WMunmn lv W- (tun Kllstr. Mlage IS W.)
Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.
irr. 267.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.
Sonntag, 20. November 1927.
Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 MC, auswärts 0,20 MC. Reklamezeile: lokal 0,60 MC, EA auswärts 0,80 MC. Bei Wiederholungen Rabatt. U^t.jugty. :-: Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051 :-:
jurct) die Ereignisie des letzten Jayrzeyms qt , großer Teil des deutschen Volkes wirtschaft- I zurückgeworfen worden, sodaß man es.
in weiten Gebieten keinen
ent sich
men scheu
Ur Wohl md W voll Volk nni) Saterlanö.
pie Mitglieder der Reichs- und Landesregierung als Gäste der presse
Milliarde auf sonstige Anleihen. Von den 2% Milliarden RM. Ausländsanleihen der öffentlichen Hand entfallen reichlich 900 Millionen RM. auf das Reich, knapp 300 Millionen RM. auf staatlich- oder kommunal garantierte Anleihen, während der Rest von rund 1,3 Milliarden RM. annähernd zur Hälfte auf die Länder und zur Hälfte auf die Kommunen — und Kommunal- verbänds entfällt. Von kommunalpolitischer Seite ist immer wieder betont worden, daß die Kommunen nur für wirklich notwendige wirtschaftliche sogenannte produktive Zwecke ihre Ausländsanleihen aufnehmen. Aber ich stelle hier fest, daß, wenn die Städte ihre Luxusausgaben bzw. nicht dringlichen Ausgaben unterlassen hätten, man wahrscheinlich nicht eine einzige kommunale Ausländsanleihe hätte aufzunehmen brauchen. Die seitens der deutschen Kommunen verausgabten Summen für Ausgaben nicht wirtschaftlicher Art ergeben einen Gesamtbetrag, der nicht weit hinter dem Gesamtbetrag zurückbleibt für die Ausländsanleihen, die die Städte ausgenommen haben. Bevor wir weiter kommunale Ausländsanleihen aufnehmen, muß ein klares Gesamtbild geschaffen werden über die kommunalen Finanzen im Reich. Bei einer Fortsetzung der bisherigen Politik der Auslandsverschuldung werden wir, wenn überhaupt, nicht ohne die schwerste Krise imstande sein, die benötigten Devisen aufzubringen.
Durch Sparsamkeit und Haushalten ist ein übermäßiges Anwachsen der Auslandsverschuldungen zu vermeiden. Der Gefährdung der Geld- und Währungspolitik des Zentralnoteninstitutes kann begegnet werden, wenn alle maßgeblichen Stellen in Deutschland sich ihrer Verantwortung bewußt sind und zwar nicht nur die öffentlichen, sondern auch die privaten Stellen. Es war keine Verantwortung in der Finanzpolitik p r i v a t er Wiitschaftskreise, während Reichsregierung und Reichsbank den Strom von Ausländsanleihen abzubremsen wünschten, sich auf dem Rücken der deutschen Währung kurzfristig an das Ausland zu verschulden. Es war keine verantwortliche Finanzpolitik einer Stadtverwaltung, für viele Millionen unnötige Dinge zu beschaffen, um im selben Atemzuge zu erklären, man könne keine Wohnungen bauen, weil die Reichsbank sich einer Ausländsanleihe widersetze. Es war keine verantwortliche Finanzpolitik, durch übersteigerte Steuern große.Fonds für die öffentliche Hand anzusammeln, um sie dann in der Kreditwirtschaft zu verwenden oder in privatwirtschaftlichen Unternehmen anzulegen. Es war keine verantwortliche Finanzpolitik, wenn eine Stadtbank ihren Anteil an öffentlichen Geldern mit der Begründung beanspruchte, diese Gelder der lokalen Wirtschaft ihres Bezirkes zuführen zu müssen, und dann diese Gelder monatelang dem Berliner Börsenplatz zur Verfügung stellte.
denken.
Es liegt mir ganz fern, zu bestreiten, daß es Beamten und Arbeitern zum großen Teil viel schlechter geht als vor dem Kriege. Es ist mir daran gelegen, die Verhältnisse einander gegenüber zu stellen und das Tatziel herauszuschälen und aufzuzeigen.
Wir beobachten eine ständige Abnahme der deutschen Landbevölkerung. Sachverständige haben auf diese verhängnisvolle Entwicklung schon oft aufmerksam gemacht, ohne bei Parlament und Regierung das nötige Verständnis zu finden. Nachdem <bt den letzten Satiren vom Osten des Reiches
Verdienst mehr; ja noch mehr, für die Bearbeitung großer Flächen muß aus der Substanz oder aus Nebenbettieben zugeschofsen werden, um die Bodenkultur überhaupt aufrecht erhalten zu fönnen. Daß eine solche Wirtschaft nicht von Dauer sein kann, bedarf keiner Beweisführung. In diesem Zusammenhang stehe ich nicht an, zu sagen: Die dreihundert Millionen Mark, die das deutsche Volk ausgibt für Landsiedlungen, find solange verpufft, solange nicht in der deutschen Regierung und im Reichstag eine Mehrheit sich findet, die auch die Möglichkeiten bietet, um der Bodenbearbeitung einen Verdienst zu sichern. Es ist rein unmöglich, mit Reichs- und Landmitteln lediglich nach dem „Unterstützungs"-System Seute auf den Acker zurückzubringen. Wenn außerhalb der Wirtschaft Leute stehen, die vom Staat nur Geld haben wollen, so kann, ja wenn der Druck stark ist, mutz der parlamentarische Staat dieses Geld geben. Dabei möchte ich aber daran erinnern, daß Geld kein Wert ist, sondern ein Wertmesser. Wir haben nicht mehr Werte zu verteilen, als wir erschaffen. Wenn das Geld aus der Wirtschaft herausgezogen wird, so witd in dem Maße die Werterzeugung beschränkt und wir verarmen immer mehr trotz gespickter Geldbörse.
Im alten russischen Zareristaat war die Freizügigkeit der Bauern nicht gegeben. Der Bauer mußte auf seiner Scholle bleiben. Daraus erklärt sich der tiefe, wirtschaftliche und soziale Stand des russischen Bauern und der Erfolg der bolschewistischen Revolution auf dem Lande. Wir haben Leute genug — ich finde sie nicht selten auch in gebildeten Ständen — denen etwa ähnliches vorschwebt. Moralisch arbeiten sie in die-
Reichskanzlers.
Problemen gestanden haben, als es bei keinem der von ihm präsidierten Kabinette der Fall gewesen sei. Er wolle diese Leistungen nicht im einzelnen verteidigen, aber die Feststellung treffen, daß die Reichsregierung mit Befriedigung auf das von ihr Geleistete zurückblicken kann. Zur Außenpolitik erklärte er: Wer mit mir der Ueberzeugung ist, daß ein fruchtbringendes Zusammenarbeiten der Völker nicht auf den militärischen Mitteln der Gewalt beruhen kann, muß mit mir daraus auch die Folgerung ziehen, daß die Frage der Aufhebung der Besatzung im deutschen Lande unbedingt einer baldigen Lö-' sung bedarf. (Lebhafter Beifall) .
Dr. Schacht über die Währung.
Gegen den Luxus der Grotzstödke.
Auf Einladung der rheinisch-westfälischen Verwaltungsakademie und der Volkswirtschaftlichen Bereinigung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes hielt in Bochum Reichsbankpräsident Dr. Schacht einen Vortrag über „Eigene oder geborgte Währung". Dabei führte er unter anderem aus:
Eine stabile Währung ist auf die Dauer nicht möglich ohne eine ausgeglichene Volkswirtschaft. Die Bedrohung unserer Zahlungsbilanz hat der Dawesplan nicht ausräumen können. Die gesamte Auslandsverschuldung langfristiger und kurzfristiger Kredite kann mit annähernd 10 Milliarden RM. beziffert werden. Unsere gegenüberstehenden Auslandsforderungen dürsten sich auf einige Milliarden belaufen. Es kann nur wenige Jahre dauern, daß mir das Defizit unserer Zahlungsbilanz jedes Jahr durch Aufnahme von ein paar Milliarden neuer Auslandskredite decken. Die Reichsbank kann nicht in unbeschränktem Umfange durch Umtausch von Dollars in deutsche Banknoten der deutschen Volkswirtschaft Kredit und Kapital zur Verfügung stellen. Es würde das zu einer Inflation führen, die sich in einer unerhörten Steigerung von Preisen und Löhnen ausdrücken müßte. Die Möglichkeit, produktives Kapital im Wege der Auslandsverschuldung nach Deutschland hereinzubrin- gen, ist eine sehr begrenzte. Von rund 5% Milliarden RM. langfristiger Ausländsanleihen, die bisher ausgenommen worden find, entfallen 2% Milliarden RM. auf die öffentliche Hand, 2% Milliarden auf die Privatwirtschaft und eine halbe
Die Vernachlässigung des flachen Landes
Von Abgeordneten Feilmayr, M. d.R .
zuruckzubrmgen.
Was ist denn der Anlaß zu dieser Landflucht? Ich habe schon Redner gehört, die die Vergnügungssucht und die bequemere Arbeitsmöglichkeit in den Städten dafür verantwortlich machen, während in der Landwirtschaft das Selbständig-
verständlich findet, wenn von diesen Kreisen ernste Klage geführt wird. Dabei darf man nicht verkennen, daß sicherlich vielfach auch mißbräuchlich dieses Klagerecht angewandt wird, um den Eindruck zu erwecken, als gehe es gerade dem, der die stärksten Worte findet, auch am schlechtesten. Hier ist große Vorsicht geboten. Notwendig erscheint es aber, die wirtschaftliche Notlage weiterer Kreise selbst einmal zu beobachten.
Da zeigt sich, daß in den Städten der Andrang zu den höheren Schulen ein so gewaltiger ist, daß man schon von einer Entwicklung zum akademischen Proletariat reden kann. Es fällt bereits heute ungemein schwer, den Geistesarbeiter unterzubringen. Wo sollen denn später all die jungen Leute Beschäftigung finden, die sich der Verwaltung widmen tooHen, wenn wir nicht krankhaft verbürokratisiert werden sollen.
Andererseits haben wir in Deutschland hunderttausend Arbeitslose. Es ist ein sehr schweres Verhängnis: Arbeiten wollen und verdienen müssen und dann keine GelegMheit dazu zu haben. Dabei ist es auffallend, daß es auf dem flachen Lande fortwährend an Arbeitskräften fehlt. Die letzte Ernte war teilweise geradezu gefährdet wegen Mangel an Arbeitskräften. Etwas ganz eigenartiges ergibt sich aus der neuesten Reichsstafistik von 1927, nämlich daß im Jahre 1926 aus derLand- und Forftwirtschaft nicht weniger als 13 380 Personen nach den Ueberseeischen Ländern aus DeutscO- land ausgewandert sind. Aus der Industrie, einschließlich Bergbau und Baugewerbe, betrag die Zahl dieser Auswanderer 22 886 Personen. Wenn man sich also vergegenwärtigt, daß in der Landwirtschaft nur ein Viertel des Volkes versteten ist, daß es dort überdies an Kräften fehlt, um den deutschen Boden zu bearbeiten und daß trotzdem noch über 13000, meist im besten Alter stehende Leute über See gehen, während in der gesamten Industrie ttotz Hunderttausender Arbeitsloser nur 22000 Auswanderer siNd, fo gibt das doch sehr zu
Tine Rede des
[ Zu dem vom Verein der Berliner Presse im Kaisersaal des Zoologischen Gartens gegebenen f Essen zu Ehren der Reichs- und der preußischen Staatsregierung waren die Mitglieder beider Regierungen fast vollzählig und vielfach in Begleitung ihrer Staatssekretäre erschienen; desgleichen die Leiter der amtlichen Pressestellen mit ihren maßgebenden Mitarbeitern. Außerdem hatten sich zahlreiche führende Parlamentarier, namhafte deutsche Schriftsteller, bekannte Vertreter aus dem Reiche der Musik und des Theaters und eine große Anzahl von Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft eingefunden. Auch eine größere Anzahl Ver treter des diplomatischen Korps, darunter die Botschafter von Frankreich, Rußland, Japan und Türkei waren anwesend.
Nach Aufhebung der Tafel richtete der derzeitige Vorsitzende des Vereines Berliner Presse an die Gäste einige Worte der Begrüßung, für die. Reichskanzler Dr. Marx, in einer längeren Rede dankte, in der er zunächst unter Hinweis auf das überaus zahlreiche Erscheinen der Regierungsvertreter feftfteGte, daß diese dadurch betonen wollten, daß Presse und Regierung letzten Endes für dasselbe Ziel arbeiten, für Wohl tob Glück von Volk und Vaterland. Bezugnehmend auf seine Reise nach Wien und München führte er dann aus:
Es ist ganz natürlich, daß mich das noch stark bewegt, was ich in diesen beiden Mittelpunkten un- fcres deutschen Volkes erlebt habe. Ich bin sicher, muh im Namen des Reichsaußenministers zu sprechen, wenn ich sage, daß wir von unserem Besuch in Wien innerlich sehr befriedigt zurückgekehrt sind und daß die dort empfangenen Eindrücke in uns tief und nachhaltig fortwirken werden. Man hat über diesen Besuch sehr viel kombiniert und orakelt und in ihm alle möglichen Motive gesucht. Der wahre Grund, der von dem Bundeskanzler und von uns offen und der Wahrheit entsprechend zweifelsfrei zum Ausdruck aebracht wurde, ist ebenso einfach wie natürlich. Wir wollten durch diesen Staatsbesuch, nachdem seit unserer letzten Anwesenheit in Wien mehr als drei einhalb Jahre verstossen waren, erneut unsere herzlichen Be- Ziehungen zur österreichischen Regierung bekunden und unsere Zuneigung zum deutschen Volke in Oesterreich bekennen. Der herzliche Empfang, der uns nicht nur vom Bundespräsidenten, Bundeskanzler und der gesamten Regierung, sondern nuch von allen Kreisen der Bevölkerung entgegen« gebracht wurde, bestärkte uns in unserer Ueberzeu- Kuug, daß die Gefühle, die wir für dieses deutsche jSanb hegen, aufrichtig erwidert werden. Das ist ja eigentlich etwas ganz Natürliches, wenn man ibebenft ,daß uns alles Wesentliche gemeinsam »st unb gemeinsam insbefonbere bie Schwere unteres Schicksals, nicht minder aber der unzerstörbare Glaube an eine bessere Zukunft.
' Uebergehend zu seinen Besprechungen mit dem bayerischen Ministervräsidenten und den Her- iren bes bayerischen Staatsministeriums, bei denen M rücksichtsloser Offenheit und im vollsten gegenseitigen Vertrauen alle Probleme geprüft unb erörtert worben finb, erklärte ber Reichskanzler zum Verhältnis zwischen Reich unb Säubern: Seit der ihn Herbst dieses Iabres ftattqefunbenen Konferenz ber Ministerpräsidenten haben sich bie Ereignisse schneller entwickelt unb ber Gedanke, daß 'eine Neuordnung in den innervolitischen Verhältnissen des Reiches erforderlich fei. hat sich in (Weiten Schichten Deutschlands burchgefetzt unb verlangt, in Wirklichkeit verwandelt zu werden. Un- Mveifelhaft steckt in diesem Gedanken das richtige Defütil, daß bie engere Draanifation unseres Va- ferlanbes mit ben Vebürfnissen ber gegenwärtigen (politischen unb wirtschaftlichen Situation nicht (tnetir im Einklang steht, baß wir uns von manchen (Nicht mehr in bie Jetztzeit paffenben historischen 'Reminiszenzen unb Einrichtungen trennen unb ;bas für unsere Kraft zu schwere Gewanb ber Be- hörben unb Berroaltungsorganifationen burch ein leichteres, zeitgemäßeres ersetzen müssen.
So wichtig ber Grunbgebanke biefer sehr verbreiteten Stimmung ist, fo kann auf biesem Gebiet doch nur ganz behutsam vorgegangen wer- )9Bir müssen zwischen ben ßänbern unterscheiben, (welche ben Willen unb bie innere Kraft besitzen, (ihr eigenes, burch ben Rahmen ber Reichsversas- fung festgelegtes staatliches Leben weiterzuführen. In ben Beziehungen biefer Sänbcr zum Reich eine Aenberung eintreten zu lassen, liegt für ben Augenblick nicht bie geringste Veranlasiung vor. Sie bei biesem ihrem Bestreben zu unterstützen, ist bie Aufgabe einer Reick-regierung, bie sich bewußt ist. daß nur bann bie Wiebererstarkuna unseres Reiches möglich ist, wenn alle feine Glieder bewußt und freudig im einmütiaen Zusammenarbeiten an diesem großen Ziel mitbelfen. Anders liegt es mit solchen Ländern, bei welchen bie erwähnten Voraussetzunaen nicht autreffen unb ba muß es eben bas Bestreben ber Reichsregierung sein, eine Regelung zu suchen unb zu finben, welche bem Wunsche biefer ßänber und der von mir vorher geschilderten Stimmung entspricht unb unser Reich in neuen Formen ben neuen Erforbernissen anpaßt. Auch hier kommt es nicht so sehr auf bie gefundene Form als auf ben Geist an, in welchem sich biefe Wanblung vollzieht. Das Ziel, bie »Vreube am Deutschen Reiche zu stärken, ist bas Wesentliche.
Im weiteren Verlauf seiner Rebe schilberte Reichskanzler Dr. Marx kurz bie bisherige Arbeit Und bie ßeiftungen ber jetzigen Reichsregierung, Me nnr einer fofrhen Küste non frftmermteaenbften I
Durch die Ereignisse des letzten Jahrzehnts ist, her eine beängstigende Abwanderung des Landes *- - «-—«•*— i ÖDI ging, sodaß sich dort auf deutschem Bo
den Flächen befinden, auf denen pro Quadratkilometer nur zwei bis zehn Deutsche wohnen, während der Reichsourchschnitt etwa 135 ist, wurden Parlament und Regierung aufmerksam. Der Reichstag bewilligte außer anderen zahlreichen Begünstigungen 250 Millionen für den deutschen Osten, Preußen setzte 40 Millionen hinzu, sodaß mit anderen Quellen über 300 Millionen Mark zur Verfügung stchen zu dem Zweck, Landvolk auf den Äcker
fern Sinne. Man würde damit aber das tiefste Unrecht, das überhaupt geschehen könnte, dem Landbewohner antun. Die Abwanderung vom Lande bedeutet für die deutsche Nation ein Unglück. Niemand wird aber leugnen können, daß von allen drei haupffächlichen Ständen: Beamten, Arbeitern und Landbewohnern, im besonderen Bodenarbei- tern, gerade die Letzteren die schwierigsten Lebensbedingungen in Deuffchland haben.
Dieser Zustand ist zurückzuführen auf die wirtschaftliche und kulturelle Vernachlässigung des flachen Landes.
Nahezu allgemein werden Regierung und Parlament bezüglich ihrer wirffchastspolifischen Maßnahmen schwer angegriffen. Doch ist das falsch. Regierung und Parlament können ftotz mancher Fehler in der Wirtschaftspolitik als durchaus Pflicht - bewußt und pflichttgetreu bezeichnet werden. Ich selbst stimme mit unserer heutigen Wirtschaftspolitik nicht überein, ftotzdem müßte ich es abwei- fen, der Regierung Vorwürfe zu machen. Schuldig ist der Geist, der vielfach heute in unserem Volke herrscht. Wir haben das freiefte Wahlrecht, einen demokratischen Staat; Parlament und Regierung bringen rn ihrer Einstellung den Geist der Wählerschaft zum Ausdruck. Hier also muß eingesetzt werden. Die Geistesrichtung des Volkes muß eine Wandlung erfahren. Der Geist von Parlament und Regierung richtet sich dann von selbst danach. Jahrzehntelange intensive agitatorische Arbeit der Sozialdemokratie hat großen Teilen unseres Volkes in wirtschaftlicher Beziehung gewisse Begriffe beigebracht ,die schließlich dazu führen mußten, daß, wenn nicht gerade eine Besitzfeindlichkeit, so doch eine Besitzunfreundlichkeit groß geworden ist. Dieser Geist ist nicht allein auf die Sozialdemokratie beschränkt, er erfaßt auch weitere Kreise in Berufsständen, die sich bürgerlich bezeichnen und sich sonst strengstens verbitten, zur Sozialdemokratie gerechnet zu werden. Diese Einstellung kommt der Wirffchast sehr zu Schaden, sei es bezüglich des Grundbesitzes, des Gewerbes oder der Landwirtschaft. Als Landwirt will ich mich mir mit letzterer Frage beschäftigen.
Während der Revolution sah es aus, als müßte man sich schämen, wenn man noch das ehrlich erworbene Vermögen besaß. Diese Einstellung ist abgeflaut; heute aber wird mit dem Motto: „Der arme Mann", vielfach Schindlftder getrieben. Heute ist nicht mehr das Ziel, wie vor 50 Jahren, in harter Arbeit ein Vermögen zu erwerben, sondern ein gutes Einkommen sich zu sichern, dieses restlos- zu verbrauchen und dann „arm" zu sein! Dann wird Vergleich mit Industrie, Grundeigentum, Gewerbe und Landwirtschaftt herangezogen und man sagt: ich habe kein Vermögen, die Wirffchast aber hat hohe Werte, sie soll bezahlen. Das Vermögen wird unter solcher Geistesrichtung für den Bauern zum Verhängnis, weil diejenigen, die nicht in der Wirtschaft stehen, in der Mehrheit sind und durch die Wahlen in Parlament und Regierung eine Stimmung Hervorrufen können, die der Wirtschaft große Lasten aufbürdet. So haben wir heute eine fast vierfach höhere Belastung der Wirtschaft als in der Vorkriegszeit. „Den Letzten beißen die Hunde!" Der Bauer kann seine Belastung nicht mehr weiter abwälzen, wie der Kaufmann, der den Aufschlag auf den Verbraucher oder der Ge- bäudebesitzer, der den Zuschlag auf den Mieter, ober der Gewerbetreibende, der die Erhöhung der Warenpreise vollzieht. Das bodenbearbeitende Volk, ob es nun Wein, Gemüse, Fracht oder Fleisch produziert, ist bei solcher Einstellung großer Kreist hart bedrängt. Wenn der Bauer sagt: . Mein Vermögen ist ein notwendiges Uebel, es ist mii die Nebensache, bie Hauptsache ist mir das Einkommen, und ich kann kein Einkommen gewinnen vhn« Acker, Gebäude, Maschinen, Vieh usw., dann folg, säst regelmäßig die wirklich törichte Antwort: „Dann gib mir deinen Bauernhof, wenn er keinen Wert hat, ich kann ihn schon verwerten". Dabei denkt derjenige ,der das redet, an den Verkauf. Das Vermögen ist das Handwerkszeug des Bauern. Was nutzen Vermögensqegenstände, wenn nur Lasten auf ihnen ruhen. Sie sind dann wirtschaftlich wertlos. Genau so ist es bei einem Acker ohne Rente.
Soweit ich beobachten kann, habe ich keine Hoffnung, daß sich diese Geistesrichtung in ben nächsten Jahren ändert. Daß die Einnahmen nicht gehoben werden, beweisen bie vorjährigen Zoll- verhanblungen. Hier gab man ben Rat ber Selbsthilfe. Der Bauer müsse Massenprobuk- tion treiben, bie Rohprobukte „veredeln", baß heißt, in Fleisch, Schmalz, Butter, Mich umsetzen. Das hat ber Landwirt auch gemacht unb heute zahlen die Edelgüter bie Rohstoffe nicht mehr. Was jetzt? Nun sagt man, bie Krebste in ber Lanbwirtschaft müssen in Hypotheken urnge- roanöelt werden.
Daß bie Lasten verringert werben, vermag ich nicht zu glauben, wenn ich sehe, wie Steuern, bie in ihrer Veranlassung garnicht burch bas Landleben entstehen (so Schulen- unb Verwaltungslasten in sogenannten Wohngemeinben, Fürsorgegebühren, Lasten burch ben liebergang bes Verkehrs von ber Eisenbahn auf bas Auto, Wegegebühren),auf bie Realsteuer gelegt werden, alles Dinge, die ber Lohn- unb Gehaltsempfänger nicht kennt. Wenn ich anbererfeits höre, wie es als unbisEutabel bezeichnet wirb, baß auf die Einkommensteuer ein Gemeindezufchlag gelegt und Gemeinden ohne reine Einkommensteuererträge einen Zuschuß aus ber Einkommensteuer als Ausgleich beanspruchen könnten, so bleibt nichts als schlechte Aussicht für bie Besserung biefer Dinge. Was soll nun der Bewohner bes flachen Landes tun? Soll er sich fortwährend streiten mit benjenigen von der Mehrheit, die über bas Los zu bestimmen in ber Lage finb? Es bleibt ihm nichts anberes übrig, als, so alt er ist, von ber Substanz zu leben, jedoch seine Kinber anderweitig unterzu- brinaen. Soviel aber kann als sicher gelten, daß