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M 261.

Mittwoch, 16. November 1927

Fuldaer Zeitung

2. Blatt.

Druck der Fuldaer «cklendruckerei, Fulda

-er Frauen-^rledetlRirche.

„Der Friedenskönigin zur Ehre, den gefallenen Helden zum Gedächtnis, den Lebenden eine Stätte der Gnade."

Am Mittwoch, den 16. November, am Tage des Gedächtnisses der gefallenen Helden des Weltkrieges, wird unter diesem Motto in Frank­furt a. M. der Grundstein zur Frauen-Friedens- kirche gelegt, der Kirche, die von den katholischen Frauen Deutschlands zur Erlangung des Friedens gebaut werden soll.

Der Friedenskönigin zur Ehre, die uns den Frieden geben kann, die der Welt den Erlöser gebracht hat.

Den gefallenen Helden zum Ge­dächtnis, die gestorben sind, um der Welt den Frieden zu geben. In dieser Kirche soll eine ewige Belohnung erfleht werden, und unaufhörlich soll das Gebet aufsteigen: „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen."

Den Lebenden eine Stätte der Gnade, die ihren Segen spenden wird, nicht

nur ihren Pfarrkindern sondern allen katholischen deutschen Frauen, die dieses Denkmal der Liebe errichtet haben.

Am Mittwoch wird der Grundstein zur Frauen- Friedenskirche gelegt. Um 12 Uhr mittags soll uns eine Minute stillen Gedenkens vereinen, ein Gebet, ein Opfer. Noch ist das Werk nicht vol­lendet. Die Fundamente sind beschafft, aber es braucht noch viel, um den Bau zu vollenden.

An diesem Tage ergeht an alle katholischen Frauen die Bitte? Gebt alle, gebt auch das klein st e Scherflein, nur helft' Aus vielen kleinen Steinen wird ein Dom, in ihm werden eure Gebete um den Frieden, eure Ge­bete um den ewigen Frieden für unsere Helden zu Gott emporgetragen.

Gaben erbeten durch Postscheckkonto Nr. 3378, Postscheckamt Köln, für Frauen-Fri-»den^kirche, in Köln, Roonstr. 36, oder an die örtliche Sammel­stelle Geschäfts st elle der Fuldaer Actiendruckerei.

Die Forderungen der Landgemeinden

Der Preußische Landgemeindetag hat eine Ent­schließung angenommen, in der es heißt: Der Preußische Landgemeindetag fordert die Weiter­entwicklung des in letzter Zeit erheblich einge­schränkten Selbstverwaltungsrechtes. Die Einschrän­kung des Selbstverwaltungsrechtes und die ver< stärkte Beaufsichtigung der Landgemeinden wird seitens weiter Wirtschäftskreise mit einer allzu ver­schwenderischen Ausgabenpolitik der Gemeinden begründet. Die Landgemeinden befleißigen sich jedoch größter Sparsan»<t. Weitere Einsparun­gen dürften nur möglich sein, wenn die den Ge­meinden auferlegten Ausgaben in Höhe von 75 bis 80 Prozent ihres Ausgabesolls entsprechend ver­mindert werden. Die auch von den Landgemeinden anerkannte Notwendigkeit einer starken Entlastung der Wirtschaft kann vielmehr nur durch starke Ra­tionalisierung der Verwaltung erfolgen, die im Reich und besonders bei den Ländern zu beginnen ist, wo bei weitem die größten Ersparnisse erzielt werden können. Die mehrfach über das notwen­dige Maß hinausgehenden Eingemeindungen von Landgemeinden nach großen Städten haben eine Verteuerung des Verwaltungsapparates gebracht und damit auch der Wirtschaft erhebliche Lasten auferlegt. Der dem Reichswirtschaftsrat und dem Reichsrat vorliegende Entwurf eines Steuerverein­heitlichungsgesetzes wird von den Landgemeinden begrüßt, jedoch muß eine Anzahl von Abänderun­gen insbesondere hinsichtlich der Veranlagung, der Stundung und des Erlasses von Steuern unter verstärkter Mitwirkung der Gemeindebehörden be­rücksichtigt werden.

Das Steuervereinheitlichungsge­setz braucht keineswegs erst bei endgültiger Ver­abschiedung des Finanzausgleichsgesetzes Gesetzes- kraft zu erlangen. Ein endgültiger Finanzausgleich ist überhaupt nicht denkbar, solange nicht die Ra­tionalisierung der Wirtschaft vollendet und die der Verwaltung begonnen und durchgefiihrt ist. Das den Gemeinden als neue Hauptfinanzquelle in Aus­sicht gestellte 'uschlagsrecht der Gemeinden zur Ein­kommen- und Körperschaftssteuer wird abgelehnt, da es finanziell unerträglich sein würde. Die Fi- nanznot der Gemeinden wird besonders verschärft durch die Ausgaben der Schulverbände auf dem Gebiete der persönlichen Volksschullasten, deren weitere Steigerung infolge der bevorstehenden Be­soldungsreform kn Aussicht steht. Das bisherige Mißverhältnis kann nur durch eine stärkere Heran­ziehung des Staates bewilligt werden. Die Land­gemeinden müssen auch jegliche sich etwa aus der Durchführung des Reichsschulgesetzentwurfes erge­bende kommunale Neubelastung äblehnen.

Die zwangsweise Einführung von L a n d b ü r - yermeistereien wird wegen der damit ver­bundenen Einengung des Selbstverwaltungs­rechtes der Gemeinden und der hohen Mehrkosten nach wie vor abgelehnt. Bei der etwa erforder­lich werdenden Auflösung von Gutsbezirken soll die Einverleibung des Gutsbezirkes in die Gemeinde nur im Einverständnis mit der betreffenden Ge­meinde erfolgen.

Sdtfffsfrataftropbe.

wtb. London, 18. Nov. (Eig. Funkm.). Wie ksieuter aus Bombay meldet, soll der Küstendamp­fer „Tukaran" bei einem Sturm ungefähr 100 Ki­lometer von Bombay gesunken sein. 135 Per­sonen sollen ertrunken fein. Nur 7 Mannhätten sich gerettet.

krinnermW an die

Soeben ist ein interessantes Werk (im Verlag Paul List, Leivzig) herausgekommen, das sich mit Lenin, dem „Verschwörer und Diktator im Osten" beschäftigt. Valerin Marcu schlldert darin dreißig Jahre Rußland. Schon von frühe­ster Jugend an war Lenin in der Verfchwörer- atmosphäre aufgezogen worden. Sein Bruder Alexander wurde gehenkt, weil er in ein Komplott zur Ermordung des Zaren verwickelt war. Lenin selbst wird des Landes verwiesen. Die Kriegsjahre verlebt er in der Schweiz. Als das Zarenrcgime zusammenbrach und Kerenski ans Ruder kam, schlägt auch die Stunde der Befreiung für die Ver­bannten. Und nun setzt die Schilderung ein, wie Lenin mit Wissen und mit Hilfe des deutschen Generalstabes durch Deutschland nach Rußland gebracht wird und welche Hoffnungen gerade L u - d e n d o r f f mit dem Auftauchen dieses Revolu­tionärs in Petersburg verknüpft. Man erfährt aus dem Buch, daß Parous, ehemaliger Freund Trotzkis aus dem Jahre 1905, im Auswärtigen Amt den Ratschlag gab, man solle Lenin durchlas­sen. Lenin war sich bewußt, daß diese Geheim­verbindung für ihn in St. Petersburg „den sozia­listischen Tod" bedeuten könne. Wenn er schon durch Deutschland fährt, dann entweder ohne Wis­sen Ludendorffs oder aber mit seiner vollen öf­fentlichen Billigung. Lenin hat sich für das Letz­tere entschieden. Robert Grimm führt für ihn die Verhandlungen mit dem deutschen Gesandten in der Schweiz. Diese Verhandlungen nehmen aber kein Ende. Da entschloß sich Lenin, einen Schweizer Sozialisten, den Nationalrat Fritz Plat­ten, zum Gesandten des deutschen Kaisers zu schik- ken. Platten war Fraktionsmitglied der Bollche- wisten. Er würde gehorchen, genau nach Vor­schrift unterhandeln. Der vorsichtige Verbannte konnte ein mit dem kaiserlichen Vertreter in sei­nem Namen geführtes Gespräch nicht einem Gleichgültigen anvertrauen. Er wollte, daß kein Dunkel, kein Schatten und kein Geheimnis die Regie als Mysterium erscheinen lassen könnte. Le­nin rief deshalb seine wenigen Freunde aus dem Lager des internationalen Sozialismus und ließ sich durch sie bestätigen, es sei Pflicht der Bolsche-

ruWe Seoolation.

wisten, „die ihnen gebotene Möglichkeit zur Heim­kehr nach Rußland auszunutzen". Unter keinen Freunden befand sich aus Deutschland der dama­lige spartakistische. danach unabhängige und nun­mehr Mehrheitssozialdemokratische Abgeordnete Paul Levi.

Es ist sehr interessant, aus den Darlegungen zu hören, welche Bedingungen mit den Reichsbe­hörden für die Durchführung Lenins durch deut­sches Gebiet vereinbart waren. Im ganzen wur­den neun Punkte forisiuliert. Mit der wichtigste war, daß der benutzte Zua die Vorrechte der Ex­territorialität genießen sollte. Lenin genoß also alle Rechte wie ein hoher DiolomatI Nur mußte er sich verpflichten, für die Befreiung deutscher und österreichischer Zivilgefangener in- Rußland zu wirken. Endlich kam die Zeit der Abfahrt, die Lenin vollzog, obwohl er noch bis zur letzten Minute beschworen wurde, den Zug nicht zu be­treten. Im Abteil des Zuges, besten Gäste mit Bewilligung des deutschen Generalstabes ihre Karten dritter Klasse gelöst hatten, schrieb Lenin Notizen, während die anderen 29 erlösten Emi­granten durcheinayder sprachen oder die Marsail- latse sangen. Lenin wußte, daß Ludendorff mit der Ankunst dieses Zuges in St. Petersburg Hoffnungen verband, und dann beißt es in den Aufzeichnungen wörtlich weiter: „Konnte aber Le­nin dem General Pläne verbieten? War nicht schon seit dem 4. August 1914 der Sozialismus eine Spekulation aller obersten Heeresleitungen? Die Bekanntschaft mit einem Revolutionär galt als Lebensversicherung, die nichts kostete!" lieber den weiteren Verlauf der Fahrt wird dann fol­gendes ausgefiihrt:

„Deutschlands Vertreter in Bern hatte im Auftrage Berlins bei dem Vermittler Fritz Platten darauf bestanden, daß Lenin einen De­legierten der Gewerkschaften empfangen solle. Er weigerte sich. Romberg ließ jedoch wisten, daß dies Vorbedingung der Durchreise sei. Da sagte der nach der Heimat Verlanaende feinen Freunden, der Führer der Organisierten solle nur kommen, er würde ihn nicht empfangen,

wenn nötig handgreiflich hinauswerfen. Die Generalität wollte die Rebellen zum Bruderkuß zwingen, ähnlich dem Viehzüchter, die ihre lebendige Habe zur Begattung nötigen.

In Stuttgart betrat auch der Mann der Ge­werkschaften den garnicht plombierten Waggon. Ein Rittmeister begleitete ihn. Er sprach Fntz Platten an, entbot den Reisenden völkerbefrer- ende Grüße und bat um eine Unterredung. Der Schweizer Nationalrat antwortete, die Fahren­den könnten die Grüße nicht erwidern und wünschten kein Zwiegespräch. Der Vertreter der Gewerkschaften, Herr Janson, entfernte sich und konnte nie im Leben eine Erklärung für die böswillige Freundlichkeit dieser Träumer finden.

Von Stuttgart bis Saßnitz fuhr dann bei Zug ohne weiteren Besuch."

Einige Stunden nach der letzten deutschen Sta­tion begrüßten ihn schwedische Kameraden. In Stockholm führte Radek Lenin in ein Warenhaus und kaufte ihm ein Paar Stiefel, damit der kom­mende Mann Rußlands sein Reich nicht mst zer­rissenen Schuhen betritt. Doch protestiert der Be­schenkte gegen einen neuen Mantel, gegen Wäsche, versichert, "in St. Petersburg keinen Konfektivns- laden eröffnen zu wollen. Lenin wird dann in der Haupfftadt festlich empfangen, sein Quartier ist das Palais der Prima Ballerina des Kaiserlichen Theaters. Aber noch ist er nicht am Ziel. Noch muß er sich seiner menschewistischen Widersacher entledigen, und dieser Kampf bringt ihn in Kon­flikt mit der provisorischen Regierung, die dann ihrerseits Lenin unschädlich zu machen sucht, ihn zu verhaften gebietet. Lenin versteckt sich und war­tet seine Stunde ab, die ihm die ganze Macht über Rußland als Herr der bolschewistischen Revolu- tion in die Hände spielt. Er wird ein unbeschränk­ter Diktator und seine Meinung ist die, daß die unbeschränkte Gewalt in den Händen eines Dik­tators für diesen Staat so notwendig sei, wie die Pfähle der Hauptstadt: „Die Macht des Zaren ist keine Erfindung des Bösen." Außerordentlich be­merkenswert ist, wie Lenin sich seine Herrschaft

■•hert, nämlich nur durch brutale Rücksicbislosig- keit gegen all seine Widersacher und Gegner. Nichts schien ihm verräterischer als Nachsicht. Und dann vernimmt man in dem Buche Aufzeichnun­gen, die gerade im Hinblick auf die gegenwärtigen Erörterungen über die Abschaffung der Todes­strafe und über den heuchlerischen Kampf der deut­schen Kommunisten gegen die Todesstrafe von außerordentlichem Interesse sind. Es heißt da:

„Entsetzt vernahm Ul'anow die Abschaffung der Todesstrafe. Diese Maßnahme schien ihm der Gedanke verträumter Regierungsmänner." Das ist Unsinn", — schreibt er — . . . „glaubt ihr vielleicht mit allen Feinden fertig zu wer­den, wenn ihr euch entwaffnet? Welche Regie­rungsmaßnahmen habt ihr denn noch? Ge­fängnishaft? Wer achtet darauf in der Zeit des Bürgerkrieges, wo jede Partei auf den Sieg hofft?"

Und nun hat in diesen Tagen das von Lenin gegründete Sowjetreich fein zehnjähriges Beste­hen gefeiert. Niemand hätte diesem Gebilde bet seiner Entstehung eine solche lange Lebensdauer prophezeit. Allerdings mußte es auch Lenin er­leben, daß feine Ideen stark verwässert wurden, und das heutige Sowjetreich ist in seinem Wesen und Wirken aanz sicherlich nicht die Verwirkli­chung der Vorstellung, die Lenin als unentwegter internationaler Bolschewist hatte.

Dcsudit die 5. Fuldaer Wcliinadits-Mtssc

in den Stadtsälen zu Fulda

Auf die Nummer des Messeführers achten ======= und denselben aufbewahren! ===

Während der Messe Stadtkraftpost-Haltestelle.

und dauerndes Antreten, Abzählen, Wegführen zu un­

vom 16. bis 20. November

MESSEFÜHRER (Preis 20 Pfg.) berechtigt zum einmaligen Besuch der Messe und zur Teilnahme an der Besucher­prämiierung. Kinder nur in Begleitung Erwachsener Zutritt.

Kuhauge.

Lin Jahr im Sibirien des Admirals Soltjchak.

Bon Eberhard Sauer, Fulda.

1.

An einem heißen Iulitage des Sommers 1918 gin. gen drei deutsche Kriegsgefangene an der Mündung des Jrkut in die rasch strömende Angara spazieren. Sie bückten betrübt nach den Trümmern der halb im Koffer liegenden Eisenbahnbrücke. Der Kampf zwischen den Dokschewicki und den Tschechen, der diese Zerftö- ruttfl veranlaßt hatte, konnte für sie nur von traurigen Folgen fein.

Jenseits des breiten Stromes lag die Stadt, die sie die neuen Herrn wohl niemals betreten lassen würden. Don den Türmen und Kuppeln der Klosterkirche und der neuen Kathedrale flimmerte ein gleißendes Licht. Die weiße Uferfront der Häuser von Irkutsk versank gelegentlich wie hinter einem Schleier rötlich aufwir­belnden Staubes. Nach dem Bahnhof zu verdeckte der Rauch der von den Roten bei ihrem Abzug in Brand gesteckten. Schiffsbrücke die Aussicht. Nur das Klarschen des Wasiers gegen die Ufersteine unterbrach die Stille des brütendheißen Nachmittags.

Die Drei befpmchen die Lage, die durch den politi­schen Umschwung für die Kriegsgefangenen entstanden war. Em kleines dickes Kerlchen mit schwarzen Haa­ren, das sich von seinen Kameraden durch eine ver­suchte äußere Eleganz abhob, indem es über der russi­schen Militärbluse noch eine westeuropäische Krcwatte, übrigens aus einem bunten Taschentuchs selbst herge­stellt, mit kühnem Knoten trug, war geneigt, die Si­tuation spannend zu finden. Sein Begleiter zur Rech­ten, eine lange Unglücksgestalt, dessen Kopf unter ge­waltigen Brillengläsern fast verschwand, war durchaus nicht erbaut. Er hatte von- baldiger Heimkehr an die Ufer der Spree geträumt, davon schien vorerst keine Rede mehr. Der Dritte, ein sehr hübscher Junge, un- terbrach ihre Betrachtungen. „Seid einmal ftill," rief er unwillig, „es kommt wer".

Der Ruf kam schon zu spät. Ein Reitettrupp von vielleicht 30 Mann sprengte plötzlich zwischen dem Ge­hölz hervor. Pferde und Leute waren am Ende ihrer Kräfte, die Tiere abgetrieben und mit Staub bedeckt, die Leute in zerrissenen Uniformen, teilweise mit Der- bundenen Köpfen oder den Ann in der Schlinge. Sie

roten Bänder an ihren Mützen gaben über ihre Parten Zugehörigkeit Aufschluß. Der Anführer, der eine rote österreichische Kavalleriemütze trug, rief die Spazier­gänger barsch an:

„Ihr seid vom Sager", sagte er deutsch, und auf die bejahende Antwort: „Sind die Tschechen schon dort?"

Er erfuhr, daß die Tschechen noch nicht gesehen worden seien. „Wir'sollten nach dem Lager gehen und wieder einmal anständig essen und trinken", meinte er zu seinen Leuten. „Wie weit ist das von hier?"

Der kleine Dicke wies mit einer genialen Handbewe- gu,ng auf einige langgestreckte Dächer hin, die über den nächsten Geländewellen hervorragten. „Zu Pferde 5 Minuten", entgegnete er, indem er seine Pfeife zog und sich anschickte, sie in Brand zu setzen. „Es ist kein Machorka, aber sehr gut. Ist alles für euch zu Ende?"

Der Anführer fluchte: „Wenn die Russen so ausge­halten hätten wie wir. Hole sie der Teufel." Der Lange, dessen Mut angesichts der friedlichen Haltung der Patrouille wuchs, zog ebenfalls feine Pfeife hervor und lieh sich von Schiffer, dem kleinen Dicken, gemah­lene Birkenrinde aus ,die jener für die beste aller Ta­baksorten erklärte. Inzwischen saß die Mannschaft ab, um die Pferde zu tränten, wobei Schurp, der Junge, einem Roten behilflich war, zum großen Erstaunen feiner Freunde, die Zuvorkommenheit bisher noch nicht als einen Hauptzug seines Charakters kennengelernt hatten.

Wasserholz, der Lange, stellte durch energisches Stuf­ten seiner Augengläser den Kontall zwischen, sich und dem vier Schritt entfernten User her, um Schurp znzu- sehen. „Der feiert ja Verbrüderung mit einem Rot­gardisten."

Auch Schiffer sah hin. «Das ist ja die Fisfa," rief er aus, als ein frisches Mädelgesicht unter der runden Schildmütze zu ihnen emporlachte.

„Also ist die Gymnasiastin aus Werchneudinsk doch bei den Roten", sagte Wasserholz, heftig an seinen Au­gengläsern rüttelnd, durch die er gewohnt war, in je­den tieferen Zusammenhang einzudringen.

Fisfa redete inzwischen auf Schurp ein, um ihn zum Anschluß an die Truppe zu bewegen. Sie stellte ihm vor, daß es den Reichsdeutschen bei den Tschechen schlecht gehen werde, auch andere traten herzu, um in ähnlichem Sinne auf die Freunde einzudringen, die freilich wenig Lust hatten, ihr Schicksal an eine verlorene Sache zu binden. Die fruchtlose Besprechung unterbrach ein Zu­ruf des Führers, der auf die Bewegung aufmerksam

machte, die sich plötzlich am anderen Ufer der Angara zeigte. Eine Soldatenschar schickte sich an, Boote zu Wasser zu bringen. Die Tschechen tarnen.

Der Anführer ließ seine Leute rasch aufsitzen. Es war feine Zeit mehr für eine Rast. Die Patrouille ritt schleunig irtutaufwärts, um ein Zusammentreffen mit dem Gegner zu vermeiden. Nur Fisfa gebrauchte noch einige Augenblicke, sich von Schurp zu verabschieden. Dieser wollte sie seinerseits zum Bleiben bewegen, sie schüttelte aber lachend den Kopf, daß die blonden Locken unter der Mütze hervorquollen, grüßte leicht die anderen und setzte ihr Pferd in leichten Trab, die Bor- ausgerittenen einzuholen. Auch die drei Freunde zo- gen vor, die Ankunft der Tschechen nicht abzuwarten.

„Fiska hat recht," seufzte der kleine Dicke, als sie dem Lager wieder zuschritten, „es werden böse Zeiten kommen. Zum mindesten werden wieder Posten stehen und keiner mehr aus dem Bau heraus können. Und der ganze mllitärische Klimbim wird wieder angehen, mit Antreten und in Reih und Glied stehen, jener tiefst »n (Entwürbigung des Menschen."

„Sie Antimilitarist," fuhr der in heiligen Gefühlen verletzte Wasserholz auf.

„Sie müssen wirklich wieder einmal gedrillt wer­den. Aber recht haben Sie, es wird uns nicht gut gehen. Wenn mir die Fahne nicht so sehr mißfiele, ich wäre wahrhaftig mit Fiskas Bande davongeritten."

„Melden Sie sich doch bei der anderen Seite," riet der Kleine, „die sind doch unschuldweiß.

Schurs, der das Letzte gehött, griff ein:

„Ich meine, daß uns alle beide nichts angehen.

Da schwiegen sie etwas verdutzt, und der letzte Teil des Weges wurde ohne weitere Gespräche zurückgelegt.

2.

Am nächsten Tage saßen die Drei in dem durch einige verdorrte Kiefern angedeuteten Barackenkaffee. Zu ihnen gesellte sich bald ein vierter, der ein sanftes Gemüt unter einem schwarzen Vollbart verbarg, sich in einer besseren Zeit dem Studium an technischen Hoch­schulen ergeben hatte und in Wasserholz eine Respekt­person sah. Das lebhafte Gespräch über die Lage un­terstützte er auch nur insofern, daß er wasserholzschen Bemerkungen durch schüchternen Beifall auszuhelsen versuchte.

Die Ereignisse hatten alle Befürchtungen wahr ge­macht. Eine tschechstche Abteilung übte den Wachdienst aus, eine enge Postenkette wehrte jedem Spaziergang

erfreulichen Arbeiten wurde die Regel. Aerztliche Un- tersuchungen auf Arbeitsfähigkeit gaben trübe Vorah­nungen. Nach den kaum genosienen Tagen der Frei­heit schien dies unerträglid), und Wasserholz' Vor­schlag, diese Stätte des Mißvergnügens so schnell als möglich zu verlassen, fand großen Beifall.

Auf Arbeit außerhalb des Lagers schien man nie­mand schicken zu wollen, die großen Trupps kehrten abends nach mühevollem Tagewerk ohne Bezahlung und Verpflegung zurück, es konnte jedoch nicht ausbiet« den, daß mit den fortschreitenden Erfolgen der weißen und tschechischen Armee auch Arbeitskräfte näher der Front gebraucht würden. Es ging auf den Herbst, ein Aufenthalt im Freien, im Nachttab eines rasch vor- rückenden Heeres war kein Vergnügen. Daher mußte man so schnell es gehen würde aus dem Lager heraus, und zwar zusammen, denn man wollte nicht gerne eine Kameradschaft zerreißen, die schon drei Jahre bestand-

Solche Gründe entwickelte Wasserholz, indem er sich durch Aus- u, Abziehen der Haut seiner flachen Stirne ein gewichtiges Ansehen zu geben versuchte. Gespenster­haft schien er durch seine Brillengläser in eine grausige Zukunft zu blicken. Der kleine Kreis zeigte seine Auf­merksamkeit vor allem durch die Unterlassung böser Be­merkungen, die sonst Wasserholz' weitschweifige Theorien hervorzurufen pflegten. Schurp zündete schließlich seine vierzehnte Zigarette an, der lebhafte Schiffer kaute mit Inbrunst an seinem kalten Klübchen, der Student der Baukunst Sanftgemut nickte Beifall. Und wirklich brachte der methodische Wasserholz nach der allgemeine« Darstellung auch die besondere, den Plan, was zu un­ternehmen sei. Er schlug vor, bei der Lagerkanzlei ei­nen Posten aufzustellen, der möglichst sich mit einem Ar beitersuchenden in Verbindung setzen sollte, ehe der die Kanzlei betrat, da erfahrungsgemäß die Schreiber gute Stellen ihren Bekannten zukommen ließen.

Mehrere Tage ereignete sich nichts, trotz gespannte­ster Aufmerksamkeit näherte sich der Kanzlei keine Ge­stalt, die als zukünftiger Brotherr in Betracht gekom­men wäre. Dafür mehtten sich die bedrohlichen An­zeichen. Zum Ausschgufeln eines durch Sprengung zer­störten Tunnels an der Baikalumgehungsbahn wurden Leute gesucht und einfach gezwungen, als sie nicht frei­willig gehen wollten. Die Schar trat von Kosaken um­geben ihren traurigen Zug an, wilde Gerüchte über ihr Schicksal und andere noch üblere Arbeiten durchschwirr- ten die Lust.

(SorHefeuna folgt.)