthaltenen Alarmgerüchten erhalten und vertraue darauf, daß weder Polen noch Litauen während der Beratungen des Völkerbundes Unvorsichtigkeiten begehen würden.
Das Programm der Russen.
Wie der Sonderberichterstatter des DDZ.-Büros erfährt, wird die kurze Erklärung, die die russische Delegation im Vorbereitenden Abrüstungsausschuß abgeben wird, zur Begründung eines Antrages dienen, der im wesentlichen den von Litwinow in Moskau gemachten Anregungen auf Förderung des Abschlusses von Nichtangriffakten und auf ganze ober teilweise Abrüstung entspricht. Dabei sind die Nichtangriffspakte als Sonderverträge nach dem Muster der von Rußland bereits mit einer Reihe von Nachbarstaaten abgeschlossenen Nichtangriffspakte gedacht und nicht als ein genereller zahlreiche Staaten umfassender Nichtangriffspakt.
nen außerordentlichen Ausgaben, die nicht unbedingt dringend waren, zu einem großen Teil ge- drosielt. Er ist dabei bis an die Grenze gegangen, ote zwischen öffentlicher Sparsamkeit und Arbeitsmarktforderungen liegen.
Durch dieses geschickte Dalanzieren ist somit ein weiteres Anschwellen des Anleihebedarfs vermieden worden. Der Reichsfinanzminister hat für die Haushaltungspolitik den gefunden privatwirtschaftlichen Grundsatz aufgestellt und verfolgt, daß Ausgaben nur in dem Umfange gemacht werden sollen, wie sie auch taffächlich gedeckt werden können. Das ist eine bemerkenswerte Aenderung der Ansicht gegenüber früher. Noch tm vergangenen Jahre hat man die außerordentlichen Ausgaben im Reichstag und in der Reichsregierung ausdrücklich auf den Weg der Anleihe verwiesen und glaubte, damit das Problem gelöst zu haben. Aber die Entwicklung des Kapitalnmrktes zeigte, daß dieser Weg auf die Dauer nicht gangbar sei, und es ist erfreulich, die Tatsache feststellen zu können, daß Köhlers Finanzpolitik hier wieder den Weg der normalen Haushaltsführung zurückfand.
Der Anleihebedarf für 1926 und 1927 ist auf 1% Milliarden Mark festgesetzt worden. Durch die Februar-Anleihe dieses Jahres ist davon etwa über % Milliarde gedeckt worden. Es bleibt also noch ein ungedeckter Betrag von 900 Millionen. Um diesen zu decken, vermied Dr. Köhler den bequemen Weg einer Reichsanleihe, da er von einer solchen eine ungünstige Auswirkung auf den Kapitalmarkt fürchten mußte. Aus diesem Grunde sind die Ausgaben für den außerordentlichen Haushalt in dem oben erwähnten Maße zufammenge- stricken worden.
Zu diesem Sparprogramm hinzu nahm Dr. Kohler auch noch die schwierige Aufgabe der Abdeckung des alten Anleihebedowfs auf sich. Er hat im Haushaltsgesetz für 1928 vorgesehen, daß zunächst der Rest des Betriebsmittelfonds in Höhe von etwa 68 Millionen zur Abdeckung des alten Anleihebedarfs verwendet wird, wodurch sich dieser auf 852 Millionen vermindert. Darüber hinaus werden Maßnahmen getroffen, daß der Gesamtbetrag der außerordentlichen Ausgaben der früheren Jahre nicht vollständig im Jahrs 1928 anfällt, sondern bereits auf das vergangene Jahr verteilt wird. Die Beträge, die 1928 zu verausgaben sind und nicht durch die Kassenbestände vorläufig gedeckt werden können, werden durch Begebung von Schatzwechseln gedeckt werden. Kohlers Finanzpolitik erstrebt hier unter allen Umständen jede irgend mögliche Verminderung und Erleichterung des durch den alten Anleihsbedarf geschaffenen Druckes, eine Politik, die für eine gesunde Haushaltsführung und Stabilhaltung der Währung grundlegend ist.
In seinem Interview kam der Reichsfinanzminister auch auf die in der Presse wiederholt erörterte Forderung auf Ermäßigung der öffentlichen Ausgaben zu sprechen. Er führte aus, daß die Einnahmen aus Steuern, Zollen und Verbrauchsabgaben tm Etat für 1928 mit 8 692 Millionen veranschlagt werden. Das bedeutet gegenüber dem Haue Halts-Soll für 1927 ein Mehraufkommen von 942 Millionen. Die Besitz- und Verkehrssteuern sind auf zusammen 6 066 Millionen, die Zölle und Verbrauchsabgaben auf 2 632 Millionen geschätzt. Bemerkenswert ist bei der Schätzung der Zolle, deren Ertrag für 1928 mit 1050 Millionen iengesetzt ist, daß dieser Betrag erheblich hinter dem voraussichtlichen Ist- Auskommen für 1927 zurückbleibt. Es handelt sich hier um den hohen Betrag von 150 Millionen.
Dieser hohe Betrag ist angesetzt, um die Auswirkungen einer Senkung der Zölle durch die Handelsverträge und durch die Ermäßigung gewisser autonomer Zollsätze in Rechnung zu ziehen. Auch bei der Veranschlagung der Einkommensteuer ist auf die bekannten Gesetzesvorlagen, nach denen eine Senkung der Einkommensteuer erfolgen muß» bereits Rücksicht genommen worden. Der Reichsfinanzminister erklärt, daß die Schätzungen mit der größten Vorsicht und ohne übertriebenen Optimismus vorgenommen worden seien, was aus seinen zahlenmäßig Belegen hinlänglich bewiesen ist.
Der neue Haushaltsplan zeigt, wie man aus alledem ersehen kann, im Gegensatz zu den früheren Haushaltsplänen eine erfreuliche Klarheit und Durchsichtigkeit. Zum ersten Mal ist dem Haushaltsplan eine ßifie der bet den übertragbaren Ausgabeposten am Schluß des Jahres 1926 verbliebenen Ausgabereste beigegeben. Dadurch wird der Reichstag künftig in die Lage versetzt, die bisher so dunkle Frage der übertragbaren Ausgaben eingehend zu prüfen. Durch die Veröffentlichung der übertragbaren Ausgaben wird vermieden, daß die einzelnen Behörden die Reste für wenig dringende Zwecke verwenden — ein nicht zu unterschätzendes Moment im allgemeinen Sparprogramm! Beim Wehretat waren in dieser Hinsicht schwere Bedenken aufgetaucht.
Wenn man ein Resüme aus den Ausführungen Köhlers zieht, dann kann man der Befriedigung über die Politik des Reichsfinanzministeriums Ausdruck geben. Die Berliner Presse hat vorläufig noch nicht Stellung zu den Ausführungen genommen, doch läßt sich im allgemeinen eine anerkennende Stimmung feststellen.
Dr. Kohler hat nun Schluß mit der Schuldenpolitik gemacht. Er hat nicht nur keine Reichsanleihe für das Jahr 1928 und keine neuen An- leiheermächtigungen vorgesehen, sondern er hat so. gar die Anleiheermächtigungen früherer Jahve ermäßigt und hat dazu auf der anderen Seite bereits die erheblichen Einnahmeausfälle durch die Steuer- und Zollsenkungen berechnet. Einzig und allein die starke Ausgabendrosselung» bei deren Durchführung er noch auf die dringenden Forderungen des Arbeitsmarktes volle Rücksicht nahm, stand ihm als Mittel zur Durchführung seines Pro- gramms zur Verfügung. Wenn er danach erklären kann: „Der Reichsetat 1928 schließt ohne Fehlbetrag ab und ist jedenfalls gesund", dann kann man einer uneingeschränkten Genugtuung über die Sparpolitik des Reichsfinanzministers Ausdruck geben. Möge er nun jetzt aber auch die notwendige Unterstützung durch den Reichstag finden, damit die Reichsfinanzen aus den schwierigen Verhältnissen der letzten Jahre zum Nutzen des Ganzen herausgebracht werden können.
Der §all v. Reudell.
Das „B. T." teilt mit, daß sich das preußische Kabinett mit dem Telegramm des Reichsinnenministers v. K e u d e l l an die Studentenversammlung im Zirkus Busch beschäftigt und einmütig beschlossen hat, die erforderlichen Schritte bei der Reichsregierung zu unternehmen, damit dem preußischen Kultusminister Dr. Becker volle Genugtuung geleistet wird. Wie das Blatt hort, hat Ministerpräsident Braun an den Reichskanzler Dr. Marx ein Schreiben gerichtet, in dem er schärfste Verwahrung gegen die Handlungsweise des Herrn v. Keudell einlegt. Von anderer Seite hört das Blatt noch, daß das Zentrum in dieser Sache fest hinter der preußischen Regierung steht.
Der Arbeitsplan des Reichstags.
VDZ. Berlin, 30. Nov. (Eig. Funkm.). Im Reichstage fetzten am Mittwoch fast alle Ausschüsse ihre Arbeit fort, und zwar der Haus- haltsausschuß die an der Besoldungsordnung, der Wohnungsausschuß die am Mieterschutzgesetz, der Bildungsausschuß die am Reichsschulgesetz, der sozial-politische die an der Krankenversicherung der Seeleute ,der Strafrechtsausschuß die am neuen Strafgesetz und der Kriegsbeschädigtenausschuß die am Versorgungsgesetz. .
Der Aeltestenrat des Reichstages will am Nachmittag das weitere Programm für bte Ple narverhandlungen der nächsten Zeit feftlegen. Bis jetzt steht nur fest, daß der Reicys- tag bei feinem Wiederzusammentritt am morgigen Donnerstag zunächst die große Aussprache über die Wirtschaftslage im Anschluß an die bereits vor Monaten eingebrachte sozialde. mokratische Interpellation, an die Zentrums-Inter- pellation wegen des Aachener Wirtschaftsgebiets und an die Interpellationen verschiedener Parteien zur Tabakarbeiteraussperrung beginnt.
Dr Schacht spricht.
Im Verlaufe einer Wirtschaftstagung des Han- fabundes ergriff Reichsbankpräsident Dr. Schacht das Wort. Wir sind, so betonte er u. a., aus den Gedanken des Obrigkeitsstaates heraus. Wir werden den uns hier beschäftigenden Problemen in Deutschland nicht gereckt werden, wenn wir nicht auf allen Seiten den Willen zu gesunder Wirtschaft- und Finanzführung auf- bringen. Wir wollen unsere eigene Kon - tro lle schaffen. Das Ausland wird uns vielmehr Kredit und Vertrauen schenken, wenn wir diesen Willen beweisen. Zeigen Sie mir, so schloß Dr, Schacht, in ganz Europa noch einmal ein Volk, das durch seine Arbeitsamkeit, durch feinen Willen zur Ordnung und durch seinen eisernen Fleiß, nicht zuletzt auch durch seine Dpferroilligteit einen solchen festen Charakter gezeigt hat wie das Deutsche Volk. Wir wollen dafür sorgen, daß unser Kredit gesund bleibt, indem wir eine oerantroortungs» volle Wirtschafts- und Finanzpolitik treiben.
* Seine Konkordatsverhandlungen in Baden. Nach einer Meldung der „Neuen Badischen Lan- deszeitung" aus Karlsruhe ist die in anderen Bläh tern verbreitete Meldung völlig unrichtig, daß in Baden Konkordatsverhandlungen im Gange waren. Solche können dementsprechend auch nicht ins Stocken geraten sein.
* Der Kamps gegen das Deutschtum in Tirol. Der in Brunneck erscheinende „Pustenthaler Bote" erhielt von der italienischen Polizeihehörde die Mit. teilung .daß er ab 1. Dezember ds. Js. nicht mehr in deutscher Sprache, sondern ausschließlich in italienischer Sprache zu erscheinen habe.
Die neue belgische Regierung.
Aus Brüssel wird gemeldet: Ministerpräfi dent Jaspar verlas in der Kammer die Regierungserklärung, in der es heißt: Die neue Regierung ist gewillt, den finanziellenundwirt- schaftlichen Ausbau zu vollenden und das Problem der Reorganisation der Armee zu lösen. Sie wird das Werk internationaler Zusammenarbeit und Befriedigung fortsetzen und alle Anstrengungen machen, um zu einer Vollendung der Revision der Verträge von 1839 zu gelangen und dafür sorgen, daß, unsere wesentlichen Interessen, namentlich hinsichtlich unserer Ausgänge nach dem Meer und dem Rhein geschützt wer- den.' Das Werk der wirtschaftlichen Expansion wird fortgesetzt werden. Das gesamte belgische Gebiet muß gegen Einbruch oder Besetzung von außen geschützt werden. Dies wird durch die Festigkeit der Derteidigungsmittel geschehen, die zusammen mit den Verträgen eine Bürgschaft für die Unverletzbarkeit des Bodens Belgiens bilden. Die Regierung wird unverzüglich eine Vorlage über das Grenzverteidigungssystem einbringen,' und einen aus Parlamentariern und Militärs gebildeten gemischten Ausschuß einsetzen ,der alle die Heeresor- ganisation und namentlich die Dienstzeit betreffenden Fragen prüfen wird. Zur Ausführung der von der Regierung geplanten großen öffentlichen Arbeiten wird keine neue Anleihe notwendig sein. Die Kosten werden durch einen Teil der von Deutschland zu leistenden Reparationszahlungen gedeckt werden.
Ende einer Prager Sorge.
Beilegung des Konfliktes mit den ffchechoslowatt scheu Eisenbahnern.
wtb. Prag, 30. Nov. (Eig. Funkm.). Eisenbahnminister Najman empfing gestern die Dertre- ter der Eisenbahn-Organisation und teilte ihnen die Stellungnahme des Ministeriums zu ihren Forderungen mit. Wie das Prager Tageblatt erfährt, wurden zwischen dem Ministerium und den Eisenbahnern ein Einverständnis erzielt. Der Gefamtaufwand für die Forderungen der Eisenbahner wird 85 Millionen Kronen ausmachen. Die Zulagen werden noch vor Weihnachten ausbezahlt. Gleichzeitig wird auch die Beförderung der außeretatsmäßigen Angestellten auf freiwerdende etatsmäßige Stellen durchgeführt. Der Konflikt zwischen den Eisenbahnern und der Eisenbahnverwaltung kann damit als beendet angesehen werden.
* Frankreichs neuer Mann in Rom. Der französische Ministerrat hat die Ernennung des bisherigen Direktors im Außenministerium, d e Beaumarchais, zum französischen B o t - schafter in Rom offiziell vollzogen, nachdem das Agrement der italienischen Regierung einaetroffen üt