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Sonntag, 2«. November 1927.
Zur Wahlfrage.
Die rechtsstehende „R h e i nis ch-W estfä- tische Zeitung" sNr. 68) wendet sich gegen die Annahme, daß bei einer Neuaufteilung, besonders der wsstdetuschen Stimmbezirke in Einmann-Wahlkreise derartig viel Stimmen für die Rechtsparteien verloren gehen müßten, daß sie einer entscheidenden Reihe von Mandaten dadurch verlustig crehen würden. Angesichts der wahlpoliüschen Interessenlosigkeit der Wähler sei die Gefahr großer Mandatsverluste trotz des Listenwahlsystems besonders für die „nationalen" Parteien in Westdeutschland viel größer. Bei Betrachtung dieser Seite der sogenannten „Wahlmüdigkeit" würden sich die Rechtsparteien vielleicht doch etwas mehr mit der so absolut notwendigen Wahlgesetzreform befreunden.
Wir begrüßen diese Stellungnahme, die zu erkennen gibt, daß nun auch von einer Seite, die bisher sehr zögernd an die Erörterung der Wahlfrage herangegangen rft, die Notwendigkeit der Behandlung dieses Problems betont wird. Gerade das Ergebnis so mancher in den letzten Wochen vorgenommenen Wahlen zeigt deutlich den Mangel einer engen Verbindung zwischen Wählerschaft und Kandidaten, und diese engere Verbindung herzustellen, müssen Mittel und Wege gesucht werden, um das Interesse der Bürger an den politischen Wahlen zu beleben.
Die Presse muß immer wieder diese Reform fordern, damit das Parlament auf diesem Gebiet seine Pflicht tut.
* Sammlungen für die Hinterbliebenen Nungessers und Lolis. Nach dem „Matin" ist der Mutter Nungessers ein größerer Betrag, der zugunsten der Familien Nungessers und Coli gesammelten Summen überreicht worden. Der endgültige Betrag, den jede Familie der beiden ums Leben gekommenen Flieger erhält, wird auf 1 265 845 Franken berechnet, hinzu kommt für jede der beiden Familien die Hälfte von 350 000 Franken, die von der Witwe des bekannten französischen Philantropen Deutsch de la Meuthe gestiftet wurden.
* Einbruch in die Lühowsche Familiengruft. In der T e s s i n e r Forst bei Wittenburg in Mecklenburg wurde ein Einbruch in die Familiengruft der Familie v. Lötzow verübt. Für die Ergreifung der Gruftschänder ist eine Belohnung ausgesetzt. Man vermutet, daß es sich um Berliner Einbrecher handelt.
Vie Reichseinnahmen im Oktober.
Die Einnahmen des Reichs an Steuern, Zöllen und Abgaben haben im Oktober 1927 bei den Besitz- und Derkehrssteuern 718 9, bei den Zöllen und Verbrauchsabgaben 251,6, insgesamt 970,5 Millionen Reichsmark erbracht. Dieses Ergebnis des Oktobers muß, wie das Reichsfinanzministerium mitteilt, als g ü n st i g angesprochen werden. Ob sich eine weitere günstige Entwicklung der Steuereinnahmen erhoffen läßt, hängt von der Wirtschaftslage ab. In den ersten sieben Monaten des Rechnungsjahres sind im ganzen 5085,9 Millionen Reichsmark an Steuern, Zöllen und Abgaben ausgekommen, also 565,1 Millionen Rm. mehr, als die sieben Zwölftel des Jahressolls von 7750 Millionen Rm. betragen. Da jedoch in diesen Zeitraum drei Monate fallen, m denen Vorauszahlungen auf die Einkommen-, Korperschafts- und Umsatzsteuer zu entrichten waren, wogegen in die restlichen fünf Monate nur ein solcher Monat fallt, läßt sich aus dieser Gegenüberstellung noch kein bestimmter Schluß daraus ziehen, um welche Betrage das Gesamtjahressoll tatsächlich überschritten werden wird.
Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer AcNendruckerei, Fulda
Rund um dle Woche.
Schinderhannes und das enkzückke Fräulein. — Nakur und „natürlich". — Eltern und Kinder. — Die Postsparkasse.
Vor der Bühne, über die eben Zuckermayers Schinderhannes geht, sitzen Er und Sie oder auch Cie und Er. Als der Räuberhauptmann nun frech wird und gröblich flucht, wie das für einen Schinderhannes ja durchaus zur Rolle gehört, da ist Er entsetzt und findet das unerträglich. Sie aber sagt begütigend: „Aber wozu denn die Aufregung, Männe? Das ist so natürlich ... Ja, wirklich ganz natürlich ist es, und das Natürliche ist doch immer schön . . ." Nun soll es der teuren Sie verziehen sein, daß sie Kunst und Natur verwechselt, und sie ahnt wohl gar nicht, daß sie da einem höchst verdächtigen künstlerischen Naturalismus gehuldigt hat. Wahrscheinlich hat sie überhaupt nicht an Kunst gedacht, wie es wohl bei unzähligen in unfern Theatern der Fall sein dürfte, und sie hat nicht etwa sagen wollen, es sei der Schinderhannes vom Künstler gut getroffen worden, und er fluche auf der Szene genau so, wie er am Ende im Leben geflucht haben wird — nein, sie sah nur diesen Grobian von Räuberhauptmann, hörte seine burleske Sprache und fand dieses Sichgehenlassen eines bewunderten Menschen höchst „natürlich". Und das nehme ich ihr übel, denn sie ist doch eine Frau, und sie sollte als Frau besser in Sachen der Natur Bescheid wißen. Nur das entschuldigt sie, daß sie einer allgemein verbreiteten Unsitte unterlegen ist und also nur eine unter den vielen Dummen.
Schaut man nämlich in die Natur, so wird man bald finden, daß sie sich nirgend und niemals gehen läßt. Es gibt nichts Geordneteres und dem Gesetze mehr Verpflichtetes als die uns umgebende Natur. Der Baum wächst durchaus nicht wie er mag, sondern wie er soll. Die Sterne torkeln keineswegs am Himmel herum wie angeheiterte Wirtshausbesucher, die sich in „natürlichster" Weise auf der Straße benehmen, sondern sie laufen präzis wie auf unsichtbaren Schienen. Mineral- und Pflanzen- und Tierwelt sind nicht ungebändigte Natürlichkeit, sondern gebundene Natur. Ausnahmslos sind sie tadellos erzogen und benehmen sich, wie es sich für sie geziemt. Der Mensch allein ist so ungezogen, daß er bisweilen vom Pfad des Gesetzes abweicht, und er ist so frech, wie nur ein Schinderhannes, indem er diese seine Laune, seine Regellosigkeit, seinen Mangel an Erziehung Natur nennt oder Natürlichkeit. Erst ein Leben, das die Freiheit ins Gesetz gefügt hat, verdient den Namen eines natürlichen Lebens, und man sollte sich hüten, den Kindern ihre Unarten, ihren Eigensinn und dergleichen nur darum durchgehen zu lassen, weil das so „natürlich" ist.
Freilich kommt beim Menschen da etwas in Betracht, was man heute gemeiniglich übersieht, was dann weiter dazu führt, daß man in Erziehung und im öffentlichen Leben unpädagogisch und sogar unpraktisch wird. Des Menschen Natur ist nämlich nicht mehr in allem schön geordnet, und es ist immer die Sünde der Eva noch in ihr wirksam. Daher kommt es, daß der Mensch, wenn er einfach seiner Natur folgt, sehr schnell unter die geordnete Natur hinabsinkt. Wer seiner eigenen Nase nachgeht und sich damit beruhigt, der wird bald merken, daß er nicht gerade geht, sondern im Kreise herum und schief und falsch. Wer beim Tanzen, und seien es die schönsten rhythmischen Tänze, vergißt, daß es neben der Kunst dabei auch
eine böse Leidenschaft gibt, der tanzt bald vom Parkett in den Sumpf. Hier liegt die große Irrlehre Rousseaus, von der man nicht meinen sollte, daß sie noch heute einen großen Teil unserer Pädagogen beherrscht. Auch in der Kunst wurde schon oft behauptet, daß dem Reinen alles rein sei, dabei aber vergessen, daß es diesen reinen Menschen heute nur noch selten gibt und daß die Reinheit etwas ist, das der Mensch immer in zerbrechlichen Gefäßen trägt. Bildung soll das Echte im Menschen herausbilden. Sie muß zu dem Zweck das Unrechte entfernen. Sie muß das genau so tun wie der Meister, der aus einem kantigen Marmorblock ein Bild der Kunst formt. In diesem Sinne ist Erziehung Kunst und nicht Natur .. .
Das allerdings ist ein wundervoll schönes Unternehmen, aus einem Kinde den guten Kern herausbilden. Meine Mutter hat mir erzählt, daß ich schon in der Wiege mehr Flaschen zerbrochen habe als alle meine Dutzend Geschwister ziusam- men. Ach, was es ihr wohl eine Freude gewesen ist, mich so phlegmatisch und geduldig zu machen, wie ich heute bin. Was richtige Eltern sind, so wissen sie, daß sie erst sich selbst erziehen müssen, ehe sie das an ihren Kindern tun. Dann aber haben sie das Vergnügen, aus ihren Kindern nach und nach so honette und brave Leute zu machen, wie sie es selber sind. Dann werden sie an der rechten Stelle Geduld haben und an der rechten Stelle auch Kraft. Der Spiegel des Kindes gibt ihr eigen Bild zirrück, und es ist doch auch schon beim Reiter so, daß das Pferd, auf dem er sitzt, genau so ruhig oder so unruhig ist, wie sein Herr. Erzieher, die nicht Kinder bleiben, indem sie sich selbst dauernd weiter erziehen, sollen sich nicht einbilden, aus ihrem Kinde irgendetwas machen zu können, es sei denn etwas höchst „Natürliches", man kann auch sagen. Unerzogenes. Ich bin nicht für Schnürbrüstchen und Koifettenge, aber die Form, die durch die Natur selbst vorgezeichnet ist, die sollten wir alle langsam erwerben.
Ganz auf die Stimme dieser edlen Natur horchend, würden wir dann auch alles andere ihrem Sinne gemäß tun. Wie leicht würde dann das Regieren und wie funktionierte der Staat beinahe von selber. Die Natur nämlich hat es an sich, daß sie nicht von außen her ihr Gesetz an die Dinge schreibt, sondern daß sie es in den Dingen selber verwirklicht. Wie viele Landräte, Richter, Polizisten und wie viele Beamte könnten wir sparen, wollten wir uns nur ein wenig mehr nach der Natur einrichten. Wir brauchten dann keinen Sparkommissar, am allerwenigsten einen von Amerika, den man uns sicher noch einmal auf die Nase setzt. Kein Mensch aber wundert sich heute mehr, wenn irgendwo ein Pferd am Schwanz aufgezäumt wird. So sollen jetzt die Postsparkassen cingeführt werden, und es berechnen die Herren, was der Staat dabei verdient. Gewiß, er wird verdienen. Tausende wird er wieder anstellen können und schwer bezahlen. Ohne Umwege werden neue Kapitalien dem großen Haushalt zufließen. Aber gib Acht, denn es wird hier doch wahrhaftig ein Pferd am Schwanz aufgezäumt, diefesmal ein amtliches und staatliches. Haben wir nicht Sparkassen genug? Kann man den Prozentsatz nicht regeln? Sind die freien Kräfte, die da arbeiten, nicht nützlicher W den Staat, als ein neues
Heer von Angestellten? Warum soll die offizielle Poft das tun, was das Streben der Menschen von sich allein schon machen wird? Sagte da neulich ein eifriger Großstadtkaplan zu seinem Freunde von der Nachbarkirche: Gott sei Dank, nun haben wir selbst die Schulkinder organisiert — was rote« der einen Generalsekretär, ein paar Landessekretäre, Geschäftszimmer usw. pp. mit sich bringt — ist das nicht herrlich? Worauf ihm der Freund mit trockener Miene antwortete: Das ist noch gar nichts. Wir organisieren bereits die Säuglinge und planen zu.dem eine organisatorische Erfassung der noch Ungeborenen . . . Städte, Länder. Reich, alles muß jetzt neu geordnet werden. Macht? nur nicht kompliziert. Einmal kommt es doch heraus, wenn man ein Pferd am Schwanz aufzäumt. Man braucht kein Prophet zu sein, um zu behaupten, daß das eine sehr unsaubere Reiterei wird..,
Der Mann im Monde.
* Selbstmord eines Großindustriellen infolge finanzieller Schwierigkeiten. Der kaufmännische Direktor der Hüttenwerke Stadler, Kommandttge- sellschaft in Nürnberg, Heinrich Stadler sen., der außerdem führende Stellungen in anderen industriellen Unternehmungen innehatte, hat sich er» schossen. Der Grund zur Tat dürfte darin zu suchen sein, daß die Stadlerschen Unternehmungen in letzter Zeit unter Mangel an Betriebsmitteln stark zu leiden hatten. — Nach einer weiteren Meldung ist über die Hüttenwerke Stadler u. Co. Kommanditgesellschaft in Haspe in Westfalen Konkurs eröffnet, ferner über die mit 600 000 Mark Kapital gegründeten ^Bereinigten Hüttenwerke Heinrich Stadler A.-G. in Burgkundstadt. Zur besseren Abwicklung der Bankgeschäfte hatte der Verstorbene in der Inflationszeit die Metallbank in Nürnberg gegründet, die aber vor einigen Monaten infolge finanzieller Schwierigkeiten liauidi-ri ^"i-de. Wertere noch bestehende Gründungen des Verstorbenen sind die Heinrich Stadler Werke Handelsgesellschaft mit dem Sitz Berlin, die Metallwerke, Stadler A.-G. in Bamberg und die Hüttenwerke Stadlers u. Co., Kommanditgesellschaft in Nürnberg. Falls nicht besondere finanzielle Schwierigkeiten noch im Laufe der Zeit hervortreten, werden diese drei Firmen vermutlich ihre Geschäfte fortsühren können.
* Tod eines bekannten Gerichtschemikers. Im Alter von 73 Jahren starb in Berlin der weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannte Gerichtschemiker Dr. I e s e r i ch an einem Herzschmg.
* Ausbruch einer Scharlachepidemie. Wie dem „B. T." aus Rummelsburg gemeldet wird, ist dort unter den Schulkindern eine Scharlachepidemie ausgebrochen. Es sind bereits 35 meist schwere Fälle gemeldet. Schon vor den Herbstferien mußten die Schulen in Rummelsburg einmal wegen Massenerkrankungen an Scharlach geschlossen werden. ________________
Wie wird das Wetter?
lieber Südwesteuropa kommt neuerdings eine Tiefdruckstörung zur Ausbildung. Warme Luftmassen dringen von Süden her vor und strömen nordwärts. Sie werden in unserem Bezirk sehr wahrscheinlich nur ein leichtes und vorübergehendes Ansteigen der Temperaturen bringen. Da das Hochdruckgebiet über Skandinavien sich noch wesentlich verstärkt hat, wird es sehr wahrscheinlich in den nächsten Tagen die Witterung bestimmend beeinflussen, sodaß bald wieder ein Temperaturrückgang Eintreten wird.
Aussichten bis Sonntag abend: Wolkig, teilweise Nie- derschläge, nach anfänglicher Erwärmung wieder Tem- peraturrückgang, östliche bis nordöstliche Winde.
öcsudil die 5. Fuldaer wcUinadils-Nesse
vom 16. Dis ZO. November in len Stnltsülen Besuchszeit: 11 Uhr vom. bis 8 Uhr abends.
MESSEFÜHRER (Preis 20 Pfg.) berechtigt zum einmaligen ° Auf die Nummer des Messefahrer» achten
Besuch der Messe und zur Teilnahme an der Besucher- ------------------- und denselben aufbewahren! ■ —1
Prämiierung. Kinder nur in Begleitung Erwachsener Zutritt Während der Messe Stadtkraftpost-Haltestelle
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Kuhauge.
Ein Jahr im Sibirien des Admirals Kollschak.
Von Eberhard Sauer, Fulda.
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3.
Die klare Helle des nächsten Morgens weckte die Schläfer und lockte sie vor die Tür ihrer Wohnung, die sich als ein nettes kleines Häuschen auswies und außer dem großen Zimmer noch eine Küche mit allerdings zerbrochenem Herde enthielt. Das Depot war auf einer ansteigenden Fläche erbaut, auf deren höchster Erhebung sich das Haus der Freunde befand. Unmittelbar upter ihnen lag das Verwaltungsgebäude, rechts und in der Tiefe dehnten sich die Magazine, links auf der Anhöhe lagen einige Wohnhäuser. Vor diesen war ein Wirtschaftshof mit einem Brunnen als Mittelpunkt, Scheunen, Dorratskellern und Stallungen. Außerhalb des umhegten Raumes erblickten sie das Schienengewirr des Irkutsker Rangierbahnhofs, die roten Kasernen des Milttärverpflegungspunktes und als Abschluß im Norden das Bergufer der Angara. Aus der Ebene stieg der Rauch der kleinen Dörfer, die grünen Kuppeln des Woßnefenski-Klosters verschleiernd. Nach Westen schlaf sen weitere große Magazine den Blick ab, nach Osten der waldige Rücken des Irkutsker Bahnhofsstadtteils, über dem welligen Gelände hn Süden tauchten die letzten Ausläufer großer Birkenwaldungen auf. SckMauch träumte bei ihrem Anblick sofort von ausgedehnten Jagdunternehmungen, ohne feines Rheumatismus mit einem Worte zu, gedenken.
Die Feuerstelle der verflossenen Nacht wurde rasch wieder in Bettieb gesetzt, aber beim Frühstücken fest- gestellt, daß die Eßvorräte zu Ende gingen und damit das Gespräch auf all das gelenkt, was die Unterkunft zu wünschen übrig ließ. Plötzlich öffnete sich die Tür, und ein nicht großer, hagerer Mann trat ein, der sie sogleich sorgfältig hinter sich verschloß. Er trug einen abgeschabten Mantel mit gänzlich zerriebenen, braunen Samttragen und karrierten Harmonikahosen. Auf dem Kopfe hatte er eine russische, ebenfalls sehr verbrauchte Militärmütze, an der eine ganz neue Zarenkokarde befestigt war. Seine lange Nase schob das Gesicht gewissermaßen nach vorn, ein Eindruck, den der dünne, etwas nach oben gedrehte Schnurbart noch verstärkte. Seine farblosen Augen waren gutmütig, aber aus- - druckslos.
Die sechs sahen dem unvermutet Aufgetauchten erwartungsvoll entgegen. Er lächelte zunächst der Gesamtheit, dann noch jedem einzelnen aufmunternd zu ftnd erkundigte sich sodann mit überraschender Höflichkeit, ob die Herrn — er sagte tatsächlich Herrn — gut geschlafen und bereits gefrühstückt hätten; trotz seiner überaus kümmerlichen Erscheinung sprach er sehr rein und deutlich, wußte sogar einen gewissen Wohlklang in seine Sätze zu legen. Als ihm seine Fragen bejaht wurden, forderte er die Herrn auf, sich zunächst den Genuß einer Morgenzigarette zu gönnen und verschwand so unvermittelt, wie er gekommen, wohl um damit anzuheuten, daß sich die Herrn ihrer eigenen Rauchvorräte bedienen sollten und er nicht etwa daran dachte, aus eigenen Schätzen einen Beitrag zur Verfügung zu stellen.
Seine seltsame Erscheinung beschäftigte die sechs, es wurde von mehreren Seiten behauptet, daß ein Gesichtsausdruck mit dem einer Kuh eine unverkennbare Uebereinstimmung habe. Sodann wurden abenteuer- liche Vermutungen an seinen Abgang geknüpft, Schmauch hoffte, daß er Brot holen werde, Schiffer war überzeugt, daß er so schnell fortgerannt sei, um für eine Verbesserung der Unterkunft Sorge zu tragen. Wasserholz verwunderte sich, daß er garnicht nach den Ingenieuren. geftagt habe, woraus er schloß, daß er nur ein sehr untergeordneter Beamter sein müsse'. Sanftgemuf beeilte sich, seine Höflichkeit hervorzuheben, die zu den besten Erwartungen berechtige. Lehmbruch zerbrach sich den Kopf, ob man gleich nach seiner Rückkehr, oder erst nach Einrichtung der Wohnung, sicher aber nicht später wegen der zu erwartenden Löhne mit ihm verhandeln solle. Ws Uebelstand wurde empfunden, daß man keinen Namen für den neuen Brotherrn wußte und Schurp sprach allen aus der Seele, als er ausrief: „Da kommt ja das Kuhauge wiederl"
Kuhauge, wie auch wir den liebenswürdigen Herrn nennen wollen, befand sich diesmal in der Begleitung des Russen vom vorigen Abend. Er forderte unverändert freundlich die sechs auf, ihm zu folgen, da er eine ganz kleine Arbeit für sie habe. Aber er fand wenig Gegenliebe, man erklärte ihm, daß man zuerst Brot haben wolle. Der angesichts dieser glatten Weigerung sichtlich überraschte Kuhauge änderte sein Verhalten nicht. Mit verbindlichem Lächeln machte er das Angebot, daß einer mit dem Russen zusammen das Zimmer in Ordnung bringen sollte, die andern dagegen sollten
mit ihm gehen. „Zu einer kleinen, aber nicht aufzuschiebenden Beschäftigung." Die Freunde konnten sich zuerst nicht einigen, schließlich erbot sich Schmauch, da er seines Rheumatismus wegen kaum bet der Arbeit von Nutzen fein werde, wie er diplomatisch bemerkte. Kuhauge ermahnte die andern, alte Kleider anzuziehen, da die Arbeit die Anzüge verderben könne. Die Stimmung sank durch diese Mitteilung bedenklich. Doch brachte Kuhauge durch weiteres Zureden die kleine Kolonne endlich aus dem Hause heraus. Schmauch sah chr neidlos nach.
Kuhauge führte seine Schar zu einem kleinen Gebäude, in dem er ihnen Lederhandschuhe und Brechstangen gab. Dann ging es in einen großen noch leeren Raum, in besten einer Ecke eine bunte Menge bitter Rollen neuen wie verrosteten Stacheldrahtes lag. Kuhauge befahl, diese Stötten aufzustapeln und setzte durch eifernde Worte und wenn auch recht ungeschicktes persönliches Eingreifen seine Leute in hefttge Tätig- tett.
Diese waren zunächst völlig überwältigt über die Arbeit, die mit der angeforberten in gar feinem Verhältnis stand. Wasserholz wurde es klar, warum Kuhauge sich nicht nach den Ingenieuren erkundigt hatte und bezweifelte stark dessen Recht, ihm eine solch niedrige Beschäftigung zuzmveisen. Doch verschob er seinen Einspruch bis zum Eintreffen einer geeigneteren Persönlichkeit und beschloß, inzwischen möglichst zu tun.
Ein ungeheures Gebrüll schreckte ihn auf. Vier hoch mit Stacheldraht beladene Wagen schwantten herein, von lärmenden Kutschern beglettet, die ihr Fuhrwerk einfach umkippten, fodaß der Boden mit herumschießenden Drahtrccklen bedeckt war und die fleißigen Aufschicht:r, nicht zuletzt Kuhauge, sich nur durch große Sprünge in Sicherheit bringen konnten. Sanftgemuts Waffenrock kam dabei zu Schaden. Kaum waren die Wagen wieder aufgerichtet, die sich bäumenden Pferde, denen die Rollen zwischen die Beine kamen, von den Kutschern aus der Halle gezertt, als Kuhauge feine Täubchen aufforderte, von neuem $ur Arbeit zu gehen. Doch schon ertönte das Angriffsgeheul wieder, abermals fuhren vier Wagen heran, und die scheuenden Pferde schlugen um sich, haß die Funken stoben. Wieder wurden die Wagen gekippt, wieder jagten die Rollen wie Billardkugeln durch den Raum, und diesmal war es Schiffer, der im Vertrauen auf seine Gewandtheit den Rückzug nicht eilig genug antrat und bas Zögern mit einem
großen Riß in seiner Kleidung bezahlte. Ws in unmittelbarem Anschluß an biefe Wagenreihe noch eine dritte in die Halle einfuhr, erreichte bas Durcheinander und der Höllenlärm einen solchen Grad, daß die Aufschichter die Zwecklosigkeit ihrer Betätigung einsahen, und Kuhauge selbst sich zunächst einmal eine Zigarette drehte.
Es schien den Freunden geradezu lächerlich, mit fünf Leuten Gegenstände aufzustapeln, die von zwölf Wagen herbeigefahren wurden, Md sie folgten daher nur zögernd Kuhauges Rufen, als der letzte Wagen die Hatte verlassen hatte. Um so größer war ihr Erstau- nen, als es ihnen tatsächlich gelang, den ganzen Boden de» Schuppens zu räumen und die Drahtrollen säuberlich an den Wänden aufzuschichten, bevor der erste Wagenzug zurückkehrte. Als sie jedoch die Arbeitsweise der Kutscher erkannt hatten, die beim Beladen ihrer Wagen unten an den Gleisen so lange aufeinander warteten, nur um sich das kindliche Vergnügen zu gönnen, gemeinsam den Berg hinaufzujagen, konnten sie sich ihnen anpassen und behielten sogar noch Pausen übrig.
Während einer solchen erschienen zwei Beamte in Uniform, denen Kuhauge sehr höflich entgegenging, der Vorsteher des Depots und fein Adjutant. Der Vorsteher trug den grün-weißen Mittelstreifen der zeitweiligen sibirischen Regierung. Der Adjutant unter- schied sich von seinem Vorgesetzten nur dadurch, daß er noch einen riesigen Säbel umgeschnallt hatte. Am Gürtel trug er einen Revolver.
Der Vorsteher, dem ein gewaltiger schwarzer Vollbart ein gewisses Ansehen gab, befahl irgend etwas in herrischem Tone, der Kuhauge sehr klein werden lieh, während der Adjutant dummstolz umherblickte und gelegentlich nut seinem Säbel spielte. Die Gefangenen sahen die Gewalchaber, von deren gutem Willen ihr Wohlbefinden in nächster Zeit abhing, mit Auimerk- samkeit an, und Wasserholz ergriff die Gelegenheii, ihre Wünsche und Beschwerden in formvollendetem Redeflüsse vorzubringen. Er betonte, daß man einen Ingenieur angefordert habe, er sprach nur von einem, da er es nicht für nötig hielt. Schmauchs Anwalt zu spielen, namentlich jetzt, wo er hatte arbeiten müssen, während Schmauch sich belustigte. Er erreichte nichts, der Vorsteher ermahnte nur zu fleißiger Arbeit, wozu der Adjutant nachdrücklich nickte und entfernte sich mit einem scharfen Befehl an Kuhauge, der sich anscheinend Mühe gab, nicht aus der Ruhe zu kommen. (F. f.)