M Wjtlmmner 10 Plü- (mit Ullstr. Vkilage 15 M.1 uldaerZertung Anzeiger für die Skadk Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Dienstag, 22. November 1927.
Nr. 268
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.
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polen.
Die Auslösung des Sejms und des Senates.
wtb. Warschau, 21. Nov. (Eig. Funkm.). Dize- ministcrpräsident Dr. Bartel bestätigte in einer einem polnischen Pressevertreter gewährten Unterredung, daß Sejm und Senat am 28. ds. Mts. mit Ablauf der Legislaturperiode durch Regierungsdekret aufgelöst werden. Die Neuwahlen würden dann im Februar stattfinden.
* Kundgebungen in London für die arbeitslosen Bergleute. Auf dem Trafalgarsquare versammelten sich etwa 10 000 Personen, um eine Abordnung von 270 arbeitslosen Bergarbeitern zu begrüßen, die in elf Tagen zu Fuß von Süd-Wales nach London gewandert sind. Sie wollen bei Baldwin um eine Unterredung nachsuchen, um ihn auf die große Arbeitslosigkeit und das Elend in den Bergwerksdistrikten hinzuweisen und unverzüglich das Eingreifen der Regierung zu fordern.
Vie Kommunisten in der Türkei.
Aus Konstantinopel wird gemeldet: Auf Grund der Untersuchungen sind nunmehr 64 Kommunisten wegen ihrer Propagandatätigkeit in der Türkei verhaftet worden. 35 wurden in Konstantinopel, 22 in Adana und 7 in Smyrna in Haft genommen. Die Behörden ergreifen energische Maßnahmen gegen die Abgesandten der Roten Internationale, deren Intrigen bereits einen großen Umfang angenommen haben. Wie festgestellt wurde, sind verschiedene Angestellte der Arcos kompromittiert.
poincarös Wahlrede.
Der französische Ministerpräsident Poincare hielt auf dem Abschiedsbankett des republikanischen Komitees für Handel, Industrie und Landwirtschaft eine Rede, in der er auf die F o r t s ch r i t t e d e r Finanzgesundung in Frankreich hin- wies und erklärte, wenn man der Ansicht fei, daß wir auf dem rechten Wege sind, dann muß man uns unterstützen und helfen. Wenn man glaubt, daß wir uns geirrt haben oder uns täuschen, so muß man sobald wie möglich das Experiment einstellen oder die Männer, die es versuchten, durch andere ersetzen. Poincare sprach sich alsdann für eine Politik der Sparsamkeit sowie für Auf- rechterhaltungdesFriedensim Innern und gegenüber dem Auslande aus und schloß mit einem Aufruf zur Einigkeit.
prasidentschaftswahl in Amerika.
Aus Washington wird gemeldet: Nach den Ermittelungen, die das „National Republik Magazine" unter den Verlegern und Politikern des ganzen Landes anstellte, werden Herbert H o o- ner und A. L. Smith an der Spitze der Republikanischen bezw. der Demokratischen Partei 1928 die Präsidentschaftskampagne führen. Von den bei der Umfrage abgegebenen Stimmen erhielt Hoover von den Republikanern 844 Stimmen. Frank Lov- den 766, Charles Hughes 333. Dawes 148, während auf demokratischer Seite Smith 1071 Stimmen seinem Gegenkandidaten, dem Senator Reed von Missouri, der nur 274 Stimmen bekam, weit überlegen ist. Die Probeabstimmung wurde in der Annahme vorgenommen, daß Coolidge nicht kandidieren werde.
Vie Frauen für den Frieden.
Der erste Friedenskongreß der internationalen Frauenorganisationen wurde beendet. In den letzten Sitzungen hatte u. a. der Vorsitzende der Abrüstungssektion des Völkerbundes, Prof. Ma- d a r i a g a (Spanien) das Abrüstungsproblem behandelt, während das österreichische Parlamentsmitglied, Frau Emmy Freundlich, für eine Gleichberechtigung der Kolonialvölker eintrat.
Die Konferenz nahm schließlich eine Reihe von Entschließungen an, in denen u. a. die Durchführung der in Genf empfohlenen Wirtschaftspolitik, Beseitigung der Handelsschranken, eine weitgehende allgemeine Abrüstung und eine glückliche Weiterentwicklung des Schiedsgerichtsgedankens, insbesondere die allgemeine vorbehaltslose Annahme der Fakultativklausel bezüglich des Haager Internationalen Gerichtshofes gefordert wird. Dis einzelnen Frausnorganisationen der verschiedenen Länder werden beauftragt, in diesem Sinne auf Regierung. Parlament und öffentliche Meinung ihres Landes einzuwirken. Die Konferenz beschloß schließlich, in absehbarer Zeit eine weitere Stu- dienkonferenz einzuberufen. Als Tagungsort dieser Konferenz wurde Berlin ausersehen.
Die Elsässer.
Havas berichtet aus Straßburg: Der Vorsitzende der elsaß-lothringischen Autonomiepartei, Dr. Roos, und der Vorsitzende des elsässischen Oppositionsblockes, Baron Zorn Claus v. Bu- I o ch, haben den Zusammenschluß ihrer Parteien in eine „regionale unabhängige Partei" befchlosien.
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Die von der französischen Regierung verbotene Zeitschrift „Zukunft" hat eine Nummer i m e l s ä s- fischen Dialekt abgefaßt herauszugeben versucht. Die Exemplare wurden auf Weisung des Präfekten beschlagnahmt.
Die belgische Kabinettskrise.
„Derniere H e u r e", ein in Brüsiel erscheinendes Blatt, sagt, daß die kritische Lage der belgischen Regierung nicht allein auf die m i l r- tarische Frage zurückzuführen sei. Zwischen dem Jndustrieminister Wauters und dem Ministerpräsidenten Iaspar bestehe eine Meinungsverschiedenheit über die Finanzierung der in dem Programm der großen öffentlichen Arbeiten vorgesehenen Errichtung von Elektrizitätswerken. Weitere Schwierigkeiten beständen zwischen dem Landwirtschaftsminister Baels und Iaspar bezüg- lich des Planes des Baues eines Kanals zwischen der Schelde und dem Terneuzen-Kanal.
Mit einem Ausscheiden der Sozialisten rechnet man nicht. Es soll vielmehr das ganze Kabinett seine Depression erbitten.
• Deutsch-bulgarischer Kulturaustausch. In Sofia fand die feierliche Eröffnung der Leseräume der unlängst gegründeten Gesellschaft für deutsch-bulgarische Kulturannäherung statt. Der deutsche Gesandte, Dr. Rümelin, der österreich. Legationsrat v. Schmidt sowie viele hervorragende Persönlichkeiten waren zu der Feierlichkeit er- schienen.
Europäische Unruheherde.
Aus Rußland kommen sehr nervöse Stimmen über das polnisch-litauische Verhältnis. Die russische Presse verbreitet Meldungen, wonach in Polen aggresive Absichten gegenüber Litauen beständen. Polen wollte die litauische Frage gewaltsam lösen. Im Kreise Pilsudskis drängten sich Elemente vor, so heißt es, die dazu rieten, das Beispiel Zeligowsskis nachzuahmen, der einst das Wilnagebiet besetzt und für Polen annektiert habe. Polen solle sich ganz Litauen einverleiben. dann wäre die litauische Frage gelöst und der Völkerbund brauche sich nicht mehr damit zu befassen. Die russische Presse ist schon ziemlich berüchtigt wegen ihrer Alarmmeldungen. Und auch jetzt scheint ihre Art der Betrachtung der polnisch-litauischen Schwierigkeiten durchaus unberechtigt zu sein. Die polonisierten litauischen Emigranten in Polen und in Westdeutschland scheinen allerdings fortwährende Unruhestifter zu sein und Mit allhrhand Plänen die Politik zu verfolgen, Litauen in Abhängigkeit von Polen zu bringen. Pilsudski, der polnische Diktator, aber dürfte sich wohl hüten, mit gewaltsamen Streichen europäische Streitigkeiten zu entfachen. Einmal würde sich Rußland eine Annexion Litauens durch Polen nicht gefallen lassen, auf der anderen Seite aber hat sich PAsudski mit seiner kürzlich in Amerika aufgenommenen Anleihe von Washington derart abhängig gemacht, daß er sich wohl überlegen wird, sein Land den gefahren kriegerischer Auseinandersetzungen auszusetzen. Der Lärm so mancher polnischer Nationallisten, daß Rußland mit seinem Lettland-Vertrag Lettland in seine Abhängigkeit gebracht habe, und ein polnischer Gegenzug unumgänglich sei, dürfte darum nicht das erwartete Echo finden.
Sehr unheilschwanger liegen die Verhältnisse aber in Rumänien, wo das Urteil des Kriegsgerichtes in Bukarest im Fall Manoilescus, des Abgesandten Carols, gezeigt hat, daß die Anhänger dieses im Exil befindlichen Prinzen stärker sein müssen, ass man im Ausland bisher hat glauben wollen. Es ist der rumänischen Presse verboten, Erörterungen über den Thronfolgerstreit anzustellen. Das Urteil des Gerichts aber kann natürlich nicht geheim bleiben und muß die Zahl der Anhänger Carols naturgemäß mit großer Werbekraft vermehren. Inzwischen hat die Parlamentsopposikion der Bauernpartei, die Carol günstig ist, eine scharfe Attacke gegen die Regierung Bratianu geritten, wobei es auf beiden. Seiten zu heftigen Drohungen gekommen ist. Die Bauernpartei hat durch die Vereinigung mit der Gruppe Averescu inzwischen eine merkliche Verstärkung erfahren. Diese Bereinigung ist auch deshalb bedeutsam, weil man aus der kurzen Regierungszeit Averescus im vorigen Jahr weiß, welche engen Verbindungen zwischen ihm und dem italienischen Diktator Mussolini bestehen. Die italienische Presse hat die Freisprechung Manoilescus mit auffallendem Jubel begleitet und dabei es an Hoffnungen auf einen Wiederaufstieg Averescus nicht fehlen lassen. Die Gesamtlage Rumäniens reizt den „Corriere della Sera" zu folgenden Gemütsäußerungen: „Die Wiedergeburt des großen Donaulandes lateinischer Geschlechter ist gewiß. Sie kann nicht anders denn zusammenfallsn mit einer herzlichen Wiederannäherung an Italien, ein Ereignis, das wir mit geduldiger Zuneigung abwarten und mit brüderlicher Uneigennützigkeit herbeisehnen." In einem Wiederauferstehen der Partei Avarescus im Verein mit den Anhängern Carols und der Bauernpartei sieht also Italien den Anbruch eines innigen Freundschaftsverhältnisses, woraus zu schließen ist, daß Italien der Partei Carols zuneigt
So ist es denn nicht verwunderlich, daß dieselbe „Corriere della Sera" die Freisprchung Manoilescus als ein Gegengewicht zur Unterzeichnung des französisch-südslawischen Vertrages empfindet. Triumphierend weist man darauf hin, daß es Frankreich noch nicht gelungen sei, alle Balkanhauptstädte in seine Botmäßigkeit zu bringen. Man ist also in Rom keineswegs geneigt, der Friedensschalmei mit Andacht und Sympathie zuzuhören, die Briand nach der Unterschrift unter Sen südslawisch - französischen Vertrag zu Rasen versucht hat. Briand hatte davon gesprochen, daß dieser neue Freundschaftsvertrag jedem anderen Lande gestattet, ihm beizutreten. Diese Bemerkung war gerade nach Italien hin gesprochen. Aber in Rom hält man sich die Ohren zu. Ja, >ie faschistische Presse ist noch immer gefüllt mit heftigen Ausfällen gegen die französische rnd südslawische Politik. Cs finden ruch Kundgebungen gegen die beiden Länder ftati, die allerdings als Gegenkundgebungen gegen Demonstrationen gegen Italien in Jugoslawien bezeichnet werden. Diese sind bekanntlich von ter Belgrader Regierung unterdrückt worden. „Italien wird von Frankreich eingekreist" ist ein Ruf, ter in der italienischen Presse jetzt immer wieder Erhoben wird.
Wenn der Völkerbundsrat im nächsten Monat zusammenftitt, sollte er sich mit allen diesen Fragen befassen, denn die Unruhekerme, die sich in Osteuropa und im Verhältnis Italiens zu den Balkanstaaten zeigen, wie auch der Balkanstaaten untereinander, bergen in sich schwere Gefahren für den europäischen Frieden.
Die Wiedereröffnung des Reichstags.
VDZ. Berlin, 21. Nov. (Eig. Funkm.) Auf der Tagesordnung der Reichstagssitzung, die morgen stattfindet, steht neben kleinen Vorlagen das Handelsabkommen mit Frankreich. Einzelne Fraktionen haben bereits Sitzungen einberufen. So treten die Demokraten heute nachm. zusammen, die Deutschnationalen und die Deutsche Volkspartei am Dienstag vor der Plenarsitzung.
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VDZ. Berlin, 21. Nov. (Eig. Funkm.). Dem Reichstage ist jetzt der Gesetzentwurf über die Schaffung des endgültigen Reichswirtschaftsrates zugegangen. Er soll nach der Vorlage aus 151 Mitgliedern bestehen, die von der Reichsregierung auf Grund von Vorschlägen der Vertretungen der Unternehmer, der Arbeitnehmer und sonst beteiligter Volkskreise oder auf Grund von Ernennungen durch die Reichsregierung oder den Reichsrat einberufen werden.
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wtb Braunschweig, 21. Nov. (Eig. Funkm.) Die Tagung des Zentralvorstandes der Deutschen V o l k s p a r t e i, zu der u. a. Reichsminister a. D. Dr. Scholz, Reichsminister Dr. Curtius, Geheimrat Prof. Dr. Kahl, und zahlreiche Mitglieder der Länderregierungen und Parlamente, im ganzen über 300 stimmberechtigte Mitglieder des Zentralvorstandes erschienen sind, wurde heute vormittag vom Parteivorsitzenden, Reichsminister Dr. Stresemann eröffnet. Dann nahm Reichstagsabgeordneter Geheimrat Dr. Runkel das Wort zu seinem Vortrag über das Reichsschulgesetz.
Die Großstädte gegen Dr. Schacht.
Eine scharfe Erklärung gegen die Politik des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht hat der Präsident des deutschen Städtetages, d. s. die zusammengeschlossenen Deutschen Großstädte, Dr. M u l e r t in der Sitzung des Bayerischen Städtebundes in München abgegeben. In einer mehrfach von starkem Beifall unterbrochenen Rede bemerkte Dr. Mulert gegen Schachts Ausführungen in Bochum:
Es ist bekannt, daß Schacht kein Freund der öffentlichen Wirtschaft ist und sie im Gegenteil lieber heute
als morgen verschwinden sähe. Wenn Schacht sagt, es sei ein Unterschied, ob ein Privcitwirtschaster 'eine Haut zu Markte trage ober die Verwalter der öffentlichen Hand die Haut ihrer Steuerzahler, so zeigt das, daß Schacht die Dinge in ihrem Zusammenhänge nicht sehen will. Die Behauptung Dr. Schachts über ben Anteil der öffentlichen Hanb von zweieinhalb Milliarden an ben runb fünfeinhalb Milliarden langfristiger deutscher Ausländsanleihen ist nicht richtig. Ich stelle fest, baß der Antell der Gemeinden an ben Auslandsanlechen etwa zehn Prozent beträgt und fvmit recht bescheiden ist Wenn Schacht behauptet, daß keine einzige kommunale Auslandsan- leche notwendig wäre, wenn die Städte Luxus- bezw. nicht dringliche Ausgaben unterlassen würben, so stelle ich fest: Die Luxusausgaben machen im Etat der Gemeinden nach den Erhebungen des Städtetages nur ein halbes Prozent aus. Ich begreife nicht, wie ein Mann, der im öffentlichen Leben steht, eine derartige Behauptung aufstellen kann. Wenn so etwas ein Mann sagen würde, der die Dinge nicht kennt, dann müßte man darüber die Achseln zucken; wenn es aber einer besser weiß und doch sagt, bann ist das einfach unbegreiflich. Ich glaube freilich nicht, daß Schacht jetzt anderer Meinung werden wirb. Die Wirtschaft würde sich freilich wundern, wenn sich beim Ausscheiden der Kommunen aus der wirtschaftlichen Betätigung das Heer der Arbeitslosen nicht um Hunderttausende, sondern um Fünfhunderttausene vermehren würde.
Die Vorsicht des Herrn Reichsbankpräsidenien will uns besser gefallen als der Optimismus des Herrn Mulert. Wer offenen Auges durch die heutigen Großstädte geht, sieht deutlich, daß dort die „öffentliche Wirtschaft" nicht im Einklang steht mit der Lage eines durch den Verlust des Weltkrieges stark verschuldeten Volkes.
Die Kleinrentner-Frage.
VDZ. Berlin, 21. Nov. (Eig. Funkm.) Wie das Nachrichtenbüro des VDZ. hört, wird sich das Reichskabinett am Dienstag mit dem von den Demokraten eingebrachten Entwurf eines R e n t - nerverforgungsgefetzes beschäftigen und voraussichtlich endgültig zu diesem Entwurf Stellung nehmen. In der Sitzung des sozial-völkischen [Ausschusses des Reichstages am Mittwoch wird eine Regierungserklärung darüber erwartet.
* Preußischer Slaalsrat Reinhard gestorben. Im Krankenhaus zu Osnabrück verschied an den Folgen einer Operation der Geheime Justizrat, Amtsgerichtsrat im Ruhestand, Franz Reinhard. Von 1903 bis 1918 gehörte Reinhard als Vertreter der Zentrumspartei dem preußischen Abge- vrdnetenhause an. 1922 wurde er in den preußi- kchen Staatsrat berufen..
Radikaler Seift.
Brief aus Sachsen.
Im Jahre 1920—23, in denen die radikale Linke in Sachsen so „flott" regierte, daß schfteß- lich eine Reichsexekutive zur Herstellung der Ordnung nötig wurde, hatten uns gelehrt, daß der Radikalismus die soziale Lage des, Volkes wohl mit Worten aber nicht in der Praxis bessert. Sie hatten uns gelehrt, daß im Gegenteil dieses System das Dolksvermögen verzehrt. Da das Wort sozial nun einmal bei den Sozialdemokraten sowohl wie bei den Kommunisten die größte Rolle spielt, und das Volk immer wieder mit diesem Wort geblendet wird, so ist es notwendig, gerade von dieser Seite her den Linkstendenzen sich entgegen zu stellen. Und wahrlich: es hätte sich 1923 gelohnt, dem Volke an hundert Beispielen zu zeigen, wie erstens bei der Auswahl von Fuhrer- persönlichkeiten für wichtige Staats- und Verwaltungsämter nicht die geistige und moralische Qualität maßgebend war, sondern lediglich das Auftreten als radikaler Parteimann, und daß zweitens unter dem Schutze solcher „verantworüicher Männer" wohl eine Bereicherung gewisier Emzel- kreise und Einzelpersonen, nicht ober des Volkes eintrat. Um das zu erläutern, hätte man dann nicht auf Krassin, den russischen Leiter der Finanzen, zurückgreisen brauchen, der bei seinem Tode ein Vermögen von 60 Millionen Goldrubel hinterließ, womit sich seine kommunistische Tochter eine französische Herzogskrone kaufen konnte, auch nicht einmal auf die Person des sächsischen sozialistischen Minister Präsidenten Zeigner, dessen politische Laufbahn wegen Bestechlichkeit im Gefängnis endete — das Treiben der Kleinen und Halbgroßen gab Beispiele genug.
Die volkstümliche Geschichte ist nicht geschrieben worden. Leider — denn damit wurde eine Aufklärung versäumt, die großen Massen des Volkes doch zu denken gegeben hätte. Die sächsische SoziaDemokratie hat die vom MchtsozHasismus versäumte Zeit als günstige Gelegenheit ausgenutzt. Sie war keineswegs entmutigt, als sie nach dem gewaltigen, staatspolitischen Fiasko ihrer Führer anfänglich erhebliche Wahleinbußm erlitt. Sie vertraute in der Tat auf die „Gut- mütigkeit" und Vergeßlichkeit der übrigen Parteien. Und sie orientierte sich — abgesehen von dem kleinen Teil der Alffozialisten — nicht nach der gemäßigten Seite, sondern verharrte parter- gemäß in ihren Methoden. Und wenn nunmehr in den letzten Monaten die Wahlen in verschie- denen Teilen des Reiches eine neue recht bedeu- tende Linksschwenkung erkennen lassen, so ist die Radikafisierung in Sachsen gegenwärtig bestrmmt am weite st en vorgeschritten.
So sehr die sozialdemokratische Presse rein äußerlich auch gegen die Kommunisten zu Felde zieht, um den guten Ton zu wahren, so nähert sie sich in ihren Tendenzen doch ganz und gar d» ess er radikalsten Linken. Den Stand des Radikalismus kann man immer am besten an einem gewissen Maß von U n wahrhaftigkeit erkennen, womit politische, wirtschaftliche und kulturelle Probleme behaiwelt werden. Wenn man in einer gewißen bestim- t e n Art wirffchaftliche, soziale Forderungen stellt, die an sich unerfüllbar sind, so erweckt man damit im Volke den festen Glauben, die Forderungen seien erfüllbar. Die Forderungen der sächsischen Sozialdemokraten gehen heute über jedes Maß hinaus und richten eine verheerende Wirkung in der Auffassung der Leserschaft an. Willkürlich werden Zahlen genannt,, werden Zustände ganz anders geschildert als sie sind. Ständen die Sozialdemokraten am sächsischen Staatsruder — wir lebten im Paradiese und es gäbe keine A.» men mehr. Gegen das Reichsschulgesetz wird besonders stark mit allen Tütteln der Leidenschaft gekämpft. Die falsche Auslegung von Paragraphen und Bestimmungen ist die Grundlage dieses Kampfes. Eine besondere Regsamkeit geht darauf hinaus, bestimmte Verwaltungsstellen in die Hand zu bekommen, um von hier aus die „soziale Tätigkeit" großzügig aufzunehmen.
Niemand wird sagen, daß im heutigen Staat schon alles gut und sozial fei Es ist noch vieles recht unsozial. Aber darauf kommt es hier nicht an. Hier ist der täglich wachsende radikale und fanatische Geist gemeint, der über jedes Maß hinausgeht, und der über kurz oder lang — wenn keine außergewöhnliche Methoden von den nichtsozialistischen Parteien angeschlagen werden — bei den Kommuni st en enden und eine Vereinigung der beiden Parteien mit sich bringen wird.
Die Dresdner Sozialdemokraten wollen mil Gewalt den derzeitigen Oberbürgermeister der Stadt Dresden entfernen und einen radikalen Parteimann an seine Stelle bringen. Die erste Etappe auf diesem Wege ist zurückgelegt. Vor kurzem war die Wahl des zweiten Bürgermeister?, (Die Stelle war seit Ausscheiden des früheren Reichsministers Dr. Külz unbesetzt). Die Sozialdemokraten haben einen der ihrigen darchgebracht Und zwar mit Hilfe der Kommunisten und zwei Volksrechtlern. Die gemäßigten Altsozialisten stimmten dagegen.
Zunächst stellte sich etwas sehr Peinliches nach der Wahl heraus. Der gewählte Sozialdemokrat stellte so hohe Gehaltsforderungen, daßsieüber das Gehalt des Oberbürgermeisters h i n a u s g i n g e n. Um die Oeffentlichkest zu beruhigen, griff die sozialdemokratische Presse zum alten Mittel und behauptete einfach, daß die For- derungen „garnicht so hoch" seien. In diesen Fall übertrumpft sie sogar die Kommunisten. dH